Die AENEIS von Vergil [Hörspiel]

Die AENEIS von Vergil - Das Hörspiel -AstroLibrium

Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie und Trauer mit der gefallenen Stadt Troja. Und doch wollte es mir lange nicht gelingen, mich dieser umkämpften Festung so zu nähern, wie es die alten Geschichtenschreiber so gerne gesehen hätten. Es dauerte lange, bis ich „Die Odyssee“ von Homer in mein Lesen einfließen ließ. Er erzählt von der Heimkehr der Eroberer und den ewig anmutenden Reisen und Abenteuern, bis es ihnen gelingt, die Heimat zu erreichen. Nur, um festzustellen, dass sie ebenso belagert ist, wie jenes Troja, das sie in Brand gesteckt hatten.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Ich näherte mich „Circe“ an, deren Geschichte mit der des Odysseus verwoben und verbunden ist, wie untrennbare Handlungsfäden einer epochalen Erzählung. Ich las die modernisierte Fassung der „Ilias“ aus der Feder von Alessandro Baricco, in der uns vor Augen geführt wurde, wie die Geschichte von Achill verlaufen wäre, hätte es keine Götter gegeben, die hier ihre Ränke schmieden konnten. Ob Homer die Anverwandlung seines Epos gemocht hätte? Man wird es nicht erfahren. So sprach Achill jedenfalls gelang, was den Klassikern der Mythologie kaum noch gelingt. Baricco las die gottlose Fassung auf großer Bühne und fesselte mehr als 10000 Leser. Was mir jetzt noch in meiner Bibliothek fehlte, war der andere Blick auf Troja. Die Perspektive der Verlierer, die ihre Heimat verließen, um in der Fremde eine neue Stadt aufzubauen. Vergil und sein Heldenepos des Aeneas fehlte mir noch. Die „Aeneis“

Als ich jedoch die ersten Seiten der Aeneis zu lesen begann, stellte ich fest, dass ich überfordert war. Ich fand zwar zu Beginn des zweiten Gesangs des Epos das Zitat, an das ich mich aus Tania Blixens Afrika-Abgesang so gut erinnerte. Aeneas berichtet vom Untergang Trojas, von jenem seltsamen hölzernen Pferd und von den griechischen Kämpfern, die in ihm verborgen waren und von den Mahnungen der Götter, er, Aeneas solle mit seinen Getreuen fliehen und die Götterbilder Trojas in Sicherheit bringen. Im Folgenden jedoch verlor ich mehr und mehr den Faden. Nicht mehr zeitgemäß erzählt und für mich nur noch schwer zugänglich. Dem Zitat jedoch wollte ich weiter folgen.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem.
Königin, ach, du heißt mich unsäglichen
Schmerz zu erneuern“

Ich gab die Suche nicht auf und wurde für mein Warten belohnt. Die „Aeneis“ als Hörspielinszenierung des SWR auf drei CDs mit einer Laufzeit von 3 Stunden und 21 Minuten von Der Audio Verlag weckte mein Interesse. Das klang nach authentischer und doch moderner Umsetzung auf der Grundlage des Originaltextes von Vergil. Das hörte sich an, wie ein zeitgemäßes und ganz für mich gemachtes Hörspiel mit großer Besetzung und akustischer Untermalung. Klassiker auf diese Weise wieder zugänglich zu machen, scheint eine Mission der Hörbuchschmiede zu sein. „Homers Odyssee“ klang ebenso ambitioniert und katapultierte seine Zuhörer mit voller Wucht in eine Welt der Helden, Mythen und Götter. Ich habe mir viel erhofft, setzte die Kopfhörer auf und floh mit Aeneas und den Seinen aus den brennenden Trümmern von Troja.

Es ist nicht nur das große Stimmorchester, das hier zu brillieren weiß. Es handelt sich bei dieser Produktion um eine wahrlich moderne Adaptierung des Vergil-Originals, jedoch so harmonisch in unser Sprachgefühl transferiert, dass man der Handlung blind folgen kann. Der Wiedererkennungsgrad der Stimmen sorgt für unverwechselbare und Gänsehaut erzeugende Hörerlebnisse. Besonders Joachim Nottke in seiner Rolle als Aeneas weiß zu überzeugen. Emotionalität und Karisma, Götterglaube, Heldenmut und Pathos verleihen seiner Stimme in jeder Nuance der Produktion die Authentizität, ohne die man einem Helden nicht Gefolgschaft schwören würde. Das gesamte Ensemble in dieser Inszenierung hält das von der Titelrolle vorgelebte Niveau und macht uns zu treu ergebenen Gefährten. Eine Odyssee ohne Heimathafen. Eine wahre Flucht beginnt im Sinne der Götter, die alles lenken und manipulieren. Eigener Spielraum? Fehlanzeige.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Dem Hörspiel gelingen viele Dinge gleichzeitig. Es saugt seine Zuhörer tief in einen Sog einer mythologisch basierten Legende ein, ohne diese zu überfrachten. Stimmen, die eigentlich nur Nebenrollen spielen, erhalten eine unglaublich aktuelle Relevanz. Hier wird aus der Göttin des Gerüchts „Fama“ eine eigene Fakenews-Instanz. Was sie den Menschen einflüstert, ändert den Verlauf der Geschichte. Anfangs ist die Stimme klein, doch wenn sie sich rasend schnell fortbewegt, schwillt sie zu einer riesenhaften Größe an und füllt jeden Raum zwischen Himmel und Erde aus.  Die Reise der Getreuen führt nach Karthago und Sizilien, bevor das prophezeite Ziel der Götter erreicht wird. Rom ist die Stadt, die Aeneas gründet. Der Grundstein eines Weltreichs, das alle vernichtet, die ihm zuvor Zuflucht gewährt hatten. Karthago weiß ein Lied davon zu singen.

Die absoluten Höhepunkte dieser Produktion sind so gut geraten, dass man sie so schnell nicht mehr vergisst. Die Trojanischen Spiele, die Aeneas in Sizilien veranstaltet, um die Moral seiner Gefolgsleute zu heben, werden im Hörspiel in Szene gesetzt, wie in einem Livestream der Olympischen Spiele. Hier wird aus einem klassischen Mythos ein Sportevent. Spannender wurde kein Wimbledon-Endspiel übertragen. Ruderwettkämpfe und Reiterspiele, Bogenschießen und Faustkampf erinnern an Sportkommentatoren im Fernsehen. Grandios. Der Selbstmord der Königin von Karthago jedoch gehört zu den wohl emotionalsten Teilen des Epos. Dido, gesprochen von Christine Davis, kann den Geliebten Aeneas nicht halten und opfert sich auf dem Scheiterhaufen. Dass man sich im Reich des Todes erneut begegnen wird, scheint hier von den Göttern schon längst vorbestimmt zu sein. Tragisch schön… Schicksalhaft dramatisch.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Klassische Mythologie im neuen Gewand. Unverfälscht authentisch, unverkennbar im Stile des großen Vergil und doch so verständlich und modern präsentiert, dass sich die Tore der Erkenntnis schnell öffnen und offen bleiben. Erkenntnisreich war meine Reise an der Seite von Aeneas. Viele Kreise haben sich geschlossen. Ich verstehe jetzt umso mehr, warum sich Tania Blixen dem antiken Helden Aeneas so verbunden fühlte. Auch sie hatte man verraten, betrogen, aus der Wahlheimat Afrika vertrieben und verstoßen. Welche Stadt sie in Dänemark gründen sollte, war ihr ein großes Rätsel. Es gelang ihr mit ihren Büchern. „Jenseits von Afrika“ ist ihr Rom. Von hier aus eroberte Tania die Welt. Das ist kein Mythos… 

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

„So sprach Achill“. Alessandro Baricco erobert Troja

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Troja. Synonym für Verrat, Heldentum und Verlust. Wer kennt nicht Achill, Aeneas, Odysseus und die ewig schöne Helena? Doch wer hat Homers Ilias gelesen? Ist das Epos aus der griechischen Antike für uns heute überhaupt noch lesbar? Ich denke eher nein. Gedichte, Reime, Oden, Versformen, die Gliederung in Gesänge und nicht zuletzt die unüberschaubare Flut an Göttern mit zahllosen Stammbäumen und Verflechtungen sorgen beim Lesen des Originals schnell für Verzweiflung. Zumindest, wenn man keine altgriechischen Studien in der Hinterhand hat. Also was tun, wenn man die wohl größte Heldensage verstehen möchte?

„So sprach Achill“ verspricht Rettung. Man greife einfach zum großen italienischen Wortmagier Alessandro Baricco (Seide) und vertraue sich seiner Nacherzählung des Trojanischen Krieges, erschienen bei Hoffmann und Campe, an. Was ihm gelingt ist grandios. Wie er uns zeitgemäß und zeitlos in die Schlacht führt?

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Ganz einfach. Man nehme das Original von Homer; entfrachte es von allen Göttern; mache die Helden zu eigenständig denkenden und handelnden Menschen; lasse diese aus ihrer Sicht erzählen und füge eigene typische Baricco-Texte ein. Was so entstand ist ein spannendes und flüssig zu lesendes Meisterwerk. Gleichsam eine Hommage an Homer, wie auch ein Buchkunstwerk für jeden, der mit der griechischen Mythologie auf Kriegsfuß steht. Alessandro Baricco erzählt hier von der größten Liebe aller Zeiten, von unglaublicher Feigheit, bedenkenlosem Verrat und tragischem Verlust, von betörendem Stursinn und wahrem Heldenmut. Zeitloser war Troja niemals zuvor. Und doch ist es eine große literarische Herausforderung sich in der heutigen Zeit mit Agamemnon, Ajax und Achill vor die Tore Trojas zu begeben und ein Schlachtengemetzel zu erleben, das in der Literaturgeschichte seinesgleichen sucht.

Ich tat es aus gutem Grund. Ich musste nach Troja, weil mich die Sehnsucht trieb. Es war Tania Blixen, die mich schon vor langer Zeit in die Schlacht trieb. Endlich war ich bereit, ihr zu folgen. Tania Blixen? Richtig gelesen…

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil…

„Infandum, regina, jubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie mit Troja. Jetzt stehe ich mit Alessandro Baricco vor den Toren der Stadt. Rüste mich einerseits für ihre Verteidigung, plane andererseits die Eroberung und denke dabei an eine dänische Schriftstellerin. „So sprach Achill“ öffnet bei mir die Schleusen, die 1986 in meinem Herzen errichtet wurden.

Ach Tane, Du würdest das gerade jetzt so gut verstehen. Und nicht nur ich folgte dem Ruf zu den Waffen. Alessandro Baricco vollbrachte mit seiner Nacherzählung der „Ilias“ ein wahres Wunder.

So sprach Achill von Alessandro Baricco

10.000 Menschen zahlten Eintritt, um in Rom einer Lesung zu folgen, die Homers „Ilias“ zum Thema hatte. Nicht jedoch zur Originalfassung aus der Feder des großen Homer. Alessandro Baricco hatte eingeladen seiner Nacherzählung des Epos zu folgen. Eine Bearbeitung, die das Heldenepos rund um den Trojanischen Krieg auf neue Füße stellt. Einige chirurgisch präzise Eingriffe, einige Perspektivwechsel, neue Zutaten und schon war mit „So sprach Achill“ ein neues Werk entstanden. Ich lud Homer in meine kleine literarische Sternwarte ein. Ich wollte die „Ilias“ aus dem Anaconda Verlag und den neuen Achill miteinander vergleichen. Ich wollte Homer fragen und sehen, was von ihm übrig geblieben ist. Ich ließ mich vor die Tore von Troja schleifen, kämpfte dort um mein gutes Lesen und erlebte einen Gänsehautmoment nach dem anderen.

Baricco nimmt Homer nicht, was des Homers ist. Er würdigt sein Schreiben, macht es jedoch durch die inhaltliche Verkürzung transparent und nachvollziehbar. Die eigene schriftstellerische Leistung Bariccos setzt mit seinen Texten ein, die er ganz zart in das Epos einfließen lässt und die wir durch die kursive Schriftart sofort erkennen. Ehre und Heldenmut relativiert er ebenso, wie er Liebe und Abhängigkeit hervorhebt. Hier werden Helden lebendig, verwundbar und nachdenklich. Baricco entfrachtet und revitalisiert die Geschichte, die Geschichte schrieb. Seine Handschrift ist deutlich spürbar:

„Wir kämpften mit den Waffen in der Hand:
Dieser Mann ging in die Schlacht,
und in seiner Hand hielt er die Welt“

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Wer erfahren möchte, warum Baricco in die Schlacht zog, der wird am Ende des Buchs in Staunen versetzt. Sein Nachwort ist das Nachwort eines Pazifisten, der dem Krieg der heutigen Zeit den Krieg erklärt. Er verdammt und verurteilt nicht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Krieg eine besondere Schönheit, eine magische Anziehungskraft und eine zeitlose Faszination auf uns Menschen ausübt. Das Gegenmittel? Eine andere Schönheit ins Feld zu führen. Eine Schönheit die noch faszinierender ist, als das Töten auf dem Schlachtfeld. Seine „Postille über den Krieg“ zeigt deutlich, dass er mit „So sprach Achill“ ein Trojanisches Pferd vor unsere Stadttore geschoben hat, dem er nun entsteigt um eine Geschichte zu erzählen. Manchmal sind es die Erzähler, die der Welt den Frieden bringen. Ein großes, ein zeitloses, ein wichtiges Buch.

„Wir wussten, auch der lange Krieg, den wir führten, war alt,
und eines Tages würde ihn der gewinnen,
der imstande sein würde,
ihn auf eine neue Weise zu führen.“

Alessandro Baricco zu lesen ist ein Privileg. Über ihn zu schreiben, meine wahre Passion. Hier geht´s zu meiner Baricco-Lebensbibliothek… 

Schon bald begebe ich mich an der Seite von Odysseus auf die große Odyssee. Wir wollen doch nach dem Trojanischen Krieg wieder nach Hause kommen.

So sprach Achill von Alessandro Baricco und mehr von Hoffmann und Campe

Zwei Odysseen von Bedeutung. Markus Zusak und Daniel Mendelsohn. Troja ist überall… Lesenswert für Liebhaber von Homer und echte Leseratten… 

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Zwei Odysseen -Markus Zusak und Daniel Mendelsohn

Büchlein wechsel Dich – Manesse legt neu auf

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Stell Dir vor, Du hast Jahre damit verbracht, eine kleine feine Bibliothek im Reich Deines Lesens aufzubauen. Stell Dir vor, diese kleine Bibliothek sei einzigartig und so unverwechselbar, dass sie den Zeichen der Zeit widerstehen könnte. Ihr Design und die Inhalte wären so besonders, dass sie am Ende Deines Lesens auch gleichzeitig als ein Vermächtnis dienen könnte, das man seinen Liebsten gerne hinterlässt. Stell Dir vor, es wären ausschließlich Klassiker und sehr besondere Werke der Literatur, die sich hier in einheitlicher Größe und Gestaltung ihr Stelldichein geben würden. Und nun stell Dir vor, dass der Verlag, der für diese exquisite Auswahl mit seinem guten Namen steht, zu der Entscheidung gedrängt wird, all das über den Bücherhaufen zu werfen, was Dir so lieb und teuer erscheint.

Die Rede ist von der “Manesse-Bibliothek der Weltliteratur“. Der Verlag nimmt sich hierbei selbst in die Pflicht, indem er ein Ziel vorgibt, dem sich andere Verlage in dieser Deutlichkeit gar nicht mehr verschreiben in der heutigen Zeit. Es geht um

* Weltliteratur in attraktiver Ausstattung
* die ambitionierte Klassikervermittlung aus allen Kultursprachen und Epochen
* Romane, Lyrik und Erzählungen in Erst- und Neuübersetzungen

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Um sich ein Bild vom Umfang dieser Weltbibliothek zu machen, muss man sich nur mal die Zahl der unterschiedlichen Werke vor Augen halten, die hier seit 1944 in einem weitgehend einheitlichen Design verlegt wurden. Es sind mehr als 600 unterschiedliche Werke von Moby Dick bis zu Jenseits von Afrika. Auch wenn es unmöglich erscheint, all diese Werke zu besitzen, so sind die „Kleinen Großen“ doch sicher in jeder privaten Bibliothek in einigen Exemplaren enthalten.

Und jetzt? Was sehen wir mit wachem Blick auf Buchmessen und im Buchhandel unseres Vertrauens? Das Design der Bücher hat sich verändert. Was vormals schon sehr bieder und uniform daherkam, wirkt jetzt poppig und bunt. Die Wesensmerkmale der althergebrachten Bibliothek der Weltliteratur sind nun auf dem Cover nicht mehr zu erkennen. Futsch ist sie, die geliebte Eintönigkeit der weißen Bücherarmee mit ihren so unterschiedlich gefärbten und im Cover fest eingedruckten Bauchbinden. So stehen sie in Reih und Glied im Bücherregal und vermitteln durch ihr Äußeres, dass man es hier in jeder Beziehung mit einer literarischen Elite zu tun hat. Keine Alltagsware. Mainstream, was ist das? Eigentlich ein Erfolgsrezept im schnelllebigen Büchermeer. Eigentlich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in Wertigkeit und Inhalt. Eigentlich zeitlos…

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika (1986, 2014, 2017)

Und was haben wir draus gemacht! Ja, ich meine uns Leser! Wir finden die Bücher schön und lieben es, sie ein wenig zu sammeln. Wir staunen schon, wenn wir mehr als zehn von ihnen auf einem Fleck entdecken. Aber letztlich haben wir sie anscheinend in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv eingekauft, dass es sich weiter lohnen würde, an ihnen festzuhalten. Die Wertschätzung dieser Bücher vollzog sich nur noch in immer kleineren Kreisen und die Kaufinteressen gerade jüngerer Leser ließen unsere kleinen Lieblinge links liegen. Und nun? Wundern wir uns und sammeln uns zum Protest?

Vereinzelt ja. Vereinzelt flammt Bestürzung auf. Man habe eine Lebenssammlung in Luft aufgelöst, weil die neuen Bände nicht mehr dazu passen würden. Doch was wäre, wenn Manesse diesen Paradigmenwechsel nicht eingeleitet, sondern einfach kapituliert hätte? Dann würde sich die Frage gar nicht mehr stellen, wie eine Klassiker-Sammlung fortgeführt werden kann. Der Buchhandel seinerseits sieht das neue Design als mutige und alternativlose Entscheidung, sind doch gerade die Büchertempel diejenigen, die in letzter Konsequenz den Einbruch der Verkaufszahlen unmittelbar zu spüren bekamen. Jetzt blickt man gemeinsam nach vorne, präsentiert die neuen Kleinen in eigenen und augenfälligen Displays oder lässt sie gemeinsam dekoriert für sich selbst sprechen. Ob wir Leser angesichts der spürbaren Konkurrenz durch kleinformatige Bücher zukünftig bereit sind, den wertigen Büchern der Manesse Bibliothek Wertschätzung entgegen zu bringen, das wird sich erst zeigen.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Wer nun allerdings denkt, wir hätten es hier nur mit einer rein optischen Zäsur zu tun, der sollte sich die neuen Werke auch inhaltlich genau anschauen. Die Bücher sind nicht nur einer äußerlich erkennbaren Schönheitsoperation unterzogen worden, es hat nicht nur ein paar neue Schutzumschläge gehagelt. Nein. Auch im Inneren der Bücher hat sich mit diesem programmatischen Wechsel einiges getan und man hat die Chance genutzt, Fehler zu beseitigen, die sich in der Vergangenheit eingeschlichen haben. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir einfach mal „Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen. Ich kann mich noch gut an meine lebhafte Diskussion mit den Verlagsverantwortlichen auf der Leipziger Buchmesse erinnern.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika – Das ist kein Gebirge

Die Neuübersetzung aus dem Jahr 2014 hat mich verstört, weil hier schon mit den ersten Sätzen des Buches ein kleines Sakrileg begangen wurde. Aus dem bekannten und sowohl in den Altübersetzungen und in der Verfilmung verwendeten Original „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngongberge“ wurde nun ohne große Not die neue Einleitung „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße des Ngong Gebirges.“ Für viele Leser vielleicht nur eine Kleinigkeit, für mich jedoch ein großer literarischer Bruch, der mich sehr verunsicherte und mich des Vertrauens beraubte, ob diese Übersetzung dem Ursprungswerk noch gerecht würde, oder ob hier lediglich mit dem Dampfhammer gezeigt werden sollte, dass man den Text wirklich angepackt hatte. Die Begründung ist in der Art des Schreibens von Tania Blixen zu suchen. Sie schrieb ihre Bücher in einer ersten Fassung in englischer Sprache und übersetzte sie selbst ins Dänische.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Die Ngongberge sind in der englischen Fassung „Ngong Hills“ und im Dänischen die Bjerget Ngong. Auch wenn es weitere Fassungen von Tania Blixen gibt, nie sind diese, in europäischen Maßstäben flachen, Berge ein Gebirge. Für mich war dieser Cut in der Neuübersetzung einfach zu intensiv und vergriff sich an einem Zitat, das Leser in ihrem Herzen tragen, wenn sie an Tania Blixen denken. Und nun? In der Neuausgabe mit neuem Design? Hat sich was getan? Hat man die Chance genutzt? Ich kann meine Freude kaum in Worte fassen, aber aus dem Gebirge wurden wieder Berge. Afrika hat seine Ngongberge wieder und das Buch fühlt sich wieder so an, wie es sein soll. Mein Vertrauen ist wiederhergestellt, und das Buch selbst ist ein komplettes Kunstwerk voller Überraschungen.

Das Druckbild ist konturierter, dunkler und besser zu lesen. Das Vorsatzblatt passt hervorragend zum neuen Äußeren und die hohe Qualität in der Verarbeitung wird allen Ansprüchen und Erwartungen gerecht. Hier wurde nicht nur (neudeutsch) getuned, hier sind viele Überlegungen eingeflossen, die dieses Buch mit modernem Grafik-Cover zu dem machen, was es jetzt für mich ist. Einem Lebensbegleiter, der sich an meine erste Blixen-Ausgabe von Manesse aus dem Jahr 1986 anschmiegt. In einer Artikelserie bin ich mit vielen Büchern auf den dunklen Kontinent gereist. „Jenseits von Afrika“ ist hier der Startpunkt gewesen, die Mutter aller Bücher in der Reihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“.

„Rosenlippenmädchen, leichtfüßige Jungs“

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Ich werde mich einem weiteren Buch der Manesse Bilbliothek widmen, das ich mir aus gutem Grund auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ausgesucht habe. “Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome liegt mir schon vor und 2018 wird dieses Werk in einer ungekürzten Hörbuchfassung bei Der Hörverlag mit der Stimme von Axel Milberg erscheinen. Dann werde ich mich ins Boot schwingen und die Themse lesend und hörend bereisen. Ich freue mich schon sehr auf diese Reise… Folgt mir?

Drei Mann in einem Boot – Lesen und hören…

Manesse als Trendsetter – Das kommt vor. Tiny House meets Tiny Book

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain - AstroLibrium

Lady Africa von Paula McLain – AstroLibrium

„Miwanzo ist das Suaheliwort für Anfänge. Aber manchmal muss erst alles enden und jedes Licht zischend erlöschen, und man muss den Boden unter den Füßen verlieren, ehe man wirklich etwas Neues beginnen kann.“

Ein Zitat, wie in Stein gemeißelt und große Worte, die das Leben einer besonderen Frau, die zu einer besonderen Zeit auf einem besonderen Kontinent lebte, so treffend charakterisieren. Beryl Markham hat ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen und doch benötigte sie so viele erloschene Lichter und Neuanfänge, um zu sich selbst zu finden. Die Bücher berichten noch heute über ihre Leistung als Pionierin der Lüfte. Als erster Mensch überfolg sie im September 1936 von England aus den Atlantik nonstop in Ost-West-Richtung. Eine Meisterleistung für die sie seither bewundert wird.

Wie sie dieses Durchhaltevermögen, die Zähigkeit und die Leidenschaft erlangte, eine solche Leistung zu vollbringen, entzieht sich jedoch der breiten Öffentlichkeit. Erst wenn man sich auf ihre Spur begibt, ihrem Leben folgt und dann in ihrer Biografie über Namen stolpert, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, beginnt man zu ahnen, mit wem man es zu tun hat, wenn man den Namen Beryl Markham ausspricht. Es ist weniger die Fliegerei, die ihr Leben dominiert. Es ist Afrika. Ein Kontinent, der sie prägte, verletzte, erlöste, zerstörte und befreite. Ihr endlos weites Afrika der erloschenen Feuer und lichthellen Anfänge.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

Ein Afrika, das ihr nicht allein gehörte. Sie musste es teilen, sich ausliefern, anlehnen und lernen. Sie musste Vertrauen erwerben, investieren und Grenzen überwinden, die ihr allein schon aufgrund ihres Geschlechts gesteckt waren. Sie wuchs als Tochter von Pferdezüchtern in Kenia auf und hatte Land und Natur tiefer in sich aufgenommen als irgendeine Europäerin in dieser Zeit. Beryl war ein Kind Afrikas. Nicht mehr und nicht weniger. Sie war so wild wie das Land, facettenreich wie die Farben Nairobis aber eines war sie nie: Frei.

„Ich lernte beobachten, lernte auch, mich anderen Händen anzuvertrauen. Und ich lernte es, auf Wanderschaft zu gehen. Ich lernte, was jedes träumende Kind wissen muss – dass kein Horizont zu weit ist, um bis zu ihm und über ihn hinaus vorzustoßen. Diese Dinge lernte ich sofort.

Die meisten jedoch fielen mir schwerer.“

Lady Africa“ von Paula McLain (Aufbau Verlag) ist zugleich die aufrichtige Hommage und warmherzige Annäherung einer Autorin an eine Frau, deren Weg zur Lady mehr als dornig und gefährlich war. Ein Weg, der sie verzweifeln ließ und mehrfach wie eine Einbahnstraße ohne Perspektive wirkte. Ein Weg, der vom Scheitern ebenso bestimmt war, wie von der unglücklichen Liebe zu einem Mann, in den man sich nur unglücklich verlieben konnte. Paula McLain schreibt uns in ihrem neuen Buch nach Afrika und wagt dabei sehr viel, da sie uns in eine Zeit und eine Szenerie versetzt, die wir nur allzu gut kennen. Sie bringt uns nach Hause – Jenseits von Afrika.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

Es ist das Afrika der frühen 1920er und 1930er Jahre. Das Afrika von Tania Blixen und Denys Finch Hatton. Im Gegensatz zu ihnen jedoch ist Beryl hier aufgewachsen und eins geworden mit den Menschen und Tieren des Landes. Sie ist nicht reich, lebt nicht in einer Villa und gehört nicht zur sogenannten Society unter den Kolonialherren. Sie überzeugt durch ihre Arbeit und geht eigene Wege. Als erste lizensierte weibliche Pferdetrainerin macht sie von sich Reden. In den Fußstapfen ihres Vaters versucht sie sich ein eigenes Leben aufzubauen, nachdem sie schon als junges Mädchen unverliebt heiraten musste, um überhaupt im Land bleiben zu können, nachdem ihre Eltern völlig abgebrannt alles verkaufen mussten.

Unverliebt bleibt sie, bis eine einzige Begegnung ihr Leben von heute auf morgen nachhaltig verändert. Und damit steht sie, wie wir als Kenner des Lebensberichts von Tania Blixen Jenseits von Afrika nur zu gut wissen, nicht allein. Denys Finch Hatton wäscht nicht nur die Haare verheirateter dänischer Ladies, er verdreht auch der jungen Beryl den Kopf. Für alle Zeiten. Paula McLain bringt uns zurück an den Fuß der Ngong Berge und erzählt aus einer völlig neuen Perspektive auch die Geschichte von Tania Blixen und bietet damit eine neue Sicht auf ein tragisches Leben, das uns in Buch und Film so sehr berührte. „Lady Africa“ ist eine literarische Heimkehr.

Doch in Denys trifft Beryl auf einen Mann, der sein Geld als Großwildjäger verdient, Afrika als sein eigenes Biotop betrachtet und alles sucht, nur keine Bindungen oder Verpflichtungen. Seine Freiheit ist ihm heilig. Seine unbändiger Wille, am Ende seines Lebens nicht am Ende des Lebensweges eines anderen Menschen zu enden ist sein Mantra. Daran scheiterte bereits Tania Blixen und auch die Gefühle von Beryl Markham scheinen daran zugrunde zu gehen. Er nimmt sie mit auf einen seiner Flüge über Afrika und entfacht in ihr die Leidenschaft fürs Fliegen. Das Einzige, was ihr von ihm bleiben sollte.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

„Beinahe zehn Jahre hatte ich mir das hier gewünscht… genau das. Denys las weiter, seine Stimme hob und senkte sich, während ein Nachtfalter, der sich in den Vorhängen verfangen hatte, für einen Moment den Kampf aufgab und merkte, dass er frei war.“

Paula McLain hat mit ihrem Buch „Madame Hemingway bereits mit einer starken Charakterstudie überzeugt, in „Lady Africa“ ist sie aus meiner Sicht noch tiefer in die Frau eingetaucht, über die sie schreibt. Angst, Liebe und Verzweiflung werden spürbar und die Natur der Traumlandschaft baut sich spielerisch vor dem geistigen Auge des Lesers auf. Und doch ist es ein großes Wagnis, genau diese Geschichte zu erzählen, so wie jede Heimkehr an einen bekannten Ort ein Wagnis ist. Sie beschreibt Menschen und Orte, die wir kennen, sie beschreibt Gefühle, die wir bereits aus der Sicht von Tania Blixen erlesen durften und sie erzählt von einem Land, das wir aus dieser Phase seiner Geschichte so greifbar und fühlbar verinnerlicht haben.

Und doch gelingt es Paula McLain eine eigene Geschichte zu erzählen, die uns ein lang ersehntes Fenster in unser vergangenes Lesen öffnet. Sie scheint Beryl Markham nachzuleben, sie empathisch zu denken und zu fühlen. Und genau mit diesem Roman erweist sie der Frau, über die sie hier schreibt den wohl größten Liebesdienst, den eine Autorin erweisen kann. Das eigene Buch von Beryl Markham über ihre Zeit in Afrika „Westwärts mit der Nacht“ stand immer im Schatten der Erzählung von Tania Blixen. Es ist nicht mehr erhältlich und durch „Lady Africa“ bringt Paula McLain eine verlorene Geschichte in brillanter Form ins Gedächtnis der Leser.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

„Westwärts mit der Nacht“ ist Teil meiner kleinen Afrika-Bibliothek und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Paula McLain ihre Protagonistin so gezeichnet hat, dass es Beryl selbst heute gefallen würde, wie wir sie kennenlernen dürfen. Ihr eigenes Buch ist brillant zu lesen. Es ist unendlich weit, wo Tania Blixen ihren Fokus auf Details richtet. Es ist offen und Beryl schreibt mehr als direkt über ihre unglückliche Liebe, das Leben und ihre Leidenschaft für einen Kontinent, der ihr letztlich die Flügel verlieh, um über den Atlantik zu fliegen.

Lady Africa“ ist ein biografischer Roman von Format. Er brilliert mit den Momenten des Wiedererkennens und überzeugt durch seine frische Perspektive des Neuerlebens. Für Liebhaber von Tania Blixen ein MUSS. Für Freunde großer Gefühle unverzichtbar und für alle Fans des Films „Out of Africa“, die den Absturz von Denys Finch Hatton niemals ganz verwunden haben, eine wundervolle Liebeserklärung an einen Mann, der vor den ihm zufliegenden Herzen davonflog.

„Die Dornbäume kannten weder Kummer noch Angst. Die Sternbilder kämpften nicht oder hielten sich zurück, ebenso wenig wie die milchig schimmernde Mondsichel. Alles war vorübergehend und endlos zugleich. Diese Zeit mit Denys würde verblassen und für immer andauern.“

Beryl Markham - Westwärts mit der Nacht

Beryl Markham – Westwärts mit der Nacht – Ein Zitat über Denys Finch Hatton

Folgen Sie meiner Artikelserie unter der Überschrift Ich hatte einen Blog in Afrika und spannen Sie mit mir einen literarischen Bogen, der im kolonialen Afrika beginnt und bei Flüchtlingen endet, die vor Lampedusa ertrinken. Romane, Biografien, Reportagen und Kinderbücher sollen zeigen, wie Afrika heute in der Literatur wahrgenommen wird.

Lesen Sie gut.

Und wer das Buch noch bei Tageslicht anschauen möchte, der sollte bei Heike auf Irve liest vorbeischauen.Sie hat Beryl in ihrem Blogbiotop ein warmes Zuhause gegeben.

Ich hatte einen Blog in Afrika - Eine Leserreise

Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Leserreise

Der neue Roman von Paula McLain:

Und jetzt das. Glaubt man dem Klappentext (und ich kann vorwegnehmen, dass man dies schon aus Selbstschutz tun sollte) dann haben wir es bei „Nacht ohne Sterne“ mit einem literarischen Thriller zu tun, der sich mit vermissten Kindern, einer Ermittlerin mit einer dramatischen Vorgeschichte, mit den Folgen von Adoptionen und einer Reihe von Mädchen beschäftigt, die spurlos verschwunden sind.  Ein Genre-Sprung, den ich nicht erwartet hätte.

Nacht ohne Sterne von Paula McLain - AstroLibrium

Nacht ohne Sterne von Paula McLain

„Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen – Ein wahres Seelenbuch

Jenseits von Afrika - Afrika, dunkel lockende Welt - Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Über Afrika wollte ich immer so gerne schreiben. Über jenen dunklen Kontinent, der so viele Spuren in der Literatur hinterlassen hat und uns alle mit seiner Wildheit und Farbenpracht seit Anbeginn des Lesens fasziniert. Ich wollte dort beginnen, wo für mich als Leser die tiefe Wahrnehmung Afrikas begann. Ich wollte schon immer einmal über eines meiner absoluten Seelenbücher schreiben und von dort aus den weiten Bogen bis in die heutige Zeit spannen.

Ich hatte einen Blog in Afrika. In diesem Leitartikel zu meiner Lesereise habe ich bereits skizziert, wie die ersten Stationen dieser Reise aussehen werden, wohin es mich verschlägt und mit welchen Gefühlen ich auf gepackten Lesekoffern sitze. Wobei ich mir schon jetzt darüber im Klaren bin, dass es eine manchmal schwierige und in jeder Beziehung emotionale Reise sein wird. Ein bibliophile Safari der ganz besonderen Art, zu der ich heute in das erste Buch aufbreche, das eigentlich dafür verantwortlich ist, dass ich am nächtlichen Firmament über dem dunklen Kontinent nach Fixsternen am Bücherhimmel Ausschau halte.

Es beginnt dort, wo alles begann. Bei Tania Blixen, die 1937 mit ihrer AutobiografieAfrika – Dunkel lockende Welt die Vorlage für den legendären Film Jenseits von Afrikalieferte. Es beginnt bei jener dänischen Autorin, die unser Bild vom kolonialen Afrika so sehr geprägt hat, wie kaum eine zweite Schriftstellerin. Eine Frau, die viel gegeben hat, um ihre Freiheit in einem von Männern dominierten Land zu finden, dabei in jeder nur denkbaren Beziehung scheiterte und ihr Leben in Buchform zum ewigen Bestseller machte.

Ich hatte einen Blog in Afrika - Eine Lesereise - Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkellockende Welt – Tania Blixen

Wer erinnert sich nicht an diese ersten Worte ihres großen Lebensberichtes:

“Ich hatte eine Farm in Afrika… Am Fuße der Ngong Berge…”

Wer erinnert sich nicht an diese wehmütige Einleitung, diesen so sehnsuchtsvollen Satz, der viel mehr verrät als verbirgt? Wer sieht sie nicht körperlich vor sich, diese von Krankheit gezeichnete, seelisch verletzte Dänin, die in ihrer Heimat wie eine fremde wirkte und dort eigentlich niemals mehr richtig angekommen ist, nachdem sie in Afrika alles aufgeben musste? Sich selbst eingeschlossen.

13 Jahre lang blieben die Transportkisten und Koffer aus Afrika verschlossen. Zu schmerzhaft wäre es wohl für Tania Blixen gewesen, die Artefakte ihrer vergangenen Träume erneut zu berühren, ihren Duft zu atmen und den Trennungsschmerz körperlich fühlbar zu machen. 13 Jahre lang zehrte sie von ihren Erinnerungen, sah die Bilder der Farm vor sich und träumte nur noch davon, dass die Einwohner Afrikas einen ebenso sehnsüchtigen Blick nach Dänemark richten würden. Einen suchenden Blick nach der „Memsahib“, die sich so sehr für sie eingesetzt hatte.

Ob die Kikuyo wohl ein Lied singen würden, in dem sie vorkommt, eine der vielen Fragen, die sie sich so oft stellte. Eine Frage, die unbeantwortet blieb. Vielleicht hat sie ihren Schmerz durch das Schreiben ihres Buches bekämpft und Afrika auf diese Weise mit in ihre Heimat Dänemark genommen. Wenn Massai auf ihren Wanderungen neue Weidegründe erreichten, gaben sie den neuen Bergen, Seen und Tälern die Namen der Orte die sie zuletzt verlassen hatten. So veränderte sich zwar die Landschaft in der sie lebten, nicht aber das Gefühl für Heimat. Vielleicht war Tania Blixen schreibend eine weiße Massai und sah die wundervollen Ngong Berge vor sich liegen, während sie im eiskalten Skandinavien über ihre wahre Heimat schrieb.

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Die tiefe Erzählung, die auf diesem schmerzhaften Weg der Erinnerung entstand, gehört heute zu den großen Klassikern der Weltliteratur und fast jeder Leser den man fragt, wer das Buch „Afrika, dunkel lockende Welt“ geschrieben hat, antwortet mit vielsagendem Blick: „Karen Blixen“, oder wie sie hier in Deutschland eher bekannt ist „Tania Blixen“. Doch ist es wirklich ihr Buch, das die Zeit überdauert hat, oder ist es eher die Verfilmung Jenseits von Afrika von Sydney Pollack mit Meryl Streep und Robert Redford in den Hauptrollen?

Ist es wirklich eine grandiose Literaturadaption, die viele Leser nachträglich zum Lesen verführte? Wenn man sich heute die Wahrnehmung von Karen Blixen in der Öffentlichkeit anschaut, dann muss es so sein. Die meisten Menschen bringen ihren Namen unmittelbar mit dem ihrer großen und unerfüllten Liebe Denys Finch Hatton, den Großwildjäger, Buschpiloten und britische Gentleman in Zusammenhang, der das Leben der angeheirateten dänischen Adeligen völlig durcheinander brachte. Und doch finden wir in ihrem eigenen Lebenswerk kaum greifbare Belege für die tiefe und extrem emotionale Bindung zu einem Mann, der alles suchte, nur keine Verpflichtungen.

Diesbezüglich kommt „Afrika, dunkel lockende Welt“ recht spröde daher, wenn man auf der Suche nach Liebesbeweisen oder Belegen für die unglaubliche Romantik im Film sucht. Hier zog sich Tania Blixen, die geborene Erzählerin, in ihren eigenen Erzählraum zurück und lange Zeit nach der Veröffentlichung ihres Buches erklärte sie in Interviews, dass sie nur den Teil der Geschichte niedergeschrieben hatte, der ihr selbst gehörte. Und so schwelgt sie ausgiebig in ihrem Buch in der unberührten Natur, in den tiefen Erinnerungen an ihre Kikuyu und an Menschen, die sie beschreiben konnte, ohne sie und sich selbst zu verletzen.

Jenseits von Afrika – Tania Blixen - Ein Grab in Rungstedlund

Jenseits von Afrika – Tania Blixen – Ein Grab in Rungstedlund

Spätere Erzählungen, Briefe und Gespräche boten wesentlich mehr Einblick in ihr Seelenleben und doch lebt ihr gesamtes Buch von der unaussprechlichen Sehnsucht nach einem Land, das ihre eigentliche Heimat wurde. Aus ihrer Vision, sich in Afrika zu etablieren wurde schnell die Mission, etwas für die unterdrückten Ureinwohner zu tun. Schulen, eigenes Land und die Akzeptanz der Kolonialherren schrieb sie sich auf ihre Fahne und dies in einer kolonialen Epoche, in der Afrika maximal ausgebeutet wurde. Von allen europäischen Großmächten. Sie gab sehr viel… es blieb ihr wenig.

Unmoralisch war diese außereheliche Verbindung der verheirateten Baronin zum Großwildjäger sicherlich. Zumindest in dieser Zeit Grund für gesellschaftliche Ächtung und doch bleibt von den beiden Liebenden die Überlieferung, dass die intellektuelle Hochspannung zwischen ihnen die tiefe Erotik ihrer Liebesbeziehung ausmachte. Tania Blixen rechtfertigte diese Beziehung durch ihre Theorie, dass zwei unabhängige Seelen sich für alle Zeit lieben können, während sie auf parallelen Kursen leben und sich niemals endgültig begegnen.

Und doch prallten die beiden Lebenswege so heftig aufeinander, dass Tania mit ihrem Besitzanspruch und dem Streben nach Exklusivität genau den Mann aus ihrem Leben vertrieb, der ihr alles bedeutete. Denys Finch Hatton war auf der Flucht vor jeder festen Bindung und jeglicher Form von Verpflichtung. Er wollte am Ende seines Lebens nicht am Ende des Lebens eines anderen Menschen ankommen.

Als sich die Elemente Afrikas gegen Tania Blixen zu verschwören schienen, ihre Plantage im Monsun versank, ihre Kaffee-Rösterei in den lodernden Flammen aufging und auch ihre eigene Syphilis-Erkrankung ihr nachhaltig zu schaffen machte, stürzte Denys Finch Hatton auf einem seiner Flüge über den dunklen Kontinent ab. Tania sagte selbst über diesen Tag, dass Gott herausgefunden hatte was sie am meisten liebte. Das Grab in den Bergen ist wohl das emotionalste und bewegendste Kapitel in ihrem Lebensbericht „Afrika, dunkel lockende Welt“.

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Jenseits von Afrika – Afrika, dunkel lockende Welt – Tania Blixen

Und so wurde die afrikanische Erde zur Summe der Erfahrungen und Verluste, aber auch zur Tinte, in die Tania Blixen ihre Feder tauchte, um darüber zu schreiben. Es entstand ein unglaublich tief erzähltes Buch über eine Zeit, auf die man heute mit einem verklärt romantischen Blick zurückschaut. Und doch ist es ein Blick, der unsere Augen schärft für den steten Niedergang der kolonialen Ansprüche, die fortschreitende Zerstörung der Natur und die ungewöhnlichen Lebensbedingungen, die hier Menschen verändern können.

Der Manesse Verlag hat „Afrika, dunkel lockende Welt“ in wundervollen Ausgaben bis zum heutigen Tag im aktuellen Programm. Dieses kleine große Buch ist immer eine Reise wert und doch erzielt es seine grandiose Tiefenwirkung erst in Verbindung mit der authentisch umgesetzten Verfilmung „Jenseits von Afrika“. Als Sekundärliteratur kann ich die Bücher Schatten wandern übers Gras und Tania Blixen – Ihr Leben in Dänemark und Afrika (beides DVA-Verlag) ans Herz legen. Ersteres beinhaltet einige Kurzgeschichten, die in größerem zeitlichen Abstand zu Tania Blixens Leben in Afrika entstanden sind und im zweiten Buch finden sich ausführliche biografische Angaben mit den originalen Fotos aus dieser Zeit. Eine informative und emotionale Reise für sich, die man als Liebhaber antreten sollte.

Meine literarische Safari nach Afrika geht bald weiter. „Lady Africa von Paula McLain (Aufbau Verlag) bringt mich bald zurück an den Fuß der Ngong Berge. Sie schreibt über Lady Beryl Markham, eine Freundin von Tania Blixen und eine Geliebte von Denys Finch Hatton. Im Film taucht diese reale Figur übrigens als Felicity auf. Ich freue mich sehr auf die Begegnungen und weitere Flüge über diesen Kontinent. Vom Gestern bis ins Heute. Es beginnt mit einem Flug über die Flamingos und endet für mich lesend vor Lampedusa.

Ende 2017 hat der Design-Paradigmenwechsel bei Manesse Tania Blixen erreicht. Die neuen kleinen Klassiker nicht nur im neuen Gewand. Die Berge sind wieder da!

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika – Das ist kein Gebirge

„Rosenlippenmädchen – leichtfüßige Jungs“… folgt mir

Ich hatte einen Blog in Afrika - Eine Lesereise - Hier geht es weiter

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Eine weitere Farm…

Er kommt so harmlos und idyllisch daher, dieser Roman. Er spricht uns bereits in den Momenten an, in denen wir ihn betrachten, berühren und ganz plötzlich von ihm in Assoziationen verwickelt werden, die sich ausbreiten, wie ein Flächenbrand. Es ist der Titel dieses Buches, der uns träumen lässt. Es ist der Titel, der Erinnerungen an einen Roman weckt, der zum Lebenswegbegleiter und Wegweiser in unserem Lesen wurde. Es sind Bilder, die wir sehen, ohne auch nur eine einzige Zeile gelesen zu haben. „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ von Olive Schreiner lässt uns sofort an einen Roman denken, der so autobiografisch und authentisch war, wie man es sich wünscht. Ein Buch, das mit einem emotionalen Satz beginnt, den wohl jeder Buchliebhaber dem Werk zuordnen kann, zu dem er gehört. „Ich hatte eine Farm in Afrika„. (weiterlesen)

Olive Schreiner - Die Geschichte einer afrikanischen Farm - Astrolibrium

Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm