Annie Dunne von Sebastian Barry

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Ach, Kelsha ist ein abgelegener Ort, hinter den Bergen, ganz gleich, von wo man kommt. Man muss über die Berge, um dorthin zu gelangen, und schließlich durch Träume.

Seid Ihr bereit, mir nach Irland zu folgen? Seid Ihr bereit, mit mir über die Berge ins County Wicklow zu ziehen, um eine besondere Frau kennenzulernen? Seid Ihr bereit, durch Eure Träume zu gehen, damit ich Euch mit Annie Dunne bekannt machen darf? Dann seid herzlich willkommen auf der ewig grünen Insel und damit zugleich an einem der wohl größten Sehnsuchtsorte in der weiten Welt der Literatur. Es sind ihre Mythen, die einzigartigen Menschen und die urwüchsige Landschaft, die uns seit jeher in ihren Bann ziehen. Es sind Geschichten von Auswanderern, die ihre Heimat hinter sich und ihren Familien ließen, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Es sind Geschichten von denjenigen, die zu Hause blieben und mit ansehen mussten, wie sich ihre Heimat teilte und zerbrach. Irland – Insel der Poesie, Schmelztiegel bewegender Folklore-Musik und Schauplatz menschlicher Dramen. Kaum ein anderer Ort auf unserer Welt verfügt über so viel fruchtbare Muttererde für Legenden und große Romane.

Einen solchen Roman möchte ich Euch gerne ans Herz legen.Annie Dunne aus der Feder von Sebastian Barry – Steidl Verlag – ist voller Emotion, strahlender Poesie und Ehrfurcht gebietendem Tiefgang. Er versetzt uns in einen unvergesslichen Rausch des Lesens und schreibt uns eine Frau in die Seele, der man wahrhaftig begegnet sein muss, wenn man das gute Lesen liebt. Sebastian Barry passt sein Schreiben dem Lauf der Dinge an, der im Jahr 1959 den Alltag auf dem Land dominierte. Es ist eine kleine Farm, die zu bewirtschaften ist, es sind die täglich wiederkehrenden Pflichten, die dem einfachen Leben ihren Stempel aufdrücken und es ist die Zeit, die so langsam vergeht, dass man sich viele Gedanken über das eigene Leben machen kann. Mit Idylle hat das nicht viel zu tun. Es ist der alternativlose Überlebenskampf am Rande dessen, was man als absolutes Existenzminimum bezeichnen muss. Und doch ist es die geliebte Heimat die hier beackert wird. Der letzte Zufluchtsort von Annie Dunne.

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

„Bei Tageslicht öffnet und weitet sich die Farm, die furchterregenden Schatten fliehen aus den feuchten Bäumen…“

Hier ist sie gelandet. Annie Dunne, das irische Mauerblümchen. Mit ihren über 60 Jahren, am Ende der Enttäuschungen, die das Leben für sie auf Lager hatte, bleibt ihr als obdachlose alleinstehende Frau nur die Großherzigkeit ihrer gleichaltrigen Cousine Sarah, die Annie Unterschlupf gewährt. Mehr als eine recht windschiefe Hütte und ein Bett, das sich die beiden älteren Damen teilen müssen, hat jedoch auch Sarah nicht zu bieten. So gehen sie gemeinsam durchs karge Leben. Die Tage werden kürzer und in den gemeinsamen Alltag schleichen sich die ersten Beschwerden des Alters ein. Hier erleben wir Irland von seiner unbarmherzigen und wenig wildromantischen Seite. Wir erleben die entbehrungsreichen Tage aus der Perspektive von Annie Dunne, die dem bescheidenen Dasein immer noch eine positive Seite abgewinnen kann. Alternativen? Fehlanzeige.

Sebastian Barry erzählt die Geschichte einer bedauernswerten Frau, die sich an die trügerische Sicherheit der Gegenwart klammert. Die Bucklige, nie Geliebte und zu oft an den Rand Gedrängte, die Frau, die ihre einzige Liebe erfinden musste, um nicht vollends vor den Trümmern des Lebens zu stehen, blickt ihrem Lebensabend entgegen. Hoffend, dass sich nichts mehr zum Schlechten ändert. So ruhig wie diese Geschichte durch unsere Gedanken fließt, so unausweichlich erahnen wir, dass dieser träge Fluss auf einen Wasserfall zurauscht, der das Ende bedeuten kann. Die beiden Neffen von Annie Dunne kommen zu Besuch. Der Junge und das Mädchen bringen zwar frischen Wind auf die Farm, führen Annie und Sarah jedoch vor Augen, was sie niemals haben werden. Kinder und eine Zukunft. Wie im Gefühl einer Torschlusspanik beschließt die Cousine von Annie ihr Leben zu ändern. Und Änderung bedeutet für Annie nicht mehr und nicht weniger als die erneute Obdachlosigkeit.

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Dieser Roman ist so irisch, wie ein Roman nur sein kann, der in Irland spielt. Wir erleben den Abgesang auf ein altes Land, in dem das englische Königshaus das Sagen hatte. Wir erleben die Verwundungen derer, die von der Geschichte fortgeweht wurden und dem Freiheitskampf weichen mussten. Wir werden Freunde von Annie Dunne, die dieses verschwundene Irland scheinbar ganz alleine zu schultern hat. Wehmütig blickt sie zurück auf die eigene Kindheit. Wehmütig erkennt sie, dass sich ihr Leben seitdem zu einem wagemutigen Ritt auf dünnem Eis verändert hat. Es bricht uns das Herz, nun zu erkennen, dass erneut die Gefahr besteht, dass Annie an den Rand gedrängt wird. Und doch haben wir es mit einer kämpferischen Frau zu tun, der wir nicht in die Quere kommen wollten… 

„Was ist das für ein Altwerden, wenn selbst der Motor, der unsere Verzweiflung und unsere Hoffnung im Gleichgewicht hält, anfängt, uns im Stich zu lassen?“

Annie Dunne wirft ihren Motor an, um ihre Vision einer bescheidenen Zukunft an der Seite von Sarah nicht zu verlieren. Jetzt sollte man sich der alten Annie besser nicht in den Weg stellen. Eine Geschichte voller Empathie, emotionaler Wahrhaftigkeit und Magie. Eine Frau, der wir sehr gewünscht hätten, jemals richtig geliebt zu werden. Eine Träumerin, die allzu leicht aus ihrem Gleichgewicht zu bringen ist. Hier prallen sie aufeinander: Die Lebensentwürfe, die im Irland des Jahres 1959 noch toleriert wurden und die traditionellen Ansichten über die Rolle einer Frau. Aber: Es ist eine Rechnung, die man ohne Annie Dunne gemacht hat.

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Ich bin Sebastian Barry durch die Welt seines Schreibens gefolgt… Es sind irische Romane, ganz egal, wo auch immer sie von ihm angesiedelt werden…

Ein langer, langer Weg„, „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde„…

AstroLibrium und Irland – Ein besonderes Verhältnis. Hier geht´s lang

Ebenfalls sehr lesenswert: Annie Dunne auf LiteraturReich

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Tausend Monde von Sebastian Barry

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Tausend Monde sind wohl vergangen, seit die Tage ohne Ende ihre Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Ein indianisches Zeitmaß, das ebenso für einen Wimpernschlag, wie für eine halbe Ewigkeit stehen kann. Als ich den ersten Teil dieses Epos in Händen hielt, war schon klar, dass Sebastian Barry ihn weiterführen würde. Ich entschloss mich dazu, mit dem Lesen so lange zu warten, bis beide Bücher Teil meiner Bibliothek wären und ich nahtlos weiterlesen könnte. Eine Entscheidung, die sich heute als genau richtig erwiesen hat. Zu sehr sind die beiden Teile miteinander verwoben und zu lange hätte es gedauert, eine beeindruckend erzählte Geschichte an ihr Ziel bringen zu können. Es ist die bewegende Geschichte der Weg- und Lebensgefährten Thomas McNulty und John Cole. Es sind die Indianerkriege und der Wilde Westen, die einen Handlungsrahmen skizzieren, den Barry in schillernden Farben ausmalt. Am Ende des ersten Teils gelingt es beiden, ein kleines Indianermädchen zu retten. Und so endeten auch meine Gedanken zu Tage ohne Ende:

Tausend Monde – Sebastian Barry - AstroLibrium

Tausend Monde – Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Bald ist es so weit.

Genau hier bin ich heute angelangt. „Tausend Monde“ später. Ein Wimpernschlag für mich, eine Ewigkeit für Winona, der ich jetzt in ihren Teil der Geschichte folge. Ein bewegender Moment, die ersten Worte im Buch zu lesen: „Ich bin Winona.“

Tausend Monde - Sebastian Barry - AstroLibrium

Tausend Monde – Sebastian Barry

Wie sieht ihre Sicht der Dinge aus? Wie fühlt sich die jetzt 17jährige Lakota, die seit Jahren ihre Herkunft leugnen und doch für alle deutlich als Indianerin erkennbar, unter Weißen leben muss? Ein Mädchen, für das es nur völlige Assimilation gibt, um seinen Platz im Leben zu finden? In einem Land, in dem Law and Order eher für den Zustand tiefer Gesetzlosigkeit steht, Reiter mit weißen Kapuzen ihre Lynchjustiz zelebrieren und die Befreiung des Sklaven nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges nur ein Gerücht zu sein scheint? Und sie mittendrin. Weniger wert, als ein Schwarzer und im Herzen doch immer noch ihrem Stamm verbunden. Jenem Stamm, der vor langer Zeit von der US-Kavallerie ausgelöscht wurde. Unter Beteiligung eben jener beiden Männer, die sich nach dem Massaker so liebevoll um sie gekümmert hatten. Welche Stürme in ihrem Herzen toben, kann nur Winona selbst erzählen.

Sebastian Barry schlüpft in ihre Haut, er spricht ihre Stimme und die Sprache einer jungen Frau, die seit Jahren unter Weißen lebt und eine passable schulische Bildung genießen durfte. Es ist nicht mehr der Slang eines Thomas McNulty aus dem ersten Teil, der diese Erzählung so authentisch macht. Jetzt sind es die Innenansichten eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die diesem Text Tiefe verleihen. In Rückblicken berichtet Winona von der Welt, in der sie aufgewachsen war und erzählt dann vom Leben an der Seite der beiden Männer, die sie einst bei sich aufgenommen hatten. Eine Allianz von Menschen, die weit außerhalb der Normenwelt leben. Sie, die Indianerin und ihre „Eltern“ zwei Männer, die wie ein altes Ehepaar miteinander leben. Im konservativen Westen bilden sie auf ihrer Farm eine Zielscheibe für alle denkbaren Anfeindungen.

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Es ist Sebastian Barry gelungen, den Spannungsbogen des ersten Teils in seine Fortsetzung zu übertragen und eine Geschichte weiterzuerzählen, die nicht nur der indianischen Urbevölkerung, sondern auch den Menschen gerecht wird, denen es nicht egal war, wie rechtlos die Nachfahren der stolzen Indianerstämme leben mussten. Aus diesen Elementen der konsequenten Benachteiligung und Unterdrückung lässt der Autor eine Welt entstehen, die uns zu Verbündeten der Underdogs in dieser Erzählung macht. Wir kämpfen gegen Ungerechtigkeit, widersetzen uns den aufflammenden und nicht auszurottenden rassistischen Sichtweisen der weißen Bevölkerung, erkennen in Winona eine junge Frau, die ihren eigenen Weg gehen will und bereit ist, konsequent für sich und die Menschen in ihrem Umfeld einzustehen. Eingebettet in eine plausible und spannende Story, bringt Barry die Stärken und Schwächen seiner Protagonisten zum Vorschein.

Aus Winonas Perspektive und mit ihren Worten schließt er die Kreise, die wir als Lesende so gerne geschlossen sehen wollten. Es sind Worte, die angesichts eines ersten Teils dieses Romans unglaublich tief unter die Haut gehen:

„Wie kam es, dass ich das Glück hatte, Männer um mich zu haben, die so gut wie Frauen waren? Ich glaube, nur eine Frau weiß, wie man leben soll; ein Mann ist meist zu hastig, vorschnell. Diese Waffe mit schon halb gespanntem Hahn verwundet aufs Geratewohl. In meinen Männern dagegen fand ich unerschütterliche, lebendige Weiblichkeit. Welches Glück. Welche Fülle von wirklichem Reichtum!“

Tausend Monde - Sebastian Barry - Astrolibrium

Tausend Monde – Sebastian Barry

Sebastian Barry erzählt einen wichtigen Teil der amerikanischen Geschichte aus irisch-indianischer Perspektive. Es ist genau dieser Mix, der „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“ zu einer unzertrennlichen Einheit macht. Auf den letzten Seiten des Romans geriet ich in arge Zweifel, ob es dem Autor gelingen würde, diese Geschichte überhaupt zu einem Ende bringen zu können. Zu spannend ist das Finale, zu eng wird es für alle Beteiligten. Winona nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand, um diejenigen zu schützen, denen sie alles verdankt. Als sie des Mordes an einem Weißen beschuldigt wird, erhebt sich die stolze Indianerin, um „ihre Männer“ nicht in Gefahr zu bringen.

„John Cole, der Kiel meines Bootes,
Thomas, die Ruder und die Segel.“

Absolut lesenswert. Fesselnd, menschlich, bewegend und spannend. Was will man mehr von einem Buch? Auf in den Wilden Westen. Es gibt noch vieles zu entdecken, was uns im Mainstream bisher vorenthalten wurde. Das ist keiner. 

Bestätigen auch Constanze auf Zeichen & Zeiten und Petra auf Literatur Reich

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Es sind die Legionen von Auswanderern, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihren Lebensraum verließen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Es war die tiefe Armut, die dafür verantwortlich war, dass die von der Britischen Krone unterdrückten Arbeiter und Bauern in die Welt zogen. Die Besiedelung der Vereinigten Staaten von Amerika wäre ohne irische Einwanderer nicht möglich gewesen. Städtebau, Eisenbahnen und nicht zuletzt die amerikanische Armee wären undenkbar ohne irisches Blut.

Als starrköpfig, heimatverbunden, treu, trinkfest und verwegen werden Iren nicht nur in der Literatur bezeichnet. Sie stehen auch heute noch zu den weitverbreiteten Klischees und Zerrbildern, weil sie sich gut damit arrangieren können. Es ist der große Stolz auf das grüne Kleeblatt, der sie eint und doch wurden sie von der Weltgeschichte oft genug so weit verwirbelt, dass sie sich in fremden Ländern plötzlich gegeneinander kämpfen sahen. Auf nicht wenigen Schlachtfeldern im 19. Jahrhundert erlebte man auf beiden Seiten der formierten Schlachtreihen das grüne Kleeblatt und die Harfe auf den Fahnen der gegnerischen Parteien. Für waschechte Iren ein wahrer Schock, von dem sie sich lange nicht erholen sollten. Ein tiefer Riss durch eine gemeinsame Geschichte, der sich wie eine nie vernarbte Wunde durch die Jahrhunderte zog. Sebastian Barry schrieb auch darüber…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Wenn man das berücksichtigt, ist es schwer, seinen Roman Tage ohne Ende in ein Genre-Schema zu fassen. Was sich augenscheinlich wie ein Western anfühlt und im Gewand einer uramerikanischen Erzählung über Indianerkriege, die Besiedlung des Wilden Westens und den Bürgerkrieg daherkommt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein irischer Roman, den es an einen anderen Schauplatz verschlagen hat. Sebastian Barry ist virtuos darin, sich ein Land und seine Geschichte untertan zu machen, wenn es darum geht von den Menschen zu erzählen, die ihm am Herzen liegen. Er ist nichts anderes als ein irischer literarischer Auswanderer, der sein Glück auf fremdem Boden sucht. Das muss man wissen, bevor man sich der Szenerie nähert, die sich wie „Tage ohne Ende“ durch das Lesen zieht. Es ist der tiefe irische Grundton einer Erzählung, der hier die Fanfarenstöße der US-Kavallerie ersetzt. Es ist das Kleeblatt und die Harfe auf den Flaggen der Konföderierten und Unionssoldaten, das zum Hoheitszeichen der Soldaten wird, unter dem sie kämpfen.

Western? Kriegsroman? Indianerstory? Western-Trail-Erzählung? Was denn nun, fragen wir uns, wenn wir am Ende der ersten „Tage ohne Ende am Lagerfeuer sitzen und unseren beiden Weggefährten Thomas McNulty und John Cole zuhören. Nichts von alledem oder alles im neuen Gewand? Aus meiner Sicht ist dieser Roman alles und doch wieder nur fragmentarisch das, was man von ihm halten mag. Er ist Sozialstudie und Psychogramm seiner Protagonisten zugleich, fordernd und sogar überfordernd für Leser und Rezensenten, weil sie nicht zu fassen bekommen, was sie hier erwartet. In großen Aufzügen erfüllt Sebastian Barry die Erwartungen an den Wilden Westen des ersten Drittels im 19. Jahrhunderts. Man schmeckt das Land, man riecht die Menschen und fühlt die Einsamkeit von zwei jungen irischen Einwanderern, die um ihr Überleben kämpfen. Als Mädchen verkleidet treten die beiden 17-jährigen Jungs in einem Saloon auf. Frauenmangel schrieb die seltsamsten Geschichten. Dies ist eine davon.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Kein Job, den man lange durchhalten kann. Besonders, weil nur die eigene Jugend dem Beuteschema der Saloon-Kunden entspricht. Für den miesesten Lohn aller Zeiten verpflichten sich die Jungs zum Dienst in der US-Kavallerie. Jetzt sind wir mittendrin im typischen Atemhauch eines Westerns. Indianerkriege, Geleitschutz für Siedlertrecks in unwirtlicher Landschaft, das Fort Kearny mit seinem endlosen Mangel an allem und die Kameradschaft der Soldaten. Und doch unterscheidet sich alles vom Western, wie man ihn sich eigentlich vorstellt. Sprachlich verzaubert uns Sebastian Barry mit der Stimme von Thomas McNulty, aus dessen Sichtweise er diese Geschichte erzählt. Fast schon Slang, nicht gestelzt und fein ausformuliert, verknappt und pur entdecken wir Seiten an unseren Weggefährten, die das Genre zu sprengen scheinen. Thomas und John sind nicht nur durch ihr Schicksal miteinander verbunden. Es ist aufrichtige Liebe und eine verzweifelte Leidenschaft, die sie in den schlimmsten Momenten ihres Lebens retten.

An dieser Stelle zeigen sich die Probleme von Lesenden und Rezensenten, die nur kaum in Worte fassen können, was ihnen nun begegnet. Von „schwulen Soldaten“ ist oft die Rede, von „Homosexualität im Western“ den „beiden verliebten Soldaten“ und schon zieht man Vergleiche zu „Brokeback Mountain“, einem Film, in dem dieses Thema im Cowboy-Milieu die zentrale Rolle spielt. Völlig daneben, diese Vergleiche. Was sich mit drei Zitaten leicht belegen lässt. Sehen wir uns nur an, warum Thomas McNulty nach dem Dienst an der Waffe Frauenkleider anzieht, um seinen inneren Frieden zu finden:

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Ich fühle mich als Frau, mehr als ich mich je als Mann gefühlt habe, trotzdem ich einen Großteil meines Lebens Soldat gewesen bin.

Als Frau bin ich entspannt, als Mann verkrampft. Als Mann sind meine Glieder gebrochen, als Frau geheilt. Ich lege mich mit der Seele einer Frau zu Bett wache auch mit ihr auf.

Vielleicht bin ich als Mann zur Welt gekommen, und ich habe mich in eine Frau verwandelt. Vielleicht war der Junge, dem John Cole begegnete, schon damals ein Mädchen.

Hier haben wir eine zutiefst authentische Geschichte über eine „Trans-Frau“ vor uns, die sich im Alltag als Mann verkleiden muss, um im Wilden Westen überleben und durchhalten zu können. Aus der Sicht von Thomas McNulty erleben wir jene Massaker an der indianischen Urbevölkerung, wir ziehen in den Bürgerkrieg, kämpfen in brutalen Schlachten gegen irische Landsleute, desertieren und werden wieder aufgespürt. Und dabei tobt das eigentliche Gefecht in Thomas selbst. Nur John Cole bleibt ihm treu bis zur Selbstaufgabe. Ein großer irischer Roman, das sagte ich bereits. Eine Geschichte voller Wendungen und unerwarteter Höhepunkte. Eine Liebesgeschichte zweifelsohne und auch die Geschichte einer Rettung…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Hier geht es weiter!

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Weitere Western bei AstroLibrium finden Sie hier. Über Sebastian Barry schrieb ich anlässlich seines Romans Ein langer, langer Weg. Und nach Irland möchte ich sie auch gerne literarisch entführen. Hier geht´s lang. Lesen Sie gut.

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Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm [Schwarberg]

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun heißt es sachlich zu bleiben. Schon nach diesen sechs einfachen Worten bricht das Schreiben. Pause. Emotionen ausblenden. Hilflosigkeit beiseiteschieben. Einfach nur schreiben. Rezensieren. So schwer kann das ja nicht sein. Schreiben. Buchtitel und Verlag erwähnen. Den Autor beim Namen nennen und mich einer Geschichte nähern, die mich ein paar Tage meines Lesens Gegen das Vergessen begleitet hat. Dass ich innerlich extrem aufgewühlt bin, tut nichts zur Sache. Dass ich zittere und mir nach jedem zweiten Wort die Tränen aus den Augen wischen muss – nicht relevant.

So wollte ich auch lesen. Nicht die erste wahre Geschichte über den Holocaust. Nein. Eine von inzwischen zahllosen Begegnungen mit Opfern, Zeitzeugen, Namen. Eine von den vielen unglaublichen Geschichten, die sich tatsächlich zugetragen haben. Und ich dachte, ich sei inzwischen abgehärtet, hätte aus der Tiefe der menschlichen Abgründe jede Schattenseite erlesen und gefühlt. Ich war der Meinung, auch in Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager das Ausmaß des Grauens erkannt zu haben.

Das mit dem Lesen hat nicht funktioniert. Ob es beim Schreiben besser wird? Ich weiß es nicht. Zwei Jahre habe ich auf die Neuauflage eines Buches aus dem Steidl Verlag gewartet. Zwei Jahre wusste ich eigentlich, was auf mich zukommt. Als ich nun in den ersten Seiten versank, brach eine weitere Welt in mir zusammen. Eine Welt, in der schon vieles Denkbar war, was einst in der Zeit der Nazi-Diktatur geschah. Absolut Unvorstellbares begleitet meinen Weg, wie man an der Anzahl meiner Artikel erkennen kann. Und doch stehe ich nun vor den Trümmern der letzten Illusion, wenn ich mich der Geschichte von zwanzig Kindern nähere.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm von Günther Schwarberg sollte in der Reihe Bücher über die grausamen Verbrechen von Medizinern gegen die Menschlichkeit einen weiteren Mosaikstein darstellen, mit dem man der Generation von heute die Augen öffnen kann, wenn es darum geht, rechtsradikale Gedankensamen zu entlarven und davor zu warnen, was geschehen kann, wenn erneut den alten braunen Ideologien gefolgt wird und man sich über seine Mitmenschen stellt. Wenn man andere aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe zu schlechteren Menschen erklärt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt. Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne Professor werden und überlegen sich nun, wie Sie eine wissenschaftliche Arbeit beginnen, die für diese Habilitation zwingend erforderlich ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein recht guter Arzt im Bereich der Behandlung von Tuberkulose und möchten nun mit Experimenten herausfinden, wie man diese Lungen-Infektionskrankheit verhindern oder heilen kann. Und stellen Sie sich nun vor, Sie würden dies gerne in Form von Menschenversuchen tun. Unvorstellbar? Nein. Nicht im Dritten Reich!

Hier waren Entrechtung und Entmenschlichung ideologische Grundsäulen. Hier konnte man sich austoben, wenn es darum ging, „unwertes Leben“ zu beseitigen, hier konnte man Teil einer Vernichtungsmaschine sein, die alles jüdische Leben auslöschen durfte. Hier war der Spielraum für Ärzte, wie Josef Mengele, Aribert Heim und Kurt Heißmeier so unerschöpflich, wie nie zuvor. In einem Land, in dem sogar Tiere besser geschützt waren als Juden, Sinti, Roma, Kriegsgefangene oder Schwerbehinderte, war die ethische Enthemmung so weit fortgeschritten, dass man schon gar nicht mehr von Menschenversuchen sprach, wenn man sich an Opfern des Regimes vergriff.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Und so ist es kein Wunder, dass es dem aufstrebenden Arzt Kurt Heißmeier aufgrund guter Kontakte zur SS recht einfach gelingt, seinen Traum von Menschenversuchen zu verwirklichen. Man richtet ihm ein Versuchslabor im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg ein und versorgt ihn mit russischen Kriegsgefangenen. Nur ist Heißmeier in medizinischer Sicht ein Stümper. Er infiziert Menschen mit Tuberkulose-Erregern um den Verlauf der Krankheit zu beobachten. Er infiziert Kranke und Gesunde. Er spielt mit diesen Leben. Als ihm das nicht reicht, fordert er zwanzig Kinder an.

Am 29. November 1944 kommt der Transport in Neuengamme an. Das Dritte Reich steht an vielen Fronten bereits vor dem Zusammenbruch, die Alliierten haben Teile von Frankreich befreit, die Rote Armee rückt vor. Die Nazis begannen Zug um Zug Spuren zu verwischen, und doch bleibt in Neuengamme Zeit genug für Menschenversuche an Kindern. Heißmeier infiziert die Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren mit Erregern der Lungenkrankheit, entfernt ihre Lymphdrüsen, fotografiert und notiert die Ergebnisse.

Zehn Mädchen. Zehn Jungen. Jüdische Kinder, die von ihren Eltern getrennt schon fast alle Abgründe erlebt haben, die Nazi-Deutschland zu bieten hatte. Dass es für sie nach Auschwitz noch eine Steigerung des Schreckens geben sollte, war unvorstellbar. Und doch erreichte das Grauen in der Nähe von Hamburg neue Dimensionen. Nur der Arzt denkt anders. Ihm läuft die Zeit davon. Ihm läuft der Krieg davon. Er bangt um die Früchte seiner Arbeit. Im April 1945 enden die Versuche. Britische Soldaten erreichen Norddeutschland. Die SS beschließt, alle Zeugen zu beseitigen. Ein letzter Transport steht den Kindern und ihren wenigen Betreuern bevor, die für sie sorgten. Das Ziel:

Eine Schule am Bullenhuser Damm.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun sollte man sich überlegen, ob man weiterlesen kann und möchte. Das gilt für diese Rezension. Das gilt für auch dieses Buch. Günther Schwarberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Weg der Kinder vom Bullenhuser Damm lückenlos aufzuklären. Er hat jahrelang recherchiert, um ihre Namen, ihre kurzen Lebensgeschichten und auch ihr Leiden für die Nachwelt festzuhalten. Er hat den Weg aller Täter dokumentiert, ist ihnen auf der Spur geblieben und hat die Ereignisse dieser letzten Kriegstage mit ihren Aussagen vor Gericht verglichen. Schwarberg zeigt hier schonungslos auf, mit welchem Selbstverständnis die Täter auf der Grundlage der Rassen-Ideologie handeln durften. Günther Schwarberg lässt in seiner Dokumentation nichts aus.

Nur so gelingt es, die unvorstellbare Unmenschlichkeit aufzuzeigen, die von den Tätern nicht so empfunden wurde, weil sie ihre Opfer nicht für Menschen hielten. So grausam es klingt, so grausam es ist, auch der Prozess gegen Kurt Heißmeier zeigt, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, Menschenversuche durchzuführen. Er betont das in seinen Aussagen, die im Buch nachzulesen sind. Das macht das Lesen sehr schwer. Das zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Das ist nicht leicht zu verkraften. Wut und Hilflosigkeit waren Wegbegleiter meines Lesens. Und Tränen.

Die Schule am Bullenhuser Damm ist die letzte Station für die zwanzig Kinder.

Die Schilderung der rekonstruierten Ereignisse und die Aussagen der Beteiligten vor Gericht ergeben ein vollständiges Bild, von dem ich mir wünschen würde, dass es mir erspart worden wäre. Ein Bild, das im Buch durch die unterschiedlichen Aussagen und Schilderungen so klar und greifbar wird, dass man kaum noch zur Ruhe kommt. Ein Bild, das zeigt, wozu Menschen fähig sind, die das Leben anderer als minderwertig oder unwert betrachten. Ein Bild das ich nie wieder vergessen werde.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Zitate aus den Aussagen der Täter:

Johann Frahm – SS-Unterscharführer im KZ Neuengamme

„Die Kinder mussten sich in einem Zimmer des Kellers ausziehen, wurden dann in ein anderes Zimmer geführt, wo sie von Dr. Trzebinski eine Injektion bekamen, so dass sie einschliefen. Diejenigen, die nach der Injektion noch Lebenszeichen von sich gaben, wurden in ein anderes Zimmer getragen. Es wurde ihnen ein Strick um den Hals gelegt, und sie wurden dann an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt.“

Dr. Alfred Trzebinski – SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt in Neuengamme

„In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Körper des Jungen, damit die Schlinge sich zuzog.“

(Anm.: Die Kinder waren zu leicht für eine Strangulation durch Eigengewicht.)

„Ich kann mir keinen Vorwurf machen, daß ich den Kindern vor ihrer Hinrichtung eine barmherzige Morphiumspritze gemacht habe. Dies war im Gegenteil eine humane Tat, der ich mich nicht zu schämen brauche.“

Dr. Kurt Heißmeier

„Die Häftlinge des KZ-Lagers Neuengamme sowie die auf meine Veranlassung im Herbst dorthin verbrachten Kinder waren für mich nur Versuchsobjekte. Damals sind mir aber keinerlei Bedenken gekommen, was daraus zu erklären war, daß ich die Häftlinge, also auch die Kinder, nicht in dem Maße als vollwertige Menschen ansah.“

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Günther Schwarberg hat mit seinem Lebenswerk einen extrem wichtigen Beitrag „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust geleistet. Nicht allein das Buch Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm legt Zeugnis vom Schicksal der Menschen ab, die in die menschenverachtende Mordmaschinerie der Nazi-Diktatur gerieten, auch die Internetseite der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm ist unverzichtbar für das Gesamtverständnis der damaligen Ereignisse.

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Wer sich selbst über andere Menschen stellt, muss davon ausgehen, dass er dem gezielten Morden Vorschub leistet. Wehret den Anfängen. Auch hier wird weiter Gegen das Vergessen geschrieben. Besuchen Sie meine literarische Welt des Gedenkens. Vergissmeinnicht.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

[Auf Buchfühlung] Günter Grass – Vonne Endlichkait

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Habt Ihr schon mal einen Brief von einem langjährigen Wegbegleiter bekommen, den dieser zwar noch zu Lebzeiten schrieb, der Euch allerdings erst nach seinem Tod erreichte? Könnt Ihr Euch in meine Gefühlswelt hineindenken, zwar realisiert zu haben, dass ein für mich sehr wichtiger Mensch nicht mehr unter uns weilt, ich aber nicht damit gerechnet habe, jemals wieder ein persönliches Lebenszeichen von ihm zu erhalten?

Könnt Ihr euch vorstellen, wie lange Ihr vor diesem ungeöffneten Brief sitzen würdet, und welche Gedankenflüge losgetreten werden könnten? Könnt Ihr Euch dann auch vorstellen, mit welchen Erwartungen Ihr Euch diesen Zeilen nähern würdet, die Euch auf diese Art und Weise erreichten? Ja, ich denke, Ihr könnt Euch ganz gut in meine Lage versetzen, auch wenn es kein Brief ist, der nun vor mir liegt. Es ist ein Buch. Aber das kommt in diesem Fall auf das Gleiche hinaus.

Es handelt sich um das literarische Vermächtnis von Günter Grass. Er arbeitete bis zum letzten Atemzug daran. Beharrlich und akribisch, so wie man ihn kannte. Selbst bei unserer letzten Begegnung in München, als er seine Ausstellung eröffnete und aus einem seiner absoluten Meilensteine las, war ihm klar, dass er irgendwann mitten aus einem Projekt herausgerissen würde, weil seine Zeit endlich sei.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

„Hundejahre“ führten ihn zur 55. Münchner Bücherschau und in gewohnter Agilität und Vitalität entführte er seine Zuhörer in die ganz eigene Welt seines Schaffens. Er blickte zurück, reflektierte und blickte auch nach vorne. Und wie er das tat. Der Saal war gebannt und seine kräftige Stimme hallt noch in mir nach, als er schmunzelnd und mit festem Blick bemerkte:

“Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ 

Das sagte er und doch war mir klar, dass ich ihm wohl zum letzten Mal gegenüber stehen würde. Mein Foto vom leeren Stuhl auf der Bühne entstand genau in diesem Moment der Erkenntnis. Dieser November 2014 ist unvergessen. Wie so viele Momente zuvor. Kurze persönliche Begegnungen, seine signierende Hand in meiner / seiner Blechtrommel. Seine Hand in meiner, den Blick aufmerksam mit meinem verbunden.

Ein Leserleben lang bin ich ihm gefolgt. Bis zum Ende. Im April diesen Jahres blieb sein Stuhl für immer leer. Die Blechtrommel der deutschen Literaturgeschichte hatte aufgehört zu schlagen, ebenso wie das Herz von Günter Grass verstummte. Es dauerte lange, diesen Verlust zu begreifen. Ihn für mich greifbar zu machen. Zu intensiv lebte, lachte und träumte ich in und mit seinen Büchern. Allzu intensiv hassliebte ich ihn in bestimmten Phasen seines Schaffens und Schweigens. Aber ich blieb ihm treu.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Mein Nachruf war alles, nur kein Nachruf. Es fehlten die Worte. Und doch nahm ich leise Abschied von ihm. Seine „Fundsachen für Nichtleser“ reihen sich noch heute in meine Bibliothek des Nobelpreisträgers ein. Einträchtig stehen sie nebeneinander und zeugen von einem großen Leben in der Literatur. Illustriert, aquarelliert, getextet und skizziert. Aufnahmen seiner Lesungen flankieren die Sammlung und sein kleiner Band „Schreiben nach Auschwitz“ thront über allem.

Dieser 13. April 2015 beendete einen meiner wichtigsten literarischen Träume. Und ich ging nicht davon aus, dass (bis auf vielleicht ein paar unveröffentlichte Skizzen) ein letztes Buch von ihm druckreif vorliegen könnte. Bis ich die Nachricht aus dem Steidl Verlag vernahm, dass Günter Grass es tatsächlich geschafft hatte, nicht mitten aus dem Schreiben herausgerissen zu werden. Er hatte es vollendet. Sein letztes Buch mit dem bedeutungsschweren Titel Vonne Endlichkait, in dem alles mitschwingt.

Seine alte Heimat in Danzig mit ihrer unverfälschten Sprache, das Bewusstsein, der Endlich- und Vergänglichkeit und sicherlich auch der innere Antrieb, etwas zu schaffen, das bleibt. Wie in seinen Aquadichten kombiniert Grass in seinem letzten Buch beim Steidl Verlag Wort und Bild. In leuchtendem Weiß kommt es daher, federleicht verziert mit gezeichnetem Gefieder, das sich sanft auf dem Boden der Vergänglichkeit sammelt, nicht mehr flugfähig ohne den Herrn der Lüfte, den es einst zu Höhenflügen brachte.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Und so beginnt mein wehmütiger Abschied mit tröstenden Worten aus der Feder des Wortkunstfliegers. „Vogelfrei sein“ heißt das erste Gedicht, in dem er gegen alle Natur den allerletzten Schub an kreativer Kraft verspürt, die ihn aufstehen, sich erheben lässt. Vogelfrei und federleicht, schwerelos schreiben und die Welt verändern. Eine Kraft, ein Gefühl des Getriebenseins, das sich durch dieses Buch zieht, wie ein roter Faden. Man fühlt und erkennt Günter Grass in und zwischen den Zeilen, man sieht ihn in seinen Zeichnungen und man schafft es nicht, sich seiner Botschaft zu entziehen.

Jetzt bin ich ganz auf Buchfühlung mit ihm. Hier ist er ganz bei sich. Hier schöpft er aus dem Vollen und entzieht sich doch, mangels Anwesenheit, jeglicher Kritik. Schlau gemacht, lieber Günter Grass. Diesen letzten Aufwind zu nutzen und der Kritik dabei doch durch eigenes Verschwinden allen Wind aus den aufgeblähten Segeln zu nehmen. Schadenfreude möchte man an mancher Stelle finden. Satire, die uns alle trifft und Wehmut, die auch Grass beim Schreiben überfällt. All dies ist greifbar.

Und posthum behält er Recht, wenn er über Flüchtlinge schreibt. Wie kein Zweiter kennt er Land und Leute, Vorurteile und ihre Automatismen, nimmt die Rufe „Haut ab“ vorweg und wird in seinem Text mit dem Titel „Fremdenfeindlich“ zum Visionär der großen Fluchtbewegung. Er vergleicht mit der Flucht der Vertriebenen im letzten Krieg. Er mahnt und zeigt auf, weist hin und appelliert. Oh, wie diese Stimme heute fehlt. Den Federn gab er zu diesem Gedicht ein paar Sargnägel bei. Sie sagen alles aus.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Wo der Flug der Freiheit endet, stirbt die Gesellschaft an sich selbst. So viel zu uns. So viel zum Land, dem er sich verbunden fühlte, so viel zur Heimat. Und dann wird er persönlich. Zu uns. Zu sich selbst und alles ohne Pathos oder Wehmut, wenn er den Schlussstrich zieht, bilanziert und „Vonne Endlichkait“ schreibt. Sein Resümee fällt farbig aus, während seine Zeichnungen auf Färbung gerne verzichten. Sein Ausblick ist bewusst gewählt und nicht vermessen.

Dafür kennen wir uns zu gut. Er scheint seine Pfeife kurz aus dem Mund zu nehmen, sich zu räuspern, seinen leicht schelmischen Blick aufzusetzen und stricksockenbefußt mit Stock und all seinen Büchern im Herzen einen letzten Gruß zu entbieten.

JETZT

Ist vorbei und war gewesen.
Jetzt wünscht sich Dauer,
tanzt auf dünnem Seil
und ruft im Sturz noch: Seht,
ich bleib bestehn.

Ich schließe dieses Buch. Im wahrsten Wortsinn und ins Herz. Ich sitze hier mit den Schätzen seines Lebens und fühle wieder seine Hand. Erinnere mich an Momente des Lesens und des Hörens. Mehr als 35 Jahre ist es her, seit ich damals erstmals und nicht letztmalig in ihm verschwand. Und jetzt ruft er mir zu „Ich bleib bestehn“. Die Hand auf Vonne Endlichkait„, ist mir der Abschied plötzlich schmerzhaft leicht. Wenn Lachenweinen je zu hörensehen war. Dann jetzt. Bis in die „UnEndlichkait“ und weit darüber hinaus.

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Unser Weg…

Muss man erst sterben in diesem Land?
Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen!
Hundejahre – Günter Grass im “Land des Hechelns

Günter Grass – Fundsachen für Nichtleser – Aquadichte
“Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen” – Die 55. Münchner Bücherschau
Eine Hommage an Günter Grass auf Literatur Radio Bayern
In Memoriam – Günter Grass
[Auf Buchfühlung] Vonne Endlichkait

Auf Buchfühlung - Günter Grass & AstroLibrium

Auf Buchfühlung – Günter Grass & AstroLibrium

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