Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Nacht ohne Sterne von Paula McLain - AstroLibrium

Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Schuster, bleib bei deinen Leisten. Das war mein erster Gedanke, als ich sah, dass sich die amerikanische Bestseller-Autorin Paula McLain mit Nacht ohne Sterne in ein Genre vorgewagt hatte, das ich niemals mit ihrem Namen in Verbindung gebracht hätte. Ich bin ein Fan ihres Schreibens, liebe die präzisen Charakterzeichnungen aus ihrer Feder und habe ihre historischen und zugleich biographischen Romane mit sehr viel Interesse gelesen. Ich folgte ihr mit „Madame Hemingway“ und „Hemingway & ich“ in das Eheleben des wohl größten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, lernte die Frauen an seiner Seite kennen, durchlebte mit ihnen die zerstörerische Zerrissenheit in seiner Gefühlswelt und seine toxische Männlichkeit. Ohne diese beiden Bücher wäre mein Bild von Ernest Hemingway ein anderes. Und zuletzt flog ich mit Paula McLain und ihrer „Lady Africa“ über einen Kontinent, den ich zuvor nur von der großen Tania Blixen so plastisch vor Augen geführt bekam. Biographisch geprägte Begegnungen und perfekt recherchierte historische Settings sind McLain´s absolutes Markenzeichen.

Und jetzt das. Glaubt man dem Klappentext (und ich kann vorwegnehmen, dass man dies schon aus Selbstschutz tun sollte) dann haben wir es bei „Nacht ohne Sterne“ mit einem literarischen Thriller zu tun, der sich mit vermissten Kindern, einer Ermittlerin mit einer dramatischen Vorgeschichte, mit den Folgen von Adoptionen und einer Reihe von Mädchen beschäftigt, die spurlos verschwunden sind.  Ein Genre-Sprung, den ich nicht erwartet hätte. Ein Thriller, der augenscheinlich in die dunkelsten Welten abtaucht, die von sexuellem Missbrauch, traumatisierten Eltern und Angehörigen und der ständigen Angst vor dem Verlust des eigenen Kindes gekennzeichnet sind. Ein Themenbereich, der bei vielen Lesern und besonders Leserinnen Triggerpunkte auslöst, die man ernst nehmen sollte. In dieser Hinsicht ist der Klappentext nichts anderes als eine faire und deutliche Warnung an die Menschen, die solche Geschichten lieber meiden, weil sie ihnen zu nah gehen.

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Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Paula McLain steht für Tiefgang und Unterhaltung mit literarischen Anspruch. In mir erwachte sofort eine unbändige Neugier, was sie dazu veranlasst hatte, das Genre zu wechseln und wie sich ein Thriller aus ihrer Feder liest. Die Erwartungen waren so hoch wie die Messlatte, die sie selbst in schwindelerregende Höhen geschraubt hatte. Wir befinden uns in Mendocino und schreiben das Jahr 1993. Aus kriminaltechnischer Sicht ein dunkles Ermittlungszeitalter ohne Internet, Handy, Navigationssysteme und landesweite Datenbanken zum Abgleich genetischer Täterprofile. Intuition und wahre detektivische Handarbeit waren hier gefragt, wollte man Tätern auf die Spur kommen. Und genau das ist die Profession der Ermittlerin Anna Louise Hart. Eine Profession, die in ihrem Leben Spuren hinterlassen hat. Sie ist eine Getriebene, wenn es darum geht, mysteriöse Fälle zu lösen, in denen es um spurlos verschwundene, misshandelte oder entführte Kinder geht. Ein dramatischer eigener Verlust, das Scheitern ihrer Ehe und eigene Probleme mit den Traumatisierungen aus ihrer Jugend bringen sie an den Punkt, an dem nichts mehr geht.

Sie zieht sich aus San Francisco zurück, um sich eine Auszeit zu gönnen und zu sich selbst zurückzufinden. Es gibt nur einen einzigen Ort, an dem sie zur Ruhe und letztlich auch zu der alten Anna Louise Hart finden kann, die sie einmal war. Wäre da nicht ein verschwundenes Mädchen, das ganz Mendocino in Atem hält, wäre da nicht die Erinnerung an ein entführtes Mädchen in ihrer eigenen Jugendzeit in diesem Kaff und wäre da nicht ein weiterer Vermisstenfall in unmittelbarer Nachbarschaft, es hätte gelingen können. Reflexartig mutiert die ausgebrannte Ermittlerin zur Suchmaschine und bietet dem Sheriff, einem Jugendfreund aus alten Zeiten, ihre Hilfe an. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Kann es Anna mit ihrer legendären Intuition gelingen, die erst 15-jährige Cameron Curtis aufzuspüren? Kann sie diesen Fall lösen oder verlangt sie auch hier wieder zu viel von sich selbst und geht am eigenen Anspruch zugrunde?

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Es ist das Setting, das an herkömmliche Thriller erinnert und viel Potenzial in sich trägt, um eine nervenaufreibende und spannungsgeladene Geschichte zu erzählen. In den ersten Kapiteln jedoch erkenne ich mehr. Ich erkenne die Tiefe der Charaktere, in die sich Paula McLain hineinversetzt. Ich fühle die Wortgewalt ihrer Beschreibungen, mit denen sie sich Land und Leuten nähert. Sie nimmt sich den Raum, um jenen Raum zu geben, um die es hier geht. Empathie und die Folgen unsäglicher Verbrechen sind hier eng miteinander verbunden. An der Seite von Anna Louise Hart bewegen wir uns auf den Grenzlinien des Unfassbaren. Niemals flach, niemals schablonenhaft und nie ohne unmittelbare Auswirkungen auf unsere Denk- und Gefühlswelten. Sie geht den Ursachen auf den Grund, analysiert Opfer, mögliche Täter und die Angehörigen. Sie legt ihre Finger in alle Wunden, die durch Kindesmissbrauch aufgerissen werden. Sie beschreibt die Folgen von Adoptionen, den Identitätsverlust junger Menschen, deren leibliche Eltern versagt haben. Sie zieht ihre literarischen Schlingen aus Ursachen und Wirkungen immer enger zusammen, bis sich tiefste Beklemmung breitmacht. Sie wirkt wie eine Getriebene im Schreiben und damit ähnelt sie ihrer eigenen Ermittlerin.

Es ist die literarische Wucht ihrer bisherigen Romane, die hier zum Tragen kommt. Es sind die Abgründe der menschlichen Psyche, in die sie uns blicken lässt und es ist das Überraschende, das uns hier erschaudern lässt. Denn Paula McLain erzählt in all ihrer fiktionalen Fabulierkunst nicht nur fiktionale Vermisstenfälle. Sie beschreibt auch ein tatsächliches Verbrechen, eine tatsächliche Entführung, ein reales Opfer. Nicht im kleinen Mendocino, sondern nur wenige Meilen entfernt verschwindet die junge Polly Hannah Klaas. Es ist der zweite Fall in kurzer Zeit, der hier für Aufsehen sorgt. Paula McLain greif auf das Reale zurück, um ihren fiktionalen Fall zu konturieren. Hier greift sie auf Fakten zurück und beschreibt die unterschiedlichen Wege, wie eine Gemeinde nach ihren Kindern sucht. Es ist bewegend und berührend, in diesem Thriller erleben zu dürfen, was Zusammenhalt und Solidarität bewegen können. Anna Louise Hart sucht nach einem gemeinsamen Muster, nach einem Schema, nach einem Serientäter…

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Als ein dritter Fall hinzukommt verdichtet sich der Erzählraum zu einem Theater des Schreckens. Anna zieht mit größtem Einsatz in den Kampf, bewältigt dabei nicht nur ihre eigenen Traumatisierungen, sondern verliert auch nicht das Verschwinden des Mädchens in ihrer eigenen Jugendzeit aus den Augen. Kann sie in diesem Orkan aus Gewalt bestehen? Geht sie mit allen Strömungen der Ermittlung richtig um? Sie öffnet sich nicht nur dem traditionellen Profiling. Sie geht viele Schritte weiter und wagt einen Blick in die geheimnisvolle Welt des Mysteriösen. Wir folgen ihr durch die Wälder, den weiten Weg zurück zu ihrer eigenen Pflegefamilie in Mendocino und erkennen Muster, die immer deutlicher zutage treten. Und immer dann, wenn wir an ihrer Seite zweifeln und den Glauben verlieren, ist es die Autorin, die uns mit Sätzen wie diesen Hoffnung macht.

„Die Geister der Kinder, denen Sie geholfen haben, die hängen an Ihnen wie Sterne. Sie sind überall um Sie herum, sogar in diesem Augenblick.“

Warum man diesen Thriller lesen sollte? Weil das Sternbild der verlorenen Kinder so strahlend hell leuchtet, dass man es kaum ertragen kann, die „Nacht ohne Sterne“ zu erleben. Weil die Charaktere in diesem Roman so greifbar sind, dass man sich mit ihnen identifizieren kann, solange sie auf der Seite des Guten stehen. Weil es auch im wahren Leben Zufälle gibt, die Leben retten. Weil ein zugelaufener Hund mehr als nur ein Zeichen ist. Weil eine Hellseherin ihren Ruf verdient und weil dieser Roman nicht nur eine fiktionale, sondern eben auch reale Denk- und Streitschrift für jene zahllosen Opfer sexueller Gewalt gegen Kinder ist. Und doch bleiben Fragen. Darf man in einen Thriller einen echten Vermisstenfall integrieren? Warum schreibt Paula McLain dieses Buch so voller Kraft und Gefühl? Geht sie nicht auch mit sich selbst zu weit, wenn sie uns in den Strudeln der Gewaltspiralen in die Tiefe zieht? Keine Sorge. Diese Fragen bleiben nicht offen.

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Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Es ist ist „Anmerkung der Autorin“ in der Paula McLain letztlich die Maske lüftet und sich ihres Schutzschilds entledigt. Es sind Sätze, die dieses Buch zu einem Ereignis werden lassen. Es sind Worte, die sich einbrennen und dem Thriller einen neuen und völlig unerwarteten Sinn verleihen. Es ist ein Bekenntnis, das unerwartet kommt und sich tief in die Herzen der Lesenden einbrennt. Ich verneige mich vor diesem Roman und seiner Autorin. Es ist kein Genre-Sprung, den sie hier vollführt. Es ist die logische Konsequenz ihres Schreibens… Chapeau.

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Achtsam morden von Karsten Dusse [Hörbuch]

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Kann ein Thriller lustig sein? Ist es möglich, dass man sich königlich amüsiert, wenn ein Mensch bei 40 Grad Celsius Außentemperatur im Kofferraum eines in praller Sonne geparkten Fahrzeugs qualvoll stirbt? Ist es denkbar, dass man bei genau dieser Szene laut auflacht und sich vor Freude auf die Schenkel klopft? Kann das sein? Ich sage: JA. Das kann nicht nur, das ist so, wenn man sich mit dem Roman „Achtsam morden“ aus der Feder von Karsten Dusse beschäftigt. Dieser Thriller ist literarische Mogelpackung und ungebetener Lebensratgeber zugleich. Er ist der vibrierende Spannungsbogen, der sich über eine Geschichte voller Zufälle, Abgründe und Skurrilitäten spannt. Er ist nicht nur allerbeste Unterhaltung auf höchstem Niveau, er ist die perfekte Persiflage auf alle therapeutischen Lebenswegbegleiter, die uns im wahren Leben begleiten. (Hören)

Achtsam morden von Karsten Dusse - Die Rezension fürs Ohr

Achtsam morden von Karsten Dusse – Mit einem Klick zum Audio-PodCast

Nichts geht ohne Therapie. Kein Konflikt kann selbständig bewältigt werden. An jeder Ecke wartet ein Ratgeber oder Therapeut, der in der Lage ist, uns auf den rechten Weg zu bringen. So ist es auch im Leben von Björn Diemel. Seine Ehe scheint gescheitert, seine Tochter fühlt sich vernachlässigt und die Work-Life-Balance ist gehörig aus dem Lot geraten. Der erfolgreiche Anwalt und Workaholic verbringt mehr Zeit in der Kanzlei, als mit der eigenen kleinen Familie. Jetzt ist Schluss damit. Seine Frau Katharina setzt ihm das Messer an den Hals, die Pistole auf die Brust und macht ihm die Ehehölle heiß. Entweder er belegt ein „Achtsamkeitsseminar“ oder die Beziehung endet sofort! Jetzt heißt es, retten, was noch zu retten ist und Björn begibt sich skeptisch in die versierten Hände eines Achtsamkeitstrainers.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Klingt alles nach Beziehungs-Story. Klingt harmlos. Klingt alles nicht nach Mord und Totschlag. Wäre da nicht der Autor selbst, alles könnte ganz normal verlaufen. Karsten Dusse jedoch hat anderes im Sinn mit seinen Protagonisten. Der Jurist und Anwalt, der sein Situationskomik- und Satiretalent jedoch häufig fürs Fernsehen unter Beweis stellt (man achte nur auf die Texte im TV-Format „Ladykracher“) schöpft bei der Kombination aus Anwaltsszenario und Ehetherapie aus dem Vollen. Sein Anwalt betreut im Namen der Nobelkanzlei den halbseidenen Mafiaboss Dragan. Sprich, er haut den Kriminellen mit allen juristischen Finessen aus allen Problemen heraus, die dessen Engagement in den Bereichen Prostitution, Drogenhandel, Raub, Erpressung und Mord betreffen. Björn Diemel ist das juristische Schutzschild des organisierten Verbrechens. Er verdient gut, muss jedoch immer auf Achse sein, wenn Dragan mal wieder in Problemen steckt. Klar, dass dieser Job oft wichtiger ist, als ein gemeinsames Essen mit Frau und Kind. 

Das verordnete „Achtsamkeits-Seminar“ schadet nun seiner Flexibilität, die er für Dragan unbedingt benötigt. Andererseits öffnet ihm sein Achtsamkeits-Coach schon in der ersten Therapiesitzung die Äuglein für einige Fehlwahrnehmungen, die sein Leben nicht gerade einfacher machen. Hier legt Karsten Dusse so richtig los. Jetzt hat er uns und seinen Anwalt an der Angel, um durch das Drehen ganz kleiner Stellschrauben ein Szenario loszutreten, das im Thriller-Genre seinesgleichen sucht. Und das geht so: Es ist Wochenende. Björn hat seiner Frau hoch und heilig zugesagt, sich um seine kleine Tochter zu kümmern. Ein Bewährungswochenende. Und was fällt dem Psycho Dragan ein? Pures Chaos und die sofortige Anweisung an seinen bezahlten Retter, ihm sofort beizustehen. Natürlich verbunden mit Drohungen für Leib und Leben.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Es wird doppelt eng für Björn. Die Kombination aus Ehe- und Dragan-Stress ist nicht zu bewältigen. Außer man wendet das frisch im Achtsamkeits-Seminar erlernte Wissen auf beide Bereiche an. Ehe und Mafia. Einatmen-, ausatmen. Die Überschriften seiner Therapiesitzungen werden zum Mantra seines Handelns und zugleich zu den Headern der einzelnen Kapitel dieses Hybrid-Romans.

– Entspannungsdreiklang
– Zeitinseln
– Singletasking
– Digitales Fasten
– Absichtsvolle Zentrierung
– In-sich-hinein-lächeln und
– Innerer Widerstand

werden zu Wegweisern in einem Unterhaltungs-Thriller, den man sein Leben lang nicht vergessen wird. Versprochen. Was eigentlich für die Ehe gedacht ist, wird auf die Mafia umgemünzt. Atemübungen und Zentrierung helfen dabei, wenn zeitgleich Dragan im Kofferraum verschmort. Ein entspannter Badeausflug mit seiner Tochter wird erst zu einem richtigen Spaß, wenn man die Perspektive wechselt und ganz besonnen die Zeit mit dem lieben Töchterchen mit Dragans Zeit im Glutofen des Kofferraumes vergleicht.

Und während ich Emily alle halbe Stunde mit Sonnenschutzfaktor 50 einsprühte, heizte sich Dragans Kofferraum, vor dem Haus in der prallen Sonne stehend, auf 59,7 Grad auf.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Auch das Problem der Beseitigung der Leiche löst sich viel leichter, wenn man sich die Lehren der Achtsamkeit vor Augen führt. Klar, dass sich unser guter Anwalt mit der Ermordung eines Killers eine Kette weiterer Ärgernisse einhandelt, denen er sich in der Folge zu stellen hat. Karsten Dusse greift dabei Themen auf, die man zu keiner Zeit auf der Liste hat. Ihm gelingt mit seinem lakonisch-ironischen Stil der Spagat zwischen der Realsatire und dem bluttriefenden Thriller. Es geht echt hart zu. Keine Frage. Hier wird mit Stromstößen gefoltert, geprügelt und gehäckselt. Hier finden sich alle Zutaten eines echten Thrillers. Aber es finden sich eben auch alle Elemente, die wir benötigen um im schallenden Gelächter zusammenzubrechen. Brutalität und Komik gehen hier eine sehr achtsame Symbiose miteinander ein, von der jede Seite profitiert.

Wie es Karsten Dusse gelingt, eine in sich geschlossene Story vorzulegen, die bis zu ihrem grandiosen Ende perfekt funktioniert? Das muss man selbst lesen oder hören. Wie er es schafft, das organisierte Verbrechen mit dem Betrieb einer Kindertagesstätte in Einklang zu bringen, ist nicht nur einmalig, sondern persifliert die Realität in nie zuvor erlebter Weise. Ich lache jetzt noch.

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Achtsam morden von Karsten Dusse

Absichtsvolle Zentrierung

Ich habe Karsten Dusses Regelwerk der Achtsamkeit beherzigt. Ich habe mich auf die Hörbuchfassung des Romans konzentriert. Einerseits konnte ich so verhindern, die Seiten eines Buches mit Lachtränen zu durchnässen und andererseits kam ich in den Genuss des Vortrags von Matthias Matschke. Man kennt den Schauspieler als Bruder von Bastian Pastewka in der gleichnamigen Fernseh-Serie „Pastewka“. Wenn man je von einer Idealbesetzung für ein Hörbuch sprechen konnte, dann hier. Wenn man von einer kongenialen Adaption eines Schreibstils in das gesprochene Wort träumen durfte, dann hier. Matthias Matschke spricht diesen Thriller nicht, er lebt ihn. Lakonisch und in jeder einzelnen Situation so tiefgründig lustig, dass es dem Buch die Krone aufsetzt.

Achtsam morden von Karsten Dusse war für den Deutschen Hörbuchpreis 2020 in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ nominiert. Dies ist dem intelligenten Roman und der grandiosen Sprecherleistung geschuldet. Der Sieg in dieser Kategorie war sehr verdient. Herzlichen Glückwunsch zur Meisterleistung dem Team Dusse / Matschke!

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Das Kind in mir will achtsam morden von Karsten Dusse

Ach ja. Wer achtsam Blut geleckt hat. Es geht weiter. Im Mai erscheint: „Das Kind in mir will achtsam morden„. Das Kind im Mann fordert seine Rechte ein. Vorfreude pur.

Der Kinderflüsterer von Alex North [Hörbuch]

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

»Wenn die Tür halb offen steht, ein Flüstern zu dir rüberweht.
Spielst du draußen ganz allein, findest du bald nicht mehr heim.
Bleibt dein Fenster unverschlossen, hörst du ihn gleich daran klopfen.
Denn jedes Kind, das einsam ist, holt der Flüsterer gewiss.«

Klingt das nicht wundervoll beruhigend? Nein? Es klingt eher wie ein Albtraum, der eine ganze Kindheit unter Vorbehalt stellen kann? Ein Kinderreim in der guten Tradition von „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ oder noch schlimmer? Ihr habt Gänsehaut beim Lesen dieser Zeilen? Na dann versetzt Euch mal in die Lage eines siebenjährigen Jungen, der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter mit seinem Vater umzieht, um den Neuanfang an einem neutralen Ort zu wagen. Und dann stellt Ihr Euch einfach vor, der Ort sei gar nicht so neutral, wie man es vermuten sollte. Er ist blutgetränkt, belastet und hat eine grausame Vorgeschichte, die alles in den Schatten stellt.

Denn genau hier im beschaulichen Featherbanks hat er vor fast zwanzig Jahren zugeschlagen. „Der Kinderflüsterer. Fünf Kinder hat er entführt und getötet. Kinder, von denen eines bis zum heutigen Tag nicht gefunden wurde. Dass jedoch keines von ihnen überlebt hat ist unstrittig. Der Serienmörder sitzt seitdem im Gefängnis und rühmt sich seiner Taten. Sein Flüstern hat die Kinder angelockt. Sein Flüstern sorgt noch jetzt für Angst und Schrecken, wenn man sich daran erinnert. Gut nur, dass er damals diese Morde gestanden hat und lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen wurde. Kein Grund mehr zur Sorge also. Sollte man meinen.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Gäbe es da nicht eine aktuelle Entführung, die dem Muster der Vergangenheit zu gleichen scheint. Ein Junge verschwindet und erste Gerüchte machen die Runde, der „Kinderflüsterer“ könne einen Komplizen gehabt haben, der nun sein Werk weiterführt. Dieser Restart von Tom Kennedy und seinem Sohn in Featherbanks könnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt erfolgen, weil auch der kleine Jake plötzlich dieses Flüstern vor seinem Fenster hört. Eine brillante Ausgangssituation für einen Thriller, der in Mark und Bein einzudringen versteht. Das Spiel mit kindlicher Angst, Fantasie und Einbildung ist so unglaublich spannend inszeniert, dass es dem Leser und Hörer mehrfach den Atem raubt. Gänsehaut wird zum Wegbegleiter durch einen nicht alltäglichen Psychothriller. 

Alex North vereint in seiner Story einige Stilelemente des Genres, die sie zum Ritt auf dem angespannten Nervenkostüm seiner Leser und Hörer machen. Ein Cold Case ohne Leiche; ein Polizist, der seit zwanzig Jahren keine Ruhe findet und mit den Fällen niemals abschließen konnte; ein „Kinderflüsterer“, der im Gefängnis residiert und sein Motiv wie eine Büchse der Pandora hütet und den Ruf als Legende genießt; ein Junge, der ins Beuteschema passt und ein Vater, der in den entscheidenden Situationen nicht konzentriert genug ist, um die Gefahren zu erkennen. Zu sehr ist er mit sich selbst und dem Tod seiner Frau beschäftigt. Zu sehr ist er von der neuen Situation abgelenkt, um die Verhaltensauffälligkeiten seines Sohnes wahrzunehmen oder gegen sie anzugehen.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Es kommt, wie es kommen muss. Und doch kommt es anders, als es der geneigte Leser und Hörer vorhersehen kann. Alex North hat seinen mehrdimensionalen Thriller so facettenreich konstruiert, dass wir ihm in einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Arglosigkeit recht hilflos gegenüberstehen. Das Wechselbad der Gefühle ufert aus und zieht uns in den Strudel hinein. Natürlich wird der „Cold Case“ von einst wieder warm. Natürlich muss sich der Detective, der ihn nicht lösen konnte, vor dem Hintergrund der aktuellen Entführung ins Gefängnis begeben, um mit dem Serienmörder zu reden. Und natürlich genießt dieser die neue Aufmerksamkeit. Ein Psychospiel nach dem Vorbild des guten alten Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“ beginnt.

Alex North hat im Verlauf seines Thrillers eine Vielzahl von Überraschungen auf Lager, die immer mehr Benzin ins Feuer gießen. Er verbindet die handelnden Figuren miteinander, lässt viele Zeitebenen verschwimmen und befeuert eine Handlung, die ab einem bestimmten Zeitpunkt als kaum noch steigerungsfähig empfunden wird. Und es geht doch steil aufwärts in der Spannungskurve. Dabei gelingt Alex North in zweifacher Hinsicht besonderes. Er schreibt uns eine Geschichte in den Kopf, in der er uns zwingt, ihr in unserer kindlichen Erinnerung perfekt zu folgen und ganz nebenbei identifiziert er uns mit dem Vater des Jungen, der an seiner Rolle zu verzweifeln scheint. Ein Flüstern zieht sich magisch durch diese Geschichte und als auch noch der kleine Jake Kennedy verschwindet, entwickelt sich der Pageturner zum explodierenden Pulverfass.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Nichts für schwache Nerven. Keine Story für Menschen, die mit physischer und psychischer Gewalt gegen Kinder in einem Thriller Probleme haben. Ängste sind hier nicht nur Thema und Rahmen. Sie werden greifbar. Das Flüstern wird im Hörbuch zu einem Stilelement, das nicht nur Gänsehaut verursacht. Alex North bereichert diese Geschichte durch ein fast schon paranormales Wahrnehmungselement, das berührend und bewegend zugleich ist, dem es jedoch nicht an Plausibilität fehlt. Selbstgespräche erhalten hier eine ganz neue Dynamik. Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zeugen im Zusammenhang mit den Ereignissen von einer ganz eigenen Welt, die sich uns oftmals gänzlich verschließt.

Stefan Kaminski brilliert in der Hörbuchfassung von Random House Audio. Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler, Sprecher und Stimmkünstler beeinflusst durch seine Interpretation der Charaktere den Spannungsbogen des Romans auf besondere Weise. Sein Wechsel zwischen der kindlichen Verunsicherung von Jake Kennedy und dem arroganten Tonfall des Kinderflüsteres ist äußerst subtil und verstörend, weil man sich eine solche Geschichte so nicht selbst vorlesen kann. Wenn man Angst hör- und greifbar machen möchte, ist er die perfekte Besetzung. Wie die Schmetterlinge, die im Roman eine nicht unwichtige Rolle spielen, entpuppt sich auch der Sprecher hier von Kapitel zu Kapitel immer mehr, bis er seine volle Pracht zeigt.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Leser und Hörer der „Krähenmädchen-Trilogie“ von Erik Axel Sund kommen auch hier auf ihre Kosten. Die Perspektive des verängstigten Kindes erreicht das Niveau von „Raum“ aus der Feder von Emma Donoghue. Ich kann dieses Hörbuch nur wärmstens empfehlen, weil es der Dramatik des Buches die Ebene Stimme hinzufügt, ohne die ich das Flüstern schnell aus meiner Wahrnehmung verdrängt hätte. Grandios…

„Blutmond“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Willkommen zurück in Kopenhagen. Willkommen zurück in der Thriller-Welt von Katrine Engberg. Willkommen zurück im Szenario skandinavischer Kriminalromane. In einer Welt, die allein schon durch dieses aufgeprägte Siegel Spannung und Tiefgang in Hülle und Fülle verspricht. Dabei hebt sich Katrine Engberg so erfreulich vom Klischee der dunklen, existenzbedrohenden und zumeist extrem blutigen Genre-Kollegen ab. Es ist spannend, was sie schreibt, es ist aufwühlend und facettenreich, aber es ist niemals der extreme Ritt auf der Rasierklinge des Wahnsinns. Es ist keine Gratwanderung auf den strapazierten Nerven ihrer Leser.

Der „Krokodilwächter“ hat zum Auftakt ihrer Kopenhagen-Serie deutlich gezeigt, was wir zu erwarten haben. Ein unverbrauchtes Ermittlerteam, spannende Szenarien und Kriminalfälle, die nicht gleich in Blutorgien ausufern. Dazu ein paar Charaktere, die vom Lokalkolorit geprägt, nahbar und plausibel sind. Nun ist der zweite Teil erschienen. „Blutmond“ ist durchaus als eigenständiger Roman lesbar. Keine Frage. Wer aber im Bilde sein möchte, wie sich das Leben der beiden Ermittler in sechs Monaten verändert, der möge zum Krokodilwächter greifen, bevor er den Blutmond aufgehen lässt. Es ging im ersten Fall von Jeppe Kørner und Anette Werner im Schwerpunkt um einen Mord, der dem Muster eines Romanmanuskriptes zu folgen schien. Brillant konstruiert und in jeder Beziehung lesenswert. Für mich jedoch nur die Ouvertüre einer Reihe, die sich im Schwerpunkt mit den Menschen auseinandersetzt, die hier auf Verbrecherjagd gehen.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Und hier liegt die absolute Stärke des neuen Thrillers Blutmond. Hatte ich noch in der Rezension des Auftaktbandes geschrieben:

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

… so öffnet sich im zweiten Band der Serie ein neues Kapitel in der Annäherung an zwei Menschen, die wir eigentlich zu kennen glauben. Polizisten mit Ecken und Kanten. Profiler mit konturiertem Profil. Charaktere voller Potenzial und einigen im Verborgenen liegenden Schwächen, die man noch entdecken sollte. Der aktuelle Fall erwischt beide auf dem falschen Fuß. Eigentlich sieht alles nach einem Routinefall aus. Ein erfrorener Penner im Stadtpark. Nichts für die Mordkommission. Und schon gar nicht für Ermittler, die gerade so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass jeder neue Fall nur störend auf die Psyche wirken würde.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Denn diesmal wartet nach einem fulminanten Start des Kopenhagen-Thrillers mit einer Prostituierten, einem sehr übereifrigen Kunden, einem Park und einem plötzlich auftauchenden Hilfe-röchelnden Penner, der dann auch noch verstirbt, eine Story auf uns, in der uns die beiden Ermittler nähergebracht werden, als je zuvor. Der Fall nimmt nur langsam Fahrt auf. Aus dem Erfrorenen wird bei der Obduktion ein Ermordeter. Aus einem Penner wird die schillerndste Gestalt der dänischen Modeszene. Und aus einem normalen Mord wird eine zutiefst hinterhältige und erschreckende Vergiftung, die dazu führt, dass der Betroffene sich quasi innerlich auflöst. All dies während Jeppe Kørner und Anette Werner eher Zeit für sich selbst bräuchten, als sich hier zu engagieren.

Ehe kaputt, Einsamkeit, Lebenskrise und eine neue Liaison im beruflichen Umfeld. Das sind Jeppes Probleme, während sich Anette zunehmend um ihre Gesundheit sorgt und mit körperlichen Beeinträchtigungen kämpft. Kein guter Start in einen Fall, der die gesamte Kopenhagener Modeszene in Aufruhr versetzt. Die Haute Couture mutiert zur Brutstätte von Neid, Missgunst, Verleumdungen und gerät unter Generalverdacht. Wir würden mit den Ermittlern noch lange im Trüben fischen, gäbe es nicht die altbekannte Amateur-Schriftstellerin Esther de Laurenti, der es gelingt, lose Fäden miteinander zu verbinden und Lücken zu schließen. Hier hat der Zufall einen schillernden Namen.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Esther liefert den initialen Hinweis, der als Missing Link im Thriller lange auf sich warten ließ. Der beste Freund von Jeppe, eine Sängerin und das Mordopfer werden in neuem Zusammenhang sichtbar. Als ein zweiter Mord die Szene erschüttert, wird klar, an wessen Fersen man sich zu heften hat. Sonnenklar. Denkt zumindest der treue und leichtgläubige Leser. Katrine Engberg jedoch macht es uns nicht leicht. Sie schlägt im Kopenhagener Großstadtsumpf Haken, wie ein angeschossenes Kaninchen. Kaum hat man einen Verdacht, biegt sie mit der gesamten Handlung ab und öffnet eine neue Tür zu weiteren Verdächtigen. Alle plausibel, alle mit Motiv, alle denkbar, aber zuletzt bleibt nur eine einzige Lösung, die man kaum vorhersehen kann.

Szenisch perfekt in das Bild einer Modemetropole eingebettet, flankiert durch sehr stark ausgeprägte Charaktere, garniert mit Drogen, Alkohol und Geltungssucht bringt uns die Autorin in der gar nicht heilen Modewelt fast um den Verstand. Die Schwächen ihrer Ermittler machen sie nahbar und ermöglichen es dem Leser, sich empathisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Eigentlich ist die Modeszene gar nicht mein Metier. Dieser Kosmos ist mir fremd und wirkt zu künstlich. Gerade daraus entwickelt Katrine Engberg einen explosiven Mix als Nährboden für Gewaltverbrechen. Der Blick hinter die Kulisse des Vorhangs ist erhellend. Lesespaß pur. An der Seite von Jeppe Kørner und seiner Kollegin Anette Werner ist Kopenhagen auch diesmal eine Reise wert. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man sich schon jetzt auf die weiteren Streifzüge durch eine Stadt freuen kann, die dunkler und geheimnisvoller ist, als es den Anschein hat.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Wir können ja ein Thriller-Spiel spielen. Schreibt Euch doch in der Mitte des Thrillers zwei mögliche Täter oder Täterinnen auf und vergleicht sie am Ende mit dem Ergebnis, das Euch von den beiden Profis Kørner und Werner präsentiert wird. Ich wette darauf, dass Ihr mit beiden Namen falsch liegen werdet. Garantiert. Ein starker zweiter Teil der Serie. Klasse besetzt, Schickeria und Haute Vaulé in der Haute Couture lassen grüßen. Und selbst für hochbezahlte Fashion-Blogger ist Raum. Da wird man schon ein wenig neidisch, wenn man deren Stellenwert in der Modeszene vor Augen geführt bekommt. Katrine Engberg hat sich in diese Welt perfekt hineinrecherchiert. Großes Kompliment. Selbst für Leser ohne Affinität zur Modeszene absolut plausibel und nachvollziehbar in Konstruktion und Erzählweise.

Ich habe die prachtvolle und im Cover detailverliebte Diogenes-Ausgabe gelesen und bin unterwegs nahtlos im Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingetaucht. Die perfekte Allround-Lösung, da „Blutmond“ keine Unterbrechungen duldet. Dietmar Bär überzeugt auch hier als Sprecher. Seine Intonation führt uns zielsicher durch den durchaus umfangreichen Cast an Charakteren. Es muss ihm Freude bereitet haben, in regelmäßigen Abständen die Richtung neu vorzugeben und mit der Stimme des Täters allwissend die Richtungswechsel einzuleiten. Starke Momente einer szenischen und in jeder Beziehung packenden Produktion. Manchmal erzeugt er sogar da Spannung, wo ich sie beim Lesen mit meiner eigenen inneren Stimme überhört habe. Grandios.

Der Cliffhanger, den uns Katrine Engberg bis zum nächsten Teil der Serie auf die Fahne schreibt, ist brillant. Der staunende Leser fragt sich nämlich, wie Anette Werner mit ihren „gesundheitlichen Problemen“ weiter auf Verbrecherjagd gehen kann. Ich bin schon sehr gespannt. (Und das ist fürwahr kein Spoiler!)

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

„Blutmond“ von Katrine Engberg
Buch: Diogenes Verlag / 480 Seiten / Hardcover / dt. von Ulrich Sonnenberg / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / gekürzte Lesung mit Dietmar Bär / 6 CDs / 7 Std. 49 Min / 22 Euro

[Thriller] Suche mich nicht von Harlan Coben

Suche mich nicht von Harlan Coben – AstroLibrium

Suche mich nicht von Harlan Coben

Es ist seine Masche. Er ist damit extrem erfolgreich. Er schreibt keine Buchreihen. Er setzt Geschichten in die Welt, die Sehnsuchtsmomente in den Mittelpunkt stellen. Er ist in der Lage, Serienmördern den blutigen Weg zu ebnen und gleichzeitig Gefühlswelten entstehen zu lassen, die uns mit den Opfern seiner Thriller mitfühlen lassen. Es geht in seinen Romanen immer wieder um zentrale Themen, wie Verlust, den Zusammenbruch einer vormals heilen Welt und die Suche nach dem Warum. „Ich vermisse dich“, „Ich schweige für dich“, „In deinem Namen“ und „In ewiger Schuld“. Seine Titel sind hier Programm. Sie stehen für seine Romane und die Protagonisten, die wir an seiner Seite durch die schwerste Phase ihres Lebens begleiten dürfen.

Harlan Coben. Mehr muss man fast nicht sagen. Thriller können romantisch sein. Es ist möglich, verzweifelt Liebende auf die Suche nach verschwundenen Menschen durch kriminelle Szenarien zu jagen und es wühlt immer wieder auf, was er uns erleben lässt. Nun greift er mit seinem neuen Roman nach den reinen und unbefleckten Vaterherzen. Er schreibt uns ein Desaster ins Stammbuch, das kaum zu verkraften ist und dem man sich nicht entziehen kann, wenn man nur ein einziges Mal in seinem Leben gespürt hat, was es heißt Vater zu sein. Er lässt eine Tochter verschwinden. Spurlos. Grundlos. Sie hinterlässt nur eine einzige Nachricht, die unmissverständlicher nicht sein kann und die man als Vater kaum verkraftet:

Suche mich nicht!

So lautet auch der Titel des neuen Thrillers aus der Feder von Harlan Coben. Und genau mit dieser Botschaft reißt er die ersten Lücken in die Verteidigungshaltung seiner Leser, die immer behaupten würden, „das kann mir nicht passieren“. Oh doch. Kann es. Ich würde diese Botschaft ignorieren, ich würde mich auf die Suche machen, ich würde alle Hebel in Bewegung setzen um sie zu finden. Und vor allem würde ich herausfinden wollen, warum sie ihre Eltern und ihre beiden Geschwister so plötzlich verlassen hat. In diesem Fall wäre das genau der Fall, der mich aus der Bahn werfen würde. Da bin ich ganz bei Simon. Vom ersten Moment an. Er ist der Vater von Paige. Er vermisst seine Tochter, er findet keinen Grund für ihre Flucht und er kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau ihm klarzumachen versucht, dass man das einfach mal zu akzeptieren habe.

Nein. Ingrid ist da keine große Hilfe. Sie ließ ihre Tochter gehen und jetzt liegt es am Vater, gegen den Widerstand seiner eigenen Frau und gegen den Willen seiner Tochter beharrlich nach seinem Mädchen zu suchen. Dabei ist New York nicht gerade perfekt, um jemandem auf die Fährte zu kommen, der untertauchen will. Deshalb dauert es ein halbes Jahr, bis er zufällig auf seine Tochter stößt. Das Szenario, mit dem uns Harlan Coben hier konfrontiert ist herzzerreißend, wenn man sich mit der Situation von Simon auseinandersetzt. Vaterliebe, Verantwortungsgefühl und alle Schutzfunktionen werden mit Füßen getreten, als er Paige begegnet.

Wir sind im Central Park. Strawberry Fields. Eine atmosphärische Ecke voller Musik, Straßenkünstler und alternativem Lifestyle. Wir sitzen gemeinsam mit Simon auf einer Parkbank und hängen den Erinnerungen nach, die ihn beschäftigen. Er denkt an seine Zeit mit Paige. Genau hier am „Imagine“-Mosaik. Fast vor einem halben Jahr. Seitdem sucht er und grübelt. Seitdem zweifelt er an allem, was eine Familie ausmacht, an der Liebe seiner Frau und an der Hoffnung, seine Tochter zu finden. Hier verbringt er seine Pausen. Hier kann er denken. Einzig störend ist die junge Frau, die den Platz mit einer grausamen Version „Penny Lane“ beschallt.

„Ihm gegenüber saß eine – wie nannte man sie heutzutage? Obdachlose? Berberin? Drogenabhängige? Psychisch Kranke? Bettlerin? – ganz nah am
berühmten Mosaik und spielte für Kleingeld Beatles-Songs.“
 

Eine verstimmte Gitarre, gelbe Zähne, eine krächzende Stimme. Wie kann man da zum Nachdenken kommen? Die Haare matt, verfilzt, eingefallene Wangen. Spindeldürr, zerlumpt, dreckig, ramponiert, obdachlos, verloren. Fast nichts Menschliches und ganz einfach derangiert. All das würde Simon kaum interessieren, wäre da nicht ein Bruch im Bild. Wäre da nicht eine Besonderheit, die sein Leben blitzartig in eine andere Richtung lenkt:

„Außerdem war sie Simons Tochter Paige!“

Hier beginnt, was sich im Fortgang der Geschichte als Break-Even-Point darstellt. Es kann nicht mehr schlimmer kommen. Tiefer kann man nicht fallen. Hier beginnen die Fragen auszuufern. So greift Harlan Coben nach unserer Aufmerksamkeit und wirft ein ganzes Bündel von Handlungsfäden auf den Platz, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Würden wir es nicht besser wissen. Denn wo Coben draufsteht, ist immer Coben drin. Darauf können wir uns verlassen. Und wir können darauf vertrauen, dass wir am Ende des Thrillers zwar staunend, aber nicht ahnungslos die Kinnladen auf den Tisch fallen lassen. So war es schon immer.

Wir sind in diesem Moment ganz bei Simon. Wir sind bei ihm, als er versucht, seine Tochter anzusprechen, sie festzuhalten, sie an sich zu reißen. Wir sind an seiner Seite, als sich ein Drogenjunkie dazwischenwirft und Simon klarmacht, dass seine Tochter zu ihm gehört. Wir klatschen Beifall, als er dem Penner gegenüber handgreiflich wird. Was wir nicht ahnen können, Paige macht sich aus dem Staub, ein zufälliges Youtube-Video dieser Schlägerei „Reich gegen Arm“ geht viral und Simon wird angeklagt. Für ihn geht alles den Bach runter, wie man so schön sagt. Genau an der Stelle lässt Harlan Coben alle Bömbchen platzen, die der Dynamik der Story zusätzlichen Schwung verleihen.

Ein Killerpärchen, das seine Kreise zieht, ohne die Zusammenhänge zwischen den Opfern erkennen zu lassen. Eine Detektivin, die bei ihren Ermittlungen auf Simon stößt und eine Kette in Gang setzt, die nicht mehr zu stoppen ist. Eine Sekte, ein Geheimnis und pseudoreligiöser Eifer. Tatorte, die auf der Landkarte wuchern, ohne miteinander in Verbindung zu stehen. Und zum Höhepunkt für alle Coben-Fans ein alter Bekannter in ein einem neuen Fall. Napoleon (Nap) Dumas, der Polizist ausIn deinem Namen“ wird involviert, als die Mordserie seine Stadtgrenze erreicht. Was dies alles mit Simon und seiner Tochter zu tun hat? Das fragte ich mich lange, bis ich am Ende mit offener Kinnlade erkannte, was Coben unter der Oberfläche des Orkans verborgen hatte. Und dann musste ich mich zurücklehnen, einatmen, ausatmen und realisieren, dass er hier Neuland betreten hat, was das Ende seiner Thriller betrifft. Sagenhaft und bewegend.

Das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verbindet die bisherigen Fälle Harlan Cobens mit der Stimme von Detlef Bierstedt. Er ist das deutsche Sprachrohr eines Schriftstellers, dessen Romane einer ganz eigenen Melodie folgen. Er ist der Sound im Ohr des Hörers, der unmissverständlich und eindeutig vermittelt, Coben zu hören. Sein Timbre in der Stimme eines erfahrenen Polizisten, die jugendlich forschen Auftritte von Teenagern und die eindringlichen Warnungen kampferfahrener alter Veteranen. All dies ist signifikant für die Stimme von Detlef Bierstedt. Es sind seine Markenzeichen.

Ich freue mich auf mehr, blicke allerdings auch gerne auf Vergangenes zurück. Coben bleibt Coben. „Suche mich nicht“ vermittelt den Eindruck, er habe sich viel zugemutet, zu viele Spuren gelegt, die Handlung zu weitläufig gefasst. Am Ende jedoch bleibt die Erkenntnis. Er hat erneut die Kurve gekriegt. Und wie!

„Suche mich nicht“ von Harlan Coben
Hörbuch: Der Hörverlag / gekürzt / Detlef Bierstedt / 10 Std. 15 Min. / 14,99 Euro
Buch: Goldmann Verlag / dt von Gunnar Kwisinski / 480 Seiten / 15,00 Euro