„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehesi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Mein Sohn,
letzten Sonntag fragte mich die Moderatorin
einer beliebten Nachrichtensendung, was es
bedeute, seinen Körper zu verlieren.“

Wenn ein Vater seinem Sohn einen Brief schreibt, um ihn vor den Gefahren des Alltags zu warnen, dann wird in den seltensten Fällen ein Buch daraus. Wenn jedoch ein schwarzer Vater seinem gerade erst 15-jährigen Sohn einen solchen Brief schreibt, um ihn auf ein Leben vorzubereiten, das vom Rassismus gekennzeichnet ist, dann ist es verständlich, dass diese Gedanken ausufern können. Besonders dann, wenn es um das Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika geht.

Ta-Nehisi Coates ist eine der wichtigsten Stimmen gegen Rassismus in den USA. Seine Essays sorgen für Aufsehen und mit dem Brief an seinen Sohn hat er nicht nur eine Diskussion losgetreten, sondern auch dafür gesorgt, dass man sich mit jeder Faser des eigenen Körpers vorstellen kann, was Rassismus mit seinen Opfern macht. Für Ta-Nehisi Coates sind die Auswirkungen körperlich zu spüren. Zwischen mir und der Welt steht der alltägliche Rassismus wie eine unüberwindbare Mauer.

„Doch unsere ganze Begrifflichkeit dient nur
dazu, zu verschleiern, dass Rassismus eine
zutiefst körperliche Erfahrung ist, dass er
das Hirn erschüttert, die Atemwege blockiert,
Muskeln zerreißt, Organe entfernt, Knochen
bricht, Zähne zerschlägt. Davor darfst du nie
die Augen verschließen.“

Hier geht es nicht mehr um die längst überholte Rassentrennung in den USA. Hier geht es nicht mehr um getrennte Sitzreihen in Bussen oder Verbote zu studieren. Hier geht es um das Erbe der Geschichte, um all die Automatismen, die geblieben sind. Hier geht es viel mehr um das Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Hier geht es um den stillschweigend ausgestellten Freibrief für die Polizei eines ganzen Landes, den tief verwurzelten Rassismus mit Schlagstock und Pistole mit Leben zu füllen.

„Doch Rasse ist das Kind des Rassismus, nicht seine Mutter.“

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Und spätestens jetzt weißt du,
dass die Polizeireviere deines Landes
mit der Befugnis ausgestattet sind,
Deinen Körper zu zerstören.“

Das moderne Amerika scheint nicht bereit zu sein, auf die Prügelknaben von einst zu verzichten, die man sich in der Geschichte des Landes so hart erarbeitet hat. Nichts hat sich daran geändert, seitdem ein schwarzer Präsident an der Macht ist. Er scheint viel eher den Stimmen Vorschub zu leisten, die ihren Rassismus offensiv leben wollen. Obama ist die beste Ausrede, die man sich nur wünschen kann. Rassistisch? Wir? Gott bewahre. Schaut nach Washington.. wie sollten wir rassistisch sein?

Und all dies, während in aller Öffentlichkeit gezeigt wird, wie man mit Menschen umgeht, deren Status es zulässt, zerstört zu werden. Ta-Nehisi Coates beschreibt einen veränderten Rassismus. Er beschreibt diese allgegenwärtige Bedrohung, deren Instrument auch YouTube ist. Er schrieb seinem Sohn aus gutem Grund. Er schrieb ihm, weil die folgenden Namen nicht nur einzelne Beispiele sind. Er schrieb über die Macht der Polizei, schwarze Bürger ungestraft zu verletzen. (Vorsicht! Das Anklicken der Links ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven.)

Renisha McBride
John Crawford
Eric Garner
Tamir Rice
Marlene Pinnock
Michael Brown
Update 08. Juli 2016
Philando Castile
Alton Sterling

Aus der Traum von der neuen Welt. Aus der Traum von Gleichberechtigung und freier Entfaltung der Persönlichkeit. Aus der Traum von Polizeikontrollen ohne Angst und aus der Traum vom ersehnten Gefühl von Sicherheit. Grund genug, um einen jungen Menschen zu warnen. Grund genug, als Vater in aller Deutlichkeit zu ihm zu sprechen. Grund genug, seine Träume zu zerstören.

„Der Traum riecht nach Pfefferminz und
schmeckt nach Erdbeerkuchen. Und so
lange wollte ich in diesen Traum flüchten
und mir mein Land wie eine Decke über
den Kopf ziehen. Aber das geht nicht, die
Möglichkeit bestand nie, denn der Traum
ruht auf unserem Rücken, sein Bettzeug
ist aus unseren Körpern gemacht.“

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Die Frage ist nicht, ob Lincoln tatsächlich
eine „Regierung des Volkes“ im Sinn hatte,
sondern was mit dem politischen Begriff
„Volk“ in unserem Land eigentlich gemeint
war. 1863 waren damit deine Mutter und
deine Großmutter nicht gemeint und auch
nicht du und ich.“

Grund genug, den Blick weit zurück zu wagen. Zu erklären, auf welchen Sockeln der heutige Rassismus basiert und Grund genug, dem eigenen Sohn alle Illusionen zu nehmen. Grund genug, uns die Hilflosigkeit eines schwarzen Vaters spüren zu lassen. Aber eben auch Grund genug, dem Sohn eigene Wege aufzuzeigen, die zu Auswegen werden können. Gewaltlos. Wege, die von Zwängen befreien können, indem alle Sinne geschärft sind, und ganz besonders Kinder und Jugendliche davor bewahrt werden, immer wieder doppelt zu leiden. Weil man sie seit jeher in der eigenen Familie nur mit Gewalt vor der Gewalt zu schützen versucht.

„Ich war in einem Haus aufgewachsen, das hin-
und hergerissen war zwischen Liebe und Angst.
Für Sanftheit war kein Raum. Doch diese Frau
mit den langen Dreads offenbarte mir etwas
anderes – dass Liebe sanft und verständnisvoll
sein kann; dass, sanft oder hart, Liebe eine
Heldentat ist.“

Hier zeigt sich die ganze Stärke des Textes. Hier zeigt sich die Wucht, mit der Ta-Nehisi Coates ausholt, um den Kreislauf des Rassismus zumindest in den eigenen Familien zu beenden. Hier zeigt er, was Väter und Mütter heute leisten können, was es bedeutet, seinen Kindern Liebe statt Abhärtung mit auf den Weg zu geben. Hier wird aus einer Streitschrift eine streitbare Schrift und eine tiefe Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Ein Kind zeugen kann jeder,
zum Vater braucht es einen Mann.“

Es sind die Lehren eines Lebens, die Ta-Nehisi Coates hier weitergibt. Und nicht nur sein Sohn wird zum Adressaten seiner Botschaft. Coates blickt weit zurück in die eigene Familiengeschichte. Wir erkennen das Amerika zur Zeit von Harper Lees „Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter wieder. Wir verstehen, was die damaligen Symptome von Rassismus aus dem Erwachsenen Ta-Nehisi Coates gemacht haben. Wir fühlen, wie viel Zeit ihn der Kampf um sein eigenes freies Leben gekostet hat.

Rassismus ist Zeitraub…

„Der Zeitraub wird nicht in Lebensdauer gemessen,
sondern in Augenblicken. Er ist die letzte Flasche
Wein, die du entkorkt hast, aber keine Zeit hast zu
trinken. Er ist der Kuss, für den du keine Zeit findest,
bevor sie aus deinem Leben verschwindet.“

Dies und vieles mehr möchte er seinem Sohn ersparen. Und nicht nur ihm. Coates macht es sich nicht leicht mit seinen Betrachtungen. Er wechselt die Perspektiven und auch den Standort für seine Positionsbestimmung. Er lebt in Frankreich und nimmt uns am Ende seines Briefes mit in dieses Land, das ihm alle Möglichkeiten bietet, seine Meinung zu sagen, zu schreiben und den Finger in Wunden zu legen.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Und doch ist auch sein Paris mehr als nur ein Zufluchtsort.

„Aber nun war deine Mutter dort hingefahren,
und als sie zurückkehrte tanzten ihre Augen
vor all den Möglichkeiten, die es dort gab, nicht
nur für sie, sondern auch für dich und für mich.
Es war irre, wie dieses Gefühl um sich griff.“

Hier wird aus der rein amerikanischen Betrachtung ein polyglotter Vergleich, der erneut Augen öffnet. Man sollte sich unbedingt auf diese Reise einlassen. Man sollte Ta-Nehisi Coates folgen, da er in seiner klaren Argumentation mehr als deutlich auf alle Gefahren hinweist, die durch Ausgrenzung und verfehlte Politik zwangsläufig entstehen. Er beleuchtet, was wir gerne verdeckt lassen würden, und er macht das Grollen unter der Schönheit von Paris zum Grollen unter allen Städten, in denen wir es schon lange nicht mehr hören. Klar… wir sind ja auch nicht schwarz.

„Denk an das Grollen, dass wir unter der
Schönheit von Paris gespürt haben, als
wäre die Stadt in schwebender Erwartung
von Pompeji erbaut worden.“

„Zwischen mir und der Welt“ ist mehr als der Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn. Dieses Buch zu lesen sensibilisiert und weckt Empathie mit Menschen, auf deren Rücken unsere Konflikte und Ängste ausgetragen werden. Underdogs, sozial Benachteiligte, Underdogs. Coates vergisst niemanden. Coates schreit es hinaus in die Welt und fast nebenbei wird dem Leser bewusst, dass er es ausschließlich der Laune des Schicksals zu verdanken hat, dass er selbst zu denjenigen gehört, die ganz zufällig denken dürfen, weiß zu sein.

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates

„Die Träumer müssen lernen, für sich selbst zu kämpfen,
zu begreifen, dass das Feld ihrer Träume, die Bühne, auf
der sie sich weiß angemalt haben, unser aller Sterbebett ist.“

Den Abschluss des Briefes bilden weitere wichtige Texte von Ta-Nehisi Coates, die in diesem Zusammenhang beachtenswert sind, da sie in den USA eine Diskussion in Gang gesetzt haben, die der Überwindung von Mauern dienen könnte. Aus deutscher Sicht ist die ganz besonders die Frage, welche Auswirkungen Reparationszahlungen an die Nachfahren der damaligen Sklaven hätten, von großem Interesse. Der Vergleich mit dem Holocaust und der deutschen Demokratie ist gewagt, aber tragfähig. Lesenswert bis zur letzten Seite.

Vielleicht sollten wir unseren Söhnen schreiben… Es kostet nur ein wenig Zeit, im Vergleich mit der Zeit, die Opfer von rassistischer Benachteiligung täglich zu investieren haben, um einen kleinen Zipfel von Gleichberechtigung zu erhaschen. Das sind wir allen Kindern dieser Welt schuldig.

Aktualisierung 19. April 2016 – Pulitzer-Preis –

Die „Washington Post“ wird in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank ausgezeichnet, die zeigt, wie oft und warum Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die Zeitung ermittelte, dass Polizisten im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen.

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Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit Zwischen mit und der Weltin Relevanz oder Stil zu unterschiedlichen Aspekten und Perspektiven von Ta-Nehisi Coates` Werk in Verbindung stehen.

Ein Jugendbuch mit besonderer Relevanz: Mein Name ist nicht Freitag – Jon Walter – Königskinder Verlag. Ein Plädoyer für das Buch und die Verbindung zu Ta-Nehisi.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates - Die Bücherkette

Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates – Die Bücherkette

[Klassiker] Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Warum lese ich in der heutigen Zeit Klassiker? Warum greife ich im Lesen zurück?Warum in Anbetracht sich überschlagender Neuerscheinungen in die alten Geschichten von einst abtauchen, die für die heutige Literatur kaum noch als relevant zu bezeichnen sind? Warum gebe ich 35 Euro für ein Buch aus, das vor fast 190 Jahren erschienen ist, und über das alles gesagt, geschrieben und gedacht wurde? Warum nur?

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Und erwartet jetzt und hier bitte keine literarisch gefeilte Doktorarbeit, wenn ich den Versuch starte mir selbst zu erklären, was die Faszination eines solchen Klassikers für mich ausmacht. Ein gutes Beispiel habe ich ganz aktuell. Die Buchmesse Frankfurt 2014 erlebte einen Blogger, der sehr lange vor dem Klassiker-Regal des Hanser Verlages verharrte. Edel aufgemachte Bände, Romane gedruckt auf Seidenpapier und mit dem Prädikat „Neu übersetzt“ versehen hielten mich in Schach.

Und hier brannte er sich fest in mein Auge. Er verließ meine Gedanken nicht und ich musste an fast jedem Tag an ihn denken, an dem ich mich wieder zu entscheiden hatte, welches Buch als nächstes mein Lesen begleiten würde. Ich wünschte mir eine kleine Auszeit, völlig losgelöst von allen Erscheinungsterminen oder wundervollen Neuheiten. Ich wollte einfach zurück in eine Zeit, in die ich mich gerne zurückdenke. In die großen Romane meiner Jugend.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner“ von James Fenimore Cooper. Da stand er mit majestätisch anmutendem Cover und als wundervolle Prachtausgabe des Hanser Verlages. Er lachte mich an, flankiert von Moby Dick und der Schatzinsel. Er ließ mich nicht mehr los, weil allein der magische Klang des Autorennamens Erinnerungen in mir wachrief, die in der Tiefe meiner Jugend angelegt waren. Und wenn etwas so tief schlummert, dann plötzlich geweckt wird und sich in die tiefe Wunschliste meines Lesens hineinfrisst, dann kann ich nicht widerstehen.

Der eigentliche Wunsch, diesen Roman erneut zu lesen ist natürlich auch von vielen weiteren bibliophilen Triebfedern motiviert, weil ich mir darüber im Klaren bin, dass die wahren Klassiker niemals so geschrieben waren, wie wir sie eigentlich kennen. Weder die Schatzinsel, noch Die drei Musketiere oder Moby Dick waren als Jugendbücher angelegt. Das Dschungelbuch sollte definitiv keine jugendlichen Leser fesseln. All diese Bücher waren komplexe Romane für erwachsene Leser, die im 20. Jahrhundert durch dramatische Kürzungen und Vereinfachung zu den legendären Jugendbüchern wurden, die wir kennen.

Auch James Fenimore Cooper schrieb keinen Jugendroman. Er schrieb, wenn man seinen einleitenden Worten aus dem Jahr 1826 glauben darf einen „Bericht“. Er selbst sah seine Romane über Natty Bumppo, alias Falkenauge, alias Lederstrumpf, nicht als frei erfundene Fantasie-Geschichten an und wollte mit dem Prädikat „Ein Bericht“ den absoluten Wahrheitsgehalt dessen, was er über Indianer und das Land schrieb auf eine Ebene heben, die damals üblich war.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Und so verwundert es nicht, dass man neben seinem umfangreichen Vorwort sogar Warnungen an die Leserschaft von einst findet, die klar besagen, mit welcher Art von Literatur wir es zu tun haben. James Fenimore Cooper betont inständig, dass dieser Roman nichts, aber auch gar nichts für weibliche Leser des 19. Jahrhunderts ist… und er hat dafür gute Gründe:

„… empfiehlt er allen jungen Damen, deren Gedanken gewöhnlich innerhalb der vier Wände ihres behaglichen Wohnzimmers kreisen…, die Absicht (dieses Buch zu lesen) aufzugeben. Solchen jungen Damen rät er dies, weil sie das Buch, wenn sie es gelesen haben, gewiss als schockierend bezeichnen werden.“

Na bravo. Ich war bereit, in die Erinnerungen meiner Jugend einzutauchen und stieg in vollem Bewusstsein, eine reine Männerwelt zu betreten in diesen großen Klassiker der Weltliteratur ein. Und ich war von der ersten Seite an gefesselt und überrascht, welcher Erzählreichtum sich mir erschloss, weil ich James Fenimore Cooper eben bisher nur in den verknappten Fassungen meiner Jugendbücher erlebt habe. Nun wurde es mehr.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Er nimmt sich Zeit, ohne an Tempo zu verlieren. Er genießt es sehr, seine Leser in das Land einzuführen, ihnen die Seen zu beschreiben und den Lauf des Wassers zu erklären, um sie mit den Waldläufern der Mohikaner auf Augenhöhe zu bringen. Er lässt uns lauschen, fühlen, schmecken, wie der aufziehende Krieg zwischen den kolonialen Streithähnen Frankreich und England die gesamte Natur durcheinander bringt. Er lässt uns Pulverdampf riechen und erklärt das veränderte Leben der Irokesen, Mohikaner und Huronen im Nordosten Amerikas, der zum Schlachthof der Strebens nach der absoluten Vormachtstellung der europäischen Invasoren auserkoren war.

Erst dann führt er seine Protagonisten ein. Und auch hier genießt er es, sich Zeit zu lassen. Er wirft keine Namen in den Raum, er öffnet keinen Schrank voller Protagonisten und lässt sie wahllos in die Szenerie purzeln. Er lässt sie uns kennenlernen, bevor wir ihren Namen erfahren. Er lässt uns den ersten Eindruck eines Menschen erlesen und uns selbst ein Urteil bilden, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Erst dann schreibt er von Natty Bumppo, Magua, Unkas und Chingachgook und führt nach und nach die weiteren wichtigen Personen dieses wohl wichtigsten seiner Lederstrumpf-Romane ein

Er vermittelt ein präzises Bild des kriegerischen Konfliktes und bezieht persönlich Stellung auf Seiten der Engländer. Cooper lässt uns die englische Strategie erleben und platziert die Geschichte einer großen Flucht genau in das magische Fleckchen Erde um das legendäre Fort William Henry, seine tiefen Wälder, Wasserfälle, Seen und Flüsse. Verrat wird spürbar, wenn Cooper ihn andeutet. Angst wird fühlbar, wenn er sein Tempo verändert und in kaum einem Roman unserer Zeit würde man einem geheimnisvollen Geräusch fast fünfzehn Seiten einräumen, weil das einfach zu lang wäre. Hier ist es entscheidend und macht den Klassiker aus. Atmosphäre pur.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Alle Bilder der Vergangenheit tauchen beim Lesen vor meinem geistigen Auge auf. Ich sehe die Buchcover meiner Jugend, höre plötzlich die Musik des TV-Mehrteilers wieder und erinnere mich an jedes Wort aus den so schweigsamen Lippen von Hellmut Lange, dessen markante und vernarbte Gesichtszüge für mich dem Original von Natty Bumppo so sehr entsprechen, wie man es sich auch heute idealer nicht vorstellen kann. All diese Erinnerungen überfallen mich und doch spüre ich so viel mehr.

Die Übersetzung von Karen Lauer erlaubt es, der Sprache von einst zu lauschen. Begriffe, Satzkonstruktionen und Dialoge sind authentisch angelegt und überzeugen in ihrem leicht antiquarischen Flair, das zumeist flüssig umgesetzt ist. Hier stockt nichts. Hier muss man nicht stutzend mehrfach lesen, was kaum verstanden werden kann. Hier entwickelt sich eine zusätzliche Dimension zu einer Jugenderinnerung. Es wächst ein komplexer und vielschichtiger Roman mit tief angelegten Charakterzeichnungen heran, der von nun an immer mit meinen Bildern verwoben sein wird. (ABER: siehe Fußnote)

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Ich konnte nicht anders und blicke ein wenig verändert zurück in die Zeit meines ersten bewussten Leseabenteuers. Es ist in sich gewachsen, so wie ich in mir seit jener Zeit gewachsen bin. Und doch ist es so sehr Kind geblieben, wie ich niemals erwachsen werden möchte. Wir haben gemeinsam einen Schritt in die Zukunft gemacht und ich denke wirklich, wer den echten Lederstrumpf erleben möchte, der sollte sich selbst diese Liebeserklärung an die Literatur gönnen.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Sehe ich da Moby Dick? Liegt da die Schatzinsel? Entschuldigt, ich muss weiter. Ich nenne es Liebe… Ein Klassiker eben…

der letzte mohikaner killdeer

Fußnote zur Übersetzung von Karen Lauer:

Wenn man die folgende Originalpassage übersetzt muss man einiges berücksichtigen:

„Keep him in play, boy, until I can bring ‚killdeer‘ to bear..“

„Killdeer“ – Der Wildtöter ist einer der Romantitel der Lederstrumpf-Reihe von James Fenimore Cooper. Natty Bumppo`s legendäres Gewehr gibt ihm hier neben Falkenauge und Lederstrumpf seinen dritten „Kampfnamen“. Hier wäre, auch vor dem Hintergrund der kompletten Buchreihe die Verwendung des Begriffes Wildtöter oder Hirschtöter für die Waffe kausaler, stimmiger und harmonischer gewesen, als:

„Lenk ihn ab, Junge, bis ich ‚Tötet-das-Wild‘ zum Schuss bereit hab…“

Dies jedoch nur als kleine Randnotiz, die mein Lesevergnügen nicht geschmälert hat, aber an dieser Stelle hat das Lesen ganz kurz und heftig gehustet.

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Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter – Eine Annäherung

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Wer die Nachtigall stört“ galt bisher als der einzige Roman von Harper Lee. Ein literarisches „One-Hit-Wonder“, das 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle ist legendär und Oscar-prämiert.

Der aufrechte Protagonist Atticus Finch kämpft hier als engagierter Anwalt gegen die Verurteilung eines Schwarzen, der beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus gibt seinen Kindern Werte mit auf den Weg, die in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre absolut nicht selbstverständlich waren. Ganz besonders nicht im Süden. Schon gar nicht in Alabama. Diese Romanfigur gilt bis heute als Vorbild für viele junge Menschen, selbst gegen Diskriminierung einzutreten, Jura zu studieren und mit wachem Blick gegen Rassismus zu kämpfen. Ein nationaler Mythos.

„Wer die Nachtigall stört“ erschien bereits 1960. Seitdem ist es ruhig um die heute 89-jährige Autorin. Bis man 2014 ein Manuskript entdeckte, das gerade unter dem Titel Gehe hin, stelle einen Wächterveröffentlicht wurde und seitdem die Buchwelt in Atem hält. Das Urteil der Kritiker und Leser reicht von „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“ über „Die Nachtigall ist aber viel besser“ bis zu „Eine literarische Sensation“.

Womit haben wir es wirklich zu tun? Wie kann man sich dem Wächter nähern und was macht aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus dem „Giftschrank“ einer zurückgezogen lebenden alten Dame das fehlende Puzzlestück im Gesamtbild eines inzwischen aus zwei Bücher bestehenden Lebenswerks? Meine Annäherung an dieses Phänomen kann und soll mögliche Lesewege aufzeigen, die letztlich dazu führen, dass beide Bücher unter Berücksichtigung ihrer besonderen Entstehungsgeschichte, ihrer literarischen Relevanz und ihrer zeitlosen politischen Brisanz für mich persönlich zu den größten Lese-Erlebnissen meines Lebens gehören.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Das eigentliche Debüt von Harper Lee ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Dem Verlag war das Thema dieses Romans damals zu brisant. Er ist in den 1950er Jahren angesiedelt und der Rahmen für die Handlung wird durch die damalige Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes der USA definiert. Die Rassentrennung an Schulen wurde verboten und erhebliche Eingriffe in die Eigenverantwortung der Bundesstaaten sorgten für erhebliche Widerstände und Unruhen, die noch immer spürbar waren.

Der Verleger empfahl Harper Lee die Handlung in die 30er Jahre vorzuverlegen und die Geschichte der Finchs mit der Kindheit von Jean Louise (Scout) und ihrem Bruder zu beginnen. Der situative Rahmen wird durch konsequente Rassentrennung im bürgerlichen Leben und an Schulen definiert. Und doch war man rein juristisch in den dreißiger Jahren so weit, alle Menschen, gleich ihrer Herkunft vor dem Gesetz gleich zu behandeln. Allerdings nur im eng gesteckten Rahmen der geltenden Konventionen der Trennung von Schwarz und Weiß.

So entstand „Wer die Nachtigall stört“, ein Destinations- und Kindheitsroman über Freundschaft, das Aufwachsen im guten alten Süden und ein großes sozial-juristisches Lehrstück über die Anfänge einer Gleichbehandlung von Schwarzen vor dem Gesetz. Atticus Finch wird zum Verfechter und Vorreiter der Rolle des „Menschenrechtlers“ und zum vorbildlichen Verteidiger eines schwarzen Angeklagten, dessen Schicksal ohne ihn durch Lynchjustiz entschieden worden wäre. Und obwohl er den Prozess trotz massiver entlastender Indizien verliert, prägt Atticus Finch das Bild des modernen Anwalts.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Dabei wird seinen Kindern klar, dass er diesen Prozess aus tiefster Überzeugung führt und sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, wenn er kneifen würde. Seinen Kindern könnte er dann kein Vorbild mehr sein und diese Lehren werden zum prägenden Kindheitsbild ganz besonders für die junge Scout, die ihren Vater abgöttisch liebt und ihn mutig vor aller Welt verteidigt. Er stellt sich als Pflichtverteidiger gegen die meisten Menschen in Maycomb. Er riskiert viel und bleibt seinen Prinzipien treu.

„Ich könnte nicht mehr mit erhobenem Kopf durch die Stadt gehen…“

„Diesmal kämpfen wir nicht gegen die Yankees, sondern unsere Freunde“

„Das ist mein Fall. Dass wir schon 100 Jahre vor Prozessbeginn besiegt wurden, ist kein Grund untätig zu bleiben!“

Und genau diesen Prozess beobachten die Kinder, erleben, wie sich ihr Vater für die Rechte der Schwachen einsetzt und erheben ihn fortan zum leuchtenden Vorbild ihres eigenen Lebens. Auch wenn er ein tragischer Held bleibt, er ist ein Held und sein Wort ist Dogma und Gesetz zugleich. Und doch tritt Atticus Finch zu keinem Zeitpunkt als Vordenker für die Gleichberechtigung der Schwarzen in seinem Staat ein. Ganz im Gegenteil

Er bezeichnet die sexuelle Annäherung zwischen dem Angeklagten und der weißen Klägerin, egal von wem sie ausging, als schlimmen Verstoß gegen ein tief verwurzeltes Recht und Gesetz und einen erheblichen Schlag gegen alle moralischen Vorstellungen. Er tritt für abstraktes Recht ein, wie so viele Anwälte, denen es nur wichtig scheint, ihren Fall zu gewinnen. Die gesellschaftlichen Ursachen für Straftaten sind egal oder werden schweigend akzeptiert. Doch das erkennt man erst auf den zweiten Blick. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein hintergründiger Roman der im zutiefst von Rassentrennung gekennzeichneten Süden spielt und dessen Protagonist diesen Rahmen zu keiner Zeit sprengt.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Ich werde niemals vergessen, wie ich damals mit Scout aufgewachsen bin, mit ihr gemeinsam ihren Vater bewundert habe. Ich habe an ihrer Seite Freundschaft um jeden Preis erlebt und hatte Angst vor dem gesichtslosen Boo Bradley in der Nachbarschaft. Ich sehe noch immer das Versteck im Baum und fühle das tiefe Band der schwarzen Gemeinde in Maycomb. Ich habe diesen großen Roman geliebt, liebe ihn noch immer und habe ihn erneut gelesen, unmittelbar bevor ich den „Wächter“ begonnen habe.

Ich kann nur jedem Leser raten, die Nachtigall erneut zu lesen, oder sich den Film anzuschauen und in Gedanken tief in den Maycomb-Mikrokosmos einzutauchen, um im „Wächter“ auf der Höhe der tiefen persönlichen Verbindungen zur Vergangenheit zu sein. Dieser Roman sollte nicht isoliert betrachtet werden. Er ist die zweite Seite der Medaille, ohne die alles keine Bedeutung hat. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist, wie der Titel schon sagt, eine ganz genau definierte Beobachtungsposition, aus der die Vergangenheit neu bewertet wird und man sich in der Zukunft besser auf sein Urteil verlassen kann.

Der „Wächter“ also, das eigentliche Debüt, der Roman der zuerst da war, bringt uns nun in die 1950er Jahre zurück in unser Maycomb. Scout (Jean Louise) ist inzwischen 26 Jahre alt und kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihren inzwischen über 70-jährigen Vater Atticus zu besuchen. Von New York in den Süden. Auch in den fünfziger Jahren fast eine Weltreise, ganz besonders in diesen unruhigen Zeiten für den guten alten Süden. Mit der Aufhebung der Rassentrennung an Schulen stehen die schwarzen Mitbürger nun fast vor der Tür der vollwertigen Bürgerrechte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Und das ausgerechnet in Alabama, wo sie, die ehemaligen Sklaven, auch noch in der Überzahl sind und der Widerstand in der Bevölkerung wächst beharrlich. Es ist die pure Angst vor der Rache für Jahre der Knechtschaft und die Angst vor der Beteiligung von Schwarzen an öffentlichen Ämtern und vielleicht sogar an der Regierung. Unvorstellbar. Aber Jean Louise weiß ihren Vater auf der richtigen Seite. Als aufrechten Kämpfer und Volksvertreter für Gleichberechtigung. Auch der Mann, den sie vielleicht einmal heiraten würde entspricht diesem Bild. Nicht umsonst arbeitet er in der Kanzlei ihres Vaters und ist der geborene Nachfolger im Amt und im Leben.

Was Scout allerdings dann erleben muss, schlägt nicht nur dem Fass den Boden aus, sondern wirft ihr Weltbild durcheinander, lässt alles aus den Fugen geraten und macht aus dem kleinen naiven Wildfang von einst eine Furie im Kampf um die eigene Weltanschauung. Ihr Vater auf Seiten der Befürworter der Rassentrennung? Ihr Vater als Vorsitzender eines der berüchtigten Bürgerräte, die alles in Bewegung setzen, die Diskriminierung der Schwarzen fortzusetzen? Ist das ihr Vater, der nun im Besitz von Hetzschriften ist und seiner Tochter zu vermitteln versucht dass es keinen anderen Weg für den Süden gibt? Die Erkenntnis reift um 14:18 Uhr an diesem Tag. Danach ist alles anders. Alles.

Denn auch ihr Freund ist auf der falschen Seite! Sich opportunistisch anpassend an die lokalen Gegebenheiten, weil er ja in dem kleinen Ort leben und arbeiten will? Alle auf der falschen Seite, nur nicht Jean Louise, die den Idealen ihres Vaters bisher ebenso sklavisch folgte, wie er nun zu versuchen scheint den Großteil der Bevölkerung klein zu halten? Nur aufgrund der anderen Hautfarbe? Jean Louise Finch steht am Scheideweg ihrer eigenen Existenz und beschließt zu handeln. Ganz im Stile ihres Vaters und dabei macht sie intellektuell kurzen Prozess mit ihm. Eine ganz eigene Verhandlung in Sachen Finch gegen Finch. Und ihr Schlussplädoyer wird noch lange nachhallen. Das kann ich versprechen.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist mehr als ein Manuskript. Es ist die Fortsetzung einer großen Geschichte, die schon geschrieben war, bevor die Geschichte begann. Schwungvoll geschrieben, voller Ironie, Humor und unglaublichem Tiefgang führt uns Harper Lee zurück in die Kindertage der „Nachtigall“ und bringt uns klarsichtiger als zuvor in die Gegenwart der fünfziger Jahre zurück. Farbenblind – nur so kann man den Zustand bezeichnen, der Scout damals gefangen hielt. Die Bewunderung weicht dem Zorn und sie fühlt sich völlig verloren in einer Fremde, die einst ihre Heimat war.

Die großen Aussagen kommen nun von ihr. Der wehmütige Blick zurück führt uns in einen Roman, den man einfach lieben musste. Und doch liebte ich viele Jahre lang nur eine Seite eines Reißverschlusses. Nun habe ich die zweite Seite gefunden und Scout Finch ist der Verschluss, der alles verbindet. Harper Lee hat es sich auch mit diesem Roman sicher nicht leicht gemacht. Ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung vermag man nur zu verstehen, wenn man mit offenem Herzen liest. Besonders gegen Ende des Wächters schillern diese beiden Nichtfarben in allen Nuancen, die nur vorstellbar sind.

Für mich eine literarische Sensation. Für mich ein außerordentlich intensives Lesen und das Gefühl, nach Hause zu kommen und dann mit Scout plötzlich am Rand der Gesellschaft zu stehen. Für mich ein sehr politisches Lesen, angesichts der rassistisch motivierten Vorfälle unserer Zeit. Für mich zwei hell leuchtende Bücher, die verstehen helfen, was es für die USA bedeutet einen schwarzen Präsidenten ins Amt gewählt zu haben. Emotionales lesen, weil ich schon immer ein wenig in Scout verschossen war. Und es ist ein grandioses Hörerlebnis, weil Sprecherin Nina Hoss diesem Roman in der Hörbuchfassung (Der Hörverlag) eine mehr als persönliche Note verleiht, die man sich anhörten sollte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Was ich persönlich von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in Erinnerung behalte? Einen verrutschten Gummibusen bei einem ausgelassenen Tanzabend; eine mehr als verstörende Wolke aus Gesprächsfetzen bei einem Kaffeekränzchen, das Scout zeigt, wie fremd sie sich in Maycomb fühlt; einen peinlichen Unfall im Schlafwagen, der zeigt dass man auch dort besser ein Höschen tragen sollte; das warme Wiedersehen mit der guten Calpurnia und den absolut dramatischen Perspektivwechsel auf dem Balkon des Gerichtssaals, der Scout ihren Vater von einst erleben lässt, während dieser nun, fast zwanzig Jahre später der Vorsitzende einer Versammlung radikaler „Negerhasser“ ist. Grandioses Gefühlskino.

Gehe hin, stelle einen Wächter (DVA Verlag) verbirgt weitere Geheimnisse, denen ich beim Harper-Lee-Abend des Verlages im Literaturhaus München auf den Grund gegangen bin. Interviews mit Verlagsmitarbeitern werden in der nächsten Woche als RadioPodcast bei Literatur Radio Bayern veröffentlicht, um das Bild abzurunden und Sie zum Lesen zu verführen.

Und dann gehen wir gemeinsam auf die Suche nach den ganz kleinen Häkchen, die den Reißverschluss des Lesens ein wenig zu stören scheinen, wie der Ausgang des Robinson-Vergewaltigungs-Prozesses, der in beiden Büchern unterschiedlich endet. Es ist noch viel zu entdecken. Die Reportage bringt weiteres Licht ins literarische Dunkel und wir gehen sogar der Frage nach, ob das Wächter-Zitat „Someone is walking over my grave“ in seiner wörtlichen Übersetzung „Jemand ist über mein Grab gegangen“ besser funktioniert, als die gute alte deutsche Gänsehaut.

Beginnen Sie doch bis dahin mit der Nachtigall (Rowohlt) und begegnen Sie dann dem Wächter. Dieser Roman hat das Potential, ein ganz individueller Wächter des persönlichen guten Gewissens zu werden! Es lohnt sich. Bis bald.

Mit einem Klick zur Radioreportage vom "Harper Lee Abend"

Mit einem Klick zur Radioreportage: Der  „Harper Lee Abend“ in München

Und nun eine kleine Vorschau auf unsere Literatur Radio Bayern Reportage, die hier zu hören ist.

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Hier geht es zu meinem literarischen Sternystem der verlorenen Mädchen!

 

Butcher`s Crossing von John Williams – It`s Western Time

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Es ist mal wieder an der Zeit, das buchige Lesepferd zu satteln und in einem gewagten Zeitsprung die kleine literarische Sternwarte zu verlassen und in den echten Wilden Westen zu reiten. Ich weiß dabei genau, worauf ich mich einlasse, denn nach meinem letzten abenteuerlichen Besuch im Dickicht von Joe R. Lansdale ist mir eine große Western-Erkenntnis geblieben: Das Genre lebt!

Sie können sich diese Rezension auch anhören - Ein Klick genügt...

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Besonders dann, wenn ein echter Western alle Elemente mit sich bringt, die man sich als Leser in seinen kühnsten Abenteuerträumen erhofft und erwünscht. Die endlose Weite der Landschaft, ein paar authentische Charaktere und eine Handlung, die sich eben in anderen Genres nicht so leicht entwickeln lässt. Also schnell die Packliste durchgehen und alles in die Satteltaschen, was ich so für einen langen Ausritt dringend benötige.

Butcher`s Crossing“ – so heißt mein Ziel, irgendwo in Kansas soll es liegen und im eigentlichen Sinn kann man nicht von einer Stadt sprechen, obwohl das Kaff alle Merkmale aufweist, die damals erforderlich waren um als solche wahrgenommen zu werden. Ein Hotel, ein Saloon, eine Straße und ein paar Häuser. Mehr brauchte es schon nicht. Jedenfalls nicht in der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das Land begann sich gerade zu erholen, aufzuatmen und die Besiedelung des Wilden Westens geriet immer mehr in den Fokus der Menschen aus den großen Städten im Osten. 1870 – ein bewegtes Jahr…

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

„Butcher`s Crossing“ dümpelt noch am Rande der endlosen Prairie vor sich hin und hat eigentlich nichts als Natur zu bieten. Die Eisenbahn ist noch nicht in die entlegenen Winkel vorgedrungen, aber die ersten Vorboten der wachsenden Gier einer großen Nation haben sich auch hier bereits mehr als breit gemacht. Denn dieses kleine unscheinbare Örtchen liegt inmitten eines Landstrichs der für seinen Reichtum an Büffelherden bekannt war.

War! Richtig. Unzählige Jagdtrupps haben die unzähligen Büffel dezimiert und das Geschäft mit der Jagd auf die wertvollen Felle wird immer schwieriger. Nur noch kleine und gut verteilte Herden durchziehen die Landschaft. Die großen Zeiten der Jäger sind schon Vergangenheit. Dabei war es eigentlich gar keine Jagd. Es war das große Schlachten. Mehr kann man dazu nicht sagen. Das Fleisch ließ man vergammeln. Schnell das Fell abziehen und ab in die großen Städte. Die Nachfrage ist riesig.

Man konnte reich werden, wenn man gut war. Aber das ist lange her. Jetzt kommen nur noch selten Fremde ins diesen Landstrich, jedenfalls nicht mehr um das große Geld zu machen, sondern aus vielleicht sogar idealistischen und verklärten Gründen. Will Andrews zum Beispiel hat gerade die Universität beendet und folgt nun einem inneren Antrieb, die Landschaft des Westens einmal so zu erleben, wie sie sein großes Vorbild Ralph Waldo Emerson beschrieben hat.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Der junge Mann träumt von einer besonderen Beziehung zur unverfälschten Natur, versucht alle Klischees des Großstadtdenkens hinter sich zu lassen und den Menschen in „Butcher`s Crossing“ ebenso unverfälscht zu begegnen, wie er es selbst von ihnen erwartet. Ein Idealist und dabei doch zugleich ein absolutes Greenhorn, wenn es darum geht, den Westen auf eigenen Faust zu erobern.

Als er von einem der erfahrensten Büffeljäger der Gegend erfährt, dass es noch eine einzige unermesslich große Herde in einem weit abgelegenen Tal in den Colorado Rockies geben soll, erliegt er dem Lockruf, sich dieses Naturwunder mit eigenen Augen anzuschauen. Bevor er es sich richtig überlegt hat, steckt er bereits mitten im größten Abenteuer seines Lebens. Und da sonst niemand bereit ist, dem Einzelgänger Miller das Märchen von den Büffeln zu glauben, investiert der junge Mann ein Vermögen, um seine große Jagd nach dem verloren geglaubten Paradies selbst auszustatten.

Ein Fuhrwerk, ausreichend Munition, Verpflegung für ein paar Wochen und eine kleine aber fein ausgewählte Mannschaft. Mehr braucht es nicht, um endlich zu starten. Unter der Führung des erfahrenen Jägers Miller macht man sich gemeinsam auf den Weg. Vier Männer auf der Suche nach der letzten Chance, diese riesige Herde zu finden und ihren Traum vom Glück realisieren zu können. Und doch ist einer von ihnen anders. Will Andrews folgt seinen Gefühlen, als gebe es in jenem Tal Antworten auf alle Fragen seines Lebens.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Als er kurz vor der gemeinsamen Abreise aus „Butcher`s Crossing“ eine verstörende Erfahrung mit der Prostituierten Francine durchlebt, geht ihm diese Frau nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht war es die erste und einzige Frau in seinem Leben, die sich für ihn geöffnet hätte – und das nicht aus geschäftlichem Interesse, aber er ergriff lieber die Flucht. Eine Entscheidung, die er in so mancher langen Nacht bitter bereuen würde.

So, wie er allen Grund gehabt hätte, das gesamte Unternehmen zu bereuen, denn nichts läuft so, wie es geplant ist. Durststrecken, Irrfahrten und Hindernisse lassen allein schon die Reise zu jenem verwunschenen Tal zu einer Qual werden. Als sie dann endlich am Ziel ihrer Reise sind, können sie ihr Glück kaum fassen. Vom Rest der Menschheit bisher völlig unentdeckt, stoßen die Jäger auf die wohl größte Büffelherde des Westens. Und die große Jagd beginnt.

Der schiere Überfluss und die Verlockung vom schnellem Reichtum sorgen für ein Blutbad unter den Tieren. Schießen, häuten, schießen, häuten, schießen, häuten… Die Tage fließen im wilden Rhythmus des Schlachtens dahin und aus dem jungen Will Andrews wird ein Mensch, den er kaum wieder erkennt. Er wird zum Teil der Zerstörung durch Menschenhand, die im entscheidenden Moment Maß und Ziel aus dem Auge verliert.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Als der erste Schnee fällt, bemerken die Männer zu spät, dass sie nun Gefangene ihres Traums geworden sind. Eine Flucht aus dem Tal ist unmöglich. Für ein Bleiben sind sie nicht gerüstet. Nun beginnt auch für sie der harte Kampf ums Überleben, in dem sie zum ersten Mal auch die Menschen wahrnehmen, mit denen sie unterwegs sind. Dafür war bisher kaum Zeit. Ein dichter psychologischer Mantel hüllt die Jäger und ihre Hoffnungen ein und bringt ans Tageslicht, was bisher im Blutbad der Büffeljagd verborgen war.

John Williams (1922 – 1994) wird gerade neu entdeckt. Seit der Veröffentlichung seines Meisterwerks „Stoner“ haben die Leser den wilden, direkten und doch auch stellenweise idealistisch romantisierenden Stil des Autors für sich entdeckt. Ihm gelingt es, die wilde Landschaft fühlbar zu machen, er schreibt seine Leser in den tiefen Frost einer Winternacht und taut sie mit selbst verfassten Sonnenstrahlen wieder auf. Er skizziert keine Charaktere, sondern lässt uns tief in die Denkwelten seiner Figuren eintauchen. Der Autor hat unser Pferd gesattelt und uns die Zügel in die Hand gegeben, aber die Richtung unserer Reise bestimmt er ganz alleine.

Kein Wunder, dass am Ende des grandiosen Natur-Romans nicht nur der Schnee zu schmelzen beginnt. John Williams entlässt seine Leser verändert in die Realität. Er hat in einem Winter wirklich alles verändert. Menschen, Städte, das ganze Land und die eigene Wahrnehmung. Er gibt dem Pferd von Will Andrews einen allerletzten, etwas wehmütigen Klaps und wir reiten mit ihm in den Sonnenuntergang. Allerdings nicht ohne zuvor einen Blick auf den Sinn des Lebens geworfen zu haben.

Und Francine schließlich sagen zu hören… „Aber ich habe mich geirrt. Du hast dich verändert. Du hast dich so verändert, dass du zurückgekommen bist.“

It`s Western Time bei AstroLibrium

It`s Western Time bei AstroLibrium

John Williams gelang mit „Butcher`s Crossing“ ein elegischer Rückblick auf die Zeit des Wilden Westens an der Schwelle seines Untergangs. Und mit dem Land gingen die Menschen unter, die es noch in dieser Form erleben durften.

„Man wird mit diesem Land nicht fertig, solange man sich darin aufhält; es ist zu groß, zu leer, und es sorgt dafür, dass in einem Lügen aufkommen. Man muss von hier fort, ehe man damit fertigwerden kann. Und keine Träume mehr…“

Butcher`s crossing - astrolibrium - buchhandlung calliebe