WEST von Carys Davies – Die Story des Jahres

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

Ich kann mich kaum beherrschen. Es fällt schwer, nur eine Rezension zu schreiben und nicht gleich eine ganze Geschichte zu erzählen, die mich wie ein literarischer Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Es gibt Momente im Leben, da wäre es einfach nur schön, im Kreise guter Freunde an einem Lagerfeuer zu sitzen und die Frage: „Kennt jemand eine gute Story?“ mit einem wissenden Lächeln zu beantworten und dann im Lichtschein der züngelnden Flammen loszulegen. Es gibt Momente im Leben, in denen die Vorstellung der erstaunten Gesichter der Zuhörer am Ende der Geschichte alleine schon ausreicht, um den Tag zu einem Glückstag zu machen.

Ungefähr so muss sich Carys Davies gefühlt haben, als sie damit begonnen hat, ihren Roman WEST zu schreiben. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es muss ein göttliches Gefühl gewesen sein, diese Geschichte zu entwickeln und einer Idee zu folgen, die ebenso unverbraucht wie bestechend ist. Und doch wird sie schon bei den ersten Zeilen gewusst haben, dass sie auf jenen magischen Moment verzichten muss, am Ende ihrer Story in die fassungslosen Gesichter der Menschen schauen zu können, die ihr auf dem Weg durch ihren Wilden Westen gefolgt sind. Das erleben nur Erzähler, die in der traditionellsten Form des Storytelling die mündliche Überlieferung pflegen.

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WEST von Carys Davies

Ich werde natürlich den Teufel tun und hier die Geschichte erzählen. Aber glaubt mir, ich bin ganz nahe davor. Es ist zu verlockend, weil sie einfach zu gut ist. Ich werde mich beherrschen, schön brav bei der Rezensenten-Fahne bleiben, um meiner Mission zu folgen. Gute Geschichten möchte ich finden. Gute Geschichten möchte ich Euch an die Leserherzen legen. Gute Geschichten vor dem Untergang im endlosen Dickicht der zahllosen Neuerscheinungen zu bewahren, ist mein Ziel. Literarische Fixsterne möchte ich auf der Sternenkarte meiner kleinen literarischen Sternwarte zum Strahlen bringen. Genau einen solchen Leitstern habe ich hier in meiner Hand. Eine Geschichte, die man im Leben nicht vergessen wird. Ein Western, der jedoch alles ist, nur kein Western, wie sie normalerweise im Buche stehen.

„WEST“ von Carys Davies ist ein Roman mit Spurenelementen von Midlife-Crisis, MeToo-Szenarien, Expeditionen und Entdeckerreisen, Pioniergehabe und Ausbeutung der indianischen Urbevölkerung. Und das alles in einem Format, das mit 200 Seiten vielleicht eher an eine etwas überdimensionierte Kurzgeschichte erinnert, als an einen Wild-West-Wälzer voller Naturbeschreibungen und ausschweifenden Schießereien. Es geht um viel mehr in dieser Geschichte, die man in nur wenigen Stunden mit Haut und Haaren verputzt. Ein Leckerbissen für literarische Gourmets. Eine unvergessliche Story mit einem unglaublichen Twist in der Mitte des Buches, der dem geneigten Leser jeden noch denkbaren Atemhauch stocken und den Tränen freien Lauf lässt. Ein Wendepunkt wie ein apokalyptischer Dampfhammer. Für immer verbunden mit einem Fingerhut aus Kupfer, einer rosa-weiß gestreiften Damenbluse, einem Zylinder, einem brauen Mantel, einer Blechkiste und Stricknadeln. Glaubt mir, das Bild geht nicht mehr aus dem Kopf.

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WEST von Carys Davies

Pennsylvania, 1815. John Cyrus Bellman. Witwer, Vater seiner 10jährigen Tochter Bess. Maultierzüchter und an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sich die Frage stellt, ob das schon alles gewesen sein kann. Als er in der Zeitung von geheimnisvollen Knochenfunden in Kentucky liest, packen ihn Neugier, Abenteuerlust, Forscherdrang in gleichem Maße, aber eigentlich ist es eine Flucht vor dem immer gleichen Alltag. Cyrus packt und geht. Er packt lebenswichtige Dinge ein, persönliche Andenken an seine tote Ehefrau und Tauschwaren für Indianer, die ihm begegnen. Er folgt einer Idee und lässt seine kleine Tochter Bess bei seiner Schwester zurück.

Er verspricht seiner Tochter, regelmäßig zu schreiben, aber angesichts der vor ihm liegenden Distanz scheint es ein Abschied für lange Zeit zu sein. Länger jedenfalls, als es Bess lieb ist.

„Bess nickte. Ihre Augen brannten. Das war viel länger, als sie erwartet hatte.
„In zwei Jahren bin ich zwölf.“
„Ja, dann bist du zwölf.“
Er hob sie hoch und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.“

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WEST von Carys Davies

An diesem Punkt beginnt Cyrus Bellmans Ritt. Eine Forschungsreise ohne genaues Ziel. Hauptsache ausbrechen aus dem Trott des Lebens. Während er nach einer neuen Welt für sich sucht, zieht Zeit ins Land. Er trifft auf den Indianerjungen Alte Frau in der Ferne, der ihn fortan als Scout begleitet. Sein Lohn: Glasperlen, Spiegelscherben und bunte Bänder aus der Blechkiste von Cyrus Bellman. Was der Indianer in ihm sieht, ist für Bellman nicht zu erkennen. Weiße haben die Schwester des Indianers vergewaltigt und getötet, bevor sie den ganzen Stamm vertrieben. Es ist tiefer Hass, der mitreitet.

Während Bellman die Natur erforscht, drohen die Ereignisse zuhause zu entgleiten. Aus Bess wird das Forschungsobjekt der Männer in der Umgebung. Sie warten nur auf den richtigen Moment. Und der wird kommen. Dann ist sie fällig. Schutzlos ausgeliefert und herrlich jung. Sexuelle Belästigungen nehmen zu. Die Welt von Bess wird eng. Das Ende ist vorprogrammiert. Aus diesem Szenario entwickelt Carys Davies einen Plot mit zwei Handlungssträngen, die tausend Meilen voneinander entfernt ablaufen. Wir lernen die Menschen kennen, an deren Seite wir durch das Land reiten. Ahnen ihre Motive und Denkweisen. Lösen uns von Vorurteilen und beginnen zu vertrauen. Gleichzeitig haben wir unfassbare Angst um die kleine Bess, die zum Freiwild mutiert.

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WEST von Carys Davies

Dann schiebt sich uns ein Bild in den Weg, an dem wir verzweifeln. Ein Bild, dem wir glauben schenken und das uns extrem verstört. Ein Cut in der Geschichte, der uns mitten im Roman davon überzeugt, dass an dieser Stelle alles endet. Doch genau hier geht es eigentlich los. Weg mit unseren Vorurteilen, weg mit einem oberflächlichen Bild und weg mit der Angst. Ein atemlos machender Wettlauf mit der Zeit beginnt. Wer hier reitet, das muss selbst erlesen werden. Was er bei sich trägt, das darf niemals verraten werden. Carys Davies schreibt hier nicht den Showdown eines Westerns. Sie schafft es multiple Ebenen in einem dramatischen Szenario zu einer geschlossenen Einheit in der stillstehenden Zeit zu vereinen. Ein Ende, das man nie vergessen wird, weil alle Bilder und Gegenstände dieser Geschichte zu einem neuen Werk verwoben werden.

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Hier geht es zu weiteren WESTERN in der kleinen literarischen Sternwarte.

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WEST von Carys Davies

WEST“ von Carys Davies / Luchterhand Verlag / Hardcover / dt. von Eva Bonné / 208 Seiten / 20 Euro

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick – Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Totgesagte lesen länger. So oder so ähnlich könnte man alle Versuche beschreiben, das Genre Western abzuschreiben. Dabei erfreut sich genau diese eigene Welt der Literatur einer ganz besonderen Beliebtheit, was sich am großen Erfolg neuer Romane deutlich ablesen lässt. Und nicht nur hier brilliert das Genre, auch im Kino kommen die Zuschauer kaum noch aus dem Sattel, wenn es darum geht, Filmen wie The Revenant, Django Unchained oder The Hateful Eight die Referenz zu erweisen. Ein Erfolg, der auch in der Literatur weite Kreise zieht.

John Williams hat mit „Butcher`s Crossing den Abgesang auf die Büffeljagd in unser Abenteuerherz gepflanzt und Joe R. Lansdale wusste mit Das Dickicht nicht nur seine Leser zu überzeugen. Auch hier steht die Verfilmung an und wird für Furore sorgen. Was macht den Western in unserer Zeit so beliebt? Ein Genre, das noch vor 30 Jahren in Groschenromanen und Endlos-Fortsetzungen aus seiner Hüfte schoss. Zane Grey hat hier sicherlich die tiefsten Spuren in der Prärie hinterlassen und auch Jack London hat seine Lagerfeuer im Leser entfacht. Und natürlich ist es die gute Western-Tradition eines Karl May, der dieses Genre in Deutschland salonfähig geschrieben hat.

Als Trivialliteratur werden Western oftmals bezeichnet. Zugänglich und einfach zu erfassen. Leicht verständlich, unterhaltend und schön. Wenig anspruchsvolle Literatur, die durch simple Konstruktion und eher eindimensionale Charakterzeichnung zu einem wilden Ritt durch den stereotypen Wilden Westen einlädt. Dabei haben die Helden in ihrer schwarz-weiß-Zeichnung oft etwas liebenswert Naives an sich und das Böse ist deutlich und weithin erkennbar. Man erwarte hier keine Überraschungen. Einfach soll es schon sein und im finalen Showdown bleiben am Ende weder die Augen trocken, noch Fragen offen. Das sind Western.. Yihaaaa….

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Und nicht zuletzt sind es die wahren Helden der Pionierzeit, die man schöner gar nicht hätte erfinden können. Legenden ihrer Zeit, die bis heute überdauert haben. Billly the Kid, Buffalo Bill, Wild Bill Hickock und Calamity Jane, Whyatt Earp und Doc Holiday. Wer kennt sie nicht und bei wem klingen nicht die Geschichten nach, die von ihnen erzählen? Unsere Jugend ist geprägt von diesen Charakteren und wie oft sind wir in der Vergangenheit schon nach Dodge City, Santa Fe oder nach Deadwood gereist. Von Besuchen auf der Bonderosa Ranch einmal ganz abgesehen.

Und nun ist es wieder soweit. Es zieht mich in den Wilden Westen und mein Pferd kann es schon gar nicht mehr erwarten, mit mir gemeinsam aufzubrechen. Die Sachen sind schnell gepackt. Man braucht nicht viel in diesen Tagen. Die Satteltaschen bieten gerade einmal Platz für ein paar Konserven, eine Decke und Munition. Und die werde ich noch brauchen, denn (um es mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen), hier wartet eine absolute Unterhaltungspatrone darauf, von mir abgefeuert zu werden. Auf nach Deadwood. Zurück in die Zeit kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale, erschienen im Tropen Verlag, ist mein gebundener Reiseführer und South Dakota heißt mein Ziel. Die Goldgräber haben weite Landstriche erobert und ihre tiefen Spuren hinterlassen. Kleine Städte sind aus dem Boden geschossen und die wildesten Gesellen versuchen hier ihr Glück zu machen, indem sie entweder Gold finden oder einen Kontrahenten in Grund und Boden schießen. Kein leichtes Leben also. Nicht für die harten Männer und schon gar nicht für das zarte Geschlecht, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die hier lebenden Frauen nicht besonders zart besaitet waren.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Joe R. Lansdale erfüllt mit seinem klassischen Western alle Kriterien, die seinen Roman zu einem besonderen Genuss für Freunde dieses Genres machen. Und doch übertrifft er die Erwartungen erneut deutlich, da seine Geschichte viel mehr beinhaltet, als man erwarten dürfte. Seine Romane entfalten ihre Dimension nicht nur beim Lesen, sondern beinhalten Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit, die gerade heute von Bedeutung sind. Nicht ohne Grund erzählt er uns die Geschichte von Deadwood Dick, einem der wenigen schwarzen Cowboys, die ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben.

Hinter dem legendären Spitznamen verbirgt sich Nat Love, ein ehemaliger Sklave, der nach seiner Befreiung einen einzigen, aber umso verhängnisvolleren Fehler begeht. Er schaut einer weißen Lady auf den Allerwertesten. Soweit, so gut. Wäre da nicht die Lady, die gar nicht damenhaft behauptet, allein durch den Blick eines Schwarzen quasi vergewaltigt worden zu sein und wäre nicht ihr rassistischer Ehemann, der dem jungen Schwarzen ewige Rache schwört. Hier nimmt die Handlung Fahrt auf, denn dem armen Kerl bleibt nur die Flucht.

Während sich der wütende Mob zuerst an seinem Vater vergreift und alles zerstört, was nicht niet- und nagelfest ist, ahnt der Junge schon, dass dieser rassistische Zorn ihn lebenslang begleiten wird. Also nichts wie weg. Seine Flucht führt ihn auf eine Farm und zu einem Menschen, der ihm in seinen letzten Lebensstunden alles beibringt, was man zum Überleben braucht. Eine schicksalhafte Begegnung. Ausgestattet mit Waffen, Pferden und guten Ratschlägen geht die wilde Flucht weiter und führt den Ex-Sklaven in die Stadt der Legenden vom leichten Reichtum. Deadwood.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Der Western-Liebhaber bekommt, was er erwartet. Indianer, die es gar nicht gerne sehen, dass man ihr Land ungestraft betritt. Wilde Gefechte der Kavallerie, der sich Nat Love für kurze Zeit anschließt, legendäre Westernhelden, die seinen Weg kreuzen und, wie sollte es anders sein, eine erste Liebe in unmöglichen Zeiten. Win Finn erobert das Herz des jungen Mannes, der sich in Deadwood einen bleibenden Namen gemacht hat.

Wer konnte schon von sich behaupten, einigen chinesischen Prostituierten und Wild Bill Hickock persönlich die Haut gerettet zu haben? Wer konnte es mit Calamity Jane aufnehmen und wem war es zu Lebzeiten vergönnt, in Deadwood zu einer legendären Figur zu werden? Nat Love hat dies geschafft und spätestens als sich ein Romanautor an seine Fersen heftet, wird sein Name im ganzen Land zur Legende.

Doch wäre dies kein Western, wenn die Vergangenheit ruhen würde. Dieser eine Blick auf den Hintern einer Weißen holt ihn auch in Deadwood ein. Allerdings nicht so, wie Nat es erwartet hatte. Wachsam hatte er immer damit gerechnet, dass ihn der Hass auch hier einholen würde. Ihm war immer klar, dass sein Leben keinen Cent wert wäre, wenn er hier als Schwarzer ins Visier eines weißen Rächers käme. Als Win Finn jedoch spurlos verschwindet, ahnt er, dass man ihn an seiner verwundbarsten Stelle treffen will.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Western sind nicht für ihre Happy Ends bekannt. Western enden oft tragisch, blutig und doch darf sich der strahlende Held darauf freuen, wenn auch verletzt an Leib und Seele, in den Sonnenuntergang zu reiten. Ob Joe R. Lansdale auch hier den dunklen Erwartungen gerecht wird, sollte man selbst erlesen. Für Spannung ist gesorgt, derbe Szenen und wilde Romantik gehen Hand in Hand mit den Schießereien, ohne die man einfach nicht leben kann. Deadwood ist hier der Maßstab der Dinge. Das durfte man in der gleichnamigen HBO-Serie bereits bewundern.

Und doch bleibt mehr hängen, als in anderen Western. Die Ausgangssituation eines Blickes auf einen weißen Damenhintern wiederholte sich einige Jahrzehnte später in Harper Lees Klassiker Wer die Nachtigall stört und zeigt, wie sehr der Rassenhass auch Jahre nach Abschaffung der Sklaverei noch im Land of the Free verankert war. Und so setzt sich die Geschichte fort. Ta-Nehisi Coates schrieb mit Zwischen mir und der Welt ein Buch, das sehr deutlich zeigt, welche Konsequenzen das Menschenbild von einst auf die heutige Zeit im modernen Amerika hat.

Deadwood Dick wäre auch heute noch unbewaffnet eine gute Zielscheibe. Seine Hautfarbe würde schon ausreichen. Der Blick auf einen weißen Hintern wäre hier eher zufälliges Beiwerk, um ihn in Lebensgefahr zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten dunkelhäutigen Männern sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Belegt wurde dies durch eine Studie, die in diesem Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Nat Love würde wohl auch noch heute „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ führen. Seine größten Gegner wären leichter zu erkennen, als damals im Wilden Westen. Sie trügen Uniform.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Deadwood Dick” von Joe R. Lansdale in Verbindung stehen.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale- Die Bücherkette

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[Klassiker] Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Warum lese ich in der heutigen Zeit Klassiker? Warum greife ich im Lesen zurück?Warum in Anbetracht sich überschlagender Neuerscheinungen in die alten Geschichten von einst abtauchen, die für die heutige Literatur kaum noch als relevant zu bezeichnen sind? Warum gebe ich 35 Euro für ein Buch aus, das vor fast 190 Jahren erschienen ist, und über das alles gesagt, geschrieben und gedacht wurde? Warum nur?

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Und erwartet jetzt und hier bitte keine literarisch gefeilte Doktorarbeit, wenn ich den Versuch starte mir selbst zu erklären, was die Faszination eines solchen Klassikers für mich ausmacht. Ein gutes Beispiel habe ich ganz aktuell. Die Buchmesse Frankfurt 2014 erlebte einen Blogger, der sehr lange vor dem Klassiker-Regal des Hanser Verlages verharrte. Edel aufgemachte Bände, Romane gedruckt auf Seidenpapier und mit dem Prädikat „Neu übersetzt“ versehen hielten mich in Schach.

Und hier brannte er sich fest in mein Auge. Er verließ meine Gedanken nicht und ich musste an fast jedem Tag an ihn denken, an dem ich mich wieder zu entscheiden hatte, welches Buch als nächstes mein Lesen begleiten würde. Ich wünschte mir eine kleine Auszeit, völlig losgelöst von allen Erscheinungsterminen oder wundervollen Neuheiten. Ich wollte einfach zurück in eine Zeit, in die ich mich gerne zurückdenke. In die großen Romane meiner Jugend.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner“ von James Fenimore Cooper. Da stand er mit majestätisch anmutendem Cover und als wundervolle Prachtausgabe des Hanser Verlages. Er lachte mich an, flankiert von Moby Dick und der Schatzinsel. Er ließ mich nicht mehr los, weil allein der magische Klang des Autorennamens Erinnerungen in mir wachrief, die in der Tiefe meiner Jugend angelegt waren. Und wenn etwas so tief schlummert, dann plötzlich geweckt wird und sich in die tiefe Wunschliste meines Lesens hineinfrisst, dann kann ich nicht widerstehen.

Der eigentliche Wunsch, diesen Roman erneut zu lesen ist natürlich auch von vielen weiteren bibliophilen Triebfedern motiviert, weil ich mir darüber im Klaren bin, dass die wahren Klassiker niemals so geschrieben waren, wie wir sie eigentlich kennen. Weder die Schatzinsel, noch Die drei Musketiere oder Moby Dick waren als Jugendbücher angelegt. Das Dschungelbuch sollte definitiv keine jugendlichen Leser fesseln. All diese Bücher waren komplexe Romane für erwachsene Leser, die im 20. Jahrhundert durch dramatische Kürzungen und Vereinfachung zu den legendären Jugendbüchern wurden, die wir kennen.

Auch James Fenimore Cooper schrieb keinen Jugendroman. Er schrieb, wenn man seinen einleitenden Worten aus dem Jahr 1826 glauben darf einen „Bericht“. Er selbst sah seine Romane über Natty Bumppo, alias Falkenauge, alias Lederstrumpf, nicht als frei erfundene Fantasie-Geschichten an und wollte mit dem Prädikat „Ein Bericht“ den absoluten Wahrheitsgehalt dessen, was er über Indianer und das Land schrieb auf eine Ebene heben, die damals üblich war.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Und so verwundert es nicht, dass man neben seinem umfangreichen Vorwort sogar Warnungen an die Leserschaft von einst findet, die klar besagen, mit welcher Art von Literatur wir es zu tun haben. James Fenimore Cooper betont inständig, dass dieser Roman nichts, aber auch gar nichts für weibliche Leser des 19. Jahrhunderts ist… und er hat dafür gute Gründe:

„… empfiehlt er allen jungen Damen, deren Gedanken gewöhnlich innerhalb der vier Wände ihres behaglichen Wohnzimmers kreisen…, die Absicht (dieses Buch zu lesen) aufzugeben. Solchen jungen Damen rät er dies, weil sie das Buch, wenn sie es gelesen haben, gewiss als schockierend bezeichnen werden.“

Na bravo. Ich war bereit, in die Erinnerungen meiner Jugend einzutauchen und stieg in vollem Bewusstsein, eine reine Männerwelt zu betreten in diesen großen Klassiker der Weltliteratur ein. Und ich war von der ersten Seite an gefesselt und überrascht, welcher Erzählreichtum sich mir erschloss, weil ich James Fenimore Cooper eben bisher nur in den verknappten Fassungen meiner Jugendbücher erlebt habe. Nun wurde es mehr.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Er nimmt sich Zeit, ohne an Tempo zu verlieren. Er genießt es sehr, seine Leser in das Land einzuführen, ihnen die Seen zu beschreiben und den Lauf des Wassers zu erklären, um sie mit den Waldläufern der Mohikaner auf Augenhöhe zu bringen. Er lässt uns lauschen, fühlen, schmecken, wie der aufziehende Krieg zwischen den kolonialen Streithähnen Frankreich und England die gesamte Natur durcheinander bringt. Er lässt uns Pulverdampf riechen und erklärt das veränderte Leben der Irokesen, Mohikaner und Huronen im Nordosten Amerikas, der zum Schlachthof der Strebens nach der absoluten Vormachtstellung der europäischen Invasoren auserkoren war.

Erst dann führt er seine Protagonisten ein. Und auch hier genießt er es, sich Zeit zu lassen. Er wirft keine Namen in den Raum, er öffnet keinen Schrank voller Protagonisten und lässt sie wahllos in die Szenerie purzeln. Er lässt sie uns kennenlernen, bevor wir ihren Namen erfahren. Er lässt uns den ersten Eindruck eines Menschen erlesen und uns selbst ein Urteil bilden, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Erst dann schreibt er von Natty Bumppo, Magua, Unkas und Chingachgook und führt nach und nach die weiteren wichtigen Personen dieses wohl wichtigsten seiner Lederstrumpf-Romane ein

Er vermittelt ein präzises Bild des kriegerischen Konfliktes und bezieht persönlich Stellung auf Seiten der Engländer. Cooper lässt uns die englische Strategie erleben und platziert die Geschichte einer großen Flucht genau in das magische Fleckchen Erde um das legendäre Fort William Henry, seine tiefen Wälder, Wasserfälle, Seen und Flüsse. Verrat wird spürbar, wenn Cooper ihn andeutet. Angst wird fühlbar, wenn er sein Tempo verändert und in kaum einem Roman unserer Zeit würde man einem geheimnisvollen Geräusch fast fünfzehn Seiten einräumen, weil das einfach zu lang wäre. Hier ist es entscheidend und macht den Klassiker aus. Atmosphäre pur.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Alle Bilder der Vergangenheit tauchen beim Lesen vor meinem geistigen Auge auf. Ich sehe die Buchcover meiner Jugend, höre plötzlich die Musik des TV-Mehrteilers wieder und erinnere mich an jedes Wort aus den so schweigsamen Lippen von Hellmut Lange, dessen markante und vernarbte Gesichtszüge für mich dem Original von Natty Bumppo so sehr entsprechen, wie man es sich auch heute idealer nicht vorstellen kann. All diese Erinnerungen überfallen mich und doch spüre ich so viel mehr.

Die Übersetzung von Karen Lauer erlaubt es, der Sprache von einst zu lauschen. Begriffe, Satzkonstruktionen und Dialoge sind authentisch angelegt und überzeugen in ihrem leicht antiquarischen Flair, das zumeist flüssig umgesetzt ist. Hier stockt nichts. Hier muss man nicht stutzend mehrfach lesen, was kaum verstanden werden kann. Hier entwickelt sich eine zusätzliche Dimension zu einer Jugenderinnerung. Es wächst ein komplexer und vielschichtiger Roman mit tief angelegten Charakterzeichnungen heran, der von nun an immer mit meinen Bildern verwoben sein wird. (ABER: siehe Fußnote)

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Ich konnte nicht anders und blicke ein wenig verändert zurück in die Zeit meines ersten bewussten Leseabenteuers. Es ist in sich gewachsen, so wie ich in mir seit jener Zeit gewachsen bin. Und doch ist es so sehr Kind geblieben, wie ich niemals erwachsen werden möchte. Wir haben gemeinsam einen Schritt in die Zukunft gemacht und ich denke wirklich, wer den echten Lederstrumpf erleben möchte, der sollte sich selbst diese Liebeserklärung an die Literatur gönnen.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Sehe ich da Moby Dick? Liegt da die Schatzinsel? Entschuldigt, ich muss weiter. Ich nenne es Liebe… Ein Klassiker eben…

der letzte mohikaner killdeer

Fußnote zur Übersetzung von Karen Lauer:

Wenn man die folgende Originalpassage übersetzt muss man einiges berücksichtigen:

„Keep him in play, boy, until I can bring ‚killdeer‘ to bear..“

„Killdeer“ – Der Wildtöter ist einer der Romantitel der Lederstrumpf-Reihe von James Fenimore Cooper. Natty Bumppo`s legendäres Gewehr gibt ihm hier neben Falkenauge und Lederstrumpf seinen dritten „Kampfnamen“. Hier wäre, auch vor dem Hintergrund der kompletten Buchreihe die Verwendung des Begriffes Wildtöter oder Hirschtöter für die Waffe kausaler, stimmiger und harmonischer gewesen, als:

„Lenk ihn ab, Junge, bis ich ‚Tötet-das-Wild‘ zum Schuss bereit hab…“

Dies jedoch nur als kleine Randnotiz, die mein Lesevergnügen nicht geschmälert hat, aber an dieser Stelle hat das Lesen ganz kurz und heftig gehustet.

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Butcher`s Crossing von John Williams – It`s Western Time

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Es ist mal wieder an der Zeit, das buchige Lesepferd zu satteln und in einem gewagten Zeitsprung die kleine literarische Sternwarte zu verlassen und in den echten Wilden Westen zu reiten. Ich weiß dabei genau, worauf ich mich einlasse, denn nach meinem letzten abenteuerlichen Besuch im Dickicht von Joe R. Lansdale ist mir eine große Western-Erkenntnis geblieben: Das Genre lebt!

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Besonders dann, wenn ein echter Western alle Elemente mit sich bringt, die man sich als Leser in seinen kühnsten Abenteuerträumen erhofft und erwünscht. Die endlose Weite der Landschaft, ein paar authentische Charaktere und eine Handlung, die sich eben in anderen Genres nicht so leicht entwickeln lässt. Also schnell die Packliste durchgehen und alles in die Satteltaschen, was ich so für einen langen Ausritt dringend benötige.

Butcher`s Crossing“ – so heißt mein Ziel, irgendwo in Kansas soll es liegen und im eigentlichen Sinn kann man nicht von einer Stadt sprechen, obwohl das Kaff alle Merkmale aufweist, die damals erforderlich waren um als solche wahrgenommen zu werden. Ein Hotel, ein Saloon, eine Straße und ein paar Häuser. Mehr brauchte es schon nicht. Jedenfalls nicht in der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das Land begann sich gerade zu erholen, aufzuatmen und die Besiedelung des Wilden Westens geriet immer mehr in den Fokus der Menschen aus den großen Städten im Osten. 1870 – ein bewegtes Jahr…

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

„Butcher`s Crossing“ dümpelt noch am Rande der endlosen Prairie vor sich hin und hat eigentlich gar nichts als Natur zu bieten. Die Eisenbahn ist noch nicht in die entlegenen Winkel vorgedrungen, aber die ersten Vorboten der wachsenden Gier einer großen Nation haben sich auch hier bereits mehr als breit gemacht. Denn dieses kleine unscheinbare Örtchen liegt inmitten eines Landstrichs der für seinen Reichtum an Büffelherden bekannt war.

War! Richtig. Unzählige Jagdtrupps haben die unzähligen Büffel dezimiert und das Geschäft mit der Jagd auf die wertvollen Felle wird immer schwieriger. Nur noch kleine und gut verteilte Herden durchziehen die Landschaft. Die großen Zeiten der Jäger sind schon Vergangenheit. Dabei war es eigentlich gar keine Jagd. Es war das große Schlachten. Mehr kann man dazu nicht sagen. Das Fleisch ließ man vergammeln. Schnell das Fell abziehen und ab in die großen Städte. Die Nachfrage ist riesig.

Man konnte reich werden, wenn man gut war. Aber das ist lange her. Jetzt kommen nur noch selten Fremde ins diesen Landstrich, jedenfalls nicht mehr um das große Geld zu machen, sondern aus vielleicht sogar idealistischen und verklärten Gründen. Will Andrews zum Beispiel hat gerade die Universität beendet und folgt nun einem inneren Antrieb, die Landschaft des Westens einmal so zu erleben, wie sie sein großes Vorbild Ralph Waldo Emerson beschrieben hat.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Der junge Mann träumt von einer besonderen Beziehung zur unverfälschten Natur, versucht alle Klischees des Großstadtdenkens hinter sich zu lassen und den Menschen in „Butcher`s Crossing“ ebenso unverfälscht zu begegnen, wie er es selbst von ihnen erwartet. Ein Idealist und dabei doch zugleich ein absolutes Greenhorn, wenn es darum geht, den Westen auf eigenen Faust zu erobern.

Als er von einem der erfahrensten Büffeljäger der Gegend erfährt, dass es noch eine einzige unermesslich große Herde in einem weit abgelegenen Tal in den Colorado Rockies geben soll, erliegt er dem Lockruf, sich dieses Naturwunder mit eigenen Augen anzuschauen. Bevor er es sich richtig überlegt hat, steckt er bereits mitten im größten Abenteuer seines Lebens. Und da sonst niemand bereit ist, dem Einzelgänger Miller das Märchen von den Büffeln zu glauben, investiert der junge Mann ein Vermögen, um seine große Jagd nach dem verloren geglaubten Paradies selbst auszustatten.

Ein Fuhrwerk, ausreichend Munition, Verpflegung für ein paar Wochen und eine kleine aber fein ausgewählte Mannschaft. Mehr braucht es nicht, um endlich zu starten. Unter der Führung des erfahrenen Jägers Miller macht man sich gemeinsam auf den Weg. Vier Männer auf der Suche nach der letzten Chance, diese riesige Herde zu finden und ihren Traum vom Glück realisieren zu können. Und doch ist einer von ihnen anders. Will Andrews folgt seinen Gefühlen, als gebe es in jenem Tal Antworten auf alle Fragen seines Lebens.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Als er kurz vor der gemeinsamen Abreise aus „Butcher`s Crossing“ eine verstörende Erfahrung mit der Prostituierten Francine durchlebt, geht ihm diese Frau nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht war es die erste und einzige Frau in seinem Leben, die sich für ihn geöffnet hätte – und das nicht aus geschäftlichem Interesse, aber er ergriff lieber die Flucht. Eine Entscheidung, die er in so mancher langen Nacht bitter bereuen würde.

So, wie er allen Grund gehabt hätte, das gesamte Unternehmen zu bereuen, denn nichts läuft so, wie es geplant ist. Durststrecken, Irrfahrten und Hindernisse lassen allein schon die Reise zu jenem verwunschenen Tal zu einer Qual werden. Als sie dann endlich am Ziel ihrer Reise sind, können sie ihr Glück kaum fassen. Vom Rest der Menschheit bisher völlig unentdeckt, stoßen die Jäger auf die wohl größte Büffelherde des Westens. Und die große Jagd beginnt.

Der schiere Überfluss und die Verlockung vom schnellem Reichtum sorgen für ein Blutbad unter den Tieren. Schießen, häuten, schießen, häuten, schießen, häuten… Die Tage fließen im wilden Rhythmus des Schlachtens dahin und aus dem jungen Will Andrews wird ein Mensch, den er kaum wieder erkennt. Er wird zum Teil der Zerstörung durch Menschenhand, die im entscheidenden Moment Maß und Ziel aus dem Auge verliert.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Als der erste Schnee fällt, bemerken die Männer zu spät, dass sie nun Gefangene ihres Traums geworden sind. Eine Flucht aus dem Tal ist unmöglich. Für ein Bleiben sind sie nicht gerüstet. Nun beginnt auch für sie der harte Kampf ums Überleben, in dem sie zum ersten Mal auch die Menschen wahrnehmen, mit denen sie unterwegs sind. Dafür war bisher kaum Zeit. Ein dichter psychologischer Mantel hüllt die Jäger und ihre Hoffnungen ein und bringt ans Tageslicht, was bisher im Blutbad der Büffeljagd verborgen war.

John Williams (1922 – 1994) wird gerade neu entdeckt. Seit der Veröffentlichung seines Meisterwerks Stoner haben die Leser den wilden, direkten und doch auch stellenweise idealistisch romantisierenden Stil des Autors für sich entdeckt. Ihm gelingt es, die wilde Landschaft fühlbar zu machen, er schreibt seine Leser in den tiefen Frost einer Winternacht und taut sie mit selbst formulierten Sonnenstrahlen wieder auf. Er skizziert keine Charaktere, sondern lässt uns tief in die Denkwelten seiner Figuren eintauchen. Der Autor hat unser Pferd gesattelt und uns die Zügel in die Hand gegeben, aber die Richtung unserer Reise bestimmt er ganz alleine.

Kein Wunder, dass am Ende des grandiosen Natur-Romans nicht nur der Schnee zu schmelzen beginnt. John Williams entlässt seine Leser verändert in die Realität. Er hat in einem Winter wirklich alles verändert. Menschen, Städte, das ganze Land und die eigene Wahrnehmung. Er gibt dem Pferd von Will Andrews einen allerletzten, etwas wehmütigen Klaps und wir reiten mit ihm in den Sonnenuntergang. Allerdings nicht ohne zuvor einen Blick auf den Sinn des Lebens geworfen zu haben.

Und Francine schließlich sagen zu hören… „Aber ich habe mich geirrt. Du hast dich verändert. Du hast dich so verändert, dass du zurückgekommen bist.“

It`s Western Time bei AstroLibrium

It`s Western Time bei AstroLibrium

John Williams gelang mit „Butcher`s Crossing“ ein elegischer Rückblick auf die Zeit des Wilden Westens an der Schwelle seines Untergangs. Und mit dem Land gingen die Menschen unter, die es noch in dieser Form erleben durften.

„Man wird mit diesem Land nicht fertig, solange man sich darin aufhält; es ist zu groß, zu leer, und es sorgt dafür, dass in einem Lügen aufkommen. Man muss von hier fort, ehe man damit fertigwerden kann. Und keine Träume mehr…“

Pure Literatur: John Williams und „Augustus“ und „Stoner“ auf AstroLibrium. Und last but not least sein Debüt „Nichts als die Nacht– Der Kreis ist geschlossen.

Butcher`s crossing - astrolibrium - buchhandlung calliebe

Das Dickicht von Joe R. Lansdale – It`s Western Time

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

„Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war`s.“

Ja. Genau so war`s. Das kann ich wirklich bestätigen, seitdem ich die letzte Seite des Westerns Das Dickicht von Joe R. Lansdale (Tropen Verlag) gelesen und den Roman mit sehr gemischten Gefühlen verlassen habe. Genau so war`s. So und nicht anders. Mein Wort drauf.

„Gemischte Gefühle?“, werden Sie fragen. Ist das nicht ein schlechtes Zeichen, am Ende eines Westerns aus dem Sattel zu kippen und gemischte Gefühle zu haben? Und nur mal so: Wer liest heute noch Western? Ist deren beste Zeit nicht schon lange vorbei? Das reißt doch heute keinen gestählten Thriller-Leser mehr vom Lesehocker, was vor einigen Jahren noch mit rauchenden Colts und Wildwest-Romantik gewürzt wurde? Also wirklich… Ein brandaktueller Western? Klar, dass nur gemischte Gefühle bleiben.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Ich kann diesen Gefühlsmix erklären. Ich kann sogar versuchen zu beschreiben, was mit mir im „Dickicht“ geschah. Ich kann vielleicht sogar vermitteln, worum es in diesem scheinbar antiquierten Vertreter einer aussterbenden Art geht. Was ich nicht kann? Ich kann Ihnen das Lesen nicht ersetzen – und das sollten Sie unbedingt tun, wenn Sie meine gemischten Gefühle teilen möchten. Sie sollten diesen Western unbedingt lesen. Sie würden etwas verpassen, wenn… Nun wir werden ja sehen.

Wir befinden uns im Texas an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die goldene Zeit des Wilden Westens ist längst vergangen. Namen wie Jesse James, Whyatt Earp oder Doc Holliday sind längst Legende. Abgehalftert und deutlich in die Jahre gekommen zieht die „Wild-West-Show“ von Buffalo Bill durch die modernen Städte, um den Mythos am Leben zu halten. Erste Autos durchqueren Texas, Stromleitungen verbinden die kleinen Nester miteinander und das romantische Lagerfeuer in der Prärie gehört in weiten Teilen der Vergangenheit an.

Nur… So ganz hat sich diese Nachricht von der neuen Welt nicht verbreitet. Es gibt sie wirklich noch, die einsamen kleinen Farmen und Städtchen mit ihren Saloons und Freudenhäusern. Es gibt sie noch, die Wild-West-Widerstandsnester gegen die Moderne. Wilde Gegenden, in denen es zählt, wie schnell man den Colt ziehen und abfeuern kann, Abgelegen Regionen in denen alle abgedroschenen Klischées dieser längst vergangenen Zeit wie in einem Wildwest-Freilichtmuseum zu bestaunen sind. Aber Vorsicht: die Exponate schießen scharf.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Jack ist gerade 16, als seine Eltern von den Pocken hinweggerafft werden. Mit 16 ist man im Westen schon fast erwachsen, aber dieses „fast“ würde nicht zum Überleben reichen. Das wird Jack ganz schnell klar. Er trägt nun die Verantwortung für seine jüngere Schwester und das ganze kärgliche Land seiner Eltern. Gegen die Pocken hätte er jedoch keine Chance.

Da übernimmt Grandpa das Heft des Handelns, gräbt Gräber, verbrennt das Haus, verkauft Grund und Boden und verfrachtet seine Enkel auf einen Karren. Nichts wie weg hier und ab zu Verwandten – weit genug entfernt vom unheilvollen Ort des Todes. Weit weg und aus der Reichweite der Pocken. Weit weg und mit nichts unterwegs, als mit den wenigen Habseligkeiten, in denen sich die Pocken nicht einnisten konnten. Großvater weiß, was er tut. Er ist im Wilden Westen uralt geworden. Und das ist ein Prädikat für sich. Doch sein guter Fluchtplan scheitert bereits am ersten Fluss, den sie mit einer Fähre überqueren müssen.

Denn sie sind nicht alleine auf dem wackligen Floss. Als wären alle Schurken des Westens wieder auferstanden und hätten sich in nur drei finsteren Gestalten wieder vereint, befinden sie sich nun in der Gesellschaft von Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth, die genau diese Fähre für ihre Überfälle nutzen. Es kommt wie es kommen muss. Ein Streit, ein Handgemenge, ein toter Großvater, eine kenternde Fähre, Jack, der schwimmend entkommt und drei Mega-Schurken im Besitz einer aufregenden Beute: die 14-jährige Lula.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Jack schafft es mühsam bis ins nächste Kaff und wirft alles in die Waagschale, um seine Schwester zu retten. Allein ist er hilflos und er hat einen einzigen Trumpf, den er nun ausspielt. Er ist zahlungsfähig, da er die Landbesitzurkunde der verkauften Farmen seiner Eltern und seines Großvaters am Leibe trug. Er braucht nur eins, um seine Schwester zu retten. Kopfgeldjäger – und zwar die besten – mutige und skrupellose Revolvermänner, die es mit Cut Throat und seiner Bande aufnehmen können.

Das Schicksal meint es gut mit Jack. Er findet die Besten der Besten. Oder sagen wir… er findet unter den wenigen gerade Verfügbaren die Brauchbaren der Brauchbaren… oder vielleicht eher… Er findet die Einzigen, die gerade eben zufällig Zeit haben… also er findet JEMANDEN. Einen Zwerg namens Shorty, der in jeder freien Minute über den Sinn des Lebens philosophiert, Sterne beobachtet und Bücher von Mark Twain liest. Und natürlich dessen dunkelhäutigen Kumpel Eustace, den Sohn eines Ex-Sklaven. Der wirkt zwar mit seiner monströsen Schrotflinte recht gefährlich, aber zuverlässig ist er nur, wenn er nicht getrunken hat. Also… selten… Die einzige Konstante des Trios scheint Keiler zu sein. Ein rauflustiger und anhänglicher Eber. Richtig gelesen – EBER!

Auf dem Weg ins Dickicht schließen sich ihnen weitere heldenhafte Wegbegleiter an. Die brauchen sie auch zwingend, denn Cut Throat hat sich in seinem Versteck im Unterholz in die Arme seiner ganzen Privatarmee gerettet. So geht sie los, die wilde Jagd durch den wilden Westen. Jack, Shorty, Eustace, Keiler, der harmlose Sheriff Winton, eine geflohene Prostituierte namens Jimmie Sue und der junge Spot… Sie alle gegen eine deutliche Übermacht auf Seiten der Schurken. Ob es ihnen gelingt, Lula zu befreien und was wird das Mädchen durchgemacht haben, sollte sie überhaupt noch leben?

Auf geht´s ins Dickicht. Sattelt Eure Pferde und immer dem Zwerg nach! Ihr erkennt ihn ganz einfach am Pferd mit der Strickleiter an der Seite (wie sollte er auch sonst aufsteigen können). Hoooo Brauner….

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Was Joe R. Lansdale dann mit seinen Lesern veranstaltet ist kaum in Worte zu fassen. Ein Mix aus atemloser Spannung, emotionalem Tiefgang (ja – richtig gelesen, man sollte Shorty zuhören, wenn er philosophiert), romantischen Gefühlen im Angesicht von Todesgefahr (Jack wird vielleicht erwachsener, als ihm lieb ist… mit der Prostituierten Jimmie Sue im Sattel… öhm, an der Seite) und aberwitzig lustig in Dialogen und Schilderungen selbst der wildesten Schießereien.

Kostprobe zum Thema Zeugenbefragung:

„Wo hast du denn dieses abgesägte Stück Scheiße und den Nigger her?“

„Wir sind mit der Post gekommen“, sagte Shorty. „Von Sears and Roebuck. In dem Katalog ist eine Photographie von uns. Man kann uns bestellen. Unsere schlechte Laune ist im Lieferumfang inbegriffen. Ich werde dir jetzt eine Reihe einfacher Fragen stellen, und zwischen jeder Frage ziehe ich dir mit der Pistole eins über!“

Oder zum Thema Identifizierung von Opfern:

„Bevor sie aufbrachen schaute sich der Sheriff noch mal genauer an, was von den Toten übrig war, nur für den Fall, dass er jemand kannte, aber dafür hätte er schon einen Steckbrief gebraucht, auf dem der linke Hoden oder die Eingeweide eines Verbrechers abgebildet waren, denn mehr war von denen nicht übrig.“

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

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Kommen wir zu den gemischten Gefühlen zurück, die ich eingangs beschrieb. Ich war nass geschwitzt vor Spannung; habe Tränen gelacht vor makabrer Schadenfreude; habe innegehalten bei den tiefen Weltbetrachtungen eines riesigen Zwerges; war mehr als aufgeregt bei jedem tiefen Augenblick, den Jack und Jimmie Sue sich ganz heimlich zugeworfen haben; war sentimental berührt über die Beschreibungen des alten Wilden Westens und habe am Ende geheult wie ein Schlosshund, weil das Schlusskapitel der grandiosen Story die Krone aufsetzt.

Der Western lebt – zumindest, wenn er aus der Feder von Joe. R. Lansdale stammt. Wer sich an Spielfilmserien, wie „Lonesome Dove“ erinnert und diese liebt, der muss „Das Dickicht“ lesen. Wer „Game of Thrones“ verehrt und selbst erleben möchte, wie sich der Zweg Tyrion Lennister mit Colt und Pferd im Wilden Westen behauptet, der muss dieses Buch lesen – dieser Zwerg ist ebenso gigantisch. Ich habe da nicht übertrieben. Schaut mal, wie die Besetzungsentscheidung für die Verfilmung aussieht… hier

Und wer einfach nur in jeder Beziehung bestens unterhalten werden möchte, dem wünsche ich meine gemischten Gefühle. Ich garantiere, dass Shorty die Leserherzen erobern wird, wenn er darüber erzählt, was die wahre Liebe für ihn ist: Jemand der sich nicht scheut, bei Tageslicht Hand in Hand mit einem Liliputaner durch die Straßen einer Stadt zu gehen. Dieser Mann hat Tiefgang ohne Ende! Glauben Sie mir. Aber Sie würden nicht glauben, bei wem er diese Liebe findet.

It`s Western Time bei AstroLibrium

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