Monschau von Steffen Kopetzky

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Wer meinem Schreiben in der kleinen literarischen Sternwarte folgt, ist sicherlich schon oft über den Schriftsteller Steffen Kopetzky gestolpert. Ich wiederhole es immer wieder gerne, dass es keinesfalls literarische „Propaganda“ ist, wenn ich dazu rate, zu „Risiko“ zu greifen, damit man sich seinem Spiel des Lesens aussetzen kann. Er hat in seinen Romanen den Bogen von der Ardennenoffensive zum Vietnamkrieg gespannt, in unglaublicher Erzähltiefe Brücken zwischen dem Ersten Weltenbrand und dem Heiligen Krieg geschlagen, mit dem der deutsche Kaiser seine Feinde beeindrucken wollte. Ein deutscher Dschihad sollte entfacht werden und dem großen Spiel der Mächte Einhalt gebieten. Die Erzählräume in seinen Romanen „Risiko“ und „Propaganda“ sind brillant konstruierte Mehrgenerationenhäuser, in denen man sich kaum verlaufen kann, aber in jedem neu betretenen Zimmer reich beschenkt wird. Kopetzky erzählt verschachtelt und facettenreich, das Eindimensionale ist nicht sein Ding.

Sein Schreiben – historisch fundiert, perfekt recherchiert und dramaturgisch bis ins Detail literarisch fiktionalisiert, war das Erfolgsrezept von Steffen Kopetzky. Mit seinem Roman „Propaganda“ war er 2019 für den Bayerischen Buchpreis nominiert, den ich als Buchpreisblogger offiziell begleiten durfte. Da darf es kaum verwundern, im Bücherregal meiner kleinen Bibliothek eine kleine Lücke zu finden, die für neue Bücher aus seiner Feder reserviert ist. Lesertreue, kann man das nennen. Urvertrauen in einen Autor, dem man sich bisher immer blind anvertrauen konnte, trifft es auch ganz gut. Die Lücke ist geschlossen. „Monschau“ hat das Licht der Bücherwelt erblickt und mich, wie erwartet, erneut bis ins Mark berührt. Das jedoch ist ein sehr exklusives Lesegefühl, das ich mit nicht allzu vielen Lesern dieses Romans teilen muss. Ich werde das erklären:

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Monschau von Steffen Kopetzky

Wir befinden uns in der Eifel. Wir schreiben das Jahr 1962 und ganz Deutschland ist wie leergefegt. Die Menschen warten wie gebannt vor den Fernsehern. Sie warten nicht auf die neuesten Nachrichten zum atomaren Wettrüsten der Großmächte oder auf Neuigkeiten zu den Anschlagsserien in Algier und Paris. Nein, es ist eine andere Serie, die das ganze Land in atemloser Starre hält. Die letzte Folge des TV-Sechsteilers Das Halstuch steht auf dem Programm. Der große Straßenfeger dieser Zeit steuert seinem furiosen Finale entgegen. Alle Räder stehen still, der Verkehr ruht und abends sitzt das ganze Land vor dem Fernseher und will nur eines: Wissen, wer der Halstuch-Mörder ist. Exklusiv ist dieses Lesen für mich, kam ich doch an genau diesem Tag unmittelbar nach Ausstrahlung dieser Folge zur Welt. Das Narrativ meiner Geburt ist davon geprägt, dass meine Mutter zwei Stunden allein im Kreißsaal verbringen musste. Von Ärzten, Pflegern oder Hebammen keine Spur. Erst nach dem Finale widmete man sich ihr. Und so ganz nebenbei habe ich auch meine Mutter um diesen Straßenfeger gebracht… Heute einen Roman zu lesen, der sich in meine Geburt einfügt, wie ein passendes Mosaiksteinchen, fühlt sich an, als wäre er für mich geschrieben. Ist er nicht. Weiß ich. Aber es ist wohl noch erlaubt, zu träumen… Zurück zum nicht exklusiven Lesen

Also, wir sind in der Eifel, genau gesagt im kleinen Städtchen Monschau und wir schreiben das Jahr 1962. Ganz Deutschland hält den Atem an (und ich bin noch nicht auf der Welt – kann sich aber nur noch um Stunden handeln). Es gibt nur ganz wenige Menschen, die sich nicht für das Finale der Serie interessieren. Aus gutem Grund. Die Pocken sind ausgebrochen. Ein Horrorszenario zeichnet sich ab. Alle Spuren führen nach Monschau. Patient 1 ist identifiziert, erste Infektionsketten lassen nicht lange auf sich warten und dem anreisenden Spezialisten aus Düsseldorf bleibt kaum Zeit, um mit seinem jungen Assistenzarzt ein epidemiologisches Krisenmanagement aufzubauen. In dieser Zeit einen Roman zu lesen, in dem sich Begriffe wie Quarantäne, Isolierung und Infektionsraten die Hand geben, wirkt befremdlich. Als hätten wir nicht schon genug um die Ohren. Wer nun aber glaubt, Steffen Kopetzky hätte als pandemischer Wellenreiter ein Buch zur Krise dieser Tage geschrieben, der irrt gewaltig.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Steffen Kopetzky ist wieder fündig geworden. Er hat seinen Erzählclaim abgesteckt und verknüpft auf der Basis historisch verbürgter Ereignisse seine ganz eigenen Fäden zu einem fliegenden Handlungsteppich, auf dem man unaufhaltsam in einen grandiosen Abenteuerroman getragen wird. Die Pockenepidemie stellt eine unsichtbare Bedrohung von außen dar. Das Eifelstädtchen Monschau ist ein hermetisch abgeschirmtes Biotop, in dem sich jeder Fremde von Haus aus schwer hineinfindet und die Menschen vor Ort sind nicht nur mit dem Halstuch beschäftigt. Vielfach verflochten sind die Beziehungen und im Mittelpunkt steht eine Fabrik, die als wichtigster Arbeitgeber der ganzen Region von größter Bedeutung ist. Und genau in dieses Eifelaner Wespennest sticht nun jener Professor aus Düsseldorf, der einen Krisenstab etabliert und das Heft des Handelns an seinen Assistenten übergibt. Und plötzlich ist ein junger griechischer Arzt an vorderster Front der Vorkämpfer gegen eine Epidemie, die sich kaum noch eindämmen lässt. 

Ersetzt man hier Pocken, Eifel, Krisenstab, lebenswichtige Fabrik und ausländischer Arzt durch andere gängige Erzählkomponenten, so stellt man schnell fest, dass wir von Steffen Kopetzky in eine brillante literarische Falle gelockt wurden, die funktioniert, weil wir genau nach diesen Bücherfallen suchen, um das große Lesen zu zelebrieren. Wir finden alle Elemente eines epischen Abenteuerszenarios, einen einsamen Helden und die verschworene Gemeinschaft, die es nicht zulassen kann, dass der Gastarbeiter, in Monschau das Heft des Handelns übernimmt. Und als wäre dies nicht genug, lässt der Autor auch noch die attraktive Erbin der Fabrik auftreten, die durch ihre Ausstrahlung ein Flair in Monschau verbreitet, dem letztlich auch der junge griechische Arzt erliegen muss. Lone Ranger rettet entführtes Mädchen aus den Fängen blutrünstiger Betrüger. Mutiger Prinz schneidet Prinzessin aus dem vergifteten Gestrüpp frei. Das ist er. Der Stoff, aus dem die Träume sind.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Wer allerdings denkt, Monschau seine eine Variante X von Abenteuer Y, auch der irrt gewaltig. Das wäre nicht der Steffen Kopetzky, den wir kennen. Er fühlt uns mit dem Roman „Monschau“ auf den Zahn der Zeit, wobei er gleichzeitig in eine Zeitscheibe in der Geschichte unseres Landes eintaucht, die für „seine“ Epidemie besonders relevant ist. 1962. Gerade einmal 17 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es noch immer Verbindungslinien zwischen Menschen, Behörden und Wirtschaftsbetrieben, die gerade in einem solchen Setting relevant sind. Auch hier zupft Steffen Kopetzky an den Saiten seines Erzählinstruments, das in uns die besten Resonanzkörper findet. Wir sind in der Eifel. Sie war der Schauplatz der Ardennenoffensive. Wir sind in der Nähe eines ehemaligen Kriegsschauplatzes, der als „Hürtgenwald“ in die Geschichte eingegangen ist. All diese Verbindungen spielen in diesem brillant erzählten Roman eine Rolle. Eine Geschichte ohne Geschichte ist keine Geschichte. Dieses Motto füllt Steffen Kopetzky mit einem Leben, das unser Leben nicht unberührt lässt. Dieser Brückenschlag ist von größter Relevanz. „Monschau“ ist ein genialer Brückenkopf, den der Autor mit seinen Worten zu verteidigen weiß, bis es ihm gelingt, seine virale und fulminante Geschichte in unserem Lesen ausufern zu lassen.

Ein liebevoll kritisches Wort zum Schluss. Ich liebe die vitale „Schreibe“ von Steffen Kopetzky. In „Propaganda“ und „Risiko“ liebte ich die parallelen Handlungsstränge, in denen er uns in Zeitscheiben entführte, die zum Verständnis der Bücher wichtig waren. Kritiker bezeichneten das vereinzelt als „ausschweifend“ und „überladen“. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum Steffen Kopetzky den Bayerischen Buchpreis nicht gewann. „Monschau“ ist frei von diesen Parallelwelten. Sie werden hier nur angerissen, skizziert, aber nicht auserzählt. Wir haben es also mit einem literarischen Diamanten zu tun, den der Autor selbst bis zur höchsten Reinheit geschliffen hat. Jetzt überschlägt sich das Feuilleton begeistert. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein „alter Kopetzky es gewagt hätte, in diesem Buch zu den Kämpfen im Hürtgenwald zurückzukehren. Ich bin mir sicher, dass es der Geschichte nicht geschadet hätte. Vielleicht hat ja die Kritik einen Weg zu größerem Erfolg aufgezeigt. Literatur ist Entwicklung. Hier spürt man sie. Mich hat dies ein wenig wehmütig gemacht, obwohl Monschau ein großer Roman ist.

Nachtrag: Meine Artikelbilder zeigen das Rezensionsexemplar des Verlages. Das Original ist in feiner gebundener Ausgabe überall zu finden, wo das gute Lesen wohnt.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Zwei Straßenfeger zur aktuellen pandemischen Situation: Monschau von Steffen Kopetzky undEine Seuche in der Stadtvon Ljudmila Ulitzkaja. Eine Bücherkette, die viral geht und jederzeit Lesequarantänen verursacht… 

PROPAGANDA von Steffen Kopetzky

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

NOMINIERT FÜR DEN BAYERISCHEN BUCHPREIS 2019

Bayerischer Buchpreis 2019 - Nominiert - Propaganda - Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Nominiert – Propaganda – Steffen Kopetzky

Propaganda (lat. propagare) bezeichnet in seiner modernen Bedeutung die Versuche, politische Meinungen oder öffentliche Sichtweisen durch Manipulation zu beeinflussen und zu formen, um das Verhalten in eine vom Propagandisten erwünschte Richtung zu steuern.

PROPAGANDA“ heißt auch der aktuelle Roman aus der Feder von Steffen Kopetzky mit dem der Autor jedoch keineswegs seine Leser manipulativ beeinflussen möchte. Er dreht den Spieß um und erzählt eine große Geschichte, in deren Mittelpunkt das Lügen steht. Ein Lügen, das nur einer Sache dient: Dem Machterhalt politischer Systeme. Und genau hier legt der Autor des Erfolgsromans „RISIKO“ den Finger in die offene Wunde der heutigen Machthaber, Populisten und Regierenden. Sein Roman ist geeignet unser Frühwarnsystem zu aktivieren, da er seinen Spannungsbogen vom Zweiten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg spannt und zeigt, wie man bewaffnete Konflikte schüren und am Leben halten kann, wenn es den Interessen „gewisser Kreise“ dient.

Steffen Kopetzky ist ein brillanter Erzähler. Dies sei vorsichtig vorausgeschickt. Sein Erzählräum besteht aus einer Vielzahl von Zimmern, zu denen er seinen Lesern Schritt für Schritt Zugang gewährt. Es ist stilsichere Absicht in der Konstruktion seiner Romane den Eindruck zu erwecken, diese Zimmer seien nicht miteinander verbunden. Als gäbe es keinen Flur, von dem jedes dieser Zimmer abzweigt. Als gäbe es keine gemeinsame Adresse. Als würden wir orientierungslos im Dunkeln tappen und auf einen leuchtenden Erkenntnisfunken warten, bewegen wir uns in den wuchtigen Bildern seiner Erzählung. Literarisch bewegt sich Steffen Kopetzky hierbei auf sicherem Terrain. Er weiß, was er tut. Er weiß, was er schreibt. Er fabuliert auf den Grundlagen seiner validen Recherche, bevor er fiktive Elemente zumischt, die danach kaum noch als solche zu erkennen sind.

Propaganda von Steffen Kopetzky - AstroLibrium

Propaganda von Steffen Kopetzky

PROPAGANDA wird getragen vom jungen US-amerikanischen Leutnant John Glueck. Der deutschstämmige Offizier dient im Zweiten Weltkrieg in den Reihen von „Sykewar“, der Abteilung für Propaganda und psychologische Kriegsführung der US-Streitkräfte. In seinen Aufgabenbereich fällt das „Sternenbanner“, eine deutschsprachige Zeitung, die über dem Gebiet des Dritten Reichs abgeworfen wird, um die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu destabilisieren. Zuvor schrieb er mit anderen Psychologen, Historikern und Germanisten das „Handbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland“, um die Eroberer mit dem Land und seinen Menschen vertraut zu machen, die sie befreien sollten. Jetzt kann er es kaum noch erwarten, endlich den Boden seines Heimatlandes zu betreten. Nie zuvor war er dort, obwohl ihm Kultur und Sprache in die Wiege gelegt wurden.

Der Zufall spielt ihm jetzt in die Hände, während das Kriegsgeschehen 1944 in seine entscheidende Phase tritt. Er steht an der Grenze. Einen Schritt entfernt. Die Ardennen. Der Hürtgenwald. Die Eifel. November. Jetzt sollte es schnell gehen. Was er nicht weiß, ihm gegenüber steht die Elite des letzten Aufgebots der Wehrmacht. Der Wald wird zu einer der größten Niederlagen, die US-Streitkräfte je hinnehmen mussten. Es kommt zu einem Gefecht, das als Allerseelenschlacht in die Geschichte der Ardennenoffensive eingeht. Dabei sollte er nur einem der prominentesten Kriegsberichterstatter folgen und sich an seine Fersen heften. Ihn für die Propaganda gewinnen, ihn instrumentalisieren und vereinnahmen. Einen Mann, dessen Name und Ruf wie Donnerhall wirkten. Ernest Hemingway.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Hier stehen wir nun an der Seite des jungen US-Offiziers auf der Suche nach der Extremsituation, die Hemingway so sehr anzog. Hier riechen wir den Pulverdampf im Hürtgenwald. Hier begeben wir uns mit John Glueck und einem indianischen Scout auf Patrouille. Und dann tritt Steffen Kopetzky in den Spiegel und zerschmettert ihn mit nur einem Tritt. Wo wir in einem Zug wochenlang hätten weiterlesen wollen, springt er mit einem gewaltigen Satz in eine andere Zeitebene. 1971. Der Vietnamkrieg tobt und der uns gut bekannte John Glueck wird bei einer Fahrzeugkontrolle in Missouri festgesetzt. Kein Zufall. Pure Absicht. Er trägt ein Geheimnis mit sich herum, dessen Kern das Land erschüttern kann. Der durch einen Unfall mit Chemikalien nach dem Weltkrieg entstellte Offizier sucht Schutz in einem Gefängnis. Schutz vor der Staatsmacht. In seinem Besitz befinden sich Papiere, die die Geschichte der Kriege seit 1944 neu schreiben. Es sind die Pentagon-Papers.  

Mühsam setzen wir die Spiegelscherben der Geschichte zusammen. Der Blutwald scheint sicherer gewesen zu sein, als das verzweifelte Gefecht, das John Glueck jetzt führt. Steffen Kopetzky schöpft aus dem Vollen. Geheimdienst, Propaganda, Verrat und ein Vorläufer von WikiLeaks erweitern den Erzählraum um die oben beschriebenen und so sehr gefürchteten Zimmer. Er, nur er hat den Generalschlüssel in der Hand und lässt uns nicht nur hineinblicken. Er stößt uns in alle Räume, lässt uns jeden Schrecken des Krieges, die Propagandamaschinerie, die Profiteure, die Leidenden und Lobbyisten am eigenen Leib spüren. Es ist das Menschenverachtende, das Kopetzky hier gegen den Krieg ins Feld führt. Man kann sich diesem Roman nicht entziehen. Seine Ebenen sind so facettenreich, dass wir am Ende kaum eine Ahnung haben, ob wir nun einen Kriegs-, Wirtschafts-, Spionage- oder Justizroman gelesen haben. Oder ob wir ganz einfach nur der ganz brillanten literarischen Propaganda eines Autors auf den Leim gegangen sind, der uns die Augen für die heutigen Konflikte öffnen möchte.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Ich bin versucht zu schreiben, dass ich einen ganz großen amerikanischen Roman gelesen habe. Wüsste ich nicht, dass er von Steffen Kopetzky verfasst wurde, ich wäre unsicher. Es ist ein großes amerikanisches Thema, es sind Protagonisten, die Spuren hinterlassen und es ist ein unglaublich packender Erzählstil, der mich immer wieder an den Mann erinnert, dem wir im Roman so oft über den Weg laufen. Die Kapitel, die von der Präsenz Ernest Hemingways durchflutet werden, sind signifikant für den Roman. Er wollte keine Gefühle beschreiben, er wollte sie verursachen. John Glueck beneidete ihn um seine Gabe und als er nun in einem amerikanischen Gefängnis sein Leben sortiert und memoriert scheint es so, als würde er das Niveau Ernest Hemingways mit seinem Denkmal zu Boden reißen und neu erfinden.

Dabei ist es Steffen Kopetzky, der diese Gefühle verursacht und nicht beschreibt. Er lässt uns den Juckreiz der verschuppten Haut John Gluecks förmlich spüren, er hat den Schlüssel zu unseren Ängsten vor dem Waldgefecht in der Hand, er macht uns zu Mördern, Opfern, Strategen und Versagern. Er setzt uns auf eine Geschworenenbank und lässt uns Recht sprechen, während wir einer Strafverteidigerin folgen, der wir das eigene Leben blind anvertrauen würden. Er macht uns zu Augenzeugen und findet den direkten Weg in unser Gewissen. Vom Mitläufer zum Kriegsverbrecher ist es nicht sehr weit in diesem brillanten Roman.

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Mir liegt dasHandbuch für amerikanische Soldaten in Deutschland vor, was das Lesen von „PROPAGANDA“ noch authentischer machte. Ich hatte mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer zeitgleich die andere Perspektive vor Augen. Den Imker aus der Eifel, der von der „Allerseelenschlacht“ in den Krieg gezogen wird. Zwei Romane mit einem Erzählraum von 50 Quadratkilometern. Solche Zufälle schreibt nur die Literatur. Als Buchhändler würde ich sie gemeinsam in das Fenster der guten Leseempfehlungen stellen. Sie sind komplementär und doch so grundverschieden. Zwei deutsche Stimmen mit Tiefgang und Nachhall.

Darüber hinaus ist PROPAGANDA auf eine mehr als unmittelbare Art und Weise sehr lehrreich und (es klingt komisch, aber es ist so) kriegswichtig. Wir verstehen die Automatismen von Gefechten, lernen an der Taktiktafel die Abhängigkeit zwischen Nachschub und Erfolg und erfahren in einer brillanten Reprise aus Steffen Kopetzkys  Roman „Risiko“ den rein praktischen Nutzen eines hochtheoretischen Kriegsspiels. Er durchbricht alle Fronten mit einem brillanten Gedankenspiel, das sich garantiert genau so zugetragen hat. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Humanität hat auf jeder Seite ihre unmittelbare Entsprechung. LESEEMPFEHLUNG zum Quadrat!

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Propaganda von Steffen Kopetzky

Es ist somit keine große Überraschung, dass Steffen Kopetzky mit Propaganda für den Bayerischen Buchpreis 2019 nominiert wurde. In Literaturkreisen eine sehr beachtenswerte Nominierung, da die dreiköpfige Jury die Vorschläge eigenständig und unabhängig einbringt. Als Buchpreisblogger habe ich die Ehre, die Preisverleihung in München und die heiße Phase nach Bekanntgabe der Shortlist zu begleiten. Dass ich „Propaganda“ bereits lange vor der Nominierung gelesen und rezensiert habe, ist hier für mich von großem Vorteil. Steffen Kopetzky hat die Messlatte sehr hoch gelegt. Der weiße Porzellanlöwe würde dem monumentalen Antikriegsroman gut zu Gesicht stehen und einen Schriftsteller auszeichnen, der sich nicht erst mit diesem Roman in die erste Linie der deutschen Autoren geschrieben hat. John Glueck. Vielleicht bringt der Name des Protagonisten wahrlich Glück…

Alle Berichte zum Bayerischen Buchpreis, den nominierten Titeln, zu Hintergründen und zur Preisverleihung am 07. November finden Sie auf meiner Projektseite.

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Propaganda von Steffen Kopetzky / Rowohlt / gebunden / 495 Seiten / 25 Euro

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Der neue Kopetzky ist da… „Monschau

Also, wir sind in der Eifel, genau gesagt im kleinen Städtchen Monschau und wir schreiben das Jahr 1962. Ganz Deutschland hält den Atem an (und ich bin noch nicht auf der Welt – kann sich aber nur noch um Stunden handeln). Es gibt nur ganz wenige Menschen, die sich nicht für das Finale der Serie interessieren. Aus gutem Grund. Die Pocken sind ausgebrochen.

„Risiko“ – Steffen Kopetzky und das Spiel des Lesens

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko. Könnt ihr euch noch an die guten alten Zeiten erinnern? Man saß im kleinen Kreis vor einem Brettspiel und verbrachte die spannenden Abende mit guten Freunden, ein paar Häppchen und Getränken, während man ganz genüsslich die Weltkarte auf dem Spielfeld betrachtete, seine eigenen Armeen in Stellung brachte und sich dabei schon überlegte, wie man es nun anstellen könnte, die ganze Welt zu erobern. Risiko.

Risiko. Und manchmal beschlich mich beim Spielen der unheimliche Gedanke, dass die Machtgelüste von heutigen Politikern und Konflikte zwischen Nationen schon seit jeher nicht anders ausgetragen wurden. Der pure Zufall regiert. Feinde und geheime Allianzen machen einem das Leben schwer und die Unvorhersehbarkeit ist das Maß aller Dinge. Fast schon beängstigend real.

Aber wer hätte gedacht, dass dieses Spiel nicht erst 1950 erfunden wurde, sondern auf einer wesentlich älteren Tradition beruht, die lange Zeit im Verborgenen lag? Wer hätte schon gedacht, dass diese besondere Art von taktischem Rollenspiel schon in der Zeit des Ersten Weltkriegs als „Das große Spiel“ in Militärkreisen gespielt wurde?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Und wer hätte es jemals für möglich gehalten, dass diese frühe Form des Spiels so ausgereift war, dass man auf realistischen Geländeplänen die großen Schlachten an der Marne oder die Umgehung der französischen Verteidigungslinien im Trockenen proben konnte? Und darf es überraschen, dass man in der Realitätsnähe dieses großen Spiels sehr schnell erkennen musste, dass die Pläne des Deutschen Kaiserreichs nicht einen Pfifferling wert waren. Nein. Das überrascht nicht.

Risiko. Diesen Namen trägt auch der gerade bei Klett-Cotta erschienene historische Roman von Steffen Kopetzky, der seinen aufmerksamen Lesern nicht nur die Zeit vor 100 Jahren plastisch und atmosphärisch dicht vor Augen hält, sondern sie auch noch zu seiner ganz eigenen Variante des „Großen Spiels“ einlädt. Eine Lesereise der ganz besonderen Art. Sie verwandelte meine täglichen Bahnfahrten in eine abenteuerliche Zugfahrt mit der Bagdadbahn und spielte mit mir Risiko…

Ein Spiel des Lesens, bei dem nicht der Zufall regiert, sondern der Autor. Ein Spiel, bei dem es um historisch verbriefte und genau recherchierte Rahmenbedingungen geht, die jedoch mit Fiktion so angereichert sind, dass ein wahrhaftig abenteuerlicher Roman entsteht, den man lesen muss, wenn man sich auch nur ein wenig für diese Epoche interessiert .

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Ein Roman, der in seiner Ausgangslage so brillant und greifbar konzipiert ist, dass man an der Kreativität kriegführender Nationen keinerlei Zweifel mehr haben kann. Dass dabei eine Geschichte entstanden ist, die in ihren Eckpfeilern tief im Boden der Realität verankert ist und sich nur die Freiheit erlaubt, den realen historischen Gegebenheiten und Personen erfundene und doch so authentische Romanfiguren zur Seite zu stellen, die für uns Augen und Ohren offen halten, ist mehr als bemerkenswert.

Nehmt euch doch einfach eure eigene Weltkarte des guten Lesens, versetzt euch in das Jahr des Kriegsbeginns auf dem europäischen Festland zurück, betrachtet das nicht ganz ausgeglichene Kräfteverhältnis der Großmächte und denkt dann gemeinsam mit dem Deutschen Kaiser und seinen militärpolitischen Ratgebern darüber nach, wie man einen solchen Krieg an mehreren Fronten gewinnen kann.

Hier setzt Steffen Kopetzky an. Hier beginnt sein Spiel. Hier breitet er seine Weltkarte aus und bringt einen mehr als 700 Seiten dicken literarischen Wälzer ins Spiel, der in der Lage ist, die Fakten des Ersten Weltkrieges umzuwälzen und uns zum Nachdenken zu bringen, was gewesen wäre, wenn… Wie die Welt ausgesehen hätte, wenn… Und wie unglaublich es doch ist, was damals tatsächlich versucht wurde.

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wie würde unsere Welt heute wohl aussehen, wenn es dem Deutschen Kaiserreich damals gelungen wäre, den heiligen islamischen Krieg auszurufen? Welche enorme Welle hätte die damalige Welt wohl erschüttert, wenn der von Deutschland losgetretene Dschihad die arabischen Länder erschüttert hätte. Und wie dumm hätten wohl die Alliierten aus der waffenstarrenden Wäsche geschaut, wenn ihr damals noch so straff organisiertes koloniales System in sich zusammengebrochen wäre?

Was? Deutscher Dschihad? Wie soll das denn gehen? Unglaublich? An den Haaren herbeigezogen! Nein, denn dieses geheime diplomatisch-militärische Unternehmen hat es tatsächlich gegeben. Eine Expedition, die 60 Angehörige der kaiserlichen Streitkräfte und mehrere diplomatisch geschulte Spezialisten mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen, durch Wüsten und Gebirge bis nach Afghanistan führte.

Ihr Ziel: Den Hauptfeind in Europa, das britische Empire dort zu treffen, wo es am verwundbarsten ist. In Britisch-Indien. Dort, wo Deutschland keine eigenen Kolonien unterhält. Wenn es ihnen gelingen sollte, die Paschtunen zum Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen im Land zu bewegen, dann würde es eben nur die eigenen Feinde treffen und den Gegner bis ins Mark treffen. Frei nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wird es gelingen, dem Risiko-Spiel durch diesen genialen Schachzug eine neue Wende zu geben?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wir begleiten den Marine-Funker Sebastian Stichnote auf seinen wirren Wegen in die Wirren des Ersten Weltkrieges. Erleben ihn an Bord des leichten Kreuzers SMS Breslau und befinden uns in seinem Kokon der zahllosen nächtlichen Funksprüche, die den Beginn des Weltenbrandes verkünden. Wir folgen ihm schließlich bis nach Istanbul und werden aufmerksamer Zeuge seiner Abstellung zu der geheimen Expedition, die dringend einen Funker benötigt. Wir fühlen mit ihm, als er an Land der ersten Liebe seines Lebens begegnet und sind stolz auf ihn, als er rein zufällig die eigenen Offiziere im „Großen Spiel“ besiegt.

Und letztlich folgen wir ihm durch die Wüste bis nach Afghanistan. In Begleitung vieler tapferer Männer, eines nicht ganz echten arabischen Prinzen, eines Reporters und guter Freunde, die für ihn immer wichtiger werden. Im Marschgepäck hat er eine komplette Sendeanlage und im Herzen nur ein einziges Ziel. Seine Verabredung nach dem Krieg. Wann immer das auch sein mag. Mittags am 6. Juni am Tower von London. Und wenn das nicht klappen sollte, dann eben am 1. Dezember am selben Ort. Während andere den Krieg gewinnen wollen träumt er von seiner Geliebten. Arjona.

Steffen Kopetzky legt mit „Risiko“ einen prachtvollen historischen Roman zum Augenreiben vor. Die Ausgangslage ist brillant und historisch verbrieft. Die Charaktere sind greifbar, sehr authentisch und bleiben bis zum Ende ihrer jeweiligen Linie treu. Die historischen Personen, denen wir auf dieser Reise begegnen (Camus, Doenitz u.v.m) sind so gezeichnet, wie wir es uns nicht besser vorstellen können und die Spannung trägt vom ersten Schuss bis zum letzten Vorhang des Romans

Es ist kein Risiko, Risiko zu lesen. Es wäre riskant, es nicht zu tun… Das Schicksal legt nicht oft einen solchen Prachtschinken auf die Weltkarte des guten Lesens…. Nehmt Risiko in Angriff… Das Buch wird euch erobern.

Zwei Romane von historischem Format

Zwei Romane von historischem Format

Für Leser von Benjamin Monferats „Welt in Flammen“ ein gefundenes buchiges Fressen. Starke historisch fundierte Romane mit einem deutlichen Fingerzeig in die Gegenwart.

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Der neue Kopetzky ist da… „Monschau

Also, wir sind in der Eifel, genau gesagt im kleinen Städtchen Monschau und wir schreiben das Jahr 1962. Ganz Deutschland hält den Atem an (und ich bin noch nicht auf der Welt – kann sich aber nur noch um Stunden handeln). Es gibt nur ganz wenige Menschen, die sich nicht für das Finale der Serie interessieren. Aus gutem Grund. Die Pocken sind ausgebrochen.

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky