„In finsteren Himmeln“ von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric - AstroLibrium

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Auswahl des ersten Lesenswegbegleiters im neuen Jahr gleicht seit ewigen Zeiten einem Ritual. Ein wenig Aberglaube schwingt immer mit, wenn ich diese emotional gesteuerte Entscheidung treffe, da genau dieses allererste Buch des Jahres oft wie ein lebenswichtiger Leitstern über meinem künftigen Lesen steht.

Diesmal vertraue ich mich dem englischen Schriftsteller Robert Edric an, der mich in seinem aktuellen Roman aus dem Steidl Verlag in die Schweiz des Jahres 1919 entführen wird. Eigentlich ein Jahr des Neubeginns, nachdem der erste Weltkrieg mehr als vier Jahre nicht nur in Europa gewütet hat. Ein erstes Jahr des tiefen Durchatmens und der puren Erleichterung, zumindest für diejenigen, die den Krieg unversehrt überlebt hatten.

Doch wer konnte das von sich behaupten, war doch angesichts der unglaublichen Opferzahlen fast jede europäische Familie leidtragend. Entweder hatte man selbst einen geliebten Menschen auf dem sogenannten Feld der Ehre verloren oder man litt unter den inneren und äußeren Verletzungen, die man in einer der vielen Schlachten erlitten hatte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Sonne lag in den letzten Jahren unter dem Pulverdampf der großen Armeen verborgen und auch nun, unmittelbar nach dem Friedensschluss war die Luft noch nicht rein. Zu viele unbeantwortete Fragen verdunkelten den Blick auf die Zukunft und In finsteren Himmeln zeichneten sich die ersten Schreckgespenster ab, die dafür sorgten, dass man schon 1919 von den Jahren zwischen den Kriegen sprechen sollte.

Die Menschheit hatte sich in ihre Refugien zurückgezogen, um Wunden zu lecken und Fragen zu stellen, auf die es kaum Antworten geben konnte. Man trauerte, versuchte zu genesen, beschäftigte sich mit der Legendenbildung, warum man den Krieg verloren haben könnte und vergaß jene, die durch ihre vielfältigen Verletzungen an den Rand der langsam erwachenden Gesellschaft gedrängt wurden.

Versehrte Männer, die so grausam verstümmelt waren, dass man sich ihres Anblicks gerne entzog und psychisch Traumatisierte, die mit ihrem Kriegszittern und den Folgen der Gasangriffe den neuen Behandlungsmethoden der Kriegsmedizin ausgeliefert waren. Über allem stand die Frage, ob sie feige waren, tatsächlich oder gespielt blind und wie lange es wohl dauern könne, bis man sie den Kriegsgerichten nach dem Krieg überstellen könnte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Ein solches Wartezimmer des Grauens finden wir in Robert Edrics aktuellem Roman „In finsteren Himmeln“. Ein Schweizer Kurort am Genfer See kommt auch unmittelbar nach dem Krieg nicht zur Ruhe. Erste Touristen versuchen, den neu erlangten Frieden in den Luxushotels vor Ort zu genießen, während die Kolonnen der Versehrten aus dem nahe gelegenen Kloster und dem angrenzenden Militärhospital zu Spaziergängen an den See gebracht werden.

Unglaubliche Bilder verstören die Bewohner und Gäste und das Unbehagen wächst. Jedes noch so kleine Geräusch lässt die Männer zusammenzucken. Der Schlachtenlärm hat deutliche Spuren hinterlassen. Rollstühle werden durch die Straßen geschoben. Männer mit bemalten Gesichtsmasken versuchen den Gesichtsverlust durch den Krieg zu verbergen und das Stadtbild wird zusehends dominiert von den Resten eines Infernos. Eine gefühlstaube Welt versucht, sich in ein neues Leben vorzutasten.

„Danach kamen die Erblindeten, gehalten und geführt, unter gutem Zureden, im Flüsterton aufgeklärt über das, was sie nicht sehen konnten. Es folgten die übrigen gehfähigen Verwundeten. Manche von ihnen bewegten sich auf eine Weise, als hätten sie das Gehen ganz verlernt und lernten es jetzt neu, wobei sie die einzelnen Bewegungsabläufe – die Koordinierung von Knochen, Muskeln, Fleisch, Wille und Energie – noch nicht recht beherrschten.“

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In dieser Zwischenwelt des Leidens gerät die 23-jährige Elisabeth Mortlake an der Seite ihrer jungen Schwägerin in den Mahlstrom aus Verlust, Trauer und Schmerz. Ihr einziger Bruder ist im Krieg gefallen und sie reist mit dessen junger Witwe in die Schweiz, um den Verlust zu verarbeiten. Der Klima- und Tapetenwechsel sollte sich positiv auf die Stimmung der beiden Trauernden auswirken, doch angesichts der Bilder, die sich ihnen täglich bieten, droht die Last nur noch stärker zu werden.

Man kann dem Krieg und seinen brutalen Folgen nicht entrinnen. Doch während ihre Schwägerin völlig zusammenbricht und selbst in einem Sanatorium behandelt werden muss, vertraut sich Elisabeth einem geheimnisvollen britischen Offizier an, der sie vom ersten Moment an fasziniert. Captain Jameson scheint ebenso gestrandet zu sein wie sie. Eine leichte Verletzung lässt ihn augenscheinlich hinken, aber er ist nicht hier, um gesund zu werden.

Er hat sich einer Aufgabe verschrieben, die sich Elisabeth nur langsam erschließt. Die finsteren Himmel scheinen ein ganz klein wenig aufzureißen und unter der geschlossenen Wolkendecke zeigen sich erste Lichtstrahlen, die sich sanft nach ihr ausstrecken. An Jamesons Seite entdeckt sie die große Welt hinter den Mauern des Klosters. Sie lernt die selbstlos helfenden Ordensschwestern kennen, trifft auf schwerst traumatisierte junge Soldaten, schwangere Mädchen ohne Zukunft und letztlich auch auf den Mann, der hinter dem Geheimnis des britischen Offiziers steckt.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Elisabeth erwacht mit jeder Begegnung mehr aus ihrer Schockstarre und erkennt, dass Trauer nichts Kollektives, sondern etwas zutiefst Persönliches ist. Nur ohne ihre Schwägerin ist sie in der Lage, den Tod ihres Bruders verarbeiten zu lernen. Captain Jameson ist dabei Fixstern und Meteorit zugleich. Er zeigt ihr, was es heißt, beharrlich zu sein und trifft sie doch immer wieder ins Mark.

„Alles, was man jetzt noch zu sehen bekommt, sind Männer wie ich, ewige Nachbeben, die Echos, die sich weigern, zu verstummen.“ Ob der Versuch, diesem Echo zu folgen ein neues Leben ans Tageslicht bringt, oder was sich zeigt, wenn der ewige Gletscher am Genfer See zu schmelzen beginnt, das liegt in der Tiefe eines groß angelegten Romans verborgen. Das große Geheimnis des britischen Offiziers ist auch ein zutiefst bibliophiles. Eine der absolut interessantesten Grundideen in einem Roman über die Nachkriegszeit wurde von Robert Edric wundervoll ausgearbeitet.

Was passiert mit einem Menschen, der vor dem Weltkrieg mit seltenen Büchern und Manuskripten gehandelt hat, wenn nach dem ersten großen Weltenbrand so viele private Büchersammlungen aufgelöst werden, dass es diesen Markt einfach nicht mehr gibt? Die Gefallenen des Krieges lesen und sammeln nicht mehr.

Dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet, die er aufwirft, erschließt sich dem Leser schnell. So ist das Leben. Es endet nicht auf Seite 459 mit einer Floskel oder einer Patentlösung. Es endet, wie ein solches Buch enden darf und kann… mit einer Sehnsucht. Eins wollt ich dir noch sagen erinnerte mich sehr an die Bilder, die ich In finsteren Himmeln fühlte. Zwei Bücher, die durch die Gesichtslosigkeit der Opfer miteinander verbunden sind. Zwei besondere Bücher in meiner Lesekette über den Ersten Weltenbrand.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

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„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ – Die 55. Münchner Bücherschau mit Günter Grass

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann sitzt er dir plötzlich gegenüber. Ganz leibhaftig und agiler, als man dies in Anbetracht seines Alters erwarten dürfte. Er nimmt die Bühne für sich ein, obwohl er kein Schauspieler ist, er dominiert den Raum mit seiner Ausstrahlung, auch wenn er kein einziges Wort sagt. Er lächelt verschmitzt, sucht direkten Blickkontakt und wirkt trotz des ausverkauften Saals gelassen und routiniert. Wobei Routine das Letzte ist, was sich in den nächsten zwei Stunden im Münchner Gasteig abspielen wird.

Günter Grass ist endlich da. Literaturnobelpreisträger und kritischer Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Umstritten, geliebt, gehasst, verrissen, kritisiert, auf den Olymp gehoben, fallengelassen, erhöht, erniedrigt, bewundert und abgestempelt. Mal war er zu aktiv, ohne es einzugestehen, dann war er zu passiv und stand dazu. Mittelmaß war nie sein Ding. Ein großer Autor der Extreme mit gewagt polarisierenden Bild-, Wort- und Satzkonstruktionen. Weiser und Naiver seines Landes. All dies saß nun vor mir, vor uns – zum Greifen nah.

Er war hier, um im Rahmen der 55. Münchner Bücherschau seine Ausstellung „Radierungen zu den Hundejahren“ zu eröffnen. Er wollte ein bisschen erzählen darüber, wie die Bilder entstanden, wie sie einzuordnen sind und er sollte ein wenig lesen aus diesem großen deutschen Roman in drei Büchern. Vielleicht würde er sogar einen kleinen Blick hinter die Kulissen zulassen und sich im launigen Zwiegespräch mit dem Moderator einige Aussagen entlocken lassen, die dem geneigten Grass-Liebhaber neu wären. Vielleicht, so war mein Hoffen, würde dies sogar ein sehr wichtiger Abend für die Literatur.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Sein Auftritt selbst entbehrte jeglicher Allüren. Ein Grass kommt nicht durch den Bühneneingang. Er bewegt sich im Besucherstrom und gar nicht inkognito durch die Menschen, die gleich sein Auditorium sind. Ungezwungen, ansprechbar, freundlich und bescheiden inmitten der Betrachter seiner Bilder, die nun er als Besucher betrachtet – mit den Betrachtern als neuem Rahmen – als würde sein Publikum den Bildern durch seine Präsenz eine neue Dimension verleihen. So schlendert, staunt und plaudert er. So ist er. Und so plaudert er auch mit uns. Gelassen und locker. Kein Star….

Nicht unsere erste Begegnung. Nicht zum ersten Mal quasi nicht ungestört und doch vergleichbar, weil er mehr als nahe steht und gar nicht entrückt kein Bild des entrückten Autors vermittelt. Man muss das erlebt haben, seine Aura gespürt haben, um diese begeisterten Worte auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Obwohl ich meiner Chronistenpflicht folge, lasse ich mir doch selbst Spielraum für meine Bewunderung. Subjektiv wäre ich auch, würde ich neutral berichten. Da bin ich lieber kritisch verliebt!

Und mit Kristina habe ich eine profunde Grass-Kennerin an meiner Seite, die mich diesen Abend nicht allein erleben lässt, sondern gemeinsam mit mir in der ersten Reihe (Mitte) des Carl-Orffs-Saals Auge in Auge mit Günter Grass, diesem älteren Herrn mit selbstgestrickten Socken lauscht. Aus seinem selbstgestrickten Leben erzählend, seine Verstrickungen gestehend und dabei so sehr bestrickend zu wirken, dass er sein Publikum mit wahrer Literatur umgarnt.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Im Plauderton entwickelt sich ein moderiertes Gespräch, bei dem sich Grass gerne moderieren lässt und jederzeit moderat zu antworten weiß. Dann jedoch einmal in Fahrt gekommen, sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, -schauer und -fühler bewusst, immer weiter ausholt, ohne weit zu schweifen, immer tiefer greift, ohne zu versinken und immer bestimmter spricht, ohne dabei bestimmend zu wirken, wird aus dem Mann in der schmucklosen Cordhose eine Bühnenerscheinung, der man auf Schritt und Tritt folgt, ohne dass sie sich bewegt. Sein Geist bewegt sich erneut im Krebsgang einen Schritt zur Seite, zwei nach vorne und wieder einen zurück. Ihm zu folgen ist ein Vergnügen. Er setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk inhaliert hat. Er erzählt auch für Menschen, die ihn zum ersten Mal sehen.

Er vermittelt Gefühl und Leidenschaft fürs Schreiben. Und er berichtet von seinem eigenen Leiden während des Schreibens, dem süßen Leiden eines Schriftstellers, der sich seiner Protagonisten nicht mehr zu erwehren weiß. Tulla Prokiefke wird plötzlich zum Thema, ebenjene Tulla, die eigentlich die Schwester von Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“ werden sollte, was ebenjener Oskar seinem Schöpfer Günter aber nicht gestattete.

Zu dominant sei der kleinwüchsige Protagonist bereits gewesen, als dass er eine Schwester neben sich geduldet hätte und so entstand mit Tulla eine Frauenfigur, die sich fortan nicht mehr wirklich von der Seite von Günter Grass entfernte. In jedem Roman der „Danziger Trilogie“ tritt sie auf. Sie durchzieht die „Blechtrommel“ ebenso wie „Katz und Maus“ und schließlich finden wir jene Tulla, für mehrere Tage in einer Hundehütte lebend, in den „Hundejahren“ wieder. Eine ewige Liebesgeschichte zwischen Autor und Figur, die lange währt. Denn sogar an Bord des sinkenden Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff in seinem Roman „Im Krebsgang“ taucht sie wieder auf. Wen wundert es ernsthaft, dass sie zu den wenigen Überlebenden gehört.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Davon erzählt er nicht nur. Er liest. Und wie er liest. Seine eigene Melodie verleiht dem Geschriebenen den eigentlichen grass´schen Rhythmus und nimmt die Zuhörer mit in einen unendlichen Erzählstrom, in dem die „Geschichte in die kleinbürgerliche Welt eingebrochen ist.“ Diese Erzählstimme muss man zumindest einmal im Leben gehört haben, um zu verstehen, warum Sätze so sein dürfen, wie Grass sie schrieb und warum es keinem Lektor gelang, sie zu begradigen
.
„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ antwortet Günter Grass gut gelaunt auf Vergleiche mit südamerikanischen Autoren des großen Realismus, die „aber viel später als ich in der Blechtrommel angefangen haben realistisch zu schreiben“ und bemängelt das Fehlen großer deutschsprachiger Vorbilder wie den Schriftsteller Jean Paul. „Würden heutige Autoren ihn wieder zu lesen beginnen, könnten ihre Geschichten sich auch wieder ein wenig oberhalb des Bauchnabels abspielen.“ Sein Publikum hat er lachend hinter sich. Er hat es an diesem Abend nie aus den Augen verloren.

Auf seinen Umgang mit Kritik angesprochen spürt man die tiefen Verletzungen, die ihm von Marcel Reich-Ranicki zugefügt wurden, als dieser auf dem Cover des Spiegel den Grass-Titel Ein weites Feld zerriss. Er bringt den Namen nicht über die Lippen und spricht vom „Unglücklich in die Literatur verliebten Kritiker“! Diese Kritik hat ihn zurück zum Malen gebracht und in der inneren Einkehr entstanden die Fundsachen für Nichtleser – jene Aquadichte, über die ich ausführlich schrieb.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Das Multitalent Grass bewegt sich seit gefühlten Urzeiten bildhauend, malend und schreibend durch unser Leben. Einen lebendigen Querschnitt seines Schaffens präsentierte er im Münchner Gasteig. Inhaltlich geschlossen und in allerbester Form entsprach dieser Auftritt dem gerade erschienenen Prachtband Sechs Jahrzehnte aus dem Steidl Verlag. Ein Werkstattbericht, der Grass in all seinen Schaffensphasen zeigt, von der Skizze bis zum Meisterwerk, egal in welcher Kunstrichtung.

Grass ist und bleibt Kulturschaffender der ersten Kategorie in Deutschland. Von Altersstarrsinn keine Spur, von plötzlich aufkommender Gnade gegenüber sich selbst und anderen weit entfernt und als der Moderator sanft zu ihm sagt „Ich glaube unsere Zeit ist um“ erwidert Grass nur lakonisch „Ich gehe davon aus, dass sie nur die Redezeit meinen. Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“

Auf die abschließende Frage, welche Pläne er denn noch habe für die literarische Zukunft erhält man nur die überaus freundliche Antwort: „Das verrate ich doch nicht hier!“. Ich bin dankbar für diesen Abend in bester Gesellschaft. Sein Lebenswerk lag ausgebreitet wie ein Teppich auf der Bühne und dieser große Autor hat es verdient, dass man diesen Lebensteppich mit Hausschuhen betritt, auch wenn man an einigen Stellen darauf rumtrampeln mag. Respekt sollte die Schuhgröße definieren.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann kommt er doch. Der Moment für einen leisen Abschied in aller Tiefe!

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkait – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Bucfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Günter Grass – Fundsachen für Nichtleser – Aquadichte

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Wie gehen große Schriftsteller damit um, wenn eines ihrer Werke nicht nur heftig diskutiert, sondern von der breiten Öffentlichkeit und dem Feuilleton regelrecht zerfetzt wird? Es gibt wohl unterschiedliche Wege, ein solches Desaster zu verarbeiten. Vom Selbstmord über eine gezielte Gegenoffensive bis hin zur Auszeit auf einer einsamen Insel reichen die Alternativen. Jeder dieser Wege erfordert Kraft und Mut – nicht jeder Weg führt zurück zum Erfolg.

Diese Rezension können sie auch auf Literatur Radio Bayern hören - Ein Klick genügt

Diese Rezension können sie auch auf Literatur Radio Bayern hören – Ein Klick genügt

Günter Grass musste 1995 erleben, was es heißt, wie eine literarische Sau durch das noch nicht wiedervereinigte Deutschland getrieben zu werden. Sein Roman „Ein weites Feld“ wurde nicht nur zu einem der meist diskutierten Bücher dieses Jahres, nein, es wurde im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft zerrissen. Und dies nicht nur symbolisch oder mit Worten!

Niemand Geringerer als der Godfather der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, ließ sich unter der Überschrift „Mein lieber Günter Grass, ich muss sie erneut belehren“ auf dem Cover des Spiegel Magazins dabei zeigen, wie er das grass`sche Werk in Stücke zerreißt. Dem fast siebzigjährigen Nobelpreisträger Grass war das zu viel – und ehrlich… kennt man heute einen aktuellen Schriftsteller, dem dieses Spiegel-Cover am buchigen Hintern vorbeigegangen wäre? Ich nicht!

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Von der Kritik nicht immer verwöhnt, oft selbst verschuldet gesellschaftlich teilweise dauerhaft im Abseits herumlaufend und trotzdem zu den ganz Großen der Weltliteratur gehörend, entschied sich Günter Grass für einen Rückzug aus der Öffentlichkeit, nahm wohlwollend zur Kenntnis, dass „Ein weites Feld“ mit dem „Hans-Fallada-Preis“ geehrt wurde, und besann sich auf seine Fähigkeiten, die seit seinem Studium brach gelegen hatten.

Grass griff zu seinen Aquarellfarben und Pinseln und begab sich in die freie Natur. Aus dem Wortmenschen wurde wieder der alte Bildmensch, der so lange untergetaucht war. Sein eigener Garten, Dänemark und Portugal wurden zu den Reservaten der verletzten Seele und in den weit über 100 Aquarellen finden sich viele Spuren der Verbitterung, aber man erkennt auch deutlich wie sich der Geist zu befreien scheint, der Blick ungetrübter wird und die Schönheit scheinbarer Belanglosigkeiten eine ganz besondere Strahlkraft erhält.

Die Therapie beginnt zu wirken und in der Rückschau berichtet Günter Grass, wie sich seine Wahrnehmung neu fokussierte:

„Und auf einmal begann ich Farben zu sehen, die vielen Grün im Grün zu entdecken, des Himmels blau zu differenzieren, Zitronen Gelb in Gelb, Kirschen Rot in Rot zu malen. Es war, als wollte ich nun, abseits vom Reichtum der Grauwerte, die Welt neu entdecken.“

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

In dieser ruhigen Zeit entstanden wundervolle Landschaftsgemälde, aber auch die sogenannten „Fundsachen für Nichtleser“, das wohl zufälligste Erfolgsprojekt des großen Literaten, das nun in einer wundervollen sechsten Auflage im Steidl Verlag erschienen ist. Auf 117 Aquarellen findet zusammen, was zusammengehört. Wort und Bild gehen eine tiefe poetische und doch alltägliche Symbiose ein, die den Leser und Betrachter zum Nachdenken, Schmunzeln und Entschleunigen bringt.

„Alle Bleistifte angespitzt,
Wörter auf Abruf.
Und doch wird ein Rest
ungesagt bleiben.“

Aus scheinbar unwichtigen Alltagsgegenständen, wie Handschuhen, Reisetaschen, Schreibutensilien, Mausefallen, einer Olivetti-Schreibmaschine und sehr vielen weiteren Fundsachen aus Haus und Garten werden einfache Kunstwerke, die durch Gedichte und Aphorismen, die Günter Grass mit sanftem Pinselstrich in die Aquarelle hineinmalt mehrdimensionale Botschaften von zeitlosem Charakter.

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Es sind wortwörtliche Einfälle, die sich zur Schau stellen und zeigen, was jenseits der Buchstaben ins Auge fällt“. Und Günter Grass wäre nicht Günter Grass, hätte er nicht auch noch einen Namen für diese Wortbildschöpfungen, die untrennbar miteinander verschmolzen sind. „AQUADICHTE“ hat er geschaffen. Gedichte die über die Aquarelle seiner Eindrücke fließen, sie ummanteln, sich einschmeicheln und sanft einrahmen. Worte, die neue Deutungen zulassen, aber eben auch Worte, die ohne die Aquarelle im Meer der bildlosen Geschöpfe versinken würden.

Es sind wahrlich wundervolle Fundstücke, die uns zum Denken, Fühlen, Lachen und Sinnieren bringen. Sie verleihen Gegenständen neue Gestalt und erfüllen sie mit Sinn. Ich musste sehr über die Schubkarre lachen, deren Artgenossen ich nun in Gärten meiner Nachbarn immer mit anderen Augen sehe, seit dich dieses Buch in Händen hielt.

„Vorsorglich sollte man eine Schubkarre
im Haus haben.
Plötzlich kommt ein altbekannter Feind
auf Besuch, fällt tot um;
wohin dann mit ihm?“

Grass ist Wortschöpfer, Gestaltgeber und Gestaltwandler. Er ist und bleibt ein großer Geist und den Fundstücken für Nichtleser folgte nur zwei Jahre später „Mein Jahrhundert“ – ein bildgewaltiges Kaleidoskop der deutschen Geschichte – individuell, greifbar und wundervoll aquarelliert.

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Ich habe mich viel mit Günter Grass beschäftigt, hatte die Ehre ihm persönlich zu begegnen, besitze ein handsigniertes Exemplar der Blechtrommel und habe mich von den „Fundsachen für Nichtleser“ finden lassen. Ich kann seinen vielen Kritikern nur empfehlen, sich ebenfalls eine Auszeit zu nehmen, ihm auf die Insel der Aquadichte zu folgen und losgelöst vom Alltag, ebenjenen aus seiner Sicht und mit seinen Worten zu genießen

Und wenn dann doch am Ende das Tintenfass umkippt und ich seine Worte dazu lese, dann fühle ich ihn wieder ganz tief, „meinen“ Günter Grass, den ich so sehr verehre für sein Schreiben, den ich sehr kritisierte für sein Schweigen und dem ich noch viele Lebensworte und Aquadichte wünsche. Ihm gelingt, was nicht vielen großen Autoren gelingt… Er vermag es, mich mit ganz wenigen Worten zu verwandeln.

„Zum Abschied
habe ich meine Tinte umgestürzt.
Soll doch jemand der mir nachkleckert,
das Fäßchen auffüllen
und sich die Finger schmutzig machen.
Schreiben färbt ab.“

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Ein ungewöhnlicher Weg, neue Kraft zu tanken? Ein Rückzug, der nur wahren Künstlern vorbehalten ist, die es sich leisten können, eine solche Auszeit zu machen? Ich denke nein. Dieses Buch ist ein deutliches Signal, sich seine eigenen Fundsachen zu suchen, den Alltag anders wahrzunehmen und sich unbeirrbar auf den eigenen Weg zu machen. Man kann malen, fotografieren, zeichnen, schreiben, fühlen! Jeder hat eine Begabung, die er längst vergessen glaubte.

Günter Grass zeigt uns, wie es geht. Und in einem zufälligen Vorgespräch zu diesem Artikel bestätigte mir Susi Naschke ganz heimlich „Vielleicht sollte ich meine Staffelei auch wieder hervorholen“ und schickte mir Fotos von den Bildern, die sie gemalt hat, wenn die Welt ihre Farbe verloren hatte. Ich habe aus diesem Buch, den Bildern und dem Gespräch mit Susi gelernt. Was will man denn mehr, wenn man auf „Fundsachen für Nichtleser“ stößt.

Was will man mehr, wenn man „nur“ ein Buch nichtlesen mag…. 😉

fundsachen für nichtleser günter grass spacer

Wenn ich sage „Ein Leserleben lang“, dann trifft dies meine persönliche emotionale Verbindung zu Günter Grass am besten. Seit der Schule bis zum heutigen Tag begleiten mich seine Bücher, Texte und Zeichnungen. Er hat mich beeinflusst. Hier geht es zu weiteren Artikeln aus meiner Feder. Und natürlich zu einer besonderen Begegnung auf der 55. Münchner Bücherschau.Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und immer weiter mit meinem Herzensautor! Ich bin kritisch verliebt und bleibe es.

Ein Leserleben lang... Mit einem Klick zu meinen Grass-Artikeln...

Ein Leserleben lang… Mit einem Klick zu meinen Grass-Artikeln…

Und dann kommt er doch. Der Moment des leisen und trauigen Abschieds.

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkeit – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass