Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Oftmals ist das eigene Leid so unerträglich, dass man Jahre braucht, um es zu bewältigen. Manchmal wiegen eigene Verluste so schwer, dass man einfach für sich alleine Wege finden muss, um neuen Lebensmut zu fassen. Manchmal jedoch werden die dunklen Gefühle eines Schicksalsschlags wie mit einem Blitzlicht erhellt, wenn man im direkten Vergleich erleben muss, wie es anderen Menschen ergeht, die ein Leben ohne Trauer und Depression führen dürfen. Eine solche psychologische Ungleichung hat Kristina Hauff zum Schmelzkern ihres Romans „Unter Wasser Nacht“ gemacht. Ein Familiendrama in der malerisch einsamen Landschaft der Elbauen, ein Drama im Wendland, eine fulminante Geschichte über Trauer, Verlust, Liebe, Geheimnisse und Neid, die mich auf ihren knapp 300 Seiten nicht mehr loslassen wollte. Im Titel „Unter Wasser Nacht“ findet der gesamte Roman seine epische Entsprechung.

Alles könnte so schön sein auf dem gemeinsamen Hof zweier Paare im Wendland. Viele gemeinsame Jahre (darunter auch wilde und revolutionäre) lagen hinter ihnen, als sie auf einem kleinen Fleckchen Erde sesshaft wurden und ihre Familien gründeten. In ständiger Reichweite voneinander hatte sich ein Idyll Raum verschafft, das die beiden Paare in Sicherheit wog. Das Gemeinsame stellte die Grundmauern dar, und doch gab es ausreichend große Rückzugsorte, um sein eigenes Leben zu führen. Kinder kamen zur Welt und im Rückblick auf diese Zeit muss dieser Ort wie ein Biotop gewirkt haben. Als wir Sophie und Thies, sowie Inga und Bodo kennenlernen, ist von ihrer einstigen Harmonie kaum noch etwas übrig. Dafür wiegt das Drama zu schwer, dass sich vor 13 Monaten genau hier abgespielt hatte.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter ungeklärten Umständen ertrank der elfjährige Sohn von Sophie und Thies. Seitdem ist das Leben auf dem Hof in zwei Welten zerbrochen. Eine trauernde, in der sich die Eltern endlose Fragen über den Tod ihres Sohnes Aaron stellen. Und die heile Welt von gegenüber. Inga und Bodo, vom Glück gesegnet. Eltern von zwei gesunden Kindern, die den trauernden Nachbarn immer vor Augen halten, wie schön das Leben sein könnte. Aus diesen täglichen Vergleichen entsteht die Welle von Neid, Einsamkeit und eine Atmosphäre der gegenseitigen Abschottung. Als wäre jener Hof ein Minenfeld emotionaler Blindgänger. Während Inga und Bodo mit ihren Kindern Jella und Lasse den Alltag voller Optimismus leben, versinken im gegenüber liegenden Haus Sophie in ihrer Verbitterung und Thies in einem rastlosen Fluchtverhalten. Auch ihre Beziehung hängt inzwischen am seidenen Faden. Die Trauer ist hier der Scheideweg, an dem im Endeffekt das ganze Leben scheitern kann. Liebe und Freundschaft eingeschlossen.

Kristina Hauff erweist sich als echte literarische Meisterin, wenn es darum geht, die beiden Gefühlslagen der zerrissenen Hofgemeinschaft zu beschreiben. Man fühlt sich „Unter Wasser Nacht„. Wir trauern und leiden mit, beneiden die Menschen auf der Sonnenseite des Hofes und andererseits erkennen wir auch bei ihnen Muster der Rücksichtnahme und des Mittrauerns, allerdings ohne je eine Chance zu haben, etwas gegen den Verlust ihrer Freunde tun zu können. Es herrscht eine trügerische Ruhe in den Elbauen. Man beäugt sich, man meidet den Kontakt und lebt so vor sich hin. Allein aus dieser Konstellation hätte die Autorin ein menschliches Drama formen können, in dem sich diese Konflikte im Laufe der Zeit zu einer Flutwelle vereint hätten. Aber damit nicht genug. Kristina Hauff erweitert ihren Erzählraum und dreht uns Lesenden mit der gekonnten Bewegung einer Spannungsbogenarchitektin die Daumenschrauben enger.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

In multiperspektivisch erzählten, sich überlappenden Szenen blicken wir mit Sophie neidisch aus dem Fenster und beobachten Inga und die Kinder, während wir schon im nächsten Moment mit Inga das Haus verlassen und Sophie am Fenster entdecken. Die Methode der schnellen Schnittfolgen bewirkt, dass wir uns extrem gut in die agierenden Charaktere hineinversetzen können. Jeder kommt zu Wort, niemand bleibt außen vor und es entsteht eine komplexe psychologische Atmosphäre, die nicht nur zermürbend ist, sondern ebenso plausibel wirkt. Als dann auch noch mit Mara eine Fremde diesen Schauplatz der geschundenen Gefühle betritt, wird aus einem Familiendrama eine tief angelegte und noch komplexere Geschichte eines Lebens in unmittelbarer Nähe eines Flusses, der den Lauf der Dinge zu definieren scheint: Die Elbe.

Spätestens von diesem Moment an ist man nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen. Spätestens hier befinden wir uns in einem Mix aus Gefühlskino und kriminalistischer Ermittlung eines Cold Cases. Der Tod des Jungen wird mehr und mehr ins Zentrum gerückt. Was war hier passiert? Warum geht ein erst Elfjähriger aus freien Stücken vollständig bekleidet in die Elbe? Wo waren die Eltern, wo die anderen Bewohner des Hofes? Welches Geheimnis liegt hier verborgen? In atemlosem Tempo werden wir durch die Elbauen gejagt, werden zu Zeugen von Ausfallerscheinungen der direkt Beteiligten und kommen der Ursache für Aarons Tod immer mehr auf die Spur. Kein Hinweis erweist sich als banal, keine Fährte ist kalt, kein Verdacht unbegründet und doch führt nur ein Weg zur Lösung dieses Todesfalles. Mara. Auch, wenn sie alles durcheinanderbringt, sie wirkt wie Ariadne, die den roten Faden in der Hand hält. In ihr liegen Hoffnungen, Leid, Neid, Eifersucht, Verheißung und Zuversicht verborgen. Hier durchbricht die scheinbar Außenstehende alle inneren Widerstände.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Es sind die zahllosen inhaltlichen Facetten, mit denen Kristina Hauff überzeugt. Es sind sich verändernde Freundschaften, unüberbrückbare Gräben und tiefe Wunden in einer ehemals heilen Welt, über die sie uns geleitet. Es ist die raue Elbe, die mit ihrer Gewalt Land und Menschen zu formen vermag. Es sind die Kontraste, die uns hier zu staunenden Betrachtern machen. Es ist das konservativ idyllische Wendland, es ist die exotische dänische Freistadt Christiania, deren Flair Mara mit sich trägt. Und es sind die vielfältigen Aspekte der verschachtelten Handlung in Verbindung mit den Akteuren dieses Romans, die eine Einordnung in eine literarische Schublade erfreulich schwer machen. Es ist ein Krimi und doch ist es keiner. Es ist ein psychologischer Roman im Schatten eines dramatischen Verlustes und doch ist es viel mehr. Es ist ein Drama, in dem aus Freunden, sich gegenseitig beäugende Kontrahenten und Wettbewerber um das wahre Glück im Leben werden und doch ist es kein reines Familiendrama. Und es ist in Teilen ein Roman der falschen Gefühle, weil man Aaron sehr ambivalent erlebt.

Die Autorin scheint es zu genießen, nicht in einem Genre gefangen zu sein. Man erwartet keinen kriminalistisch perfekten Fall, der lückenlos aufgeklärt wird. Man sucht nicht nach zusätzlichen Beweisen, muss mit Lügen leben, die nicht geradegerückt und aufgedeckt werden. Ja, wir müssen sogar Fragezeichen akzeptieren, weil wir hier ein Stück Leben präsentiert bekommen, das in seinen offenen Fragen sehr authentisch ist. Ich würde „Unter Wasser Nacht“ nicht in eine literarische Schublade stecken. Aber ich bin natürlich bereit, diesen Roman in eine Schublade meiner kleinen literarischen Sternwarte einzusortieren: „Lesenswerte Lektüre, die mich in einem unglaublichen  Sog nicht mehr loslassen wollte.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff – Das Hörbuch

Kurz vor Toresschluss erreichte mich die Hörbuchfassung zum Roman „Unter Wasser Nacht„, und so kann ich den Erzählraum um den Hörraum der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag erweitern. Acht Stunden und zwanzig Minuten der ungekürzten Lesung geben hier den Rahmen vor, in dem wir uns zuhörend bewegen. Die Schauspielerin und Sprecherin Julia Nachtmann liest sich tief in das Setting aus Wendland, Verlust, Elbe und Gefühl hinein. Sie führt uns erfreulich unaufgeregt durch einen Plot, der sein ganz eigenes Tempo aufnimmt. Das Problem der Multiperspektive löst sie brillant, indem sie sich in den Dialogen aus den Sichtweisen der Protagonisten befreit und den Stimmen der Akteure Leben einhaucht. Ihrer Stimme zu folgen ist hier sehr angenehm, weil sie unsere sprunghafte Neugier zügelt und ein Tempo vorgibt, in dem man wie die Elbe durch das Wendland treibt, in dem wir sonst haltlos untergehen würden. Sehr hörenswert.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Ein Nachtrag: Ich hatte das Gefühl, unfair zu „Unter Wasser Nacht“ gewesen zu sein. Ich hatte das Gefühl, dem Buch von Kristina Hauff nach den Romanen von T.C. Boyle und Benedict Wells zu kritisch zu begegnen, weil mich die Neuerscheinungen begeistert und bewegt hatten. Nach Boyle und Wells gelesen zu werden, ist wohl einer der undankbarsten Startplätze, den man sich nur vorstellen kann. Und dann saß ich vor diesem Roman und wusste schon nach 50 Seiten, dass meine Bedenken unbegründet waren. Die Autorin hat mich in einem Gefühl tiefer Lese-Melancholie aus „Hard Land“ abgeholt und mich an der Elbe aufgefangen. Es gab keinen Grund mehr zu denken, es sei nicht fair gewesen. Es gab tausend Gründe mich zu bedanken, dass ich in solchen Höhen weiterfliegen durfte. Dieses Gefühl wünsche ich jedem Lesenden…

Die emotionale Ungleichung von Kristina Hauff ist mathematisch betrachtet, eine mit vielen Unbekannten, Variablen und Ableitungen. Aber sie geht auf! Bleibt am Ende des Tages nur noch eine Frage offen, über die man trefflich diskutieren kann. Dies hier zu tun, würde zu sehr spoilern, aber im Off bin ich natürlich dazu bereit. Ihr wisst ja, wo man mich findet!

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Marianengraben von Jasmin Schreiber - AstroLibrium

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Normalerweise taucht man in eine Geschichte ein. Man lehnt sich gemütlich zurück, betrachtet die Oberfläche eines literarischen Sees, erkennt leichte Wellenbewegungen und wird neugierig. Mit leichten Schwimmbewegungen entfernt man sich vom Ufer und atmet ein letztes Mal tief ein, bevor man sich in die Tiefe begibt. Je größer der Tiefgang einer Erzählung ist, desto intensiver ist die Auftauchphase. Umgekehrt vorzugehen ist schwer vorstellbar. Außer man traut sich und lässt sich auf den „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber ein. Schon im ersten Kapitel befinden wir uns in elf Kilometern Tiefe. 11000 Meter unter der Oberfläche. Der symbolische Tiefpunkt scheint erreicht und von der ersten Seite an steigen wir sukzessive auf. Eine emotionale Tauchfahrt des Lesens beginnt in tiefster Dunkelheit. Am Grund des Marianengrabens.

Dieser metaphorische Einstieg öffnet die Tür zu einer ungewöhnlichen Erzählung. Wir begegnen zwei Menschen, die tatsächlich ganz unten angekommen sind und durch die besondere Konstruktion im Aufbau der Geschichte vermittelt uns Jasmin Schreiber, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann. Sie, Paula, wagt sich nach dem Unfalltod ihres Bruders und mitten in der Trauertherapie erstmals an sein Grab. Er, Helmut, folgt einem Plan, als er mit Spaten am Urnengrab seiner Exfrau ankommt. Sie, Biologin und mitten im Leben stehend, kann den Verlust ihres jüngeren Bruders nicht verkraften und zermartert ihr schlechtes Gewissen, weil sie nicht da war, als er ertrank. Er, 83-jähriger Hinterbliebener, ist einen Schritt weiter. Die Urne von Helga zu stehlen. Dafür ist er hier. Mitten in der Nacht. Der einzige Zeitpunkt, der für Paula denkbar ist, um unbeobachtet Tim zu besuchen. Wir sind ganz unten angekommen. 11000 Meter tief. Tiefer geht es nicht mehr. Tauchen wir auf?

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Jasmin Schreiber macht viel aus der Ausgangssituation ihres Romans. Es ist die Zufälligkeit des Augenblicks und es ist die Parallelität der erlebten Verluste, die hier als Sprungbrett in eine Geschichte voller Verlust, Sehnsucht, Selbstvorwürfen und Trauer dienen. Da wir jedoch schon ganz unten angekommen sind, tauchen wir nicht in purem Selbstmitleid. Paula nimmt uns mit in liebevolle und farbige Erinnerungen an Tim. Hier wird schnell deutlich, wie sie zueinander standen und wie sehr der kleine Kerl auf seine große Schwester baute, als er den großen Geheimnissen auf die Spur kommen wollte. Jasmin Schreiber beschreibt eine junge Frau, deren Trauerbewältigung gerade erst im Anfangsstadium steckt. Melancholie, Tristesse und Hilflosigkeit sind ihre Wegbegleiter. 

Ganz anders der 83-jährige Urnendieb Helmut, der alles genau geplant hat. Helga ausbuddeln, ab mit ihr ins neu gekaufte Wohnmobil und los geht die Fahrt mit Sack und Pack (also eher mit Urne und Hund Judy). Der letzte gemeinsame Roadtrip an den Ort der wirklich letzten Ruhe für Helga. Auch ihn zeichnet Jasmin Schreiber konturiert und greifbar. Literarische Abziehbilder sind nicht die Sache der jungen Autorin. Empathisch öffnet sie uns die Tür zu einem fast gelebten Leben. Mürrisch, abweisend und doch im tiefsten Inneren verletzlich erleben wir Helmut bei der ersten Begegnung. Was ihn und Paula miteinander verbindet reicht aus, um zwei Lebenswege miteinander zu verbinden und gemeinsam ein Wagnis einzugehen. Skurril mag es vielleicht erscheinen, was sich auf der Friedhofsmauer abspielt. Helgas Asche und Paula. Auch eine Verbindung. Hier beginnt das Unausweichliche. Die gemeinsame Fahrt in die Zukunft, egal wie sie auch aussehen mag. Wir tauchen mit Paula und Helmut auf.

Marianengraben von Jasmin Schreiber - AstroLibrium

Marianengraben von Jasmin Schreiber

Einige der zentralen Elemente aus dem „Marianengraben“ sind nicht neu. Trauer und Verlust sind zentrale Themen in der Literatur und selbst der Raub einer Urne stellt keine einzigartige Situation dar. Zuletzt folgte ich „Levi“ von Carmen Buttjer, der sich die Urne seiner Mutter noch während der Beerdigung schnappte und untertauchte. Hier spielen die letzte panische Verlustangst, sowie die Unzufriedenheit mit den rituellen und gesellschaftlich akzeptierten Abläufen eine zentrale Rolle. Die Fragen nach dem Leben nach dem Tod tauchen ebenso auf, wie die Selbstvorwürfe, mit denen sich Trauernde ein Leben lang herumschlagen. Viele der Romanelemente sind uns fragmentarisch im Lesen begegnet. Jasmin Schreiber gelingt jedoch durch die Verbindung von Paula und Helmut die Gestaltung eines literarischen Niemandslandes, in dem Trauer verschieden interpretiert wird. Hier geschieht während der Fahrt ein kleines Wunder:

„Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal
jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur
mit einem anderen Dialekt.“

Es ist diese gemeinsame Sprache, die Jasmin Schreiber zelebriert. Sie vermeidet die Beliebigkeit der Begriffe. Sie definiert den empathischen Weg, der Alt und Jung zu verbinden scheint. Verständnis und der Blick hinter die geschlossenen Vorhänge sind Schlüssel für Hoffnung und Perspektive. Dem Gegenüber Raum lassen für die eigenen Trauerrituale, nicht noch mehr Schmerz verursachen und dann, im richtigen Moment in den Arm nehmen und nehmen lassen, dies sind zentrale Wegweiser an die Oberfläche. Wir tauchen auf.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Es ist die Ehrlichkeit, die Helmut auszeichnet. Schroff wie ein Fels und doch so sehr gezeichnet, weil sich die Flutwellen des Lebens an ihm abgearbeitet haben. Es ist die Verzagtheit einer Paula, die sie uns in die Arme treibt. Die ehrliche Verzagtheit könnte ein gemeinsamer Weg sein, den sie unterwegs entdecken. Geheimnisse verlieren ihren Schrecken, Offenheit öffnet Herzen und ein Trauerweg wird zur Route des Erkennens. Diese Erzählung überstrahlt keine atemlose Melancholie. Es ist hier eher das Gefühl, in der Rückschau auf das Leben die richtigen Erinnerungen zu konservieren, das hier alle anderen Gedanken überstrahlt. Hier finden Lesende ihre Protagonisten, mit denen man sich identifizieren kann. Die junge unvorbereitete Frau oder den uralten Mann, der sich mit dem Ballast seines Lebens umgibt, um die Reise anzutreten.

Jasmin Schreiber ist nicht nur Kommunikationsexpertin und Autorin, sie ist auch ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie das Wort Trauer in den Raum stellt. Es ist im literarischen Sinne ein oftmals leerer Raum, den man nur mit oberflächlichen Erinnerungen ausschmückt. Ihr Trauerraum ist kein trauriger Raum. Er ist nicht trist oder dunkel. Er ist voller Bilder, die das Leben ausmachen. Es ist eher ein Trostraum, in dem man sich – auch wenn es sich komisch anhört – wohlfühlen und einfach gut fühlen darf. In dem Moment, in dem man lesend die Oberfläche erreicht, ist es gut, Wasser um sich zu haben, um die feuchten Stellen in den Augen zu erklären. In jeder Hinsicht eine lesenswerte Geschichte, die viele Facetten beleuchtet und jeglichen Stereotypen die Tür vor der Nase zuschlägt.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber

Der Marianengraben als Tiefen-Metapher trägt durch den Roman. Dass ich jedoch im Verlauf der Geschichte auch mit der Nordwestpassage und der Expedition von Sir John Franklin konfrontiert werde, macht mich sprachlos. Die Fahrten von Erebus und Terror als metaphorische Ableitungen für Wagnis, Verlust, Trauer und die ewige Suche nach der Wahrheit in die Geschichte einzubauen, ist mehr als gelungen. Gerade selbst von Bord der „Erebus“ entkommen, habe ich erneut festgestellt, dass es keine Zufälle gibt in der Literatur. Auch das ist Jasmin Schreiber wirklich gut gelungen. Ich bin jetzt auf 0 Metern angelangt. Eine brillante Tauchfahrt. Ich hätte noch Luft genug für einen weiteren Roman aus ihrer Feder. Ich brauche eine Druckkammer, um mich wieder an die Luft hier oben zu gewöhnen. Druckausgleich am Ende des Romans ist sehr wichtig.

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Nach Mattias von Peter Zantingh

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Nach Mattias von Peter Zantingh

Selten ist mir die Rezension eines Buches so schwergefallen und selten zuvor war sie zugleich so befreiend. Es ist wie ein Schicksalsbeben, den Roman Nach Mattias von Peter Zantingh am Firmament der ungelesenen Werke entdecken zu dürfen. Wie ein Fixstern leuchtet er auf und verspricht dabei nicht nur eine Geschichte zu erzählen, an der wir uns aufrichten und orientieren können. Es ist eine Geschichte, die im Verlust eines geliebten Menschen ihren Startpunkt nimmt. Hier könnte man vielleicht vermuten, der niederländische Journalist und Schriftsteller Peter Zantingh habe eine emotionale Geschichte verfasst, in der Trauer zum Pendelschlag des Alltags wird. „Nach Mattias“ bezeichnet sehr wohl eine Verwerfung in der Zeit. Einen Moment, der das Leben vieler Menschen in neue Zeitzonen verschiebt, aber es ist keine Trauergeschichte.

Ein Leben vor, ein Leben mit und ein Leben nach Mattias. Wer nun erwartet, hier in stereotypen Erzählstrukturen von veränderten Lebensbedingungen und der Einsamkeit ohne den betrauerten Mattias abgeholt zu werden, der sieht sich schnell getäuscht. Ich habe lange gewartet, bevor ich den Roman zur Hand nahm. Der richtige Zeitpunkt war entscheidend. Ich wollte in einer emotional neutralen Grundhaltung sein, um mich ohne inneres Störfeuer auf diesen Roman einzulassen. Das ist kräftig in die Hose gegangen. Ich musste in den letzten Tagen miterleben, wie eine Familie aus dem Bekanntenkreis den Zeitbegriff des „NACH“ kennenlernen musste. Unerwartet. Wie aus dem Nichts ins Leben geschossen. Ein Mädchen, eine Backpacker-Tour, Südamerika, der Besuch im Krankenhaus, keine greifbare Diagnose, eine Nacht voller Husten, Lungenentzündung und Erstickungsanfälle. Ein lauter Tod in der Ferne. Und plötzlich war es „Nach Juli“…

Nach Mattias von Peter Zantingh - Astrolibrium

Nach Mattias von Peter Zantingh

Man erlebt aus der Distanz den Schmerz, den Verlust und die Trauer und doch bleibt das Leid individuell. Hart und kaum zu bewältigen. „Nach Mattias“ von Peter Zantingh zu diesem Zeitpunkt zu lesen ist keine gute Entscheidung, dachte ich mir. Wie froh bin ich, diesen Gedanken schnell beiseitegeschoben zu haben. Der Autor erzählt hier nicht von linearer Trauer und von den Menschen, die unmittelbar betroffen sind. Er öffnet der Geschichte von Mattias einen ganz eigenen und schier unendlichen Kosmos, in dem er alle Sterne zum Leuchten bringt, die von Mattias` Existenz berührt wurden. Er stellt die Fragen, die wir gerne verweigern und geht damit weit über jedes individuelle Trauern in gewohntem Sinn hinaus. 

Es war befreiend, seinen Zeilen und Gedanken zu folgen. Er lässt dem Zufall Raum und nennt ihn nicht Schicksal. Zantingh erzählt ganz einfach, was geschieht, wenn ein Mensch eine Lücke hinterlässt. Unvorhergesehen und unabänderlich. Er gibt uns damit Raum in dieser multiperspektivischen Erzählung, weil wir oft nicht unmittelbar betroffen sind, uns jedoch irgendwie betroffen fühlen. Er verbindet lose Fäden eines Lebens zum Gewebe, das Mattias mit dem Rest der Welt verband. Hier müssen wir dem Autor blind vertrauen. Er nimmt uns an die Hand und stellt uns Menschen vor, die direkt betroffen sind vom Tod des jungen Mannes. Und nicht nur diese…

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Nach Mattias von Peter Zantingh

Seine Freundin Amber und sein bester Freund Quentin. Zantingh erzählt vom Loch, in das beide stürzen. Von ihren ungelebten Träumen, kleinen Streitereien, Eigenheiten und den offenen Fragen, die immer bleiben werden. Wie bei einer Kamerafahrt zieht er dann die Blende auf und stellt uns Leute vor, die wir niemals mit Mattias in Verbindung bringen würden. Hier gelingt ihm durch die Erweiterung seines Erzählraums und seiner Perspektive der Eintritt in ein absolutes Niemandsland des Sterbens. Hier stellt er seine Fragen. Was bleibt, wenn wir gehen? Was verändert der Tod eines Einzelnen? Welche Spuren hinterlassen wir selbst? Wie ist das Narrativ unserer Existenz und welches Lied wird man später einmal auflegen, wenn wir nicht mehr sind? Gibt es einen Soundtrack unseres Lebens? Und sind wir wieder anwesend, wenn sie „unser Lied“ spielen“?

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Nach Mattias von Peter Zantingh

Zantingh spannt den Bogen eines Verlustes weit. Wir begegnen Menschen mit den individuellen Geschichten ihres Lebens. Menschen, die sich nie begegnet wären, hätte nicht Mattias eine große Lücke erzeugt. Der Autor präsentiert uns Identifikationsfiguren, mit denen wir Hand in Hand durch eine Geschichte gehen, in der der Zufall regiert. Das ist das wahre Leben und erst in der kleinen Banalität entdecken wir den Sinn von allem. Wie finden der blinde Chris und Mattias bester Freund Quentin zusammen? Ist jenes Band, das sie laufend verbindet der Rettungsanker für beide? Was treibt den Verkäufer Nathan mitten in der Nacht an den Strand, um eine unscheinbare Sandburg zu retten? Wem verdankt der Online-Gamer Issam seine sprichwörtliche Wiedergeburt im Internet und ist es denkbar, dass ein Vermächtnis auch in einer virtuellen Welt weiterlebt? Wem begegnet Mattias` Mutter Kristianne bei der Bewältigung ihrer Trauer und ist das nicht Gesagte vielleicht doch so gewaltig, dass es Leben verändern kann?

Nach Mattias von Peter Zantingh - Astrolibrium

Nach Mattias von Peter Zantingh

Und was widerfährt der letzten Liebe im Leben von Mattias, als sie einen Schritt wagt, den man niemals von ihr erwarten durfte? Lose Fäden. Belanglos. Oft nur durch Spurenelemente des Menschen miteinander verbunden, der jetzt eine ganz eigene Zeit zu haben scheint. „Nach Mattias“ gibt Hoffnung. Dieses Buch lässt uns davon träumen, dass wir mehr hinterlassen, als das Sichtbare. Dieser Roman klingt nach, weil Musik in und zwischen den Zeilen eine große Rolle spielt. Die Geschichte ist voller Aha-Effekte, die uns die zuvor vergossenen Tränen aus dem Gesicht zaubern. Unvergessen bleibt der Zusammenhang zwischen einer Sandburg, einem einsamen Strandhaus und einer zaghaft anklopfenden Gestalt vor der Tür. Hier erweist sich der Autor als schicksalhafte Dimension. Er ist der Pfadfinder in einer Geschichte der tausend Pfade.

Ich liebe den melodischen Klartext dieses Romans. Nicht schwülstig, Tränendrüsen bleiben ungedrückt. Zantingh erzielt seine Wirkung anders. Indirekt. Wie das Cello, auf dem Amber spielt, sind wir der Resonanzkörper dieser Geschichte. Was er uns außer Hoffnung und Zuversicht mit auf den Weg gibt? Eine kleine und wahrhaftige Lehrstunde über die Exklusivität von Trauer. Er thematisiert diejenigen, die sie instrumentalisieren, sie für ihre Zwecke missbrauchen. Er spannt den Bogen auch hier zu Solidaritäten und spontanen Mahnwachen. Seine Botschaft ist deutlich. Lest dieses Buch, singt euren Song und denkt bei den Menschen, um die ihr trauert an die vielen losen Fäden, die sie mit euch verbinden. Ihr müsst sie nur finden…

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Nach Mattias von Peter Zantingh

Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris begleitete mich auf der Reise mit Mattias. Viele Parallelen verbinden diese Bücher für mich. Zwar geht Zantingh den Schritt weiter, der mich selbst direkt in die Handlung zieht, Leiris berührt unser Lesen durch die Tatsache, dass seine Geschichte kein Roman ist. Am Ende bleibt nur wenig Unerwähntes. Für mich wird „Nach Mattias“ immer zugleich „Nach Juli“ sein. Ein loser Faden, der sich fest um mein Herz gewickelt hat.

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