Das Mädchen mit dem Fingerhut – Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Was macht aus einem Text ein absolut zeitlos relevantes Werk? Wodurch werden die Worte eines Schriftstellers zu einem Meilenstein der Literatur? Einerseits ist es die Relevanz eines Themas, andererseits ist es die Universalität der erzählten Geschichte, die aus einem Buch viel mehr als nur ein Buch machen.

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Und nicht zuletzt ist es das Gefühl des Lesers, etwas Einzigartiges vor Augen zu haben, etwas so Besonderes, dass man sich noch Jahre später an die Protagonisten, den situativen Kontext und die Handlungsfäden erinnern kann. Dies verleiht einem Text den Status eines Lebensbuches. All dies stellt sich in meinem Lesen oder Hören nicht sonderlich oft ein. Wenn es jedoch passiert, dann ist es als hätte man eine Goldader im Bergwerk der Literatur entdeckt.

Ich mag genau deshalb aus gutem Grunde schon jetzt betonen, dass ich „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ des österreichischen Autors Michael Köhlmeier für einen der wichtigsten deutschsprachigen Texte der letzten Jahre halte und ich werde auch erklären, warum dies für mich so ist. Ich möchte euch gerne mitnehmen in eine Geschichte, die märchen- und meisterhaft erzählt, zeitlos konstruiert und in einem polyglotten Erzählraum beheimatet ist. Und das, obwohl genau das Mädchen, von dem die Geschichte handelt alles hat, nur keine Heimat.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Hanser Literaturverlag

Ohne jegliche zeitliche Einordnung, ohne örtliche Präzisierung treffen wir ohne große Einleitung oder erklärende prologisierende Umwege auf ein Mädchen, das von einem „Onkel“ in einer Stadt, vor einem Laden, ausgesetzt wird. Hungrig, ausgezehrt, allein, aber gut instruiert, was sie tun soll, um von einem gewissen Bogdan etwas zu essen zu bekommen.

„Sie solle nicht sagen, dass sie Hunger habe. Sie solle gar nichts sagen. Er werde ihr zu essen geben, und es werde besser sein als alles, was sie in ihrem Leben gegessen habe. Im Laden stellte sie sich vor die Theke und verschränkte die Hände auf dem Rücken und sagte nichts. Sie schaute den Mann an, der hinter der Theke stand.“

Sechs Jahre ist sie alt, augenscheinlich fremd im Land und ganz sicher heimatlos. Erst später erfahren wir ihren Namen. Yiza, sagt sie, weil man sie so genannt hat. Sie versteht weder die Sprache der Menschen in der Stadt, noch kennt sie sich dort aus. Und als der „Onkel“ sie abends nicht mehr am Treffpunkt abholt ist Yiza auf sich selbst gestellt.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier beginnt die Odyssee eines kleinen hilflosen Mädchens, dem wir auf seinen Wegen und bei seiner Suche nach etwas zu essen folgen. Wir klettern mit Yiza in einen Container, ernähren uns von Abfall, landen mit ihr in einem Heim für heimatlose Kinder und treffen an ihrer Seite auf zwei Jungen, die das gleiche Schicksal teilen. Heimatlos und auf der Flucht. Hier verbinden sich ihre Wege. Gemeinsam fliehen sie aus dem Heim. Vor den unangenehmen unverständlichen Fragen der Beamten und letztlich auch aus Angst noch mehr zu verlieren. Abschiebung. Diese Drohung schwebt über ihnen.

Yiza, Schamhan und Arian sprechen unterschiedliche Sprachen, aber sie folgen einem einfachen Plan. Raus in die Welt. Ihren Instinkten folgen und vielleicht ein Haus finden, dessen Bewohner es gerade erst verlassen haben. Ein warmes Haus mit vollem Kühlschrank, mit Fernsehen und richtigen Betten. Einen sicheren und verborgenen Ort, an dem sie für sich selbst sorgen. Nur einen Fingerhut nimmt Yiza mit aus dem Heim. Sie trägt ihn auf dem verletzten Daumen, wie ein Schutzschild gegen alles Unheil der Welt.

Sie ist „Das Mädchen mit dem Fingerhut“. Sie ist das kleine Mädchen, das fortan mit seinen beiden Freunden durch die unwirtliche Natur flüchtet, um endlich einen Ort zu finden, an dem sie sicherer sind. Eine Illusion. Denn überall, wo Essen zu vermuten ist, wo Heizungen das Innere von Wohnungen mit Wärme erfüllen, überall da stoßen sie an Zäune – Grenzen – Mauern. Sie bleiben Flüchtende am Rande der Gesellschaft.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier muss man sich auf die Sprache von Michael Köhlmeier einlassen. Hier muss man sich ihm anvertrauen, so wie sich Yiza den größeren Jungs anvertraut. Hier muss man sich treiben lassen, denn Köhlmeier erklärt nicht, beschreibt nicht in stilvollendeter Prosa. Er begibt sich sprachlich auf die Ebene des reduzierten Erzählens. Er blendet Gefühle aus. Er wird zum Kriegsberichterstatter einer gemeinsamen Flucht.

Das Wunder, das er hierdurch beim Leser bewirkt, ist in seiner Tragweite enorm. Die Auslassung aller Emotionen und die neutral observierende, passive Begleitung der Kinder lösen im Leser aus, was den Kindern nicht widerfährt. Wir öffnen unsere Türen, lassen die Zäune und Mauern fallen und beobachten unseren Wohlstand aus der Sicht hungriger und ängstlicher Kinder auf der Flucht.

Hier graben sich die Worte und Sätze von Michael Köhlmeier in unser Bewusstes und Unterbewusstes ein. Hier setzt er Anker und die Widerhaken seiner Geschichte sind von erstaunlichem Ausmaß. Alles, was er nicht unmittelbar beschreibt, ruft er in uns wach. Beschützerinstinkt, Scham, Angst, Hass und Mitgefühl. Die Sprachlosigkeit und die hermetische Abschottung der Umwelt werden zu unseren Trutzburgen. Genau hier verstecken wir uns und wehe, wenn wir unser Türen wirklich öffnen. Wehe, denn so wird Rettung zum Selbstzweck und Integration führt zur Selbstaufgabe der Geretteten.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Der Hörverlag

Michael Köhlmeier hat mit „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ nicht nur einen Text zur aktuellen Flüchtlingssituation geschrieben. Er schrieb mehr. Wenn man dieses Buch vor bereits 10, 20 oder 30 Jahren hätte lesen können, es hätte tausend Bezüge für Ausgrenzung oder Heimatlosigkeit gegeben, die sich hier widerspiegeln. Würde man dieses Buch heute 20 Menschen aus 20 Ländern dieser Welt zu lesen geben, sie alle würden aktuelle Ereignisse mit diesem Text verknüpfen.

Und wenn man diese Geschichte in 20 Jahren liest, wird sie ebenso zeitlos sein. Sie wird nicht von der Balkanroute erzählen, sie wird nicht vergangen sein, sie beschreibt keine syrischen Flüchtlinge, sie wird erneut davon erzählen, was den Menschen in der Zukunft vor Augen liegt. Diese Zeitlosigkeit, dieses Polyglotte im Setting machen diesen Roman, der eigentlich keiner ist, zu einem weltbewegenden Text.

Yiza ist überall. Jedes Kind hat seine Verletzung und überall auf der Welt ist es nur ein Fingerhut, der das ganze Leben beschützt. Ein Minimum. Die Sprache von Köhlmeier wird seiner Idee gerecht. Es ist keine intellektuelle Parabel, die schwer zu greifen ist. Hier packt er selbst beherzt zu und zwischen jeder Zeile strahlt der Ruf „die Würde des Menschen ist unantastbar“ aus dem Buch heraus.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Wer gelesen hat, der möge dazu noch hören. Wer nicht gelesen hat, der kann dem Autor selbst lauschen, denn er vermag, was in diesem Falle keinem Hörbuchsprecher gelingen würde. Er nimmt in der ungekürzten Hörbuchfassung  von „Das Mädchen mit dem Fingerhutseinen selbst verfassten Rhythmus auf und führt uns unverfälscht und mit sonorer Stimme durch die Welt Yizas. Ich versank in seiner Stimme. Sie trägt seine Geschichte. Sie ist das I-Tüpfelchen auf einem Werk, das einfach gelesen und gehört werden muss.

Als ich dann das Buch erneut las, lag mir Köhlmeiers Stimme im Ohr. Das war mir wichtig. Er überträgt seine individuelle Geschwindigkeit auf mich. Er lässt mich spüren, wie er schrieb und er hinterlässt dabei ein bleibendes Zeugnis seiner Interpretation des eigenen Textes. Hier ist das Hörbuch eine Erfahrung mit ganz eigener Dimension. Es verleiht Yiza aus einer gefühllosen Perspektive alle Persönlichkeit dieser Welt.

Ich kann nur Buch und Hörbuch empfehlen. Ich kann beides ans Herz legen und dazu raten, sich dieses literarische Ereignis nicht entgehen zu lassen. Köhlmeier verändert seine Leser und Zuhörer. Und das in aller  Nachhaltigkeit. Ich wette darauf, dass dieses Buch noch in vielen Jahren vor unterschiedlichen aktuellen Hintergründen gelesen, gehört, geliebt, diskutiert und gehasst wird. Weil es uns der Mauern beraubt, uns Ausreden nimmt und Gefühle sät, wo nur Neid und Hass gedeihen sollten. Yiza….

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Ein besonderer Fund macht mich nachdenklich… Es ist, als würde das Gemälde den Kreis der Geschichte schließen… Meine Gedanken dazu… siehe hier

Das Mädchen mit dem Fingerhut.... Das Originalgemälde

Das Mädchen mit dem Fingerhut…. Das Originalgemälde

Neu bei AstroLibrium: Die Bücher, die mich beim Lesen von „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erneut berührt haben, und die auf die unterschiedlichste Art und Weise mit diesem Werk verbunden sind.

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"Das Mädchen mit dem Fingerhut" - Die Bücherkette auf AstroLibrium

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ – Die Bücherkette auf AstroLibrium

„Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Ich bin im literarischen Sinne eng mit einigen besonderen Mädchen befreundet. Ich floh mit Anna und dem Schwalbenmann durch das besetzte Polen, habe mit Bolota (Krümel) Bruder Wolf getroffen, begleitete Yiza, Das Mädchen mit dem Fingerhut“ auf seiner verzweifelten Suche nach ihrer verlorenen Heimat und stellte fest, dass Scout Finch zwar keine Nachtigallen störte, aber Jahre später in der Lage war, einen Wächter zu stellen.

Mädchen, die mich nie losgelassen haben und Schicksale, die sich auf die moderne Literatur prägend ausgewirkt haben. Jedes einzelne Mädchen hat mich auf seine ganz eigene Art und Weise berührt. Jedes Mädchen hat mir die Augen geöffnet und meinen Blick in eine ganz besondere Richtung gelenkt. Keines dieser Mädchen werde ich je vergessen. Sie fanden mich. Ein Privileg des Lesens.

Deshalb wundert es mich auch nicht, dass weitere besondere Mädchen in diesen Kreis treten und sich mir vorstellen. Als würden sie sich untereinander kennen und sich gegenseitig vertrauen, erweitert sich dieser Kreis um einen Stuhl, der in unserer Mitte steht. Und immer dann, wenn ein neues Mädchen in mein Lesen tritt, nimmt es Platz und erzählt seine Geschichte. So auch heute.

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Nur ist es diesmal recht schwierig. Denn Luz spricht nicht. Kein einziges Wort. Sie könnte sprechen, wenn sie nur wollte, aber sie hat sich verschlossen. Wohl aus gutem Grund. Luz Maria Castillo ist erst elf Jahre alt und passt sehr gut in unsere Runde. Anna, Krümel, Yiza, Scout und Luz. Namen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Geschweige denn ihren Platz in meinem Herzen verlieren. Luz. Warum magst du nicht reden, kleines mexikanisches Mädchen? Warum nur schweigst du?

Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano (Luchterhand) kann uns dabei helfen, Luz zu verstehen, denn es ist mehr als nur ein Buch. Viel mehr als nur ein Roman, denn es ist das Tagebuch dieses elfjährigen Mädchens, in dem sich Luz Gehör verschafft. Auf ganz stumme Weise. Sie schreibt, weil dies der einzige Weg ist, ihre Gedanken zu einzufangen.

„An manchen Tagen schreibe ich gerne morgens, gleich nach dem Aufwachen. Dann fühle ich mich irgendwie so, als würde ich noch träumen… und alles, was ich höre, sind meine Gedanken.“

Ein normales Tagebuch liegt jedoch nicht vor uns. Es scheint seltsam strukturiert und jeder einzelne Eintrag orientiert sich an einer Spielkarte aus der mexikanischen Loteria. Man kann das durchaus mit Bingo vergleichen. Diese Spielkarten ergeben ein ganz individuelles Spielfeld (Tabla) und wenn man ein kleines Rätsel zu der Karte löst, die der Spielleiter aufruft und dies für eine Reihe von Karten wiederholt, darf man stolz „Loteria“ rufen und gewinnt.

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

54 Karten hat dieses Spiel. 54 Symbole zieren die Karten. „Sonne, Mond und Sterne“ gehören auch dazu. Diese 54 Karten helfen Luz dabei, ihre Erinnerungen zu finden und zu strukturieren. Sie wählt eine Karte aus und schreibt dazu, was ihr gerade einfällt. Und so entsteht Schritt für Schritt das Kartenspiel ihres eigenen Lebens. Und wie in einer echten Lotterie purzeln scheinbar zufällig alle Ereignisse in dieses Tagebuch, die dafür verantwortlich sind, dass sie schweigt.

Der Regenschirm – El Paraguas

„Gerade regnet es draußen, und das erinnert mich an alles, was passiert ist wegen meinen Händen und meinen blöden, tuntigen Fingern. Eigentlich sind die doch an allem schuld, oder? Wenn ich keine Finger oder Hände hätte, wäre nichts von alledem passiert.“

Karte für Karte entwickelt sich ein Mosaik, das uns als Leser und Betrachter in die Vergangenheit entführt. Hin zu einem Tag, als Luz gerade einmal sieben Jahre alt war und sich aus Sicht ihres Vaters eines unverzeihlichen Fehlers schuldig machte. Einen Tag, an dem eigentlich alles begann und ganz langsam verstehe ich, warum Luz mit niemandem darüber reden möchte. Auch nicht mit der Polizei, die ihren Vater unter Mordanklage festgenommen hat. Sie kann einfach nicht.

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Mario Alberto Zambrano macht uns mit der mexikanischen Seele vertraut, bringt uns fast spielerisch spanisch bei und lässt uns seinen ausgelegten Karten folgen. Er beschreibt das verwobene Lebensmuster einer Migrantenfamilie in den USA, spiegelt in den Erinnerungen eines jungen Mädchens den unglaublich geringen Stellenwert der Mexikaner wider und lässt uns den Niedergang einer kleinen Familie hautnah erleben.

54 Kapitel mit 54 Karten ziehen uns in ihren Bann. 54 Erinnerungen beginnen sich zu einem Bild zu vereinen. 54 Impressionen und Schlaglichter lassen Luz, ihre Eltern und ihre Schwester Estrella in diesen Kapiteln selbst zu Spielkarten werden, mit denen es das Schicksal gar nicht gut meint. Gewalt in der Familie, Alkohol und die pure nackte Angst ums Überleben begleiten uns, wenn Luz erneut eine Karte aufdeckt, sich erinnert und zu schreiben beginnt.

Zambrano versetzt sich sprachlich und bildlich in die Denkwelt eines elfjährigen Mädchens und mit diesem Stilmittel der schriftlichen, teils naiv kindlichen Sicht gelingt es ihm, den Beschützerinstinkt in seinen Lesern zu wecken. Wenn der Traum von der heilen Welt verblasst, dein eigener Vater im Gefängnis sitzt, deine Schwester auf der Intensivstation liegt und deine Mutter die kleine Familie schon lange verlassen hat. Was ist dann? Wo ist die Perspektive und was ist geschehen an jenem Tag, an dem alles zerbrach?

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Luz schreibt oft an Gott. Verzweifelt und vorwurfsvoll. Dann wieder wendet sie sich scheinbar unbewusst an die künftigen Leser ihrer Zeilen, als wollte sie erklären, was mit ihr geschah. Einzig ihre Tante Tencha hält zu ihr. Beschützt sie dort, wo sie jetzt lebt. In einem Heim. Dem Ermittlungssdruck der Polizei ausgeliefert, die endlich Beweise möchte für die Schuld ihres Vaters. Doch wird Luz jemals die Wahrheit sagen können? Vielleicht kann sie ja mit Tencha zurück nach Mexiko? Denn nur Tencha scheint sie zu verstehen und vieles zu wissen.

„Ihr Leben nennt sie mich, mi vida.“

Sonne, Mond und Sterne“ ist eine Ausnahmeerscheinung im Verlagsprogramm von Luchterhand. Sowohl die optische Gestaltung des Buches, als auch die Erzählung selbst heben sich deutlich vom Gewohnten ab. Gewagt scheint dieses Buch zu sein und doch ist es so wichtig. Es gewährt seinen Lesern allen Spielraum dieser Welt, sich in ihm zurechtzufinden. Es öffnet Herzen. Zaghaft, langsam und von Karte zu Karte löst man selbst immer mehr Rätsel, bis man am Ende der Geschichte lauthals „Loteria“ rufen möchte, wäre die Erkenntnis nicht so erschreckend.

Ich mag dieses Spiel nicht gewinnen. Nicht um diesen Preis. Ich mag auf Luz aufpassen und mit ihr zum Ausgleich mein eigenes Spiel spielen. Nur um ihr zu zeigen, dass ihr Weg nicht nur von ihr vorgezeichnet wurde. Nur um ihr zu beweisen, dass sie weiterleben kann, auch wenn ihre Welt verloren ist. Wir haben alle unsere Karten. Viele von ihnen deckt das Schicksal auf. In „Sonne, Mond und Sterne“ werden wir zu Zeugen eines besonderen Spiels. Der Einsatz ist hoch. Sein Name ist Luz….

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Für Anna, Yiza, Bolota (Krümel), Scout und Luz… Und alle Mädchen dieser Welt.

Mit einem Klick zu Bruder Wolf - Ein Buch - Zwei Perspektiven

Mit einem Klick zu Bruder Wolf – Ein Buch – Zwei Perspektiven

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Wie einfach sind sie doch manchmal, die großen kleinen Geschichten, die unser Lesen verändern. Wie schmal und zart kommen sie oft daher. Mathematisch betrachtet, recht einfache Formeln. „Eins plus Eins = Zwei“- Geschichten. Leicht aufzulösen und mit nur einer Wahrheit hinterlegt. Schwarzweiß-Erzählungen die in ihrer Interpretation wenig Spielraum lassen. Zehn Leser kommen zu gleichen Einsichten. Wie einfach ist es doch manchmal.

Wie kompliziert es jedoch sein kann, beweisen wieder ganz andere Erzählungen. Sie scheinen wenig berechenbar zu sein, verschachteln sich in ihren vielen Wahrheiten und präsentieren ein Nuancenspiel der Farben, das eine leichte Unterscheidung in Schwarz und Weiß nicht gestattet. Zehn Leser gelangen zu völlig unterschiedlichen Sichtweisen. Diskussionen entzünden sich am Leuchtfeuer dieser literarischen Ungleichungen und die Interpretationen beginnen über die Ufer des Denkbaren zu treten.

Und doch sind es genau diese Geschichten, die uns nachhaltig beschäftigen, uns aus dem Leben reißen und zum aktiven Lesen verführen. So unberechenbar, wie das Leben selbst. Nicht vorhersehbar und keiner Kalkulation unterworfen. Lesen ist nichts für Formelmenschen. Phantasie gehört nicht in den Taschenrechner, sondern ins Herz. Und wenn am Ende einer Geschichte eine Frage bleibt, dann hat sie es geschafft, aus dem Buch heraus ins wahre Leben zu treten und ihren Anker in der Seele des Lesers zu werfen.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Wenn ich heute den Jugendroman „Anna und der Schwalbenmann“ von Gavriel Savit in den Mittelpunkt stelle, dann sitze ich weit entfernt von den Rechenschiebern der Interpretation. Dann verabschiede ich mich bereits im Vorfeld dieser Rezension von der Behauptung, die Deutungshoheit über diese Geschichte zu besitzen. Deshalb rufe ich alle Menschen, die Anna schon erlesen haben auf, mir ihre Sicht auf den Roman zu vermitteln. Auf Augenhöhe und ungefiltert. Hier geht es nur um das große Gefühl des Lesens, um die eigenen Bilder, die losgetreten werden und die  individuelle Wahrheit, die man für sich selbst empfunden hat.

Dabei ähnelt die Ausgangssituation einer mathematischen Gleichung. Nur, dass die Zahlen für sich betrachtet in Kombination mit einigen Variablen eine menschliche Katastrophe ergeben. Der situative Kontext des Romans ist so schwarz-weiß, wie es nur eben geht. Egal, wie man die Zahlen in dieser Formel auch umstellt, egal, wie man sie aufzulösen versucht. Es gibt Faktoren, die in dieser Konstellation dazu führen, dass wir am Ende nicht im positiven Bereich unserer Kalkulationen angelangen. Alles riecht nach Tod. Unausweichlich.

Wir schreiben das Jahr 1939. Anna ist gerade einmal 7 Jahre alt. Soviel zu den reinen Zahlen. Die unabänderlichen Faktoren der Gleichung lauten: Anna ist Jüdin. Wir befinden uns in Polen, genau gesagt in Krakau und die düster wirkende Gleichung wird durch Veränderung einiger Terme zur vorhersehbaren Größe. Man subtrahiere von der bereits mutterlosen Welt der kleinen Anna den Vater, und addiere zum völlig harmlosen Land Polen unzählige ideologisch normierte Soldaten aus Nazi-Deutschland. Und dann lasse man das 7-jährige Mädchen ganz allein in den Straßen von Krakau. Völlig allein und ahnungslos, was mit ihrem Vater geschah.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Und schon sitzen wir überfordert vor dem Ausgangsmaterial dieser Ungleichung. Zahlen und Werte verschwimmen und man möchte das Ergebnis nicht wahrhaben. An irgendeiner Stelle muss man doch was drehen können, um das Schicksal zu besiegen. Irgendwo muss es doch möglich sein, dieser vorbestimmten Formel etwas entgegen zu setzen. Es kann doch nicht sein, das die tödliche Kalkulation dieser Menschenhasser immer aufgeht, und dass Anna als kleinster gemeinsamer Nenner der Geschichte aus der Formel gelöscht wird. Wie so viele vor ihr und wie noch viel mehr Menschen nach ihr. So fühlen sich Schüler angesichts einer Todesformel.

Gavriel Savit hat nicht vor, uns rechnen zu lassen. Er verweigert sein Schreiben der Kalkulation. Er weiß um die Unberechenbarkeit des Lebens, die Schicksalhaftigkeit von Begegnungen und schreibt uns mit Anna und der Schwalbenmann eine Aufgabe ins Lebensheft der Ungleichungen, an der wir noch lange zu knabbern haben. Er hebt die Regeln des Kalkulierbaren mit seiner Fantasie auf. Er ergänzt diese Formel um einen Faktor, der diese Geschichte ins Rollen bringt. Er gibt uns eine „Unbekannte“ an die Hand, die den weiteren Verlauf des klar berechneten Vernichtungsweges der Nazis auf den Kopf stellt und ad absurdum führt.

Gavriel Savit stellt unserer Anna den Schwalbenmann an die Seite. Savit hebt die unendliche Schwerkraft der Geschichte auf und lässt das Mädchen, für das sich jeder Leser bereits persönlich in der Luft zerreißen würde, nicht alleine. Ein Mädchen, dessen Innenleben vor uns liegt wie auf der Waagschale der Menschlichkeit. Verletzlich, seinen Vater vermissend und absolut hilflos angesichts des drohenden Unheils. Ein Mädchen, das bisher vom Geheimnis seiner Sprache zehrte. Ein Geheimnis, das ihr vom Vater in allen Klangfarben beigebracht wurde. Von einem Vater, der als Intellektueller jüdischer Pole bereits auf dem Weg in ein Konzentrationslager ist. Deportiert. Sprachlos.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Und genau in dem Moment, in dem uns Anna zu entgleiten droht, in dem die ganze Welt für sie auf den Kopf gestellt wird, begegnet sie dem Schwalbenmann. Einem groß gewachsenen, etwas schlaksigen Mann, dessen Interesse sie auf sich zieht. Ein Mann, der genau zu fühlen scheint, was ihr geschah und der erste Mensch, der sie in allen denkbaren Sprachen fragt, „Geht es Dir gut?“ Eine Frage, die Anna angesichts ihrer Verzweiflung zum Weinen bringt. Ein Weinen, das der Mann durch eine kleine Geste versiegen lässt. Durch einen Zauber, der in Anna das tiefe Gefühl von Urvertrauen und Geborgenheit weckt. Auf einen kleinen Pfiff von ihm hin schwebt eine Schwalbe heran, lässt sich auf seiner Hand nieder, schaut das kleine Mädchen an und entlockt ihm ein erstes Lächeln.

Anna und der Schwalbenmann„. Eine Begegnung, die nicht nur das Leben des Mädchens verändert. Eine Begegnung, die sein Überleben sichert. Ein Mann, dessen Herkunft und Identität im Verborgenen bleiben, übernimmt Verantwortung für Anna und macht sie zur Begleiterin seiner Flucht. Die Regeln, die er Anna nun unmissverständlich vermittelt sind knallhart. Rettungsregeln, die für Kinder in Gefahr die einzige Wahrheit darstellen. Sie legt ihren Namen ab, bleibt fortan unsichtbar und vertraut der Führung des wohl einzigen Menschen, der ihr jetzt den Weg zum Überleben zeigen kann. Der Schwalbenmann wird zum Flussbett, Anna wird zum Fluss.

Wir selbst werden zu ihren Wegbegleitern, lernen die Härte und Kompromisslosigkeit des Schwalbenmannes kennen, sehen sein Ziel und vertrauen ihm blind. Wir begegnen anderen Menschen auf ihren Fluchten, anderen Sichtweisen und werden Zeugen ihres Scheiterns. Wir realisieren die Wahrheiten des Schwalbenmannes und können ihn doch gleichzeitig nicht fassen. Ebenso wenig, wie Anna ihn jemals fassen kann. Aber muss man Wunder begreifen? Muss man sie kalkulieren und berechnen?

Kann der Schwalbenmann nicht einfach seine Wirkung entfalten, so wie uns einst der Tod persönlich von einer gewissen Liesel Meminger erzählte? Die Bücherdiebin hatte einen mächtigen Gefährten, der sie beobachtete und in Ruhe ließ. Bis Markus Zusak seine Geschichte und letztlich auch die von Liesel zu einem Ende brachte, das uns alle bewegte. Gavriel Savit hat dem „Tod“ der Bücherdiebin den aktiv handelnden Schwalbenmann Annas entgegengesetzt. Die Lektionen des Schwalbenmannes sind zeitlos. Lebensrettend.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann – Mit einem Klick zum audible Hörbuch

Nach dem Lesen folgte das Hören. Laura Maire verleiht Anna das Staunen der Welt in einer von Angst geprägten Zeit. Ihre zarte Stimme hallt so lange nach. Ihre kraftvolle Stimme erzeugt eine Gänsehaut und vielleicht war es genau diese Laura Maire, die mir Anna so richtig ans Herz schmiegte und durch die ganz eigene Modulation der Stimme zeigte, was ich abseits des geschriebenen Wortes vielleicht noch emotionaler verstehen kann. Laura Maire gelingt in dieser Hörbuchfassung ein Gefühlswunder. Das einfache Wort „Warum“ wird durch Laura Maire zur Fragen aller Fragen mit der Stimme aller Stimmen und im Herzen aller Herzen. Annas Frage.

Ich besitze nicht die Deutungshoheit für diesen Roman. Das große Mysterium des Schwalbenmannes gleicht für mich der tiefen Denkwelt von Antoine de Saint Exupéry. Vielleicht ist der Schwalbenmann der Kleine Prinz für Menschen in Not. Für Kinder in Not. Haben wir jemals gefragt, wer der Kleine Prinz ist? Fragen wir also auch nicht nach dem Schwalbenmann und suchen nicht nach Fakten. Nehmen wir ihn als Geschenk der Hoffnung für alle dunklen Zeiten auf der Welt. Ein Licht in dunkler Nacht, nur dass seine Regeln keine Weisheiten sind, sondern harte Wahrheiten im brutalen Kampf gegen Unmenschlichkeit.

Jugendliche werden Anna verstehen. Sie werden den Schwalbenmann bewundern und einige Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg lieben lernen. Niemand wird am Ende dieses Romans eine Antwort präsentieren können. 10 Leser werden 10 Gefühle in sich tragen. Interpretationen, Sichtweisen, Erkenntnisse und Ideen suchen nach ihren Entsprechungen bei anderen Lesern. Fragen sind wertvoller als Antworten. Fragen sind Wegweiser. Nur wer nicht mehr fragt, wird sterben und untergehen.

Vielleicht ist mein „Warum?“ am Ende der Geschichte die größte Liebeserklärung an dieses grandiose Buch. Warum gibt es heute so viele Annas auf den Straßen? Können wir nicht Schwalbenmänner sein? Ein Flussbett mit dem Namen Hoffnung.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

„Menschen sind die größte Hoffnung des Menschen zu überleben.“
Der Schwalbenmann.

PS: Bei Irve liest findet man eine Anleitung gegen das Sezieren dieses Romans…

Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter – Eine Annäherung

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Wer die Nachtigall stört“ galt bisher als der einzige Roman von Harper Lee. Ein literarisches „One-Hit-Wonder“, das 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle ist legendär und Oscar-prämiert.

Der aufrechte Protagonist Atticus Finch kämpft hier als engagierter Anwalt gegen die Verurteilung eines Schwarzen, der beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus gibt seinen Kindern Werte mit auf den Weg, die in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre absolut nicht selbstverständlich waren. Ganz besonders nicht im Süden. Schon gar nicht in Alabama. Diese Romanfigur gilt bis heute als Vorbild für viele junge Menschen, selbst gegen Diskriminierung einzutreten, Jura zu studieren und mit wachem Blick gegen Rassismus zu kämpfen. Ein nationaler Mythos.

„Wer die Nachtigall stört“ erschien bereits 1960. Seitdem ist es ruhig um die heute 89-jährige Autorin. Bis man 2014 ein Manuskript entdeckte, das gerade unter dem Titel Gehe hin, stelle einen Wächterveröffentlicht wurde und seitdem die Buchwelt in Atem hält. Das Urteil der Kritiker und Leser reicht von „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“ über „Die Nachtigall ist aber viel besser“ bis zu „Eine literarische Sensation“.

Womit haben wir es wirklich zu tun? Wie kann man sich dem Wächter nähern und was macht aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus dem „Giftschrank“ einer zurückgezogen lebenden alten Dame das fehlende Puzzlestück im Gesamtbild eines inzwischen aus zwei Bücher bestehenden Lebenswerks? Meine Annäherung an dieses Phänomen kann und soll mögliche Lesewege aufzeigen, die letztlich dazu führen, dass beide Bücher unter Berücksichtigung ihrer besonderen Entstehungsgeschichte, ihrer literarischen Relevanz und ihrer zeitlosen politischen Brisanz für mich persönlich zu den größten Lese-Erlebnissen meines Lebens gehören.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Das eigentliche Debüt von Harper Lee ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Dem Verlag war das Thema dieses Romans damals zu brisant. Er ist in den 1950er Jahren angesiedelt und der Rahmen für die Handlung wird durch die damalige Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes der USA definiert. Die Rassentrennung an Schulen wurde verboten und erhebliche Eingriffe in die Eigenverantwortung der Bundesstaaten sorgten für erhebliche Widerstände und Unruhen, die noch immer spürbar waren.

Der Verleger empfahl Harper Lee die Handlung in die 30er Jahre vorzuverlegen und die Geschichte der Finchs mit der Kindheit von Jean Louise (Scout) und ihrem Bruder zu beginnen. Der situative Rahmen wird durch konsequente Rassentrennung im bürgerlichen Leben und an Schulen definiert. Und doch war man rein juristisch in den dreißiger Jahren so weit, alle Menschen, gleich ihrer Herkunft vor dem Gesetz gleich zu behandeln. Allerdings nur im eng gesteckten Rahmen der geltenden Konventionen der Trennung von Schwarz und Weiß.

So entstand „Wer die Nachtigall stört“, ein Destinations- und Kindheitsroman über Freundschaft, das Aufwachsen im guten alten Süden und ein großes sozial-juristisches Lehrstück über die Anfänge einer Gleichbehandlung von Schwarzen vor dem Gesetz. Atticus Finch wird zum Verfechter und Vorreiter der Rolle des „Menschenrechtlers“ und zum vorbildlichen Verteidiger eines schwarzen Angeklagten, dessen Schicksal ohne ihn durch Lynchjustiz entschieden worden wäre. Und obwohl er den Prozess trotz massiver entlastender Indizien verliert, prägt Atticus Finch das Bild des modernen Anwalts.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Dabei wird seinen Kindern klar, dass er diesen Prozess aus tiefster Überzeugung führt und sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, wenn er kneifen würde. Seinen Kindern könnte er dann kein Vorbild mehr sein und diese Lehren werden zum prägenden Kindheitsbild ganz besonders für die junge Scout, die ihren Vater abgöttisch liebt und ihn mutig vor aller Welt verteidigt. Er stellt sich als Pflichtverteidiger gegen die meisten Menschen in Maycomb. Er riskiert viel und bleibt seinen Prinzipien treu.

„Ich könnte nicht mehr mit erhobenem Kopf durch die Stadt gehen…“

„Diesmal kämpfen wir nicht gegen die Yankees, sondern unsere Freunde“

„Das ist mein Fall. Dass wir schon 100 Jahre vor Prozessbeginn besiegt wurden, ist kein Grund untätig zu bleiben!“

Und genau diesen Prozess beobachten die Kinder, erleben, wie sich ihr Vater für die Rechte der Schwachen einsetzt und erheben ihn fortan zum leuchtenden Vorbild ihres eigenen Lebens. Auch wenn er ein tragischer Held bleibt, er ist ein Held und sein Wort ist Dogma und Gesetz zugleich. Und doch tritt Atticus Finch zu keinem Zeitpunkt als Vordenker für die Gleichberechtigung der Schwarzen in seinem Staat ein. Ganz im Gegenteil

Er bezeichnet die sexuelle Annäherung zwischen dem Angeklagten und der weißen Klägerin, egal von wem sie ausging, als schlimmen Verstoß gegen ein tief verwurzeltes Recht und Gesetz und einen erheblichen Schlag gegen alle moralischen Vorstellungen. Er tritt für abstraktes Recht ein, wie so viele Anwälte, denen es nur wichtig scheint, ihren Fall zu gewinnen. Die gesellschaftlichen Ursachen für Straftaten sind egal oder werden schweigend akzeptiert. Doch das erkennt man erst auf den zweiten Blick. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein hintergründiger Roman der im zutiefst von Rassentrennung gekennzeichneten Süden spielt und dessen Protagonist diesen Rahmen zu keiner Zeit sprengt.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Ich werde niemals vergessen, wie ich damals mit Scout aufgewachsen bin, mit ihr gemeinsam ihren Vater bewundert habe. Ich habe an ihrer Seite Freundschaft um jeden Preis erlebt und hatte Angst vor dem gesichtslosen Boo Bradley in der Nachbarschaft. Ich sehe noch immer das Versteck im Baum und fühle das tiefe Band der schwarzen Gemeinde in Maycomb. Ich habe diesen großen Roman geliebt, liebe ihn noch immer und habe ihn erneut gelesen, unmittelbar bevor ich den „Wächter“ begonnen habe.

Ich kann nur jedem Leser raten, die Nachtigall erneut zu lesen, oder sich den Film anzuschauen und in Gedanken tief in den Maycomb-Mikrokosmos einzutauchen, um im „Wächter“ auf der Höhe der tiefen persönlichen Verbindungen zur Vergangenheit zu sein. Dieser Roman sollte nicht isoliert betrachtet werden. Er ist die zweite Seite der Medaille, ohne die alles keine Bedeutung hat. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist, wie der Titel schon sagt, eine ganz genau definierte Beobachtungsposition, aus der die Vergangenheit neu bewertet wird und man sich in der Zukunft besser auf sein Urteil verlassen kann.

Der „Wächter“ also, das eigentliche Debüt, der Roman der zuerst da war, bringt uns nun in die 1950er Jahre zurück in unser Maycomb. Scout (Jean Louise) ist inzwischen 26 Jahre alt und kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihren inzwischen über 70-jährigen Vater Atticus zu besuchen. Von New York in den Süden. Auch in den fünfziger Jahren fast eine Weltreise, ganz besonders in diesen unruhigen Zeiten für den guten alten Süden. Mit der Aufhebung der Rassentrennung an Schulen stehen die schwarzen Mitbürger nun fast vor der Tür der vollwertigen Bürgerrechte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Und das ausgerechnet in Alabama, wo sie, die ehemaligen Sklaven, auch noch in der Überzahl sind und der Widerstand in der Bevölkerung wächst beharrlich. Es ist die pure Angst vor der Rache für Jahre der Knechtschaft und die Angst vor der Beteiligung von Schwarzen an öffentlichen Ämtern und vielleicht sogar an der Regierung. Unvorstellbar. Aber Jean Louise weiß ihren Vater auf der richtigen Seite. Als aufrechten Kämpfer und Volksvertreter für Gleichberechtigung. Auch der Mann, den sie vielleicht einmal heiraten würde entspricht diesem Bild. Nicht umsonst arbeitet er in der Kanzlei ihres Vaters und ist der geborene Nachfolger im Amt und im Leben.

Was Scout allerdings dann erleben muss, schlägt nicht nur dem Fass den Boden aus, sondern wirft ihr Weltbild durcheinander, lässt alles aus den Fugen geraten und macht aus dem kleinen naiven Wildfang von einst eine Furie im Kampf um die eigene Weltanschauung. Ihr Vater auf Seiten der Befürworter der Rassentrennung? Ihr Vater als Vorsitzender eines der berüchtigten Bürgerräte, die alles in Bewegung setzen, die Diskriminierung der Schwarzen fortzusetzen? Ist das ihr Vater, der nun im Besitz von Hetzschriften ist und seiner Tochter zu vermitteln versucht dass es keinen anderen Weg für den Süden gibt? Die Erkenntnis reift um 14:18 Uhr an diesem Tag. Danach ist alles anders. Alles.

Denn auch ihr Freund ist auf der falschen Seite! Sich opportunistisch anpassend an die lokalen Gegebenheiten, weil er ja in dem kleinen Ort leben und arbeiten will? Alle auf der falschen Seite, nur nicht Jean Louise, die den Idealen ihres Vaters bisher ebenso sklavisch folgte, wie er nun zu versuchen scheint den Großteil der Bevölkerung klein zu halten? Nur aufgrund der anderen Hautfarbe? Jean Louise Finch steht am Scheideweg ihrer eigenen Existenz und beschließt zu handeln. Ganz im Stile ihres Vaters und dabei macht sie intellektuell kurzen Prozess mit ihm. Eine ganz eigene Verhandlung in Sachen Finch gegen Finch. Und ihr Schlussplädoyer wird noch lange nachhallen. Das kann ich versprechen.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist mehr als ein Manuskript. Es ist die Fortsetzung einer großen Geschichte, die schon geschrieben war, bevor die Geschichte begann. Schwungvoll geschrieben, voller Ironie, Humor und unglaublichem Tiefgang führt uns Harper Lee zurück in die Kindertage der „Nachtigall“ und bringt uns klarsichtiger als zuvor in die Gegenwart der fünfziger Jahre zurück. Farbenblind – nur so kann man den Zustand bezeichnen, der Scout damals gefangen hielt. Die Bewunderung weicht dem Zorn und sie fühlt sich völlig verloren in einer Fremde, die einst ihre Heimat war.

Die großen Aussagen kommen nun von ihr. Der wehmütige Blick zurück führt uns in einen Roman, den man einfach lieben musste. Und doch liebte ich viele Jahre lang nur eine Seite eines Reißverschlusses. Nun habe ich die zweite Seite gefunden und Scout Finch ist der Verschluss, der alles verbindet. Harper Lee hat es sich auch mit diesem Roman sicher nicht leicht gemacht. Ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung vermag man nur zu verstehen, wenn man mit offenem Herzen liest. Besonders gegen Ende des Wächters schillern diese beiden Nichtfarben in allen Nuancen, die nur vorstellbar sind.

Für mich eine literarische Sensation. Für mich ein außerordentlich intensives Lesen und das Gefühl, nach Hause zu kommen und dann mit Scout plötzlich am Rand der Gesellschaft zu stehen. Für mich ein sehr politisches Lesen, angesichts der rassistisch motivierten Vorfälle unserer Zeit. Für mich zwei hell leuchtende Bücher, die verstehen helfen, was es für die USA bedeutet einen schwarzen Präsidenten ins Amt gewählt zu haben. Emotionales lesen, weil ich schon immer ein wenig in Scout verschossen war. Und es ist ein grandioses Hörerlebnis, weil Sprecherin Nina Hoss diesem Roman in der Hörbuchfassung (Der Hörverlag) eine mehr als persönliche Note verleiht, die man sich anhörten sollte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Was ich persönlich von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in Erinnerung behalte? Einen verrutschten Gummibusen bei einem ausgelassenen Tanzabend; eine mehr als verstörende Wolke aus Gesprächsfetzen bei einem Kaffeekränzchen, das Scout zeigt, wie fremd sie sich in Maycomb fühlt; einen peinlichen Unfall im Schlafwagen, der zeigt dass man auch dort besser ein Höschen tragen sollte; das warme Wiedersehen mit der guten Calpurnia und den absolut dramatischen Perspektivwechsel auf dem Balkon des Gerichtssaals, der Scout ihren Vater von einst erleben lässt, während dieser nun, fast zwanzig Jahre später der Vorsitzende einer Versammlung radikaler „Negerhasser“ ist. Grandioses Gefühlskino.

Gehe hin, stelle einen Wächter (DVA Verlag) verbirgt weitere Geheimnisse, denen ich beim Harper-Lee-Abend des Verlages im Literaturhaus München auf den Grund gegangen bin. Interviews mit Verlagsmitarbeitern werden in der nächsten Woche als RadioPodcast bei Literatur Radio Bayern veröffentlicht, um das Bild abzurunden und Sie zum Lesen zu verführen.

Und dann gehen wir gemeinsam auf die Suche nach den ganz kleinen Häkchen, die den Reißverschluss des Lesens ein wenig zu stören scheinen, wie der Ausgang des Robinson-Vergewaltigungs-Prozesses, der in beiden Büchern unterschiedlich endet. Es ist noch viel zu entdecken. Die Reportage bringt weiteres Licht ins literarische Dunkel und wir gehen sogar der Frage nach, ob das Wächter-Zitat „Someone is walking over my grave“ in seiner wörtlichen Übersetzung „Jemand ist über mein Grab gegangen“ besser funktioniert, als die gute alte deutsche Gänsehaut.

Beginnen Sie doch bis dahin mit der Nachtigall (Rowohlt) und begegnen Sie dann dem Wächter. Dieser Roman hat das Potential, ein ganz individueller Wächter des persönlichen guten Gewissens zu werden! Es lohnt sich. Bis bald.

Mit einem Klick zur Radioreportage vom "Harper Lee Abend"

Mit einem Klick zur Radioreportage: Der  „Harper Lee Abend“ in München

Und nun eine kleine Vorschau auf unsere Literatur Radio Bayern Reportage, die hier zu hören ist.

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Hier geht es zu meinem literarischen Sternystem der verlorenen Mädchen!