Die Globalisierung einer Trilogie oder das zelebrierte Lesen

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Was waren das noch für Zeiten, als das kleine aufstrebende Örtchen Kingsbridge der Nabel der historischen Bücherwelt war. Was waren das noch für Zeiten, als wir an der Seite von Tom Builder erleben durften, wie „Die Säulen der Erde“ zu einem der beeindruckendsten Bauwerke des mittelalterlichen Englands wurden. Eine Kathedrale, die obschon rein fiktiv, doch stellvertretend für die großen Sakralbauten ihrer Zeit, zum Fixpunkt des Lesens vieler Menschen wurde. Was waren das noch für Zeiten, in diese prosperierende Stadt zurückkehren zu dürfen, „Die Tore der Welt“ zu öffnen und nach einigen Jahrhunderten zu sehen, wie sehr die Kathedrale gewachsen war, wie deutlich die Generationen der Erbauer ihre Spuren dort hinterlassen hatten und zu sehen, dass unser altes Kingsbridge immer noch der Nabel der Welt war.

(Ihr könnt der Rezension lesend folgen oder sie einfach weiterhören – hier)

Das Fundament der Erde - Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Das Fundament der Erde – Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Jetzt galt es Brücken zu bauen, Marktrechte zu sichern und alle Bürger der Stadt vor der Pest zu bewahren. Abenteuer, die es zu überstehen galt, wollte man doch das jeweilige Buch aus der Feder des großen Ken Follett immer nur in der einen Hoffnung schließen: Möge es bitte weitergehen. Unzählige Bände einer endlosen Reihe sollten in Kingsbridge beheimatet sein. Gerne würden wir auf den Spuren alter Stammbäume bis in unsere heutige Zeit wandeln. Und überschäumend reagierten die Fans, als bekannt wurde, dass ihre literarisch historische Heimatgemeinde zum Klang der Glocken einer prachtvollen und fertiggestellten Kathedrale erneut zum Besuch einladen würde.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Das Fundament der Ewigkeit“. Welch verheißungsvoller Titel für einen Roman, dem wir schon lange nach dem Sieg über die Pest entgegenfieberten. Hier waren sie wieder, die Zeiten des stundenlangen Lesens, der Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Menschen, die uns ans Herz gewachsen waren und hier war sie wieder, die große und lange vermisste Hoffnung, in den Straßen von Kingsbridge anzukommen, als wäre man niemals fort gewesen. Nur knapp zwei Jahrhunderte waren seitdem vergangen. Unsere geliebten Protagonisten von einst sind nur noch in der Erinnerung existent, und doch ist nichts vergessen. Statuen, Brückennamen, folgende Generationen und die Chronik von Kingsbridge zeugen von ihrer Existenz und von ihren Verdiensten. Ja, man kommt auf der Zeitreise an der Seite von Ken Follett immer wieder zuhause an. Heimwehende.

So dachte ich zumindest, bis ich den Klappentext las und schon beschlich mich ein Gefühl, von dem ich mich lange nicht lösen konnte. Ja, es ist dort von Kingsbridge die Rede. Ja, es ist von einer bedeutenden Epoche der Geschichte gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Rede. Aber es klingt auch durch, dass die großen Religionskriege ein besonderes Opfer von Kingsbridge fordern sollten. Das Zentrum meines Lesens würde in den Hintergrund gerückt werden, so meine Befürchtung. Spanien, Frankreich, ganz Europa befand sich zu dieser Zeit im Taumel der Allianzen unter dem Siegel des guten Glaubens. Nur, ob dieser protestantisch oder katholisch war, das sollte auf den Feldern der Ehre im Blutgemetzel entschieden werden.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Die Globalisierung einer Trilogie schwebte wie eine unsichtbare Bedrohung über meinen Gedanken und verhinderte das Lesen. Zumindest so lange, bis ich Ken Follett auf der Frankfurter Buchmesse begegnete und ihm von meinen Bedenken erzählte. Er reagierte prompt, nahm eines seiner Bücher, signierte es und sagte zu mir: „First read, then talk about.“ Da lag er nun schwer und vom Autor gezeichnet in meiner Hand und ebenso schwer wog der fast 1200 Seiten dicke historische Wälzer in meinem Rucksack um mich an einem langen Messetag schwergewichtig zu begleiten. Natürlich war ich in jeder Beziehung neugierig auf den Roman, doch es dauerte bis Weihnachten, bevor ich die Ruhe und Muße hatte, in aller Tiefe in den Seiten zu versinken.

Ich zelebriere mein Lesen in diesen Tagen. Ich gestalte mein Ambiente gediegen in der kleinen literarischen Sternwarte, umgebe mich mit Devotionalien, die zum Roman passen und versinke gerne stundenlang in einem Weihnachts-Leseabenteuer. Ich habe es nicht bereut, das Fest der Feste mit dem „Fundament der Ewigkeit“ zu verknüpfen. Gerade in einer von tiefem Glauben geprägten Zeit ist es mehr als interessant zu lesen, dass es nicht immer in der Menschheitsgeschichte leicht war, eine Messe zu feiern, an Gott zu glauben, sich zu seinem Glauben zu bekennen und für seine Religion und die Menschen, die sie teilen, einzustehen.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Nunja und allein war ich eben auch nicht in diesem Lesen. Es murmelte, zappelte und regte sich in meinem Bücherregal der historischen Romane. Einige der Bücher, die in genau jener Epoche angesiedelt sind, schoben sich in den Vordergrund und wollten mir beharrlich über die Schulter schauen. Und so saß ich still lesend, umrahmt von den biografischen Büchern über Elisabeth Tudor und Maria Stuart an einem Sekretär und musste mich gegen die laufenden Einflüsterungen wehren, die von beiden Seiten recht majestätisch hervorgebracht wurden. Rechthaberisch, könnte man fast sagen

Letztlich vertraute ich mich, um die Thron-Konkurrentinnen wissend, doch lieber Ken Follett an. Sollte er mir doch seine Sicht der Dinge erklären, sollte er mich doch in die Länder entführen, die das damalige Europa nicht zur Ruhe kommen lassen wollten. Ja, ich überließ ihm die Führung und war unermesslich froh, dass alles dort begann, wo ich lesend immer wieder mit ihm aufgebrochen war. In Kingsbridge. Und es fühlte sich wie mein Kingsbridge an, das ich 1361 durch „Die Tore der Welt“ verlassen hatte. Heimat, du hast mich wieder, das war mein erster Gedanke. Brücken, Gebäude, Plätze, Namen, die Kathedrale, der Markt. Alles kam mir zwar leicht verändert und doch so bekannt vor, als wäre ich erst gestern abgereist. Staunen ergriff mich, als ich die nun fertige und an ihre Grundfesten kaum noch erinnernde Kathedrale zum ersten Mal wieder betrat. Ein ganz besonderer Lesemoment.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ja, so hatte ich mir die Heimkehr vorgestellt. Doch sollte ich schnell erkennen, dass Kingsbridge wahrlich nicht mehr der Nabel der Lesewelt war. Die realen Machtzentren hatten sich bereits in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gerückt und bestimmten das Leben der Menschen in der Grafschaft Shiring. London und Paris sind ebenso wichtige Schauplätze der Handlung, wie die weiteren historischen Hotspots dieser Zeit, die das Schachspiel um Macht, Besitz und Herrschaft dominierten. Die Globalisierung hatte in Kingsbridge Einzug gehalten und kaum eine Entwicklung der Thronfolgekriege und des Wettstreits um die wahre Religion ging spurlos an der Kathedralenstadt vorbei.

Ken Follett entführt uns in die Machtzentren jener Zeit, macht uns zu Zeugen einer Geschichte, die selbst Geschichte schrieb. Dabei geht er sehr komplex vor, verlässt die Froschperspektive des Kleinstädters des 16. Jahrhunderts und erweitert auch unseren Blick auf das große Ganze. Wir schließen uns den Ratgebern der englischen Regentin an, werden Zeugen von diplomatischen Missionen, Verrat und Heimtücke. Wir erleben den Thronfolgestreit zwischen Elisabeth I. und Maria Stuart als Augenzeugen. Wie sind dabei, wenn Bibeln geschmuggelt, Hugenotten verfolgt und Priester ins Land gebracht werden, um den Religionskrieg in Gang zu halten. Wir erleben Kaperfahrten auf hoher See, begegnen Sir Francis Drake und segeln in der Seeschlacht gegen die spanische Armada um unser Leben.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

„Make Kingsbridge greater again“ – so könnte man den Roman lesen. Kaum eine Entwicklung im Europa dieser Zeit vollzieht sich ohne Beteiligung der Menschen dieser Stadt. Ned Willard steht im Zentrum. Ihn spült es ins Zentrum der Macht. Er arrangiert das politische Umfeld von Elisabeth I. und dient als treuer Ratgeber. Aus seinen Augen sehen wir, was die Welt bewegt. Und doch erkennen wir auch, was nur ihn betrifft. Die vergebliche Liebe seines Lebens, die sich immer weiter von ihm entfernt, weil auch hier die Religion im Wege steht. Folletts schillernde Protagonisten werden im Verlauf dieser Geschichte für die Weltgeschichte unverzichtbar. Das war mir persönlich für einen rein historischen Roman zu ausgeprägt. Ohne die Willards wäre in dieser Zeit nichts, aber auch gar nichts so verlaufen, wie es sich abgespielt hat. Diese fiktionalen Charaktere prägen das Schicksal Europas eine Spur zu intensiv.

Trotzdem ist „Das Fundament der Ewigkeit“ das Fundament auf dem mein Lesen in ganz besonderen Tagen ruhte. Ich war gerne wieder in Kingsbridge, bin auch sehr gerne in die weite Welt gereist, nur um irgendwann wieder in den Heimathafen meiner kleinen geliebten frei erfundenen Stadt einlaufen zu dürfen. Ich stimme Ken Follett zu! Dieser Roman setzt die Reihe meiner Kingsbridge-Romane fort. Er ist umfassender in seiner historischen Dimension. Er ist weltumfassend und doch ein geschlossener Kreis, der in Kingsbridge beginnt und dort endet. Ob die Saga wirklich endet? Ich wage es zu bezweifeln. Wozu sollte am Ende eines Romans ein Schiff England verlassen, das wir alle kennen? Warum sollte einer der wesentlichsten Protagonisten dieses Romans an Bord sein? Warum sollte er sich auf den Weg in die neue Welt machen, wenn wir ihm nicht irgendwann folgen sollten. Mayflower… Mehr sage ich hier nicht…

Vielleicht sehen wir uns irgendwann in New-Kingsbridge wieder…

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ihr wundert euch vielleicht, dass dieser Artikel ein ganzes Jahr lang in der Redaktion der kleinen literarischen Sternwarte reifen musste, bevor ich ihn veröffentlicht habe. Ich verfolge damit die Absicht, mir selbst intensiv vor Augen zu halten, wie wertvoll die Zeit zwischen den Jahren für mich ist. Wie lange ich davon zehre, jenes Lesen in aller Form zu zelebrieren. Mich zu entschleunigen, Bücher um mich zu scharen, zu recherchieren und tief in meinen Gedanken in eine andere Welt abzutauchen. Auch in diesem Jahr ist es so. Ich habe einen Plan, dieses Ritual zur Weihnachtszeit fortzusetzen. Ich habe mir ein paar Bücher aufgehoben, die nun ihren Platz auf meinem Sekretär erobern. Ich will fortsetzen, was ich vor vielen Jahren begann. Ich werde den „Seiten der Welt“ von Kay Meyer und hierbei ganz besonders den beiden Spinn-offsDie Spur der Bücher“ und „Der Pakt der Bücher“ meine volle Aufmerksamkeit widmen. Ihr könnt mir gerne dabei folgen. Auf Facebook und bei Instagram wird in den ruhigen Tagen dieser bibliophilen Einkehr viel zu sehen und zu lesen sein… Entschleunigt und zelebriert mit mir.

Die Seiten der Welt - Es geht weiter... AstroLibrium

Die Seiten der Welt – Es ist angerichtet…

„Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es ist schon so ein Kreuz mit Trilogien. Spätestens im Mittelband merkt man, wohin der Hase läuft, was man vom Ende erwarten darf und ob die zuvor investierte Lesezeit verschwendet war. Mittelbände lügen nicht. Entweder dienen sie als Story-Streckmittel, oder sie greifen relevante Fäden auf und man merkt als Leser, dass die Trilogiestruktur extrem sinnvoll war. „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes ist an der Stelle angelangt, an der sich die literarischen Geister normalerweise scheiden. Am Ende eines starken Mittelbandes lag so viel Potenzial in der Luft, dass ich es nur kaum erwarten konnte, das Ende endlich lesen und hören zu dürfen. Meine Rezension leitete in die offenen Fragen über, die der Schlussband zu beantworten hatte…

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe ihre Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns wieder… Versprochen…“

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ich löse mein Versprechen ein. Hier bin ich wieder. Und nun am Ende des Lesens und damit am Ende der „Vernon-Subutex-Trilogie“ angelangt. Es ist nicht leicht, im Rückblick auf drei Bücher ein schlichtes Fazit zu ziehen. Virginie Despentes hatte mehr mit ihren Lesern vor, als man erwarten konnte. Das weiß ich jetzt. Sie hat nicht nur eine Aussteiger-Story erzählt. Sie hat uns nicht nur die Türen zu Menschen aufgestoßen, die in jeder Hinsicht für das moderne Frankreich in all seiner Zerrissenheit stehen. Wir sind der Erzählerin Despentes auf den literarischen Leim gegangen, denn während sie uns manchmal mit Nebenkriegsschauplätzen und scheinbar Belanglosem einlullte, bereitete sie den großen Anschlag auf unser Lesen vor.

Während wir davon ausgingen, Vernon Subutex und seine Freunde einfach noch ein wenig länger durch Paris begleiten zu dürfen, waren wir in Wirklichkeit schon Teil eines großen Plans, der im Schlussband der Trilogie gnadenlos aufging. Ja, diese Trilogie ist zutiefst politisch. Ja, sie ist ein Breitspektrum-Literarikum, das vom sozialen Zentrum ausgehend, alle extremen Ränder berührt. Ja, sie ist ein gesellschaftlicher Sandkasten, in dem uns ein Paris vor Augen geführt wird, das nur noch an der Oberfläche halbwegs intakt ist. Dabei bröckelt es schon an allen Ecken und Enden und nicht nur die Metro ist dabei, die Stadt weiter zu unterhöhlen. Jetzt fallen die Fassaden, jetzt wird der Plan der Autorin offensichtlich.

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

All die Menschen, die uns im Roman zuvor begegnen, all die kleinen und großen Geschichten münden in eine Geschichte, die uns nur zu gut bekannt sein sollte. Wir begegnen dem Terror in Paris. Wir erleben die Auswirkungen des ersten Anschlags auf die Seele der Stadt. Noch indirekt, aber spürbar. Was mit Charlie Hebdo beginnt, setzt sich im Bataclan fort. Wir erleben eine Stadt in Schockstarre, im Lähmungszustand, im Taumel. Wir fühlen mit den Protagonisten des Romans, wie der Stolz böckelt und jedes Empfinden von Sicherheit verlorengeht. Virginie Despentes hat uns die Türen geöffnet, hinter denen sich jetzt jeder zu verstecken versucht. Und doch geht die Handlung mehr als verzweifelt weiter. Die Subkultur rund um den neuen Heilsbringer Subutex wird zur verschworenen Gemeinschaft, in der die Musik einer längst vergangenen Zeit um sich greift. 

Alte Rechnungen werden beglichen und die Subkultur frisst ihre Kinder. Mit dem Chaos in Paris fallen auch alle persönlichen Schranken. Terror wird gesellschaftsfähig. Eine zweite große französische Revolution lässt Köpfe rollen. Ein ganzes Land verliert seine Unschuld und während wir noch denken, im finalen Schlussakkord angekommen zu sein, geht Virginie Despentes einen Schritt weiter. Sie führt uns in ein Szenario, das ich literarisch nur mit der „Roten Hochzeit“ von George R.R. Martin vergleichen kann. Den realen Anschlägen folgt nun ein fiktiver. Erfunden. Den Islamisten folgen die neuen Rechten. Die Opfer, erfunden. Fiktiv. Und doch so authentisch und plausibel, als hätten wir gerade eine Nachrichten-Sondersendung gesehen. So greifbar und ultimativ, als sei es wirklich passiert. So schockierend, weil wir die fiktiven Opfer kennen.

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ein Finale Furioso, das ich so niemals erwartet hätte. Ein Ende, das der Trilogie die Krone aufsetzt und ihr gleichzeitig alle Zacken aus der Krone bricht. Nichts ist Virginie Despentes heilig. Nicht mal die Struktur ihres eigenen Romans. Aus einer realsozialen Ausgangssituation für eine erfundene Geschichte erwächst eine Gesellschaftsutopie, in deren Fortgang die französische Autorin alle Grenzen sprengt. Am Ende bleiben keine Fragen offen. Auf dieses Spiel lässt sich diese Autorin nicht ein. Ebenso wenig, wie sie einer möglichen Fortsetzung eine Chance einräumt. Sie ist nicht denkbar. Ende.

Ich kann diesen letzten Schritt nur von Herzen empfehlen. Ich hörte und las. Meine Gedanken waren oft in Paris in diesen Tagen. Wie geht es Vernon Subutex? Kommt er jemals wieder auf die Füße? Gelingt es Celeste und Aicha, sich vor dem rachsüchtigen Dopalet zu verstecken? Was macht die Vero mit dem unerwarteten Reichtum? Gelingt es Max, den aufflammenden Rassismus im Zaum zu halten und wie ergeht es anderen Charakteren, denen wir in dieser Trilogie begegnet sind? Keine Sorge, Sie werden alles erfahren. Restlos. Am Ende der Trilogie versammelten sich die Bücher meines Lesens, die von „Vernon Subutex“ tangiert wurden zu einem Abgesang auf diese Trilogie. Und ganz am Ende höre ich die letzten Worte der Hörbuchfassung, die wie ein Lamento des herrausragenden Sprechers Johann von Bülow dem Abgesang eine persönliche Note geben. Seine Stimme steht wie der Arc de Triomphe über dieser Trilogie und trägt sie.

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Vernon Subutex berührt nicht nur Leser. Er tangiert viele Bücher meines Lebens.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse
Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris
Unterwerfung von Michel Houellebecq

Paris… Ans Herz gewachsen…

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

„Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Eigentlich muss man den Mittelband einer Trilogie kaum rezensieren. Eigentlich ist ein solcher Artikel nur für die Leser des ersten Teils von Interesse, verleitet kaum einen Nichtleser dazu, mit dem Auftaktband zu beginnen „Klingt gut, aber da warte ich, bis die Trilogie vollständig vorliegt“ und schreckt kaum jemanden ab, der monatelang gewartet hat, bis die Fortsetzung endlich auf dem Markt ist. Und Leser, die schon den ersten Teil einer Buchreihe (aus welchem Grund auch immer) abgebrochen haben, holt selbst eine gute Kritik zum zweiten Teil nicht mehr in die Buchreihe zurück. So ist es auch mit dem literarischen „Coup de France“, der mich durch mein Lesen und Hören begleitet.

Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes hat nicht nur mein Lesen, sondern auch meine Wahrnehmung einer komplexen Gesellschaft nachhaltig verändert und tiefe Spuren in mir hinterlassen. In welcher Art und Weise Vernon Subutex mich so intensiv berührte, kann man in meiner Buch- und Hörbuchvorstellung zum Auftaktband nachlesen. Dopplungen oder Redundanzen zum zuvor Geschriebenen erspare ich mir und euch. Also, wer immer noch nicht weiß, wessen Leben wir hier mit- und nachleben dürfen, dem sei meine Rezension zum ersten Teil der Reihe ans Herz gelegt. Es wird schnell ersichtlich, warum ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete und mit welchen Erwartungen ich mich erneut in das Paris eines Aussteigers begab, dessen Abstieg am Ende der fulminanten Einleitung in diesen zweiten Teil überleitete.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Wer es also bis hierhin geschafft hat, der gehört zu den Familienangehörigen von Vernon Subutex, hat den ersten und vielleicht sogar auch den zweiten Teil der Trilogie gelesen oder/und gehört, oder ist einfach unerschrocken genug, meinen Worten folgen zu wollen, einfach weil sie hier niedergeschrieben wurden. Hallo, alle zusammen. Freut mich sehr, euch wieder nach Paris mitnehmen zu können. Ich bin oft dort, ob literarisch oder im realen Leben. Kenne alle Prachtstraßen und Gassen, ihre Geschichte und das soziale Gefälle zwischen den Champs-Élysées und den Banlieus. Ich bin hier durchaus ein wenig zuhause. Nicht zuletzt, weil ich diese Metropole mit anderen Augen sehe, seit mir Vernon Subutex über den Weg gelaufen ist.

Aussteiger, Lebenskünstler, ewig Gestriger, Rebell, Relikt seiner Generation und Wanderer zwischen den Welten des Urbanen. So habe ich ihn kennengelernt. Raus aus dem normalen Leben, rein in die Rolle des Getriebenen und Bittstellers, der an den Türen ehemaliger Freunde und Freundinnen zu verzweifeln beginnt. Autofokus auf eine Gesellschaft, die sich so gerne der genauen Betrachtung entzieht. Das Kaleidoskop der französischen Schichten, in denen wir uns sofort wiedererkennen. Bilderstürmer, der an der Oberfläche des Selbstbildes klopft, bis es langsam zu bröckeln beginnt. Analyst des Werteverfalls und -wandels in einem sozialen System, das sich schon lange in asoziale Subsysteme verloren hat. Wachstumsverweigerer und Beziehungstrottel, Enttäuschter und Enttäuscher. Sympathischer Rekord-Versager auf der nach unten offenen Subutex-Skala. Kurz gesagt: Ich mag ihn.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Das jedoch hätte ich ihm gerne erspart: Das Leben als Obdachloser in Paris. Hier genau setzt „Das Leben des Vernon Subutex – 2“ den schleichenden Abstieg aus den Schlusskapiteln des Auftaktbandes logisch, konsequent und allzu schmerzhaft fort. Hier brilliert Virginie Despentes mit dem nächsten scharfen Blick auf eine Stadt, die sich im Ganzen jedem Besucher so beharrlich entzieht. Jenseits des Schillernden, abseits des Bürgerlichen und fernab der städtischen Problemzonen in den Banlieus landen wir nun mitten auf der Straße. Die Aussicht ist schön. Sacré-Coeur am frühen Morgen ist eine traumhafte Kulisse, besonders nach alptraumhaft verbrachten Nächten auf Parkbänken. Ganz unten ist er angekommen, unser Vernon. Und nicht nur das. All jene, denen er im ersten Teil des Lesens das ein oder andere lebenswichtige Utensil (PC, Uhren, Herzen, usw.) entwendet hat, haben sich zu einer Gruppe der Verfolger zusammengeschlossen, die ihn in der Welt der Clochards zu finden versucht.

Wem wir hier am Montmartre wiederbegegnen? Keine Sorge, ihr kennt sie alle. Und nicht zuletzt haben sowohl der Verlag Kiepenheuer und Witsch, als auch Der Audio Verlag die Buch- bzw. Hörbuchausgabe mit einem Personenverzeichnis versehen. Ein perfekter Service an Lesern und Hörern, da die Personenfülle im Roman schon Formen angenommen hat, die ein solches Dramatis Personae mehr als hilfreich macht. Es ist also angerichtet. Paris aus einer anderen Perspektive. Von ganz unten. Und dazu noch enttäuschte Freunde und Bekannte auf einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Straßen der Stadt. Über allem schwebt noch immer das scheinbar verschwundene Vermächtnis des verstorbenen Sängers Alexandre Bleach. Dieses Selbst-Interview auf Tonband ist der einzige Trumpf in Händen von Vernon Subutex, beinhaltet die Aufnahme doch allen soziokulturellen Sprengstoff, um die Reihen seiner vermeintlichen Freunde ziemlich ins Wanken zu bringen.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Ein starker Mittelband der Subutex-Trilogie. Lückenlos fortgesetzt. Hemmungslos in jeder Beziehung weitergedacht und erzählt. Ein wundervoller Mix aus altbekannten und neu hinzugekommenen Charakteren erweitert das Paris-Kaleidoskop um Facetten, die den Roman weiterbringen. Das kleine Universum aus Prostituierten, Porno-Darstellern und Privatdetektiven, in Kombination mit liebestollen älteren und jungen Frauen, die auf dem Selbstfindungstrip ihres Lebens über Subutex stolpern, erweitert sich nun um ein paar erzählenswerte Charaktere aus der Obdachlosen-Szene, wie zwei beste Freunde, die nach einer Gewalttat im ersten Band so richtig zur Geltung kommen, und eine alles überstrahlende junge Tätowiererin, die überall ihre Spuren hinterlässt. Unterhaltung und Tiefgang sind hier erneut vorprogrammiert.

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe die Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns bald wieder… Versprochen… Hier geht es weiter

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Virginie Despentes seziert ihr Frankreich bei lebendigem Leib mit dem gewetzten Tranchiermesser eines literarischen Sternekochs.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

„Die Hexenholzkrone 2“ von Tad Williams – Osten Ard erzittert

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Vieles ist passiert, seit ich die Hexenholzkrone (1)von Tad Williams gelesen und gehört habe. Ich habe die Welt von Osten Ard erneut für mich entdeckt, bin alten und neuen Weggefährten begegnet und habe mich nach 23-jähriger Abstinenz im Reich der Menschen, Nornen und Sithi wie zuhause gefühlt. Und ich hatte das einmalige Privileg, den Schöpfer dieser Legenden persönlich zu treffen und ihm in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse alle Fragen zu stellen, die mir auf dem Herzen lagen. Auch jetzt noch höre ich es mir immer wieder an, weil Tad Williams in diesem Interview ein paar Details verraten hat, die mir das Lesen und das Herz ein wenig leichter machen.

Zum Beispiel habe ich die Suche nach der Wölfin Quantaqa aufgegeben, weil mir ihr Schöpfer versichern konnte, dass sie in Binabiks Gesellschaft am Ende eines lange währenden Lebens friedlich eingeschlafen ist. Das tröstet, weil es eben in den Büchern nicht zu lesen ist und mir diese Wölfin ans Herz gewachsen war. Doch andere Suchen konnte ich nicht aufgeben und so stürzte ich mich freudig erregt in den zweiten Teil der Hexenholzkrone, wissend alle Handlungsfäden sofort wieder in Händen zu halten, die aus dem ersten Teil der auf vier Bände angelegten Reihe „Der letzte König von Osten Ard“ herausragten und nach mir griffen.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Hier sind wir nun angelangt. Am Ende der alten Legenden

„Der Drachenbeinthron“
„Der Abschiedsstein“
„Die Nornenkönigin“
und
„Der Engelsturm“

Am Ende des so wichtigen Sequels:

Das Herz der verlorenen Dinge

Das Herz der verlorenen Dinge und Die Hexenholzkrone von Tad Williams

Und auch am Ende des Auftaktes der epischen Fortsetzung

„The Witchwood Crown“ – „Die Hexenholzkrone 1 und 2

Und hiermit sind wir an der Schwelle zu den letzten beiden Teilen angelangt

„The Empire of Grass“ – „Das Graslandimperium“
„The Navigator´s Children“- „Die Kinder des Seefahrers“

Dann werden wir wissen, wer der letzte König von Osten Ard ist. Dann werden die Rätsel um die alten Prophezeiungen gelöst sein und wir können am Lagerfeuer unsere eigenen Geschichten erzählen, die uns mit diesen Legenden verbinden. Doch zunächst heißt es, der „Hexenholzkrone (2)“ die volle Aufmerksamkeit zu schenken, um auf der Höhe der Ereignisse zu bleiben und nicht das kleinste wichtige Detail zu verpassen. Die Rezension dieses Buches ist für mich gleichzeitig auch eine Lesensversicherung, die es mir leichter machen wird, das „Graslandimperium“ zu erobern.  

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Man kann von der Fortsetzung einer Buchreihe nach 23 Jahren viel erwarten. Mit neuen Welten in Berührung zu kommen, neue Abenteuer in der Tradition der Legenden von einst zu erleben und neben den alten Gefährten auf neue Charaktere zu treffen, die fortan die Geschichte prägen. Tad Williams jedoch leistet in seinem neuen Aufzug vor der Bühne von Osten Ard wesentlich mehr. Am Ende aller Entwicklungen lernen wir die Regentin Miriamel erst richtig kennen. Einst ein junges, verliebtes Mädchen aus gutem Hause agiert sie nun klug, listig, diplomatisch und weise, als sei dies schon immer ihre Bestimmung gewesen.

Ihr Königsgemahl Simon Schneelocke wirkt wie der Küchenjunge von damals an ihrer Seite und doch ist er es, der sie mit seiner Liebe in der Balance hält. Ohne ihn ist Miriamel nur eine Hälfte des Königreichs, ohne ihn würde ihr der Halt fehlen, den sie in schweren Zeiten so dringend benötigt. Das unerwartete Erwachen der Nornenkönigin leitet den finalen Akt der großen Saga ein und mit ihr kehrt die alte Feindschaft mit den Menschen zurück. Es entbrennt der Kampf um den Thron von Osten Ard. Wer wird der letzte König sein, der vom Hochhorst aus regiert? Wer gewinnt die Überhand? Nicht die einzige Frage, der sich „Die Hexenholkrone (2)“ in aller Tiefe widmet.

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Was will die „Klaue“ der Nornenkönigin“ mit einem lebendigen Drachen? Was hat Baumeister Vyjeki zu erwarten? Welches Projekt soll er vollenden, um den Nornen zu alter Macht zu verhelfen? Wann und wo beginnt der erneute Krieg der Erzfeinde? Oder hat er bereits begonnen? Sind die kleinen Scharmützel an den Rändern der Handlung viel mehr als wir vermuten? Eingeflochten in diese Gefahr gehen neue und alte Helden ihren neuen und alten Leidenschaften nach. Graf Eolair wagt die gefahrvolle Reise zu den Verbündeten von einst, um dem Enkel von Simon und Miriamel zu beweisen, dass die alten Legenden wahr sind und Morgan seine Rolle als Thronfolger gegenwärtig zu machen.

Jiriki und Aditu nach 23 Jahren wieder zu begegnen und ihnen am Lagerfeuer zu lauschen ist zweifellos der Gänsehautmoment dieses Buches. Die Sithi-Geschwister waren damals die engsten Verbündeten des jetzigen Königs Simon Schneelocke. Doch warum haben sie seit dem Sieg über die Nornen geschwiegen? Was hat sich ereignet und welches sterbliche Geheimnis trägt Aditu in ihrem Körper? Jene unsterbliche Sitha, von der man früher immer sagte:

„Mit ihr zusammen zu sein, selbst in den furchterregendsten Momenten, hieß, Licht an einem dunklen Ort zu finden.“

Auch Nabban kommt nicht zur Ruhe. Eine heikle königliche Mission bringt Miriamel ins Zentrum eines Streits und damit ins Herz eines Landes, in dem Unwer seine Liebe und seine Heimat verlor. Angesichts eines Wolfsrudels im Wald jedoch zeigt sich seine wahre Herkunft. Eine alte Prophezeiung erfüllt sich Schritt für Schritt. Halbblut Nezeru und Jarnulf wagen den Kampf gegen einen Drachen. Fatal nur… ein Drachenbaby zu fangen ruft meist seine Mutter auf den Plan. Über allem steht Jarnulfs Schwur auf dem Spiel. „Nornen töten“. Doch wie soll er seiner Mission folgen, wo er sich doch gerade Nezeru mehr als verbunden fühlt?

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

Diese Mosaiksteine formen sich zu einem immer komplexeren Bild von Osten Ard und wir lesen und hören uns auf der Wanderung durch diese epische Welt immer tiefer in die schwelenden Konflikte hinein. Die Lage erfordert die Trennung des Königspaars. Damit wird eine Lawine der Ereignisse losgetreten, die uns durch die folgenden Bände tragen wird. Ob wir lesen oder Andreas Fröhlich in der Hörbuchfassung folgen, egal, wir können nicht mehr entkommen. Zu ungewiss ist die Zukunft, zu unvorhersehbar ist das Schicksal unserer Weggefährten, zu spannend ist das Epos.

Wie die Hexenholzkrone (2) endet? Mit welchen Cliffhangern dieses Buch überleitet und welchen Spannungsbogen es auf den letzten Seiten unterbricht? Fragt mich nicht. Aus bester Erfahrung gönne ich es Tad Williams nicht, mich am Ende auf die Folter zu spannen. Oft musste ich zu lange auf seine Fortsetzungen warten. Oft war es einfach nicht auszuhalten, bis ich weiterlesen durfte. Ich habe genau 50 Seiten vor dem Ende aufgehört zu lesen und zu hören. Meine Notizen und diese Rezension tragen mich auf meiner Welle in die Zukunft. Und erst, wenn Das Graslandimperium erscheint, werde ich mir die Cliffhanger gönnen, mit denen mich Tad Williams in die Fortsetzung dieser grandiosesten aller Fantasy-Reihen treibt. Und nun beginnt das Warten…

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

„Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Soziale Sprachlosigkeit. So könnte man das große Leiden in unserer Gesellschaft auf den Punkt bringen. Das kollektive Verschanzen hinter Vorurteils-Barrikaden und Dialog ohne Gesprächsbereitschaft sind die wohl prägnantesten Symptome für eine Krankheit, die wir als soziale Kälte bezeichnen. Eine schweigende Mehrheit weiß einer brüllenden Minderheit nicht mehr zu begegnen. Zeiten, in denen sehnsüchtig auf literarisch mutige Stimmen gewartet wird. Zeiten, in denen wir darauf hoffen, dass sich Schriftsteller in die Waagschale werfen und zu neuem Denken inspirieren. Schriftsteller, die aus neutralen Positionen heraus Spiegel vorhalten, Perspektiven erweitern und neue Impulse setzen könnten.

Dass wir in der heutigen Zeit der Sprachlosigkeit ausgerechnet in Frankreich auf eine solche neue Stimme treffen, ist keine Überraschung. Kaum ein anderes Land ist in sich so zerrissen, kaum ein Land fühlt das Auseinanderdriften seiner sozialen Schichten so intensiv und kaum ein Land ist so gefährdet, sich selbst an Populisten und Extremisten zu verlieren, weil die etablierten Parteien die Sorgen und Nöte des Landsleute kaum in spürbare Politik transferieren können. Die Unzufriedenheit sucht sich ihre Ventile und in Deutschland darf man sich nicht nur als stiller Beobachter dieser Entwicklung sehen. Es wäre fatal, sich das Leben so leicht zu machen. Stabil ist anders. Stabil sind nicht wir.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Es lohnt sich also sehr, unseren Blick auf einen literarischenCoup de France zu werfen und sich ihm nicht aus der Distanz zu nähern. Dieses Buch, diese Trilogie steht uns näher, als wir es je vermuten würden. Dieses Werk ist zwar so französisch, wie ein gut belegtes Baguette in einem Café an der Seine. Und dabei ist es ebenso europäisch, deutsch und polyglott, wie es ein epochales literarisches Erdbeben nur sein kann. Und als solches muss es sehr wohl bezeichnet werden, „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes. Ein auf drei Teile angelegter großer Gesellschaftsroman, der nicht nur in Frankreichreich hohe Wellen schlägt.

Ich habe den Auftaktband aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch gelesen und  bin gleichzeitig in der ungekürzten Hörbuchfassung von Der Audio Verlag versunken, weil mich Johann von Bülow mit seiner grandiosen Interpretation des Textes gefesselt hat. Wer ist nun jener Vernon Subutex, dem wir durch sein Paris folgen dürfen? Ein Paris, das ihm im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht mehr wie sein Paris vorkommt, das ihn zu verlieren scheint, weil er sich selbst an den Rand einer Gesellschaft katapultiert, die nur noch aus Rändern zu bestehen scheint. Vernon Subutex. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, so könnte man meinen. Eine Zeit, in der Sex and Drugs and Rock ´n´ Roll gesellschaftsfähige Rahmenbedingungen für Menschen darstellten, die heute nur noch aus dem Rahmen fallen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Der ehemalige Schallplattenverkäufer Vernon Subutex erlebt mit dem Niedergang einer Branche nicht nur den Paradigmenwechsel der Musikindustrie, er wird auch zum Zeugen seines eigenen Niederganges. Was sich gestern noch wie eine niemals enden wollende Partyszene und ein Leben auf der Überholspur anfühlte, wird schlagartig zum Horrortrip in einer sozialen Einbahnstraße. Was gestern noch eine gut vernetzte Clique ehemaliger Musiker und Szenegrößen war, wirkt plötzlich wie das zerfallene Puzzle der ewig Gestrigen. Vernon Subutex verliert Job, Wohnung und alle Unterstützung, die allzu selbstverständlich für ihn war. Was ihm bleibt sind sein relativ passables Aussehen, die ungebrochene Anziehungskraft auf Frauen und sein ausgeprägter Überlebenswille.

Denn überleben will er. Gerade nachdem die „Einschläge“ immer näher kommen und schon einige seiner Kumpels von früher die „Löffel“ abgegeben haben. Also tritt Vernon eine Flucht nach vorne an, sucht Zuflucht bei alten Freunden, noch älteren Freundinnen und bei all den Zufallsbekanntschaften, die ihm auf seinem Roadtrip durch Paris in die Quere kommen. Aus dieser skurril anmutenden Ausganslage zieht Virginie Despentes den Stoff, aus dem große Literatur gemacht werden kann. Mit Vernon Subutex lässt sie ihren Undercover-Agenten auf alle Schichten der französischen Gesellschaft los. Sein Blick wird zu unserer Perspektive. Seine Beobachtungen werden zu unseren Bildern, in denen sich das wahre Leben spiegelt. Seine Bekanntschaften werden zu Zeugen eines Abgesangs auf alle Faktoren, die den zwischenmenschlichen Wertverfall bedingen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Virginie Despentes gelingt es bravourös, all jenen eine unverwechselbare Stimme in diesem Choral des Niedergangs zu verleihen. Ein Meisterwerk der guten Beobachtung, eine Komposition aus den Dissonanzen, die dem scheinbar Normalen innewohnen. Ein Parforceritt durch die unterschiedlichsten Schichten dieser Gesellschaft, die sich schon lange nicht mehr in diesem homogenen Begriff beschreiben lässt. Dabei leistet Virginie Despentes einen existentiell wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Sprachlosigkeit in Zeiten großer Verunsicherung. Sie wertet und bewertet die Menschen nicht, denen ihr Protagonist begegnet. Sie lässt sie zur Sprache kommen. Sie seziert sie nicht. Sie legt all dies in die Hand ihrer Leser. Eine große Verantwortung für uns.

Wir begegnen den gescheiterten Existenzen, den anscheinend glücklich Verheirateten und denjenigen, die in den Fassaden ihres Lebens dahinvegetieren. Wir treffen auf die Randfiguren, die immer mehr ins Zentrum rücken, ehemalige Pornodarstellerinnen; die Online-Killerin deren Taten real zerstören können; die geschlagenen Frauen und deren Männer, für die Gewalt das alltägliche Ventil der Frustration ist; die kleine Ladendiebin von einst, die heute aus ihrem lesbischen Gefühl keinen Hehl mehr macht; den skrupel- und gewissenlosen Banker, für den Spekulationen immer Opfer fordern müssen; einen Vater, der seine Tochter in den radikalen Islam abdriften sieht ohne zu begreifen, was sie ihm damit beweisen will; prügelnde Neonazis, die in ihrem Leben einen Zufluchtsort suchen – und sei es den der Herrschaft auf der Straße und nicht zuletzt die Transe aus Brasilien, die in ihrer Abhängigkeit eine besondere Form von Freiheit findet.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Despentes lässt sie alle authentisch und plausibel durch unser Lesen rauschen. Wir erleben diese Menschen so greifbar, als würden wir mit Vernon bei ihnen Zuflucht suchen. Keine erhobenen Zeigefinger. Keine richtungsweisenden Tendenzen. Wir sind durch diesen unzensierten Blick auf die Menschen vorurteilsfreier, als wir es je waren. Selbst in der Konfrontation mit Neonazis liegt nun ein Ansatz des Verstehens, der auch ein Ansatz für Dialog sein könnte. Virginie Despentes beendet schon im ersten Teil der Trilogie um Vernon Subutex die soziale Sprachlosigkeit, weil sie der Fassungslosigkeit den Kampf ansagt. Nur was wir fassen, greifen und fühlen können, ist in der Lage uns von Ressentiments zu befreien.

Subutex macht süchtig. Nicht zufällig wohl die Auswahl dieses Namens, firmiert doch unter dieser Bezeichnung ein Opioid das zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt wird. Wirklich nicht zufällig, befindet sich doch die beschriebene Gesellschaft in einem Rauschzustand und wird aus unterschiedlichen Perspektiven so gesehen, dass sie nur noch zum Abgewöhnen taugt. Virginie Despentes schreibt sich diesen Roadtrip leicht und flüssig von der Seele. Johann von Bülow ist die ideale Hörbuchbesetzung für ein solches literarisches Schwergewicht, dem die Leichtigkeit niemals abhanden kommen darf. Das moderne Frankreich und seine Autoren strahlen gerade intensiv. Wer sich in „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani verloren hat, wird auch bei „Das Leben des Vernon Subutex 2“ kein Auge mehr zubekommen. Je suis Vernon.

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Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes – Hier geht´s zu Teil 2

Ein persönlicher Nachtrag… Aber nicht nachtragend…:

Besonders tränenreich war für mich die Begegnung zwischen einer Pennerin und einem Angehörigen der Mittelschicht. Feindlich steht man sich, die Fäuste bereits im geballten Zustand gegenüber. Dialog undenkbar. Nur das gemeinsame Schicksal ihrer vor kurzem eingeschläferten Hunde bringt die Wut und den Hass zum Stoppen. Zufall? Ich weiß es nicht. Der Dialog in den Virginie Despentes diese beiden Menschen führt ist herzzerreißend und hat dafür gesorgt, dass mein Hund in diesem Lesen wieder bei mir war. Ein Gespräch und seine Folgen, so tief wie ein Hundeblick und gar nicht folgenlos für die Fortsetzungen von „Das Leben des Vernon Subutex“. Danke für den Moment mit Schneeflocke…

Das Leben des Vernon Subutex – Wenn alles vor die Hunde geht