„Der Hut des Präsidenten“ von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Möchtet ihr vielleicht mit einem ganz kleinen Ohrwurm in diese Buchvorstellung starten? Ich denke schon. Es gibt nämlich einen legendären Song vom guten alten Joe Cocker, der zum Roman Der Hut des Präsidenten – Atlantik Verlag – passt, wie die vielbeschriebene Faust auf unser literarisches Auge. You can leave your hat on„. Bei welchem Buch sollte man eigentlich einen Hut tragen? Bei welchem Buch entsteht schon während des Lesens der ersten Zeilen der dringende Wunsch, gut behütet weiter in die Handlung vorzudringen?

Und bei welchem Roman wird man plötzlich von Verlustängsten geplagt, genau diesen Hut zu verlieren? Wobei es wirklich nicht ganz egal ist, welchen Hut man trägt. Zumindest nicht im Roman von Antoine Laurain. Schwarz sollte er sein. Hochwertig und aus bestem Filz. Kein einfacher Gebrauchshut für den Alltag! Nein, es darf bitte etwas staatstragendes sein. Repräsentativ und mit Charakter. Die Initialen F.M. dürfen auch nicht fehlen. Dann wären wir ganz nah dran. Chapeau.

„Der Hut des Präsidenten“ ist kein alter Hut. Er ist der Hut des französischen Staatsoberhauptes François Mitterrand, der die Geschicke unseres Nachbarlandes von 1981 bis 1995 im Amt des Präsidenten der Republik lenken durfte. Grund genug, uns mit einem flotten Song auf den Lippen in die Vergangenheit zu begeben und Paris einen literarischen Besuch abzustatten. Grund genug, das eigene Hutband ganz fest zu binden, damit uns nicht das Missgeschick widerfährt, das hier für einen ganzen Roman als Initialzündung dient. Herzlich willkommen im Jahr 1986. Joe Cocker veröffentlichte einen Song, dem der Herr Präsident wohl besser zugehört hätte. Denn ihm passiert das Unglaubliche:

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

François Mitterrand vergisst sein Markenzeichen, seinen schwarzen Filzhut mit den magisch anmutenden Initialen F.M. in einem gemütlichen Pariser Lokal. Einfach so. Weg. Doch während er den Verlust nicht zu bemerken scheint, rückt der bis dahin völlig unbeteiligte kleine Buchhalter Daniel Mercier plötzlich in den Mittelpunkt der Ereignisse. Aus einem einsamen kleinen Abendessen wird nun der Wendepunkt seines Lebens.

Daniel Mercier kann nicht widerstehen, den präsidialen Hut an sich zu nehmen, ihn kurzerhand aufzusetzen und möglichst unauffällig den Ort dieser Zufallsbegegnung zu verlassen. Hätte er nur geahnt, welche Kette an skurrilen Ereignissen er mit dieser Tat auslöst, er hätte diese Kopfbedeckung wohl besser ignoriert. Bei Licht betrachtet war es jedoch die beste Entscheidung seines Lebens, mit dem Hut des Präsidenten auf dem nun hoch erhobenen Haupt die Straßen von Paris zu betreten.

Der kleine Zufall, der Wink des Schicksals, die eine kleine Chance, die Fügung oder ganz einfach Bestimmung. Von allem etwas ist nun dafür verantwortlich, was dem unscheinbaren Buchhalter widerfährt. Zuerst sieht es so aus, als würde der Spruch „Kleider machen Leute“ hier eine ganz eigene Renaissance erleben. Der Filzhut des höchsten Würdenträgers im Lande färbt auf das Verhalten des Kleinen Mannes ab. Während Daniel über sich hinauszuwachsen scheint, schrumpfen die Menschen um ihn herum. Sie werden unbedeutend. Daniel Mercier wird sich seiner selbst bewusst und seine Chefs erleben ihn von einem auf den anderen Tag völlig anders.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Schon wieder kommt mir Joe Cocker in den Sinn und ich summe die Melodie fröhlich vor mich hin, während ich der Geschichte des Buchhalters folge, sein Aufblühen erlebe und bemerke, wie sehr das kleine neue Detail zur Trutzburg wird, die Mut verleiht. „You can leave your hat on“ flüstere ich ihm zu und denke mir, dass ich nun miterleben kann, wie der kleine Mitarbeiter so richtig durchstartet. Einen ersten Sprung einer neuen Karriere erlese ich noch, doch dann widerfährt ihm das gleiche Missgeschick, das den Präsidenten ereilt hat.

Wie gewonnen, so zerronnen. Daniel Mercier vergisst „seinen“ Hut in der Bahn und herrenlos scheint die charismatische Kopfbedeckung nun Damenanschluss zu suchen. Wobei wir schon beim zentralen Element dieses Romans angekommen sind. Der Hut wechselt mehrfach seine kurzzeitigen Besitzer. Er scheint sich einerseits dauerhaft zu verweigern, hinterlässt aber in der kurzen Periode des Behütens bleibenden Eindruck im Leben seiner Träger.

Da ist die kleine und lebenslustige Fanny Marquant, die auf der Suche nach der Liebe ihres Lebens bei einem Mann hängengeblieben ist, der alles will. Nur keine Zukunft mit ihr. Verheiratet und unehrlich hält er sie jahrelang hin, nutzt sie aus, hat seinen Spaß und das könnte ewig so weitergehen. Bis Fanny eines Abends zum gemeinsamen Tête-à-tête erscheint – diesmal nicht kopflos, sondern auch mit erhobenem Haupt, auf dem nun ein Herrenhut thront.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

„Die schwarze Filzkrempe gab ihr Schutz, verengte den Raum um sie herum, begrenzte ihn auf einen fest umrissenen Horizont.“

Das ausschweifende Leben findet einen Orientierungspunkt. Das kleine Detail auf dem Kopf verändert auch hier schlagartig ein Leben, und doch wird dem Leser schnell klar, dass Der Hut des Präsidenten nicht bei Fanny bleiben wird. Er wechselt erneut seinen Besitzer und mit diesem „Hütchen wechsel dich – Spiel“ lernen wir Menschen kennen, die uns in ganz kurzer Zeit ans Herz wachsen. Wir ahnen die Veränderungen, die sie erleben werden und sind doch schon auf den erneuten Verlust vorbereitet.

Auf unserem Leseweg begegnen wir dem leicht derangierten Pierre Aslan, auch „Die Nase“ genannt, obwohl er dieses Attribut schon lange verloren zu haben scheint. Der wohl begnadetste Parfüm-Designer in Paris hat schon seit Jahren seine gute Nase verloren und ist fast in Vergessenheit geraten. Als ihm der Hut in die Hände fällt, liegt etwas Besonderes in der Luft.

Auch der desillusionierte Bernard Lavallière macht Bekanntschaft mit dem Hut der Hüte. Der Angehörige der Pariser Oberschicht hat eigentlich alles, was anderen fehlt. Und doch scheint gar nichts davon auf seine Persönlichkeit schließen zu lassen. Antike Möbel, verstaubte Gemälde und ein Leben an der puren Oberfläche der Society haben seinen Blick vernebelt und verschleiert. Als der Schleier dem Hut weicht, beginnt auch er zu erkennen.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Nun könnte es ewig so weitergehen, aber da es niemand schafft, Joe Cocker´s Song dauerhaft zu singen, gelingt es dem mehr als begnadeten Schriftsteller Antoine Laurain, der Geschichte mit den vielen Geschichten eine unerwartete Wendung zu geben, die alle Handlungsfäden in der Hutkrempe des Präsidenten vereint. Grandios erzählt, voller Irrungen und Wirrungen, skurril, unterhaltsam, amüsant und voller Charaktere, die man in seinem Lesen nicht mehr missen möchte. Er bringt alles unter einen Hut.

Alleine der Parfümeur und seine Geschichte gehört zu den wundervollsten Passagen eines Romans die ich in letzter Zeit lesen durfte. Und doch hat dieser Roman etwas von einem Asterix-Heft. Man kann ihn genießen, oberflächlich lieben, versinken, lachen und weinen. Bei genauer Betrachtung zeichnet Laurain jedoch ein tiefes Portrait von Paris in der Mitte der 80er Jahre. Kultur, Gesellschaft, Architektur, Diskriminierung, Politik, das Lebensgefühl der Franzosen, Revolutionen im Kleinen, der drohende Rechtsruck und die Angst vor Terrorismus. All diese Elemente finden wir im Muster des Hutes wieder, obwohl er keines zu haben scheint.

Betrachtet man Frankreich heute und vergleicht es dann mit der Zeit in der Mitterrand seinen Hut verlor, dann schärft dieser Hut auch unseren Blick. Es scheint, dass wir ihn aufsetzen und nun vieles erkennen, was uns schleierhaft und unbegrenzt war. Laurain macht seine Leser zu den Trägern dieses Hutes. Und genau in dem Moment, in dem man die Krempe spürt, stellt sich die Gegenwart scharf und vielleicht verändert dieser Roman die Menschen ebenso sehr, wie Der Hut des Präsidenten auf seiner langen Reise durch eine traumhafte Stadt es mit seinen Trägern vollbracht hat..

„You can leave your hat on…“ Julia und ich summen dieses Lied noch heute. Gut behütet durch diesen Roman – wollen wir mal hoffen, dass wir unsere Hüte nicht verlieren. Und herzlichen Dank für Deine Bilder aus Paris, die ich hier unter meinen Hut bringen durfte.

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

Der Hut des Präsidenten von Antoine Laurain

PS… Ein Gedanke zum Schluss… Ob das, was mit Mitterrands Hut geht, auch mit Merkels Kappe funktioniert? Nein… Bilder aus meinem Kopf. Lassen wir den Roman in Paris. Und jetzt raus aus der Hutschachtel des guten Lesens. Setzt einen Hut auf und ab nach Paris. Und immer schön festhalten. Also den Hut natürlich.

Hüte.. Überall Hüte.. Und immer wieder tolle Stimmen zu diesem Buch, das bereits auf Platz 8 der Spiegel-Bestsellerliste gehüpft ist. Auch Anja hat den Hut auf

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Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter – Eine Annäherung

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Wer die Nachtigall stört“ galt bisher als der einzige Roman von Harper Lee. Ein literarisches „One-Hit-Wonder“, das 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle ist legendär und Oscar-prämiert.

Der aufrechte Protagonist Atticus Finch kämpft hier als engagierter Anwalt gegen die Verurteilung eines Schwarzen, der beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus gibt seinen Kindern Werte mit auf den Weg, die in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre absolut nicht selbstverständlich waren. Ganz besonders nicht im Süden. Schon gar nicht in Alabama. Diese Romanfigur gilt bis heute als Vorbild für viele junge Menschen, selbst gegen Diskriminierung einzutreten, Jura zu studieren und mit wachem Blick gegen Rassismus zu kämpfen. Ein nationaler Mythos.

„Wer die Nachtigall stört“ erschien bereits 1960. Seitdem ist es ruhig um die heute 89-jährige Autorin. Bis man 2014 ein Manuskript entdeckte, das gerade unter dem Titel Gehe hin, stelle einen Wächterveröffentlicht wurde und seitdem die Buchwelt in Atem hält. Das Urteil der Kritiker und Leser reicht von „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“ über „Die Nachtigall ist aber viel besser“ bis zu „Eine literarische Sensation“.

Womit haben wir es wirklich zu tun? Wie kann man sich dem Wächter nähern und was macht aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus dem „Giftschrank“ einer zurückgezogen lebenden alten Dame das fehlende Puzzlestück im Gesamtbild eines inzwischen aus zwei Bücher bestehenden Lebenswerks? Meine Annäherung an dieses Phänomen kann und soll mögliche Lesewege aufzeigen, die letztlich dazu führen, dass beide Bücher unter Berücksichtigung ihrer besonderen Entstehungsgeschichte, ihrer literarischen Relevanz und ihrer zeitlosen politischen Brisanz für mich persönlich zu den größten Lese-Erlebnissen meines Lebens gehören.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Das eigentliche Debüt von Harper Lee ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Dem Verlag war das Thema dieses Romans damals zu brisant. Er ist in den 1950er Jahren angesiedelt und der Rahmen für die Handlung wird durch die damalige Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes der USA definiert. Die Rassentrennung an Schulen wurde verboten und erhebliche Eingriffe in die Eigenverantwortung der Bundesstaaten sorgten für erhebliche Widerstände und Unruhen, die noch immer spürbar waren.

Der Verleger empfahl Harper Lee die Handlung in die 30er Jahre vorzuverlegen und die Geschichte der Finchs mit der Kindheit von Jean Louise (Scout) und ihrem Bruder zu beginnen. Der situative Rahmen wird durch konsequente Rassentrennung im bürgerlichen Leben und an Schulen definiert. Und doch war man rein juristisch in den dreißiger Jahren so weit, alle Menschen, gleich ihrer Herkunft vor dem Gesetz gleich zu behandeln. Allerdings nur im eng gesteckten Rahmen der geltenden Konventionen der Trennung von Schwarz und Weiß.

So entstand „Wer die Nachtigall stört“, ein Destinations- und Kindheitsroman über Freundschaft, das Aufwachsen im guten alten Süden und ein großes sozial-juristisches Lehrstück über die Anfänge einer Gleichbehandlung von Schwarzen vor dem Gesetz. Atticus Finch wird zum Verfechter und Vorreiter der Rolle des „Menschenrechtlers“ und zum vorbildlichen Verteidiger eines schwarzen Angeklagten, dessen Schicksal ohne ihn durch Lynchjustiz entschieden worden wäre. Und obwohl er den Prozess trotz massiver entlastender Indizien verliert, prägt Atticus Finch das Bild des modernen Anwalts.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Dabei wird seinen Kindern klar, dass er diesen Prozess aus tiefster Überzeugung führt und sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, wenn er kneifen würde. Seinen Kindern könnte er dann kein Vorbild mehr sein und diese Lehren werden zum prägenden Kindheitsbild ganz besonders für die junge Scout, die ihren Vater abgöttisch liebt und ihn mutig vor aller Welt verteidigt. Er stellt sich als Pflichtverteidiger gegen die meisten Menschen in Maycomb. Er riskiert viel und bleibt seinen Prinzipien treu.

„Ich könnte nicht mehr mit erhobenem Kopf durch die Stadt gehen…“

„Diesmal kämpfen wir nicht gegen die Yankees, sondern unsere Freunde“

„Das ist mein Fall. Dass wir schon 100 Jahre vor Prozessbeginn besiegt wurden, ist kein Grund untätig zu bleiben!“

Und genau diesen Prozess beobachten die Kinder, erleben, wie sich ihr Vater für die Rechte der Schwachen einsetzt und erheben ihn fortan zum leuchtenden Vorbild ihres eigenen Lebens. Auch wenn er ein tragischer Held bleibt, er ist ein Held und sein Wort ist Dogma und Gesetz zugleich. Und doch tritt Atticus Finch zu keinem Zeitpunkt als Vordenker für die Gleichberechtigung der Schwarzen in seinem Staat ein. Ganz im Gegenteil

Er bezeichnet die sexuelle Annäherung zwischen dem Angeklagten und der weißen Klägerin, egal von wem sie ausging, als schlimmen Verstoß gegen ein tief verwurzeltes Recht und Gesetz und einen erheblichen Schlag gegen alle moralischen Vorstellungen. Er tritt für abstraktes Recht ein, wie so viele Anwälte, denen es nur wichtig scheint, ihren Fall zu gewinnen. Die gesellschaftlichen Ursachen für Straftaten sind egal oder werden schweigend akzeptiert. Doch das erkennt man erst auf den zweiten Blick. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein hintergründiger Roman der im zutiefst von Rassentrennung gekennzeichneten Süden spielt und dessen Protagonist diesen Rahmen zu keiner Zeit sprengt.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Ich werde niemals vergessen, wie ich damals mit Scout aufgewachsen bin, mit ihr gemeinsam ihren Vater bewundert habe. Ich habe an ihrer Seite Freundschaft um jeden Preis erlebt und hatte Angst vor dem gesichtslosen Boo Bradley in der Nachbarschaft. Ich sehe noch immer das Versteck im Baum und fühle das tiefe Band der schwarzen Gemeinde in Maycomb. Ich habe diesen großen Roman geliebt, liebe ihn noch immer und habe ihn erneut gelesen, unmittelbar bevor ich den „Wächter“ begonnen habe.

Ich kann nur jedem Leser raten, die Nachtigall erneut zu lesen, oder sich den Film anzuschauen und in Gedanken tief in den Maycomb-Mikrokosmos einzutauchen, um im „Wächter“ auf der Höhe der tiefen persönlichen Verbindungen zur Vergangenheit zu sein. Dieser Roman sollte nicht isoliert betrachtet werden. Er ist die zweite Seite der Medaille, ohne die alles keine Bedeutung hat. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist, wie der Titel schon sagt, eine ganz genau definierte Beobachtungsposition, aus der die Vergangenheit neu bewertet wird und man sich in der Zukunft besser auf sein Urteil verlassen kann.

Der „Wächter“ also, das eigentliche Debüt, der Roman der zuerst da war, bringt uns nun in die 1950er Jahre zurück in unser Maycomb. Scout (Jean Louise) ist inzwischen 26 Jahre alt und kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihren inzwischen über 70-jährigen Vater Atticus zu besuchen. Von New York in den Süden. Auch in den fünfziger Jahren fast eine Weltreise, ganz besonders in diesen unruhigen Zeiten für den guten alten Süden. Mit der Aufhebung der Rassentrennung an Schulen stehen die schwarzen Mitbürger nun fast vor der Tür der vollwertigen Bürgerrechte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Und das ausgerechnet in Alabama, wo sie, die ehemaligen Sklaven, auch noch in der Überzahl sind und der Widerstand in der Bevölkerung wächst beharrlich. Es ist die pure Angst vor der Rache für Jahre der Knechtschaft und die Angst vor der Beteiligung von Schwarzen an öffentlichen Ämtern und vielleicht sogar an der Regierung. Unvorstellbar. Aber Jean Louise weiß ihren Vater auf der richtigen Seite. Als aufrechten Kämpfer und Volksvertreter für Gleichberechtigung. Auch der Mann, den sie vielleicht einmal heiraten würde entspricht diesem Bild. Nicht umsonst arbeitet er in der Kanzlei ihres Vaters und ist der geborene Nachfolger im Amt und im Leben.

Was Scout allerdings dann erleben muss, schlägt nicht nur dem Fass den Boden aus, sondern wirft ihr Weltbild durcheinander, lässt alles aus den Fugen geraten und macht aus dem kleinen naiven Wildfang von einst eine Furie im Kampf um die eigene Weltanschauung. Ihr Vater auf Seiten der Befürworter der Rassentrennung? Ihr Vater als Vorsitzender eines der berüchtigten Bürgerräte, die alles in Bewegung setzen, die Diskriminierung der Schwarzen fortzusetzen? Ist das ihr Vater, der nun im Besitz von Hetzschriften ist und seiner Tochter zu vermitteln versucht dass es keinen anderen Weg für den Süden gibt? Die Erkenntnis reift um 14:18 Uhr an diesem Tag. Danach ist alles anders. Alles.

Denn auch ihr Freund ist auf der falschen Seite! Sich opportunistisch anpassend an die lokalen Gegebenheiten, weil er ja in dem kleinen Ort leben und arbeiten will? Alle auf der falschen Seite, nur nicht Jean Louise, die den Idealen ihres Vaters bisher ebenso sklavisch folgte, wie er nun zu versuchen scheint den Großteil der Bevölkerung klein zu halten? Nur aufgrund der anderen Hautfarbe? Jean Louise Finch steht am Scheideweg ihrer eigenen Existenz und beschließt zu handeln. Ganz im Stile ihres Vaters und dabei macht sie intellektuell kurzen Prozess mit ihm. Eine ganz eigene Verhandlung in Sachen Finch gegen Finch. Und ihr Schlussplädoyer wird noch lange nachhallen. Das kann ich versprechen.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist mehr als ein Manuskript. Es ist die Fortsetzung einer großen Geschichte, die schon geschrieben war, bevor die Geschichte begann. Schwungvoll geschrieben, voller Ironie, Humor und unglaublichem Tiefgang führt uns Harper Lee zurück in die Kindertage der „Nachtigall“ und bringt uns klarsichtiger als zuvor in die Gegenwart der fünfziger Jahre zurück. Farbenblind – nur so kann man den Zustand bezeichnen, der Scout damals gefangen hielt. Die Bewunderung weicht dem Zorn und sie fühlt sich völlig verloren in einer Fremde, die einst ihre Heimat war.

Die großen Aussagen kommen nun von ihr. Der wehmütige Blick zurück führt uns in einen Roman, den man einfach lieben musste. Und doch liebte ich viele Jahre lang nur eine Seite eines Reißverschlusses. Nun habe ich die zweite Seite gefunden und Scout Finch ist der Verschluss, der alles verbindet. Harper Lee hat es sich auch mit diesem Roman sicher nicht leicht gemacht. Ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung vermag man nur zu verstehen, wenn man mit offenem Herzen liest. Besonders gegen Ende des Wächters schillern diese beiden Nichtfarben in allen Nuancen, die nur vorstellbar sind.

Für mich eine literarische Sensation. Für mich ein außerordentlich intensives Lesen und das Gefühl, nach Hause zu kommen und dann mit Scout plötzlich am Rand der Gesellschaft zu stehen. Für mich ein sehr politisches Lesen, angesichts der rassistisch motivierten Vorfälle unserer Zeit. Für mich zwei hell leuchtende Bücher, die verstehen helfen, was es für die USA bedeutet einen schwarzen Präsidenten ins Amt gewählt zu haben. Emotionales lesen, weil ich schon immer ein wenig in Scout verschossen war. Und es ist ein grandioses Hörerlebnis, weil Sprecherin Nina Hoss diesem Roman in der Hörbuchfassung (Der Hörverlag) eine mehr als persönliche Note verleiht, die man sich anhörten sollte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Was ich persönlich von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in Erinnerung behalte? Einen verrutschten Gummibusen bei einem ausgelassenen Tanzabend; eine mehr als verstörende Wolke aus Gesprächsfetzen bei einem Kaffeekränzchen, das Scout zeigt, wie fremd sie sich in Maycomb fühlt; einen peinlichen Unfall im Schlafwagen, der zeigt dass man auch dort besser ein Höschen tragen sollte; das warme Wiedersehen mit der guten Calpurnia und den absolut dramatischen Perspektivwechsel auf dem Balkon des Gerichtssaals, der Scout ihren Vater von einst erleben lässt, während dieser nun, fast zwanzig Jahre später der Vorsitzende einer Versammlung radikaler „Negerhasser“ ist. Grandioses Gefühlskino.

Gehe hin, stelle einen Wächter (DVA Verlag) verbirgt weitere Geheimnisse, denen ich beim Harper-Lee-Abend des Verlages im Literaturhaus München auf den Grund gegangen bin. Interviews mit Verlagsmitarbeitern werden in der nächsten Woche als RadioPodcast bei Literatur Radio Bayern veröffentlicht, um das Bild abzurunden und Sie zum Lesen zu verführen.

Und dann gehen wir gemeinsam auf die Suche nach den ganz kleinen Häkchen, die den Reißverschluss des Lesens ein wenig zu stören scheinen, wie der Ausgang des Robinson-Vergewaltigungs-Prozesses, der in beiden Büchern unterschiedlich endet. Es ist noch viel zu entdecken. Die Reportage bringt weiteres Licht ins literarische Dunkel und wir gehen sogar der Frage nach, ob das Wächter-Zitat „Someone is walking over my grave“ in seiner wörtlichen Übersetzung „Jemand ist über mein Grab gegangen“ besser funktioniert, als die gute alte deutsche Gänsehaut.

Beginnen Sie doch bis dahin mit der Nachtigall (Rowohlt) und begegnen Sie dann dem Wächter. Dieser Roman hat das Potential, ein ganz individueller Wächter des persönlichen guten Gewissens zu werden! Es lohnt sich. Bis bald.

Mit einem Klick zur Radioreportage vom "Harper Lee Abend"

Mit einem Klick zur Radioreportage: Der  „Harper Lee Abend“ in München

Und nun eine kleine Vorschau auf unsere Literatur Radio Bayern Reportage, die hier zu hören ist.

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Hier geht es zu meinem literarischen Sternystem der verlorenen Mädchen!

„Signifying Rappers“ von David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Was ich mit David Foster Wallace gemeinsam habe? Augenscheinlich eigentlich nicht viel. Ich bin seinem Schreibweg auf meinen ganz eigenen Lesepfaden gefolgt und habe mich durch seine Bücher gefressen, gefreut und gequält. Habe vieles nicht immer sofort verstanden, vieles deutlich unterschätzt, mir vieles in unendlichen spaßfreien Fußnoten mühevoll erarbeitet und letztlich viele seiner Inspirationen aufgesaugt, wie ein trockener Schwamm.

Die größte Gemeinsamkeit mit ihm ist jedoch, dass ich keinerlei Ahnung von Rap-Musik habe. Nicht den leisesten Hauch. Weder in seiner Dimension als Subkultur, noch in seiner heutigen Relevanz und Brisanz. Es ist nicht gerade meine Musik und die Rapper, die unmelodisch provokant durch die Welt arrhythmisieren, gelten für mich nun auch nicht unbedingt zu den absoluten Vorzeigekünstlern unserer Gesellschaft. Das ist ganz einfach eine Frage meines persönlichen Geschmacks.

Aber ist es immer so einfach mit GESCHMACK? Oder mache ich es mir zu leicht?

David hatte auch keinen blassen Dunst von Rap, als er auf der ständigen Suche nach interessanten Themen und getrieben von der Rastlosigkeit eines Menschen, der von den aufziehenden dunklen Wolken seiner Depressionen immer weiter umhüllt wird, beginnt über den Rap zu schreiben. Im Alter von 27 Jahren hatte er 1989 alle Höhen und Tiefen eines von der Literatur besessenen Menschen bereits hinter sich.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Die Flucht aus einem zu erwartungsvollen Elternhaus, ein erfolgreich absolviertes Literatur- und Philosophie-Studium mit Auszeichnung, eine Examensarbeit, die zum viel beachteten Debüt wurde. „Der Besen im System“ erregte 1987 erhebliches Aufsehen. Die schon früh einsetzende Erkenntnis, immer tiefer an Depressionen zu leiden und dabei unglückliche Lieben in beharrlicher Beziehungsunfähigkeit magisch anzuziehen, machten aus ihm einen verzweifelten Menschen, dem nur seine literarische Begabung blieb, um der realen Welt zu entfliehen.

Die Jahre zwischen 1985 und 1990 waren durch Zusammenbrüche bestimmt. Seine beruflichen Ambitionen wurden von reinem Sicherheitsdenken dominiert. Er brauchte eine Krankenversicherung, die er so nur in Verbindung mit einer festen Lehrtätigkeit an einer Universität abschließen konnte. Druck baute sich auf in diesen Jahren. Ein Druck, den ein kranker Mensch absolut nicht ertragen kann und der sich zu immer größeren Blockaden multiplizierte. Einen Selbstmordversuch verheimlichte er selbst besten Freunden.

Schreibend war er in den kreativen Zwischenzeiten umtriebig. Foster arbeitete mit vielen Unterbrechungen an einer Reportage über die amerikanische Pornoindustrie und verzettelte sich oftmals in Projekte, die der reinen Inübunghaltung des wachen Geistes dienen sollten. Als es ihn dann nach Boston verschlug lebte die alte College-WG mit dem angehenden Schriftsteller Mark Costello wieder auf. Spaß haben, Leben genießen und schreiben, so lautete ihre Philosophie und so begegneten sie erstmals einer ganz eigenen Szene. Einem Sound, der sie auf den Straßen umgarnte. Dem RAP.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace (re) und Mark Costello (li)

Von Tuten und Blasen keine Ahnung tauchen die beiden tatendurstigen Freunde wie „Bleichgesichter“ in eine farbige Welt ein, von der sie bisher nur die Beats jenseits der Straße wahrgenommen hatten. Sie planen schnell, eine gemeinsame Betrachtung der Rap-Kultur zu Papier zu bringen. Für Mark Costello nun wirklich keine leichte Aufgabe, denn als zurechnungsfähig und auf geistiger Höhe kann und darf man seinen Freund David Foster Wallace zu diesem Zeitpunkt nicht bezeichnen.

Alkohol und Drogen spielen eine große Rolle in seinem Leben, aber es geschieht, was immer passierte, wenn er sich ein literarisches Ziel gesetzt hat. Sein Blick schärft sich und angetrieben von Neugier und seinem guten Freund (also zwei Rettungsankern dieser Zeit) läuft der noch junge Autor, der inzwischen als literarisches Wunderkind mit Mega-Minderwertigkeitskomplexen gilt, zu absoluter Höchstform auf.

Die Performance stimmt.

In dieser Zeit entsteht mit „Signifying Rappers eine ungewöhnliche essayistische Betrachtung einer subversiven und hochaktuellen Subkultur und versehen mit dem sehr eingängigen Untertitel: „Warum Rap, den Sie hassen, nicht ihren Vorstellungen entspricht, sondern scheißinteressant ist und wenn anstößig, dann bei dem, was heute so abgeht, von nützlicher Anstößigkeit“ erblickt das kleine Werk schon 1990 das Licht der US-amerikanischen Buchwelt.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Dieser Untertitel spricht Bände und nimmt alle subjektiven Bewertungen vorweg. Es handelt sich also augenscheinlich um einen Essay, der sich an Leser richtet, die dem behandelten Gegenstand, der Rap-Musik, hassend gegenüber stehen. Darüber hinaus wird die anscheinend spießig desinteressierte Zielgruppe aufgerüttelt und mit einem der Stilmittel des Rap, der Provokation, auf den scheißinteressanten Inhalt der Message gestoßen, obwohl die erzielte Anstößigkeit eben genau das Ziel des Werkes darstellt. Da fühlt man sich doch angesprochen… oder?

Jedenfalls haben die beiden Autoren in mir den perfekten Leser gefunden und es dabei tatsächlich geschafft, mich im Buch zu halten, obwohl ich dieser Musikrichtung wenig abgewinnen konnte. BISHER. Hierbei waren die vielen aufgeführten Songs, die wie eine Playlist anmuten im ersten Moment nicht sehr hilfreich für mich. Sie gehören, wie die meisten der aufgeführten Rapper, der Vergangenheit an und können aus heutiger Sicht vielleicht noch als Pioniere einer Subkultur bezeichnet werden.

Was ich aber umso mehr verstanden habe, ist die ungeheuerliche Brisanz des Rap, der sich in vielen Bereichen von anderen Musikstilen unterscheidet. Rap ist politisch, schnell, provokant und wohl nur aufgrund dieser sehr unkonventionellen Art ein wichtiger Indikator für die Stimmung auf der Straße. Rap ist unterprivilegiert und repräsentiert die Macht der Underdogs in ganz besonderer Art und Weise.

David Foster Wallace - Ein Lebensleseweg

David Foster Wallace – Ein Lebensleseweg

Obwohl „Signifying Rappers“ vor 15 Jahren geschrieben wurde und für seine erste Auflage bei Kiepenheuer & Witsch (genial von Ulrich Blumenbach übersetzt) mit einem neuen Vorwort von Mark Costello versehen wurde, scheint es gerade dieser Hauch des Vergangenen zu sein, der aus einer aktuellen Betrachtung von einst ein essayistisches Standardwerk über den Rap werden lässt. Die Musik des Jahres 1990 wird abstrakt und man schärft den Blick auf die Rapper der heutigen Zeit.

Seismographen für Ungerechtigkeit, Intoleranz und Willkür. Provokante Rufer in der Wüste, die sich auflehnen, wo Missstände um sich greifen. Unbequeme Quergeister, die mehr Menschen unmittelbar erreichen, als die scheißuninteressante gequirlte Kacke des Establishments. Der Rap in seiner ureigenen Form bahnt sich seinen eigenen Weg. Er ist die Stimme der Straße und vermag viel mehr zu bewegen, als man ihm zutraut. Er ist anstößig. Das heißt, er stößt an, was sonst garantiert unwidersprochen bliebe.

Es ist scheißinteressant zu lesen, wie zwei weiße Außenseiter versuchen, die Innenansichten einer schwarzen Musikbewegung zu erklären. Es ist scheißinteressant über den Tellerrand einer Subkultur zu schauen, die heute als HipHop schon zur Elite gehört und dem Establishment beharrlich in die Suppe spuckt. Und letztlich ist für mich ganz persönlich scheißinteressant gewesen, in diesem Essay zweier Freunde, jenen David Foster Wallace zu treffen, der mein ganzes Lesen erst einige Jahre später mit dem Unendlichen Spaß und Der bleiche König veränderte und mir die größte Anstiftung zum Denken mit auf den Weg gab.

Ach David…

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Editorial: Die David-Foster-Wallace-Biografie von D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichteeignet sich hervorragend zum besseren Verständnis und zur präzisen Einordnung des Essays in das kurze Lebenswerk meines Herzensautors, der sich am 12. September 2008 das Leben nahm.

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„Unterwerfung“ – Der Tag an dem Houellebecq unterworfen wurde

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Manchmal fällt es sehr schwer, einen Roman völlig losgelöst von den realen sozialen Rahmenbedingungen unseres Lebens zu lesen und ihn dabei in seiner rein inhaltlichen Wirkung zur freien Entfaltung kommen zu lassen. Manchmal spielt das reale Leben auch einem Roman einen Streich und hebt ihn durch das Eintreten besonderer Ereignisse auf eine andere und nicht vom Autor erdachte und beabsichtigte Ebene.

Behandelt zum Beispiel eine moderne Gesellschaftsutopie den Zusammenprall von Politikern, Konfessionen und Kulturen im Frankreich des Jahres 2022 und entwirft dabei ein bedrohliches Szenario aus Demonstrationen gegen die drohende Islamisierung des Landes, schafft Bilder von bürgerkriegsähnlichen Szenen zwischen den Anhängern der unterschiedlichen politischen Richtungen und projiziert viele tagesaktuelle Probleme in die Zukunft, dann erlangt ein solcher utopischer Roman flankiert durch das reale Leben eine ungeheuerliche Relevanz.

Erscheint dieser Roman dann auch noch in einer Zeit, in der selbst in unserem Land Protestzüge mit islam-, flüchtlings- und ausländerfeindlichen Parolen durch die Städte ziehen und Schlagworte wie „Lügenpresse“ skandieren, dann wird dem Leser mulmig. Erscheint der Roman zudem noch am selben Tag, an dem in Paris einzelne islamistische Terroristen die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ stürmen und gezielt Journalisten und Karikaturisten liquidieren, die mit ihren mehr als kritischen Mohammed-Karikaturen provozierten, dann weht der Hauch von „VISION“ über Buch und seinem Autor.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Als hätte er es vorhergesehen! Und als stünden das Erscheinen des Romans und die Anschläge in Paris in kausalem Zusammenhang. Als wäre alles miteinander verbunden und was wäre geeigneter, als gerade diesen neuen Roman mit dem allzu passenden Titel Unterwerfung von Michel Houellebecq (DUMONT) auf ein hell erleuchtetes Podest zu heben und dann, egal von welcher Seite auch immer, zu instrumentalisieren?

Einerseits als hellsichtig formulierte Warnung vor dem islamischen Gottesstaat und andererseits lauter Weckruf für die wackeren AufRECHTEN, die eigenen Bestrebungen zu intensivieren. Zitate werden gesucht, Textstellen willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen, der Titel wird zum schlagwortartigen Selbstläufer und zurück bleibt ein Autor, der anderes beabsichtigte und bei den Pariser Anschlägen selbst gute Freunde verloren hat.

„Unterwerfung“ hat Michel Houellebecq an jenem tragischen 7. Januar 2015 selbst unterworfen. Vereinfacht wurde in allen Medien darüber berichtet, dass sein erdachtes Schreckgespenst erwacht sei und man nun nur in diesem Buch nachlesen müsse, wie es mit Frankreich weitergeht. Aus dem Gesellschaftskritiker Houellebecq wurde auf einen Schlag ein Populist. Ein guter zwar, aber nichts desto trotz ein verschlagworteter Autor.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Dabei hat er nichts anderes getan, als sein literarisches Echolot auf das geliebte eigene Land zu richten und die Schallwellen, die ihn erreichten mit Wortgewalt verstärkt und zu einem Roman verdichtet, der in seiner utopischen Ausrichtung keinesfalls die Angst vor dem sich ausbreitenden Islam in Europa in den Mittelpunkt stellt. Wer dieses Buch so versteht, macht es sich zu leicht. Wer es so versteht, hat nicht in den Spiegel geschaut, den Houellebecq so blank poliert hat, dass die darin entstandenen Bilder keine Verzerrungen zulassen.

Frankreich befindet sich im Jahr 2022 in einer tief angelegten politischen Krise. Die althergebrachten politischen Parteien sind im Präsidentschaftswahlkampf lediglich auf der Basis leerer Parolen bestrebt, die Macht zu erhalten und die zukünftigen Ämter in den dichten eignen Reihen zu verteilen. Die inhaltichen Unterschiede zwischen den Vertretern der liberalen Parteien sind zwar vorhanden, für politikverdrossenen Wähler jedoch kaum noch wichtig.

Es gilt nur noch, zwischen den Extremen zu entscheiden und einen Rechtsruck im Land zu verhindern. Und dieser droht beharrlich, demonstrieren doch nicht nur in Paris die „Ureinwohner Europas“ in den Straßen und machen ihrem Unmut gegenüber den üblichen zu verunglimpfenden Minderheiten Luft. Gegen die Islamisierung des Landes. Gegen Flüchtlinge. Gegen Zuwanderung. Gegen… Gegen… Gegen…

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Um zu verhindern, dass genau diese Demonstranten von der rechtskonservativen Partei des Landes automatisch aufgesaugt werden, gehen alle restlichen Parteien eine logisch erscheinende, aber letztlich fatale Koalition mit einem Kandidaten und seiner Partei ein, um den Rechtsruck im Land zu verhindern und dabei selbst noch ein wenig im Sattel der Macht zu bleiben.

Dass der muslimische Präsidentschaftskandidat der Wertetradition eines durchaus gemäßigten Islam anhängt, und seine Partei der „Bruderschaft der Muslime“ genau die Gefahr verkörpert, gegen die man auf den Straßen demonstriert, nehmen die Politiker gerne in Kauf. Es gilt einen drohenden Bürgerkrieg zu verhindern, zu dem die Rechten im Lande immer unverhohlener aufrufen.

Am Wahltag entscheidet sich das Schicksal eines ganzen Landes und angesichts der drohenden Revolten und Unruhen im ganzen Land gewinnt die Koalition um den muslimischen Kandidaten Ben Abbes und dessen Vorstellung von der Führung eines Staates auf der Grundlage des Wertevorrates des moderaten Islam beginnt Realität zu werden.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Was Houellebecq dann beschreibt ist mitnichten die Machtübernahme radikaler Islamisten in einem europäischen Land. Er richtet das Brennglas seiner Utopie auf den Werteverfall westlicher Länder. Eigene religiöse Vorstellungen sind schon lange verdampft und haben mit dem realen Leben wenig zu tun. Gewalt, Egoismus und pures Streben nach Karriere sind die Eckpfeiler einer hohlen Gesellschaft, die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ längst auf dem Altar der globalisierten Wirtschaft geopfert haben.

Die Politiker-Attrappen, die sich einbilden für die Menschen ihres Landes zu sprechen werden gnadenlos entlarvt und in das große Vakuum der Wertlosigkeit bringt der von Ben Abbes vorgelebte gemäßigte Islam einen Lebensinhalt, der von breiten Schichten der Gesellschaft plötzlich als wohltuend empfunden wird.

Houellebecq entwirft kein islamistisches Horrorszenario, sondern hält uns nur vor Augen, auf welche Werte wir dauerhaft verzichtet haben, und wie wir in unserer extrem lebhaften Unzufriedenheit miteinander umgehen. Das Land erfindet sich völlig neu. Die Kriminalitätsrate sinkt ebenso wie die Anzahl der Arbeitslosen. Frauen werden aus den Berufen gedrängt und kümmern sich wieder um die Familie. Kindergartenplätze werden frei, weil die selbst betreute Familie eine neu entdeckte Lebensform wird. Die Wirtschaft boomt durch neue Handelsbeziehungen, Frauen werden aufgrund ihrer züchtigeren Kleidung nicht mehr als sexuelles Freiwild betrachtet und das Bildungssystem richtet sich plötzlich an den realen Erfordernissen aus.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Der Islam steht hier stellvertretend für jeden Wertevorrat, der denkbar wäre, den abendländisch hochgradig gefährlichen Wertemüll zu ersetzen und mit neuem Leben zu füllen. Houellebecqs Protagonisten erleben diese innere Wandlung aus ihrer jeweiligen rein subjektiven Perspektive und der Ich-Erzähler Francois steht stellvertretend für uns alle. Passiv, latent unzufrieden, abgetaucht in Scheinwerte-Ebenen. Tief versunken in die vergangene Welt der Literaturklassiker bemerkt er selbst viel zu spät, dass auch seine eigene Welt auf moralischem Sand gebaut ist.

Houellebecq macht es sich manchmal allzu leicht, seine Utopie zu etablieren. Er blendet aus, was sie tatsächlich zur Utopie macht und bleibt einfach, wo er hätte noch komplexer hätte ausholen können. Dies jedoch macht seine Utopie unterhaltenswert. Und unterhalten wurde ich in diesem Roman hervorragend. Sprachlich spielt er in einer eigenen Liga! Er regt intensiv zum Denken an, schürt keine Ängste vor Minderheiten oder Religionen, sondern verdeutlicht so sehr den Zustand, in dem wir uns befinden.

Ich denke gerade an Demonstrationen in Deutschland. Während früher die Kirchen des Landes in schweren Krisenzeiten bis auf den letzten Platz gefüllt waren, schalten sie heute maximal noch ihre Lichter aus, während ausländerfeindliche Demonstranten vor ihren geschlossenen Toren einträchtig Kirchenlieder singen und gleichzeitig die Anzahl der Kirchenaustritte ungeahnte Dimensionen erreicht. Hach, lasst uns das Abendland retten, es ist nichts mehr übrig davon!.

„Unterwerfung“ ist ein sehr wichtiges Buch. Ich wünschte mir nur, es wäre auch ohne die feigen Anschläge radikal-islamistischer Terroristen, die auch ihren eigenen Glauben attackieren, wichtig gewesen. Ich lasse mich nicht unterwerfen.

Chapeau, Michel

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq – Alles ist vergeben – Charlie Hebdo

Oh man wird ihn lieben und hassen, verfluchen, vergöttern, verteufeln, in der Luft zerreißen und in den Himmel heben. Man wird ihn mit Literaturpreisen überhäufen, in Rezensionen und im Feuilleton über ihn herfallen, ihn in Interviews anhimmeln und zum Abschuss freigeben. Man wird ihn karikieren, mit Superlativen verehren und ausweiden. Man wird ihn wie eine Sau durchs Dorf treiben und ihn mit Lorbeeren schmücken. Und all dies, weil er wieder ein Buch geschrieben hat. „Serotonin“ – hier geht´s zum Artikel.

Serotonin von Michel Houellebecq - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

The Last Lecture – Die Lehren meines Lebens – Randy Pausch

Last Lecture - Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Last Lecture – Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Wie hinterlässt man seinen Kindern eine Botschaft fürs Leben, wenn man schwer krank ist und die Prognose nicht mehr viel Zeit lässt? Was kann man tun, um in einer mehr als verzweifelten Situation die Fassung zu bewahren und als geistiges Erbe etwas Unsterbliches, Unauslöschliches zu schaffen?

Ganz einfach – oder vielleicht auch nicht…

Man nutzt sein verfügbares Potenzial und schöpft alle nur denkbaren Möglichkeiten aus, um etwas für die Ewigkeit zu schaffen. Wie Randy Pausch, dem die besondere Ehre zuteil wurde, in seiner Funktion als Professor der Carnegie Mellon Universität eine sogenannte “Last Lecture” zu halten. Viele US-Universitäten kennen diese eher heiter gemeinte Tradition: Man lässt Geistesgrößen einfach einmal darüber philosophieren, was sie ihren Studenten als Ratschläge hinterlassen würden, wenn das ihre letzte Vorlesung wäre.

Eine solche „Letzte Vorlesung“ stellt oftmals den Höhepunkt in der universitären Laufbahn dar, da sie die Lebensleistung des Vortragenden auszeichnet. Dabei darf der Dozent dann endlich einmal frei von Zwängen der Schulpolitik seinen Studenten das mit auf den Weg geben, was ihm persönlich wichtig erscheint. Im Fall von Randy Pausch wurde diese „Last Lecture“ zum Meilenstein in allen Medien und nicht zuletzt auch als Buch! Der Begriff ist heute zum Synonym für seine Vorlesung geworden. Das sagt vieles aus.

Last Lecture - Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Last Lecture – Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Denn zum Zeitpunkt dieser Lesung war Randy Pausch unheilbar krank. Mehrere Operationen und unzählige Chemo-Therapien sind wirkungslos geblieben und der brillante Informatiker weiß, dass ihm nur noch wenige Monate bleiben. So gibt er seiner „Letzten Lesung“ den bezeichnenden Titel Really achieving your childhood dreams (Deine Kindheitsträume wirklich wahr werden lassen) und plant einen wirklich mehr als unvergesslichen letzten Auftritt.

Eine „Last Lecture“ wird traditionell auf Video aufgezeichnet und bleibt somit nicht nur der wissenschaftlichen Nachwelt sondern auch der Familie und Freunden dauerhaft erhalten. In diesem besonderen Fall sind es mehr als zwanzig  Millionen Youtube-Klicks, die zeigen, dass deutlich mehr Menschen diese Lesung gesehen haben, als Randy sich dies jemals hätte vorstellen können.

Der Inhalt dieser Vorlesung – Wissenschaft oder abstrakte Informatik? Nein! Es handelt sich um das Vermächtnis an seine Kinder, seine Lebensziele und -weisheiten und den herzergreifenden Dank an seine Ehefrau Jai. Er hat ungefähr eine Stunde Zeit und er weiß, wie er diese Zeit nutzen kann. All dies ohne Pathos und Jammern. Manchmal lustig. Immer tiefgründig und insgesamt mehr als bewundernswert.

Last Lecture - Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Last Lecture – Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Das Buch “Last Lecture – Die Lehren meines Lebens schrieb Randy Pausch unmittelbar im Anschluss an die erfolgreiche Vorlesung. Es beinhaltet alle Botschaften und Hintergründe und steht als bedeutendes Werk in dem Regal meiner wertvollsten Bücher.

Randy Pausch spricht von seinen Jugendträumen und davon, wie nah Hoffen und Realisierung doch oft beieinander liegen, wenn man mit Glück und Verstand beherzt seinen Lebensweg beschreitet. Er wollte immer so sein wie der Kommandant der „Enterprise“, Captain James T. Kirk. In nichts besonders gut, aber jederzeit von einem Spezialisten-Team umgeben und einzig gesegnet mit der Gabe, charismatisch führen zu können. Dann, so Randy`s Wunschtraum, würden einem darüber hinaus auch noch alle Frauen des Universums zu Füßen liegen – das Leben als Enterprise.

Was Randy Pausch besonders an Captain Kirk faszinierte:

„Als mir während meiner Krebsbehandlung beigebracht wurde, dass nur vier Prozent aller Patienten mit Pankreaskrebs weitere fünf Jahre schaffen, kam mir eine Zeile aus Star Trek in den Sinn: <Einst waren die Kadetten der Sternenflotte mit einem Simulationstraining konfrontiert worden, bei dem grundsätzlich die ganze Crew ums Leben kam, egal, wie sie auf das Problem reagiert hatte. Kirk hatte diese Simulation als Kadett umprogrammiert, weil er nicht an das „No-win-Szenario“ glaubte.>”

(Nebenbei bemerkt: William Shatner hat Randy Pausch, nachdem er von der Diagnose erfuhr, ein Autogramm mit dem Text „Ich glaube nicht an No-win-Szenarien” geschickt.)

Last Lecture - Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Last Lecture – Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Wo ist nun die Lehre eines Lebens in einem solchen Jugendtraum? Ist es nicht unrealistisch, dies seinen Kindern zu vermitteln? Nein – bestimmt nicht. Erstens steht dieser Jugendtraum für den Kampfgeist von Randy, der ihn länger durchhalten ließ, als viele andere Patienten – sogar länger lebenswert leben, als er selbst es vermutet hätte. Und zweitens: Nur wer träumt, kommt seinem Ziel nah. So erreichte Randy Pausch kurz vor seinem Tod doch noch die Kommandobrücke der Enterprise – auch diese Bilder bleiben.

Randy malte seine Träume schon als Kind an die Wand seines Zimmers, um ihnen immer nah sein zu können. Und umso näher man bleibt, je mehr man den Traum täglich vor Augen hat, umso mehr nähert man sich ihm an! Ich bin diesem Rat gefolgt, habe meine Kinder ihre Visionen malen lassen und bin sehr gespannt, was sie davon durch ihr Leben begleiten wird.

Randolph „Randy“ Frederick Pausch (* 23. Oktober 1960; † 25. Juli 2008) war bis zuletzt leidenschaftlicher Professor für Informatik an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh. Neben seinen Forschungsschwerpunkten Mensch-Computer-Interaktion und Design gründete er das Alice-Projekt. In seinem letzten Lebensjahr erregte er aufgrund seines offenen Umgangs mit seiner unheilbaren Erkrankung weltweite Aufmerksamkeit und Anteilnahme.

Randy Pausch hinterließ mehr als sein unvergessenes Video und sein Buch – er hinterließ Kinder, die nun weniger Fragen an den toten Vater haben, da er bereit war zu kämpfen und eine tragfähige Botschaft zu hinterlassen. Und er hinterließ eine tapfere Frau.

Es ist nie zu spät für dieses Video seiner „Last Lecture“ und nie zu spät für dieses Buch. Inzwischen führt sein ältester Sohn den Kampf des Vaters gegen die Krankheit fort und steht als junger Botschafter für ein besseres Gesundheitssystem in den Fußstapfen eines Menschen, der ihm zu Lebzeiten diese Aufgabe nicht persönlich vermitteln konnte.

Eines der wichtigsten Bücher meines Lebens! Es hat mich inspiriert zu bloggen und meine Gedanken und Werte festzuhalten und weiterzugeben. Auch an meine Kinder.

Last Lecture - Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch

Last Lecture – Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch