„Blutmond“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Willkommen zurück in Kopenhagen. Willkommen zurück in der Thriller-Welt von Katrine Engberg. Willkommen zurück im Szenario skandinavischer Kriminalromane. In einer Welt, die allein schon durch dieses aufgeprägte Siegel Spannung und Tiefgang in Hülle und Fülle verspricht. Dabei hebt sich Katrine Engberg so erfreulich vom Klischee der dunklen, existenzbedrohenden und zumeist extrem blutigen Genre-Kollegen ab. Es ist spannend, was sie schreibt, es ist aufwühlend und facettenreich, aber es ist niemals der extreme Ritt auf der Rasierklinge des Wahnsinns. Es ist keine Gratwanderung auf den strapazierten Nerven ihrer Leser.

Der „Krokodilwächter“ hat zum Auftakt ihrer Kopenhagen-Serie deutlich gezeigt, was wir zu erwarten haben. Ein unverbrauchtes Ermittlerteam, spannende Szenarien und Kriminalfälle, die nicht gleich in Blutorgien ausufern. Dazu ein paar Charaktere, die vom Lokalkolorit geprägt, nahbar und plausibel sind. Nun ist der zweite Teil erschienen. „Blutmond“ ist durchaus als eigenständiger Roman lesbar. Keine Frage. Wer aber im Bilde sein möchte, wie sich das Leben der beiden Ermittler in sechs Monaten verändert, der möge zum Krokodilwächter greifen, bevor er den Blutmond aufgehen lässt. Es ging im ersten Fall von Jeppe Kørner und Anette Werner im Schwerpunkt um einen Mord, der dem Muster eines Romanmanuskriptes zu folgen schien. Brillant konstruiert und in jeder Beziehung lesenswert. Für mich jedoch nur die Ouvertüre einer Reihe, die sich im Schwerpunkt mit den Menschen auseinandersetzt, die hier auf Verbrecherjagd gehen.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Und hier liegt die absolute Stärke des neuen Thrillers Blutmond. Hatte ich noch in der Rezension des Auftaktbandes geschrieben:

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

… so öffnet sich im zweiten Band der Serie ein neues Kapitel in der Annäherung an zwei Menschen, die wir eigentlich zu kennen glauben. Polizisten mit Ecken und Kanten. Profiler mit konturiertem Profil. Charaktere voller Potenzial und einigen im Verborgenen liegenden Schwächen, die man noch entdecken sollte. Der aktuelle Fall erwischt beide auf dem falschen Fuß. Eigentlich sieht alles nach einem Routinefall aus. Ein erfrorener Penner im Stadtpark. Nichts für die Mordkommission. Und schon gar nicht für Ermittler, die gerade so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass jeder neue Fall nur störend auf die Psyche wirken würde.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Denn diesmal wartet nach einem fulminanten Start des Kopenhagen-Thrillers mit einer Prostituierten, einem sehr übereifrigen Kunden, einem Park und einem plötzlich auftauchenden Hilfe-röchelnden Penner, der dann auch noch verstirbt, eine Story auf uns, in der uns die beiden Ermittler nähergebracht werden, als je zuvor. Der Fall nimmt nur langsam Fahrt auf. Aus dem Erfrorenen wird bei der Obduktion ein Ermordeter. Aus einem Penner wird die schillerndste Gestalt der dänischen Modeszene. Und aus einem normalen Mord wird eine zutiefst hinterhältige und erschreckende Vergiftung, die dazu führt, dass der Betroffene sich quasi innerlich auflöst. All dies während Jeppe Kørner und Anette Werner eher Zeit für sich selbst bräuchten, als sich hier zu engagieren.

Ehe kaputt, Einsamkeit, Lebenskrise und eine neue Liaison im beruflichen Umfeld. Das sind Jeppes Probleme, während sich Anette zunehmend um ihre Gesundheit sorgt und mit körperlichen Beeinträchtigungen kämpft. Kein guter Start in einen Fall, der die gesamte Kopenhagener Modeszene in Aufruhr versetzt. Die Haute Couture mutiert zur Brutstätte von Neid, Missgunst, Verleumdungen und gerät unter Generalverdacht. Wir würden mit den Ermittlern noch lange im Trüben fischen, gäbe es nicht die altbekannte Amateur-Schriftstellerin Esther de Laurenti, der es gelingt, lose Fäden miteinander zu verbinden und Lücken zu schließen. Hier hat der Zufall einen schillernden Namen.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Esther liefert den initialen Hinweis, der als Missing Link im Thriller lange auf sich warten ließ. Der beste Freund von Jeppe, eine Sängerin und das Mordopfer werden in neuem Zusammenhang sichtbar. Als ein zweiter Mord die Szene erschüttert, wird klar, an wessen Fersen man sich zu heften hat. Sonnenklar. Denkt zumindest der treue und leichtgläubige Leser. Katrine Engberg jedoch macht es uns nicht leicht. Sie schlägt im Kopenhagener Großstadtsumpf Haken, wie ein angeschossenes Kaninchen. Kaum hat man einen Verdacht, biegt sie mit der gesamten Handlung ab und öffnet eine neue Tür zu weiteren Verdächtigen. Alle plausibel, alle mit Motiv, alle denkbar, aber zuletzt bleibt nur eine einzige Lösung, die man kaum vorhersehen kann.

Szenisch perfekt in das Bild einer Modemetropole eingebettet, flankiert durch sehr stark ausgeprägte Charaktere, garniert mit Drogen, Alkohol und Geltungssucht bringt uns die Autorin in der gar nicht heilen Modewelt fast um den Verstand. Die Schwächen ihrer Ermittler machen sie nahbar und ermöglichen es dem Leser, sich empathisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Eigentlich ist die Modeszene gar nicht mein Metier. Dieser Kosmos ist mir fremd und wirkt zu künstlich. Gerade daraus entwickelt Katrine Engberg einen explosiven Mix als Nährboden für Gewaltverbrechen. Der Blick hinter die Kulisse des Vorhangs ist erhellend. Lesespaß pur. An der Seite von Jeppe Kørner und seiner Kollegin Anette Werner ist Kopenhagen auch diesmal eine Reise wert. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man sich schon jetzt auf die weiteren Streifzüge durch eine Stadt freuen kann, die dunkler und geheimnisvoller ist, als es den Anschein hat.

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

Wir können ja ein Thriller-Spiel spielen. Schreibt Euch doch in der Mitte des Thrillers zwei mögliche Täter oder Täterinnen auf und vergleicht sie am Ende mit dem Ergebnis, das Euch von den beiden Profis Kørner und Werner präsentiert wird. Ich wette darauf, dass Ihr mit beiden Namen falsch liegen werdet. Garantiert. Ein starker zweiter Teil der Serie. Klasse besetzt, Schickeria und Haute Vaulé in der Haute Couture lassen grüßen. Und selbst für hochbezahlte Fashion-Blogger ist Raum. Da wird man schon ein wenig neidisch, wenn man deren Stellenwert in der Modeszene vor Augen geführt bekommt. Katrine Engberg hat sich in diese Welt perfekt hineinrecherchiert. Großes Kompliment. Selbst für Leser ohne Affinität zur Modeszene absolut plausibel und nachvollziehbar in Konstruktion und Erzählweise.

Ich habe die prachtvolle und im Cover detailverliebte Diogenes-Ausgabe gelesen und bin unterwegs nahtlos im Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingetaucht. Die perfekte Allround-Lösung, da „Blutmond“ keine Unterbrechungen duldet. Dietmar Bär überzeugt auch hier als Sprecher. Seine Intonation führt uns zielsicher durch den durchaus umfangreichen Cast an Charakteren. Es muss ihm Freude bereitet haben, in regelmäßigen Abständen die Richtung neu vorzugeben und mit der Stimme des Täters allwissend die Richtungswechsel einzuleiten. Starke Momente einer szenischen und in jeder Beziehung packenden Produktion. Manchmal erzeugt er sogar da Spannung, wo ich sie beim Lesen mit meiner eigenen inneren Stimme überhört habe. Grandios.

Der Cliffhanger, den uns Katrine Engberg bis zum nächsten Teil der Serie auf die Fahne schreibt, ist brillant. Der staunende Leser fragt sich nämlich, wie Anette Werner mit ihren „gesundheitlichen Problemen“ weiter auf Verbrecherjagd gehen kann. Ich bin schon sehr gespannt. (Und das ist fürwahr kein Spoiler!)

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

„Blutmond“ von Katrine Engberg
Buch: Diogenes Verlag / 480 Seiten / Hardcover / dt. von Ulrich Sonnenberg / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / gekürzte Lesung mit Dietmar Bär / 6 CDs / 7 Std. 49 Min / 22 Euro

[Thriller] Suche mich nicht von Harlan Coben

Suche mich nicht von Harlan Coben – AstroLibrium

Suche mich nicht von Harlan Coben

Es ist seine Masche. Er ist damit extrem erfolgreich. Er schreibt keine Buchreihen. Er setzt Geschichten in die Welt, die Sehnsuchtsmomente in den Mittelpunkt stellen. Er ist in der Lage, Serienmördern den blutigen Weg zu ebnen und gleichzeitig Gefühlswelten entstehen zu lassen, die uns mit den Opfern seiner Thriller mitfühlen lassen. Es geht in seinen Romanen immer wieder um zentrale Themen, wie Verlust, den Zusammenbruch einer vormals heilen Welt und die Suche nach dem Warum. „Ich vermisse dich“, „Ich schweige für dich“, „In deinem Namen“ und „In ewiger Schuld“. Seine Titel sind hier Programm. Sie stehen für seine Romane und die Protagonisten, die wir an seiner Seite durch die schwerste Phase ihres Lebens begleiten dürfen.

Harlan Coben. Mehr muss man fast nicht sagen. Thriller können romantisch sein. Es ist möglich, verzweifelt Liebende auf die Suche nach verschwundenen Menschen durch kriminelle Szenarien zu jagen und es wühlt immer wieder auf, was er uns erleben lässt. Nun greift er mit seinem neuen Roman nach den reinen und unbefleckten Vaterherzen. Er schreibt uns ein Desaster ins Stammbuch, das kaum zu verkraften ist und dem man sich nicht entziehen kann, wenn man nur ein einziges Mal in seinem Leben gespürt hat, was es heißt Vater zu sein. Er lässt eine Tochter verschwinden. Spurlos. Grundlos. Sie hinterlässt nur eine einzige Nachricht, die unmissverständlicher nicht sein kann und die man als Vater kaum verkraftet:

Suche mich nicht!

So lautet auch der Titel des neuen Thrillers aus der Feder von Harlan Coben. Und genau mit dieser Botschaft reißt er die ersten Lücken in die Verteidigungshaltung seiner Leser, die immer behaupten würden, „das kann mir nicht passieren“. Oh doch. Kann es. Ich würde diese Botschaft ignorieren, ich würde mich auf die Suche machen, ich würde alle Hebel in Bewegung setzen um sie zu finden. Und vor allem würde ich herausfinden wollen, warum sie ihre Eltern und ihre beiden Geschwister so plötzlich verlassen hat. In diesem Fall wäre das genau der Fall, der mich aus der Bahn werfen würde. Da bin ich ganz bei Simon. Vom ersten Moment an. Er ist der Vater von Paige. Er vermisst seine Tochter, er findet keinen Grund für ihre Flucht und er kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau ihm klarzumachen versucht, dass man das einfach mal zu akzeptieren habe.

Nein. Ingrid ist da keine große Hilfe. Sie ließ ihre Tochter gehen und jetzt liegt es am Vater, gegen den Widerstand seiner eigenen Frau und gegen den Willen seiner Tochter beharrlich nach seinem Mädchen zu suchen. Dabei ist New York nicht gerade perfekt, um jemandem auf die Fährte zu kommen, der untertauchen will. Deshalb dauert es ein halbes Jahr, bis er zufällig auf seine Tochter stößt. Das Szenario, mit dem uns Harlan Coben hier konfrontiert ist herzzerreißend, wenn man sich mit der Situation von Simon auseinandersetzt. Vaterliebe, Verantwortungsgefühl und alle Schutzfunktionen werden mit Füßen getreten, als er Paige begegnet.

Wir sind im Central Park. Strawberry Fields. Eine atmosphärische Ecke voller Musik, Straßenkünstler und alternativem Lifestyle. Wir sitzen gemeinsam mit Simon auf einer Parkbank und hängen den Erinnerungen nach, die ihn beschäftigen. Er denkt an seine Zeit mit Paige. Genau hier am „Imagine“-Mosaik. Fast vor einem halben Jahr. Seitdem sucht er und grübelt. Seitdem zweifelt er an allem, was eine Familie ausmacht, an der Liebe seiner Frau und an der Hoffnung, seine Tochter zu finden. Hier verbringt er seine Pausen. Hier kann er denken. Einzig störend ist die junge Frau, die den Platz mit einer grausamen Version „Penny Lane“ beschallt.

„Ihm gegenüber saß eine – wie nannte man sie heutzutage? Obdachlose? Berberin? Drogenabhängige? Psychisch Kranke? Bettlerin? – ganz nah am
berühmten Mosaik und spielte für Kleingeld Beatles-Songs.“
 

Eine verstimmte Gitarre, gelbe Zähne, eine krächzende Stimme. Wie kann man da zum Nachdenken kommen? Die Haare matt, verfilzt, eingefallene Wangen. Spindeldürr, zerlumpt, dreckig, ramponiert, obdachlos, verloren. Fast nichts Menschliches und ganz einfach derangiert. All das würde Simon kaum interessieren, wäre da nicht ein Bruch im Bild. Wäre da nicht eine Besonderheit, die sein Leben blitzartig in eine andere Richtung lenkt:

„Außerdem war sie Simons Tochter Paige!“

Hier beginnt, was sich im Fortgang der Geschichte als Break-Even-Point darstellt. Es kann nicht mehr schlimmer kommen. Tiefer kann man nicht fallen. Hier beginnen die Fragen auszuufern. So greift Harlan Coben nach unserer Aufmerksamkeit und wirft ein ganzes Bündel von Handlungsfäden auf den Platz, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Würden wir es nicht besser wissen. Denn wo Coben draufsteht, ist immer Coben drin. Darauf können wir uns verlassen. Und wir können darauf vertrauen, dass wir am Ende des Thrillers zwar staunend, aber nicht ahnungslos die Kinnladen auf den Tisch fallen lassen. So war es schon immer.

Wir sind in diesem Moment ganz bei Simon. Wir sind bei ihm, als er versucht, seine Tochter anzusprechen, sie festzuhalten, sie an sich zu reißen. Wir sind an seiner Seite, als sich ein Drogenjunkie dazwischenwirft und Simon klarmacht, dass seine Tochter zu ihm gehört. Wir klatschen Beifall, als er dem Penner gegenüber handgreiflich wird. Was wir nicht ahnen können, Paige macht sich aus dem Staub, ein zufälliges Youtube-Video dieser Schlägerei „Reich gegen Arm“ geht viral und Simon wird angeklagt. Für ihn geht alles den Bach runter, wie man so schön sagt. Genau an der Stelle lässt Harlan Coben alle Bömbchen platzen, die der Dynamik der Story zusätzlichen Schwung verleihen.

Ein Killerpärchen, das seine Kreise zieht, ohne die Zusammenhänge zwischen den Opfern erkennen zu lassen. Eine Detektivin, die bei ihren Ermittlungen auf Simon stößt und eine Kette in Gang setzt, die nicht mehr zu stoppen ist. Eine Sekte, ein Geheimnis und pseudoreligiöser Eifer. Tatorte, die auf der Landkarte wuchern, ohne miteinander in Verbindung zu stehen. Und zum Höhepunkt für alle Coben-Fans ein alter Bekannter in ein einem neuen Fall. Napoleon (Nap) Dumas, der Polizist ausIn deinem Namen“ wird involviert, als die Mordserie seine Stadtgrenze erreicht. Was dies alles mit Simon und seiner Tochter zu tun hat? Das fragte ich mich lange, bis ich am Ende mit offener Kinnlade erkannte, was Coben unter der Oberfläche des Orkans verborgen hatte. Und dann musste ich mich zurücklehnen, einatmen, ausatmen und realisieren, dass er hier Neuland betreten hat, was das Ende seiner Thriller betrifft. Sagenhaft und bewegend.

Das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verbindet die bisherigen Fälle Harlan Cobens mit der Stimme von Detlef Bierstedt. Er ist das deutsche Sprachrohr eines Schriftstellers, dessen Romane einer ganz eigenen Melodie folgen. Er ist der Sound im Ohr des Hörers, der unmissverständlich und eindeutig vermittelt, Coben zu hören. Sein Timbre in der Stimme eines erfahrenen Polizisten, die jugendlich forschen Auftritte von Teenagern und die eindringlichen Warnungen kampferfahrener alter Veteranen. All dies ist signifikant für die Stimme von Detlef Bierstedt. Es sind seine Markenzeichen.

Ich freue mich auf mehr, blicke allerdings auch gerne auf Vergangenes zurück. Coben bleibt Coben. „Suche mich nicht“ vermittelt den Eindruck, er habe sich viel zugemutet, zu viele Spuren gelegt, die Handlung zu weitläufig gefasst. Am Ende jedoch bleibt die Erkenntnis. Er hat erneut die Kurve gekriegt. Und wie!

„Suche mich nicht“ von Harlan Coben
Hörbuch: Der Hörverlag / gekürzt / Detlef Bierstedt / 10 Std. 15 Min. / 14,99 Euro
Buch: Goldmann Verlag / dt von Gunnar Kwisinski / 480 Seiten / 15,00 Euro

„In deinem Namen“ von Harlan Coben – Ein Sehnsuchtsthriller

In deinem Namen von Harlan Coben

Wenn ich an Thriller denke, die mich emotional bewegt haben, dann denke ich an Harlan Coben. Wenn ich an spannungsgeladene Stories denke, die sich deutlich vom Mainstream abheben, in denen das Blut nicht von den Wänden läuft und die Sehnsucht das zentrale Erzählelement darstellt, dann lande ich in meinen Gedanken immer wieder in Romanen aus seiner Feder. Harlan Coben hat mich noch niemals enttäuscht. Er hat immer die hohen Erwartungen erfüllt und, was in diesem Genre außergewöhnlich ist, er hat mir Romane in die Seele geschrieben, die in meiner Erinnerung vollständig präsent sind. Wo zumeist nur Fragmente in Erinnerung bleiben, genügt ein Blick auf das Cover und ich bin wieder am Ort des Geschehens. Auf Augenhöhe.

Ich finde dich
Ich vermisse dich
Ich schweige für dich und
In ewiger Schuld

Ein Zitat aus „Ich finde dich“, das für mich das Schreiben Harlan Cobens treffend charakterisiert. Mir geht es mit seinen Thrillern, wie es seinen Protagonisten mit ihrer großen Liebe geht. Ich fühle mich magnetisch angezogen.

„… Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus.“

In deinem Namen von Harlan Coben

Thriller, die meine Sichtweise zu diesem Genre deutlich verändert haben. Thriller, die Spuren in meinem Lesen und Hören hinterlassen haben, weil ich eben nicht nur die Bücher, sondern insbesondere auch alle Hörbücher genossen habe. Detlef Bierstedt, die deutsche Synchronstimme von George Clooney, ist für mich zum Synonym für jene Thriller geworden. Facettenreich in seiner Modulation, im Timbre und dem emotionalen Zustand wird er dem Setting der jeweiligen Story mehr als gerecht. In der Rezension zu „Ich finde dich“ stellte ich mir die Frage, ob ein Thriller neben allen Stereotypen eines spannenden Pageturners auch knallhart romantisch sein darf. Meine Antwort lautet: Ja. Damals 2014, als ich Harlan Coben zum ersten Mal las und heute erneut. Ja. Ohne die tiefe, romantisch ausgeprägte Sehnsucht nach der großen Liebe eines Lebens wird es für mich keine Thriller geben, die das Prädikat Coben im Titel tragen.

In deinem Namen

Das fünfte Cover-Holzhaus, die fünfte Hütte, die ich nun betrete. Cover, die nicht in jedem Fall etwas mit den Inhalten der Romane zu tun haben, aber eben Cover, die sich zum Markenzeichen für viele Coben-Thriller gemausert haben. Brandbeschleuniger für den Verkauf. Optische Leckerbissen für das Bücherregal und visuelle Klammer für eine offene Buchreihe mit jeweils neuen in sich abgeschlossenen Thrillern, die nicht mal die Ermittler gemein haben. Jede Coven-Hütte ist eine neue Welt. Jede Hütte stellt für sich ein neues Erlesen und Erhören dar. Und doch haben die Hütten eines gemeinsam. Die ewige Suche nach einem wichtigen Menschen. So auch diesmal.

In deinem Namen von Harlan Coben

Und schon sind wir mittendrin im neuen Werk von Harlan Coben. Und schon sollte man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man die ersten Zeilen liest, die erste Seite hört. Weit reicht die Traumatisierung von Napoleon (Nap) Dumas zurück. Bis heute ist der Detective einer Kleinstadt in New Jersey auf der Suche nach Antworten. Bis heute verfolgt ihn eine Nacht, die vor 15 Jahren sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Eine Nacht, die sein Leben mit der Überschrift Verlust versehen hat. In jener Nacht verlor er nicht nur seinen Zwillingsbruder Leo, sondern mit Maura auch die große Liebe seines Lebens. Doch während Leo gemeinsam mit seiner Freundin Diana auf den Bahngleisen von einem Zug erfasst wurde, ist Maura einfach spurlos verschwunden.

Kein Abschied. Keine Begründung. Keine letzten Worte. Das gilt für beide Verluste. Doch während der Tod seines Bruders unabänderlich ist, hofft Nap seit 15 Jahren eine Spur oder ein Lebenszeichen von Maura zu finden. Grund genug für ihn damals Polizist zu werden. Doch vergebens. Bisher. Doch plötzlich kommt Fahrt in die Vergangenheit von Nap Dumas. Bei Ermittlungen in einem Polizistenmord findet man im Tatfahrzeug die Fingerabdrücke von Maura. Und nur weil er es war, der vor 15 Jahren die Abdrücke in die Polizeidatenbank eingespeist hat, wird er nun von den ermittelnden Polizisten in den Mordfall involviert. Die Vergangenheit holt ihn ein. Nap hofft, endlich Antworten auf die großen offenen Fragen seines Lebens zu erhalten.

In deinem Namen von Harlan Coben

Das ist Harlan Coben, wie er schreibt und lebt. Hier ist wieder die Ausgangsbasis für einen Thriller gelegt, der dem roten Faden seines Schreibens wie auf Schienen folgt. In jeder Sequenz wird spürbar, wie tief die Verletzungen verankert sind. In jedem Moment dieses Thrillers fühlt man die bohrende Last der ungeklärten Fragen. Die Triebfeder für Nap wird bis zum Bersten gespannt. Ebenso unsere Nerven. Denn die Ermittlungen im Polizistenmord scheinen nicht nur eine Spur zu Maura aufzudecken. Hier laufen Fäden zusammen, die vor 15 Jahren für eine Kette von Ereignissen verantwortlich waren, die bis heute völlig im Dunkeln liegen. Hier greift Harlan Coben in seiner Fantasie nicht ins Leere. Er verankert seinen Thriller in der Zeit und lässt ein plausibles Szenario vor den Augen seiner Leser entstehen, das einfach nur fesselnd ist.

Nap Dumas lebt auf. Er ermittelt im Vollgas-Tempo. Die Charakterzeichnung dieses Polizisten ist so tief angelegt, dass wir mal zurückschrecken und mal fasziniert sind. Er regelt die Dinge. Knallhart und auch mal außerhalb der Legitimation durch seinen Job. Nap ist Gerechtigkeitsfanatiker und wo seine Befugnisse als Polizist enden, da findet er kreative Wege, sie zu umgehen. Als er jedoch beginnt, die Fäden von einst in die Hand zu bekommen, führen ihn die ersten Antworten an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Alles hängt zusammen. Alle Spuren führen zurück in eine Zeit, die nun wieder lebendig zu werden scheint. Kein Verlust basiert auf Zufällen. Nap Dumas braucht alle Kraft der Welt, um das erneut durchzustehen.

In deinem Namen von Harlan Coben

Ein echter Coben! Mehr muss ich kaum sagen. Ein Thriller voller Geheimnisse, Gefühl und Hochspannung. Der Erzählraum einer amerikanischen Kleinstadt weitet sich enorm aus, wenn wir in die jüngere Vergangenheit blicken. Ein geheimer Raketenstützpunkt in neuer Verwendung, Überwachungskameras, Drogen und die ersten großen Lieben sind mehr als nur Randerscheinungen einer Geschichte, die ihre eigene Geschichte hat. Der Autor lässt keine Fragen offen. Auch das hat Tradition bei Harlan Coben. Er lässt uns in keinem seiner Fälle hängen. Vorhersehbar ist hier nichts. Kalkulierbar ist niemand. Und doch sagt man sich am Ende, man hätte es ahnen können, wenn es nicht so geschickt versteckt gewesen wäre.

Was mir nach dem Lesen und dem Hören bleibt ist erneut das gigantische Gefühl, einen großen Thriller erlebt zu haben. Was mir bleibt, sind die Sehnsuchtsmomente, in denen man Tränen in den Augen hat. Unvergessen wird es mir im Gedächtnis bleiben, einmal mit Mauras Augen einen Blick auf den Menschen zu werfen, den sie vor genau 15 Jahren verlassen hat. Unvergessen bleibt dieser Moment, in dem sie dem Schicksal das Angebot macht, alles zu ändern. Spätestens hier habe auch ich mich in sie verliebt. Unvergessen bleibt auch der eigentliche Adressat der Geschichte. Coben schreibt das Buch nicht für seine Leser. Nap Dumas erzählt diese Geschichte als endlosen Monolog für seinen Bruder Leo, in dessen Namen er der Vergangenheit den Schleier vom Antlitz reißen will. Großartig.

Es geht weiter mit „Suche mich nicht„… Harlan Coben in Höchstform…

In deinem Namen von Harlan Coben

„Krokodilwächter“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Für mich gibt es sie ja eigentlich gar nicht. Diese Kategorisierungen von Thrillern in die Schubladen der regionalen Schauplätze. Typische Skandinavien-Thriller sind meist gar nicht so typisch und ein Kopenhagen-Thriller muss sich nicht zwangsläufig von den guten Krimis unterscheiden, die in anderen Hauptstädten angesiedelt sind. Assoziation verstellt mir hier oft den klaren Blick auf das eigentliche Geschehen. Nein. Für mich ist das eigentlich ganz einfach. Es gibt gute oder schlechte Thriller. Intelligent konstruierte oder an den Haaren der Opfer herbeigezogene. Thriller mit interessanten Protagonisten oder eben solche mit stereotypen Allerweltstypen, die in ihren Klischees verhaftet sind.

Nein. Ich denke nicht sofort an Schwermut, Kälte, landschaftliche Idylle, Alkohol, Lethargie, Kälte, Brutalität oder andere Ingredienzien, wenn ich einen Thriller lese, der mit einem Gütesiegel aus Skandinavien angepriesen wird. Ich schaue mir den Plot und sein Setting an, versuche herauszufinden, ob mich das Thema reizt und dann erst schlage ich erbarmungslos zu. Meine literarische Wünschelrute schlägt noch nicht aus, wenn allein schon ein Landstrich oder eine Stadt als Synonym für Spannung herhalten muss. Und so halte ich nun keinesfalls einen „Kopenhagen-Thriller“ in der Hand, den ich euch hier vorstellen möchte. Nein, es ist ein guter und lesenswerter Thriller, der als Auftakt einer neuen Serie im Diogenes Verlag erschienen ist.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich möchte euch den „Krokodilwächter“ von Katrine Engberg ans Herz legen. Ich kann an dieser Stelle versprechen, dass dieser Thriller für beschleunigten Puls sorgen wird. Kopenhagen hat sich die dänische Autorin als Schauplatz ausgesucht und damit aus meiner Sicht eine perfekte Wahl getroffen. Eigentlich scheinen Krokodile ja in der skandinavischen Metropole eher selten zu sein und nur im Zoo vorzukommen, aber ihr könnt euch darauf verlassen, dass Katrine Engberg diesen Titel nicht willkürlich für den Auftakt ihrer Krimi-Serie ausgewählt hat. Er steht jedoch nicht so sehr für das Reptil, in dessen Haut eigentlich niemand gerne stecken würde. Der Titel des Romans entwickelt sich erst gegen Ende der Geschichte zur einprägsamen Metapher für ein symbiotisches Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Die Ausgangssituation verspricht alleine schon für sich Hochspannung. Ein Mord erschüttert ein beschauliches Mehrfamilienhaus im Herzen der Stadt. Julie wohnt noch nicht so lange in Kopenhagen. Und nicht allein die Tatsache, dass sie ermordet wurde schockiert die Bewohner des Hauses, auch die Begleitumstände ihres Todes sind mehr als außergewöhnlich. Jemand hat sie nicht nur erstochen, sondern auch ein Kunstwerk aus filigranen Messerschnitten in ihrem Gesicht hinterlassen. Ob die junge Frau schon tot war, als ihr die Schnitte zugefügt wurden, ist nur eine der vielen offenen Fragen für die Ermittler der Kopenhagener Mordkommission.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

Doch genau diese Diskrepanz ist der Brennstoff im Triebwerk dieses Thrillers. In kurzer Zeit zeigen sich erste Ermittlungserfolge. Der Personenkreis möglicher Täter ist nicht sonderlich groß. Profiler grenzen ihn plausibel ein und als sich bei der Besitzerin des Hauses, Esther de Laurenti, ein Thriller-Manuskript findet, scheinen sich die Kreise zu schließen. Wird doch in ihrem Buch der Mord an einer jungen Frau genauso verübt, wie es sich im Fall der jungen Julie zugetragen hat. Auch im Manuskript findet man ein junges Mädchen mit einem tödlichen Schnitt-Kunstwerk im Gesicht vor. Nun gilt es das Manuskript zu lesen und daraus weitere Schlüsse zu ziehen. Kørner und Werner legen los.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Schnell scheinen sich Motiv und Profil zu decken. Schnell findet man im Umfeld der Professorin einen möglichen Täter auf den alles passt, der jedoch ebenso schnell wie endgültig von der Bildfläche des Thrillers verschwindet. Ermordet. So nah dran. So weit entfernt. Und als dann auch noch Esther de Laurentis Thriller-Manuskript in den Tiefen des Internets wie von Geisterhand weitergeschrieben wird, stehen Kørner und Werner wieder am Anfang der Ermittlungen. Der Wechsel aus Handlungsfaden und Manuskript verleiht dem Buch eine besondere Dynamik. Man rätselt mit, kombiniert und entwickelt ganz eigene Theorien. Was Katrine Engberg natürlich nicht daran hindert, mit uns Katz und Maus zu spielen.

Ein Spiel auf hohem Niveau. Ein Spiel, das am Ende aller Ermittlungen keine Fragen offenlässt. Und ein Spiel, das weitere Leben kosten wird. Unser Kopenhagen-Streifzug führt uns in ganz besondere Kreise dieser pulsierenden Stadt. Er führt uns unweigerlich zu Geheimnissen, die ausreichenden Zündstoff für einen guten Page-Turner bieten. Im Moment des Erkennens, fallen uns kriminalistische Schuppen von den Augen. Katrine Engberg schreibt auf hohem Niveau. Sie konstruiert nicht wild vor sich hin und fabuliert keine Story, der es an Bodenhaftung fehlt. Der „Krokodilwächter“ hat es in sich. Zarte Leseseelen sollten nicht vor dem Thriller zurückschrecken. Blut fließt hier nur subtil und auch nur dann, wenn es für die Handlung erforderlich ist. Gewaltorgien zeichnen dieses Buch nicht aus. Es packt uns anders. Indirekt. Lesenswert.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich habe zu gleichen Teilen gelesen und gehört. Dietmar Bär macht aus dem Buch ein wahres Hörerlebnis. Er versteht es, uns die Handlung verstehen zu lassen und den Faden nicht zu verlieren. Und doch gelingt ihm eines nicht. Im Vorlesen verschwimmen die Grenzen zwischen dem eigentlichen Roman und dem eingeflochtenen Manuskript. Das Buch trennt diese beiden Stränge durch unterschiedliche Schriftarten. Ein zweiter Sprecher hätte hier gutgetan. Man muss zu genau hinhören, um die Grenze auszuloten. Dietmar Bär nuanciert seine Stimme meisterlich in der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag, aber hier hat das gebundene Diogenes-Werk einfach Vorteile, die sich stimmlich nicht aufholen lassen.

Ein besonderes Highlight zum Schluss. Die Schnitte auf dem Buchcover sind nicht nur aufgeprägt. Es sind tiefe Einschnitte in das Cover eines Thrillers, der auch für euch ein einschneidendes Erlebnis sein wird. Bleiben wir gespannt. Die Kopenhagen-Serie geht weiter.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Der Blutmond ist aufgegangen. Kopenhagen versinkt im Modeskandal… Ein Mord mit Laufsteg lässt die High Society aufhorchen…

Blutmond von Katrine Engberg - AstroLibrium

Blutmond von Katrine Engberg

„In ewiger Schuld“ von Harlan Coben

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ich finde dich, Ich vermisse dich und Ich schweige für dich. Eigentlich müsste ich an dieser Stelle nicht mehr viel schreiben, da Thrillerfans sofort wissen von wem die Rede ist. Harlan Coben. Jener Schriftsteller, dem es immer wieder gelingt, neben den Szenarien eines typischen investigativen Thrillers auch Sehnsuchtsmomente und ganz große Gefühle in seine Romane einzubauen. Können Thriller auch romantisch sein? Ja. Wenn sie aus seiner Feder stammen, ist dies ein durchaus geeignetes Stilmittel um die weltweit steigende Fangemeinde nachhaltig zu begeistern. Hier sprudelt kein Blut, hier wird nicht gemetzelt, hier spielt sich in der Psyche der Leser ab, was Coben erzählt und genau dadurch erreicht er durch seine emotionale Ader einen ganz wunden Punkt beim Leser. Man kann diese Thriller nachempfinden. Fühlen. Spüren.

Nun hat er es wieder getan. Diesmal jedoch wird sein neuer Roman schon bei seiner Veröffentlichung in Deutschland von Schlagzeilen begleitet, die zuvor nicht so sehr im Fokus standen. Verfilmung geplant. Filmrechte verkauft. Julia Roberts sichert sich die Rechte am Thriller und plant selbst die Hauptrolle zu spielen. Das sind keine Gerüchte. Und abwegig ist dieser Gedanke ebenso wenig, weil ich schon kurz nach dem Einstieg in sein topaktuelles Buch daran denken musste, wer seine Protagonistin Maya in einem Film verkörpern könnte. Und – ja – Julia Roberts. Das passt in vielerlei Hinsicht. Sie ist kein junger Hüpfer mehr, kein Vorzeigemodell, spielt sich beharrlich ins Charakterfach hinein und kann in ihren schauspielerischen Facetten genau das, was Harlan Coben in Maya hineingeschrieben hat, umsetzen. Gefühl und Härte. Ein Balanceakt, den ich ihr durchaus zutraue.

In ewiger Schuld von Harlan Coben

In ewiger Schuld“. Diesmal kein ich schweige, ich vermisse oder ich finde. Diesmal kein Versprechen im Titel seines aktuellen Thrillers. Diesmal eher eine Überschrift, die eine Dimension andeutet, die weit über das Erzählte hinausreicht. Eben ewig. Ein Titel, der für die deutsche Fassung mit Bedacht gewählt wurde und sehr gut passt. Doch zu Beginn der Story geht es nicht um ewige Schuld oder Vermächtnisse und Versprechen. Es geht um eine Situation, die Maya Burkett um den Verstand bringen könnte. Könnte. Denn sie hat viel durchgemacht im Leben und nun scheint jemand in den Trümmern zu wühlen, um auch den letzten verbliebenen Rest zum Einsturz zu bringen.

Harlan Coben kommt direkt zum Punkt. Er holt nicht weit aus oder schreibt lange um den heißen Brei rum. Er kommt zur Sache und die hat es in sich. Maya hatte alles, was ein gutes Leben ausmacht. Einen guten Job, einen liebevollen Mann aus guter Familie und eine zweijährige Tochter. Nur die Tochter ist ihr geblieben. Mehr nicht. Den Job als Militärpilotin hat sie verloren, weil sie während eines Einsatzes Zivilisten tötete, um ein paar Kameraden rauszuhauen. Ihr Ehemann wurde vor zwei Wochen in ihrem Beisein erschossen. Ein Raubüberfall, so das Ergebnis der Polizei. Und nur ihre Tochter gibt ihr den Mut, sich weiter durchs Leben zu kämpfen. Da sie niemandem mehr vertraut, ist es nur konsequent, ihr Kindermädchen mit einer Nanny-Cam zu überwachen. Ein weiterer Verlust? Undenkbar. Mehr ist nicht verkraftbar.

Soweit die Ausgangssituation von In ewiger Schuld. Was dann jedoch geschieht zieht Maya den Boden vollends unter den Füßen weg. Die Realität verzerrt sich und es ist nichts mehr so, wie es gerade noch war, als Maya das Überwachungsvideo dieses Tages betrachtet. Seelenruhig spielt ihre Tochter auf dem Sofa. Die Nanny ist im Haus. Alles ist perfekt. Bis ein Mann im Bild erscheint, der nicht mehr in dieses Bild passt. Es ist die bekannte Hose, das bekannte Hemd und das bekannte Gesicht, das nicht mehr hier sein dürfte, das sie umhaut. Ihr ermordeter Mann spielt mit ihrer Tochter. Und das nur wenige Stunden bevor sie sich diese Bilder anschauen kann. Ihr toter Mann. Wie ist das nur möglich?

Harlan Coben fabuliert sich hier keinen Mystery-Roman von der Seele. Er bleibt in der Realität verhaftet und genau hier entwickelt sich der unglaubliche Sog einer Story, die niemanden kalt lassen kann. Schnörkellos und konsequent geht Harlan Coben den Weg durch diese Geschichte. Schnörkellos und ungekünstelt folgt ihm das eigentliche Opfer, dem wir von Seite zu Seite näher kommen. Maya. Und es gelingt Coben erneut, aus einer unglaublich wirkenden Ausgangssituation eine Handlung entstehen zu lassen, die keine Fragen offenlässt. Ich habe Detlef Bierstedt fast zehn Stunden lang zugehört und bin der Synchronstimme von George Clooney bis in die tiefsten Abgründe gefolgt. Immer wenn ich zweifelte, ob diese Story aufgehen könnte, wurde ich eines Besseren belehrt. Und in jedem Kapitel fand ich inmitten der puren Spannung auch die Sehnsucht einer Frau, die so sehr hofft, dass ihr die eigenen Augen keinen Streich gespielt haben.

Harlan Coben darf man sich anvertrauen. Ein weiteres Highlight auf dem Weg durch seine Thrillerwelt. Und auf den Film bin ich jetzt extrem gespannt. Ich werde sehen!

In ewiger Schuld von Harlan Coben

Ein spannender Nachtrag: Natürlich darf man bei der Rezension eines Thrillers nicht spoilern. ABER: Man darf auf Besonderheiten hinweisen, die insbesondere Hörer dazu verleiten könnten, meinem Weg zu folgen. „In ewiger Schuld“ von Harlan Coben in der Hörbuchfassung von Der Hörverlag verbirgt schon äußerlich ein Geheimnis, dem man auf die Spur gehen sollte. Dazu genügt schon ein Blick auf das Cover der CD. Gelesen von Detlef Bierstedt. Keine Überraschung. Das kennt man so bei Coben-Hörbüchern. Aber warum wird da ein zweiter Sprecher aufgeführt? Was hat das zu bedeuten? Was liest Thomas Petruo?

Die Antwort ist einleuchtend. Zumindest, wenn man diesen Thriller gehört hat. Es ist einleuchtend, weil die Entscheidung eine zweite Stimme zu Wort kommen zu lassen in unmittelbarem Einklang mit der Handlung des Romans steht. Das ist ein Stilmittel, das wir im Buch nicht finden. Das ist den Hörern vorbehalten. Und es ist mehr als gelungen, weil es einen emotionalen Schlusspunkt setzt, der dem Wendepunkt der Handlung die Audio-Krone aufsetzt. Na, neugierig geworden?

Es geht weiter mit „Suche mich nicht„… Harlan Coben in Höchstform…

In ewiger Schuld von Harlan Coben – Ein zweiter Sprecher