Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick – Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Totgesagte lesen länger. So oder so ähnlich könnte man alle Versuche beschreiben, das Genre Western abzuschreiben. Dabei erfreut sich genau diese eigene Welt der Literatur einer ganz besonderen Beliebtheit, was sich am großen Erfolg neuer Romane deutlich ablesen lässt. Und nicht nur hier brilliert das Genre, auch im Kino kommen die Zuschauer kaum noch aus dem Sattel, wenn es darum geht, Filmen wie The Revenant, Django Unchained oder The Hateful Eight die Referenz zu erweisen. Ein Erfolg, der auch in der Literatur weite Kreise zieht.

John Williams hat mit „Butcher`s Crossing den Abgesang auf die Büffeljagd in unser Abenteuerherz gepflanzt und Joe R. Lansdale wusste mit Das Dickicht nicht nur seine Leser zu überzeugen. Auch hier steht die Verfilmung an und wird für Furore sorgen. Was macht den Western in unserer Zeit so beliebt? Ein Genre, das noch vor 30 Jahren in Groschenromanen und Endlos-Fortsetzungen aus seiner Hüfte schoss. Zane Grey hat hier sicherlich die tiefsten Spuren in der Prärie hinterlassen und auch Jack London hat seine Lagerfeuer im Leser entfacht. Und natürlich ist es die gute Western-Tradition eines Karl May, der dieses Genre in Deutschland salonfähig geschrieben hat.

Als Trivialliteratur werden Western oftmals bezeichnet. Zugänglich und einfach zu erfassen. Leicht verständlich, unterhaltend und schön. Wenig anspruchsvolle Literatur, die durch simple Konstruktion und eher eindimensionale Charakterzeichnung zu einem wilden Ritt durch den stereotypen Wilden Westen einlädt. Dabei haben die Helden in ihrer schwarz-weiß-Zeichnung oft etwas liebenswert Naives an sich und das Böse ist deutlich und weithin erkennbar. Man erwarte hier keine Überraschungen. Einfach soll es schon sein und im finalen Showdown bleiben am Ende weder die Augen trocken, noch Fragen offen. Das sind Western.. Yihaaaa….

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Und nicht zuletzt sind es die wahren Helden der Pionierzeit, die man schöner gar nicht hätte erfinden können. Legenden ihrer Zeit, die bis heute überdauert haben. Billly the Kid, Buffalo Bill, Wild Bill Hickock und Calamity Jane, Whyatt Earp und Doc Holiday. Wer kennt sie nicht und bei wem klingen nicht die Geschichten nach, die von ihnen erzählen? Unsere Jugend ist geprägt von diesen Charakteren und wie oft sind wir in der Vergangenheit schon nach Dodge City, Santa Fe oder nach Deadwood gereist. Von Besuchen auf der Bonderosa Ranch einmal ganz abgesehen.

Und nun ist es wieder soweit. Es zieht mich in den Wilden Westen und mein Pferd kann es schon gar nicht mehr erwarten, mit mir gemeinsam aufzubrechen. Die Sachen sind schnell gepackt. Man braucht nicht viel in diesen Tagen. Die Satteltaschen bieten gerade einmal Platz für ein paar Konserven, eine Decke und Munition. Und die werde ich noch brauchen, denn (um es mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen), hier wartet eine absolute Unterhaltungspatrone darauf, von mir abgefeuert zu werden. Auf nach Deadwood. Zurück in die Zeit kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale, erschienen im Tropen Verlag, ist mein gebundener Reiseführer und South Dakota heißt mein Ziel. Die Goldgräber haben weite Landstriche erobert und ihre tiefen Spuren hinterlassen. Kleine Städte sind aus dem Boden geschossen und die wildesten Gesellen versuchen hier ihr Glück zu machen, indem sie entweder Gold finden oder einen Kontrahenten in Grund und Boden schießen. Kein leichtes Leben also. Nicht für die harten Männer und schon gar nicht für das zarte Geschlecht, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die hier lebenden Frauen nicht besonders zart besaitet waren.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Joe R. Lansdale erfüllt mit seinem klassischen Western alle Kriterien, die seinen Roman zu einem besonderen Genuss für Freunde dieses Genres machen. Und doch übertrifft er die Erwartungen erneut deutlich, da seine Geschichte viel mehr beinhaltet, als man erwarten dürfte. Seine Romane entfalten ihre Dimension nicht nur beim Lesen, sondern beinhalten Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit, die gerade heute von Bedeutung sind. Nicht ohne Grund erzählt er uns die Geschichte von Deadwood Dick, einem der wenigen schwarzen Cowboys, die ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben.

Hinter dem legendären Spitznamen verbirgt sich Nat Love, ein ehemaliger Sklave, der nach seiner Befreiung einen einzigen, aber umso verhängnisvolleren Fehler begeht. Er schaut einer weißen Lady auf den Allerwertesten. Soweit, so gut. Wäre da nicht die Lady, die gar nicht damenhaft behauptet, allein durch den Blick eines Schwarzen quasi vergewaltigt worden zu sein und wäre nicht ihr rassistischer Ehemann, der dem jungen Schwarzen ewige Rache schwört. Hier nimmt die Handlung Fahrt auf, denn dem armen Kerl bleibt nur die Flucht.

Während sich der wütende Mob zuerst an seinem Vater vergreift und alles zerstört, was nicht niet- und nagelfest ist, ahnt der Junge schon, dass dieser rassistische Zorn ihn lebenslang begleiten wird. Also nichts wie weg. Seine Flucht führt ihn auf eine Farm und zu einem Menschen, der ihm in seinen letzten Lebensstunden alles beibringt, was man zum Überleben braucht. Eine schicksalhafte Begegnung. Ausgestattet mit Waffen, Pferden und guten Ratschlägen geht die wilde Flucht weiter und führt den Ex-Sklaven in die Stadt der Legenden vom leichten Reichtum. Deadwood.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Der Western-Liebhaber bekommt, was er erwartet. Indianer, die es gar nicht gerne sehen, dass man ihr Land ungestraft betritt. Wilde Gefechte der Kavallerie, der sich Nat Love für kurze Zeit anschließt, legendäre Westernhelden, die seinen Weg kreuzen und, wie sollte es anders sein, eine erste Liebe in unmöglichen Zeiten. Win Finn erobert das Herz des jungen Mannes, der sich in Deadwood einen bleibenden Namen gemacht hat.

Wer konnte schon von sich behaupten, einigen chinesischen Prostituierten und Wild Bill Hickock persönlich die Haut gerettet zu haben? Wer konnte es mit Calamity Jane aufnehmen und wem war es zu Lebzeiten vergönnt, in Deadwood zu einer legendären Figur zu werden? Nat Love hat dies geschafft und spätestens als sich ein Romanautor an seine Fersen heftet, wird sein Name im ganzen Land zur Legende.

Doch wäre dies kein Western, wenn die Vergangenheit ruhen würde. Dieser eine Blick auf den Hintern einer Weißen holt ihn auch in Deadwood ein. Allerdings nicht so, wie Nat es erwartet hatte. Wachsam hatte er immer damit gerechnet, dass ihn der Hass auch hier einholen würde. Ihm war immer klar, dass sein Leben keinen Cent wert wäre, wenn er hier als Schwarzer ins Visier eines weißen Rächers käme. Als Win Finn jedoch spurlos verschwindet, ahnt er, dass man ihn an seiner verwundbarsten Stelle treffen will.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Western sind nicht für ihre Happy Ends bekannt. Western enden oft tragisch, blutig und doch darf sich der strahlende Held darauf freuen, wenn auch verletzt an Leib und Seele, in den Sonnenuntergang zu reiten. Ob Joe R. Lansdale auch hier den dunklen Erwartungen gerecht wird, sollte man selbst erlesen. Für Spannung ist gesorgt, derbe Szenen und wilde Romantik gehen Hand in Hand mit den Schießereien, ohne die man einfach nicht leben kann. Deadwood ist hier der Maßstab der Dinge. Das durfte man in der gleichnamigen HBO-Serie bereits bewundern.

Und doch bleibt mehr hängen, als in anderen Western. Die Ausgangssituation eines Blickes auf einen weißen Damenhintern wiederholte sich einige Jahrzehnte später in Harper Lees Klassiker Wer die Nachtigall stört und zeigt, wie sehr der Rassenhass auch Jahre nach Abschaffung der Sklaverei noch im Land of the Free verankert war. Und so setzt sich die Geschichte fort. Ta-Nehisi Coates schrieb mit Zwischen mir und der Welt ein Buch, das sehr deutlich zeigt, welche Konsequenzen das Menschenbild von einst auf die heutige Zeit im modernen Amerika hat.

Deadwood Dick wäre auch heute noch unbewaffnet eine gute Zielscheibe. Seine Hautfarbe würde schon ausreichen. Der Blick auf einen weißen Hintern wäre hier eher zufälliges Beiwerk, um ihn in Lebensgefahr zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten dunkelhäutigen Männern sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Belegt wurde dies durch eine Studie, die in diesem Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Nat Love würde wohl auch noch heute „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ führen. Seine größten Gegner wären leichter zu erkennen, als damals im Wilden Westen. Sie trügen Uniform.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Deadwood Dick” von Joe R. Lansdale in Verbindung stehen.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale- Die Bücherkette

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale- Die Bücherkette

„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ – David Whitehouse

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - David Whitehouse

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek – David Whitehouse

„Die Bibliothek hatte ihre Geschenke in sie hineingepflanzt.
Wörter.
Mikroskopisch kleine,
feinste Spuren menschlicher Erfahrungen,
die ihnen für immer ins Blut übergegangen waren.
In jede Entscheidung, die sie von nun an trafen,
würden das Wissen und die Erfahrung
tausender Romanfiguren einfließen,
deren Leben in den vier Wänden
der Bibliothek enthalten waren.“

Ab dem 15. Mai zweistimmig hörbar bei Literatur Radio Bayern

Diese  Rezension hörbar bei Literatur Radio Bayern – Ein Klick genügt.

Jetzt liegt es neben mir und ruht sich aus. Ein ganz besonderes Buch war in den letzten Tagen mein treuer Wegbegleiter und doch bin ich ihm ein wenig böse, da es mich scheinbar an der buchigen Nase herumgeführt hat. Als ich das malerisch poppig bunte Cover zum ersten Mal sah und mir den Titel auf der Zunge zergehen ließ, war mir klar, dass ich es hier mit einem Roman in meiner Lese- und Artikelserie Bücher über Bücher zu tun haben musste. Ich versprach mir literarische Welten und eine ganze Busladung voller Klassiker. Doch es sollte anders kommen, als ich es erwartet hatte.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek von David Whitehouse aus dem Hause Tropen Verlag hat mich von der ersten Seite an gefesselt und  in eine Story entführt, die auf den ersten Blick wirklich nur die Ausgangssituation sein sollte, um eine gewagte Flucht in einem britischen Bücherbus halbwegs plausibel erscheinen zu lassen. Was dann geschah, ist auch heute noch schwer in Worte zu fassen, da es sich wohl um die größte Überraschung handelt, die ich in diesem Jahr in einem Roman erleben durfte.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - David Whitehouse

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek – David Whitehouse

1. Kapitel – ENDE

Am Ende meines Lesens wird mein Weg durch diese Flucht von unzähligen PostIts markiert, wobei es besonders augenscheinlich ist, dass die Farbe Orange sehr deutlich dominiert. Und genau diese kleinen orangefarbenen Wegzeichen sind die wertvollsten, da sie die Zitate herausstreichen, auf die ich in meinem zukünftigen Lesen nicht mehr verzichten möchte. Dieser Leseweg in Orange wird mir auch noch in Jahren auf den ersten Blick vor Augen halten, in welch literarischer Tiefe und sprachlicher Strahlkraft mich dieser Roman für alle Zeiten gefangen hält.

Aber fangen wir doch einfach dort an, wo David Whitehouse beginnt. Mit dem Ende der Geschichte. Wir stehen atemlos einer beängstigenden Szenerie gegenüber. Ein riesiger Bücherbus am Rande der schottischen Klippen, von Polizisten umstellt, wohl die allerletzte Etappe einer landesweiten Flucht. Zwei Kinder, die es wohl gerade noch schaffen, die rollende Bibliothek zu verlassen, zwei Erwachsene im Bus, Polizei kurz vor dem Zugriff, als plötzlich dunkler Rauch den traurigen Mantel des Schweigens über die finale Explosion legt.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - David Whitehouse

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek – David Whitehous

„Er war der Archivar seiner Mutter.
Häuser sind wie Körper.
Ihre Erinnerungen finden sich
in den Narben wieder,
die ihnen geblieben sind
Bobby stellte sich vor, wie stolz seine
Mutter auf sein Archiv sein würde,
wenn sie zurückkehrte.“

Dieser Rauch begleitet uns wie ein gigantischer retrograder Cliffhanger durch den ganzen Roman, der uns nun in Rückblenden sowohl die Menschen vorstellt, die sich mit einem achtachsigen Monsterbücherbus auf der Flucht befinden, als auch ihre guten Gründe ans Tageslicht bringt, die für diese abenteuerliche Fahrt ausschlaggebend sind. Der Leser wird zum Fluchthelfer ganz besonderer Menschen und er wird es lesenslang bleiben. Das kann ich versprechen.

Da ist Bobby Nusku, ein elfjähriger Schüler, der in seinem kurzen Leben wohl mehr zu verkraften hatte, als es überhaupt noch erträglich scheint. Die Mutter nach einem Unfall verschwunden, der Vater mit einer neuen Freundin zusammen und statt Wärme und Zuneigung herrschen Gewalt und Angst im Hause Nusku. Bobby wünscht sich nichts mehr in seinem Leben, als dass seine Mutter wieder nach Hause kommt, und macht sich in den ehemals gemeinsamen vier Wänden zu ihrem persönlichen Archivar. Er sammelt alle Andenken, Gerüche, ihre Haare, einfach alles erdenklich Fühlbare, um sie bei sich zu haben.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - David Whitehouse

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek – David Whitehouse

„Das war Freundschaft.
Wenn dir jemand den Schlüssel
für einen bis dahin zugesperrten
Teil deiner Seele gab.“

Bobby lebt in Angst. Angst ist sein täglicher Begleiter und in der Schule wird diese Angst ausgenutzt und in Panik gesteigert. Ein Kreislauf aus dem er alleine nicht fliehen kann. Nur ein einziger Freund steht an seiner Seite. Sunny. Eine tragische und große Freundschaft im inneren Kreis aus Gewalt, Mobbing und Ausgrenzung. Als Sunny zum Äußersten greift, um seinen Freund zu beschützen, müssen beide feststellen, dass ihr Traum von Sicherheit in einer grausamen Seifenblase zerplatzt. Bobby ist nicht zu helfen.

Bis er Rosa Reed begegnet. Einem 12jährigen behinderten Mädchen aus der direkten Nachbarschaft. Rosa sammelt Namen, um sie in ihrem Notizbuch zu verewigen. Und wenn sie einmal einen Namen einträgt, dann ist das die selbstloseste und aufrichtigste Liebeserklärung, zu der sie fähig ist. Als sie den Verfolgern von Bobby zum Opfer fällt schließt sich ein magisches Band um die Kinder. Eine tiefe Verbindung, die von Rosa´s Mutter mit Leben gefüllt wird. In ihrem Garten steht der riesige Bücherbus und um die beiden Kinder in Sicherheit zu bringen, beschließt sie die gemeinsame Flucht.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - David Whitehouse

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek – David Whitehouse

„Liebe war in ihren Augen eine Konstante.
Sie war ein Gefühl, das nicht einfach so kam
und wieder ging, sie wuchs nicht
und sie ließ auch nicht nach.
Man verliebte sich nicht
und man entliebte sich nicht.

Liebe, das war der Schlupfwinkel,
den sie in der Achselhöhle ihrer Mutter fand.
Sie entwickelte sich nicht,
sie war einfach da, im Hier und Jetzt,
ohne jede Vergangenheit oder Zukunft.
Liebe war eben einfach nur.“

Als sie dann unterwegs auf den meistgesuchten Ausbrecher des ganzen Landes stoßen, vereinen sich nicht nur ihre Wege zu einer aberwitzigen Flucht. Auch die Polizei vermag es nun, mit vereinten Kräften nach der Kindesentführerin und dem Verbrecher zu suchen. Eine Suche, die am Rande der schottischen Klippen in einem explosiven Fiasko endet. Und glaubt mir, es ist wohl eines der schönsten Fiaskos, das man sich als Leser nur vorstellen kann.

David Whitehouse erzählt nicht nur von ausweglosen Situationen im Leben. Er nimmt seine Leser mit auf eine Reise in die Unterwelt des Mobbings und der Gewalt gegen Kinder. Er schärft den Blick gegen Vorverurteilung und Klischees. Er zeigt, was es bedeutet, in Angst zu leben und wie tief die Abgründe werden können, wenn sie zum einzigen Fixpunkt im Leben wird. Dabei entwickelt er seine Protagonisten so nachhaltig, dass man sich in einem fortwährenden Zustand des Gänsehautlesens befindet.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek von David Whitehouse und Bis heute von Shane Koyczan

David Whitehouse und  Shane Koyczan – Eine buchige Verbindung

Der unbezähmbare Schmerz,
den das Lachen der anderen
Menschen hervorruft…
Auch er hatte sich schon oft so gefühlt,
als wäre er bis in die Knochen
mit Radioaktivität verseucht!“

Dass er seine Handlung in einem Bücherbus ansiedelt ist für bibliophile Menschen die schönste Begleiterscheinung seines grandiosen Romans. Die Kinder fliehen in die Geschichten, verstecken sich in den Romanfiguren, die ihren Weg begleiten und finden Halt im Kleinen Prinzen oder Harry Potter. Und die beiden Erwachsenen an ihrer Seite bestätigen sie in ihrer Fantasie, engen sie nicht ein, sondern verleihen ihnen Flügel.

Ein wirklich großer Roman über wahre Freundschaft und die Liebe zur Literatur. Eine große Botschaft, die David Whitehouse damit in die Welt trägt. Alleine schafft man es nicht und wirklich wahre Freunde gehen gemeinsam durch Dick und Dünn, wenn es darum geht vorbehaltlos füreinander einzustehen. Und manchmal ist es wohl die beste Tarnung der Welt, eine Familie zu sein.

Die großen Geschichten verbergen sich hinter dem Offensichtlichen und der Blick in die Tiefe einer verletzten menschlichen Seele vermag es vielleicht, den Menschen zu verbessern. Seine Sinne zu schärfen. Jugendliche und Erwachsene sollten sich der „Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ausliefern und sich darüber unterhalten. Sie werden gemeinsam Unvergessliches erleben.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - David Whitehouse - Bücher über Bücher

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek – David Whitehouse – Bücher über Bücher

„Die letzten Monate hatten sie gelehrt,
dass es nicht darauf ankam,
wie gut du schwimmen kannst,
sondern an wem du dich
unterwegs festhältst.“

Manche Bücher gehen unsichtbare Verbindungen miteinander ein, die man als Leser nicht trennen sollte. Als ich die Passagen der rohen Gewalt im Elternhaus und der Schule im Roman von David Whitehouse las, musste ich anBis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan denken. Hier gehen beide Bücher in Bild und Botschaft aufrichtig Hand in Hand. Was Whitehouse erzählt, wird im Buch zum Lebensprojekt von Koyczan so tief in Szene gesetzt, dass man einfach nur staunt.

Wenn man sich schon in eines der beiden Werke gewagt hat, dann sollte man um des Lesens Willen auch dem anderen Buch eine Chance geben. Sie öffnen Türen zu gegenseitigem Verständnis und bleiben ewig im Lesegedächtnis haften. Beides sind mehr als nur Bücher. Sie sind viel mehr als nur Leitfäden und sie sind alles, nur keine Ratgeber.

Sie sind Literatur. Und genau diese Art von Literatur lässt uns nicht allein. Darum lesen wir.

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Das Dickicht von Joe R. Lansdale – It`s Western Time

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

„Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war`s.“

Ja. Genau so war`s. Das kann ich wirklich bestätigen, seitdem ich die letzte Seite des Westerns Das Dickicht von Joe R. Lansdale (Tropen Verlag) gelesen und den Roman mit sehr gemischten Gefühlen verlassen habe. Genau so war`s. So und nicht anders. Mein Wort drauf.

„Gemischte Gefühle?“, werden Sie fragen. Ist das nicht ein schlechtes Zeichen, am Ende eines Westerns aus dem Sattel zu kippen und gemischte Gefühle zu haben? Und nur mal so: Wer liest heute noch Western? Ist deren beste Zeit nicht schon lange vorbei? Das reißt doch heute keinen gestählten Thriller-Leser mehr vom Lesehocker, was vor einigen Jahren noch mit rauchenden Colts und Wildwest-Romantik gewürzt wurde? Also wirklich… Ein brandaktueller Western? Klar, dass nur gemischte Gefühle bleiben.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Ich kann diesen Gefühlsmix erklären. Ich kann sogar versuchen zu beschreiben, was mit mir im „Dickicht“ geschah. Ich kann vielleicht sogar vermitteln, worum es in diesem scheinbar antiquierten Vertreter einer aussterbenden Art geht. Was ich nicht kann? Ich kann Ihnen das Lesen nicht ersetzen – und das sollten Sie unbedingt tun, wenn Sie meine gemischten Gefühle teilen möchten. Sie sollten diesen Western unbedingt lesen. Sie würden etwas verpassen, wenn… Nun wir werden ja sehen.

Wir befinden uns im Texas an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die goldene Zeit des Wilden Westens ist längst vergangen. Namen wie Jesse James, Whyatt Earp oder Doc Holliday sind längst Legende. Abgehalftert und deutlich in die Jahre gekommen zieht die „Wild-West-Show“ von Buffalo Bill durch die modernen Städte, um den Mythos am Leben zu halten. Erste Autos durchqueren Texas, Stromleitungen verbinden die kleinen Nester miteinander und das romantische Lagerfeuer in der Prärie gehört in weiten Teilen der Vergangenheit an.

Nur… So ganz hat sich diese Nachricht von der neuen Welt nicht verbreitet. Es gibt sie wirklich noch, die einsamen kleinen Farmen und Städtchen mit ihren Saloons und Freudenhäusern. Es gibt sie noch, die Wild-West-Widerstandsnester gegen die Moderne. Wilde Gegenden, in denen es zählt, wie schnell man den Colt ziehen und abfeuern kann, Abgelegen Regionen in denen alle abgedroschenen Klischées dieser längst vergangenen Zeit wie in einem Wildwest-Freilichtmuseum zu bestaunen sind. Aber Vorsicht: die Exponate schießen scharf.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Jack ist gerade 16, als seine Eltern von den Pocken hinweggerafft werden. Mit 16 ist man im Westen schon fast erwachsen, aber dieses „fast“ würde nicht zum Überleben reichen. Das wird Jack ganz schnell klar. Er trägt nun die Verantwortung für seine jüngere Schwester und das ganze kärgliche Land seiner Eltern. Gegen die Pocken hätte er jedoch keine Chance.

Da übernimmt Grandpa das Heft des Handelns, gräbt Gräber, verbrennt das Haus, verkauft Grund und Boden und verfrachtet seine Enkel auf einen Karren. Nichts wie weg hier und ab zu Verwandten – weit genug entfernt vom unheilvollen Ort des Todes. Weit weg und aus der Reichweite der Pocken. Weit weg und mit nichts unterwegs, als mit den wenigen Habseligkeiten, in denen sich die Pocken nicht einnisten konnten. Großvater weiß, was er tut. Er ist im Wilden Westen uralt geworden. Und das ist ein Prädikat für sich. Doch sein guter Fluchtplan scheitert bereits am ersten Fluss, den sie mit einer Fähre überqueren müssen.

Denn sie sind nicht alleine auf dem wackligen Floss. Als wären alle Schurken des Westens wieder auferstanden und hätten sich in nur drei finsteren Gestalten wieder vereint, befinden sie sich nun in der Gesellschaft von Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth, die genau diese Fähre für ihre Überfälle nutzen. Es kommt wie es kommen muss. Ein Streit, ein Handgemenge, ein toter Großvater, eine kenternde Fähre, Jack, der schwimmend entkommt und drei Mega-Schurken im Besitz einer aufregenden Beute: die 14-jährige Lula.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Jack schafft es mühsam bis ins nächste Kaff und wirft alles in die Waagschale, um seine Schwester zu retten. Allein ist er hilflos und er hat einen einzigen Trumpf, den er nun ausspielt. Er ist zahlungsfähig, da er die Landbesitzurkunde der verkauften Farmen seiner Eltern und seines Großvaters am Leibe trug. Er braucht nur eins, um seine Schwester zu retten. Kopfgeldjäger – und zwar die besten – mutige und skrupellose Revolvermänner, die es mit Cut Throat und seiner Bande aufnehmen können.

Das Schicksal meint es gut mit Jack. Er findet die Besten der Besten. Oder sagen wir… er findet unter den wenigen gerade Verfügbaren die Brauchbaren der Brauchbaren… oder vielleicht eher… Er findet die Einzigen, die gerade eben zufällig Zeit haben… also er findet JEMANDEN. Einen Zwerg namens Shorty, der in jeder freien Minute über den Sinn des Lebens philosophiert, Sterne beobachtet und Bücher von Mark Twain liest. Und natürlich dessen dunkelhäutigen Kumpel Eustace, den Sohn eines Ex-Sklaven. Der wirkt zwar mit seiner monströsen Schrotflinte recht gefährlich, aber zuverlässig ist er nur, wenn er nicht getrunken hat. Also… selten… Die einzige Konstante des Trios scheint Keiler zu sein. Ein rauflustiger und anhänglicher Eber. Richtig gelesen – EBER!

Auf dem Weg ins Dickicht schließen sich ihnen weitere heldenhafte Wegbegleiter an. Die brauchen sie auch zwingend, denn Cut Throat hat sich in seinem Versteck im Unterholz in die Arme seiner ganzen Privatarmee gerettet. So geht sie los, die wilde Jagd durch den wilden Westen. Jack, Shorty, Eustace, Keiler, der harmlose Sheriff Winton, eine geflohene Prostituierte namens Jimmie Sue und der junge Spot… Sie alle gegen eine deutliche Übermacht auf Seiten der Schurken. Ob es ihnen gelingt, Lula zu befreien und was wird das Mädchen durchgemacht haben, sollte sie überhaupt noch leben?

Auf geht´s ins Dickicht. Sattelt Eure Pferde und immer dem Zwerg nach! Ihr erkennt ihn ganz einfach am Pferd mit der Strickleiter an der Seite (wie sollte er auch sonst aufsteigen können). Hoooo Brauner….

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Was Joe R. Lansdale dann mit seinen Lesern veranstaltet ist kaum in Worte zu fassen. Ein Mix aus atemloser Spannung, emotionalem Tiefgang (ja – richtig gelesen, man sollte Shorty zuhören, wenn er philosophiert), romantischen Gefühlen im Angesicht von Todesgefahr (Jack wird vielleicht erwachsener, als ihm lieb ist… mit der Prostituierten Jimmie Sue im Sattel… öhm, an der Seite) und aberwitzig lustig in Dialogen und Schilderungen selbst der wildesten Schießereien.

Kostprobe zum Thema Zeugenbefragung:

„Wo hast du denn dieses abgesägte Stück Scheiße und den Nigger her?“

„Wir sind mit der Post gekommen“, sagte Shorty. „Von Sears and Roebuck. In dem Katalog ist eine Photographie von uns. Man kann uns bestellen. Unsere schlechte Laune ist im Lieferumfang inbegriffen. Ich werde dir jetzt eine Reihe einfacher Fragen stellen, und zwischen jeder Frage ziehe ich dir mit der Pistole eins über!“

Oder zum Thema Identifizierung von Opfern:

„Bevor sie aufbrachen schaute sich der Sheriff noch mal genauer an, was von den Toten übrig war, nur für den Fall, dass er jemand kannte, aber dafür hätte er schon einen Steckbrief gebraucht, auf dem der linke Hoden oder die Eingeweide eines Verbrechers abgebildet waren, denn mehr war von denen nicht übrig.“

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Kommen wir zu den gemischten Gefühlen zurück, die ich eingangs beschrieb. Ich war nass geschwitzt vor Spannung; habe Tränen gelacht vor makabrer Schadenfreude; habe innegehalten bei den tiefen Weltbetrachtungen eines riesigen Zwerges; war mehr als aufgeregt bei jedem tiefen Augenblick, den Jack und Jimmie Sue sich ganz heimlich zugeworfen haben; war sentimental berührt über die Beschreibungen des alten Wilden Westens und habe am Ende geheult wie ein Schlosshund, weil das Schlusskapitel der grandiosen Story die Krone aufsetzt.

Der Western lebt – zumindest, wenn er aus der Feder von Joe. R. Lansdale stammt. Wer sich an Spielfilmserien, wie „Lonesome Dove“ erinnert und diese liebt, der muss „Das Dickicht“ lesen. Wer „Game of Thrones“ verehrt und selbst erleben möchte, wie sich der Zweg Tyrion Lennister mit Colt und Pferd im Wilden Westen behauptet, der muss dieses Buch lesen – dieser Zwerg ist ebenso gigantisch. Ich habe da nicht übertrieben. Schaut mal, wie die Besetzungsentscheidung für die Verfilmung aussieht… hier

Und wer einfach nur in jeder Beziehung bestens unterhalten werden möchte, dem wünsche ich meine gemischten Gefühle. Ich garantiere, dass Shorty die Leserherzen erobern wird, wenn er darüber erzählt, was die wahre Liebe für ihn ist: Jemand der sich nicht scheut, bei Tageslicht Hand in Hand mit einem Liliputaner durch die Straßen einer Stadt zu gehen. Dieser Mann hat Tiefgang ohne Ende! Glauben Sie mir. Aber Sie würden nicht glauben, bei wem er diese Liebe findet.

It`s Western Time bei AstroLibrium

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