„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Literarische Fallhöhe. Schon mal davon gehört? Es ist die Höhe, aus der man sich als Leser in eine Geschichte fallenlässt, weil man die innere Bereitschaft und Interesse mitbringt, sich einem bestimmten Thema zu öffnen. Je größer die Fallhöhe, desto tiefer gelingt das Eintauchen in die Fantasiewelt eines Autors. Zumeist kann die Bereitschaft, sich auf ein Thema einzulassen bereits beim Lesen des Klappentextes ausgelotet und bewertet werden. Hier treffen wir Entscheidungen. Ganz bewusst. Und wer ganz allein für sich feststellt, keine Krimis zu mögen, der sollte sie tunlichst umgehen und nicht am Ende des Lesens sagen „Ich mag ja keine Krimis und das Buch hat mir nicht gefallen.“ Definieren wir mal die literarische Fallhöhe für den folgenden Roman.

„Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig. Mögen Sie fantastische Romane, in denen es um Zeitreisen, unendliches Leben oder zeitlose Gefühle geht? Lieben Sie es, sich in ihrem Lesen vorzustellen, wie es wäre unsterblich zu sein? Schmelzen Sie dahin, wenn in Filmen wie „Highlander – Es kann nur einen geben“ der Song „Who wants to live forever“ erklingt? Träumen Sie sich nach Schottland, wenn Sie Diana Gabaldon in die „Highland-Saga“ folgen und eine Frau begleiten, die in die Vergangenheit reisen kann und sich natürlich dort unsterblich in einen Sterblichen verliebt. Mögen Sie die TV-Serie „Outlander“, die auf dieser Saga basiert? Klingelt es in Ihrem Herzen, wenn Sie Worte wie Sassenach und Lallybroch vernehmen? Haben Sie sich mit Anne Brashares auf eine zeitlose Liebe eingelassen, die zwei Menschen über viele Jahrhunderte hinweg so intensiv miteinander verband, dass sie sich ständig „So nah und doch so fern“ waren?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Haben Sie in diesem kurzen Abriss Schlüsselbegriffe gefunden, die etwas in Ihnen auslösen? Oder lässt Sie das alles kalt und kommen Sie zu dem Entschluss, dass man Sie mit diesem Thema besser in Ruhe lässt? Wenn Sie ein leichtes emotionales Zittern spüren, das schon beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut verursacht, dann ist es so, dass Sie die richtige Fallhöhe erreicht haben, um sich auf Mattt Haig einzulassen. Dann ist es so, dass Sie nicht enttäuscht werden, wenn Sie zu diesem Roman greifen, weil er mit all diesen zeitlosen Bildern spielt, sie neu arrangiert und in schillerndsten Farben in einer grandiosen Geschichte anordnet. Genau dann sollten Sie sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen. Er ist der Missing Link zu allen vorherigen Büchern dieses Sujets. Es ist ein Muss, sich die Frage zu stellen „Wie man die Zeit anhält“. Warum?

Sehr einfach. Weil es brillant, tiefgründig, humorvoll und zutiefst emotional ist, was uns Matt Haig in seinem neuesten Roman erzählt. Darf ich Euch Tom Hazard vorstellen? Er lebt im hier und jetzt, könnte Euch im täglichen Leben begegnen, ist nicht sehr auffällig und wirkt eigentlich wie ein normaler Vierzigjähriger auf sein Umfeld. Nur, der Eindruck täuscht gewaltig, denn in ihm drin sieht es ein wenig anders aus. Tom ist in Wirklichkeit über 400 Jahre alt. Er ist sicher nicht unsterblich, aber der Alterungsprozess verläuft im Vergleich zu den „Eintagsfliegen“ (so bezeichnet er uns Normalsterbliche) schleppend. Das bringt natürlich ein großes Portfolio an Problemen mit sich, die sein Leben nicht so lebenswert erscheinen lassen, wie es sein sollte. Sein größtes Problem ist Einsamkeit. Er musste im Lauf seines Lebens viele Eintagsfliegen zurücklassen, sah sie altern und letztlich sterben. Ganz normal. Er jedoch altert kaum. Er bleibt eher der Alte, wobei das natürlich auch wieder problematisch ist.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Matt Haig entwickelt aus dieser Ausgangssituation eine brillante Geschichte, die uns zu den Wegbegleitern jenes Tom Hazard macht. Wegbegleiter, die nicht nur ihn im Verlauf seines langen Lebens kennenlernen, sondern die gleichzeitig die Jahrhunderte erleben, in deren Verlauf seine Veranlagung zu immer neuen Problemen führte. Das ist extrem durchdacht, wirkt plausibel und macht betroffen. Wie ging man im Lauf der Zeit mit Menschen um, die einfach nicht älter wurden? Konnte man sich da in einem Umfeld sicher fühlen, in dem Hexen verfolgt und verbrannt wurden? Geriet man nicht ins Visier von Menschen, die das Andersartige als tödliche Gefahr sahen? Der ethische Kontext der jeweiligen Zeit kennzeichnet den Kollisionskurs, auf dem sich Tom Hazard befindet.

Er lernt sehr schnell. Liebe ist fatal. Herzensbindungen einzugehen ist mehr als verstörend. Menschen zu verlieren, die man liebt, verfolgt den fast Unsterblichen fast durch das ganze Leben. Einziger Trost ist das Wissen, dass er nicht allein ist. Es gibt noch mehr Menschen, die seine Veranlagung teilen. Viele von ihnen haben sich einer geheimen Organisation angeschlossen, die das Weiterleben in sich ändernden Zeiten auf sichere Beine stellen. Man denke nur an Dokumente, Geburtsurkunden, Identitäten und nicht zuletzt auch an mögliche Berufe, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Der Tom Hazard unserer Zeit arbeitet zum Beispiel gerade als Geschichtslehrer. Wer könnte dieses trockene Fach seinen Schülern lebendiger näherbringen als jemand, der die Geschichte als Augenzeuge erlebt hat?

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Also gilt es die Regeln zu befolgen, die aus Sicht der Gesellschaft der Albatrosse als vernünftig gelten. Nicht verlieben, spätestens nach acht Jahren den Wohnort und die Identität wechseln, keine Fotos zulassen und Alleingänge derer verhindern, die der Organisation der Albatrosse nicht angehören. Konflikt- und Spannungspotenzial ohne Ende. Und Matt Haig holt alles raus, was rauszuholen ist. Brillant erzählt, keine Chance sich dem Spannungsbogen zu entziehen und wundersames Staunen, wenn wir an der Seite von Tom Hazard den Großen der Weltgeschichte persönlich begegnen. Ein klein wenig Smalltalk mit Shakespeare, eine Schiffsreise mit Captain Cook, ein Whisky mit Scott F. und Zelda Fitzgerald? Kein Problem. Sie sind alle da und so vital, wie man es sich nur wünschen kann.

Klingt alles lustig? Nicht wirklich. Matt Haig verbirgt in seiner fulminanten Story auch das ganz große Drama. Was passiert, wenn sich ein Albatros unsterblich verliebt? Was, wenn ein Kind als Frucht dieser Liebe entsteht. Ist die ewige Jugend vererbbar? Altert das Kind ebenso wenig wie sein Vater oder bleibt er jung, während er das eigene Kind auf dem Weg zum Greis begleitet? Was, wenn die Gesellschaft der Albatrosse sich zur Geheimgesellschaft entwickelt, die Opfer fordert? Und was, wenn Wissenschaftler aller Epochen den seltsamen Menschen auf die Spur kommen, die das Gen der fast ewigen Jugend in sich tragen? Und wie verhält sich Tom Hazard, wenn ihm plötzlich eine Frau begegnet, für die er alles aufgeben würde, weil er sich gegen alle Regeln verliebt? Alle Fragen beantwortet der Roman. „Wie man die Zeit anhält“ wird zum großen Leitmotiv eines Romans, der in einer Reihe mit Gabaldon und Brashares zu nennen ist, wenn es um die großen „Zeitgeschichten“ geht.

Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Das Buch aus dem Hause dtv ist ein wahrer Pageturner. Die Hörbuchfassung von Der Hörverlag besticht und brilliert mit der Auswahl des Sprechers, der in die Rolle von Tom Hazard schlüpft. Alle Emotionen gilt es hier zu transportieren. Das Changieren der Stimmungslagen ist hier das Kunstwerk an sich. Humor, Kuriositäten und Anekdoten in ständigem Wechsel mit Verlustangst, Trauer, Zweifel und Verliebtheit zur Entfaltung zu bringen ist das prädestinierte Betätigungsfeld für Christoph Maria Herbst. Was er ins Hörbuch zaubert, ist schlicht und ergreifend gar nicht schlicht aber doch ergreifend. Er spricht sich in alle Rollen hinein, macht Geschichte lebendig und reanimiert die Großen der Weltgeschichte.

Wenn ich jetzt sage, ich könnte Christoph Maria Herbst stundenlang zuhören und einfach nur genießen, was er mir erzählt, dann sage ich das aus gutem Grund. Es fußt auf meiner Hörerfahrung. Neuneinhalb Stunden trieb ich mit seiner Stimme ungekürzt durch alle wichtigen Epochen der Geschichte. Nie verlor ich den Faden, immer wieder holte er mich da ab, wo ich das Hören unterbrach. Und immer, wenn es galt Tränen zu lachen oder zu vergießen, gelang es Christoph Maria Herbst mich in die entsprechende Grundstimmung zu versetzen. Hören oder lesen? Ich kann mich nicht entscheiden. Die Vielfalt der Charaktere verleitet mich sehr zum Hören. Ein absolutes Erlebnis. Am Ende bleibt nur festzuhalten, dass die literarische Fallhöhe in diesem Roman extrem hoch ist. Lachenweinen garantiert.

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