Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm [Schwarberg]

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun heißt es sachlich zu bleiben. Schon nach diesen sechs einfachen Worten bricht das Schreiben. Pause. Emotionen ausblenden. Hilflosigkeit beiseiteschieben. Einfach nur schreiben. Rezensieren. So schwer kann das ja nicht sein. Schreiben. Buchtitel und Verlag erwähnen. Den Autor beim Namen nennen und mich einer Geschichte nähern, die mich ein paar Tage meines Lesens Gegen das Vergessen begleitet hat. Dass ich innerlich extrem aufgewühlt bin, tut nichts zur Sache. Dass ich zittere und mir nach jedem zweiten Wort die Tränen aus den Augen wischen muss – nicht relevant.

So wollte ich auch lesen. Nicht die erste wahre Geschichte über den Holocaust. Nein. Eine von inzwischen zahllosen Begegnungen mit Opfern, Zeitzeugen, Namen. Eine von den vielen unglaublichen Geschichten, die sich tatsächlich zugetragen haben. Und ich dachte, ich sei inzwischen abgehärtet, hätte aus der Tiefe der menschlichen Abgründe jede Schattenseite erlesen und gefühlt. Ich war der Meinung, auch in Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager das Ausmaß des Grauens erkannt zu haben.

Das mit dem Lesen hat nicht funktioniert. Ob es beim Schreiben besser wird? Ich weiß es nicht. Zwei Jahre habe ich auf die Neuauflage eines Buches aus dem Steidl Verlag gewartet. Zwei Jahre wusste ich eigentlich, was auf mich zukommt. Als ich nun in den ersten Seiten versank, brach eine weitere Welt in mir zusammen. Eine Welt, in der schon vieles Denkbar war, was einst in der Zeit der Nazi-Diktatur geschah. Absolut Unvorstellbares begleitet meinen Weg, wie man an der Anzahl meiner Artikel erkennen kann. Und doch stehe ich nun vor den Trümmern der letzten Illusion, wenn ich mich der Geschichte von zwanzig Kindern nähere.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm von Günther Schwarberg sollte in der Reihe Bücher über die grausamen Verbrechen von Medizinern gegen die Menschlichkeit einen weiteren Mosaikstein darstellen, mit dem man der Generation von heute die Augen öffnen kann, wenn es darum geht, rechtsradikale Gedankensamen zu entlarven und davor zu warnen, was geschehen kann, wenn erneut den alten braunen Ideologien gefolgt wird und man sich über seine Mitmenschen stellt. Wenn man andere aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe zu schlechteren Menschen erklärt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt. Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne Professor werden und überlegen sich nun, wie Sie eine wissenschaftliche Arbeit beginnen, die für diese Habilitation zwingend erforderlich ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein recht guter Arzt im Bereich der Behandlung von Tuberkulose und möchten nun mit Experimenten herausfinden, wie man diese Lungen-Infektionskrankheit verhindern oder heilen kann. Und stellen Sie sich nun vor, Sie würden dies gerne in Form von Menschenversuchen tun. Unvorstellbar? Nein. Nicht im Dritten Reich!

Hier waren Entrechtung und Entmenschlichung ideologische Grundsäulen. Hier konnte man sich austoben, wenn es darum ging, „unwertes Leben“ zu beseitigen, hier konnte man Teil einer Vernichtungsmaschine sein, die alles jüdische Leben auslöschen durfte. Hier war der Spielraum für Ärzte, wie Josef Mengele, Aribert Heim und Kurt Heißmeier so unerschöpflich, wie nie zuvor. In einem Land, in dem sogar Tiere besser geschützt waren als Juden, Sinti, Roma, Kriegsgefangene oder Schwerbehinderte, war die ethische Enthemmung so weit fortgeschritten, dass man schon gar nicht mehr von Menschenversuchen sprach, wenn man sich an Opfern des Regimes vergriff.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Und so ist es kein Wunder, dass es dem aufstrebenden Arzt Kurt Heißmeier aufgrund guter Kontakte zur SS recht einfach gelingt, seinen Traum von Menschenversuchen zu verwirklichen. Man richtet ihm ein Versuchslabor im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg ein und versorgt ihn mit russischen Kriegsgefangenen. Nur ist Heißmeier in medizinischer Sicht ein Stümper. Er infiziert Menschen mit Tuberkulose-Erregern um den Verlauf der Krankheit zu beobachten. Er infiziert Kranke und Gesunde. Er spielt mit diesen Leben. Als ihm das nicht reicht, fordert er zwanzig Kinder an.

Am 29. November 1944 kommt der Transport in Neuengamme an. Das Dritte Reich steht an vielen Fronten bereits vor dem Zusammenbruch, die Alliierten haben Teile von Frankreich befreit, die Rote Armee rückt vor. Die Nazis begannen Zug um Zug Spuren zu verwischen, und doch bleibt in Neuengamme Zeit genug für Menschenversuche an Kindern. Heißmeier infiziert die Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren mit Erregern der Lungenkrankheit, entfernt ihre Lymphdrüsen, fotografiert und notiert die Ergebnisse.

Zehn Mädchen. Zehn Jungen. Jüdische Kinder, die von ihren Eltern getrennt schon fast alle Abgründe erlebt haben, die Nazi-Deutschland zu bieten hatte. Dass es für sie nach Auschwitz noch eine Steigerung des Schreckens geben sollte, war unvorstellbar. Und doch erreichte das Grauen in der Nähe von Hamburg neue Dimensionen. Nur der Arzt denkt anders. Ihm läuft die Zeit davon. Ihm läuft der Krieg davon. Er bangt um die Früchte seiner Arbeit. Im April 1945 enden die Versuche. Britische Soldaten erreichen Norddeutschland. Die SS beschließt, alle Zeugen zu beseitigen. Ein letzter Transport steht den Kindern und ihren wenigen Betreuern bevor, die für sie sorgten. Das Ziel:

Eine Schule am Bullenhuser Damm.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun sollte man sich überlegen, ob man weiterlesen kann und möchte. Das gilt für diese Rezension. Das gilt für auch dieses Buch. Günther Schwarberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Weg der Kinder vom Bullenhuser Damm lückenlos aufzuklären. Er hat jahrelang recherchiert, um ihre Namen, ihre kurzen Lebensgeschichten und auch ihr Leiden für die Nachwelt festzuhalten. Er hat den Weg aller Täter dokumentiert, ist ihnen auf der Spur geblieben und hat die Ereignisse dieser letzten Kriegstage mit ihren Aussagen vor Gericht verglichen. Schwarberg zeigt hier schonungslos auf, mit welchem Selbstverständnis die Täter auf der Grundlage der Rassen-Ideologie handeln durften. Günther Schwarberg lässt in seiner Dokumentation nichts aus.

Nur so gelingt es, die unvorstellbare Unmenschlichkeit aufzuzeigen, die von den Tätern nicht so empfunden wurde, weil sie ihre Opfer nicht für Menschen hielten. So grausam es klingt, so grausam es ist, auch der Prozess gegen Kurt Heißmeier zeigt, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, Menschenversuche durchzuführen. Er betont das in seinen Aussagen, die im Buch nachzulesen sind. Das macht das Lesen sehr schwer. Das zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Das ist nicht leicht zu verkraften. Wut und Hilflosigkeit waren Wegbegleiter meines Lesens. Und Tränen.

Die Schule am Bullenhuser Damm ist die letzte Station für die zwanzig Kinder.

Die Schilderung der rekonstruierten Ereignisse und die Aussagen der Beteiligten vor Gericht ergeben ein vollständiges Bild, von dem ich mir wünschen würde, dass es mir erspart worden wäre. Ein Bild, das im Buch durch die unterschiedlichen Aussagen und Schilderungen so klar und greifbar wird, dass man kaum noch zur Ruhe kommt. Ein Bild, das zeigt, wozu Menschen fähig sind, die das Leben anderer als minderwertig oder unwert betrachten. Ein Bild das ich nie wieder vergessen werde.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Zitate aus den Aussagen der Täter:

Johann Frahm – SS-Unterscharführer im KZ Neuengamme

„Die Kinder mussten sich in einem Zimmer des Kellers ausziehen, wurden dann in ein anderes Zimmer geführt, wo sie von Dr. Trzebinski eine Injektion bekamen, so dass sie einschliefen. Diejenigen, die nach der Injektion noch Lebenszeichen von sich gaben, wurden in ein anderes Zimmer getragen. Es wurde ihnen ein Strick um den Hals gelegt, und sie wurden dann an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt.“

Dr. Alfred Trzebinski – SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt in Neuengamme

„In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Körper des Jungen, damit die Schlinge sich zuzog.“

(Anm.: Die Kinder waren zu leicht für eine Strangulation durch Eigengewicht.)

„Ich kann mir keinen Vorwurf machen, daß ich den Kindern vor ihrer Hinrichtung eine barmherzige Morphiumspritze gemacht habe. Dies war im Gegenteil eine humane Tat, der ich mich nicht zu schämen brauche.“

Dr. Kurt Heißmeier

„Die Häftlinge des KZ-Lagers Neuengamme sowie die auf meine Veranlassung im Herbst dorthin verbrachten Kinder waren für mich nur Versuchsobjekte. Damals sind mir aber keinerlei Bedenken gekommen, was daraus zu erklären war, daß ich die Häftlinge, also auch die Kinder, nicht in dem Maße als vollwertige Menschen ansah.“

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Günther Schwarberg hat mit seinem Lebenswerk einen extrem wichtigen Beitrag „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust geleistet. Nicht allein das Buch Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm legt Zeugnis vom Schicksal der Menschen ab, die in die menschenverachtende Mordmaschinerie der Nazi-Diktatur gerieten, auch die Internetseite der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm ist unverzichtbar für das Gesamtverständnis der damaligen Ereignisse.

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Wer sich selbst über andere Menschen stellt, muss davon ausgehen, dass er dem gezielten Morden Vorschub leistet. Wehret den Anfängen. Auch hier wird weiter Gegen das Vergessen geschrieben. Besuchen Sie meine literarische Welt des Gedenkens. Vergissmeinnicht.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

[Auf Buchfühlung] Günter Grass – Vonne Endlichkait

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Habt Ihr schon mal einen Brief von einem langjährigen Wegbegleiter bekommen, den dieser zwar noch zu Lebzeiten schrieb, der Euch allerdings erst nach seinem Tod erreichte? Könnt Ihr Euch in meine Gefühlswelt hineindenken, zwar realisiert zu haben, dass ein für mich sehr wichtiger Mensch nicht mehr unter uns weilt, ich aber nicht damit gerechnet habe, jemals wieder ein persönliches Lebenszeichen von ihm zu erhalten?

Könnt Ihr euch vorstellen, wie lange Ihr vor diesem ungeöffneten Brief sitzen würdet, und welche Gedankenflüge losgetreten werden könnten? Könnt Ihr Euch dann auch vorstellen, mit welchen Erwartungen Ihr Euch diesen Zeilen nähern würdet, die Euch auf diese Art und Weise erreichten? Ja, ich denke, Ihr könnt Euch ganz gut in meine Lage versetzen, auch wenn es kein Brief ist, der nun vor mir liegt. Es ist ein Buch. Aber das kommt in diesem Fall auf das Gleiche hinaus.

Es handelt sich um das literarische Vermächtnis von Günter Grass. Er arbeitete bis zum letzten Atemzug daran. Beharrlich und akribisch, so wie man ihn kannte. Selbst bei unserer letzten Begegnung in München, als er seine Ausstellung eröffnete und aus einem seiner absoluten Meilensteine las, war ihm klar, dass er irgendwann mitten aus einem Projekt herausgerissen würde, weil seine Zeit endlich sei.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

„Hundejahre“ führten ihn zur 55. Münchner Bücherschau und in gewohnter Agilität und Vitalität entführte er seine Zuhörer in die ganz eigene Welt seines Schaffens. Er blickte zurück, reflektierte und blickte auch nach vorne. Und wie er das tat. Der Saal war gebannt und seine kräftige Stimme hallt noch in mir nach, als er schmunzelnd und mit festem Blick bemerkte:

“Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ 

Das sagte er und doch war mir klar, dass ich ihm wohl zum letzten Mal gegenüber stehen würde. Mein Foto vom leeren Stuhl auf der Bühne entstand genau in diesem Moment der Erkenntnis. Dieser November 2014 ist unvergessen. Wie so viele Momente zuvor. Kurze persönliche Begegnungen, seine signierende Hand in meiner / seiner Blechtrommel. Seine Hand in meiner, den Blick aufmerksam mit meinem verbunden.

Ein Leserleben lang bin ich ihm gefolgt. Bis zum Ende. Im April diesen Jahres blieb sein Stuhl für immer leer. Die Blechtrommel der deutschen Literaturgeschichte hatte aufgehört zu schlagen, ebenso wie das Herz von Günter Grass verstummte. Es dauerte lange, diesen Verlust zu begreifen. Ihn für mich greifbar zu machen. Zu intensiv lebte, lachte und träumte ich in und mit seinen Büchern. Allzu intensiv hassliebte ich ihn in bestimmten Phasen seines Schaffens und Schweigens. Aber ich blieb ihm treu.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Mein Nachruf war alles, nur kein Nachruf. Es fehlten die Worte. Und doch nahm ich leise Abschied von ihm. Seine „Fundsachen für Nichtleser“ reihen sich noch heute in meine Bibliothek des Nobelpreisträgers ein. Einträchtig stehen sie nebeneinander und zeugen von einem großen Leben in der Literatur. Illustriert, aquarelliert, getextet und skizziert. Aufnahmen seiner Lesungen flankieren die Sammlung und sein kleiner Band „Schreiben nach Auschwitz“ thront über allem.

Dieser 13. April 2015 beendete einen meiner wichtigsten literarischen Träume. Und ich ging nicht davon aus, dass (bis auf vielleicht ein paar unveröffentlichte Skizzen) ein letztes Buch von ihm druckreif vorliegen könnte. Bis ich die Nachricht aus dem Steidl Verlag vernahm, dass Günter Grass es tatsächlich geschafft hatte, nicht mitten aus dem Schreiben herausgerissen zu werden. Er hatte es vollendet. Sein letztes Buch mit dem bedeutungsschweren Titel Vonne Endlichkait, in dem alles mitschwingt.

Seine alte Heimat in Danzig mit ihrer unverfälschten Sprache, das Bewusstsein, der Endlich- und Vergänglichkeit und sicherlich auch der innere Antrieb, etwas zu schaffen, das bleibt. Wie in seinen Aquadichten kombiniert Grass in seinem letzten Buch beim Steidl Verlag Wort und Bild. In leuchtendem Weiß kommt es daher, federleicht verziert mit gezeichnetem Gefieder, das sich sanft auf dem Boden der Vergänglichkeit sammelt, nicht mehr flugfähig ohne den Herrn der Lüfte, den es einst zu Höhenflügen brachte.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Und so beginnt mein wehmütiger Abschied mit tröstenden Worten aus der Feder des Wortkunstfliegers. „Vogelfrei sein“ heißt das erste Gedicht, in dem er gegen alle Natur den allerletzten Schub an kreativer Kraft verspürt, die ihn aufstehen, sich erheben lässt. Vogelfrei und federleicht, schwerelos schreiben und die Welt verändern. Eine Kraft, ein Gefühl des Getriebenseins, das sich durch dieses Buch zieht, wie ein roter Faden. Man fühlt und erkennt Günter Grass in und zwischen den Zeilen, man sieht ihn in seinen Zeichnungen und man schafft es nicht, sich seiner Botschaft zu entziehen.

Jetzt bin ich ganz auf Buchfühlung mit ihm. Hier ist er ganz bei sich. Hier schöpft er aus dem Vollen und entzieht sich doch, mangels Anwesenheit, jeglicher Kritik. Schlau gemacht, lieber Günter Grass. Diesen letzten Aufwind zu nutzen und der Kritik dabei doch durch eigenes Verschwinden allen Wind aus den aufgeblähten Segeln zu nehmen. Schadenfreude möchte man an mancher Stelle finden. Satire, die uns alle trifft und Wehmut, die auch Grass beim Schreiben überfällt. All dies ist greifbar.

Und posthum behält er Recht, wenn er über Flüchtlinge schreibt. Wie kein Zweiter kennt er Land und Leute, Vorurteile und ihre Automatismen, nimmt die Rufe „Haut ab“ vorweg und wird in seinem Text mit dem Titel „Fremdenfeindlich“ zum Visionär der großen Fluchtbewegung. Er vergleicht mit der Flucht der Vertriebenen im letzten Krieg. Er mahnt und zeigt auf, weist hin und appelliert. Oh, wie diese Stimme heute fehlt. Den Federn gab er zu diesem Gedicht ein paar Sargnägel bei. Sie sagen alles aus.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Wo der Flug der Freiheit endet, stirbt die Gesellschaft an sich selbst. So viel zu uns. So viel zum Land, dem er sich verbunden fühlte, so viel zur Heimat. Und dann wird er persönlich. Zu uns. Zu sich selbst und alles ohne Pathos oder Wehmut, wenn er den Schlussstrich zieht, bilanziert und „Vonne Endlichkait“ schreibt. Sein Resümee fällt farbig aus, während seine Zeichnungen auf Färbung gerne verzichten. Sein Ausblick ist bewusst gewählt und nicht vermessen.

Dafür kennen wir uns zu gut. Er scheint seine Pfeife kurz aus dem Mund zu nehmen, sich zu räuspern, seinen leicht schelmischen Blick aufzusetzen und stricksockenbefußt mit Stock und all seinen Büchern im Herzen einen letzten Gruß zu entbieten.

JETZT

Ist vorbei und war gewesen.
Jetzt wünscht sich Dauer,
tanzt auf dünnem Seil
und ruft im Sturz noch: Seht,
ich bleib bestehn.

Ich schließe dieses Buch. Im wahrsten Wortsinn und ins Herz. Ich sitze hier mit den Schätzen seines Lebens und fühle wieder seine Hand. Erinnere mich an Momente des Lesens und des Hörens. Mehr als 35 Jahre ist es her, seit ich damals erstmals und nicht letztmalig in ihm verschwand. Und jetzt ruft er mir zu „Ich bleib bestehn“. Die Hand auf Vonne Endlichkait„, ist mir der Abschied plötzlich schmerzhaft leicht. Wenn Lachenweinen je zu hörensehen war. Dann jetzt. Bis in die „UnEndlichkait“ und weit darüber hinaus.

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Unser Weg…

Muss man erst sterben in diesem Land?
Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen!
Hundejahre – Günter Grass im “Land des Hechelns

Günter Grass – Fundsachen für Nichtleser – Aquadichte
“Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen” – Die 55. Münchner Bücherschau
Eine Hommage an Günter Grass auf Literatur Radio Bayern
In Memoriam – Günter Grass
[Auf Buchfühlung] Vonne Endlichkait

Auf Buchfühlung - Günter Grass & AstroLibrium

Auf Buchfühlung – Günter Grass & AstroLibrium

Landezone der Artikelspringer im Advent 2015

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„In finsteren Himmeln“ von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric - AstroLibrium

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Auswahl des ersten Lesenswegbegleiters im neuen Jahr gleicht seit ewigen Zeiten einem Ritual. Ein wenig Aberglaube schwingt immer mit, wenn ich diese emotional gesteuerte Entscheidung treffe, da genau dieses allererste Buch des Jahres oft wie ein lebenswichtiger Leitstern über meinem künftigen Lesen steht.

Diesmal vertraue ich mich dem englischen Schriftsteller Robert Edric an, der mich in seinem aktuellen Roman aus dem Steidl Verlag in die Schweiz des Jahres 1919 entführen wird. Eigentlich ein Jahr des Neubeginns, nachdem der erste Weltkrieg mehr als vier Jahre nicht nur in Europa gewütet hat. Ein erstes Jahr des tiefen Durchatmens und der puren Erleichterung, zumindest für diejenigen, die den Krieg unversehrt überlebt hatten.

Doch wer konnte das von sich behaupten, war doch angesichts der unglaublichen Opferzahlen fast jede europäische Familie leidtragend. Entweder hatte man selbst einen geliebten Menschen auf dem sogenannten Feld der Ehre verloren oder man litt unter den inneren und äußeren Verletzungen, die man in einer der vielen Schlachten erlitten hatte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Sonne lag in den letzten Jahren unter dem Pulverdampf der großen Armeen verborgen und auch nun, unmittelbar nach dem Friedensschluss war die Luft noch nicht rein. Zu viele unbeantwortete Fragen verdunkelten den Blick auf die Zukunft und In finsteren Himmeln zeichneten sich die ersten Schreckgespenster ab, die dafür sorgten, dass man schon 1919 von den Jahren zwischen den Kriegen sprechen sollte.

Die Menschheit hatte sich in ihre Refugien zurückgezogen, um Wunden zu lecken und Fragen zu stellen, auf die es kaum Antworten geben konnte. Man trauerte, versuchte zu genesen, beschäftigte sich mit der Legendenbildung, warum man den Krieg verloren haben könnte und vergaß jene, die durch ihre vielfältigen Verletzungen an den Rand der langsam erwachenden Gesellschaft gedrängt wurden.

Versehrte Männer, die so grausam verstümmelt waren, dass man sich ihres Anblicks gerne entzog und psychisch Traumatisierte, die mit ihrem Kriegszittern und den Folgen der Gasangriffe den neuen Behandlungsmethoden der Kriegsmedizin ausgeliefert waren. Über allem stand die Frage, ob sie feige waren, tatsächlich oder gespielt blind und wie lange es wohl dauern könne, bis man sie den Kriegsgerichten nach dem Krieg überstellen könnte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Ein solches Wartezimmer des Grauens finden wir in Robert Edrics aktuellem Roman „In finsteren Himmeln“. Ein Schweizer Kurort am Genfer See kommt auch unmittelbar nach dem Krieg nicht zur Ruhe. Erste Touristen versuchen, den neu erlangten Frieden in den Luxushotels vor Ort zu genießen, während die Kolonnen der Versehrten aus dem nahe gelegenen Kloster und dem angrenzenden Militärhospital zu Spaziergängen an den See gebracht werden.

Unglaubliche Bilder verstören die Bewohner und Gäste und das Unbehagen wächst. Jedes noch so kleine Geräusch lässt die Männer zusammenzucken. Der Schlachtenlärm hat deutliche Spuren hinterlassen. Rollstühle werden durch die Straßen geschoben. Männer mit bemalten Gesichtsmasken versuchen den Gesichtsverlust durch den Krieg zu verbergen und das Stadtbild wird zusehends dominiert von den Resten eines Infernos. Eine gefühlstaube Welt versucht, sich in ein neues Leben vorzutasten.

„Danach kamen die Erblindeten, gehalten und geführt, unter gutem Zureden, im Flüsterton aufgeklärt über das, was sie nicht sehen konnten. Es folgten die übrigen gehfähigen Verwundeten. Manche von ihnen bewegten sich auf eine Weise, als hätten sie das Gehen ganz verlernt und lernten es jetzt neu, wobei sie die einzelnen Bewegungsabläufe – die Koordinierung von Knochen, Muskeln, Fleisch, Wille und Energie – noch nicht recht beherrschten.“

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In dieser Zwischenwelt des Leidens gerät die 23-jährige Elisabeth Mortlake an der Seite ihrer jungen Schwägerin in den Mahlstrom aus Verlust, Trauer und Schmerz. Ihr einziger Bruder ist im Krieg gefallen und sie reist mit dessen junger Witwe in die Schweiz, um den Verlust zu verarbeiten. Der Klima- und Tapetenwechsel sollte sich positiv auf die Stimmung der beiden Trauernden auswirken, doch angesichts der Bilder, die sich ihnen täglich bieten, droht die Last nur noch stärker zu werden.

Man kann dem Krieg und seinen brutalen Folgen nicht entrinnen. Doch während ihre Schwägerin völlig zusammenbricht und selbst in einem Sanatorium behandelt werden muss, vertraut sich Elisabeth einem geheimnisvollen britischen Offizier an, der sie vom ersten Moment an fasziniert. Captain Jameson scheint ebenso gestrandet zu sein wie sie. Eine leichte Verletzung lässt ihn augenscheinlich hinken, aber er ist nicht hier, um gesund zu werden.

Er hat sich einer Aufgabe verschrieben, die sich Elisabeth nur langsam erschließt. Die finsteren Himmel scheinen ein ganz klein wenig aufzureißen und unter der geschlossenen Wolkendecke zeigen sich erste Lichtstrahlen, die sich sanft nach ihr ausstrecken. An Jamesons Seite entdeckt sie die große Welt hinter den Mauern des Klosters. Sie lernt die selbstlos helfenden Ordensschwestern kennen, trifft auf schwerst traumatisierte junge Soldaten, schwangere Mädchen ohne Zukunft und letztlich auch auf den Mann, der hinter dem Geheimnis des britischen Offiziers steckt.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Elisabeth erwacht mit jeder Begegnung mehr aus ihrer Schockstarre und erkennt, dass Trauer nichts Kollektives, sondern etwas zutiefst Persönliches ist. Nur ohne ihre Schwägerin ist sie in der Lage, den Tod ihres Bruders verarbeiten zu lernen. Captain Jameson ist dabei Fixstern und Meteorit zugleich. Er zeigt ihr, was es heißt, beharrlich zu sein und trifft sie doch immer wieder ins Mark.

„Alles, was man jetzt noch zu sehen bekommt, sind Männer wie ich, ewige Nachbeben, die Echos, die sich weigern, zu verstummen.“ Ob der Versuch, diesem Echo zu folgen ein neues Leben ans Tageslicht bringt, oder was sich zeigt, wenn der ewige Gletscher am Genfer See zu schmelzen beginnt, das liegt in der Tiefe eines groß angelegten Romans verborgen. Das große Geheimnis des britischen Offiziers ist auch ein zutiefst bibliophiles. Eine der absolut interessantesten Grundideen in einem Roman über die Nachkriegszeit wurde von Robert Edric wundervoll ausgearbeitet.

Was passiert mit einem Menschen, der vor dem Weltkrieg mit seltenen Büchern und Manuskripten gehandelt hat, wenn nach dem ersten großen Weltenbrand so viele private Büchersammlungen aufgelöst werden, dass es diesen Markt einfach nicht mehr gibt? Die Gefallenen des Krieges lesen und sammeln nicht mehr.

Dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet, die er aufwirft, erschließt sich dem Leser schnell. So ist das Leben. Es endet nicht auf Seite 459 mit einer Floskel oder einer Patentlösung. Es endet, wie ein solches Buch enden darf und kann… mit einer Sehnsucht. Eins wollt ich dir noch sagen erinnerte mich sehr an die Bilder, die ich In finsteren Himmeln fühlte. Zwei Bücher, die durch die Gesichtslosigkeit der Opfer miteinander verbunden sind. Zwei besondere Bücher in meiner Lesekette über den Ersten Weltenbrand.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ – Die 55. Münchner Bücherschau mit Günter Grass

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann sitzt er dir plötzlich gegenüber. Ganz leibhaftig und agiler, als man dies in Anbetracht seines Alters erwarten dürfte. Er nimmt die Bühne für sich ein, obwohl er kein Schauspieler ist, er dominiert den Raum mit seiner Ausstrahlung, auch wenn er kein einziges Wort sagt. Er lächelt verschmitzt, sucht direkten Blickkontakt und wirkt trotz des ausverkauften Saals gelassen und routiniert. Wobei Routine das Letzte ist, was sich in den nächsten zwei Stunden im Münchner Gasteig abspielen wird.

Günter Grass ist endlich da. Literaturnobelpreisträger und kritischer Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Umstritten, geliebt, gehasst, verrissen, kritisiert, auf den Olymp gehoben, fallengelassen, erhöht, erniedrigt, bewundert und abgestempelt. Mal war er zu aktiv, ohne es einzugestehen, dann war er zu passiv und stand dazu. Mittelmaß war nie sein Ding. Ein großer Autor der Extreme mit gewagt polarisierenden Bild-, Wort- und Satzkonstruktionen. Weiser und Naiver seines Landes. All dies saß nun vor mir, vor uns – zum Greifen nah.

Er war hier, um im Rahmen der 55. Münchner Bücherschau seine Ausstellung „Radierungen zu den Hundejahren“ zu eröffnen. Er wollte ein bisschen erzählen darüber, wie die Bilder entstanden, wie sie einzuordnen sind und er sollte ein wenig lesen aus diesem großen deutschen Roman in drei Büchern. Vielleicht würde er sogar einen kleinen Blick hinter die Kulissen zulassen und sich im launigen Zwiegespräch mit dem Moderator einige Aussagen entlocken lassen, die dem geneigten Grass-Liebhaber neu wären. Vielleicht, so war mein Hoffen, würde dies sogar ein sehr wichtiger Abend für die Literatur.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Sein Auftritt selbst entbehrte jeglicher Allüren. Ein Grass kommt nicht durch den Bühneneingang. Er bewegt sich im Besucherstrom und gar nicht inkognito durch die Menschen, die gleich sein Auditorium sind. Ungezwungen, ansprechbar, freundlich und bescheiden inmitten der Betrachter seiner Bilder, die nun er als Besucher betrachtet – mit den Betrachtern als neuem Rahmen – als würde sein Publikum den Bildern durch seine Präsenz eine neue Dimension verleihen. So schlendert, staunt und plaudert er. So ist er. Und so plaudert er auch mit uns. Gelassen und locker. Kein Star….

Nicht unsere erste Begegnung. Nicht zum ersten Mal quasi nicht ungestört und doch vergleichbar, weil er mehr als nahe steht und gar nicht entrückt kein Bild des entrückten Autors vermittelt. Man muss das erlebt haben, seine Aura gespürt haben, um diese begeisterten Worte auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Obwohl ich meiner Chronistenpflicht folge, lasse ich mir doch selbst Spielraum für meine Bewunderung. Subjektiv wäre ich auch, würde ich neutral berichten. Da bin ich lieber kritisch verliebt!

Und mit Kristina habe ich eine profunde Grass-Kennerin an meiner Seite, die mich diesen Abend nicht allein erleben lässt, sondern gemeinsam mit mir in der ersten Reihe (Mitte) des Carl-Orffs-Saals Auge in Auge mit Günter Grass, diesem älteren Herrn mit selbstgestrickten Socken lauscht. Aus seinem selbstgestrickten Leben erzählend, seine Verstrickungen gestehend und dabei so sehr bestrickend zu wirken, dass er sein Publikum mit wahrer Literatur umgarnt.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Im Plauderton entwickelt sich ein moderiertes Gespräch, bei dem sich Grass gerne moderieren lässt und jederzeit moderat zu antworten weiß. Dann jedoch einmal in Fahrt gekommen, sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, -schauer und -fühler bewusst, immer weiter ausholt, ohne weit zu schweifen, immer tiefer greift, ohne zu versinken und immer bestimmter spricht, ohne dabei bestimmend zu wirken, wird aus dem Mann in der schmucklosen Cordhose eine Bühnenerscheinung, der man auf Schritt und Tritt folgt, ohne dass sie sich bewegt. Sein Geist bewegt sich erneut im Krebsgang einen Schritt zur Seite, zwei nach vorne und wieder einen zurück. Ihm zu folgen ist ein Vergnügen. Er setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk inhaliert hat. Er erzählt auch für Menschen, die ihn zum ersten Mal sehen.

Er vermittelt Gefühl und Leidenschaft fürs Schreiben. Und er berichtet von seinem eigenen Leiden während des Schreibens, dem süßen Leiden eines Schriftstellers, der sich seiner Protagonisten nicht mehr zu erwehren weiß. Tulla Prokiefke wird plötzlich zum Thema, ebenjene Tulla, die eigentlich die Schwester von Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“ werden sollte, was ebenjener Oskar seinem Schöpfer Günter aber nicht gestattete.

Zu dominant sei der kleinwüchsige Protagonist bereits gewesen, als dass er eine Schwester neben sich geduldet hätte und so entstand mit Tulla eine Frauenfigur, die sich fortan nicht mehr wirklich von der Seite von Günter Grass entfernte. In jedem Roman der „Danziger Trilogie“ tritt sie auf. Sie durchzieht die „Blechtrommel“ ebenso wie „Katz und Maus“ und schließlich finden wir jene Tulla, für mehrere Tage in einer Hundehütte lebend, in den „Hundejahren“ wieder. Eine ewige Liebesgeschichte zwischen Autor und Figur, die lange währt. Denn sogar an Bord des sinkenden Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff in seinem Roman „Im Krebsgang“ taucht sie wieder auf. Wen wundert es ernsthaft, dass sie zu den wenigen Überlebenden gehört.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Davon erzählt er nicht nur. Er liest. Und wie er liest. Seine eigene Melodie verleiht dem Geschriebenen den eigentlichen grass´schen Rhythmus und nimmt die Zuhörer mit in einen unendlichen Erzählstrom, in dem die „Geschichte in die kleinbürgerliche Welt eingebrochen ist.“ Diese Erzählstimme muss man zumindest einmal im Leben gehört haben, um zu verstehen, warum Sätze so sein dürfen, wie Grass sie schrieb und warum es keinem Lektor gelang, sie zu begradigen
.
„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ antwortet Günter Grass gut gelaunt auf Vergleiche mit südamerikanischen Autoren des großen Realismus, die „aber viel später als ich in der Blechtrommel angefangen haben realistisch zu schreiben“ und bemängelt das Fehlen großer deutschsprachiger Vorbilder wie den Schriftsteller Jean Paul. „Würden heutige Autoren ihn wieder zu lesen beginnen, könnten ihre Geschichten sich auch wieder ein wenig oberhalb des Bauchnabels abspielen.“ Sein Publikum hat er lachend hinter sich. Er hat es an diesem Abend nie aus den Augen verloren.

Auf seinen Umgang mit Kritik angesprochen spürt man die tiefen Verletzungen, die ihm von Marcel Reich-Ranicki zugefügt wurden, als dieser auf dem Cover des Spiegel den Grass-Titel Ein weites Feld zerriss. Er bringt den Namen nicht über die Lippen und spricht vom „Unglücklich in die Literatur verliebten Kritiker“! Diese Kritik hat ihn zurück zum Malen gebracht und in der inneren Einkehr entstanden die Fundsachen für Nichtleser – jene Aquadichte, über die ich ausführlich schrieb.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Das Multitalent Grass bewegt sich seit gefühlten Urzeiten bildhauend, malend und schreibend durch unser Leben. Einen lebendigen Querschnitt seines Schaffens präsentierte er im Münchner Gasteig. Inhaltlich geschlossen und in allerbester Form entsprach dieser Auftritt dem gerade erschienenen Prachtband Sechs Jahrzehnte aus dem Steidl Verlag. Ein Werkstattbericht, der Grass in all seinen Schaffensphasen zeigt, von der Skizze bis zum Meisterwerk, egal in welcher Kunstrichtung.

Grass ist und bleibt Kulturschaffender der ersten Kategorie in Deutschland. Von Altersstarrsinn keine Spur, von plötzlich aufkommender Gnade gegenüber sich selbst und anderen weit entfernt und als der Moderator sanft zu ihm sagt „Ich glaube unsere Zeit ist um“ erwidert Grass nur lakonisch „Ich gehe davon aus, dass sie nur die Redezeit meinen. Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“

Auf die abschließende Frage, welche Pläne er denn noch habe für die literarische Zukunft erhält man nur die überaus freundliche Antwort: „Das verrate ich doch nicht hier!“. Ich bin dankbar für diesen Abend in bester Gesellschaft. Sein Lebenswerk lag ausgebreitet wie ein Teppich auf der Bühne und dieser große Autor hat es verdient, dass man diesen Lebensteppich mit Hausschuhen betritt, auch wenn man an einigen Stellen darauf rumtrampeln mag. Respekt sollte die Schuhgröße definieren.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann kommt er doch. Der Moment für einen leisen Abschied in aller Tiefe!

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkait – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Bucfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Günter Grass – Fundsachen für Nichtleser – Aquadichte

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Wie gehen große Schriftsteller damit um, wenn eines ihrer Werke nicht nur heftig diskutiert, sondern von der breiten Öffentlichkeit und dem Feuilleton regelrecht zerfetzt wird? Es gibt wohl unterschiedliche Wege, ein solches Desaster zu verarbeiten. Vom Selbstmord über eine gezielte Gegenoffensive bis hin zur Auszeit auf einer einsamen Insel reichen die Alternativen. Jeder dieser Wege erfordert Kraft und Mut – nicht jeder Weg führt zurück zum Erfolg.

Diese Rezension können sie auch auf Literatur Radio Bayern hören - Ein Klick genügt

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Günter Grass musste 1995 erleben, was es heißt, wie eine literarische Sau durch das noch nicht wiedervereinigte Deutschland getrieben zu werden. Sein Roman „Ein weites Feld“ wurde nicht nur zu einem der meist diskutierten Bücher dieses Jahres, nein, es wurde im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft zerrissen. Und dies nicht nur symbolisch oder mit Worten!

Niemand Geringerer als der Godfather der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, ließ sich unter der Überschrift „Mein lieber Günter Grass, ich muss sie erneut belehren“ auf dem Cover des Spiegel Magazins dabei zeigen, wie er das grass`sche Werk in Stücke zerreißt. Dem fast siebzigjährigen Nobelpreisträger Grass war das zu viel – und ehrlich… kennt man heute einen aktuellen Schriftsteller, dem dieses Spiegel-Cover am buchigen Hintern vorbeigegangen wäre? Ich nicht!

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Von der Kritik nicht immer verwöhnt, oft selbst verschuldet gesellschaftlich teilweise dauerhaft im Abseits herumlaufend und trotzdem zu den ganz Großen der Weltliteratur gehörend, entschied sich Günter Grass für einen Rückzug aus der Öffentlichkeit, nahm wohlwollend zur Kenntnis, dass „Ein weites Feld“ mit dem „Hans-Fallada-Preis“ geehrt wurde, und besann sich auf seine Fähigkeiten, die seit seinem Studium brach gelegen hatten.

Grass griff zu seinen Aquarellfarben und Pinseln und begab sich in die freie Natur. Aus dem Wortmenschen wurde wieder der alte Bildmensch, der so lange untergetaucht war. Sein eigener Garten, Dänemark und Portugal wurden zu den Reservaten der verletzten Seele und in den weit über 100 Aquarellen finden sich viele Spuren der Verbitterung, aber man erkennt auch deutlich wie sich der Geist zu befreien scheint, der Blick ungetrübter wird und die Schönheit scheinbarer Belanglosigkeiten eine ganz besondere Strahlkraft erhält.

Die Therapie beginnt zu wirken und in der Rückschau berichtet Günter Grass, wie sich seine Wahrnehmung neu fokussierte:

„Und auf einmal begann ich Farben zu sehen, die vielen Grün im Grün zu entdecken, des Himmels blau zu differenzieren, Zitronen Gelb in Gelb, Kirschen Rot in Rot zu malen. Es war, als wollte ich nun, abseits vom Reichtum der Grauwerte, die Welt neu entdecken.“

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

In dieser ruhigen Zeit entstanden wundervolle Landschaftsgemälde, aber auch die sogenannten „Fundsachen für Nichtleser“, das wohl zufälligste Erfolgsprojekt des großen Literaten, das nun in einer wundervollen sechsten Auflage im Steidl Verlag erschienen ist. Auf 117 Aquarellen findet zusammen, was zusammengehört. Wort und Bild gehen eine tiefe poetische und doch alltägliche Symbiose ein, die den Leser und Betrachter zum Nachdenken, Schmunzeln und Entschleunigen bringt.

„Alle Bleistifte angespitzt,
Wörter auf Abruf.
Und doch wird ein Rest
ungesagt bleiben.“

Aus scheinbar unwichtigen Alltagsgegenständen, wie Handschuhen, Reisetaschen, Schreibutensilien, Mausefallen, einer Olivetti-Schreibmaschine und sehr vielen weiteren Fundsachen aus Haus und Garten werden einfache Kunstwerke, die durch Gedichte und Aphorismen, die Günter Grass mit sanftem Pinselstrich in die Aquarelle hineinmalt mehrdimensionale Botschaften von zeitlosem Charakter.

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Es sind wortwörtliche Einfälle, die sich zur Schau stellen und zeigen, was jenseits der Buchstaben ins Auge fällt“. Und Günter Grass wäre nicht Günter Grass, hätte er nicht auch noch einen Namen für diese Wortbildschöpfungen, die untrennbar miteinander verschmolzen sind. „AQUADICHTE“ hat er geschaffen. Gedichte die über die Aquarelle seiner Eindrücke fließen, sie ummanteln, sich einschmeicheln und sanft einrahmen. Worte, die neue Deutungen zulassen, aber eben auch Worte, die ohne die Aquarelle im Meer der bildlosen Geschöpfe versinken würden.

Es sind wahrlich wundervolle Fundstücke, die uns zum Denken, Fühlen, Lachen und Sinnieren bringen. Sie verleihen Gegenständen neue Gestalt und erfüllen sie mit Sinn. Ich musste sehr über die Schubkarre lachen, deren Artgenossen ich nun in Gärten meiner Nachbarn immer mit anderen Augen sehe, seit dich dieses Buch in Händen hielt.

„Vorsorglich sollte man eine Schubkarre
im Haus haben.
Plötzlich kommt ein altbekannter Feind
auf Besuch, fällt tot um;
wohin dann mit ihm?“

Grass ist Wortschöpfer, Gestaltgeber und Gestaltwandler. Er ist und bleibt ein großer Geist und den Fundstücken für Nichtleser folgte nur zwei Jahre später „Mein Jahrhundert“ – ein bildgewaltiges Kaleidoskop der deutschen Geschichte – individuell, greifbar und wundervoll aquarelliert.

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Ich habe mich viel mit Günter Grass beschäftigt, hatte die Ehre ihm persönlich zu begegnen, besitze ein handsigniertes Exemplar der Blechtrommel und habe mich von den „Fundsachen für Nichtleser“ finden lassen. Ich kann seinen vielen Kritikern nur empfehlen, sich ebenfalls eine Auszeit zu nehmen, ihm auf die Insel der Aquadichte zu folgen und losgelöst vom Alltag, ebenjenen aus seiner Sicht und mit seinen Worten zu genießen

Und wenn dann doch am Ende das Tintenfass umkippt und ich seine Worte dazu lese, dann fühle ich ihn wieder ganz tief, „meinen“ Günter Grass, den ich so sehr verehre für sein Schreiben, den ich sehr kritisierte für sein Schweigen und dem ich noch viele Lebensworte und Aquadichte wünsche. Ihm gelingt, was nicht vielen großen Autoren gelingt… Er vermag es, mich mit ganz wenigen Worten zu verwandeln.

„Zum Abschied
habe ich meine Tinte umgestürzt.
Soll doch jemand der mir nachkleckert,
das Fäßchen auffüllen
und sich die Finger schmutzig machen.
Schreiben färbt ab.“

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Ein ungewöhnlicher Weg, neue Kraft zu tanken? Ein Rückzug, der nur wahren Künstlern vorbehalten ist, die es sich leisten können, eine solche Auszeit zu machen? Ich denke nein. Dieses Buch ist ein deutliches Signal, sich seine eigenen Fundsachen zu suchen, den Alltag anders wahrzunehmen und sich unbeirrbar auf den eigenen Weg zu machen. Man kann malen, fotografieren, zeichnen, schreiben, fühlen! Jeder hat eine Begabung, die er längst vergessen glaubte.

Günter Grass zeigt uns, wie es geht. Und in einem zufälligen Vorgespräch zu diesem Artikel bestätigte mir Susi Naschke ganz heimlich „Vielleicht sollte ich meine Staffelei auch wieder hervorholen“ und schickte mir Fotos von den Bildern, die sie gemalt hat, wenn die Welt ihre Farbe verloren hatte. Ich habe aus diesem Buch, den Bildern und dem Gespräch mit Susi gelernt. Was will man denn mehr, wenn man auf „Fundsachen für Nichtleser“ stößt.

Was will man mehr, wenn man „nur“ ein Buch nichtlesen mag…. 😉

fundsachen für nichtleser günter grass spacer

Wenn ich sage „Ein Leserleben lang“, dann trifft dies meine persönliche emotionale Verbindung zu Günter Grass am besten. Seit der Schule bis zum heutigen Tag begleiten mich seine Bücher, Texte und Zeichnungen. Er hat mich beeinflusst. Hier geht es zu weiteren Artikeln aus meiner Feder. Und natürlich zu einer besonderen Begegnung auf der 55. Münchner Bücherschau.Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und immer weiter mit meinem Herzensautor! Ich bin kritisch verliebt und bleibe es.

Ein Leserleben lang... Mit einem Klick zu meinen Grass-Artikeln...

Ein Leserleben lang… Mit einem Klick zu meinen Grass-Artikeln…

Und dann kommt er doch. Der Moment des leisen und trauigen Abschieds.

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkeit – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass