Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wenn man sich für einen Roman entscheidet, der in Rumänien angesiedelt ist, sollte man immer im Bewusstsein lesen, dass man sich in ein von der Weltgeschichte mehrfach zerrissenes, aufgeteiltes und von grausamen Machthabern gegeißeltes Land begibt. Man sollte sich sehr bewusst machen, dass sich bis zum heutigen Tag zahllose Wunden durch ganze Familiengeschichten ziehen, ihre Traditionen belasten und sich wie kaum sichtbare Demarkationslinien durch die Stammbäume dahinschlängeln. Viele Romane, die sich mit dem heutigen Rumänien beschäftigen versuchen zu erklären und zu heilen, zu bewältigen und zu zeigen, was sich nicht wiederholen darf. Die wenigsten dieser Romane sind unpolitisch, weil sie es einfach nicht sein können. Die rumänische Geschichte war immer ein Spiegelbild der Weltpolitik. Einzig im Reich der Legenden war man sicher. Nur hier konnte die geschundene rumänische Seele Zuflucht finden. Nur hier durfte sie davon träumen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können.

In diesem Reich regiert noch heute der Fürst der Dunkelheit Graf Dracula, Vlad der Pfähler. Es sind Begriffe, wie Transsilvanien, Eichenpflock, Knoblauch, Blutsauger und ewiges Leben, die ihn nicht nur literarisch unsterblich gemacht haben. Auch, wenn dieser dunkle Graf heute für seine unbeschreibliche Grausamkeit bekannt ist, legendär ist er für seine Gerechtigkeit, die man ihm nachsagt. Ein ganzes Genre beherrscht die Lichtgestalt Transsilvaniens, die mit Tageslicht überhaupt nicht gut zurechtkommt. Viele Romanfiguren der Weltliteratur spiegeln sich in seinem Geist, wobei er doch eigentlich gar kein Spiegelbild erzeugt. Eines jedoch ist sicher. Wenn man sich mit Graf Dracula beschäftigt, befindet man sich literarisch in einem Fantasy-Roman. Eine Mischung aus sozialpolitischer Vergangenheitsbewältigung und transsilvanischer Legendenwelt wurde bisher nicht gewagt…. Ich sage bewusst: Bisher… Dana Grigorcea verändert alles.

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wer sich für ihren Roman Die nicht sterben entscheidet, sollte im Bewusstsein lesen, hier nicht nur auf einen einzigen Blutsauger zu treffen. Wer sich für diesen Roman entscheidet, sollte sich gedanklich von klaren Genre-Trennlinien verabschieden und bereit sein, literarisches Neuland zu betreten. Wer zu diesem Buch greift, wird mit zunehmender Lesedauer merken, dass es sich um einen unsterblichen Roman handelt, in dem sich die Welten der Fantasy und der Gesellschaftspolitik vermischen. Wir haben hier ein Buch, das selbst kein Spiegelbild wirft, das nachts hyperaktiv ist und dem man mit Knoblauch und Eichenpflock nicht beikommt, wenn man erst einmal begonnen hat, es zu lesen. Hier prallen das Transsilvanien der Vampire und das postkommunistische Rumänien in einem Clash of Literature aufeinander, der alle Grenzen verschiebt. Hier erleben wir an den Nachwehen der Diktatur des Ceaușescu-Regimes, was ein echter Blutsauger seinem Volk angetan hat. Dagegen wirkt Dracula wie ein wahrer Volksheld…

Dana Grigorcea entführt uns in ein schauriges Spiegelkabinett, in dem wir selten glauben, was wir zu lesen denken. Da ist die Ich-Erzählerin, die in Bildern denkt und lebt. Die sich das Rumänien ihrer Kindheit in Erinnerung ruft, und in Flashbacks Bilder einer Zeit heraufbeschwört, in der ihre Großmutter Margot eine zentrale Rolle einnimmt. Skurrile Bilder entwickeln sich vor unsern Augen. Eine enteignete Villa in der Walachei und ein Tross, der sie in regelmäßigen Abständen vom Kommunistenkitsch befreit und dem großbürgerlichen Leben zu neuem Glanz verhilft. Natürlich streng geheim und vor den Augen und dem Zugriff der viel geheimeren Securitate verborgen. Jetzt, nach der Rückkehr der Erzählerin aus Paris herrscht Trostlosigkeit in ihrer einstigen Heimat. Es sind Betonbauten, die zum Flächenbrand werden und es ist die Perspektivlosigkeit der Menschen, die ihre Erinnerungen an einst mit einem Grauschleier überziehen.

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Es ist die Zeit nach dem Schrecken der Diktatur, die bekannte Automatismen ans Tageslicht bringt. Der Blick geht zurück, das „Früher war nicht alles schlecht“ wird im Umfeld der Großmutter kultiviert. Nur die Player müssen ausgetauscht werden. Er wird wieder laut, der „Ruf nach dem starken Mann„, der frischen Wind ins Land bringt und gleichzeitig mit den korrupten Politikern aufräumt, die sich nach dem Machtwechsel im neuen Rumänien festgebissen haben. Hier driftet Dana Grigorcea in ein morbides und zunehmend gewalttätiges Szenario ab, überschreitet die Grenzen des Genres und lässt uns mit staunenden Augen in der Familiengruft der Erzählerin eine gepfählte Leiche im Schweiße des frisch geschändeten Körpers entdecken. Und nicht nur das. Findet man doch ausgerechnet hier beim Versuch, den Mord aufzuklären die letzte Ruhestätte von Vlad dem Pfähler. Hier in der uralten Familiengruft. Ist er ein Vorfahre der Erzählerin? Sind sie verwandt? Von jetzt an ist es vorbei mit der Ruhe in der Ruhestätte.

Hier beginnt es trefflich zu vampiren. Hier erlebt der Romantitel „Die nicht sterben“ eine wahre Renaissance in der engmaschig erzählten Geschichte. Hier beginnen die nächtlichen Begegnungen der Heimkehrerin mit einem geheimnisvollen Wesen, das ihr plötzlich nicht mehr fremd ist. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen der Realität in unserer Wahrnehmung und der fantastischen Wahrnehmung der Protagonistin. Genau hier überschreiten wir freudig gespannt alle Grenzen des Erzählens, und folgen bis zu den magischen Worten der Schattengestalt an seine plötzlich aufgetauchte Nachfahrin:

„Wir sîn gelîchen Bluotes.“

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wirkt das abgedreht? Zu unrealistisch? Zu skurril? Oh nein, ganz im Gegenteil. Hier impft uns die brillante Erzählerin ihr Serum mitten in die Blutbahn. Es betäubt den Wahrheitssinn, lässt uns wundervoll fantasieren und entwickelt Nebenwirkungen, die in der Literatur durchaus erwünscht sind, aber leider allzu selten vorkommen. Wir driften ins Reich der Zwischenwelt und genießen die Anspielungen der Autorin auf das Reale, das uns so sehr einengt. Warum nicht? Warum sollte nicht eine Legende auferstehen und richten, was man in der jüngsten Vergangenheit vermasselt hat? Und, wenn schon richten, dann richtig. Das Motto der Nacht lautet.: Pfählen…

„Ich bin ein ewig lebender Vampir vom Blut des Fürsten Dracula,
ich bin die ewige Rache der Gerechten.“

So schallt es durch die nächtliche „Walachei“. Doch Vorsicht: wo gepfählt wird, da fallen Späne. Dana Grigorcea scheut nicht davor zurück, uns zurückscheuen zu lassen. Sie erspart uns keine Details, wenn es darum geht, das martialische Ritual vor Augen zu führen. Es ist, als würde sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Hier erreicht die Geschichte ein Level, das fernab aller literarischen Erzählformen liegt. In der Glorifizierung eines Blutsaugers als Rächer für jenen kommunistischen Blutsauger zeigen sich die ambivalenten Wechselwirkungen von Macht und Machtmissbrauch. In Wirklichkeit saugt jeder gerade seinem Nächsten das Blut aus. Die Machtverhältnisse verändern sich kaum. Der kleine Mann bleibt der kleine Mann. Hier malt die aus Paris zurückgekehrte Kunststudentin ein apokalyptisches Bild an die Wand und den Teufel gleich mit dazu.

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Das literarische Impfserum von Dana Grigorcea ist hochwirksam. Ich habe noch kein geeignetes Gegenmittel gefunden und spüre die Nachwirkungen deutlich. Ich bin immunisiert gegen oberflächliche, eindimensional angelegte Literatur. Ich suche nach mehr. Ich bin extrem süchtig nach guten Erzählungen, deren Deutungshoheit nicht in Händen der Autoren oder Autorinnen liegt. Dana Grigorcea hat mich in ihrem Roman von der kurzen Leine gelassen, sie hat mir einen Nachtflug über ihr Rumänien gewährt, das ich so nicht kannte. Meine gelachten Tränen halten sich mit den geweinten die Waage. Wenn ihr Roman auch höchsten literarischen Ansprüchen gerecht wird, wenn wir ihn auch als erzählerisches Meisterwerk empfinden, in besonderer Weise – denke ich – wird er der rumänischen Seele gerecht, die nach Erlösung schreit.

Hier geht es zu meiner Rumänien-Bibliothek. Von Iris Wolff bis zu Catalin Dorian Florescu… Ein erlesenes Land lädt zum Verweilen ein… 

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

PS: Die Widmung im Buch verrät, dass hier ein Autorenehepaar am literarischen Werk ist. Nicht uninteressant für mich, habe ich doch Perikles Monioudis und seinen wundervollen Roman „Frederick“ ausführlich vorgestellt.