„Niemals ohne sie“ von Jocelyne Saucier [Das Hörbuch]

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Es sind die verlorenen Mädchen, die in der kleinen literarischen Sternwarte eine neue Heimat finden. Es sind Mädchencharaktere in der Literatur, die auf der Strecke bleiben. Ausgegrenzt, verlassen, heimatlos oder einfach spurlos verschwunden. Ich bin zeitlesens auf der Suche nach Romanen, in denen ich diesen besonderen Mädchen in ihren Geschichten begegne. Selten zuvor sprang mich der Titel eines Romans so sehr an, wie dieser: „Niemals ohne sie“. Schon auf den ersten Blick war mir fast klar, dass ich im Buch von Jocelyne Saucier auf ein solches Mädchen stoßen würde. Mir war nur nicht klar, wie intensiv mich dieses Mädchen beschäftigen sollte, obwohl ich es niemals kennenlernen würde.

21 Kinder gehören zur Familie. 21 Kinder haben die Cardinals in die Welt gesetzt. Da verliert man schnell den Überblick und es fällt schon schwer, die Familie durch Untiefen und Schicksalsschläge zu navigieren. Besonders, wenn der Familienvater sein ganzes Leben lang immer ganz knapp am Glück vorbeigräbt. Als Erzsucher verdient er seinen Lebensunterhalt. Als Erzsucher wird er von allen geachtet und zugleich belächelt, liegt es doch in seiner Natur, immer nur erste Ausläufer neuer Erzvorkommen zu entdecken. Man muss ihm nur folgen und ein paar Meter neben ihm Graben. Schon hat man Glück und er blickt in die Röhre. Fatal für ihn. Fatal für die Familie. Er hat mehr Menschen im Minenstädtchen Norco reich gemacht, als man sich vorstellen kann. Sein Glück hat nie auf seine Frau und seine Kinder ausgestrahlt.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Sie fühlen sich betrogen. 21 betrogene Kinder und ihre betrogenen Eltern. Sie haben einen Plan, der das Glück erzwingen soll. Ein Plan, der Untertage liegt. Vor den Augen der Bewohner Norcos verborgen. Vor den Augen der Welt verborgen. 23 Verschwörer verbünden sich gegen die Welt. Nur ein paar Cardinals sind noch zu klein, um alles zu begreifen. Der Familienverbund organisiert sich. Ältere kümmern sich um Jüngere. Die Jungs fechten die Hierarchie aus, wer ihrem Vater zur Hand gehen darf und die Mutter versinkt in einer erschöpften Lethargie. Gezeichnet von 21 Geburten und nur noch vom Willen beseelt, ihre Kinder zusammenzuhalten. Untertage scheitert auch der Plan. Eine Explosion zerreißt nicht nur die Stille der Nacht. Sie zerreißt alles, was die Cardinals zu dem gemacht hat, was sie für einander waren. Untertage wird die Familie versprengt.

In der Nacht des fatalen Scheiterns senkt sich der dunkle Mantel des Schweigens über die Familie. Es gilt nicht nur Spuren zu verwischen, sondern auch einen Verlust vor den Augen ihrer eigenen Mutter zu verbergen, der schwerer wiegt, als die Aussicht auf ein Leben ohne den Reichtum, um den sie betrogen wurden. Es ist die Zahl 20, die fortan zur Bestimmungsgröße der Cardinal-Kinder wird. Es ist der Tod ihrer Schwester Angèle, der die Familie für immer aus der Bahn wirft. Es sind Fragen der Schuld, die im Raum stehen. Eine Schuld, die das Leben aller Cardinals verändert. Wie kann man der eigenen Mutter den Tod ihrer Tochter verheimlichen? Wie kann man sie ablenken? Wie kann man verhindern, dass sie beim abendlichen Durchzählen ihrer Liebsten auf diese Lücke in der Familie stößt? „Niemals ohne sie“. Der Titel des Romans ist das Mantra, unter dem die Zukunft aller Cardinals verläuft.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Jocelyne Saucier lässt Leser und Hörer in die labyrinthische Dunkelheit der Welt des Erzabbaus hinabsteigen. Sie entwickelt einen Erzählraum, der verschachtelt und geheimnisvoll ist. Sie schreibt von einer Familie, die eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Umwelt ist der Feind. Der „Mikrokosmos Cardinal“ hat sich wie ein Igel mit Stacheln gegen die Bewohner von Norco und die Betreiber der Minen zu verteidigen. Eine kleine schlagkräftige Armee terrorisiert die Umgebung. Von Rachegedanken beseelt. In jenen engen Grenzen und in einer klaren Hierarchie funktioniert der Familienverbund. Bis es zur Tragödie kommt. Diese Mutter kann man nicht täuschen. Hier braucht es einen gut durchdachten Plan.

Diese Frau kennt uns besser als wir selbst. Sie hat uns aus der Wolle ihrer Seele gestrickt, sie kennt uns auf rechts und auf links, sie findet jede verlorene Masche wieder. 

Von diesem Tag an gilt es zu verhindern, dass die Familie sich komplett versammelt. In alle Himmelsrichtungen treibt es die großen und erwachsenen Geschwister. Es folgt ein jahrzehntelanges Versteckspiel voller Ausreden, Selbstzweifel und Vorwürfe. Alles, um der Mutter den Schmerz des Verlusts zu ersparen. Lebenswege öffnen sich, die so unterschiedlich sind, wie man es sich nur vorstellen kann. Keines dieser Leben verläuft einfach. Jedes ist geprägt von Schuld und Verlust. Besonders das von Tommy, die als Zwillingsschwester der verlorenen Angèle, viel zu oft ein falsches Spiel spielen musste.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

30 Jahre später. Es ist unumgänglich. Ein Kongress führt die Familie zusammen. Eine hohe Auszeichnung für den Vater lässt keine Ausflüchte mehr zu. Wie lange gelingt es, die Zahl 20 geheim zu halten? Wie lange kann man die eigene Mutter beschützen und wie begegnen sich die nun erwachsenen Kardinal-Nachkommen? Alte Wunden reißen auf. Ein explosives Gemisch versammelt sich in einem Hotel, in dem die Vergangenheit ihre Schulden eintreibt. Sechs Perspektiven erzählen uns die Geschichte. Sechs Jungs und Mädels aus dem Clan kommen zu Wort. Eine Konstruktion, die uns zu Suchenden nach der Wahrheit macht. Schritt für Schritt wächst die Erkenntnis. Langsam lüftet sich das Geheimnis und im Showdown scheint sich zu wiederholen, was vor 30 Jahren tief unter der Erde ereignete. Der große Knall.

Wenn ich vom Alleinstellungsmerkmal eines Hörbuches schreibe, dann nur, weil es mehr bietet als das eigentliche Buch. Sechs Stimmen brennen sich ins Herz des Hörers ein. Sechs Stimmen, die sich nicht überlagern, erzählen ihre Geschichten. Nur einer Stimme, nur einem Charakter ist es vorbehalten, ein zweites Mal aufzutreten. Aus gutem Grund. Tommy. Sie spricht nicht nur für sich, sondern auch für ihre Schwester. Es sind unglaubliche Stimmen, die hier zu einer Hörbuchproduktion vereint wurden. Es sind Stimmen, die den Cardinals Identität verleihen. Starke Männer und noch stärkere Frauen kommen zu Wort. Eindringlich. Jeder dieser Stimmen gehört eine CD. Sieben CDs umfasst die Produktion. Mehr als sechs Stunden, die man so schnell nicht mehr vergisst.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Die SprecherInnen und ihre Rollen (Spitznamen der Cardinals):

Devid Striesow liest Matz
Claudia Michelsen liest Jeanne d`Arc
Anna Thalbach liest Tommy
Sabin Tambrea
liest El Toro
Robert Stadlober
liest Émilien
Benno Fürmann liest Geronimo

Diese Stimmen setzen sich fest. Es ist äußerst ungewöhnlich, sie ohne Überlagerung, ohne Dialog erleben zu können. Obwohl jeder dieser brillanten Stimmen ein Part dieser Geschichte gehört, scheinen sie miteinander zu kommunizieren. Das Mosaik setzt sich von CD zu CD zu einem komplexen Bild zusammen, das man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Verlorene Mädchen. Das war für mich die Überschrift des Hörens. Angèle ist präsent, ohne selbst zu Wort zu kommen. Sie ist das Mädchen, dem ich eine neue und geschützte Heimat geben möchte. In bester Gesellschaft mit den „Lost Girls“, die mir in meinem Lesen und Hören bisher begegneten. Eigentlich hat sie die Cardinals nie ganz verlassen. Vielleicht ist sie die Klammer die alles zusammenhält. Und doch ist sie eine lebenslange Treibladung am explosiven Kern einer Familie, die um ihr Glück betrogen wurde.

“In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.”

Lassen Sie sich auf die Cardinals ein. Versetzen Sie sich in ihre Lage und versuchen Sie den Gedanken zu wagen, wie es ist, wenn man „Niemals ohne sie“ leben kann. Es ist ein starker Roman aus der Feder der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier. Auch wenn das Original bereits im Jahr 2001 unter dem Titel „Les héritiers de la mine“ (Die Erben der Mine) erschienen ist, die Geschichte ist zeitlos. Ich empfehle das Hören. Aus gutem Grund.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier und die verlorenen Mädchen

Folgen Sie mir bitte zu weiteren verlorenen Mädchen. Sie haben es sich verdient, erlesen und erhört zu werden.

Niemals ohne sie“ / Jocelyne Saucier / ungekürztes Hörbuch / Random House Audio / 6 Std. 11 Min. / 7 CDs / 20 Euro / Übersetzung: Sonja Finck / Roman – Suhrkamp

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Zurück ins Bergwerk? Sorj Chalandon „Am Tag davor“ Lesenswert und stark!

„Die Aussprache“ von Miriam Toews

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Ich befinde mich in einem klaustrophobischen Erzählraum. Ich fühle mich nicht gut. Beklemmung macht sich breit und meine Wut ufert beim Lesen aus. Es riecht nicht nur nach Angst, es schmeckt nicht nur nach aufgestautem Hass, man kann die kollektiven Verletzungen spüren, die sich hier Gehör verschaffen. Ich bin in unserer Zeit. Nicht im Mittelalter. Ich bin in Bolivien, halte ein Buch in Händen, das wohl als Roman zu sehen ist, jedoch auf wahren Begebenheiten beruht. Ich befinde mich in einer Kolonie, in einer Gemeinde gläubiger Mennoniten. Gottesfürchtige Menschen. Sollte man meinen. Es ist ein Heuboden, in dem sich abspielt, was ich im Leben nicht mehr vergessen werde. Es ist ein Versteck, in das sich acht Frauen der Gemeinde geflüchtet haben. (Rezi hören)

Die Aussprache - Die Rezension fürs Ohr - Ein Klick genügt - Astrolibrium

Die Aussprache – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Es ist Die Aussprache, der ich beiwohnen darf, weil mir die kanadische Autorin Miriam Toews ihren neuen Roman anvertraut, der nichts anderes ist, als das fiktive Protokoll dieser unglaublichen Versammlung. Ich bin mucksmäuschenstill. Ziehe mich atemlos in den hintersten Winkel des Heubodens zurück und höre den Frauen zu. Sie sind nicht grundlos hier. Mein Gott, das auf keinen Fall. Am Ende der Leidensfähigkeit und erfüllt von dem verzweifelten Wunsch, sich selbst und ihre Kinder zu retten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als „Die Aussprache“ zu führen und eine Entscheidung zu treffen, die alles verändert. Ihr eigenes Leben, das ihrer Familien und den Fortbestand der gesamten Mennoniten-Kolonie Molotschna.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Der Grund für „Die Aussprache“? Verstörend… Über Jahre hinweg wachten Frauen und Mädchen infolge nächtlicher Übergriffe benommen, unter Schmerzen und verletzt, blutend und psychisch gequält auf. Vergewaltigt. Die Ursache der Überfälle war für die Männer der Gemeinde schnell klar. Es war die Strafe Gottes für die unreinen Gedanken der Frauen. Eine Strafe Gottes oder des Teufels für all ihre Sünden. Erst als sich einige Frauen auf die Lauer legten, kam das Entsetzliche ans Tageslicht. Acht Männer hatten sie systematisch mit einem pflanzlichen Tierbetäubungsmittel bewusstlos gemacht und sich an ihnen vergangen. Ihre Opfer: Frauen, Mädchen, kleine Kinder. Ihr Beistand, als die Gewalttaten offensichtlich wurden: Fehlanzeige. Aus Sicht ihres Bischofs waren die Frauen bei den Gewalttaten ohne Bewusstsein. Was sollte man ihnen da beistehen im Nachhinein?

So. Das musste sich setzen. Ich war angesichts dieses Missbrauchs angewidert. Ein in sich geschlossenes patriarchalisches System mit einem archaischen Frauenbild als Basis für den systematischen sexuellen Missbrauch ist nur eine Seite des Grauens. Die Konsequenzen für die Frauen setzten dem Ganzen für mich die Krone auf. Für die Gemeinschaft nicht mehr tauglich waren sie. Nicht mehr jungfräulich, schwanger einige und beschmutzt. Man hatte diese Frauen und Mädchen an den Rand der Gemeinschaft vergewaltigt. Mir war zum Kotzen zumute. Und genau hier beginnt „Die Aussprache“. Aus Angst vor der Rache einiger Frauen befinden sich die Täter vor Gericht. Der Rest der Männer ist vor Ort, um die Kaution für ihre Freilassung aufzubringen. 48 Stunden bleiben den Frauen. 48 Stunden für eine Entscheidung. „Die Aussprache“ als Akt der Befreiung oder des Aufgebens.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Alternativen? Grundsätzlich sind sie da. Jedoch ist das mennonitische Frauenbild in Perfektion das geeignete Machtinstrument, die Wahlmöglichkeiten der Opfer drastisch einzuengen. Sie können weder lesen noch schreiben. Sie sprechen nur Plautdietsch, wissen nicht, wo sich die Kolonie befindet, weil sie den Ort nie verlassen durften. Doch trotz all dieser Grenzen sind acht Frauen nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie begeben sich auf den Heuboden und beraten, was zu tun ist. Nichtstun. Bleiben und Kämpfen. Gehen. Miriam Toews schreibt uns in einen existenziellen Meinungsaustausch, in dem das Für und Wider der Optionen aufgelistet wird. In jeder Konsequenz wird klar, was es für die Frauen und Mädchen bedeutet, an diesem Punkt ihres Lebens angekommen zu sein. Vernichtend.

Hier sind sie nun versammelt. Generationsübergreifend, traumatisiert, verprügelt, zerschlagen, ungewollt schwanger. Sie sprechen für diejenigen, die sich bereits das Leben genommen haben. Sie sprechen für diejenigen, die zu verängstigt sind, um eine eigene Meinung zu haben. Und sie sprechen für sich selbst. Für all ihren Schmerz. Für ihre Verwundungen, die verbaute Zukunft, aber auch die Werte, für die sie bisher tapfer gekämpft haben. Alle Meinungen sind vertreten. Mord, Rache, Vergebung, Schweigen. Jede Option wird beleuchtet und erbittert diskutiert. Es gibt keinen Königsweg, für den sich die Frauen entscheiden können. Jedes Ergebnis der „Aussprache“ beinhaltet sehr schmerzliche Konsequenzen. Bis hin zum Zurücklassen der eigenen Söhne, die zu alt sind, um ihnen zu folgen. Sollten sie es denn wagen, zu fliehen.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Miriam Toews seziert mit den Gedanken dieser Frauen jedes Wort. Was bedeutet Vergebung. Ist das Gehen mit Flucht gleichzusetzen? Was ist man selbst wert? Ist man Tier oder Mensch? Was bedeutet Zukunft? Wer trägt Verantwortung und was bedeutet der Glaube an ihre orthodoxe Religion? Machen sie sich schuldig, wenn sie den Tätern nicht vergeben? Werden sie exkommuniziert, wenn sie gehen? Was geschieht mit ihrer Familie, wenn sie bleiben? Die Allmacht der Männer ist fühlbar. Ihre Abwesenheit kann nur kurz zum Durchatmen genutzt werden. Entscheidungen müssen her. Miriam Toews zermalmt jeden Hoffnungsfunken in den widerstrebenden Argumenten. Hier sind Mütter und Töchter in ihren Bildern so gefangen, dass es nicht um Emanzipation geht. Es geht ums nackte Überleben.

Die kanadische Autorin mit mennonitischen Wurzeln lässt in ihrem Buch Frauen zu Wort kommen, deren Zukunft durch ein allmächtiges Patriarchat zerstört wurde. In größter Not wagen sie daran zu denken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es ist allzu schmerzhaft, diesen Diskussionen zu folgen. Es ist schmerzhaft, Empathie zu empfinden, weil sie ein vernichtendes Gefühl der Wertlosigkeit aufkommen lässt. Es ist ausweglos, mir vorzustellen, was ich fühlen würde. Was Miriam Toews hier im Großen entfaltet wird zum ganz individuellen Leidensweg, der besonders in der Figur von Ona sichtbar wird. Schwanger von einem der Täter. Nervlich am Ende. Unbrauchbar für die Gemeinde und doch eine so warmherzige, zutiefst liebende und Stärke ausstrahlende Frau, dass man sie lesend eigentlich dauernd im Arm halten möchte. Dafür jedoch ist Ona Friesen zu stolz!  

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Die Aussprache von Miriam Toews

Die Relevanz dieses Romans unterstreicht Miriam Toews mit einem literarischen Schachzug der Meisterklasse. Sie lässt die Aussprache von einem Mann zu Protokoll bringen. Ein Rückkehrer in die Kolonie. Ein Ausgestoßener. August Epp. Aus Sicht der anderen Männer ein „Halbmann“. Untauglich für die Landwirtschaft. Hier jedoch brilliert er als Mediator und Moderator. Seine Anwesenheit versöhnt mit einem Patriarchat, das aus der Zeit gefallen ist. Seine Impulse und Gedanken machen ihn zum Spiegelbild der Männerwelt, wie sie sein könnte. Der Grund für seine Anwesenheit wird erst zum Ende der Aussprache klar. Ein ganz feiner literarischer und emotionaler Moment, der beweist, dass man manchmal die Flinte ins Korn werfen muss, um eine Zukunft für sich und die Menschen zu gestalten, die einem am Herzen liegen. Wahre Größe…

In Zeiten der MeToo-Debatte und dem um sich greifenden Missbrauch gegenüber Frauen zeigt dieser Roman, dass es immer die von Männern gestalteten Umstände im Leben sind, die den Weg zur Machtausübung ebnen. Brandaktuell lässt uns die Autorin mit dem Gefühl zurück, dass jede moderne Gesellschaft mennonitische Dogmen pflegt. Selbst eine kleine Familie kann zu einer Kolonie werden, in der sich eine Frau zu fügen hat. Unvorstellbar und doch beginnt der Missbrauch im Kleinen. Mit Worten, sprachlich ungenauen Begrifflichkeiten, verbalen und deshalb sehr psychischen Verletzungen. Mit Abwertung und zuletzt mit Gewalt und Zwang. Hier würde jedem Mikrokosmos Familie ein gezielter Blick auf den Makrokosmos „Kolonie“ weiterhelfen. Ob Religion, Ideologie oder gesellschaftliche Dogmatik. Die Mechanismen sind vorhanden. Die Automatismen folgen. Und wenn man bei Frauen keinen Erfolg hat, dann nimmt man sich Kinder. Wie es der systematische Missbrauch in der katholischen Kirche eindrucksvoll beweist. Lest „Die Aussprache“. Eines der wohl relevantesten Bücher des Jahres.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Viele verlorene Mädchen finden sich in „Die Aussprache“. Ein wichtiges Thema für mich. Besucht meine Literatursammlung zu den Lost Girls der Gesellschaft

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Die Aussprache von Miriam Toews und die verlorenen Mädchen

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich bin abgehärtet. Dachte ich. Ich habe alles über den Holocaust gelesen und werde immer weiterlesen. Ich stoße dabei in Regionen vor, die nicht mehr nur den Zeitzeugen vorbehalten sind, und ich erwarte eigentlich, die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nur noch in verfälschten oder überzeichneten Erzählungen aus dritter Hand anzufinden. Wie sehr man sich täuschen kann. Gerade in einer Zeit, in der man davon ausgeht, das Authentische und Wahre des Horrors nicht mehr vorzufinden, bahnen sich Geschichten ihren Weg an die Öffentlichkeit, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie fast nicht erzählt worden wären. Und ich dachte, ich hätte alles gelesen.

(Sie können diese Rezension auch bei Literatur Radio Hörbahn hören… hier…)

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich habe mich oft mit Kindern beschäftigt, die der Nazi-Ideologie zum Opfer gefallen sind. Kinder, die nicht mehr ins Rasse-Raster passten, deportiert, misshandelt, vergast oder totgespritzt wurden. Kinder, für die es keine Rettung gab. Von unwertem Leben ist die Rede gewesen. Von Volksschädlingen. Begriffe, die immer noch an mir zerren, wie böse Geister aus der Vergangenheit. Ich bin Kindern in ihre Verstecke gefolgt. Ich habe erlebt, wie sie mit ihren Familien denunziert und ermordet wurden. Und ich habe einige verzweifelte Versuche erlebt, in denen Eltern eigene Kinder weggegeben haben, um sie zu retten. Unvorstellbare Lebens- und Leidenswege verstecken sich hinter Geschichten und Familien dieser Zeit.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich lernte jetzt „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ kennen. Ihr Schicksal ist kein Einzelschicksal. In den besetzten Niederlanden haben unzählige jüdische Familien den Versuch unternommen, ihre Kinder bei Fremden in Sicherheit zu bringen. Es existierten Netzwerke zur Rettung dieser Kinder. Viele konnten gerettet werden, obwohl die Suche nach ihnen während des Zweiten Weltkrieges niemals ruhte. Viele Geschichten enden mit der Befreiung dieser Kinder. Ein Ende im Frieden. Überlebt. Nicht, wie Anne Frank, doch noch entdeckt und deportiert. Es sind versöhnliche Geschichten, die uns über die harte Realität der Befreiung ebenso hinwegtäuschen, wie der Begriff der Befreiung der Konzentrationslager. Das war kein Schlusspunkt. Es war der Beginn des neuen Aktes im Horrorszenario der unerwünschten Überlebenden, die plötzlich wieder in der Heimat auftauchten.

Wenn Bart van Es uns das Poesiealbum eines jungen Mädchens übereignet, dann haben wir es heute mit einer Geschichte zu tun, die so einzigartig und brillant erzählt ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die Geschichte einer Frau, die sie uns niemals freiwillig erzählt hätte. Eine Geschichte, die tief im Inneren vergraben war, weil es ohne Familie keine Geschichte gibt. Das sagt sie noch heute. Lien de Jong. Im Alter von über achtzig Jahren hält sie es nicht für erzählenswert, weil sie keine Familie hatte. Und damit auch keine Geschichte. Dass sie sich Bart van Es anvertraute, gehört für mich zu den hoffnungsvollsten Ergebnissen in der langen Kette der Zeitzeugen-Recherchen, da Bart van Es zu der Familie gehört, die Lien de Jong damals vor den Nazis versteckte. Eine Familie, die ihr, wie die eigene, verlorengegangen war.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bart van Es konfrontiert uns mit einem kaleidoskopischen Inferno, das in der Lage ist Menschen für immer zu zerstören, auch wenn sie nach objektiven Maßstäben zu der kleinen Gruppe der Überlebenden gehören. Die Geschichte seiner Familie ist auch die Geschichte des Widerstands in den besetzten Niederlanden. Es ist die Geschichte der Großeltern, die jüdische Kinder versteckten und so ihr eigenes Leben riskierten. Damit ist es auch die Geschichte von „Lientje“, der man im Alter von acht Jahren Obdach und Schutz gewährte. Ein Kind, dessen jüdische Eltern keinen anderen Ausweg sahen, um zumindest die eigene Tochter zu retten. Hier beginnt im Jahr 1942 eine Odyssee, die in den folgenden Jahrzehnten von weiteren nachhaltigen Verlusten geprägt sein sollte. 

Lientje hat den Krieg und die Verfolgung überlebt. Soweit so gut. Ihr Poesiealbum legt Zeugnis von Kindertagen, der eigenen Familie und der Zeit ab, in der die Angst um das eigene Leben der Vergangenheit angehören sollte. Und doch dauert es Jahrzehnte bis Bart van Es, lange nach dem Tod seiner Großeltern, diesem Mädchen auf die Spur kommt, das nach dem Kriegsende von den van Es adoptiert wurde und gemeinsam mit seinem Vater aufgewachsen war. Er stellt den Kontakt wieder her und in schmerzhaften und intensiven gemeinsamen Gesprächen mit Lien de Jong entstand ein Buch, das die Grenzen des Begreifbaren oftmals überschreitet. Es ist eine Familiengeschichte, die ich in dieser schonungslos offenen und investigativ persönlichen Art und Weise noch nicht vor Augen hatte.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Es ist nicht nur die Geschichte der Verfolgung der Juden in den Niederlanden. Es ist nicht nur die verzweifelt erzählte dramatische Geschichte der Verluste eines kleinen Mädchens. Es ist nicht nur die Geschichte einer Rettung gegen alle Widerstände. Hier erleben wir nach der Zermalmung ihrer eigenen Familie die Spätfolgen dieses Verlusts. Hier werden wir mit einer alten Dame konfrontiert, die Zeit ihres Lebens darunter leiden musste, identitätslos und ohne eigene Geschichte durchs Leben zu gehen. Wir erleben eine Frau, die von weiteren Brüchen erzählt, die uns sprachlos machen. Brüche, die im Erzähler dieser Geschichte zu Verwerfungen führen, die er so nicht erwartet hätte. Was hatte dazu geführt, dass seine Großeltern und Lien de Jong sich lange Jahre nach dem Krieg aus den Augen verloren hatten. Was hat dazu geführt, dass aus Lientje das „Cut Out Girl“ wurde. Das Mädchen, das aus den Familienalben herausgeschnitten wurde?

Bart van Es kommt einer Geschichte auf die Spur, die er sicher nicht gerne entdeckt hätte, weil sie die Grundfesten seiner Familiengeschichte erschüttert. Und doch führt er sie zu ihrem Ende, weil er in den langen Gesprächen mit Lien realisiert, dass es nie zu spät ist, wenn es darum geht alte Wunden zu heilen. Er lässt Liens Perspektive auf die eigene Familie zu und gibt ihr Raum, sich endlich so zu fühlen, wie sie nie zuvor fühlen durfte. Was ihm auf diese Art und Weise gelingt, ist uns mit der Traumatisierung eines Kindes vertraut zu machen, die auch nach der Befreiung nach ihren Opfern greift. Wir dürfen nicht aufhören zu lesen, wenn es heißt: „Wir sind frei“. Wir müssen weiter folgen und begleiten. Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Verletze Seelen heilen nicht in sich selbst.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es wird international gerade mit Preisen überhäuft. Es ist ein einzigartiges Buch, weil es nicht nur die Verarbeitung der Vergangenheit ermöglicht, sondern weil es tatsächlich etwas bewegt. Lien de Jong schwieg jahrzehntelang, weil man ja nur etwas zu erzählen hat, wenn man eine Familie hat. Dass sie heute in der Lage ist ihre Geschichte zu erzählen, hat genau damit zu tun. Bart van Es hat ihr etwas zurückgegeben, was ihre Traumatisierung gestohlen hatte. Er hat sie behutsam zurückgeholt. In seine Familie und damit in die Familie, die damals ihr Leben gerettet hatte. Ein verstörendes, ein ergreifendes, ein vernichtendes Buch. Aber auch ein Buch, dem es gelingt, auf den Trümmern der Geschichte etwas entstehen zu lassen, das verloren geglaubt war. Zugehörigkeit.

Wenn Sie sich für dieses Buch entscheiden, sollten Sie bereit sein sich auf einige Aspekte dieser Geschichte einzulassen, die völlig unerwartet jedoch mit voller Wucht zuschlagen. Verlust, Verfolgung, Trennung, Leben im Verborgenen und tägliche Angst ums Überleben sind signifikante Eckpfeiler von Zeitzeugenberichten, die uns bisher im Lesen begegnet sind. Der sexuelle Missbrauch der versteckten Kinder, die Weigerung, sie nach dem Krieg an ihre Eltern (sofern sie ihn überlebt haben) zu übergeben und die offizielle Sichtweise, ihr Schicksal in der Öffentlichkeit zu verschweigen, sind nur einige Aspekte, die mich lesend in die Magengrube trafen. Das Poesiealbum spiegelt die Welt vor, die es nie gab. Ganz besonders nicht für „Lientje“ Lien de Jong. Das Buch spiegelt eine Welt wider, die es möglich macht, die Wunden zu heilen. Zuvor jedoch muss man sie schonungslos aufreißen. Bart van es ist dies meisterhaft gelungen. Ein relevanteres Buch gegen die Ausgrenzung von Menschen kann es nicht geben.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Sagte ich bereits, dass Männer anders lesen als Frauen? Ich denke schon. Und ich nehme mich selbst gerne als Beispiel dafür her, dass prägende Rollenbilder wesentlich für eine Rezeption literarischer Stoffe sind. In empathischer Hinsicht fällt es mir leichter, mich in einen männlichen Protagonisten hineinzuversetzen, als die Gefühlswelten einer jungen Frau verstehen zu können. Identifikation mit einer Romanfigur geht immer damit einher, dass man seine eigenen Sichtweisen und Handlungsmuster in jenem Charakter spiegelt, der uns durch die Geschichte trägt. Um es zu versinnbildlichen: Ich war immer Peter Pan, niemals Wendy. Ich war Denys Finch Hatton, nie Tania Blixen und ich habe mich viel wohler in Ernest Hemingway gefühlt, als in der Denkwelt auch nur einer seiner vier Ehefrauen. (Weiterhören oder -lesen. Sie entscheiden selbst…)

Die Rezension fürs Ohr - Erinnerung eines Mädchens - AstroLibrium

Die Rezension fürs Ohr – Erinnerung eines Mädchens

Und doch ist es das wesentliche Verdienst der Literatur, uns einen Blick über den jeweiligen Tellerrand des anderen Geschlechts zu gewähren. Verständnis entsteht nur im Wissen um Gefühlswelten, Automatismen und Verhaltensmuster einer jeweils im Dunklen liegenden anderen Welt. Nur weil ich die Sehnsucht einer Tania Blixen kenne, weiß ich mit dem rein egozentrischen Freiheitsdenken ihres Liebhabers umzugehen. In vielen Belangen öffnen diese Blicke in unerforschte feminine Welten Horizonte, die mir fremd geblieben wären, gäbe es keine Literatur. Immer wieder nähere ich mich diesem besonderen Erzählkosmos einer Frau. Nicht, um ihn nachzuempfinden. Eher schon um zu verstehen, wo die Wurzeln von Missverständnissen verborgen sind. Vielleicht auch, um zu erkennen, welche enormen Fehler wir begehen, wenn wir mit einem Tunnelblick der Ignoranz durch unsere gemeinsamen Leben stolpern.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ich hege nicht den Anspruch, als Frauenversteher durch die Welt zu laufen. Es ist für mich jedoch unabdingbar, Menschen verstehen zu wollen, auch wenn ich mich sehr schwer damit tue, ihr Denken nachvollziehen zu können. Allein im Wissen um diese so unberechenbaren Besonderheiten liegt für mich die Magie der femininen Perspektive in der Literatur. Annie Ernaux bin ich nun zum ersten Mal begegnet. Sie, die bedeutende französische Schriftstellerin, wird in Deutschland erstmals so richtig wahrgenommen. In meiner literarischen Wahrnehmung ist sie für mich ein unbeschriebenes Blatt und doch traf ich auf der Frankfurter Buchmesse die spontane Entscheidung, ihr zu folgen. Es ist einem Hörbuch zu verdanken, dass ich sie für mich entdeckte. Es ist einem Medium zu verdanken, dem ich gerade im Bereich autobiografischer Erzählungen so sehr vertraue, weil ich das Gefühl habe, ein Leben erzählt zu bekommen. Da höre ich gerne zu.

Von der „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux versprach ich mir diese unmittelbare Perspektive auf das eigene Leben der Autorin. Ich lehnte mich zurück und lauschte der Stimme von Maren Kroymann, die mich in der Hörbuchadaption aus dem Hause Der Audio Verlag in das Frankreich des Jahres 1958 entführte. Sie erzählte mir, was Annie Ernaux in der Rückschau auf ihr eigenes Leben zu Papier brachte. Das Zuhören vermittelte mir die unglaubliche Unmittelbarkeit des Miterlebens einer Tour de Force in die Vergangenheit einer inzwischen 78jährigen Schriftstellerin, die sich in eine Lebensphase zurückschrieb, die Auswirkungen bis heute hat. 1958 war Annie Ernaux das Mädchen, dessen Erinnerung wir nun vor Augen und Ohren haben. 18 Jahre alt.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Wie Annie Ernaux bei der persönlichen Retrospektive vorgeht, ist absolut fesselnd. Sie distanziert sich von ihrem vergangenen Ich des 18jährigen Mädchens. Sie entfernt sich nicht nur erzählend, sie unterscheidet deutlich in Ursachen und Wirkungen, die bis heute auf ihr Leben einwirken. Ihre Ich-Perspektive richtet sich auf die Erzählerin heute und jetzt. Die junge Annie wird zur „Sie“. Die autobiografische Kontaktaufnahme mit der eigenen Vergangenheit wird auf diese Art und Weise zu einem besonderen Experiment und zum literarischen Befreiungsschlag einer alten Dame, die bis heute verschämt auf das Jahr 1958 zurückblickt. Das Jahr ihrer Unterwerfung.

Ein Jahr, in dem sich ihr ganzes Leben veränderte. Dabei fing alles sehr harmlos an und eigentlich ist für den außenstehenden Betrachter nicht viel passiert. Eigentlich. Für Annie Ernaux jedoch wird die kurze Zeit, in der sie als Betreuerin in einem Ferienlager arbeitete zum lebenslangen Martyrium. Hier wurden ihr Fesseln angelegt. Hier hat man mit ihren Gefühlen gespielt. Hier wird aus dem erwartungsvollen und lebenshungrigen Mädchen schlagartig eine Nutte. Kaum zu glauben, aber die sozialen Automatismen im Kontext interagierender Gruppen sorgen dafür, dass aus der Summe der Fehltritte eine unumkehrbare Rolle wird, der sie nie wieder entkommen kann. Eine Rolle, die sich auf jeden Lebensbereich auswirkt, auch auf ihr literarisches Schaffen. Ohne, dass jemand etwas davon ahnen konnte.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ein älterer Betreuer im Ferienlager, eine verhängnisvolle gemeinsame Nacht, eine erste Hoffnung auf Liebe, eine bittere Zurückweisung, tiefe Verletzungen, das schlimme Gefühl benutzt worden zu sein, die gefühllose Flucht in die Betten anderer Männer und das Stigma des leichten Mädchens sind wohl die wesentlichen Bilder, die sich im Kopf der jungen Annie manifestieren. Was folgt, ist Scham. Was folgt, ist die Gefühllosigkeit und ein Taumel in eine Zwischenwelt aus Bulimie und Fress-Sucht. Was folgt, ist ewige Unsicherheit sich selbst gegenüber. Dabei ist sie sich heute sicher, dass sie an einigen Stellen dieser frühen Entwicklung einfach nur Stopp hätte sagen können. Dass sie sich hingab, unterwarf und so zum Spielball der Leidenschaft wurde, schreibt sie sich immer noch selbst zu.

Eine bewegende Reise zurück in ein Mädchenschicksal, das für Männer vielleicht gar nicht so dramatisch wirkt, wie es sich für die Betroffene angefühlt hat. Wir sehen aus der männlichen Perspektive eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst und im Streben nach Zuneigung, Wärme und Liebe. Wir sehen die Seite eines Mädchens, das sich auf einen Mann einlässt. Was hier jedoch zerstört wird, ist mehr als nur das Gefühl des Augenblicks. Hier werden Wunden fürs Leben geschlagen, die kaum vernarben. In jeder Beziehung ist es hörenswert, was Annie Ernaux zu erzählen hat. Ungeschminkt und schonungslos beschreibt sie die Ambivalenz, in der sie ihre Gefühle zu leben hat.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Der erste Schritt in Richtung des Mädchens Annie Ernaux hat Konsequenzen für mich. Ich werde ihr garantiert weiter folgen und darf schon bald erleben, wie sie in „Die Jahre“ kommt. Ein Hörspiel mit Corinna Harfouch, Nicole Heesters, Birte Schnöink, und Constanze Becker setzt die literarische Auseinandersetzung der Autorin mit jenen bereits zuvor aufgeworfenen Fragen aus einer anderen Perspektive um. Kein „Ich“ wird zur Erzählerin. Von außen betrachtet Annie Ernaux die Entwicklung eines Landes, eine Phase der Krise mit Algerien, das Unaussprechliche des Jahres 1958, die Hingabe und Enttäuschung, den Weg zu sich selbst und die Jahre des Alterns. Ich denke, nun einen tiefen Zugang gefunden zu haben, um die Erweiterung des Erzählraumes zu verstehen.

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Die Jahre – Annie Ernaux –

Im Januar 2019 geht es bereits weiter. Annie Ernaux – Die Jahre / Das Hörspiel / Der Audio Verlag. Ihr werdet von uns hören. Und wer das Frankreich im Jahr 1958 besser verstehen möchte, dem empfehle ich Die französische Kunst des Kriegesvon Alexis Jenni. Algerien und die Fremdenlegion, Rassismus und Kolonialismus sind Parameter einer Republik, die das Land nachhaltig prägen sollten.

Hier geht´s zum Hörspiel „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Eruptiv und fulminant.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens und die französische Kunst des Krieges

Verlorene Mädchen. Ein Themenschwerpunkt bei AstroLibrium. Hier

Mädchen und AstroLibrium - Eine besondere Beziehung

Mädchen und AstroLibrium – Eine besondere Beziehung

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Man steht vor einem Ölgemälde, das aus der Ferne betrachtet unglaublich realistisch wirkt und bemerkt, je näher man ihm kommt ein maschenartiges Netz kleiner Risse, die sich über das gesamte Bild ziehen. In der Kunstwissenschaft bezeichnet man diese oft auftretende Erscheinung bei Ölgemälden als „Krakelüre“. Die Risse entstehen, weil der Bildhintergrund arbeitet, während die Ölfarbe fest ist und mit zunehmender Zeit deutlich an Flexibilität verliert. Selbst die Mona Lisa ist von einem solchen Netz überzogen. Was hat das jedoch mit einem Roman zu tun?

Was hatDas brennende Mädchenvon Claire Messud mit der Mona Lisa zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Lesend schiebt sich mir jedoch dieser Alterungsprozess eines Bildes immer tiefer ins Bewusstsein, je weiter ich der Geschichte im Roman folge. Was im Auge des Künstlers bei der Entstehung eines Bildes so frisch und gegenwärtig erscheint, zeigt bereits kurz nach der Fertigstellung erste Risse. Wie kleine Kontinente beginnen sich die Bildbestandteile voneinander zu lösen, bis man die ganze Schönheit eines solchen Werkes nur noch aus der Ferne wahrnehmen kann…

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud ist ein absoluter Krakelüre-Roman. Die Autorin zeichnet das Bild der außergewöhnlichen Freundschaft zweier Mädchen, in die sich schon beim Zeichnen der Rahmenbedingungen die ersten Risse einschleichen, ohne dass sie bemerkt werden. Julia und Cassie kennen sich seit frühester Kindheit. Im Sandkasten begann, was hier im Rückblick aus der Perspektive von Julie erzählt wird. Einprägsam beginnt diese typische, jedoch nie stereotype, Coming-of-Age-Geschichte. Sie beginnt am Ende der Beziehung. Sie beginnt mit dem Verlust, an dem Julie immer noch leidet, obwohl ihre damalige Lebensfreundin schon vor zwei Jahren weggezogen ist und sie in der amerikanischen Kleinstadt zurückgelassen hat.

Nun steht Julie vor der entscheidenden Frage ihres noch jungen Lebens. Was ist damals, in jenem wundervollen „Zwillingssommer“ passiert, was hat sie nicht realisiert und woran zerbrach diese innige Beziehung zu Cassie, dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben? Claire Messud erzählt von der Spurensuche einer jungen Frau, die nicht wahrnehmen konnte oder wollte, auf welch unterschiedlichen Lebensentwürfen die tiefe Freundschaft zu Cassie angelegt war. Die Autorin entführt uns in eine Welt, die für zwei Mädchen ganz einfach zu verstehen war, wenn sie nur zusammen unterwegs waren.

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Es ist unspektakulär, was Claire Messud erzählt. Es ist spektakulär, wie sie diese Geschichte erzählt. Es sind die kleinen Bilder, an die sich Julie erinnert. Es sind Bilder die sie als Zwölfjährige in ihre Leben gemalt haben. Es sind kleine Gemeinsamkeiten in zwei Herzen, die sie stärker machten, als sie es alleine waren. Es sind Ausflüge, Spiele und erste Wagnisse, die sie nur wagen konnten, weil sie sich wie Zwillinge aufeinander verlassen konnten. Jetzt im Rückblick, kann sich Julie kaum noch an eine Zeit erinnern, in der sie Cassie nicht kannte.

Und doch muss etwas schiefgelaufen sein, das Julie nicht erkannt hat. Und doch muss diese Freundschaft an den feinen Rissen, die sich unaufhörlich durch das Portrait zweier Mädchen zogen zerbrochen sein. Wie in einem Ölgemälde muss auch hier der Bildhintergrund gearbeitet haben, während diese Freundschaft zuerst an Festigkeit und dann an Flexibilität verlor, auf geänderte Rahmenbedingungen richtig zu reagieren. Wo haben diese Risse begonnen? Welche Rolle spielten die beiden Familien, Freunde und andere Menschen, die ihnen beiden auf ihrem Weg begegneten?

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Erwachsenwerden ist schwer, weil jeder von uns einem eigenen Stern folgen muss. Und ich fürchte, manche von uns haben hellere Sterne als andere.“

Das brennende Mädchen ist so brillant angelegt, dass man als Leser immer das Gefühl hat, einen solchen Riss wahrzunehmen, über den Julie und Cassie später noch stolpern würden. Die Autorin hält uns zwar immer auf Augenhöhe, und doch verstehen wir mit zunehmender Nähe zum Bild dieser Freundschaft, dass man oft zu nah dran ist, um Veränderungen überhaupt erkennen zu können. Claire Messud lässt viel Raum für Spekulationen, da sie uns mit der rein subjektiven Sichtweise der verlassenen Freundin konfrontiert. Sachlich kann und darf Julie nicht bleiben. Emotionen überlagern den Plot und so wird aus der Geschichte zweier heranwachsender Mädchen auch die, zweier im Kern ihrer Lebensentwürfe, unterschiedlicher Elternhäuser.

Hier steht behütete Kindheit gegen vaterloses Aufwachsen. Hier stehen Werte und Normen gegen Improvisation. Hier prallen Welten aufeinander, bei denen Julies Welt in konstanten Kreisen verläuft, während Cassie einen Umbruch nach dem anderen erlebt.

„… so ähnlich ging es mit Cassie und mir. Ich glaube, ich war Goya und machte einfach mein Ding, und sie war die Französische Revolution.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Die Goya-Erkenntnis kommt spät für Julie. Während Francisco de Goya spanischer Hofmaler wurde und das Leben genoss, rollten in Frankreich die Köpfe der Monarchen. Die Einsicht kommt zu spät, um etwas zu retten, aber sie kommt früh genug, um nicht am Verlust einer Freundschaft für das spätere Leben zu scheitern. Wir können viel aus dieser Geschichte mitnehmen. Sie lässt sich nicht auslöschen, dazu ist das brennende Mädchen zu intensiv in Flammen gehüllt. Ein sehr lesenswerter Roman und sicher kein „Frauenbuch“. Bevormundung und Restriktionen in Familien kommen zumeist nicht aus der weiblichen Ecke. Oft sind es die Väter, die Riegel vorschieben oder einfach fehlen, wenn man sie am meisten braucht.

Ich halte mich am Ende des Romans an der Erkenntnis fest, dass man gar nicht aufmerksam genug sein kann, wenn es darum geht, genau hinzuschauen. Ansonsten geht es einem wie Julie, die zwar sieht, aber allzu oft nur vermutet, was sie wirklich zu sehen denkt.

„Das ist wie bei einem Planeten: Man weiß, dass er rund sein muss, man sieht aber nur einen Halbmond oder einen Halbkreis. Also schlussfolgert man, dass ein Teil davon im Schatten liegt. Dann muss man herausfinden, was in diesem Schatten liegt und warum.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Bleibt ganz nah am Bild eurer Freundschaften und verhindert Krakelüre! Sie lässt sich nicht restaurieren, wie ihr an der Mona Lisa seht. Hier geht´s zu weiteren Mädchen in der kleinen literarischen Sternwarte. Es sind immer besondere Mädchen...

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