„Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Es ist schon immer das Spiel mit der Zeit gewesen, das uns Leser fasziniert. Wir träumen gerne davon, unsterblich zu sein, auf Zeitreise gehen zu dürfen, oder einfach auch mal die Zeit anhalten zu können. Einstein hat die Zeit relativiert. Wir messen Zeit nicht in Maßeinheiten, sondern eher willkürlich mit eigentlich vorsintflutlichen Uhren. Es ist heute sehr leicht, Zeit zu gewinnen, sie verstreichen zu lassen, sie zu verschwenden oder sie einfach mal spontan an unsere Lebensbedingungen anzupassen. Denken wir nur an die Winter- oder Sommerzeit. Zeit zieht sich wie ein Kaugummi oder vergeht wie im Flug. Jeder denkt, eine innere Uhr zu haben oder der Zeit hilflos ausgeliefert zu sein. In der Literatur ist es sogar möglich, durch die Zeit zu reisen.

H.G. Wells hat in unserer Fantasie tiefe Spuren hinterlassen, seitdem er mit seiner Zeitmaschine den Sprung in die Zukunft gewagt hat. Viele Autoren sind seinem guten Beispiel gefolgt und haben einen wahren Zeitreise-Tourismus-Boom ausgelöst. Zuletzt bin ich Matt Haig in seinen Roman „Wie man die Zeit anhält“ gefolgt und habe dabei sehr genossen, dass er hierbei nicht auf Zeit gespielt hat. Er lässt seinen Protagonisten durch die Jahrhunderte wandern, nicht unsterblich, jedoch nur in mäßigen Schritten der normalen Alterung unterworfen. So treffen wir im Hier und Jetzt auf einen Mann, der im Moment wie ein Vierzigjähriger auf uns wirkt, in Wahrheit jedoch über 400 Jahre alt ist. Was er mitbringt, ist ein großer Fundus an selbst erlebtem historischen Wissen, das ihn zum zeitlosen Zeitzeugen vergangener Epochen macht. Welch tiefgründiger Spaß.

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Als ich auf den Roman „Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford stieß, musste ich sofort an Matt Haig und die Grundidee seiner Geschichte denken. Sie unterscheidet sich natürlich grundlegend, allerdings ist die Ausgangssituation sehr ähnlich. Wir treffen auf einen elfjährigen Jungen, der im Hier und Jetzt eigentlich ganz normal wirkt. Er wirkt nicht, als wäre er etwas Besonderes. Durchschnitt. Dass er allerdings schon seit 1000 Jahren elf Jahre alt ist, das wissen nur wir. Wir Leser sind immer im Vorteil. Der Junge altert jedoch im Vergleich zu seinem Alter Ego aus dem Roman von Matt Haig nicht um einen Tag. Er war elf, als er zeitlos wurde, er blieb elf in den Zeitscheiben, die er erlebt hat und er ist elf als er nun einen folgenschweren Entschluss fasst.

Schluss mit lustig. Schluss mit der Zeitlosigkeit. Alfie Monk will älter werden. Wo Matt Haig für erwachsene Leser schreibt und seinen Protagonisten zu einem zeitlosen Liebenden und Suchenden nach Zuneigung macht, bleibt Ross Welford sprachlich und inhaltlich bei seiner Zielgruppe, den Lesern und Leserinnen ab dem 10. Lebensjahr. Sie sollen zu Wegbegleitern von Alfie Monk werden. Sie sollen seine Andersartigkeit sehen und verstehen. Sie sollen mit ihm gemeinsam nach Lösungen suchen, wie man endlich aus der Zeitschleife des Nichtalterns entfliehen kann. Und dabei sehen sie die Welt aus der Perspektive eines Alfie Monk, der genau ihre Sprache spricht. Denn altklug ist Alfie sicher nicht! Nur ist sein Erfahrungsschatz um 1000 Jahre größer. Amüsant.

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Die Geschichte von Alfie Monk hat Sogwirkung. Erst damit angefangen, kommt man aus dem Lesen nicht mehr heraus. Ross Welford spielt vorzüglich mit der Zeit und lässt auch hinsichtlich der Ursachen für das ewige Leben keine Frage offen. Er nimmt seine Leser an die Hand, erklärt seine „Untoten“, die Einschränkungen, die ein solches Leben mit sich bringt und lässt niemanden im Unklaren darüber, dass Alfie Monk sterblich ist. Sieht man ja an seiner Mutter. Dabei fing alles mit ein paar geheimnisvollen Glasperlen an, die Alfies Vater besitzt. Livperler. Lebensperlen. Der wohl wertvollste Besitz seiner Familie. Tja, und statt abzuwarten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war, hatte Alfie seine Livperler im Alter von elf Jahren eingenommen. Und schon war es passiert. 1000 Jahre lagen nun vor ihm…

„Manchmal schäme ich mich immer noch.
Bis dahin hatte ich elf Winter erlebt.
Und ich sollte über tausend Jahre lang elf bleiben.“

Das macht ihn anders. Innerlich. Und jetzt, ohne seine Mutter, die in einem Feuer ums Leben kommt und vor die Alternative gestellt, die nächsten 1000 Jahre als Elfjähriger in einem Kinderheim zu verbringen, zieht er die Notbremse. Was er jetzt braucht sind gute Freunde und Glück. Hier entwickelt Ross Welford einen zeitlosen Jugendroman, der es in sich hat. Voller Anekdoten über das ewige Leben als Elfjähriger (ein doofes Alter für das ewige Leben – es gäbe so viele spannendere Lebensphasen, denkt auch Alfie) und erweitert um die wundervolle zweite Erzählperspektive seines Freundes Aidan, besticht dieser Roman in seinen Bildern, die haften bleiben.

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Freundschaft, blindes Vertrauen, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, das Ausbrechen aus dem alltäglichen Muster, der Wunsch erwachsen zu werden und eine unglaubliche Lust an der Schönheit des Lebens machen den Roman zu einem absolut lesenswerten Genuss. Wer also erfahren möchte, wie ein elfjähriger Junge an originale handsignierte Bücher von Charles Dickens kommt, wen es interessiert, wie ein junger allwissender Zeitzeuge in einer Ausstellung zur Geschichte der Angelsachsen auffällig wird und wer mit einem 1000-jährigen Spannungsbogen zurechtkommt, dem sei diese Geschichte ans Herz gelegt. Und wer denkt, es hier mit einem Roman für Jungs zu tun zu haben, der darf sich auf Roxy freuen. Die gemeinsame Freundin von Alfie und Aidan hat es faustdick hinter den jungen Ohren und erweist sich als wahrer Wirbelwind in der zeitlosen Story.

Doch es ist Vorsicht geboten. Tiefgang gehört zu diesem Buch wie die Anekdoten zur Geschichte. Ross Welford bringt seine Leser schon sehr ins Grübeln. Der Roman hat seine tief angelegten Momente, wenn man sich mit Verlust, Trauer und der Illusion auseinandersetzt, wie es wäre, ewig elfjährig zu sein. Man kann dieses Buch mit gutem Gewissen seinen Kindern schenken. (Und es sich dann ganz heimlich ausleihen, um es selbst zu lesen). Dieser Lesespaß ist alterslos. Also zumindest, wenn man irgendwie im Herzen jung geblieben ist. In jedem steckt ein kleiner Alfie…

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Zeitlose Zeitreise-Romane bei AstroLibrium, die keine Zeitverschwendung sind:

Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris
Blätterrauschen“ eine Zeitreise mit Holly-Jane Rahlens
Flügel aus Papier“ – Eine Zeitreise mit Marcin Szczygielski
Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]
Marmorkuss“ von Jennifer Benkau [Urban Mystery]
So nah und doch so fern“ – Eine Liebes-Zeitreise von Ann Brashares
Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst“ – Waldtraut Lewin
„Zeitreise mit Hamster“ von Ross Welford… Das steht noch in meinem SUB

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„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Literarische Fallhöhe. Schon mal davon gehört? Es ist die Höhe, aus der man sich als Leser in eine Geschichte fallenlässt, weil man die innere Bereitschaft und Interesse mitbringt, sich einem bestimmten Thema zu öffnen. Je größer die Fallhöhe, desto tiefer gelingt das Eintauchen in die Fantasiewelt eines Autors. Zumeist kann die Bereitschaft, sich auf ein Thema einzulassen bereits beim Lesen des Klappentextes ausgelotet und bewertet werden. Hier treffen wir Entscheidungen. Ganz bewusst. Und wer ganz allein für sich feststellt, keine Krimis zu mögen, der sollte sie tunlichst umgehen und nicht am Ende des Lesens sagen „Ich mag ja keine Krimis und das Buch hat mir nicht gefallen.“ Definieren wir mal die literarische Fallhöhe für den folgenden Roman.

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig. Mögen Sie fantastische Romane, in denen es um Zeitreisen, unendliches Leben oder zeitlose Gefühle geht? Lieben Sie es, sich in ihrem Lesen vorzustellen, wie es wäre unsterblich zu sein? Schmelzen Sie dahin, wenn in Filmen wie „Highlander – Es kann nur einen geben“ der Song „Who wants to live forever“ erklingt? Träumen Sie sich nach Schottland, wenn Sie Diana Gabaldon in die „Highland-Saga“ folgen und eine Frau begleiten, die in die Vergangenheit reisen kann und sich natürlich dort unsterblich in einen Sterblichen verliebt. Mögen Sie die TV-Serie „Outlander“, die auf dieser Saga basiert? Klingelt es in Ihrem Herzen, wenn Sie Worte wie Sassenach und Lallybroch vernehmen? Haben Sie sich mit Anne Brashares auf eine zeitlose Liebe eingelassen, die zwei Menschen über viele Jahrhunderte hinweg so intensiv miteinander verband, dass sie sich ständig „So nah und doch so fern“ waren?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Haben Sie in diesem kurzen Abriss Schlüsselbegriffe gefunden, die etwas in Ihnen auslösen? Oder lässt Sie das alles kalt und kommen Sie zu dem Entschluss, dass man Sie mit diesem Thema besser in Ruhe lässt? Wenn Sie ein leichtes emotionales Zittern spüren, das schon beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut verursacht, dann ist es so, dass Sie die richtige Fallhöhe erreicht haben, um sich auf Mattt Haig einzulassen. Dann ist es so, dass Sie nicht enttäuscht werden, wenn Sie zu diesem Roman greifen, weil er mit all diesen zeitlosen Bildern spielt, sie neu arrangiert und in schillerndsten Farben in einer grandiosen Geschichte anordnet. Genau dann sollten Sie sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen. Er ist der Missing Link zu allen vorherigen Büchern dieses Sujets. Es ist ein Muss, sich die Frage zu stellen „Wie man die Zeit anhält“. Warum?

Sehr einfach. Weil es brillant, tiefgründig, humorvoll und zutiefst emotional ist, was uns Matt Haig in seinem neuesten Roman erzählt. Darf ich Euch Tom Hazard vorstellen? Er lebt im hier und jetzt, könnte Euch im täglichen Leben begegnen, ist nicht sehr auffällig und wirkt eigentlich wie ein normaler Vierzigjähriger auf sein Umfeld. Nur, der Eindruck täuscht gewaltig, denn in ihm drin sieht es ein wenig anders aus. Tom ist in Wirklichkeit über 400 Jahre alt. Er ist sicher nicht unsterblich, aber der Alterungsprozess verläuft im Vergleich zu den „Eintagsfliegen“ (so bezeichnet er uns Normalsterbliche) schleppend. Das bringt natürlich ein großes Portfolio an Problemen mit sich, die sein Leben nicht so lebenswert erscheinen lassen, wie es sein sollte. Sein größtes Problem ist Einsamkeit. Er musste im Lauf seines Lebens viele Eintagsfliegen zurücklassen, sah sie altern und letztlich sterben. Ganz normal. Er jedoch altert kaum. Er bleibt eher der Alte, wobei das natürlich auch wieder problematisch ist.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Matt Haig entwickelt aus dieser Ausgangssituation eine brillante Geschichte, die uns zu den Wegbegleitern jenes Tom Hazard macht. Wegbegleiter, die nicht nur ihn im Verlauf seines langen Lebens kennenlernen, sondern die gleichzeitig die Jahrhunderte erleben, in deren Verlauf seine Veranlagung zu immer neuen Problemen führte. Das ist extrem durchdacht, wirkt plausibel und macht betroffen. Wie ging man im Lauf der Zeit mit Menschen um, die einfach nicht älter wurden? Konnte man sich da in einem Umfeld sicher fühlen, in dem Hexen verfolgt und verbrannt wurden? Geriet man nicht ins Visier von Menschen, die das Andersartige als tödliche Gefahr sahen? Der ethische Kontext der jeweiligen Zeit kennzeichnet den Kollisionskurs, auf dem sich Tom Hazard befindet.

Er lernt sehr schnell. Liebe ist fatal. Herzensbindungen einzugehen ist mehr als verstörend. Menschen zu verlieren, die man liebt, verfolgt den fast Unsterblichen fast durch das ganze Leben. Einziger Trost ist das Wissen, dass er nicht allein ist. Es gibt noch mehr Menschen, die seine Veranlagung teilen. Viele von ihnen haben sich einer geheimen Organisation angeschlossen, die das Weiterleben in sich ändernden Zeiten auf sichere Beine stellen. Man denke nur an Dokumente, Geburtsurkunden, Identitäten und nicht zuletzt auch an mögliche Berufe, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Der Tom Hazard unserer Zeit arbeitet zum Beispiel gerade als Geschichtslehrer. Wer könnte dieses trockene Fach seinen Schülern lebendiger näherbringen als jemand, der die Geschichte als Augenzeuge erlebt hat?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Also gilt es die Regeln zu befolgen, die aus Sicht der Gesellschaft der Albatrosse als vernünftig gelten. Nicht verlieben, spätestens nach acht Jahren den Wohnort und die Identität wechseln, keine Fotos zulassen und Alleingänge derer verhindern, die der Organisation der Albatrosse nicht angehören. Konflikt- und Spannungspotenzial ohne Ende. Und Matt Haig holt alles raus, was rauszuholen ist. Brillant erzählt, keine Chance sich dem Spannungsbogen zu entziehen und wundersames Staunen, wenn wir an der Seite von Tom Hazard den Großen der Weltgeschichte persönlich begegnen. Ein klein wenig Smalltalk mit Shakespeare, eine Schiffsreise mit Captain Cook, ein Whisky mit Scott F. und Zelda Fitzgerald? Kein Problem. Sie sind alle da und so vital, wie man es sich nur wünschen kann.

Klingt alles lustig? Nicht wirklich. Matt Haig verbirgt in seiner fulminanten Story auch das ganz große Drama. Was passiert, wenn sich ein Albatros unsterblich verliebt? Was, wenn ein Kind als Frucht dieser Liebe entsteht. Ist die ewige Jugend vererbbar? Altert das Kind ebenso wenig wie sein Vater oder bleibt er jung, während er das eigene Kind auf dem Weg zum Greis begleitet? Was, wenn die Gesellschaft der Albatrosse sich zur Geheimgesellschaft entwickelt, die Opfer fordert? Und was, wenn Wissenschaftler aller Epochen den seltsamen Menschen auf die Spur kommen, die das Gen der fast ewigen Jugend in sich tragen? Und wie verhält sich Tom Hazard, wenn ihm plötzlich eine Frau begegnet, für die er alles aufgeben würde, weil er sich gegen alle Regeln verliebt? Alle Fragen beantwortet der Roman. „Wie man die Zeit anhält“ wird zum großen Leitmotiv eines Romans, der in einer Reihe mit Gabaldon und Brashares zu nennen ist, wenn es um die großen „Zeitgeschichten“ geht.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Das Buch aus dem Hause dtv ist ein wahrer Pageturner. Die Hörbuchfassung von Der Hörverlag besticht und brilliert mit der Auswahl des Sprechers, der in die Rolle von Tom Hazard schlüpft. Alle Emotionen gilt es hier zu transportieren. Das Changieren der Stimmungslagen ist hier das Kunstwerk an sich. Humor, Kuriositäten und Anekdoten in ständigem Wechsel mit Verlustangst, Trauer, Zweifel und Verliebtheit zur Entfaltung zu bringen ist das prädestinierte Betätigungsfeld für Christoph Maria Herbst. Was er ins Hörbuch zaubert, ist schlicht und ergreifend gar nicht schlicht aber doch ergreifend. Er spricht sich in alle Rollen hinein, macht Geschichte lebendig und reanimiert die Großen der Weltgeschichte.

Wenn ich jetzt sage, ich könnte Christoph Maria Herbst stundenlang zuhören und einfach nur genießen, was er mir erzählt, dann sage ich das aus gutem Grund. Es fußt auf meiner Hörerfahrung. Neuneinhalb Stunden trieb ich mit seiner Stimme ungekürzt durch alle wichtigen Epochen der Geschichte. Nie verlor ich den Faden, immer wieder holte er mich da ab, wo ich das Hören unterbrach. Und immer, wenn es galt Tränen zu lachen oder zu vergießen, gelang es Christoph Maria Herbst mich in die entsprechende Grundstimmung zu versetzen. Hören oder lesen? Ich kann mich nicht entscheiden. Die Vielfalt der Charaktere verleitet mich sehr zum Hören. Ein absolutes Erlebnis. Am Ende bleibt nur festzuhalten, dass die literarische Fallhöhe in diesem Roman extrem hoch ist. Lachenweinen garantiert.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Zeitlose Zeitreise-Romane bei AstroLibrium, die keine Zeitverschwendung sind!

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Zum Beispiel: Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

„Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

„Mein Urgroßvater ist zu alt, um noch viel im Museum zu arbeiten,
dessen Bücheraufseher er eine lange Reihe von Jahren war,
doch bringt er eine ziemliche Zeit hier zu, und wahrhaftig,
es kommt mir vor,
als ob er entweder sich als einen
Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil
von sich betrachtete.“

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Ihr habt das sicher auch schon mal erlebt. Ihr lest einen Roman, vertieft euch in den eigentlichen Inhalt, seid begeistert und doch bleibt euer Auge immer wieder an einem Satz hängen, der gar nicht vom Autor selbst stammt. Die Rede ist hier von Zitaten, die häufig auf der ersten Seite eines Buches auftauchen, um die Handlung in den Kontext der großen Weltliteratur zu stellen.

Ein solches Zitat ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, als ich Das Haus der zwanzigtausend Bücher von Sasha Abramsky (dtv) für mich entdeckte. Begeistert durchforstete ich dieses magisch anmutende Gebäude und erfreute mich an Bildern von Zimmern, die eigentlich keinen Platz mehr zum Leben ließen. Außer man hatte sich für das Leben mit Büchern entschieden und ihnen mehr Raum überlassen, als sich selbst.

Kunde von Nirgendwo - William Morris - Eine Zeitreise

Kunde von Nirgendwo – William Morris – Eine Zeitreise

Das einleitende Zitat stammt aus der Feder von William Morris, einem britischen Architekten, Maler, Sozialisten, Teppichhersteller und leidlich bekannten Schriftsteller. Es stammt aus seinem 1890 veröffentlichten Roman Kunde von Nirgendwo und traf mich mitten ins Leserherz. Für einen Bruchteil einer Sekunde hatte ich das untrügliche Gefühl, mich selbst in diesem Satz wiederzufinden. Vielleicht war es auch der Bruchteil meines Lebens, den ich dort las:

„Es kommt mir vor, als ob er entweder sich als einen Teil der Bücher oder die Bücher als einen Teil von sich betrachtete.“

Natürlich ließ mich dieses Zitat nicht mehr ruhen. Ich musste einfach mehr erfahren über diesen geheimnisvollen Menschen, der mir ziemlich ähnlich zu sein schien. Und während ich noch in der erdrückenden Enge eines Hauses zu Besuch war, in dem sich gesellschaftspolitische und philosophische Abhandlungen bis unter die hohen Decken stapelten, begann bereits meine erste Recherche zur „Kunde von Nirgendwo“, die darin gipfelte, dass dieser Roman den Weg in mein kleines Haus der Bücher fand.

„News from Nowhere“ sollte meine Fragen klären. Was veranlasste den Hersteller geknüpfter Teppiche dazu, einen utopischen Zeitreise-Roman zu schreiben? Wer steckt hinter der bibliophilen Fassade des im Zitat erwähnten Mannes, der Bücher als einen Teil von sich empfand und in welche Zeit würde mich diese Zeitreise entführen? Wo liegt dieses Nirgendwo und ähnelt der Entwurf den Science-Fiction-Welten von Jules Verne?

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

„Wenn ich nur einen Tag der neuen Zeit erleben könnte, nur einen einzigen Tag!“

Damit fängt alles an. William Gast hat seine Zeit gründlich satt. Das Ende des 19. Jahrhunderts ist geprägt vom industriellen Aufschwung, der Ausbeutung der Arbeiter, Umweltverschmutzung, der Kluft zwischen den einzelnen Klassen der Gesellschaft und der täglichen Hetze des Großstadtlebens in London. Das viktorianische England steht vor sozialen Unruhen und William Gast engagiert sich politisch für Umwälzungen.

Der Sozialismus prägt die Gedanken und hält Einzug in die Clubs und Unruhen in der Arbeiterschaft scheinen vorprogrammiert. Seinen Wunsch, nur einen einzigen Tag der Zukunft erleben zu dürfen, kann man gut nachvollziehen. Das Bürgertum steht vor dem Abgrund – es wird nach Wegweisern und Ratgebern gesucht, wie die Entwicklung zu stoppen ist.

Dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, dämmert unserem gerade aus dem Schlaf erwachten Zeitreisenden nur ganz langsam. Allzu idyllisch kommt ihm die neue Umwelt vor. Alle Menschen strahlen jugendliche Frische aus und altern kaum. Hektik scheint zum Fremdwort geworden zu sein und William realisiert, dass er – nomen es omen – zum Gast in einer neuen Zeit geworden ist. Das Jahr 2000 ist überschritten und die Gesellschaft hat sich gewandelt.

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

Arbeit dient nur noch der Selbstverwirklichung. Geld wird nicht mehr benötigt. Ein moderner und individueller Tauschhandel hat das Kaufen ad absurdum geführt. Jeder beteiligt sich freiwillig an gemeinschaftlichen Aufgaben und über allem steht ein tief ins Leben ausstrahlender Friede. Kriminalität ist aufgrund fehlender Armut nicht mehr Teil der Gesellschaft und das große, weitgehend selbstlose Miteinander prägt den Alltag.

Auch die streng reglementierte politische Landschaft hat sich völlig verändert. Das altehrwürdige Parlamentsgebäude in London wird als Lagerhalle zweckentfremdet. Obwohl das aus der Sicht der Menschen dieser Zeit gar nicht so gesehen wird. Es hat endlich seine wahre Bestimmung gefunden:

„Oder wo haben Sie Ihr jetziges Parlament untergebracht?“

„Der alte Mann beantwortete mein Lächeln mit einem herzlichen Lachen: „Nun, nun, Dünger ist nicht die schlechteste Art der Verfaultheit und Verderbnis; aus dem Dünger kann Fruchtbarkeit kommen, während nur Mangel und Not von der anderen Art der Fäulnis kam, deren Hauptstützen einst diese Mauern bargen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, lieber Gast, dass unser jetziges Parlament sehr schwer in einem Hause unterzubringen wäre, weil das ganze Volk unser Parlament ist.“

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

William Gast begegnet dieser neuen Welt aufgeschlossen und doch ängstlich. Er möchte sich nicht verraten. Er ist neugierig und saugt die Eindrücke dieses Idealbildes auf, das den Menschen so viel Freiraum in ihren Leben schenkt. Als er dem ehemaligen Bücheraufseher des Museums begegnet, lernt er den Mann kennen, auf den das Zitat passt wie das Lesezeichen ins Buch.

Der Dialog zwischen diesen beiden Gelehrten des Alltags ist eine Reflektion der Geschehnisse seit dem 19. Jahrhundert. Es ist eine klare Vision und liebevoll gedachte Fantasie. Ein ideales Gesellschaftsmodell basierend auf dem Gedanken der Gleichheit und geprägt von einem vorurteilsfreien Menschenbild. Manchmal scheint William Gast sich selbst zu begegnen. Manchmal scheint es, als würde er Kraft tanken wollen, bevor er wieder in sein Jahrhundert zurückkehren kann, um endlich die Welt zu verändern. Ob der Sprung gelingt?

William Morris hat keinen großen philosophischen Wurf gelandet. Er hat einen idealen und wenig realen Traum erschaffen, in dem wir auch heute noch gerne zu Gast sind (wie sein gleichnamiger Protagonist). Und doch klingen so viele seiner Ideen nach. Unter der Überschrift „Ach wie schön könnte es sein“ ist dieser Roman einer zum Träumen. Nicht der technische Fortschritt dominiert diese Zeitreise, es ist kein Science Fiction Roman. Nein, es ist eine humanistische Vision, der man anhängen kann.

Die William Morris Society hat den Text auch in einer deutschen Fassung online zugänglich gemacht. Eine Rezension, die nicht im Buchkauf enden muss. Wann gab es das schon mal? Ich entschied mich für das Buch vom Golkonda Verlag. Es ist mir wichtig. Und es ist mit originalen Zeichungen des sehr talentierten Autors illustriert. Das gab den Ausschlag, das greifbare Buch erlesen zu wollen. Thats me…

Kunde von Nirgendwo - William Morris

Kunde von Nirgendwo – William Morris

„Blätterrauschen“ eine Zeitreise mit Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Zeitreisen gehören eindeutig in den Bereich Science Fiction. Das möchte ich doch gerne festhalten, bevor ich mich rezensierend in ein Jugendbuch begebe, das eine der wohl aktuell verlockendsten Einladungen für eine solche Reise durch die Zeit darstellt. In den letzten Jahren habe ich viele Romane zu diesem Thema gelesen und erst vor wenigen Tagen habe ich mit Flügel aus Papier selbst eine intensive lesende Zeitreise unternommen.

Irgendwo beginnt alles beim Klassiker von H.G. Wells. „Die Zeitmaschine“ hat die Fantasie der Menschen geprägt, viele Fragen aufgeworfen und Menschen nachdenklich gemacht. Was wäre wenn? Könnte man die Vergangenheit verändern? Was bedeutet eine solche Reise für das eigene Leben? Wie wirkt sich eine Zeitreise auf die Zukunft aus? Was, wenn man sich in einer anderen zeitlichen Dimension verliebt? Das sind auch die immer wiederkehrenden Leitthemen von Romanen über dieses Thema. Und es werden immer Romane bleiben, bis der erste Zeitreisende ein Sachbuch vorlegt. Das kann allerdings dauern.

Für uns Leser ist jedes Buch eine Zeitreise. Jede Geschichte, die in einem anderen zeitlichen Kontext platziert ist bedeutet für uns, genau diesen situativen Rahmen fühlen, schmecken und erleben zu können. Ob wir nun daran glauben oder nicht. Romane über Zeitreisen an sich kranken jedoch oftmals daran, entweder zu sehr wissenschaftlich das „Nicht Existierende“ erklären zu wollen oder in einer endlosen Zeitschleife lediglich eine romantisch verklärte Story zu erzählen, die ohne das Stilmittel „Zeitreise“ nicht erzählt werden könnte.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen“ von Holly-Jane Rahlens, erschienen bei Rowohlt Rotfuchs, macht keinen Hehl aus dem zentralen Thema des Jugendbuchs. Bereits das Cover zeigt eine wundervolle Collage verschiedener Zeitebenen und das abgebildete Kalenderblatt mit dem Datum 5. Juni 2273 ist ein deutlicher Hinweis, in welche Richtung die Zeitreise geht. Was die bibliophile Neugier allerdings maßlos steigert, ist die Tür im Zentrum des warmen und abenteuerlichen Covers. Sie führt unverkennbar in eine Buchhandlung, in deren Schaufenster wir uns als Leser vorerst noch spiegeln und unsere Schatten auf den Eingangsbereich werfen.

Das junge Mädchen im Inneren der Buchhandlung allerdings blickt uns so einladend an, dass wir kaum widerstehen können, endlich diese Tür zu durchschreiten und ins Zentrum einer Geschichte vorzustoßen, die nicht zum Zeitvertreib geschrieben wurde. Also, folgt mir in die Buchhandlung Blätterrauschen. Wir kommen gerade rechtzeitig zu einer Lesenacht des Leseclubs und wir kommen gerade rechtzeitig um… Ach, was schreib` ich denn? Nein, wir kommen nicht rechtzeitig, denn das Wort „zeitig“ verliert seine Bedeutung und die klare Kontur, sobald die Tür sich hinter uns schließt.

Wir kommen gerade „rechtzeitlos“ um drei Kindern zu begegnen, bevor sich für sie in dieser Nacht alles ändern wird. Das „Jetzt“, das „Gestern“ das „Morgen“ und natürlich auch das Gefühl für jegliche Realität in den festen Grenzen des erklärbaren Alltags. Denn diese Lesenacht ist so anders, als alle anderen Lesenächte zuvor. Nicht nur in den Romanen der Buchhandlung versinkt man in längst vergangenen Zeiten oder den Utopien über die mögliche Zukunft. Diese Lesenacht ist der Beginn einer Reise in die Zeit.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Dabei hatte alles ganz normal angefangen für Oliver, Iris und Rosa. In der mehr als gemütlichen Atmosphäre der Buchhandlung hatten sie sich in ihr kleines Lesereich zurückgezogen, um zu lesen. Ganz einfach nur schmökern war angesagt, als aus dem beschaulichen „Blätterrauschen“ der Schauplatz eines unglaublichen Vorgangs wird. Das Blätterrauschen in den Bäumen verstummt, die Uhren bleiben plötzlich stehen, die Temperatur sinkt, es beginnt zu regnen und die Kinder haben plötzlich das Gefühl, dass sich jemand in ihrer unmittelbaren Nähe befindet.

Als es plötzlich an der Hintertür klopft, wagen sie einen Blick durch das Hoffenster Tür und glauben, ihren Augen nicht trauen zu können. Ein sehr großer Junge wartet auf Einlass. Sehr lässig gekleidet in Jeans, T-Shirt, Jacke und mit Basecap eigentlich keine ungewöhnliche Erscheinung. Wäre er nicht vollkommen trocken. Als sie Colin die Tür öffnen ahnen die Kinder noch nicht, dass sie bereits mitten im größten Abenteuer ihres Lebens stecken, denn Colin kommt direkt aus der Zukunft zu ihnen und kann so gar nicht glauben, was er in hier vorfindet!

Er hatte mit allem gerechnet, nicht jedoch mit lebenden Menschen. Für den 14-jährigen ist da alles nur ein Spiel. Keine Zeitreise. Er ist der Meinung, sich nur in einem Computer-Spiel zu befinden und er folgt einer Mission innerhalb seines aktuellen Levels. Er soll lediglich ein paar der Spielfiguren davon überzeugen, ihm in die Zukunft zu folgen, dann hat er seine Aufgabe erfüllt. Dass er es bei Oliver, Iris und Rosa um reale Menschen handelt, wird ihm schnell klar. Und damit dämmert ihm auch, dass er sich mehr als 250 Jahre in der Vergangenheit befindet.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Er ist allerdings nicht der einzige Gast aus der Zukunft, denn während er durch die Hintertür in die Geschichte stolpert, stürmen seine Verfolger die Buchhandlung. In ihrer Panik bleibt den drei Kindern nur noch ein Weg. Die Flucht nach vorne. Gemeinsam mit Colin begeben sie sich in den Geräteschuppen im Garten. Hier geht es so richtig los… Die Flucht nach vorne… Denn genau dieser Schuppen verbirgt das größte Geheimnis, das man sich nur denken kann. Er ist das Sprungbrett in die Zeitreise. Das Ziel: der 5. Juni 2273.

Eine Reise voller Gefahren und Geheimnisse, denen sich die Kinder nun zu stellen haben. Wer ist dieser Colin und was hat ihn wirklich ins „Blätterrauschen“ geführt? Welche Rolle spielt die Besitzerin der Buchhandlung und wusste sie vielleicht vom Geräte-Zeitreise-Schuppen? Wie Schuppen fällt es ihnen dann von den Augen, als sie erfahren, dass ihre Reise von ganz langer Hand geplant war. Sie sind Teil eines großen Komplotts, ganz auf sich allein gestellt in einer Welt, die sich so sehr von der ihren unterscheidet. Und dann werden sie vor eine Entscheidung gestellt, die für die Drei ein riesiges Dilemma darstellt. Egal, welchen Weg sie wählen… es sieht so aus, als wären sie die großen Verlierer.

Holly-Jane Rahlens entwirft ein Zukunfts-Szenario, das in sich plausibel und greifbar ist. Sie hält sich nicht lange damit auf, das Unerklärbare zu erklären, sie verliert sich nicht in Zeitreise-Theorien oder vielfach zitierten Vergleichen. Sie legt los. Sie gibt Gas und nimmt besonders ihre jugendliche Zielgruppe mit höchstem Tempo mit in die ferne Zukunft. Ihre Bilder und Metaphern sind leicht verständlich und sitzen doch so tief. Die Tatsache, dass man in der Zukunft das Wort Coca-Cola nicht kennt, macht den Kindern erst klar, wie weit sie sich von ihrem Ursprung entfernt haben.

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens

Der Sog der Story ist mehr als gewaltig und die Charaktere, mit denen wir reisen, sind tief angelegt und verfügen über Ecken und Kanten. Rosa, ein Mädchen mit Handycap. Eine Handprothese erinnert sie in jeder Sekunde an einen schlimmen Unfall. Oliver, ein verträumter kleiner Idealist, dem nur ein wenig Geborgenheit und Sicherheit fehlen um richtig aufzublühen. Beides rückt in der Zukunft in weite Ferne und letztlich Iris, die einen Verstand hat, mit dem man bequem die Nasa-Computer steuern könnte, der es aber im Zwischenmenschlichen ein wenig fehlt. Im Team jedoch eine wirklich unschlagbare Kombination aus Intuition, Verstand, Lebenslust und Improvisation, die hier auf die Zukunft losgelassen wird.

Wenn man denkt, Holly-Jane Rahlens würde sich mit einer einfach gestrickten Story zufrieden geben, dann ist man recht schief gewickelt. Sie hat es sich wirklich sehr einfach gemacht und eine einfach gut erzählte Geschichte verfasst, die man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Denn immer dann, wenn man meint, es geschehe etwas Vorhersehbares oder man wäre einem Widerspruch auf der Spur, dann beamt sie sich aus der Tiefe des Raums an die Seite ihrer Leser und enthüllt ein kleines weiteres Detail, das die Zeit stillstehen lässt.

Ein Entwicklungsroman, der in seiner zeitlosen Struktur sicher auch im Jahr 2273 begeisterte Leser finden wird, weil sie von ihrer Warte aus ein ganz besonderes Verhältnis zur Geschichte und zum Buch selbst haben werden. Ich bewundere zutiefst, wie es der Schriftstellerin gelungen ist, abseits des Handlungsstranges ihren Roman Blätterrauschen als solchen unsterblich zu machen. Wie ihr das gelingt, das sollte man selbst lesen. Und Buchhändlern, die diese Rezension im Jahre 2272 lesen… Deckt euch mit ausreichend vielen Exemplaren ein. Es wird, nachdem es bereits 2015 für Furore gesorgt hat, auch der Renner des Jahres 2273. Versprochen!

Blätterrauschen  von Holly-Jane Rahlens - Astrolibrium

Blätterrauschen von Holly-Jane Rahlens – Astrolibrium – Zeitlose Bücher

Wie ich die Autorin einschätze, hat sie schon Autogrammkarten für ihre Lesereise im Jahr 2273 in ihrem geheimen Geräteschuppen liegen… 😉

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„Flügel aus Papier“ – Eine Zeitreise mit Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Vor 70 Jahren öffneten sich die Pforten der Konzentrationslager und die Alliierten befreiten die letzten Opfer des Holocaust aus den Fängen ihrer Nazi-Peiniger. Das volle Ausmaß des Grauens zeigte sich der ganzen Welt und atemlos betrachtete man die ersten Bilder, die von der Befreiung der vielen Todeslager gezeigt wurden. Auch vieles andere wurde schnell klarer. Hier also befanden sich die Menschen, die wenige Jahre zuvor aus der Gesellschaft verschwanden. Zuerst in die überfüllten Ghettos der großen Städte, dann mit unzähligen Zügen weiter. Hier endete der Weg der Deportierten.

Zumindest die wenigen Überlebenden konnten nun Auskunft darüber geben, welche grausamen Leidenswege sie an dieses endgültige Ziel der sogenannten Endlösung in einem Genozid geführt hatten. Der Junge auf der Holzkiste, Leon Leyson, hat das Leben im Krakauer Ghetto in bewegenden und eindringlichen Worten beschrieben. Er konnte seine Geschichte nur erzählen, weil er von Oskar Schindler vor der Deportation nach Auschwitz gerettet wurde.

„Es gab einmal keinen Krieg. Man konnte einmal aus der Stadt hinausfahren aufs Land, in den Wald, an den Fluss oder sogar ans Meer. Angeblich, ich kann mich kaum noch daran erinnern.“

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski – Das Warschauer Ghetto von Peggy Steike

Wenn man über den Holocaust schreibt, muss man über Ghettos schreiben. Wenn man jungen Lesern die Entrechtung und Erniedrigung der verfolgten Menschen nahe bringen möchte, dann sollte man ihnen die Tore eines solchen Ghettos öffnen, um zu zeigen was es bedeutet, alles zu verlieren. Privatsphäre, das gewohnte Leben und jedes Recht, das für uns so selbstverständlich ist. Hier war die Würde des Menschen nicht unantastbar. Genau das Gegenteil war der Fall: Sie wurde offen zu Grabe getragen.

Und wenn man über Ghettos schreibt, dann kann man versuchen, diese Eindrücke aus Kinderaugen zu vermitteln. Sicherlich ein mehr als schwieriger Weg, vielleicht sogar eine Gratwanderung, aber einer der vielleicht ganz wichtigen Versuche im Schreiben Gegen das Vergessen. Der polnische Autor Marcin Szczygielski lebt und arbeitet in Warschau. Ebenso wie Krakau, eine der großen polnischen Städte, die im Holocaust eine besondere und tragische Rolle spielten. Das wohl größte Ghetto für die jüdische Bevölkerung wurde dort errichtet und von der Stadt mit Mauern, Brücken und gut bewachten Toren abgetrennt.

Flügel aus Papier heißt sein viel beachteter Roman über einen achtjährigen Jungen im Warschauer Ghetto, der gerade im Sauerländer Verlag erschienen ist, und in seiner Konstruktion einen völlig neuen Erzählraum erschließt. Und diesen Erzählraum betritt er nicht alleine, sondern in Begleitung des legendären Autors H.G. Wells, dem Schöpfer der „Zeitmaschine“. Sie denken, das sei gewagt… Vielleicht, aber hier kann man ganz klar sagen: „Wer nicht wagt, …“

„Mit dieser Maschine gedenke ich die Zeit zu erforschen“, sagte der Zeitreisende und hielt die Lampe hoch.

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Wie sieht diese abgeschlossene Welt für den achtjährigen Rafal aus? Wie lebt man mit einem kleinen Jungen innerhalb der Mauern eines Ghettos und was lässt man an ihn heran? Besonders, wenn seine Eltern im Ausland sind und nur der Großvater alles in seiner Macht stehende unternehmen kann, seinem Enkel nicht allen Schrecken des Ghettos zu offenbaren? Er hüllt Rafal in einen Kokon ein, erklärt ihm die Dinge so, dass keine zusätzlichen Ängste entstehen und versucht einfach alle Eingriffe in das normale Leben so hinzunehmen, dass Rafal nicht am Leben zu zweifeln beginnt.

Eine wichtige Rolle nimmt die Bibliothek des Ghettos ein, in der sich Rafal Bücher ausleihen kann. In Zeiten des nagenden Hungers und des alltäglichen Kampfes ums Überleben schafft es der Großvater mit Straßenmusik, ein paar Kopeken zu verdienen, die Rafal das Lesen ermöglichen. Lesen in solchen Zeiten. Lesen in Jahren, in denen schwache Menschen auf offener Straße sterben. Ein Fluchtpunkt aus der Realität des Ghettos, den Rafals Großvater hier möglich macht.

Das Ghetto verändert sich täglich. Tausende neue Deportierte kommen an, während die Nazis die Mauern enger ziehen. Die Zustände dramatisieren sich von Stunde zu Stunde. Es gibt keinen sicheren Ort mehr und man muss ständig damit rechnen, eine neue Bleibe in diesem tödlichen Kreislauf zu finden. Als die Bibliothekarin Rafal ein dünnes aber sehr spannendes Buch empfiehlt, betrachtet er die Abbildungen auf dem Einband und erkennt, wie wichtig das Buch für ihn sein kann. „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells. Ein Buch, das sein Leben verändert.

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Rafal liest und erkennt, erkennt und liest und er beginnt zu träumen. Wie es wohl wäre, durch die Zeit reisen zu können, ob man etwas verändern könnte und wohin er reisen würde, wenn er es selbst könnte. Zukunft oder Vergangenheit? In den Monstern des Romans, den Morlocken, sieht Rafal die SS-Soldaten, in den Eloi erkennt er das Schicksal seines eigenen Volkes. Seine Augen öffnen sich mit H.G. Wells und seinem Zeitreisenden. Jenem namenlosen Engländer, der in diesem zeitlosen Roman auf ewig verschollen ist.

Als die Nazis beginnen das Ghetto aufzulösen und die Juden zu deportieren, gelingt es dem Großvater, seinen Enkel aus dem Ghetto zu schmuggeln. Die Flucht führt ihn in den verlassenen Warschauer Zoo, in dem er nicht nur weiteren Kindern begegnet, die dem Schrecken entkommen sind. Er macht auch eine unglaubliche Entdeckung, die ihm vorkommt, als sei sie nicht von dieser Welt.

Er steht plötzlich vor der Zeitmaschine. Jenem legendären Wunderwerk aus dem Roman von H.G. Wells. Und sie funktioniert.

„Die Maschine ist vielleicht zwei Meter hoch und erinnert an einen goldenen Käfig. Ein Gestell aus Metall, Ebenholz, Elfenbein und durchscheinendem Quarz“

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Genau an dieser Stelle bringt Szczygielski seine Leser aus der Fassung, aber nicht nur das. Er lockt sie aus der Reserve und öffnet einer dramatischen Erzählung aus den dunklen Tiefen menschlicher Abgründe ein Portal, das Hoffnung heißt. Das Stilmittel der fiktionalen Verdichtung zweier Romanstoffe ist nur tragfähig, wenn ein Autor, gerade bei diesem sensiblen Thema ganz genau weiß, wofür er es einsetzt. „Die Zeitmaschine“ entspringt nicht nur dem gedanklichen Freiraum des Autors. Er fabuliert nicht, sondern lässt die große Kraft der Literatur auf uns wirken. Flügel aus Papier können nur zum Fliegen verleiten, wenn man sich der Dimensionen seines Romans bewusst ist.

„Flügel aus Papier“ wachsen Rafal, weil er keinen anderen Ausweg mehr weiß. Die Rettung in letzter Sekunde ist gerade in ihrer fantastischen Dimension kaum zu fassen, aber sie zeigt, wozu der menschliche Geist fähig ist. Der Baum der Erkenntnis ist oftmals ein schwer erreichbares Geäst, das in unerreichbarer Höhe die schönsten Früchte entstehen lässt. Marcin Szczygielski lässt seinen Protagonisten nur ganz kurz davon kosten und eigene Entscheidungen treffen. Man sollte sich nicht entgehen lassen selbst zu erlesen, wie Rafal handelt.

Und keinesfalls sollten wir es versäumen, die große Botschaft des polnischen Autors zu verinnerlichen. Er findet seinen Weg mitten in unsere Herzen, indem er seine eigene Philosophie zum Phänomen Zeitreise offenbart. Hier gilt es, nicht weiter vorzugreifen. Hier gilt es nicht zu viel zu verraten. Hier gilt es, selbst zu lesen und dem Staunen Raum zu geben. Und dieses Staunen wird mit einer Nachhaltigkeit einsetzen, die man lesend selten so klar vor Augen geführt bekommt. Reist ihr mit?

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Buchhändlern sei ans Herz gelegt, einen kleinen Vorrat des Klassikers von H.G. Wells bereit zu halten, wenn man „Flügel aus Papier“ im Sortiment hat. Der tiefe Wunsch, in die „Zeitmaschine“ zu steigen und durch alle Ebenen des Denkbaren zu reisen, entsteht in einem logischen Automatismus. Zwei Bücher – eine Verbindung – Eine Botschaft.

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