Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Eigentlich hatte ich vor, eine Rezension zum Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose, erschienen bei C. Bertelsmann, zu verfassen. Eigentlich sollten 542 Seiten EINES Buches im Mittelpunkt dieses Artikels stehen und letztlich sollten diese Zeilen dazu verführen, mir nach Paris zu folgen. Das war der Plan. Eine bildgewaltige, spannungsgeladene und emotional geprägte Entführung in ein Paris, das sich dem Leser im Jahr 1924 voller Leidenschaft öffnet und ihn erst in unseren Tagen wieder am Stadtrand absetzt und ins normale Leben entlässt.

Soweit der Plan. Francine Prose hat mir jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht und so sitze ich nun hier vor ihrem Werk und habe nicht weniger als sieben Bücher zu besprechen. Ja. Sehr richtig gelesen. Genau sieben Bücher, die untrennbar miteinander verbunden sind, einen literarischen Dialog miteinander führen und in ihrer Essenz das eigentliche Kaleidoskop unter dem Titel „Die Liebenden im Chamäleon Club“ ergeben. Ein guter Einkauf. Wohl wahr. Denn mit nur einem einzigen Buch erhält man eine gebundene Matrjoschka Buch-Puppe, die in ihrem Inneren viele kleine Buch-Püppchen verbirgt.

Ich liste hier nur kurz auf, welche Bücher ich nun eigentlich rezensiere (und damit keine Missverständnisse aufkommen: Sie sind alle Bestandteil des Erstgenannten)

„Die Liebenden im Chamäleon Club“ von Francine Prose

  • „Der Teufel am Steuer – Das Leben der Lou Villars“ von Nathalie Dunois
  • „Erschaffen Sie sich neu“ von Lionel Maine
  • „Paris im Rückspiegel“ von Lionel Maine
  • „Die Memoiren der Suzanna Dunois Tsenyi“ von S. Dunois Tsenyi
  • „Die Baronin bei Nacht“ von Lily de Rossignol
  • „Der Briefwechsel des Fotografen Gabor Tsenyi“ – Gabor-Tsenyi-Archiv
Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Und ganz nebenbei, aber nicht nur am Rande, stelle ich einen Bildband vor, der nicht in den 542 Seiten dieses Romans beinhaltet ist, aber aus, in und zwischen den Zeilen herausstrahlt, als wäre er das eigentliche Lesezeichen dieses unvergleichlichen Buches. Brassaï – Flaneur durch Paris von Sylvie Aubenas. Ein Bildband, den ich mir unbedingt kaufen musste, um… Aber das verrate ich später… Jedenfalls stellt dieser Bildband für mich den Missing Link auf der gelungenen Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität dar, die Francine Prose mit ihren Lesern unternimmt.

Was sich nun anhört, wie eine halbe Lebensbibliothek ist das Grundgerüst eines Romans, der auf wahren Begebenheiten und realen Personen beruht, sich in seiner Fiktionalität jedoch verselbständigt hat. Das entspricht ganz der Intention der Autorin und deshalb erreicht sie gerade durch diese gezielte Einbindung der oben aufgeführten frei erfundenen Bücher eine Meta-Ebene der Authentizität, die ihren „historischen“ Roman Die Liebenden im Chamäleon Club erst so richtig lesenswert macht. Diese Bücher sind das Grundgerüst der Fassade, an der wir mit Francine Prose klettern dürfen. Von einem Pariser Fenster zum nächsten.

Lou Villars ist dieses Paris. Lou Villars ist dieser Roman. Sie ist alles. Lou Villars ist die Verbindungslinie zwischen den Menschen und ihren Geschichten. Sie ist das Opfer das zum Täter wird und so das Leben jedes Menschen, der mit ihr in Verbindung steht, nachhaltig verändert. Lou Villars. Sportlerin. Keine Schönheit. Burschikos ist definitiv untertrieben. Sexuell orientierungslos. Auf der steten Suche nach sich selbst. Erst das aufgeschlossene Paris der 20er Jahre bietet ihr den Raum, in dem sie sich wohlfühlt.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Hier kann Lou sie selbst sein. In Männerkleidung Nachtclubs besuchen. Ein anderes Leben führen. Der Faszination der Clubs im nächtlichen Paris erliegen. Ihrer sexuellen Zuneigung zum gleichen Geschlecht erliegen. Hier lernt sie die Menschen kennen, die sie verstehen, ihr den Weg ebnen. Hier findet sie sich. Und hier wird sie gefunden. Der ungarische Fotograf Gabor Tsenyi macht sie auf einem seiner Nachtclub-Bilder an der Seite ihrer großen liebe Arlette unsterblich. Die Familie Rossignol engagiert sie als die erste Auto-Rennfahrerin Frankreichs und vertraut ihr einen der schnellsten Boliden der damaligen Zeit an. Und der Schriftsteller Lionel Maine bringt sie mit dem schillernden Nachtleben der Stadt in Kontakt.

Lou Villars wächst in ihr neues Leben. Sie verändert sich und sucht Wege, sich nicht nur wie ein Mann zu kleiden, sondern auch genauso zu leben. Sie unterzieht sich einer Brustamputation, um noch besser hinters Lenkrad zu passen und schneller Rennen zu fahren. Sie verliebt sich völlig verzweifelt, unglücklich und folgenschwer in eine kleine Tänzerin im Chamäleon Club. Sie erlebt den Ritt auf der Rasierklinge zwischen Gesetz und Freizügigkeit, dem man sich im Nachtleben pausenlos zu stellen hat. Paris hat seine Schattenseiten.

Alles hätte so weitergehen können, doch mit dem Aufzug der Nazis im Nachbarland verändert sich Frankreich. Lou Villars wird zur Leidtragenden. Sie verliert die Lizenz als Rennfahrerin, sie wird in den Nachtlokalen zum Fremdkörper. Mit ihr gemeinsam auf Fotos zu sein wird gefährlich für die Menschen, die ihr viel bedeuten. Paris wendet sich von ihr ab. Am Ende scheint sie zu sein. Bis ihr Ruf nach Deutschland dringt, sie vom Führer zu den Olympischen Spielen in Berlin eingeladen wird und allen Versuchungen erliegt, denen man nur erliegen kann. Liebe zu einer deutschen Rennfahrerin und der Hass auf all das, was Paris ihr genommen hat, machen aus Lou Villars eine gefährliche Waffe in braunen Händen.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Sie kehrt zurück. Nicht mehr in ihr Paris, sondern in die Idealvorstellung von einer anderen Stadt, nachdem sie gesäubert und gereinigt ist. Neu erfunden. Aus Asche neu konstruiert. Lou Villars spioniert nicht nur für die Nazis, sie wird nach der Besetzung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu einer monströsen Waffe der Gestapo und begegnet den Menschen wieder, die ihren Weg bestimmt, beeinflusst und gelenkt haben. Niemand ahnt, in welcher Funktion ihnen Lou Villars erneut begegnet. Ein altes Feuerzeug aus dem Chamäleon Club wird nun zum Folterinstrument – Lou Villars nimmt Rache.

So stellt Francine Prose eigentlich nur eine Lebensgeschichte in den Mittelpunkt ihres Romans und lässt dann in den eingewobenen Büchern all jene Menschen zu Wort kommen, die den Weg von Lou Villars gekreuzt haben. Jedes Steinchen passt zum sich entwickelnden Mosaik. Der Leser darf sich hier auf eine große Liebeserklärung an Paris freuen. Die 20er Jahre werden lebendig, Künstler und Laster skizzieren das wilde Bild einer brodelnden Metropole, die sich selbst zelebriert, bevor der Untergang droht. Und natürlich werden wir Zeugen der Vorboten des Zweiten Weltkrieges, erleben politische Veränderungen und zuletzt auch die französische Beteiligung am Holocaust.

Francine Prose gibt die Perspektiven frei. Sie lässt andere sprechen und erlaubt sich auf diese Art und Weise einen distanzierten Umgang mit den Realitäten im Roman. Aus den schwarz-weiß Fotografien von Gabor Tsenyi wächst das farbenprächtige Leben in allen Schattierungen. Und dabei basiert die reine Folge fiktionaler Erlebnisberichte auf dem Leben von Violette Morris. Sie ist die reale Vorlage für diesen Roman und im Fotografen erkennen wir den großen ungarischen Meister Brassaï. Hier holt uns die Realität ein. Hier leistet der Roman mehr, als ein Roman zu leisten vermag.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Man beginnt mit der eigenen Recherche, findet Fotos von Violette Morris, erkennt die Parallelität und stößt dann auf das Lebenswerk von Brassaï. Seine Paris-Bilder werden im Roman lebendig. Mit jedem Wort erkennt man die Szenen wieder, die er unsterblich gemacht hat. Genauso wie das legendäre Foto Lesbisches Paar im Le Monocle, 1932, das als Vorlage auch für den Romantitel diente. Niemand anderes als Violette Morris und ihre Freundin sind hier abgebildet.

Und für Leser des Romans wird es immer Lou Villars sein, die hier im Herrenanzug sitzt und den Hauch eines ganz normalen Lebens vermittelt. Eines Lebens, das sie nie führen durfte. Dieses Bild ist zugleich der melancholische Abgesang auf ihre Träume. In den wohl letzten Momenten eines Lebens, das für sie noch lebenswert erschien, bevor Frankreich auf die rasende Schussfahrt in den Untergang zusteuerte. Man findet diese Fotos auf Google. Man staunt, atmet intensiv und bewundert die grandiose Idee der Autorin, diese Impressionen so tief im Roman zu verankern.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Ich musste den Bildband „Brassaï – Flaneur durch Paris“ von Sylvie Aubenas einfach besitzen. Ihr kennt sicher dieses Gefühl eines ganz gezielten Lustkaufs. Wenn ich die Bilder betrachte, bin ich im Chamäleon Club, wenn ich das Buch lese, bin ich in den Bildern und wenn ich beides übereinander lege und meine Recherchen betrachte, bin ich wieder in der Realität angekommen, die Francine Prose zu einem Meisterwerk verdichtet hat. Ihr Spiel mit der Authentizität ihres Romans wird ganz am Ende auf die Spitze getrieben.

In einem Moment, in dem man denkt, vor weiteren Überraschungen sicher zu sein präsentiert die Autorin einen literarischen Kunstgriff, der mich sprachlos machte. Ich habe herzhaft gelacht, war bewegt und berührt, betroffen und nachdenklich, wie sie auf den letzten Seiten mit den Büchern ihres Buches spielt. Welches Spiel sie spielt? Ein meisterliches. Das kann ich versprechen. Es gelingt ihr die Brücke in die Realität zu schlagen, ohne auf ihre eigene Fantasie zu verzichten. Aber das macht sie nicht selbst. Hier erteilt sie jemandem das Wort, mit dem man sicher nicht mehr gerechnet hat. GRANDIOS….

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Geneigte Leser werden im Chamäleon Club oft an Lili Elbe denken. Hier hätte sie sich wohl gefühlt. Hier wäre das sie glücklich geworden. Das Dänische Mädchen und die Geschichte von Lou Villars sollten nebeneinander im Regal des Lebens stehen.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Die Liebenden im Chamäleon Club” von Francine Prose in Verbindung stehen.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose - Die Bücherkette

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose – Die Bücherkette

„Charlotte“ von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Charlotte Salomon und Raily

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang…
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz kam ich ins Stocken.

Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte ständig den Drang, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

David Foenkinos – Charlotte – DVA

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Wie sollte ich rezensieren, was er kaum niederschreiben konnte?
Wo sollte ich nach dem Lesen ansetzen?
Wie einen Roman, der aus bloßen Sätzen besteht, in meinem Stil besprechen?
Aus Sätzen, die durch Atempausen getrennt sind.
Um durchatmen zu können.
Durfte ich seinen Rhythmus zerstören?
Musste ich nicht selbst pausenlos durchatmen, um voran zu kommen?

Ist es nicht gerade dieser Rhythmus gewesen, der mich fesselte?
War es nicht dieser Zyklus aus Lesen und Atmen, der mich zu Charlotte führte?
Habe ich nicht die Beklemmung des Autors gespürt?
Hatte sie nicht in mir selbst Wurzeln geschlagen?
Ihre Atemlosigkeit und Angst in mich gekrallt?
Ich habe es gar nicht erst versucht, anders zu denken.
Ich begriff, dass ich diese Rezension genau so schreiben musste.

Charlotte Salomon.
Eine Heldin ist geboren.
Schreibt David Foenkinos in seinem Buch.
Ab dem 16. April 1917 durchschreit Charlotte jede Nacht.
Nicht einverstanden mit dem Licht der Welt.
Vielleicht weil sie als Neugeborenes schon ahnt…?

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Ihr Leben steht unter keinem guten Stern.
Mutter setzt dem ihren ein freiwilliges Ende.
Was man dem kleinen Mädchen verschweigt.
Grippe sei es gewesen. Lapidar erklärt.
Eine Wunde die nie heilt.
Der Vater in seiner Medizin versunken.
Flucht in den Beruf. Was sonst.
So schleppen sich die Jahre dahin.
In einer eigenen Welt.

Bis auch Charlotte eine findet, die für sie geschaffen scheint.
Charlotte zeichnet. Charlotte malt.
Sie lebt die Kunst. Sie ist begabt, wie keine Zweite.
Und das in einer Zeit, in der es doppelt schwierig wird.
Kunst wird entartet. Künstler verspottet und verboten. Verlacht. Verfolgt.
Seit 1933 bestimmt das Braune, welche Farben dominieren.
Und Charlotte Salomon ist Jüdin. Doppelt schwer.

Ihr Vater, frisch verliebt verkennt die Gefahr.
Und doch zieht sich das Leben enger um den Hals der jungen Frau.
Kultur und Kunst sind keine Fluchtburgen mehr.
Wenn Synagogen und Bücher brennen, dann brennen auch die Bilder.
Und wenn die Bilder brennen, gibt es keine Herzen mehr, die malen.
Charlotte kämpft um alles, was ihr lieb ist.
Sie liebt was in Gefahr ist.
Bis die Gefahr um sie herum sie zu verschlingen droht.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Der Krieg bricht aus. Gewalt bricht los. Es bleibt die Flucht.
Nach Frankreich. 1939. Zu den Großeltern, die vorher gingen.
Doch Sicherheit ist ein trügerisches Gut. Die Grenzen fallen.
Die Nazis sind da. 1940. Und mit ihnen kommt der Tod.
Verfolgung. Internierung.
Großmutter suizidiert sich in die selbstbestimmte Rettung.
Charlotte wird inhaftiert.
Kommt zufällig frei mit ihrem alten Opa und versinkt im Chaos.

Therapie und Kunst.
Zwei mächtige Gesellen begleiten ihre Angst.
Im Verborgenen malt sie wie eine Besessene.
Ihr Leben. In zwei Jahren entstehen über tausend Bilder.
Stationen der Angst.
Bilder als innerer Widerstand gegen das Reich der tausend Jahre.
Ein Arzt an ihrer Seite.
Eine Liebe auf ihrem Schoß.
Freiheit durch Kunst.

Sie malt, um nicht verrückt zu werden in all dem Theater.
Malt gegen sich und die Welt an.
Malt um zu erinnern.
So wie sie damals schrie nach der Geburt, malt sie nun die Gewalt.
Leben? Oder Theater. So heißt der Zyklus ihrer Bilder.
Das Leben weicht dem Rassebild des Feindes. Endlösung.
26 Jahre alt und wissend was kommt, vertraut sie ihrem Arzt die Bilder an.
Mit Worten die mich weinen ließen:

C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Ein Stolperstein

Was folgt war klar. Zumindest ihr.
Verrat. 1943. Ein Zug. Eine ewige Fahrt.
Eingezwängt. Deportation.
Charlotte schwanger, der Mann ihrer Liebe an ihrer Seite.
Bis zum Schild.
Arbeit macht frei.
Bis zur Rampe.
Selektion.
Beruf? Zeichnerin, ihre Antwort.
Das sei kein Beruf, bekommt sie zu hören.
Aber schwanger. Das ist ein Argument für den Nazi.

Sie zur einen Seite. Ihre Liebe auf die andere. Getrennt.
Er zerbricht an Zwangsarbeit und stirbt drei Monate später.
Charlotte stirbt sofort.
Zu zweit.
Im Gas.


Was bleibt, sind ihre Bilder.
Was bleibt ist dieses Buch.
Was bleibt, ist es zu lesen.

Foenkinos gelingt ein Wunder.
In der Verknappung liegt die Magie, in jedem Wort sein Zauber.
In jedem Satz brilliert er durch seine Nähe zu Charlotte.
Er schreibt sie uns ins Herz und in den Verstand.
Nicht anders hätte er schreiben können. Nicht schreiben dürfen.
Ich verneige mich tief vor diesem Buch, vor jedem Wort.

Charlotte Salomon und Peggy Steike

Charlotte Salomon und Peggy Steike

„Charlotte“ zu lesen ist wie in eine Lawine aus Zeit zu geraten.
Mitgerissen zu werden ohne sich selbst retten zu können.
Zu versinken und gleichzeitig emporzustreben.
Die Erinnerung festzuhalten, ihre Bilder zu betrachten.
Es ist ihr ganzes Leben. Es liegt nun in unseren Händen.

Finis

Diese Worte mit Atempausen sind „meiner Charlotte“ gewidmet.
Die atemlos getrieben Gegen das Vergessen malt.
Die nachts in dunkler Zeit versinkt.
Die an Menschen erinnert, die vergessen werden sollten.
Peggy Steike.

Wenn sie mir den Koffer mit ihren Bildern anvertrauen würde.
Mit all den Opfern, die sie malte und deren Würde sie bewahrte.
Ich weiß, was sie zu sagen hätte:

Das ist ihr ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Das war noch nicht das Ende, weil es nie ein Ende geben wird.
Nicht zu Charlotte.

Es wird die Dimension jenseits des Lesens und Sehens folgen.
Charlotte wir hörbar. In allen Klangfarben dieser Welt.
Im Hörbuch aus dem Hause „Der Hörverlag“.
Und als Audio-Rezension bei Literatur Radio Bayern.

Wer ihr Herz und Augen geschenkt hat, sollte die Ohren folgen lassen.

T o be continued...

Mit einem Klick zu meiner Radio-Rezension… Charlotte

Ein gewichtiges PS: Julias „Charlotte“-Rezension auf „Ruby`s Cinnamon Dreams“ zu lesen ist für mich, wie nach Hause zu kommen. Sie wird dem Buch so gerecht. Eine weitere interessante Stimme zum Hörbuch findet man auf der Kleinen Bücherinsel von Simone. Lesenswert. Auch Eva hat Chalotte auf Scatty´s Bücherblog verewigt.

Ein Koffer mit dem Vermächtnis seiner Besitzerin… Die tragische Gemeinsamkeit Charlottes mit der jüdischen Schriftstellerin Irène Némirovsky

Irène Némirovsky - Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Irène Némirovsky – Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

„Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen – Ein wahres Seelenbuch

Jenseits von Afrika - Afrika, dunkel lockende Welt - Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Über Afrika wollte ich immer so gerne schreiben. Über jenen dunklen Kontinent, der so viele Spuren in der Literatur hinterlassen hat und uns alle mit seiner Wildheit und Farbenpracht seit Anbeginn des Lesens fasziniert. Ich wollte dort beginnen, wo für mich als Leser die tiefe Wahrnehmung Afrikas begann. Ich wollte schon immer einmal über eines meiner absoluten Seelenbücher schreiben und von dort aus den weiten Bogen bis in die heutige Zeit spannen.

Ich hatte einen Blog in Afrika. In diesem Leitartikel zu meiner Lesereise habe ich bereits skizziert, wie die ersten Stationen dieser Reise aussehen werden, wohin es mich verschlägt und mit welchen Gefühlen ich auf gepackten Lesekoffern sitze. Wobei ich mir schon jetzt darüber im Klaren bin, dass es eine manchmal schwierige und in jeder Beziehung emotionale Reise sein wird. Ein bibliophile Safari der ganz besonderen Art, zu der ich heute in das erste Buch aufbreche, das eigentlich dafür verantwortlich ist, dass ich am nächtlichen Firmament über dem dunklen Kontinent nach Fixsternen am Bücherhimmel Ausschau halte.

Es beginnt dort, wo alles begann. Bei Tania Blixen, die 1937 mit ihrer AutobiografieAfrika – Dunkel lockende Welt die Vorlage für den legendären Film Jenseits von Afrikalieferte. Es beginnt bei jener dänischen Autorin, die unser Bild vom kolonialen Afrika so sehr geprägt hat, wie kaum eine zweite Schriftstellerin. Eine Frau, die viel gegeben hat, um ihre Freiheit in einem von Männern dominierten Land zu finden, dabei in jeder nur denkbaren Beziehung scheiterte und ihr Leben in Buchform zum ewigen Bestseller machte.

Ich hatte einen Blog in Afrika - Eine Lesereise - Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkellockende Welt – Tania Blixen

Wer erinnert sich nicht an diese ersten Worte ihres großen Lebensberichtes:

“Ich hatte eine Farm in Afrika… Am Fuße der Ngong Berge…”

Wer erinnert sich nicht an diese wehmütige Einleitung, diesen so sehnsuchtsvollen Satz, der viel mehr verrät als verbirgt? Wer sieht sie nicht körperlich vor sich, diese von Krankheit gezeichnete, seelisch verletzte Dänin, die in ihrer Heimat wie eine fremde wirkte und dort eigentlich niemals mehr richtig angekommen ist, nachdem sie in Afrika alles aufgeben musste? Sich selbst eingeschlossen.

13 Jahre lang blieben die Transportkisten und Koffer aus Afrika verschlossen. Zu schmerzhaft wäre es wohl für Tania Blixen gewesen, die Artefakte ihrer vergangenen Träume erneut zu berühren, ihren Duft zu atmen und den Trennungsschmerz körperlich fühlbar zu machen. 13 Jahre lang zehrte sie von ihren Erinnerungen, sah die Bilder der Farm vor sich und träumte nur noch davon, dass die Einwohner Afrikas einen ebenso sehnsüchtigen Blick nach Dänemark richten würden. Einen suchenden Blick nach der „Memsahib“, die sich so sehr für sie eingesetzt hatte.

Ob die Kikuyo wohl ein Lied singen würden, in dem sie vorkommt, eine der vielen Fragen, die sie sich so oft stellte. Eine Frage, die unbeantwortet blieb. Vielleicht hat sie ihren Schmerz durch das Schreiben ihres Buches bekämpft und Afrika auf diese Weise mit in ihre Heimat Dänemark genommen. Wenn Massai auf ihren Wanderungen neue Weidegründe erreichten, gaben sie den neuen Bergen, Seen und Tälern die Namen der Orte die sie zuletzt verlassen hatten. So veränderte sich zwar die Landschaft in der sie lebten, nicht aber das Gefühl für Heimat. Vielleicht war Tania Blixen schreibend eine weiße Massai und sah die wundervollen Ngong Berge vor sich liegen, während sie im eiskalten Skandinavien über ihre wahre Heimat schrieb.

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Die tiefe Erzählung, die auf diesem schmerzhaften Weg der Erinnerung entstand, gehört heute zu den großen Klassikern der Weltliteratur und fast jeder Leser den man fragt, wer das Buch „Afrika, dunkel lockende Welt“ geschrieben hat, antwortet mit vielsagendem Blick: „Karen Blixen“, oder wie sie hier in Deutschland eher bekannt ist „Tania Blixen“. Doch ist es wirklich ihr Buch, das die Zeit überdauert hat, oder ist es eher die Verfilmung Jenseits von Afrika von Sydney Pollack mit Meryl Streep und Robert Redford in den Hauptrollen?

Ist es wirklich eine grandiose Literaturadaption, die viele Leser nachträglich zum Lesen verführte? Wenn man sich heute die Wahrnehmung von Karen Blixen in der Öffentlichkeit anschaut, dann muss es so sein. Die meisten Menschen bringen ihren Namen unmittelbar mit dem ihrer großen und unerfüllten Liebe Denys Finch Hatton, den Großwildjäger, Buschpiloten und britische Gentleman in Zusammenhang, der das Leben der angeheirateten dänischen Adeligen völlig durcheinander brachte. Und doch finden wir in ihrem eigenen Lebenswerk kaum greifbare Belege für die tiefe und extrem emotionale Bindung zu einem Mann, der alles suchte, nur keine Verpflichtungen.

Diesbezüglich kommt „Afrika, dunkel lockende Welt“ recht spröde daher, wenn man auf der Suche nach Liebesbeweisen oder Belegen für die unglaubliche Romantik im Film sucht. Hier zog sich Tania Blixen, die geborene Erzählerin, in ihren eigenen Erzählraum zurück und lange Zeit nach der Veröffentlichung ihres Buches erklärte sie in Interviews, dass sie nur den Teil der Geschichte niedergeschrieben hatte, der ihr selbst gehörte. Und so schwelgt sie ausgiebig in ihrem Buch in der unberührten Natur, in den tiefen Erinnerungen an ihre Kikuyu und an Menschen, die sie beschreiben konnte, ohne sie und sich selbst zu verletzen.

Jenseits von Afrika – Tania Blixen - Ein Grab in Rungstedlund

Jenseits von Afrika – Tania Blixen – Ein Grab in Rungstedlund

Spätere Erzählungen, Briefe und Gespräche boten wesentlich mehr Einblick in ihr Seelenleben und doch lebt ihr gesamtes Buch von der unaussprechlichen Sehnsucht nach einem Land, das ihre eigentliche Heimat wurde. Aus ihrer Vision, sich in Afrika zu etablieren wurde schnell die Mission, etwas für die unterdrückten Ureinwohner zu tun. Schulen, eigenes Land und die Akzeptanz der Kolonialherren schrieb sie sich auf ihre Fahne und dies in einer kolonialen Epoche, in der Afrika maximal ausgebeutet wurde. Von allen europäischen Großmächten. Sie gab sehr viel… es blieb ihr wenig.

Unmoralisch war diese außereheliche Verbindung der verheirateten Baronin zum Großwildjäger sicherlich. Zumindest in dieser Zeit Grund für gesellschaftliche Ächtung und doch bleibt von den beiden Liebenden die Überlieferung, dass die intellektuelle Hochspannung zwischen ihnen die tiefe Erotik ihrer Liebesbeziehung ausmachte. Tania Blixen rechtfertigte diese Beziehung durch ihre Theorie, dass zwei unabhängige Seelen sich für alle Zeit lieben können, während sie auf parallelen Kursen leben und sich niemals endgültig begegnen.

Und doch prallten die beiden Lebenswege so heftig aufeinander, dass Tania mit ihrem Besitzanspruch und dem Streben nach Exklusivität genau den Mann aus ihrem Leben vertrieb, der ihr alles bedeutete. Denys Finch Hatton war auf der Flucht vor jeder festen Bindung und jeglicher Form von Verpflichtung. Er wollte am Ende seines Lebens nicht am Ende des Lebens eines anderen Menschen ankommen.

Als sich die Elemente Afrikas gegen Tania Blixen zu verschwören schienen, ihre Plantage im Monsun versank, ihre Kaffee-Rösterei in den lodernden Flammen aufging und auch ihre eigene Syphilis-Erkrankung ihr nachhaltig zu schaffen machte, stürzte Denys Finch Hatton auf einem seiner Flüge über den dunklen Kontinent ab. Tania sagte selbst über diesen Tag, dass Gott herausgefunden hatte was sie am meisten liebte. Das Grab in den Bergen ist wohl das emotionalste und bewegendste Kapitel in ihrem Lebensbericht „Afrika, dunkel lockende Welt“.

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Und so wurde die afrikanische Erde zur Summe der Erfahrungen und Verluste, aber auch zur Tinte, in die Tania Blixen ihre Feder tauchte, um darüber zu schreiben. Es entstand ein unglaublich tief erzähltes Buch über eine Zeit, auf die man heute mit einem verklärt romantischen Blick zurückschaut. Und doch ist es ein Blick, der unsere Augen schärft für den steten Niedergang der kolonialen Ansprüche, die fortschreitende Zerstörung der Natur und die ungewöhnlichen Lebensbedingungen, die hier Menschen verändern können.

Der Manesse Verlag hat „Afrika, dunkel lockende Welt“ in wundervollen Ausgaben bis zum heutigen Tag im aktuellen Programm. Dieses kleine große Buch ist immer eine Reise wert und doch erzielt es seine grandiose Tiefenwirkung erst in Verbindung mit der authentisch umgesetzten Verfilmung „Jenseits von Afrika“. Als Sekundärliteratur kann ich die Bücher Schatten wandern übers Gras und Tania Blixen – Ihr Leben in Dänemark und Afrika (beides DVA-Verlag) ans Herz legen. Ersteres beinhaltet einige Kurzgeschichten, die in größerem zeitlichen Abstand zu Tania Blixens Leben in Afrika entstanden sind und im zweiten Buch finden sich ausführliche biografische Angaben mit den originalen Fotos aus dieser Zeit. Eine informative und emotionale Reise für sich, die man als Liebhaber antreten sollte.

Meine literarische Safari nach Afrika geht bald weiter. „Lady Africa von Paula McLain (Aufbau Verlag) bringt mich bald zurück an den Fuß der Ngong Berge. Sie schreibt über Lady Beryl Markham, eine Freundin von Tania Blixen und eine Geliebte von Denys Finch Hatton. Im Film taucht diese reale Figur übrigens als Felicity auf. Ich freue mich sehr auf die Begegnungen und weitere Flüge über diesen Kontinent. Vom Gestern bis ins Heute. Es beginnt mit einem Flug über die Flamingos und endet für mich lesend vor Lampedusa.

Ende 2017 hat der Design-Paradigmenwechsel bei Manesse Tania Blixen erreicht. Die neuen kleinen Klassiker nicht nur im neuen Gewand. Die Berge sind wieder da!

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika – Das ist kein Gebirge

„Rosenlippenmädchen – leichtfüßige Jungs“… folgt mir

Ich hatte einen Blog in Afrika - Eine Lesereise - Hier geht es weiter

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Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Stell Dir vor, Du bist blind. Nicht von Geburt an, sondern langsam erblindet. Stell Dir vor, Du kannst Dich noch an Farben und Formen erinnern, aber nun, im Alter von sechzehn Jahren hat Dich Deine Sehkraft endgültig verlassen. Und doch bist Du nicht hilflos. Stell Dir vor, Du hast einen Vater, der Dir ein Modell Deiner Stadt baut und Dich mit den Fingern so lange Deine Wege ertasten lässt, bis Du es schaffst, Dich auch alleine außerhalb dieser Miniaturwelt zurechtzufinden.

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Stell Dir einfach vor, wie es sein muss, ohne wirklich sehen zu können, so viel gezeigt zu bekommen, dass Du Deinen eigenen Weg findest. Stell Dir einen Vater vor, der Dich auf solch liebevolle Weise auf ein eigenständiges Leben vorbereitet. Und stell Dir bitte vor, dass er einen sehr guten Grund hat, dies zu tun. Er weiß, dass Du sonst keine Chance hast, zu überleben.

Und stell Dir dann vor, Du lebst in Saint-Malo. Es ist der 7. August 1944 und die ganze Stadt ist in deutscher Hand. Die Landung der Alliierten in der Normandie gehört der Geschichte an, aber genau der Ort, in dem Du Zuflucht gesucht hast, gleicht einer Deutschen Festung. Nur Bomben können die Besatzer vertreiben – so die Sichtweise der Befreier. Zivile Opfer möchte man vermeiden und so lässt man Flugblätter vom Himmel regnen, bevor die Bomben folgen.

„Dringende Mitteilung an die Bewohner dieser Stadt. Begeben sie sich sofort aufs offene Land!“

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Rettet euch

Stell dir vor, Du spürst diese Blätter… Sie hüllen Dich ein und liegen Dir zu Füßen. Stell Dir vor, Du bist ganz allein und kannst die lebensrettende Botschaft nicht lesen. Stell Dir vor, dass sich an genau diesem Tag im August alle Kreise Deines Lebens zu schließen beginnen. Und stell Dir dann noch vor, dass sich in der Tasche Deines Mantels das größte Geheimnis befindet, das Dein Vater vor den Nazis verbergen konnte.

Wenn Du Dir dies alles vorstellen kannst, dann bist Du schon ganz nah bei Marie-Laure LeBlanc. Du stehst neben ihr, als sie den aufziehenden Flugzeuglärm hört. Du kannst fühlen, wie sehr sie zittert, als die Explosionen einsetzen. Und nur Du verstehst, warum für das blinde französische Mädchen in dem Moment, in dem sich für den Rest der Welt das Leben verdunkelt Alles Licht, das wir nicht sehen die Bombennacht von Saint-Malo erhellt.

Anthony Doerr entwirft in seinem großen Roman das explosive Szenario für eine schicksalhafte Begegnung zweier junger Menschen in einer dem Untergang geweihten Stadt. Es ist ein Bombenteppich, der sich über Saint-Malo zu legen scheint und alles in Rauch und Asche auflöst. Aber es ist nicht nur dieser gewaltige Teppich, den Doerr in bildgewaltiger Wortkunst geknüpft hat, um seine Leser dauerhaft zu fesseln. In bester Erzähltradition erschuf er einen literarischen Gobelin, einen Wandteppich, dessen einzelne Fasern aus allen Richtungen dem Zentrum des Kunstwerks zustreben. Und jeder einzelne Faden ist dabei eine Geschichte für sich.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Detailgetreu und empathisch verknüpft der US-amerikanische Autor die scheinbar losen Fäden seines Teppichs zu einem dichten Muster, das im entstehenden Bild vom Saint-Malo des Jahres 1944 eine sicht- und fühlbare Komplexität erlangt, die ich so nur sehr selten erlesen durfte.

Da ist ein weißhaariger Wehrmachtssoldat namens Werner, der mit seiner kleinen Schwester in einem Waisenhaus aufwuchs. Seine Bestimmung heißt Bergbau und am Ende würde er in irgendeinem Stollen auf der Suche nach Kohle ebenso sterben, wie sein Vater. Seine Talente werden nur zufällig entdeckt. Er kann quasi aus dem Nichts und mit nichts Radios bauen und versteht komplizierte elektronische Sachverhalte rein intuitiv. Die Nazis versuchen diese Begabung auszuschlachten und mit den von Werner konstruierten Peilsendern Partisanen abzuschlachten.

In Werner allerdings befindet sich alles im Aufruhr. Er bastelt aus Liebe, er fügt sich, um für seine Schwester zu sorgen, er lernt die Menschenverachtung des Systems in einer besonderen Schule auch am eigenen Leib kennen und sein jetziger Weg entspricht nicht dem Wertesystem seines Lebens. Aber was bleibt ihm übrig? Mitlaufen, um überhaupt laufen zu können? Ist das sein Weg? Das entscheidet sich im August 1944 in den Mauern von Saint-Malo, als zwei Lebenswege sich kreuzen, die einander völlig fremd sind.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Radiowellen

Da ist der Vater der blinden Marie-Laure. Er ist nicht nur Schlüsselverwalter eines der größten Museen in Paris. Gefühlvoll, zärtlich und sehr behutsam versucht er seiner Tochter das fehlende Augenlicht zu ersetzen, indem er ein Modell des Stadtviertels für sie konstruiert und ihr die großen Bücher von Jules Verne in Blindenschrift näher bringt. Und doch muss er ein großes Geheimnis vor aller Augen verbergen. „Das Meer der Flammen“ – den wertvollsten Diamanten der Welt – und noch dazu einen, der mit einem todbringenden Fluch belegt ist.

Als die Wehrmacht in Paris einmarschiert, flieht er mit seiner Tochter nach Saint-Malo und findet dort Unterschlupf bei seinem Onkel. Für Marie-Laure bastelt er zur Orientierung ein Modell der Hafenfestung und in einem kleinen Haus dieser Miniaturstadt versteckt er ein ganzes Meer. Den Diamanten, nach dem die Nazis bereits in ganz Europa suchen. Als ihr Vater von den Besatzern verschleppt wird, weiß nur noch das blinde Mädchen, was da in seinem Besitz ist. Als die Bomber in jenem August 1944 über Saint-Malo auftauchen ist der weißhaarige Soldat genau fünf Straßen von ihr entfernt.

Da ist der deutsche Wehrmachts-Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, der als der größte Diamanten- und Kunstexperte des Dritten Reichs gilt. Seine Streifzüge durch das besetzte Europa haben zum Ziel, die wertvollsten Kunstwerke für seinen „Führer“ in Besitz zu nehmen. Als er vom „Meer der Flammen“ erfährt, führt ihn sein Weg zuerst nach Paris und dann, im August 1944, schließlich nach Saint-Malo. Er nähert sich der Rue Vauborel No. 4, als die ersten Bomben fallen.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen – Mit einem Klick zu einem Spaziergang…

Da ist der Großonkel der blinden Mädchens. Etienne hat seit dem Tod seines Bruders im ersten Weltkrieg das Haus nicht verlassen. Die Rue Vauborel No. 4 ist sein Gefängnis vor der tristen Wirklichkeit. Als nun der Sohn seines Bruders mit seiner blinden Tochter auftaucht, gehen ihm endlich die Augen auf. Gemeinsam mit seiner Haushälterin beginnt er, etwas gegen die Besatzer zu unternehmen. Kleine Nadelstiche zuerst doch dann wird er zum Helfer der Resistance und übermittelt mit einem geheimen Sender die Geheimcodes zur Organisation des Widerstandes. Doch auch er fällt den Schergen zum Opfer und wird inhaftiert.

Und so ist Marie-Laure in jener Nacht völlig allein im Haus. In der Nacht, in der die Bomber kommen. In der Nacht, in der alles in Schutt und Asche vergeht. In der Nacht, als ein Stabsfeldwebel ihr Haus betritt. In der Nacht, in der ein junger deutscher Soldat verschüttet wird und verzweifelt beginnt einen kleinen Sender zu bauen. In der Nacht, in der sich das blinde Mädchen in das oberste Stockwerk des Hauses flüchtet und der geheimen Sendeanlage ihres Onkels gegenübersteht.

In der Nacht der Bomben im August 1944 sieht nur sie „All das Licht, das wir nicht sehen“, alle Wege führen zusammen und gipfeln im grellen literarischen Lichtblitz eines großen Romans, der nicht dort endet wo, wann und wie wir es erwarten!

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr - Intra muros

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Intra muros

„Intra muros“ heißt der Bereich innerhalb der Festungsmauern der heutigen Stadt Saint-Malo. Der historische Stadtkern, in dem sich die Geschichte von Anthony Doerr zugetragen haben könnte. Ihm haben wir zu verdanken, dass nicht alles hinter diesen dicken Mauern bleibt. Ihm haben wir Charaktere und weitere Schauplätze zu verdanken, die uns lebendig vor Augen führen, wie die Jugend des Dritten Reichs manipuliert wurde, welche Todesängste in den besetzten Gebieten vorherrschten und in welchem Ausmaß geplündert, gestohlen und gemordet wurde.

Aus dem Modell von Saint-Malo wird lesend die Realität. Ich bin in Gedanken mit Marie-Laure durch die Straßen der Stadt gegangen und habe versucht, mich nicht zu verlaufen. Ich habe gemeinsam mit Werner Radios und Sender zusammengebaut, um den Radiowellen hinaus in die Welt zu folgen und ich habe in „Das Meer der Flammen geblickt“ und war gefangen in seinem Glanz.

Anthony Doerr hat mit „Alles Licht, das wir nicht sehen(C.H. Beck) ein buchiges Kaleidoskop für alle Sinne geschaffen. Wir sehen, fühlen, riechen und schmecken diesen Roman. Er setzt sich in jeder Faser des Körpers fest und ist ganz besonders auch für jugendliche Leser ein grandioser inhaltsreicher Abenteuerroman mit großer Botschaft.

„Öffnet eure Augen und seht, was ihr könnt, mit ihnen, bevor sie sich für immer schließen!“

Alles Licht, das wir nicht sehen und die Karte meines Lesens - Ein Klick genügt...

Alles Licht, das wir nicht sehen und die Karte meines Lesens – Ein Klick genügt…

Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… dieses würde mir reichen… Und eine große Bitte an Rechteinhaber, Verleger und Profis im Verlagswesen: Macht ein Hörbuch aus diesem Roman, damit auch blinde Menschen ein Buch genießen können, in dem ihr Schicksal uns auf so bewegende Art und Weise vor (die oftmals allzu verschlossenen) Augen geführt wird!

Aktualisierung 31.12.2014

Ich stand bezogen auf diesen Appell sehr oft im Kontakt mit dem Verlag und nun ist es tatsächlich vollbracht. Audible.de – Hörbücher hat aus dieser großen Geschichte endlich eine ungekürzte Hörbuchfassung in bester atmosphärischer Qualität entstehen lassen.

Ihr könnt ab sofort 1 Stunde kostenlos genießen. Einer meiner großen Träume 2014 ist damit in Erfüllung gegangen.

Alles Licht, das wir nicht sehen - Endlich als Hörerlebnis bei audible

Alles Licht, das wir nicht sehen – Endlich als Hörerlebnis bei audible

Aktualisierung 21.04.2015

New York – Der Weltkriegsroman über die Begegnung eines französischen Mädchens und eines deutschen Jungen hat den Pulitzer-Preis 2015 gewonnen. Dem Buch „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr wurde in New York der 99. Pulitzer-Preis für Literatur zugesprochen. Damit hat sich die Jury meinem Urteil angeschlossen:

Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… dieses würde mir reichen…