Tausend Monde von Sebastian Barry

Tausend Monde - Sebastian Barry - AstroLibrium

Tausend Monde – Sebastian Barry

Tausend Monde sind wohl vergangen, seit die Tage ohne Ende ihre Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Ein indianisches Zeitmaß, das ebenso für einen Wimpernschlag, wie für eine halbe Ewigkeit stehen kann. Als ich den ersten Teil dieses Epos in Händen hielt, war schon klar, dass Sebastian Barry ihn weiterführen würde. Ich entschloss mich dazu, mit dem Lesen so lange zu warten, bis beide Bücher Teil meiner Bibliothek wären und ich nahtlos weiterlesen könnte. Eine Entscheidung, die sich heute als genau richtig erwiesen hat. Zu sehr sind die beiden Teile miteinander verwoben und zu lange hätte es gedauert, eine beeindruckend erzählte Geschichte an ihr Ziel bringen zu können. Es ist die bewegende Geschichte der Weg- und Lebensgefährten Thomas McNulty und John Cole. Es sind die Indianerkriege und der Wilde Westen, die einen Handlungsrahmen skizzieren, den Barry in schillernden Farben ausmalt. Am Ende des ersten Teils gelingt es beiden, ein kleines Indianermädchen zu retten. Und so endeten auch meine Gedanken zu Tage ohne Ende:

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Bald ist es so weit.

Genau hier bin ich heute angelangt. „Tausend Monde“ später. Ein Wimpernschlag für mich, eine Ewigkeit für Winona, der ich jetzt in ihren Teil der Geschichte folge. Ein bewegender Moment, die ersten Worte im Buch zu lesen: „Ich bin Winona.“

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Wie sieht ihre Sicht der Dinge aus? Wie fühlt sich die jetzt 17jährige Lakota, die seit Jahren ihre Herkunft leugnen und doch für alle deutlich als Indianerin erkennbar, unter Weißen leben muss? Ein Mädchen, für das es nur völlige Assimilation gibt, um seinen Platz im Leben zu finden? In einem Land, in dem Law and Order eher für den Zustand tiefer Gesetzlosigkeit steht, Reiter mit weißen Kapuzen ihre Lynchjustiz zelebrieren und die Befreiung des Sklaven nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges nur ein Gerücht zu sein scheint? Und sie mittendrin. Weniger wert, als ein Schwarzer und im Herzen doch immer noch ihrem Stamm verbunden. Jenem Stamm, der vor langer Zeit von der US-Kavallerie ausgelöscht wurde. Unter Beteiligung eben jener beiden Männer, die sich nach dem Massaker so liebevoll um sie gekümmert hatten. Welche Stürme in ihrem Herzen toben, kann nur Winona selbst erzählen.

Sebastian Barry schlüpft in ihre Haut, er spricht ihre Stimme und die Sprache einer jungen Frau, die seit Jahren unter Weißen lebt und eine passable schulische Bildung genießen durfte. Es ist nicht mehr der Slang eines Thomas McNulty aus dem ersten Teil, der diese Erzählung so authentisch macht. Jetzt sind es die Innenansichten eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die diesem Text Tiefe verleihen. In Rückblicken berichtet Winona von der Welt, in der sie aufgewachsen war und erzählt dann vom Leben an der Seite der beiden Männer, die sie einst bei sich aufgenommen hatten. Eine Allianz von Menschen, die weit außerhalb der Normenwelt leben. Sie, die Indianerin und ihre „Eltern“ zwei Männer, die wie ein altes Ehepaar miteinander leben. Im konservativen Westen bilden sie auf ihrer Farm eine Zielscheibe für alle denkbaren Anfeindungen.

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Es ist Sebastian Barry gelungen, den Spannungsbogen des ersten Teils in seine Fortsetzung zu übertragen und eine Geschichte weiterzuerzählen, die nicht nur der indianischen Urbevölkerung, sondern auch den Menschen gerecht wird, denen es nicht egal war, wie rechtlos die Nachfahren der stolzen Indianerstämme leben mussten. Aus diesen Elementen der konsequenten Benachteiligung und Unterdrückung lässt der Autor eine Welt entstehen, die uns zu Verbündeten der Underdogs in dieser Erzählung macht. Wir kämpfen gegen Ungerechtigkeit, widersetzen uns den aufflammenden und nicht auszurottenden rassistischen Sichtweisen der weißen Bevölkerung, erkennen in Winona eine junge Frau, die ihren eigenen Weg gehen will und bereit ist, konsequent für sich und die Menschen in ihrem Umfeld einzustehen. Eingebettet in eine plausible und spannende Story, bringt Barry die Stärken und Schwächen seiner Protagonisten zum Vorschein.

Aus Winonas Perspektive und mit ihren Worten schließt er die Kreise, die wir als Lesende so gerne geschlossen sehen wollten. Es sind Worte, die angesichts eines ersten Teils dieses Romans unglaublich tief unter die Haut gehen:

„Wie kam es, dass ich das Glück hatte, Männer um mich zu haben, die so gut wie Frauen waren? Ich glaube, nur eine Frau weiß, wie man leben soll; ein Mann ist meist zu hastig, vorschnell. Diese Waffe mit schon halb gespanntem Hahn verwundet aufs Geratewohl. In meinen Männern dagegen fand ich unerschütterliche, lebendige Weiblichkeit. Welches Glück. Welche Fülle von wirklichem Reichtum!“

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Sebastian Barry erzählt einen wichtigen Teil der amerikanischen Geschichte aus irisch-indianischer Perspektive. Es ist genau dieser Mix, der „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“ zu einer unzertrennlichen Einheit macht. Auf den letzten Seiten des Romans geriet ich in arge Zweifel, ob es dem Autor gelingen würde, diese Geschichte überhaupt zu einem Ende bringen zu können. Zu spannend ist das Finale, zu eng wird es für alle Beteiligten. Winona nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand, um diejenigen zu schützen, denen sie alles verdankt. Als sie des Mordes an einem Weißen beschuldigt wird, erhebt sich die stolze Indianerin, um „ihre Männer“ nicht in Gefahr zu bringen.

„John Cole, der Kiel meines Bootes,
Thomas, die Ruder und die Segel.“

Absolut lesenswert. Fesselnd, menschlich, bewegend und spannend. Was will man mehr von einem Buch? Auf in den Wilden Westen. Es gibt noch vieles zu entdecken, was uns im Mainstream bisher vorenthalten wurde. Das ist keiner. 

Bestätigen auch Constanze auf Zeichen & Zeiten und Petra auf Literatur Reich

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Weiter geht´s mit Sebastian Barry: „Annie Dunne“ – Auf nach Irland

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Tage ohne Ende von Sebastian Barry

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Es sind die Legionen von Auswanderern, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihren Lebensraum verließen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Es war die tiefe Armut, die dafür verantwortlich war, dass die von der Britischen Krone unterdrückten Arbeiter und Bauern in die Welt zogen. Die Besiedelung der Vereinigten Staaten von Amerika wäre ohne irische Einwanderer nicht möglich gewesen. Städtebau, Eisenbahnen und nicht zuletzt die amerikanische Armee wären undenkbar ohne irisches Blut.

Als starrköpfig, heimatverbunden, treu, trinkfest und verwegen werden Iren nicht nur in der Literatur bezeichnet. Sie stehen auch heute noch zu den weitverbreiteten Klischees und Zerrbildern, weil sie sich gut damit arrangieren können. Es ist der große Stolz auf das grüne Kleeblatt, der sie eint und doch wurden sie von der Weltgeschichte oft genug so weit verwirbelt, dass sie sich in fremden Ländern plötzlich gegeneinander kämpfen sahen. Auf nicht wenigen Schlachtfeldern im 19. Jahrhundert erlebte man auf beiden Seiten der formierten Schlachtreihen das grüne Kleeblatt und die Harfe auf den Fahnen der gegnerischen Parteien. Für waschechte Iren ein wahrer Schock, von dem sie sich lange nicht erholen sollten. Ein tiefer Riss durch eine gemeinsame Geschichte, der sich wie eine nie vernarbte Wunde durch die Jahrhunderte zog. Sebastian Barry schrieb auch darüber…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Wenn man das berücksichtigt, ist es schwer, seinen Roman Tage ohne Ende in ein Genre-Schema zu fassen. Was sich augenscheinlich wie ein Western anfühlt und im Gewand einer uramerikanischen Erzählung über Indianerkriege, die Besiedlung des Wilden Westens und den Bürgerkrieg daherkommt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein irischer Roman, den es an einen anderen Schauplatz verschlagen hat. Sebastian Barry ist virtuos darin, sich ein Land und seine Geschichte untertan zu machen, wenn es darum geht von den Menschen zu erzählen, die ihm am Herzen liegen. Er ist nichts anderes als ein irischer literarischer Auswanderer, der sein Glück auf fremdem Boden sucht. Das muss man wissen, bevor man sich der Szenerie nähert, die sich wie „Tage ohne Ende“ durch das Lesen zieht. Es ist der tiefe irische Grundton einer Erzählung, der hier die Fanfarenstöße der US-Kavallerie ersetzt. Es ist das Kleeblatt und die Harfe auf den Flaggen der Konföderierten und Unionssoldaten, das zum Hoheitszeichen der Soldaten wird, unter dem sie kämpfen.

Western? Kriegsroman? Indianerstory? Western-Trail-Erzählung? Was denn nun, fragen wir uns, wenn wir am Ende der ersten „Tage ohne Ende am Lagerfeuer sitzen und unseren beiden Weggefährten Thomas McNulty und John Cole zuhören. Nichts von alledem oder alles im neuen Gewand? Aus meiner Sicht ist dieser Roman alles und doch wieder nur fragmentarisch das, was man von ihm halten mag. Er ist Sozialstudie und Psychogramm seiner Protagonisten zugleich, fordernd und sogar überfordernd für Leser und Rezensenten, weil sie nicht zu fassen bekommen, was sie hier erwartet. In großen Aufzügen erfüllt Sebastian Barry die Erwartungen an den Wilden Westen des ersten Drittels im 19. Jahrhunderts. Man schmeckt das Land, man riecht die Menschen und fühlt die Einsamkeit von zwei jungen irischen Einwanderern, die um ihr Überleben kämpfen. Als Mädchen verkleidet treten die beiden 17-jährigen Jungs in einem Saloon auf. Frauenmangel schrieb die seltsamsten Geschichten. Dies ist eine davon.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Kein Job, den man lange durchhalten kann. Besonders, weil nur die eigene Jugend dem Beuteschema der Saloon-Kunden entspricht. Für den miesesten Lohn aller Zeiten verpflichten sich die Jungs zum Dienst in der US-Kavallerie. Jetzt sind wir mittendrin im typischen Atemhauch eines Westerns. Indianerkriege, Geleitschutz für Siedlertrecks in unwirtlicher Landschaft, das Fort Kearny mit seinem endlosen Mangel an allem und die Kameradschaft der Soldaten. Und doch unterscheidet sich alles vom Western, wie man ihn sich eigentlich vorstellt. Sprachlich verzaubert uns Sebastian Barry mit der Stimme von Thomas McNulty, aus dessen Sichtweise er diese Geschichte erzählt. Fast schon Slang, nicht gestelzt und fein ausformuliert, verknappt und pur entdecken wir Seiten an unseren Weggefährten, die das Genre zu sprengen scheinen. Thomas und John sind nicht nur durch ihr Schicksal miteinander verbunden. Es ist aufrichtige Liebe und eine verzweifelte Leidenschaft, die sie in den schlimmsten Momenten ihres Lebens retten.

An dieser Stelle zeigen sich die Probleme von Lesenden und Rezensenten, die nur kaum in Worte fassen können, was ihnen nun begegnet. Von „schwulen Soldaten“ ist oft die Rede, von „Homosexualität im Western“ den „beiden verliebten Soldaten“ und schon zieht man Vergleiche zu „Brokeback Mountain“, einem Film, in dem dieses Thema im Cowboy-Milieu die zentrale Rolle spielt. Völlig daneben, diese Vergleiche. Was sich mit drei Zitaten leicht belegen lässt. Sehen wir uns nur an, warum Thomas McNulty nach dem Dienst an der Waffe Frauenkleider anzieht, um seinen inneren Frieden zu finden:

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Ich fühle mich als Frau, mehr als ich mich je als Mann gefühlt habe, trotzdem ich einen Großteil meines Lebens Soldat gewesen bin.

Als Frau bin ich entspannt, als Mann verkrampft. Als Mann sind meine Glieder gebrochen, als Frau geheilt. Ich lege mich mit der Seele einer Frau zu Bett wache auch mit ihr auf.

Vielleicht bin ich als Mann zur Welt gekommen, und ich habe mich in eine Frau verwandelt. Vielleicht war der Junge, dem John Cole begegnete, schon damals ein Mädchen.

Hier haben wir eine zutiefst authentische Geschichte über eine „Trans-Frau“ vor uns, die sich im Alltag als Mann verkleiden muss, um im Wilden Westen überleben und durchhalten zu können. Aus der Sicht von Thomas McNulty erleben wir jene Massaker an der indianischen Urbevölkerung, wir ziehen in den Bürgerkrieg, kämpfen in brutalen Schlachten gegen irische Landsleute, desertieren und werden wieder aufgespürt. Und dabei tobt das eigentliche Gefecht in Thomas selbst. Nur John Cole bleibt ihm treu bis zur Selbstaufgabe. Ein großer irischer Roman, das sagte ich bereits. Eine Geschichte voller Wendungen und unerwarteter Höhepunkte. Eine Liebesgeschichte zweifelsohne und auch die Geschichte einer Rettung…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Hier geht es weiter!

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Weitere Western bei AstroLibrium finden Sie hier. Über Sebastian Barry schrieb ich anlässlich seines Romans Ein langer, langer Weg. Und nach Irland möchte ich sie auch gerne literarisch entführen. Hier geht´s lang. Lesen Sie gut.

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WEST von Carys Davies – Die Story des Jahres

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WEST von Carys Davies

Ich kann mich kaum beherrschen. Es fällt schwer, nur eine Rezension zu schreiben und nicht gleich eine ganze Geschichte zu erzählen, die mich wie ein literarischer Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Es gibt Momente im Leben, da wäre es einfach nur schön, im Kreise guter Freunde an einem Lagerfeuer zu sitzen und die Frage: „Kennt jemand eine gute Story?“ mit einem wissenden Lächeln zu beantworten und dann im Lichtschein der züngelnden Flammen loszulegen. Es gibt Momente im Leben, in denen die Vorstellung der erstaunten Gesichter der Zuhörer am Ende der Geschichte alleine schon ausreicht, um den Tag zu einem Glückstag zu machen.

Ungefähr so muss sich Carys Davies gefühlt haben, als sie damit begonnen hat, ihren Roman WEST zu schreiben. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es muss ein göttliches Gefühl gewesen sein, diese Geschichte zu entwickeln und einer Idee zu folgen, die ebenso unverbraucht wie bestechend ist. Und doch wird sie schon bei den ersten Zeilen gewusst haben, dass sie auf jenen magischen Moment verzichten muss, am Ende ihrer Story in die fassungslosen Gesichter der Menschen schauen zu können, die ihr auf dem Weg durch ihren Wilden Westen gefolgt sind. Das erleben nur Erzähler, die in der traditionellsten Form des Storytelling die mündliche Überlieferung pflegen.

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WEST von Carys Davies

Ich werde natürlich den Teufel tun und hier die Geschichte erzählen. Aber glaubt mir, ich bin ganz nahe davor. Es ist zu verlockend, weil sie einfach zu gut ist. Ich werde mich beherrschen, schön brav bei der Rezensenten-Fahne bleiben, um meiner Mission zu folgen. Gute Geschichten möchte ich finden. Gute Geschichten möchte ich Euch an die Leserherzen legen. Gute Geschichten vor dem Untergang im endlosen Dickicht der zahllosen Neuerscheinungen zu bewahren, ist mein Ziel. Literarische Fixsterne möchte ich auf der Sternenkarte meiner kleinen literarischen Sternwarte zum Strahlen bringen. Genau einen solchen Leitstern habe ich hier in meiner Hand. Eine Geschichte, die man im Leben nicht vergessen wird. Ein Western, der jedoch alles ist, nur kein Western, wie sie normalerweise im Buche stehen.

„WEST“ von Carys Davies ist ein Roman mit Spurenelementen von Midlife-Crisis, MeToo-Szenarien, Expeditionen und Entdeckerreisen, Pioniergehabe und Ausbeutung der indianischen Urbevölkerung. Und das alles in einem Format, das mit 200 Seiten vielleicht eher an eine etwas überdimensionierte Kurzgeschichte erinnert, als an einen Wild-West-Wälzer voller Naturbeschreibungen und ausschweifenden Schießereien. Es geht um viel mehr in dieser Geschichte, die man in nur wenigen Stunden mit Haut und Haaren verputzt. Ein Leckerbissen für literarische Gourmets. Eine unvergessliche Story mit einem unglaublichen Twist in der Mitte des Buches, der dem geneigten Leser jeden noch denkbaren Atemhauch stocken und den Tränen freien Lauf lässt. Ein Wendepunkt wie ein apokalyptischer Dampfhammer. Für immer verbunden mit einem Fingerhut aus Kupfer, einer rosa-weiß gestreiften Damenbluse, einem Zylinder, einem brauen Mantel, einer Blechkiste und Stricknadeln. Glaubt mir, das Bild geht nicht mehr aus dem Kopf.

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WEST von Carys Davies

Pennsylvania, 1815. John Cyrus Bellman. Witwer, Vater seiner 10jährigen Tochter Bess. Maultierzüchter und an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sich die Frage stellt, ob das schon alles gewesen sein kann. Als er in der Zeitung von geheimnisvollen Knochenfunden in Kentucky liest, packen ihn Neugier, Abenteuerlust, Forscherdrang in gleichem Maße, aber eigentlich ist es eine Flucht vor dem immer gleichen Alltag. Cyrus packt und geht. Er packt lebenswichtige Dinge ein, persönliche Andenken an seine tote Ehefrau und Tauschwaren für Indianer, die ihm begegnen. Er folgt einer Idee und lässt seine kleine Tochter Bess bei seiner Schwester zurück.

Er verspricht seiner Tochter, regelmäßig zu schreiben, aber angesichts der vor ihm liegenden Distanz scheint es ein Abschied für lange Zeit zu sein. Länger jedenfalls, als es Bess lieb ist.

„Bess nickte. Ihre Augen brannten. Das war viel länger, als sie erwartet hatte.
„In zwei Jahren bin ich zwölf.“
„Ja, dann bist du zwölf.“
Er hob sie hoch und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.“

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WEST von Carys Davies

An diesem Punkt beginnt Cyrus Bellmans Ritt. Eine Forschungsreise ohne genaues Ziel. Hauptsache ausbrechen aus dem Trott des Lebens. Während er nach einer neuen Welt für sich sucht, zieht Zeit ins Land. Er trifft auf den Indianerjungen Alte Frau in der Ferne, der ihn fortan als Scout begleitet. Sein Lohn: Glasperlen, Spiegelscherben und bunte Bänder aus der Blechkiste von Cyrus Bellman. Was der Indianer in ihm sieht, ist für Bellman nicht zu erkennen. Weiße haben die Schwester des Indianers vergewaltigt und getötet, bevor sie den ganzen Stamm vertrieben. Es ist tiefer Hass, der mitreitet.

Während Bellman die Natur erforscht, drohen die Ereignisse zuhause zu entgleiten. Aus Bess wird das Forschungsobjekt der Männer in der Umgebung. Sie warten nur auf den richtigen Moment. Und der wird kommen. Dann ist sie fällig. Schutzlos ausgeliefert und herrlich jung. Sexuelle Belästigungen nehmen zu. Die Welt von Bess wird eng. Das Ende ist vorprogrammiert. Aus diesem Szenario entwickelt Carys Davies einen Plot mit zwei Handlungssträngen, die tausend Meilen voneinander entfernt ablaufen. Wir lernen die Menschen kennen, an deren Seite wir durch das Land reiten. Ahnen ihre Motive und Denkweisen. Lösen uns von Vorurteilen und beginnen zu vertrauen. Gleichzeitig haben wir unfassbare Angst um die kleine Bess, die zum Freiwild mutiert.

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WEST von Carys Davies

Dann schiebt sich uns ein Bild in den Weg, an dem wir verzweifeln. Ein Bild, dem wir glauben schenken und das uns extrem verstört. Ein Cut in der Geschichte, der uns mitten im Roman davon überzeugt, dass an dieser Stelle alles endet. Doch genau hier geht es eigentlich los. Weg mit unseren Vorurteilen, weg mit einem oberflächlichen Bild und weg mit der Angst. Ein atemlos machender Wettlauf mit der Zeit beginnt. Wer hier reitet, das muss selbst erlesen werden. Was er bei sich trägt, das darf niemals verraten werden. Carys Davies schreibt hier nicht den Showdown eines Westerns. Sie schafft es multiple Ebenen in einem dramatischen Szenario zu einer geschlossenen Einheit in der stillstehenden Zeit zu vereinen. Ein Ende, das man nie vergessen wird, weil alle Bilder und Gegenstände dieser Geschichte zu einem neuen Werk verwoben werden.

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Hier geht es zu weiteren WESTERN in der kleinen literarischen Sternwarte.

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WEST von Carys Davies

WEST“ von Carys Davies / Luchterhand Verlag / Hardcover / dt. von Eva Bonné / 208 Seiten / 20 Euro

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick – Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Totgesagte lesen länger. So oder so ähnlich könnte man alle Versuche beschreiben, das Genre Western abzuschreiben. Dabei erfreut sich genau diese eigene Welt der Literatur einer ganz besonderen Beliebtheit, was sich am großen Erfolg neuer Romane deutlich ablesen lässt. Und nicht nur hier brilliert das Genre, auch im Kino kommen die Zuschauer kaum noch aus dem Sattel, wenn es darum geht, Filmen wie The Revenant, Django Unchained oder The Hateful Eight die Referenz zu erweisen. Ein Erfolg, der auch in der Literatur weite Kreise zieht.

John Williams hat mit „Butcher`s Crossing den Abgesang auf die Büffeljagd in unser Abenteuerherz gepflanzt und Joe R. Lansdale wusste mit Das Dickicht nicht nur seine Leser zu überzeugen. Auch hier steht die Verfilmung an und wird für Furore sorgen. Was macht den Western in unserer Zeit so beliebt? Ein Genre, das noch vor 30 Jahren in Groschenromanen und Endlos-Fortsetzungen aus seiner Hüfte schoss. Zane Grey hat hier sicherlich die tiefsten Spuren in der Prärie hinterlassen und auch Jack London hat seine Lagerfeuer im Leser entfacht. Und natürlich ist es die gute Western-Tradition eines Karl May, der dieses Genre in Deutschland salonfähig geschrieben hat.

Als Trivialliteratur werden Western oftmals bezeichnet. Zugänglich und einfach zu erfassen. Leicht verständlich, unterhaltend und schön. Wenig anspruchsvolle Literatur, die durch simple Konstruktion und eher eindimensionale Charakterzeichnung zu einem wilden Ritt durch den stereotypen Wilden Westen einlädt. Dabei haben die Helden in ihrer schwarz-weiß-Zeichnung oft etwas liebenswert Naives an sich und das Böse ist deutlich und weithin erkennbar. Man erwarte hier keine Überraschungen. Einfach soll es schon sein und im finalen Showdown bleiben am Ende weder die Augen trocken, noch Fragen offen. Das sind Western.. Yihaaaa….

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Und nicht zuletzt sind es die wahren Helden der Pionierzeit, die man schöner gar nicht hätte erfinden können. Legenden ihrer Zeit, die bis heute überdauert haben. Billly the Kid, Buffalo Bill, Wild Bill Hickock und Calamity Jane, Whyatt Earp und Doc Holiday. Wer kennt sie nicht und bei wem klingen nicht die Geschichten nach, die von ihnen erzählen? Unsere Jugend ist geprägt von diesen Charakteren und wie oft sind wir in der Vergangenheit schon nach Dodge City, Santa Fe oder nach Deadwood gereist. Von Besuchen auf der Bonderosa Ranch einmal ganz abgesehen.

Und nun ist es wieder soweit. Es zieht mich in den Wilden Westen und mein Pferd kann es schon gar nicht mehr erwarten, mit mir gemeinsam aufzubrechen. Die Sachen sind schnell gepackt. Man braucht nicht viel in diesen Tagen. Die Satteltaschen bieten gerade einmal Platz für ein paar Konserven, eine Decke und Munition. Und die werde ich noch brauchen, denn (um es mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen), hier wartet eine absolute Unterhaltungspatrone darauf, von mir abgefeuert zu werden. Auf nach Deadwood. Zurück in die Zeit kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale, erschienen im Tropen Verlag, ist mein gebundener Reiseführer und South Dakota heißt mein Ziel. Die Goldgräber haben weite Landstriche erobert und ihre tiefen Spuren hinterlassen. Kleine Städte sind aus dem Boden geschossen und die wildesten Gesellen versuchen hier ihr Glück zu machen, indem sie entweder Gold finden oder einen Kontrahenten in Grund und Boden schießen. Kein leichtes Leben also. Nicht für die harten Männer und schon gar nicht für das zarte Geschlecht, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die hier lebenden Frauen nicht besonders zart besaitet waren.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Joe R. Lansdale erfüllt mit seinem klassischen Western alle Kriterien, die seinen Roman zu einem besonderen Genuss für Freunde dieses Genres machen. Und doch übertrifft er die Erwartungen erneut deutlich, da seine Geschichte viel mehr beinhaltet, als man erwarten dürfte. Seine Romane entfalten ihre Dimension nicht nur beim Lesen, sondern beinhalten Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit, die gerade heute von Bedeutung sind. Nicht ohne Grund erzählt er uns die Geschichte von Deadwood Dick, einem der wenigen schwarzen Cowboys, die ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben.

Hinter dem legendären Spitznamen verbirgt sich Nat Love, ein ehemaliger Sklave, der nach seiner Befreiung einen einzigen, aber umso verhängnisvolleren Fehler begeht. Er schaut einer weißen Lady auf den Allerwertesten. Soweit, so gut. Wäre da nicht die Lady, die gar nicht damenhaft behauptet, allein durch den Blick eines Schwarzen quasi vergewaltigt worden zu sein und wäre nicht ihr rassistischer Ehemann, der dem jungen Schwarzen ewige Rache schwört. Hier nimmt die Handlung Fahrt auf, denn dem armen Kerl bleibt nur die Flucht.

Während sich der wütende Mob zuerst an seinem Vater vergreift und alles zerstört, was nicht niet- und nagelfest ist, ahnt der Junge schon, dass dieser rassistische Zorn ihn lebenslang begleiten wird. Also nichts wie weg. Seine Flucht führt ihn auf eine Farm und zu einem Menschen, der ihm in seinen letzten Lebensstunden alles beibringt, was man zum Überleben braucht. Eine schicksalhafte Begegnung. Ausgestattet mit Waffen, Pferden und guten Ratschlägen geht die wilde Flucht weiter und führt den Ex-Sklaven in die Stadt der Legenden vom leichten Reichtum. Deadwood.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Der Western-Liebhaber bekommt, was er erwartet. Indianer, die es gar nicht gerne sehen, dass man ihr Land ungestraft betritt. Wilde Gefechte der Kavallerie, der sich Nat Love für kurze Zeit anschließt, legendäre Westernhelden, die seinen Weg kreuzen und, wie sollte es anders sein, eine erste Liebe in unmöglichen Zeiten. Win Finn erobert das Herz des jungen Mannes, der sich in Deadwood einen bleibenden Namen gemacht hat.

Wer konnte schon von sich behaupten, einigen chinesischen Prostituierten und Wild Bill Hickock persönlich die Haut gerettet zu haben? Wer konnte es mit Calamity Jane aufnehmen und wem war es zu Lebzeiten vergönnt, in Deadwood zu einer legendären Figur zu werden? Nat Love hat dies geschafft und spätestens als sich ein Romanautor an seine Fersen heftet, wird sein Name im ganzen Land zur Legende.

Doch wäre dies kein Western, wenn die Vergangenheit ruhen würde. Dieser eine Blick auf den Hintern einer Weißen holt ihn auch in Deadwood ein. Allerdings nicht so, wie Nat es erwartet hatte. Wachsam hatte er immer damit gerechnet, dass ihn der Hass auch hier einholen würde. Ihm war immer klar, dass sein Leben keinen Cent wert wäre, wenn er hier als Schwarzer ins Visier eines weißen Rächers käme. Als Win Finn jedoch spurlos verschwindet, ahnt er, dass man ihn an seiner verwundbarsten Stelle treffen will.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Western sind nicht für ihre Happy Ends bekannt. Western enden oft tragisch, blutig und doch darf sich der strahlende Held darauf freuen, wenn auch verletzt an Leib und Seele, in den Sonnenuntergang zu reiten. Ob Joe R. Lansdale auch hier den dunklen Erwartungen gerecht wird, sollte man selbst erlesen. Für Spannung ist gesorgt, derbe Szenen und wilde Romantik gehen Hand in Hand mit den Schießereien, ohne die man einfach nicht leben kann. Deadwood ist hier der Maßstab der Dinge. Das durfte man in der gleichnamigen HBO-Serie bereits bewundern.

Und doch bleibt mehr hängen, als in anderen Western. Die Ausgangssituation eines Blickes auf einen weißen Damenhintern wiederholte sich einige Jahrzehnte später in Harper Lees Klassiker Wer die Nachtigall stört und zeigt, wie sehr der Rassenhass auch Jahre nach Abschaffung der Sklaverei noch im Land of the Free verankert war. Und so setzt sich die Geschichte fort. Ta-Nehisi Coates schrieb mit Zwischen mir und der Welt ein Buch, das sehr deutlich zeigt, welche Konsequenzen das Menschenbild von einst auf die heutige Zeit im modernen Amerika hat.

Deadwood Dick wäre auch heute noch unbewaffnet eine gute Zielscheibe. Seine Hautfarbe würde schon ausreichen. Der Blick auf einen weißen Hintern wäre hier eher zufälliges Beiwerk, um ihn in Lebensgefahr zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten dunkelhäutigen Männern sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Belegt wurde dies durch eine Studie, die in diesem Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Nat Love würde wohl auch noch heute „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ führen. Seine größten Gegner wären leichter zu erkennen, als damals im Wilden Westen. Sie trügen Uniform.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Deadwood Dick” von Joe R. Lansdale in Verbindung stehen.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale- Die Bücherkette

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale- Die Bücherkette

[Klassiker] Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Warum lese ich in der heutigen Zeit Klassiker? Warum greife ich im Lesen zurück?Warum in Anbetracht sich überschlagender Neuerscheinungen in die alten Geschichten von einst abtauchen, die für die heutige Literatur kaum noch als relevant zu bezeichnen sind? Warum gebe ich 35 Euro für ein Buch aus, das vor fast 190 Jahren erschienen ist, und über das alles gesagt, geschrieben und gedacht wurde? Warum nur?

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Und erwartet jetzt und hier bitte keine literarisch gefeilte Doktorarbeit, wenn ich den Versuch starte mir selbst zu erklären, was die Faszination eines solchen Klassikers für mich ausmacht. Ein gutes Beispiel habe ich ganz aktuell. Die Buchmesse Frankfurt 2014 erlebte einen Blogger, der sehr lange vor dem Klassiker-Regal des Hanser Verlages verharrte. Edel aufgemachte Bände, Romane gedruckt auf Seidenpapier und mit dem Prädikat „Neu übersetzt“ versehen hielten mich in Schach.

Und hier brannte er sich fest in mein Auge. Er verließ meine Gedanken nicht und ich musste an fast jedem Tag an ihn denken, an dem ich mich wieder zu entscheiden hatte, welches Buch als nächstes mein Lesen begleiten würde. Ich wünschte mir eine kleine Auszeit, völlig losgelöst von allen Erscheinungsterminen oder wundervollen Neuheiten. Ich wollte einfach zurück in eine Zeit, in die ich mich gerne zurückdenke. In die großen Romane meiner Jugend.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner“ von James Fenimore Cooper. Da stand er mit majestätisch anmutendem Cover und als wundervolle Prachtausgabe des Hanser Verlages. Er lachte mich an, flankiert von Moby Dick und der Schatzinsel. Er ließ mich nicht mehr los, weil allein der magische Klang des Autorennamens Erinnerungen in mir wachrief, die in der Tiefe meiner Jugend angelegt waren. Und wenn etwas so tief schlummert, dann plötzlich geweckt wird und sich in die tiefe Wunschliste meines Lesens hineinfrisst, dann kann ich nicht widerstehen.

Der eigentliche Wunsch, diesen Roman erneut zu lesen ist natürlich auch von vielen weiteren bibliophilen Triebfedern motiviert, weil ich mir darüber im Klaren bin, dass die wahren Klassiker niemals so geschrieben waren, wie wir sie eigentlich kennen. Weder die Schatzinsel, noch Die drei Musketiere oder Moby Dick waren als Jugendbücher angelegt. Das Dschungelbuch sollte definitiv keine jugendlichen Leser fesseln. All diese Bücher waren komplexe Romane für erwachsene Leser, die im 20. Jahrhundert durch dramatische Kürzungen und Vereinfachung zu den legendären Jugendbüchern wurden, die wir kennen.

Auch James Fenimore Cooper schrieb keinen Jugendroman. Er schrieb, wenn man seinen einleitenden Worten aus dem Jahr 1826 glauben darf einen „Bericht“. Er selbst sah seine Romane über Natty Bumppo, alias Falkenauge, alias Lederstrumpf, nicht als frei erfundene Fantasie-Geschichten an und wollte mit dem Prädikat „Ein Bericht“ den absoluten Wahrheitsgehalt dessen, was er über Indianer und das Land schrieb auf eine Ebene heben, die damals üblich war.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Und so verwundert es nicht, dass man neben seinem umfangreichen Vorwort sogar Warnungen an die Leserschaft von einst findet, die klar besagen, mit welcher Art von Literatur wir es zu tun haben. James Fenimore Cooper betont inständig, dass dieser Roman nichts, aber auch gar nichts für weibliche Leser des 19. Jahrhunderts ist… und er hat dafür gute Gründe:

„… empfiehlt er allen jungen Damen, deren Gedanken gewöhnlich innerhalb der vier Wände ihres behaglichen Wohnzimmers kreisen…, die Absicht (dieses Buch zu lesen) aufzugeben. Solchen jungen Damen rät er dies, weil sie das Buch, wenn sie es gelesen haben, gewiss als schockierend bezeichnen werden.“

Na bravo. Ich war bereit, in die Erinnerungen meiner Jugend einzutauchen und stieg in vollem Bewusstsein, eine reine Männerwelt zu betreten in diesen großen Klassiker der Weltliteratur ein. Und ich war von der ersten Seite an gefesselt und überrascht, welcher Erzählreichtum sich mir erschloss, weil ich James Fenimore Cooper eben bisher nur in den verknappten Fassungen meiner Jugendbücher erlebt habe. Nun wurde es mehr.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Er nimmt sich Zeit, ohne an Tempo zu verlieren. Er genießt es sehr, seine Leser in das Land einzuführen, ihnen die Seen zu beschreiben und den Lauf des Wassers zu erklären, um sie mit den Waldläufern der Mohikaner auf Augenhöhe zu bringen. Er lässt uns lauschen, fühlen, schmecken, wie der aufziehende Krieg zwischen den kolonialen Streithähnen Frankreich und England die gesamte Natur durcheinander bringt. Er lässt uns Pulverdampf riechen und erklärt das veränderte Leben der Irokesen, Mohikaner und Huronen im Nordosten Amerikas, der zum Schlachthof der Strebens nach der absoluten Vormachtstellung der europäischen Invasoren auserkoren war.

Erst dann führt er seine Protagonisten ein. Und auch hier genießt er es, sich Zeit zu lassen. Er wirft keine Namen in den Raum, er öffnet keinen Schrank voller Protagonisten und lässt sie wahllos in die Szenerie purzeln. Er lässt sie uns kennenlernen, bevor wir ihren Namen erfahren. Er lässt uns den ersten Eindruck eines Menschen erlesen und uns selbst ein Urteil bilden, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Erst dann schreibt er von Natty Bumppo, Magua, Unkas und Chingachgook und führt nach und nach die weiteren wichtigen Personen dieses wohl wichtigsten seiner Lederstrumpf-Romane ein

Er vermittelt ein präzises Bild des kriegerischen Konfliktes und bezieht persönlich Stellung auf Seiten der Engländer. Cooper lässt uns die englische Strategie erleben und platziert die Geschichte einer großen Flucht genau in das magische Fleckchen Erde um das legendäre Fort William Henry, seine tiefen Wälder, Wasserfälle, Seen und Flüsse. Verrat wird spürbar, wenn Cooper ihn andeutet. Angst wird fühlbar, wenn er sein Tempo verändert und in kaum einem Roman unserer Zeit würde man einem geheimnisvollen Geräusch fast fünfzehn Seiten einräumen, weil das einfach zu lang wäre. Hier ist es entscheidend und macht den Klassiker aus. Atmosphäre pur.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Alle Bilder der Vergangenheit tauchen beim Lesen vor meinem geistigen Auge auf. Ich sehe die Buchcover meiner Jugend, höre plötzlich die Musik des TV-Mehrteilers wieder und erinnere mich an jedes Wort aus den so schweigsamen Lippen von Hellmut Lange, dessen markante und vernarbte Gesichtszüge für mich dem Original von Natty Bumppo so sehr entsprechen, wie man es sich auch heute idealer nicht vorstellen kann. All diese Erinnerungen überfallen mich und doch spüre ich so viel mehr.

Die Übersetzung von Karen Lauer erlaubt es, der Sprache von einst zu lauschen. Begriffe, Satzkonstruktionen und Dialoge sind authentisch angelegt und überzeugen in ihrem leicht antiquarischen Flair, das zumeist flüssig umgesetzt ist. Hier stockt nichts. Hier muss man nicht stutzend mehrfach lesen, was kaum verstanden werden kann. Hier entwickelt sich eine zusätzliche Dimension zu einer Jugenderinnerung. Es wächst ein komplexer und vielschichtiger Roman mit tief angelegten Charakterzeichnungen heran, der von nun an immer mit meinen Bildern verwoben sein wird. (ABER: siehe Fußnote)

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Ich konnte nicht anders und blicke ein wenig verändert zurück in die Zeit meines ersten bewussten Leseabenteuers. Es ist in sich gewachsen, so wie ich in mir seit jener Zeit gewachsen bin. Und doch ist es so sehr Kind geblieben, wie ich niemals erwachsen werden möchte. Wir haben gemeinsam einen Schritt in die Zukunft gemacht und ich denke wirklich, wer den echten Lederstrumpf erleben möchte, der sollte sich selbst diese Liebeserklärung an die Literatur gönnen.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Sehe ich da Moby Dick? Liegt da die Schatzinsel? Entschuldigt, ich muss weiter. Ich nenne es Liebe… Ein Klassiker eben…

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Fußnote zur Übersetzung von Karen Lauer:

Wenn man die folgende Originalpassage übersetzt muss man einiges berücksichtigen:

„Keep him in play, boy, until I can bring ‚killdeer‘ to bear..“

„Killdeer“ – Der Wildtöter ist einer der Romantitel der Lederstrumpf-Reihe von James Fenimore Cooper. Natty Bumppo`s legendäres Gewehr gibt ihm hier neben Falkenauge und Lederstrumpf seinen dritten „Kampfnamen“. Hier wäre, auch vor dem Hintergrund der kompletten Buchreihe die Verwendung des Begriffes Wildtöter oder Hirschtöter für die Waffe kausaler, stimmiger und harmonischer gewesen, als:

„Lenk ihn ab, Junge, bis ich ‚Tötet-das-Wild‘ zum Schuss bereit hab…“

Dies jedoch nur als kleine Randnotiz, die mein Lesevergnügen nicht geschmälert hat, aber an dieser Stelle hat das Lesen ganz kurz und heftig gehustet.

der letzte mohikaner_james fenimore cooper_astrolibrium_6