„Des Lebens fünfter Akt“ – Volker Hage über Arthur Schnitzler

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt“ von Volker Hage, erschienen im Luchterhand Verlag, kann als biografischer Roman und intimes Portrait zugleich verstanden werden. Hier sind es die letzten Lebensjahre des österreichischen Arztes, Erzählers und Dramatikers Arthur Schnitzler, die den Kern der sehr persönlichen Auseinandersetzung mit einem großen Schriftsteller seiner Zeit darstellen. Die dramaturgische Struktur von Theaterstücken ist hier das Mantra eines gesamten Romans. Der fünfte Akt umfasst im klassischem Sinne die Katastrophe. Nach dem Aufstieg und dem Höhepunkt folgt der freie Fall, dem eine katastrophale Schluss-Sequenz die literarische Krone aufsetzt. Alles zuvor Erlebte wird auf diese Weise zur Zündschnur, die das Pulverfass im Schlussakt zur Explosion bringt.

Ein gut gewählter Titel. Schon beim Lesen der ersten Seiten kommt man nicht auf die Idee, auf das gute Ende einer Lebensgeschichte zuzusteuern. Die Tragik tritt allzu offen in den Vordergrund und der Spielraum für ein Happy End im klassischen Sinn wird von Seite zu Seite geringer. Einzig verantwortlich für die bevorstehende Ex- oder Implosion scheint der Schriftsteller Arthur Schnitzler selbst zu sein. Der Bewunderte, Geliebte und Angebetete konnte und kann nicht widerstehen. Nicht den Verlockungen der Frauen, in die er sich fortwährend Hals über Kopf verliebt. Nicht den süßen Träumen einer ewigen Jugend, die durch immer jüngere Weggefährtinnen untermauert werden. Seine Eitelkeit ist die Basis, die scheinbar nicht ins Wanken gerät. Er fällt ihr beharrlich zum Opfer und im Jahr 1928 gerät das gesamte Lebensgebäude Schnitzlers in akute Einsturzgefahr.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Schnitzler hat noch drei Jahre zu leben. Was er nun erlebt, ist der Abgesang auf ein langes Leben in Saus und Braus. Er ist inzwischen 66 Jahre alt, zweifelt intensiv daran, noch ein einziges Werk in seinem Leben vollenden zu können, fühlt sich unverstanden, und erlebt neben den vermeintlich letzten Zuckungen seiner literarischen Kreativität die Verwerfungen seines Privatlebens. Lawinen, die er in den vorausgegangenen Akten im schillernden Autoren-Leben selbst losgetreten hat und die ihn nun einholen. Es sind die Frauen, denen er so sehr verfallen war, die ihm nun zusetzen. Es sind Verflossene und aktuelle Verliebte, die ihm zusetzen. Es sind Beziehungen, die er so sehr auf die Probe stellte, die ihn nun einengen, herausfordern und an den Rand des Wahnsinns treiben.

Volker Hage gelingt es nicht nur, Arthur Schnitzler in dessen letzten Lebensjahren zu porträtieren. Er flechtet rückblickend die Erosionen ein, die für die Erdrutsche am Ende verantwortlich sind. Er lässt die großen Lieben im Leben des Schriftstellers schaulaufen und zeigt dabei deutlich auf, wie unwiderstehlich Schnitzler lebenslang auf Frauen allen Alters gewirkt haben muss. Diese Anziehungskraft hat er nie verloren. Was er jedoch in diesem Jahr verliert, ist der letzte Anker im Leben, ohne den er nun beharrlich abdriftet. Seine Tochter Lili begeht im Alter von 18 Jahren Selbstmord. In Venedig, der Stadt der großen Romanzen. Was ihm bleibt, sind die zahllosen Tagebücher seiner Tochter, die nicht nur ihr Leben, sondern auch sein eigenes skizzieren. In ihnen versinkt er.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Volker Hage greift nicht nur die zentralen Themen im Leben Schnitzlers auf. Ihm gelingt eine literarisch feine Auseinandersetzung mit Themen, die unabhängig vom hier betrachteten Protagonisten, feinfühlig und interessant erzählt sind. Wie trauert man um die eigene Tochter, wenn die Beziehung zur ehemaligen Frau und Mutter von Lili mehr als zerstört ist. Wer darf in Patchwork-Beziehungen überhaupt trauern? Bringt Verlust Menschen wieder zusammen, deren Wege sich schon lange getrennt haben? Und wie reagiert das neue Umfeld auf diese Annäherung. Olga Schnitzler, bis 1921 mit Arthur verheiratet, kommt mit dem Verlust der Tochter nicht zurecht. Sie will zurück in ihr altes Leben.

Und so gerät Arthur Schnitzler zwischen alle Fronten. Clara Katharina Pollaczek, seine Lebensgefährtin seit der Scheidung, auf der einen Seite. Seine Ex-Frau Olga auf der anderen. Mühlsteine, die ihn zu zermahlen drohen. Jetzt auch noch selbst den Tod der eigenen Tochter zu verarbeiten, weiter literarisch zu wirken, Kontakte zu wichtigen Weggefährten zu pflegen und Verleger von seinem Schaffen zu überzeugen, schwierig. Ablenkung findet er, symptomatisch für seine Vita, bei anderen Frauen. Platonisch oder leidenschaftlich. Egal. Hauptsache, seine Libido ist in Bewegung. Ein indiskretes Buch, dessen Veröffentlichung Schnitzler niemals zugestimmt hätte. Ein psychologisch in sich geschlossener Roman, der mehr beschreibt, als einen Künstler im letzten, fünften Akt.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt ist nicht für Schnitzler-Liebhaber geschrieben. Ich selbst habe bisher (Schande über mich) keinen seiner Romane gelesen, keines seiner vielen Theaterstücke gesehen und bin ihm nur indirekt begegnet. „Ein Winter in Wien“ spielt im Hause Schnitzler. In der Sternwartestraße 71 zu Wien. Petra Hartlieb lässt uns im Jahr 1910 hinter die Kulissen dieser Familie blicken, wobei sie nicht Arthur Schnitzlers Geschichte erzählt, sondern die seines Kindermädchens. Lili war gerade erst zur Welt gekommen. Kaum 18 Jahre später begegne ich ihr nur noch flüchtig auf dem jüdischen Friedhof von Venedig. Katastrophe. Dieser fünfte Akt. Ein Väter-Roman und die große Geschichte vergangener und kommender Leidenschaften. Ein Sittengemälde einer Zeit, in der die Wiener Moderne um sich greift, Freud seine Freude hat und Hofmannsthal im Leben von Schnitzler für Berg und T(h)alfahrten sorgt.

Ein Künstlerroman, der Zweifeln, Krisen und dem ewigen Kampf um eine positive Außenwirkung viel Raum verschafft. Ein Literaturroman, der Leser von Schnitzler im Kontext seiner Werke vielleicht aus einer anderen Perspektive heraus begeistern wird. Innenansichten eines Schriftstellers in einer melancholischen Stadt, die von einer tiefen Traurigkeit geprägt sind und so viel über einen Menschen verraten, dem man sich eben nur auf diese Weise annähern kann. Volker Hage verführt dazu, sich intensiver mit dem Mann zu beschäftigen, dem er seine Recherchen gewidmet hat. Er verführt dazu, jene vier Akte vor der Katastrohe zu beleuchten. Und er verführt dazu, mit wachem Blick auf die eigene Familie zu schauen. Das hätte Schnitzler zeitlebens sicher geholfen. Es war nur nicht leicht für ihn, weil immer irgendeine Frau im Weg stand.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Was mir bleibt ist eine herrliche Aussage Arthur Schnitzlers zum Charakter von Literaturkritikern und Rezensenten. Ich hoffe, dass sich die Zeiten geändert haben und wir Blogger ein wenig von den Vorbehalten abbauen konnten, die er zeitlebens vor uns Amateuren aufgebaut hatte.

„Der Kritiker ist in seinen Augen immer auch <Kunsthistoriker>, Versteher von Zusammenhängen, selber Künstler. Den Rezensenten kennzeichnen Halbtalent, Missgunst, Übelwollen, Rachsucht und Unbildung. Reporterdeutsch genügt.“

Herrlich, wenn man das auf sich wirken lässt. Meine Rezension mag von Halbtalent und Unbildung geprägt sein. Missgunst, Übelwollen, Rachsucht oder Reporterdeutsch liegen mir jedoch fern. Ich hoffe, das liest auch Volker Hage so. Und da ich selbst nicht im fünften Akt meines Lebens durch die Sternwartestraße hüpfe, kann ich ja auch noch ein wenig an mir arbeiten. Schnitzler lesen. Eine Aufgabe für die Zukunft. Wer weiß. 

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage – AstroLibrium

Immerhin bin ich in der Liebesbriefkollektion Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ fündig geworden. Ein Liebesbrief an Arthur Schnitzler aus dem späten zweiten Akt des Lebens zeigt, wie sehr er damals von einer Schauspielerin verehrt wurde, die in einem seiner Theaterstücke die Hauptrolle spielte. Kann man sich diesen Zeilen entziehen?

„Kann man denn ein Wesen, das man liebt, genug seh`n?“

Adele Sandrock an Arthur Schnitzler – Wien, 2. Januar 1894, 1 Uhr nachts.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

„Die rote Frau“ – Ein Fall für August Emmerich – Alex Beer

Die rote Frau von Alex Beer  – (Autorenfoto: Ian Ehm)

Man nehme eine versierte Krimi-Autorin; einen an Morbidität kaum zu überbietenden Schauplatz; eine Zeitscheibe der Geschichte, die dem Szenario die Krone aufsetzt; ein Land, das gerade seine gekrönten Häupter verloren hat; ein Ermittler-Duo, das sich aus den Niederungen des eigenen Abstiegs zu befreien versucht und einen Kriminalfall, der sich wie ein verwickeltes Wollknäuel ohne Anfang und Ende verhält. Das Ganze würze man mit historischen Fakten, Lokalkolorit, sprachlichen Ausflügen in einen Dialekt, dem man lesend und hörend sehr gut folgen kann und überziehe alles mit einer Melancholie, die zur grundlegenden Melodie dieser literarischen Inszenierung wird. Schließlich finde man noch einen Hörbuchsprecher, der den Romanfiguren Leben einhaucht. Und schon ist es geschafft. Man hat einen spannenden Krimi, der wie ein Kinofilm vor dem inneren Auge des geneigten Lesers oder Hörers abläuft.

Klingt leicht? Ist es nicht! Viele Schriftsteller haben sich an dieser Mischung versucht. Viele sind an Details gescheitert, die eine eigentlich gute Idee aus der Balance bringen. Und oftmals versagt auch der beste Mix, weil die zugrundeliegende Idee zu konstruiert wirkt. Wenn es also nicht leicht ist, dann ist es umso erfreulicher eine Autorin zu finden, deren Rezeptur bis ins letzte Detail aufgeht. Das Ergebnis kann sich sowohl sehen als auch hören lassen. Längst kein Geheimtipp mehr, weil die österreichische Autorin Alex Beer schon in ihrem früheren Schriftsteller-Leben als Daniela Larcher überzeugen und begeistern konnte. Ich weiß, wovon ich rede, war ich doch schon 2011 Teil einer Social Reading Aktion bei LovelyBooks. Hier lernte ich neben der Autorin auch ihren Roman „Die Zahl“ kennen. Keine Frage also, dass ich ihr auch in ein neues Leben folge. Voller Vertrauen reiste ich also an der Seite von Alex Beer ins Wien der 1920er Jahre.

Daniela Larcher – Buchmesse Frankfurt 2011 – Eine erste Begegnung

Die rote Frau“ entspricht von der ersten bis zur letzten Seite dem perfekten Mix, den ich oben skizziert habe. Und dabei habe ich mir eine etwas komplizierte Basis für diesen Roman ausgewählt. Es ist der zweite Fall des Ermittlerteams Emmerich / Winter aus Wien. „Der zweite Reiter“ musste im letzten Jahr ohne mich durch Wien reiten. Es ist gewagt, im zweiten Teil einer Bücherreiche einzusteigen, da man die Vorgeschichte der tragenden Protagonisten nicht in der vollen Tragweite erlesen kann. Bei Alex Beer vertraute ich jedoch darauf, dass sie mir diese Lücke verzeihen und durch Rückblenden alles Wissenswerte zu ihren Ermittlern verraten würde. Sie hat es gerechtfertigt.

Die rote Frau. Wir befinden uns im Wien des Jahres 1920. Der erste Weltkrieg und damit auch der Untergang der kaiserlichen und königlichen Monarchie sind bereits seit zwei Jahren Geschichte. Die Auswirkungen des österreichischen Desasters liegen aber immer noch wie ein dunkler Schatten über der einst so lebensfrohen Metropole. Es sind politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich instabile Verhältnisse, die dem Leben ihren Stempel aufdrücken. Da geht es dem normalen Bürger nicht anders als den Vertretern der Polizei, die versuchen für Recht und Ordnung zu sorgen. Kriminalinspektor August Emmerich weiß ein Lied davon zu singen. Verwundet im Krieg, selbst in einem Wiener Obdachlosenheim lebend erlebt er nach seiner Versetzung in die Abteilung „Leib und Leben“ was es heißt an vorderster Front gegen Gewaltverbrechen in Wien zu kämpfen.

Die rote Frau von Alex Beer

Alex Beer stellt ihm den Assistenten Ferdinand Winter zur Seite. Sie sind wie ein eingespieltes und zusammengeschweißtes Team, wenn auch ihre Methoden sich leicht voneinander unterscheiden. Emmerich eher ungeduldig, manchmal rabiat, fast brachial, im tiefsten Inneren jedoch grüblerisch und empathisch. Winter dagegen schon aufgrund seiner adeligen Abstammung eher der bedächtige Partner, der analytisch und sachlich aufklären möchte, wobei er sich in genau dieser Zeit oft selbst im Weg steht. Was sich für die beiden Ermittler nach der Wunschverwendung anfühlt, endlich Mordkommission, entpuppt sich schon bald als Abstellgleis für abgehalfterte Polizisten. Zumindest, wenn sie sich ihre Situation vor Augen führen.

Die Krüppelbrigade“, so nennt man die beiden. Kriegsversehrt der eine, noch lädiert vom „Zweiten Reiter“, der andere Ermittler. Als Protegés ihres Vorgesetzten sieht man sie im Kollegenkreis und ihr erster Fall könnte unbedeutender nicht sein. Sie sollen sich um eine Schauspielerin kümmern, die befürchtet ihr aktueller Film könnte verflucht sein. Die Diva stellt zwar menschlich, nicht jedoch kriminalistisch eine Herausforderung dar. Dabei könnte man an wichtigen Fällen mitarbeiten. Ist ja nicht so, als gäbe es die nicht. Der Mord am beliebten Stadtrat Richard Fürst zum Beispiel schlägt hohe Wellen, weil er sich sehr für die Armen und Bedürftigen der Stadt eingesetzt hat. Von diesen Wellen bekommen Emmerich und Winter jedoch nur die Spritzer wahr. Diejenigen jedoch, die sie aus genau diesem Fall raushalten wollen, haben ihre Rechnung ohne den Starrsinn von August Emmerich gemacht. Er findet einen Hauch einer Spur im Fall Fürst und legt auf eigene Faust los. Sprichwörtlich.

Die rote Frau von Alex Beer – Opium fürs Volk

Alex Beer zeichnet ein düsteres Bild vom Wien jener Tage. Instabilität und soziale Verwerfungen, wohin man schaut. Sie öffnet uns die Türen zu den Ärmsten der Armen, den Überlebenskünstlern am Rande der Gesellschaft und zeigt schonungslos auf, wie wenig die Welt der Reichen und Kriegsprofiteure davon betroffen ist. Wien tanzt Walzer auf dem Rücken des Bodensatzes der jungen Demokratie. Schillernde Filme entstehen als Opium fürs Volk und politische Strömungen münden wie tödliches Gift in die Donau. Wir steigen in Halb- und Unterwelten hinab, riechen, schmecken und fühlen den Verfall. Alex Beer spielt hier nicht die historische Stadtführerin. Sie lässt uns das Leben in der Tristesse und Melancholie ihres vergangenen Wiens am eigenen Leib spüren. Wie sie uns dabei auch sprachlich im zarten Wiener Dialekt einiger Protagonisten authentisch mit einer Stadt am Rande des Untergangs verbindet, ist brillant. Nie habe ich Wien so scharf konturiert vor Augen gehabt.

Wie sie aus dem Wollknäuel der einzelnen und zusammenhanglosen Fäden eine komplexe Kriminalgeschichte verwebt ist ebenso außergewöhnlich. Nichts ist hier vorhersehbar. Keine Frage bleibt am Ende offen. Intelligentes Schreiben, deine Heimat liegt in Wien. Und wer immer noch auf der Suche nach einem Ermittler ist, der sich von vielen anderen durch seinen Charakter, seine Schrägheit und sein großes Herz abhebt, der möge doch bitte August Emmerich begegnen. Seine Geschichte trägt den Roman. Seine Vergangenheit strahlt auf die Gegenwart aus und Fehler macht er grundsätzlich nicht ein zweites Mal. Das bekommen seine Widersacher zu spüren. Und wenn er mal als kriminalistische Lawine ins Rollen kommt, ist er nicht mehr zu stoppen.

Die rote Frau von Alex Beer

Ich habe Die rote Frau hörend erlebt. Acht Stunden suchte ich nach ihr. Sechs CDs brachten mir den zweiten Fall von August Emmerich nah. Ein mir bis dato unbekannter Hörbuch-Sprecher sprach sich in mein Nervensystem. Cornelius Obonya verleiht der Produktion von Random House Audio mit seinem stimmlichen Reichtum wahre Größe. Ob als aalglatter Politiker, misshandelter Häftling, kleinwüchsige Anführerin der Gruppe von FreakShow-Zwergen, verhätschelte Schauspielerin, ehemaliger General oder eben als Charakterkopf August Emmerich. Obonya spricht Alex Beer aus der Seele. Obonya spricht Wien aus der Seele. Selten hat für mich ein Sprecher eine solche Authentizität ausgestrahlt.

Ich kann dieses Hörbuch wärmstens empfehlen. So kann ich mir diesen Roman von Alex Beer nicht selbst vorlesen. So möchte ich weiterhören. Vielleicht beginne ich mich rückwärts zu hören. „Der zweite Reiter“ reizt mich sehr. Eines jedoch steht fest. Wien steht nach wie vor ganz oben auf der Liste meiner literarischen Traumziele. Besonders, wenn ich in ein scheinbar von der Geschichte überholtes Wien eingeladen werde. Hier gelingt Alex Beer neben der ausgezeichneten Kriminal-Unterhaltung auf sehr subtile Art und Weise ein deutlicher Fingerzeig auf politische Automatismen, die wellenartig durch die Geschichte mäandern. Nationalismus, rechte Ideologien und die beharrliche Suche nach den Underdogs innerhalb einer Gesellschaft kennzeichnen diese Wellen. Abstrus, dass sie auch heute wieder an unseren Ufern anbranden. Chapeau, Alex Beer…

Die rote Frau von Alex Beer – Wien nach dem Ersten Weltkrieg

„Ein Winter in Wien“ von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ist es in der heutigen Zeit möglich, Leser mit einer ganz einfach erzählten Romanze zu begeistern? Kann man einen Roman schreiben und publizieren, der in aller Zartheit wirkt wie ein scheues literarisches Reh, das sich kurz auf der bibliophilen Lichtung zeigt und sofort verschwindet, wenn es Gefahr wittert? Sind wir als Leser überhaupt noch in der Lage, eine Erzählung um ihretwillen zu schätzen, uns verzaubern zu lassen und sie nicht an reizüberflutenden und Herzschmerz verursachenden Lovestorys zu messen?

Ist es vermittelbar, dass man eine Geschichte erzählt, die in einem gesellschaftlich- historischen Kontext eingebettet ist, der aufgrund der Moralvorstellungen und der einst vorherrschenden Sittenbilder von Haus aus verhindert, dass wir zu Zeugen ausufernder erotischer Ausschweifungen werden? Haut uns ein solcher Stoff noch vom Hocker oder ist es der eher prüden Leserschar vorbehalten, den biederen Weg ins verschneite Wien des Jahres 1910 zu erlesen?

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Erstens gilt es festzuhalten, dass ich nicht bieder oder prüde bin. Zweitens vertiefe ich mich fast ausschließlich in Romane, die in der Lage sind, mich vom Buchhocker zu reißen. Und drittens darf für mich eine romantische Geschichte sehr gerne so erzählt werden, als sei sie aus der Zeit gefallen, in die sie geschrieben wurde. Das macht viele gute Erzählungen erst authentisch und vermittelt ein deutliches Bild davon, wie zaghaft sich die erste Annäherung zweier Menschen vollzog, die voneinander fasziniert waren.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb ist eine solche Geschichte. Wüsste man nicht, dass dieser Roman von einer quicklebendigen Schriftstellerin unserer Zeit geschrieben wurde, man könnte ihn für einen Fund aus der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts halten. Er spielt nicht nur im winterlichen Wien des Jahres 1910. Sowohl sprachlich als auch atmosphärisch lebt der Roman in einer Zeit, die durch die Klassenunterschiede im österreichischen Kaiserreich, ein überhöhtes Standesdenken und Wertebilder bestimmt war und heute auf uns wahrlich antiquiert wirkt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Es schneit in Wien. Es ist kalt und man friert, wenn man nicht zu den wenigen Reichen gehört, die sich den Luxus der Wärme leisten können. Die 18-jährige Marie Haidinger gehört nicht zu den vom Schicksal begünstigten Menschen, sie kommt von ganz unten. Mehr als ein entbehrungsreiches Leben auf einem Bauernhof stand für sie nie auf dem Plan. Und doch verschlägt es sie auf der Flucht vor dem Gefühl „Leibeigene“ zu sein in die Hauptstadt und sie ist in aller Bescheidenheit mit allem zufrieden, was das Leben ihr zu bieten hat. Aus der Schankmaid wird ein Hausmädchen und aus dem Hausmädchen wird ein Kindermädchen.

Für Marie schon ein Leben in Luxus. Ihre Kammer ist beheizt, die beiden Kinder sind ihr sehr schnell ans Herz gewachsen und die Hausherren behandeln sie so gut, wie sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht behandelt wurde. Erst langsam erkennt sie, wer der Hausherr der Sternwartestraße im Wiener Cottage-Viertel ist. Sie lebt im Haus des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler, dessen Theaterstücke und Erzählungen in aller Munde sind. Und ausgerechnet sie, die arme Marie vom Land, darf seine beiden Kinder Lili und Heinrich beaufsichtigen und erziehen.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Und wie sollte es in diesem Haushalt anders sein? Ein Buch verändert das Leben des liebenswerten Kindermädchens. Sie soll es nur für Arthur Schnitzler abholen. Ein harmloses Vorhaben, wäre da nicht der Blick des jungen Buchhändlers, wäre da nicht ein kleiner Funke, der in diesem Moment auf beide überspringt und wären da nicht alle moralischen Schranken, die es so schwer machten, sich unbefangen kennenlernen zu dürfen. Erst ein Geschenk macht das Unmögliche möglich. Ein Büchlein aus der Feder von Rainer Maria Rilke öffnet die Tür zum Herzen des jungen Mädchens.

„Mir zur Feier“ in einer wundervollen Ausgabe, deren Seiten unbeschnitten sind und die erst mit einem Messer getrennt werden mussten, bevor man es lesen konnte ist das wohl wertvollste Geschenk, das sie je in Händen hielt. Eine zarte Romanze beginnt den Winter in Wien wärmer erscheinen zu lassen und aus dem ersten beigelegten Brief wird der erste Spaziergang und aus dem ersten gemeinsamen Weg entwickelt sich der erste zarte Kuss, der auch den Leser wie eine schmelzende Schneeflocke berührt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb schreibt, als hätte sie Charles Dickens nach Wien entführt. Es mutet klassisch an, was doch gar nicht klassisch ist. Und doch garniert sie die zarte Romanze mit einem Spannungsbogen, der das Gleichgewicht zum Wanken bringen kann. Maries Leben steht unter Vorbehalt. Es gibt keine Garantie für eine unbeschwerte Zukunft und ein einziger Fehler kann sie alles kosten. Und genau dieser Fehler unterläuft ihr. Ob sie ihr Glück findet, sollte man sich schon selbst erlesen. „Ein Winter in Wien“ ist in jeder Hinsicht eine Lesereise wert.

Für einen literarischen Sternwärter ist ein Roman, der in der Sternwartestraße 71 spielt ja schon fast wie eine persönliche Einladung. Die Atmosphäre eines Wiener Winters im Jahr 1910 ist so fesselnd und bildhaft festgehalten, als würde man in einem Poesiealbum aus der Vergangenheit blättern. Sprachlich spürt man den Atemhauch der Geschichte und literarisch wird einem der ganz Großen der Literaturgeschichte Leben eingehaucht. Und wenn man dann noch, so wie ich, einen Rilke in seinem Bücherregal hat, der unbeschnitten ist und dessen erstes Gedicht „Mir zur Feier“ heißt, dann geht „Ein Winter in Wien“, erschienen bei Kindler, eine schon fast magische Beziehung zu meinem bisherigen Lesen ein. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube.

Ebenso wenig, wie ich daran glaube, dass ich Lili Kirchner hier letztmalig begeget bin. Aus dem Baby des Jahres 1910 wird wenige Jahre später eine tragische Figur im Leben ihres Vaters. Sie wird schon 1928 in Venedig Selbstmord begehen. Ich werde ihr bestimmt erneut begegnen… Ich habe da so ein Gefühl.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb hat mit ihrem literarischen Selbstfindungstrip „Meine wundervolle Buchhandlungmein lesendes Herz im Sturm erobert. Ein wundervolles Interview in Frankfurt brachte mich ihr näher und ihre kuriose Widmung in ihrem Buch ist bis heute unvergessen. Vielleicht signiert sie mir ja irgendwann einmal „Ein Winter in Wien“. Ich habe mir fest vorgenommen, sie in diesem Fall nicht mit meinen Fragen abzulenken. Es wäre nicht auszudenken…

Und doch bleibt eine Frage, die ich gerne stellen würde: Wenn Petra Hartlieb diesen Roman ihrer Großmutter Johanna Haidinger widmet, dann könnte es doch sein, dass jene Marie Haidinger vielleicht den ersten Funken bibliophiler Leidenschaft schlug, der heute in der Buchhandlung Hartliebs Bücher hell leuchtet.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

18 Jahre später ziehen dunkle Wolken auf. „Des Lebens fünfter Akt“ von Arthur Schnitzler beginnt mit einer Katastrophe… Zurück in Wien. 

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Petra Hartlieb – Das exklusive Buchmesse Interview (FBM 14)

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Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung – Das Interview

Meine wundervolle Buchhandlung“ erzählt eine ebenso liebenswerte, skurrile, wie wundervolle Geschichte eines großen Wagnisses. In erfrischender Selbstironie, in kaum enden wollendem Sarkasmus und mit Galgenhumor wirft Petra Hartlieb einen selbstkritischen und liebevollen Blick zurück auf die Anfänge ihrer neuen Existenz. Wir dürfen ihr als Leser beim Renovieren helfen, die ersten neue Mitarbeiter einstellen, Krisenmanagement betreiben, Buchkartons stapeln, Rechner installieren und abends todmüde ins Bett fallen. Einen allerletzten Gedanken im nimmermüden Kopf: „Habe ich vergessen ein Buch zu bestellen?“

Nach meiner Buchpräsentation war es mir Ehre und Vergnügen zugleich, Petra Hartlieb während der Frankfurter Buchmesse am Stand ihres Verlages Dumont exklusiv interviewen zu dürfen… Ich hatte wirklich viele Fragen dabei:

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Liebe Petra Hartlieb, vielen Dank für die Bereitschaft, zu ihrem aktuellen Buch „Meine wundervolle Buchhandlung“ ein Interview für AstroLibrium im Trubel der Frankfurter Buchmesse führen zu dürfen. Eine Frage, die mir ganz besonders am Herzen liegt: Sind Sie gut untergebracht?

Ich habe ja, wie im Buch erwähnt, eine Freundin, die jetzt Universitätsprofessorin in Frankfurt ist. Sie konnte sich zwischen zwei Städten entscheiden und ich war für Frankfurt. Sie ist momentan auch gerade nicht in der Stadt und so haben wir eine wundervolle Wohnung in zentraler Lage und bester Ausstattung. Ich hoffe, sie bleibt noch lange hier.

Also sind die Zeiten des Wohnens in tristen Garagenunterkünften oder bei Messi-Freunden unter widrigsten Bedingungen vorbei, nur um die Buchmesse besuchen zu können?

Erstmal. Ich lebe immer ziemlich im Augenblick. Man weiß ja nie was passiert und wenn meine Freundin jetzt nach New York zieht, dann ist da auch schön, aber wir werden dann für nächstes Jahr etwas Neues überlegen müssen. Aber momentan ist es gut und wer weiß, vielleicht bin ich irgendwann Bestseller-Autorin und dann gehe ich einfach in ein schönes Hotel.

Irgendwann? Wenn ich die aktuellen Bestsellerlisten studiere, dann dürften Sie sich doch gerade als eine solche Autorin bezeichnen…?

Naja, dafür bin ich zu lange in der Branche, um so etwas zu schnell zu sagen. Man ist mal für zwei Wochen auf der Bestsellerliste, was aber noch nicht viel heißt. Das bedeutet nicht, dass sich dadurch mein Leben verändern wird.

Petra Hartlieb - Meine wundervolle Buchhandlung - Das Interview

Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung – Das Interview

Sind Sie überrascht vom Erfolg Ihrer „Wundervollen Buchhandlung“?

Ja, bin ich schon. Es war auch für den Verlag ein Wagnis, dieses Buch zu machen. Wir wussten eigentlich immer, dass die Buchhändler dieses Buch lieben werden und dass es ihr absolutes Lieblingsbuch werden kann (ich glaube es ist das meistgeschnorrte Buch in der Geschichte des Dumont Verlages). Ob die Buchhändler es jedoch schaffen, dieses Buch an den Endkunden zu vermitteln und dabei die Botschaft zu transportieren, dass es kein Branchenbuch ist, dass es kein Sachbuch über den Buchhandel ist, das war die eigentliche Gretchenfrage.

So wie es inzwischen aussieht dürfte das aber vielen Buchhändlern gelingen. Bei einigen von ihnen gibt es jedoch immer noch eine gewisse Skepsis, die ich auch bei meinen Lesungen zu spüren bekomme. Ich denke da an eine Frage in diesem Zusammenhang, als eine Buchhändlerin meinte: “Sie, Frau Hartlieb, mein Chef hat das nicht eingekauft – an wen kann man das Buch denn eigentlich verkaufen?!“

Inzwischen sind jedoch fast 10000 Exemplare ausgeliefert und es sind wohl nicht nur Buchhändler, die es lesen – so viele Buchhändler gibt es ja gar nicht und ich erhalte wahnsinnig schöne Rückmeldungen von branchenfernen Kunden. Eine Weinbäuerin aus dem Burgenland, die auch sehr viel arbeitet, hat mir einen Brief geschrieben und berichtet, dass sie das Buch in einer Nacht durchgelesen und sich selbst darin wiedergefunden hat. Eine Rechtsanwältin hat mir gestanden, dass sie mein Buch bei Amazon bestellt hat und nun von ihrem schlechten Gewissen geplagt wird. Solche Briefe finde ich total schön.

Für mich ist es ein Buch über Bücher, das beim Leser viele bibliophile Saiten zum Schwingen bringt und ich vergleiche es gerne mit Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“. Ihr Jakobsweg ist der zu einer eigenen Buchhandlung. Hat Ihr Mann nicht inzwischen Angst davor, dass sie in Frankfurt eine Buchhandlung sehen, und…?

(lacht) Nein… wir wissen inzwischen beide, wie viel Arbeit dahinter steckt. Das haben wir am Anfang vor zehn Jahren nicht so ganz gewusst, sonst hätten wir das alles vielleicht gar nicht gewagt. Wenn mir jemand gesagt hätte, wie viel ich in den ersten zwei Jahren arbeiten werde, ich hätte nur gesagt „Das kann man nicht“.

Insofern sind wir nicht mehr so naiv, wie damals und unser Lebensziel heißt einfach, das was wir haben, gut zu führen und irgendwann ein bisschen weniger zu arbeiten. Das steht im Fokus unseres Lebens. Ich sehe schöne Buchhandlungen in anderen Städten und ich freue mich, dass es sie gibt, aber mir reichen meine beiden vollauf.

Petra Hartlieb - Meine wundervolle Buchhandlung - Das Interview

Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung – Das Interview

Ich habe in meiner Buchpräsentation vom „Hartlieb`schen Management-Modell“ gesprochen. Ohne jede Kalkulation, von Zahlen losgelöst und einfach etwas zu wagen. Das ist in der heutigen Zeit schon extrem ungewöhnlich. Werden sie oft auf dieses Wagnis angesprochen?

Ich werde sehr oft konkret von Leuten angesprochen, die entweder einen Lebenstraum hatten und sich nie getraut haben ihn zu verwirklichen, die mir jetzt sagen: „Ach hätte ich ihr Buch damals gelesen, ich glaube ich hätte mich getraut.“ Besonders amüsant ist es, dass mein Buch schon manchmal in die „Wirtschaftsecke“ wandert. Ich habe dann das Gefühl, es wird im Börsenblatt als Wirtschaftsbuch besprochen.

Als Buch über Wachstum, Personalpolitik und wenn dann auch noch gesagt wird, das Konzept unserer Buchhandlung sei toll, dann kann ich nur sagen, dass wir gar kein richtiges Konzept hatten. Wir reagieren auf die Situationen, überlegen uns was wir wollen, aber als Businessplan kann man das wirklich nicht bezeichnen. Ich habe das kleine Kapitel, das sich mit diesem Thema beschäftigt so geschrieben, dass ich es selbst verstehe… Ich und Zahlen, das ist ganz schwierig. Ich bin froh, wenn ich das Wechselgeld richtig rausgebe….

Ich habe das Buch für mich so verstanden, dass Sie eine Botschaft transportieren, die lautet „Jeder hat seine Buchhandlung. Für den einen ist es eine Reise, für den anderen eine Liebe. Verpass deine Chance nicht“. Haben Sie selbst Angst vor verpassten Chancen?

Ich habe viel gewagt und viel erreicht in meinem Leben. Zwei Buchhandlungen zu besitzen und vier Bücher bei zwei großen Verlagen veröffentlicht zu haben bedeutet für mich, dass ich vom Glück geküsst wurde und das mache ich mir jeden Morgen bewusst. Gesund bin ich auch noch, die Kinder machen keine Schwierigkeiten, nur der Hund ist ein wenig unerzogen, aber sonst ist eigentlich alles in Ordnung. Ich lebe sehr im Hier und Jetzt und denke, dass man die Weichen gar nicht kennt, an denen der Weg in eine andere Richtung abzweigen könnte.

Petra Hartlieb - Meine wundervolle Buchhandlung - Das Interview

Petra Hartlieb – Meine wundervolle Buchhandlung – Das Interview

Wenn sie im Hier und Jetzt leben, gibt es trotzdem schon einen Gedanken, wie es weitergeht mit Petra Hartlieb? Buchhändlerin, Autorin, oder?

Auf jeden Fall beides. Ich liebe die Abwechslung und ich mag nicht, dass mein Leben langweilig wird. Das Schreiben ist für mich eine Flucht vor dem „Nur-Buchhändler-Sein“ gewesen, da ich ja auch gar keine klassische Buchhändlerin bin. Mir ist es wichtig, Autoren kennenzulernen, Veranstaltungen zu machen, in die Medien zu gehen, mir Gedanken über die Branche zu machen, Bücher zu schreiben. Das gesamte Paket ist mir sehr wichtig und ich liebe diese Doppelfunktion. Ich mag es, in der Buchhandlung weiter zu arbeiten, wenn ich von einer Lesereise zurückkomme.

Das durfte ich selbst feststellen. Wenn ich nachts um 23 Uhr auf Facebook poste „Alle Buchhandlungen sind geschlossen – dann geh ich halt in Gedanken zu Hartliebs – die sind literarisch immer da“ und Sekunden später antworten Sie mit den Worten „Stimmt – ich sitze hier im Büro und packe die Novitäten aus!“ (Hier zum Beweis)

(lacht) Das fand ich wirklich total nett. Dafür liebe ich Social Media, weil man wirklich mitbekommt, was andere Menschen gerade machen und man kann selbst die Tür ein wenig öffnen und andere teilhaben lassen, ohne dabei zu tiefe Einblicke zu gewähren. Ich mag diese Begegnungen unwahrscheinlich gerne.

Eine letzte und sehr traditionelle Frage von mir lautet immer „Welche Frage würden Sie gerne einmal in einem Interview beantworten? Einziges Problem: Sie wurde Ihnen noch nie gestellt!“

Geben sie mir zwei Minuten…. Es wird nie so richtig gefragt, was Glück für mich ist, oder was das Leben für mich ausmacht. Ich weiß aber gar nicht, ob ich das gerne gefragt würde, weil ich ja darüber nachdenken müsste und ich müsste antworten. Und das mit wahrscheinlich mehr als drei Sätzen und dann wird ein ganzes Buch draus….

Frau Hartlieb, ich unterbreche nur ungern, aber eine letzte Frage fällt mir ganz spontan ein. Sie dürfen mir sehr gerne auch in Buchform antworten: Was macht für Sie das Leben aus?

(Herzhaftes Lachen) OK… vielen Dank 😉

Petra Hartlieb - Mit einem Klick zur wundervollen Buchhandlung

Petra Hartlieb – Mit einem Klick zur wundervollen Buchhandlung

Outtake oder doch nicht:

Sinnbildlich für die wundervolle Stimmung in diesem Interview mag das letzte Bild in diesem Buchmesseartikel stehen. Petra Hartlieb ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Weder eine Leserin, die mich während des Gesprächs darum bat, das Buch zu signieren (einfach verpeilt), noch der Trubel in und um den Verlagsstand herum trübten die gute Laune der mehr als sympathischen Autorin.

Die letzte Frage jedoch schien ihre Spuren hinterlassen zu haben, denn als Petra Hartlieb zum Abschluss des Interviews die Ärmel hochkrempelte und ihr Buch für mich signieren wollte, machte sich der Autorenstift selbständig und statt dem beaabsichtigten „Für“ war dort schnell „Frau“ zu lesen. Was sie jedoch daraus machte gehört heute zu den Highlights in meiner Sammlung signierter Bücher mit individueller Widmung 😉

Petra Hartlieb - Eine kuriose Widmung

Petra Hartlieb – Eine kuriose Widmung

Geöffnet: „Meine wundervolle Buchhandlung“ von Petra Hartlieb

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Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb

Sonderbare Buchhandlungen, Buchläden zum Verlieben, Häuser der vergessenen Bücher was haben wir in den letzten Wochen nicht alles gelesen und geliebt, wenn es galt, in die besonderen Welten unserer bibliophilen Lieblingsorte abzutauchen? Einziges Problem bisher… die beschriebenen heiligen Orte für Buchgläubige sind fiktiv und damit in der Realität nicht zu erreichen. Wie grausam kann die Welt sein, uns Lesenssüchtige nur im Bereich unserer Fantasie durch diese prunkvollen Türen gehen zu lassen?

Damit hat es nun ein Ende! Nach San Francisco, Broken Wheel und Brooklyn entführt uns der DuMont Buchverlag nach Wien. Und zwar in eine richtige Buchhandlung – eine aus Fleisch und Blut, wenn man das einfach mal so sagen darf. Meine wundervolle Buchhandlung“ von Petra Hartlieb entspringt nicht der reinen Imagination, auch wenn sich die Autorin das manchmal vielleicht gewünscht hätte. Hartliebs Bücher ist die pure  Realität und die bewegende Geschichte dieses Umschlagplatzes gebundener und ungebundener Leseschätze war der Eigentümerin ein eigenes Buch wert.

„Meine wundervolle Buchhandlung“ beschreibt eine der aufregendsten und teils skurrile Schnapsideen, die jemals dazu geführt haben, dass ein absoluter Lebenstraum zur gelebten Realität wird. Wenn man sich fragt, was geschieht, wenn man das eigene Leben von heute auf morgen völlig und ganz allein aus den gewohnten Bahnen wirft; wenn man wissen möchte, was einen Menschen dazu bringt, sich ohne Not scheinbar sinnlos zu verschulden; wenn es jemanden interessiert, wie man seine eigene Familie durch Aufgabe sicherer Berufe temporär brotlos macht und dabei auch noch den Lebensschwerpunkt komplett verlagert und dabei alles riskiert, dann sollte man Petra Hartlieb fragen, oder viel besser ihr Buch lesen.

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb, AstroLibrium

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb

Ihre Antwort wird nur lauten: „Wir haben uns eine Buchhandlung gekauft – ganz spontan!“ Wie das geht? Welche Konsequenzen sich daraus ergeben, wie sich mehrere Leben verändern und ob man dies für sich selbst in Betracht ziehen könnte, darf man in diesem wundervollen Selbsterfahrungsbuch lesen. Das Hartlieb`sche Denkmodell fußt dabei auf folgenden non-merkantilen / pro-bibliophilen Eckpfeilern.

Erstens: Man nehme eine ganz normale vierköpfige Familie, die seit Jahren in Hamburg wohnt. Der Ehemann in einem Verlag in gut dotierter Fest-Beschäftigung, seine Frau als Literaturkritikerin, Rezensentin und Hansdampf in allen denkbaren Büchergassen halbtags zum Unterhalt beitragend, die beiden Kinder bestens integriert und auf einem guten Weg, hanseatische Großstadtkinder zu werden.

Zweitens: Man verbringe einen spontanen Urlaub in Wien, dem Heimatort der Ehefrau und entdecke dort eine kleine Traditionsbuchhandlung, die gerade eben in Konkurs gegangen ist und ihre Pforten für immer schließen musste.

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb - Das Original, AstroLibrium, Hartliebs Bücher, Wien

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb – Das Original

Drittens: Man beginne, losgelöst von jeglicher Lebensrealität ein wenig rumzuspinnen, wie es denn wäre, eine eigene Buchhandlung zu besitzen. Wie es sich anfühlen würde, gemeinsam und nur für sich selbst zu arbeiten. Wie es funktionieren könnte, Hamburg zu verlassen und in Wien bei Null anzufangen (und auch das meine ich so, wie ich es schreibe).

Viertens: Man komme zur Einsicht: GEHT NICHT – UNMÖGLICH – NICHT MACHBAR

Fünftens: Man gebe nur mal so zum Spaß ein schriftliches Gebot zum Erwerb dieses Buchladens ab. Und nun wirklich – die Chancen, ihn zu erwerben sind gering. Und die gebotenen 40000 Euro hat man ja auch gar nicht. Also, nennen wir es doch einfach mal: ABENTEUER.

Sechstens: Man lese die Antwort des Konkursverwalters, der die Verbindlichkeit des Angebots als gegeben annimmt und nun schriftlich erklärt, dass Familie Hartlieb aus Hamburg nun eine eigene kleine Buchhandlung in Wien besitzt. Zur Abwicklung der Formalitäten und zur Anmietung der Wohnung über der Buchhandlung möge man doch schnellstens… blablabla

Siebtens: Man zögere kurz, reise nach Wien, kündige Beruf, Kindergartenplatz und Wohnung in Hamburg und beginne ein völlig neues Leben als Buchhändler. Mal eben so. Abseits aller wirtschaftlichen Überlegungen. Ohne Netz und doppelten Boden. Spontan. Glückwunsch, kann ich da nur sagen.

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb, AstroLibrium, Hartliebs Bücher, Wien

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb

„Meine wundervolle Buchhandlung“ ist zu diesem Zeitpunkt weit weg von diesem Prädikat. Sie ist verwinkelt, nur 40 Quadratmeter groß, veraltet, nicht sonderlich modern und damit wenig konkurrenzfähig. Aber sie zeichnet sich durch drei Faktoren aus, die ein unglaubliches Potenzial in sich bergen:

Es gibt sie tatsächlich: die Büchermenschen und Kunden, denen die alte Buchhandlung fehlt, und die es an Hilfsbereitschaft nicht mangeln lassen, wenn es darum geht, das eigene kleine Stadtviertel wieder mit einem buchigen Zentrum zu versehen. Denn wer fährt schon in die „STADT“, um Bücher zu kaufen, oder bestellt gar völlig anonym bei einem Online-Anbieter, wenn man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann? Nicht der Wiener Bücherfreund!

Man hat sie tatsächlich: die guten Freunde, die einem Unterschlupf gewähren, bis sich die Situation konsolidiert. Die sich aktiv Gedanken um einen Umbau machen, tatkräftig mit anpacken, wo immer es anzupacken gilt und auch finanziell in Brechen springen, die sich zunehmend von den Hartliebs auftun.

Und der wohl wichtigste Faktor: man trägt die Charaktereigenschaften von Petra und Oliver Hartlieb in sich. Und da muss man auf den alten Spruch zurückkommen: „Nomen est Omen“! Hart zu sich selbst, lieb zu Freunden, Kunden und zukünftigen Mitarbeitern stellen sie sich einer Herausforderung, die so unüberschaubar ist wie ein Feuerwehreinsatz beim Brand der legendären Bibliothek von Alexandria. Man hat kein Wasser und alle Bücher brennen gleichzeitig. Aber man ist eingespielt und wundervoll unvernünftig, wenn es darum geht Feuer mit Gegenfeuer zu bekämpfen.

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb, AstroLibrium

Meine wundervolle Buchhandlung von Petra Hartlieb

Meine wundervolle Buchhandlung“ erzählt eine ebenso liebenswerte, skurrile, wie wundervolle Geschichte eines großen Wagnisses. In erfrischender Selbstironie, in kaum enden wollendem Sarkasmus und mit Galgenhumor wirft Petra Hartlieb einen selbstkritischen und liebevollen Blick zurück auf die Anfänge ihrer neuen Existenz. Wir dürfen ihr als Leser beim Renovieren helfen, die ersten neue Mitarbeiter einstellen, Krisenmanagement betreiben, Buchkartons stapeln, Rechner installieren und abends todmüde ins Bett fallen. Einen allerletzten Gedanken im nimmermüden Kopf: „Habe ich vergessen ein Buch zu bestellen?“

Dieses Buch ist kein reines Selbsterfahrungsbuch. Es ist mehr als der Versuch, seinen Lesern zu vermitteln, dass auch heute noch das Motto gelten kann „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Es ist eine Hommage an den Beruf des Buchhändlers und eine tiefgründige Betrachtung der Branche selbst. Diese Buchhandlung ist real. Sie lebt. Das durfte ich in persönlichen Telefonaten erleben. Oliver Hartlieb erlaubte mir gerne und mehr als freundlich die Verwendung von Bildern und Screenshots von der Homepage der Buchhandlung und eine Mitarbeiterin unterstrich am Telefon sehr deutlich, wie liebevoll es in einer besonderen Wiener Buchhandlung „menschelt“.

Und solle jemand den Eindruck gewonnen haben, dass Petra Hartlieb ausschließlich über ihre Buchhandlung schreibt, dann lasst euch doch einfach überraschen, was diese Bücherfrau zu erzählen hat, wenn ihr erst die Buchhandlung betreten habt. Die volle Wucht der bibliophilen Liebe zu ihren Schätzen ergießt sich in Anekdoten, Geschichten und Erinnerungen über ihre Leser. Es ist eine Welle, die euch mitreißen wird, da ihr Sogfaktor einfach gewaltig ist. Von Glattauer über Jonathan Frantzen bis zu sich selbst… Sie hat viel zu berichten, auch darüber, wie es ist, als Buchhändlerin ihre eigenen Bücher im Laden zu signieren,.

Ich bin froh, dieses Juwel in meine unendlich anmutende Lesereise „Bücher über Bücher einreihen zu können und ich habe mir „Hartliebs Bücher“ auf die Liste der wichtigen zu besuchenden Orte meines Lebens gesetzt. Mit der Chefin selbst konnte ich nicht reden. Leider. Sie ist auf Lesereise und gerade weggeflogen… Vielleicht schreibt sie dann bald über diesen neuen Lebensabschnitt und wir werden ihr lesend folgen. Geht gar nicht anders – sie schreibt einfach so schön…! Und seit wenigen Stunden steht fest, dass wir miteinander reden werden. Wo? Auf der Frankfurter Buchmesse. Glaubt mir, das wird ein Herzensinterview, über das ich gerne hier berichte!

Pertras Hartlieb - Mit einem Klick zum Interview

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