Walden von Henry D. Thoreau – Tiny House meets Tiny Book

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Sie erleben gerade einen absoluten Boom. Sie symbolisieren, wie kaum ein zweites Lebenskonzept den Wunsch des Menschen nach Individualität und Minimalismus. Man begegnet ihnen in den sozialen Medien auf Schritt und Tritt und stellt sich unwillkürlich die Frage: „Könnte ich so leben?“ Gemeint ist das Tiny House. Wohnen auf wenigen Quadratmetern. Auf das Wesentliche reduziert, stehen diese kleinen Häuschen für das Streben nach einer Abkehr vom Wohnen in Metropolen, für eine neue Bescheidenheit in der Selbstwahrnehmung und für ein hohes Maß an Selbstverwirklichung. Noch steckt das Wohnkonzept in den Kinderschuhen. Tiny Houses gibt es zu Hauff. Einzig, es fehlt der Lebensraum, sie aufzustellen und zu bewohnen. Gesetze grenzen den Drang nach Freiheit und Flexibilität immer noch ein. Vielleicht steht jenes Tiny House von heute für die Lebensphilosophie von morgen. Doch Moment! Ist diese Idee neu? Stammt sie aus unserer Zeit und basiert auf den zwingenden Erfordernissen einer ständig wachsenden urbanen Bevölkerung?

Nein. Die Idee, die heute unter dem Schlagwort Tiny House aufgegriffen wird, ist ein alter Hut. Der Begriff ist neu. Die fast schon industrielle Großfertigung der kleinen Häuser ist neu. Naja – und angesichts der horrenden Preise für solche Wohncontainer mit einer höchst individuellen Einrichtung, kann man kaum von Minimalismus sprechen. Diese Wohnidee ist, auf den Quadratmeter gerechnet, der pure Luxus. Und doch ahmt man einen philosophischen Ansatz nach, der schon im Jahr 1845 für Aufsehen sorgte. Wirklich wahr. Wie ich schon schrieb: Ein alter Hut und eigentlich müsste man diesen holzverkleideten Container-Wohneinheiten den Namen „Walden Houses“ geben. Hier würde man an die Ursprünge der Wohnidee anknüpfen, müsste die Häuschen nur ein wenig erschwinglicher machen und schon wäre man ganz bei Henry D. Thoreau. Ihr glaubt das nicht? Kein Problem. Er schrieb darüber… Und wie er darüber schrieb!

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Walden von Henry D. Thoreau

Henry D. Thoreau (1817 – 1862), der amerikanische Philosoph und Schriftsteller war ein früher Anhänger des großen Ralph Waldo Emerson und entwickelte schon zu Beginn ihrer späteren Freundschaft ganz eigene Ideen zur Reform der Gesellschaft. Er war nicht nur ein Dichter und Denker. Thoreau war ein Mann der Tat. Sein Denken war nicht das eines Nostalgikers. Er wollte einfach nur herausfinden, wie man sich am besten über Wasser halten kann, ohne der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft zum Opfer zu fallen. Er wollte endlich etwas Ganzes schaffen, autark sein und nicht nur Teil des Prozesses sein, an dessen Ende er nicht mehr genau weiß, welchen Anteil er am Ergebnis hatte. Er setzte die Ideen in die Tat um und wurde zum Aussteiger. Nur, dass dieser moderne Eremit nicht in einem Fass wohnte. Er zog in Richtung Walden-Pond und begann damit, sich eine kleine Hütte (Walden Hut) zu bauen. Niemand sollte ihm dabei helfen. So entstand das vielleicht erste Tiny House mit literarischem Background.

Etwa zwei Jahre lebte er im Einklang mit der Natur, nicht jedoch ohne Kontakte zur Welt außerhalb der einfachen Hütte. Er konnte sich auf dem Grundstück Emersons im wahrsten Sinn des Wortes erden. Der Zwang, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und die gesellschaftliche Erwartungshaltung fielen von ihm ab und machten seinen Kopf frei, um über diese Grenzerfahrung schreiben zu können. Walden ist das Ergebnis jener Zeit als Aussteiger aus dieser Gesellschaft, die mit der heutigen sicherlich vergleichbar scheint. Alles zielte allein auf Kommerz und Wertsteigerung ab. Der Materialismus war die einzige Geisteshaltung, der man sich zu unterwerfen hatte, um nicht unterzugehen. Der Raubbau an der Natur kennzeichnet diese Entwicklungsphase einer Ökonomie, in der wenige alles besitzen und der Rest arbeitet, um den Reichtum dieser Wenigen zu mehren. Kommt uns irgendwie bekannt vor. Spätestens die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie unserer Tage könnte schon Grund genug sein, auszusteigen und sich ein kleines Haus im Wald zu bauen…

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Walden von Henry D. Thoreau

Es ist die harrsche Gesellschaftskritik, die Thoreau in die Wälder treibt. Es ist das Bewusstsein, dass sich Menschen das Denken und Entscheiden bereitwillig abnehmen lassen, nur um in Ruhe ein einigermaßen abgesichertes Leben zu führen. Nicht jedoch mit Thoreau. Nicht mit diesem Selfmade-Geist, der selbst ausprobieren möchte, was er anderen als alternativen Lebensweg empfehlen würde. Klingt das nicht verstaubt, woran er vor 175 Jahren glaubte? Haben nicht Gewerkschaften und die Entwicklungen in der freien Welt all diese Misstände beseitigt? Ganz und gar nicht. Jeder findet in „Walden“ seinen ganz persönlichen Thoreau-Moment, dem man auch heute noch beherzt folgen kann. Eine Erkenntnis, dass sechs Wochen Lohnarbeit völlig ausreichen, um sich den Rest des Jahres um das wahre Leben zu kümmern, ist nicht weit hergeholt und könnte auch heute noch relevant sein. Würden wir alle nicht nur nach Reichtum streben.

Auch seine bildhaften Vergleiche lassen sich in unsere Zeit übertragen. Ob dies nur uns selbst betrifft, oder ob man seine Ansichten überprüfen sollte, wie man seine Kinder erzieht? Das ist jedem selbst überlassen. Nachdenkenswert sind seine Ansätze allemal. Ist Bildung ein theoretischer Prozess oder folgen wir da einem falschen Weg? Ein Beispiel gefällig?

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Vergleich zweier junger Männer:

„Welcher von beiden hätte nach zwei Monaten größere Fortschritte
gemacht: der Junge, der sich selbst ein Taschenmesser verfertigte
aus dem Erz, das er eigenhändig ausgegraben und geschmolzen hat,
wobei er so weit als nötig Bücher zurate zog, oder der Junge, der
unterdessen Vorlesungen über Metallurgie besuchte und von
seinem Vater ein Taschenmesser geschenkt bekam?“

Henry D. Thoreau zog lieber in die einsame Wildnis am See, baute sich mit seinen eigenen Händen das bescheidene und abgelegene Refugium, um sich wiederzufinden. Nicht nur das ist ihm gelungen. Seine reinsten Gedanken haben jeden Bildersturm der Geschichte überstanden und sind so lesenswert, wie erhellend…

Ich bin seinen kreisförmigen Denkbewegungen gerne gefolgt. Thoreau zog sich in sein Schneckenhaus zurück, fokussierte, reflektiert die Gründe seines Aussteigens, ist in den kontemplativen Phasen geistreich und visionär, und dann verlässt er das Innere seines Rückzugsortes und beginnt seine Umgebung wahrzunehmen. Was wir dann mit seinen Augen sehen, seinen Worten ablesen dürfen, ist so kristallklar, als hätte ihn ein eiskalter Gebirgsbach innerlich und äußerlich gereinigt. Die Beschreibungen verlieren den Zorn des Gesellschaftskritikers und erhalten eine Eindringlichkeit, die der Natur im Umfeld seiner Hütte ein naturalistisches Denkmal setzt. Als wäre gröbstes Kaffeepulver durch einen Filter gepresst worden, so ist „Walden“ der zeitlos relevante Extrakt einer Erfahrung, die jeder für sich selbst nachvollziehen und nachempfinden kann.

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Walden-See im Winter:

„Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl es sei mir eine
Frage gestellt worden, die ich im Schlaf vergeblich zu beantworten versucht
hatte: was – wie – wann – wo? Doch da schaute die frühmorgendliche Natur,
in der alle Geschöpfe leben, gelassen bei mir zum Fenster herein und
machte keineswegs ein fragendes Gesicht. Ich fand beim Erwachen
eine bereits beantwortete Frage vor – Natur und Tageslicht.“

Es kann kein Zufall sein, dass Thoreaus Geschichte des ersten Tiny Houses und einer neuen Lebensphilosophie ausgerechnet im Manesse Verlag erschienen ist. Hier haben sich Autor und Verleger über die Grenzen der Zeit gefunden und sind eine Symbiose eingegangen, die Symbolcharakter hat. Welches Buch könnte besser davon erzählen, wie reinigend es sein kann, sich im Minimalismus wiederzufinden? Welchem Buchformat würde man diese Philosophie abkaufen, wenn nicht einem Tiny Book, das selbst dafür steht, nicht großformatig durchs Lesen zu gehen? Tiny House meets Tiny Book. Beide stehen für Lebensqualität und die Konzentration auf das Wesentliche. In beiden Philosophien (ob Lebens- oder Verlagsphilosophie) geht es nicht um Nostalgie. Hier ist die Zukunft fest im Blick. Es geht nicht um Größe und knallige Effekte. Es geht um den Kern aller Fragen. Kann ich so leben, kann ich so lesen? Verlockend und für mich ein wundervoller Dialog aus Geschichte und Medium.

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Und im Ernst. Sollte man sich jemals für ein Tiny House entscheiden, mit welchem Buchformat ließe sich eine vergleichbar umfangreiche Bibliothek aufbauen? Da müssen schon die kleinen Großen aus dem Hause Manesse ins Tiny Regal…

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