„Tod und Teufel“ von Frank Schätzing – Das Hörbuch

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Mehr als zehn Jahre ist es jetzt schon her. Seitdem hüte ich einen Buchschatz in der kleinen literarischen Sternwarte und hätte nie gedacht, dass er nach so langer Zeit eine große Rolle in meinem Lesen und Hören spielen würde. Großformatig strahlte mich ein wahrer Prachtband an und schrie um Hilfe. Die Resterampe der Buchhandlung war für dieses Buch­kunstwerk der denk­bar unwürdigste Ort und ich befreite es aus seiner allzu misslichen Lage. Seitdem lebt dieser Roman unge­lesen in meinem Bücherregal. Nur zu vergleichen mit einem geretteten Pferd auf dem Gnadenhof. Dass dieser Gaul nun neu gesattelt, aufgezäumt und geritten wurde ist einem aktuellen Hörbuch geschuldet.

Tod und Teufel war zugleich Debüt als auch Durch­bruch des im Jahr 1995 noch völlig unbekannten Schriftstellers Frank Schätzing. Der historische Roman rund um das mittelalterliche Köln entwickelte sich schnell zum lite­rarischen Gassenhauer und ist aus heu­tiger Sicht viel mehr als nur der Wegbereiter der nachfolgenden Romane. Frank Schätzing gilt heute als einer ganz großen seiner Zunft. Seine Romane „Der Schwarm“ und „Limit“ gelten in Fach- und Leserkreisen als wissenschaftlich fundierte und perfekt konstruierte Werke mit hohem Suchtfaktor. Und doch begann auch sein Weg mit einem historischen Roman voller Lokal­kolorit.

Tod und Teufel von Frank Schätzing – Prachtausgabe und Hörbuch

Wenn man sich das Cover meines Buchschatzes aus dem Jahr 2006 anschaut, ist es nicht überraschend, dass ich mehr als erstaunt war, als ich diese rote Armbrust auf dem Cover eines Hörbuchs entdeckte. Un­ver­kennbar in Farbe und Gestaltung handelt es sich um dieselbe Armbrust, die auf dem Buch zu sehen ist. Teuflisch rot mit Hörnern und einem ange­deuteten Schwanz am Ende des schuss­bereit eingelegten Bol­zens. Ich konnte kaum glauben, dass mein Relikt vom Wühltisch durch ein aktuelles Hörbuch mit neuem Leben gefüllt werden sollte. Am Tag der ersten Zu­sammen­kunft beider Medien schloss sich ein lite­rarischer Kreis höllischen Ausmaßes.

Und das liegt nicht nur an Frank Schätzing, das dürft ihr mir glauben. Über dreizehn Stunden Hörbuch warteten nun auf mich. Zwei MP3-CDs voller Hochspannung in Köln, darauf war ich so halbwegs eingestellt. Mittelalter pur, die Dombaustelle, Kreuzzüge ins Heilige Land und das Leben in einer Stadt, die ich aus dem Hier und Jetzt so gut kenne, das war das anvisierte Ziel meines Hö­rens. Was dann kam, hat mich extrem über­rascht und zugleich begeistert. Stefan Kaminski. Gelesen von Stefan Kaminski. So harmlos ist es auf dem Cover des Hörbuchs vermerkt. Dabei sollte man andere Begriffe wählen, um dem gerecht zu werden, was Stefan Kaminski hier leistet.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Zelebriert von. Interpretiert von. Aufgeführt von! Das wären Möglichkeiten. Es klingt in Anbetracht der Dimension, in die Kaminski hier vordringt immer noch zu schwach. Es klingt zu einfach, weil man seine Kunst, Geschichten in Worte zu fassen kaum in Worte fassen kann. Stellt euch vor, ihr schaut eine synchro­nisierte Staffel der epischen Serie Game of Thrones und ver­bindet mit den Schau­spielern auch ihre deutschen Stimmen. Ob männliche oder weibliche Charaktere. Schauspiel und Stimme gehen Hand in Hand. Und dann stellt euch vor, ihr würdet erfahren, dass alle Rollen der Serie nur von einem einzigen Sprecher synchro­nisiert werden. Von EINEM. Egal, ob Mann oder Frau. Einer spricht alle. Vorstellbar?

Ich konnte es mir auch kaum vorstellen. Aber es kommt dem nahe, was ich zu hören bekam. Stefan Kaminski verfügt über eine unglaubliche Technik, den un­ter­schied­lichen Stimmen einer Geschichte über­gangslos und ohne Auf­nahme­schnitte eine ganz ei­gene und un­verfälschte Iden­tität mit hohem Wieder­erkennungs­wert zu verleihen. Stimm­farbe und -charakter sind seine Werkzeuge, die er meister­lich einzu­setzen weiß. Er selbst hat diesen Prozess als „Stimm-Morphing“ bezeichnet.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

„Das ist ein Begriff, den ich mich selber ausgesucht habe und ich meine damit ungefähr folgendes: Wenn die Polizei versucht, einen seit 20 Jahren flüchtigen Tä­ter zu finden, müssen die überlegen, wie der jetzt aussieht. Dann nimmt man das alte Bild und versucht es durch einen realistischen Übergang 20 Jahre älter zu machen. Das nennt man morphen. Wenn ich zwischen den Stimmen verschiedener Figuren wechsel, tue ich das ohne Absatz oder Pause. Da wird nichts ge­schnitten. Ausgehend von dem, was in meinem Hals passiert, ist das ein Morphprozess.“

(Quelle: Interview Der HörbücherBlog mit Stefan Kaminski vom 20.03.2013)

Hiervon kann man sich selbst überzeugen, wenn man „Tod und Teufel“ hört. Als Lesung oder Hörbuch würde ich diese Produktion schon nicht mehr bezeichnen. Es ist ein tat­säch­liches Hörspiel, die Inszenierung der einzelnen Stimmen Kaminskis, auf die sich der Zuhörer hier freuen darf. Es gelingt ihm dabei sogar, der weib­lichen Hauptrolle Richmodis von Weiden eine dermaßen authen­tische feminine Note zu verleihen, dass man hörend dahinschmilzt, wenn sie das Wort ergreift. Meine Lieblingsstimme in „Tod und Teufel“ hat Stefan Kaminski in den einfältigen Knecht Rolof hinein­gelegt. So tief gezeichnet und charakteristisch gut getroffen muss man sich den Guten vorstellen. Eine wahre Kunst, die wir hier erleben dürfen.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

„Der Hörverlag“ hat hier wirklich alles richtig gemacht. Statt einem dreißigköpfigen Ensemble hat man einen hun­dert­stimmigen Stimmkünstler engagiert. Stefan Kaminski verkörpert das Gute und Böse des gesamten Romans. Er ist Mörder und Held zugleich, versucht einerseits den Mord am Dom­baumeister Gerhard aufzuklären und ist doch im Geheimen unterwegs, um alle Zeugen dieser Tat zu beseitigen. Ein Historien­spektakel der ganz besonderen Extraklasse, in dem wir an der Seite von Jacop dem Fuchs durch das Köln des Jahres 1260 hetzen, fliehen und nicht nur die ganze Stadt, sondern auch die große Liebe seines Lebens retten.

Dieses grandiose Hörbuchspielkopfkinoereignis wird dem brillanten Roman von Frank Schätzing mehr als gerecht. Man spürt schon hier, wie intensiv sich Schätzing in seinen Romanstoff hinein recherchiert hat, wie authen­tisch er das Leben der kleinen Leute im mittelalterlichen Köln beschreibt und wie tief und fa­cetten­reich Konflikte eines Romans angelegt sein müssen, um einen solchen Sog zu erzeugen. Großes Kopfkino in einer meisterhaft inszen­ierten Hörbuch-Solovorstellung, der man das Solo zu keinem Zeitpunkt anmerkt. Auch die textlichen Kürzungen fallen nichts ins Genussgewicht.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Mein gebundenes Buch von einst ist heute noch in einer broschierten Sonderausgabe des Goldmann Verlags auf dem Buchmarkt. 80 Illus­trationen machen aus der Reise in das mittelalterliche Köln ein episches Abenteuer. Da­zu noch das Hörbuch mit gleichem Cover und los geht das multimediale Abenteuer für alle Sinne…

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