Barracoon von Zora Neale Hurston [Sklaverei]

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Sklaverei ist ein Zustand, in dem Menschen zumeist lebenslang als Handelsware oder Eigentum anderer behandelt werden. Besonders gut dokumentiert ist die Form der Leibeigenschaft im Fall der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die formale Abschaffung führte jedoch in den seltensten Fällen zu einer gesellschaftlichen Gleichstellung der befreiten Sklaven. Die Auswirkungen sind bis in unsere heutige Zeit zu spüren. Die Literatur hat einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Entrechtung der Afroamerikaner geleistet. Und doch ist noch viel zu erzählen. Es ist viel zu tun und es bleiben Fragen. Ich habe diesem Thema einen großen Schwerpunkt eingeräumt.

Zuletzt stelle ich Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates vor. Meine Rezension endete mit den folgenden Worten:

Man findet viele Bücher zum Thema „Sklaverei“ auf AstroLibrium. Gerade in Zeiten eines im Wachstum befindlichen Rassismus, ein literarisches und soziopolitisches Feld, dem ich mich intensiv widme. Zum weiteren Verständnis lege ich Ihnen auch gerne den Artikel „Warum ich kein Rassist bin“ ans Herz. Mein Erbe lässt keine andere Position zu. Wenn ich ein Referenzbuch zu „Der Wassertänzer“ benennen müsste, dann wäre dies „Barracoon“ von Zora Neale Hurston. Der Erlebnisbericht des letzten Sklaven, der aus Afrika in die Vereinigten Staaten verschleppt wurde, lag 90 Jahre im Giftschrank, bevor er auch in den USA veröffentlicht wurde. Was bei Coates fiktional ist, hat in der Geschichte von Cudjo Lewis die literarische Qualität eines Augenzeugenberichts. Die Wurzeln der Sklaverei reichen tiefer, als wir glauben und sie reichen weiter, als es uns lieb sein kann. Die Buchvorstellung zu „Barracoon“ (Penguin Verlag) folgt bald…

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Jetzt ist es soweit. „Der Wassertänzer“ liegt neben mir, und ich sehe noch immer die Bilder vor mir, die mir Ta-Nehisi Coates nachhaltig ins Gewissen geschrieben hat. Getrennte Familien, zerrissende Stammbäume, Traumatisierungen und Erniedrigungen. Ich fühlte mich lesend selbst, als wäre ich selbst ein Gegenstand. Besitz, Statussymbol, ein Tier. Man durfte seinen Hass an mir auslassen, mich vergewaltigen oder einfach so verkaufen. Was dies alles mit der menschlichen Seele machte, war egal. Auswege gab es kaum. Erst der Amerikanische Bürgerkrieg beendete die Sklaverei, ohne ihr wirklich Einhalt zu gebieten. Wer könnte besser davon erzählen, als ein Augenzeuge? Wer ist authentischer und wahrhaftiger, als ein Betroffener?

Mit „Barracoon“ von Zora Neale Hurston liegt jetzt ein Augenzeugenbericht vor, der einen dieser Sklaven zu Wort kommen lässt, der sowohl die Deportation aus Afrika, die Versklavung auf einer Südstaaten-Plantage, als auch die Befreiung erlebt hatte. Es ist Cudjo Lewis, dem die Autorin Gehör schenkte und für den sie zugleich zur Stimme wurde, indem sie seine Erzählung niederschrieb. Er selbst hätte seine Geschichte wohl nur an seine Nachkommen weitergeben können. Sein Lebensbericht hätte es auf diese Weise jedoch nicht bis zu uns geschafft. Und gerade wir sollten ihn lesen. Er ist zeitlos und relevant. Und er ist die beste Referenz zur Überprüfung fiktionaler Stoffe auf ihren Authentizitätsgehalt. Eine wichtige Funktion, da dieses Buch eine Romantisierung jeder Form von Sklaverei verhindert und ihr eine deutliche Abfuhr erteilt.

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Trauen Sie sich und begegnen Sie dem letzten amerikanischen Sklaven, der noch von seiner Verschleppung aus der afrikanischen Heimat erzählen konnte. Lassen Sie sich auf Cudjo Lewis ein, der nicht nur vom amerikanischen Süden erzählt. Seine Geschichte beginnt, als er 1841 in Bante (Dahomey, heutiges Benin) zur Welt kommt. 1860 wurde er mit weiteren 115 Sklaven illegal nach Mobile, Alabama verschleppt. 1865 endete sein Dasein als Sklave und er lebte bis 1935 als freier Bürger in Africatown in Mobile. 1927 besuchte die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston den letzten Zeugen der Verschleppung und befragte den inzwischen 86-jährigen zu seinem Leben. Sie legte immer Wert darauf, dass nicht sie diese Geschichte erzählte. Es seien seine eigenen Worte, die sie bei ihren Begegnungen festgehalten habe. Sie habe nur immer wieder versucht, bei den einzelnen Treffen den Faden dieser Erzählung aufzunehmen und so eine Chronologie eines Lebensweges entstehen zu lassen.

Das fühlt man, wenn man sich in den Text fallenlässt. Sie moderiert ihre Gespräche mit dem ehemaligen Sklaven, sie gibt ihm Raum und unterbricht dann auch nicht mehr, wenn seine Erzählung Fahrt aufgenommen hat. Sein Tonfall und seine Sprache sind in der Originalausgabe unverkennbar, in der Übersetzung von Hans-Ulrich Möhring wird jedoch aus Cudjos Originalstimme eine gut verständliche deutsche Fassung, in der nie der Eindruck entsteht, es mit einem ungebildeten Mann zu tun zu haben. Diese Gefahr hätte jedoch bestanden, wenn der Übersetzer in eine Form von eingedeutschtem Slang verfallen wäre. Dankenswerterweise hat Hans-Ulrich Möhring diese sprachliche Klippe brillant umschifft.

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Cudjo erzählt von lebenslangem Schmerz und Verlust. Er erzählt von der Sehnsucht nach seinem Afrika, aber auch davon, dass erst afrikanische Herrscher die Sklaverei in der freien Welt ermöglicht haben. Sie haben ihre Feinde gefangen, auf Sklavenmärkten angeboten und von weißen Sklavenhändlern außer Landes bringen lassen. Cudjo macht vor der Anklage gegen sein eigenes Volk nicht Halt. Er berichtet vom „Barracoon„, der Baracke, in der die Versklavten warten mussten, bis sie eingeschifft wurden. Hier geht auch für ihn die Reise los. Ohne Rückfahrtschein. Er wird Afrika nicht wiedersehen. Er landet auf einer Plantage, versucht das Beste aus seiner Situation zu machen, gründet in der Gefangenschaft eine Familie und lebt unter dem ständigen Vorbehalt der Willkür der weißen Besitzer. Es ist der Schmerz, den man fühlt, wenn er am Ende der eigenen Geschichte mit leeren Händen dasteht und nur Verluste beklagen kann.

Diesen Text kann man kaum noch vergessen. Er relativiert jede Sicht vom Anspruch heutiger Rassisten auf eine führende Rolle gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft. Freiheit ist ein relatives Gut. Es muss erkämpft und verteidigt werden. Hier ist die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten noch heute weitgehend auf sich gestellt. Die Initiative Black Lives Matter beweist das eindringlich. Als hätten wir nichts gelernt, sind wir immer noch bereit, andere Menschen in Schubladen zu stecken, dem Alltagsrassismus Raum zu geben und Minderwertigkeit zur Tradition zu erheben. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird es leichter sein, seine Haltung zu überdenken. Ein wahrhaftiger Zeitzeuge hat ein Schweigen gebrochen, das er nie verursacht hat.

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Warum ich das betone? Seit seiner Entstehung bis jetzt lag das Buch im Giftschrank. Der Autorin warf man eine falsche Vorgehensweise vor, beschuldigte sie des Plagiats, schaffte es immer wieder, die Veröffentlichung zu verhindern. Später passte der Inhalt nicht mehr zu einem Amerika der Rassentrennung. Man ließ die Finger davon, um sie sich nicht zu verbrennen. Dass „Barracoon“ gerade jetzt erscheint und hohe Wellen schlägt, zeigt mir, dass jedes Buch seine Zeit hat. Cudjo Lewis würde sicher amüsiert sein, wenn er wüsste, welchem amerikanischen Präsidenten ein solches Werk gerade um die Ohren fliegt. Ta-Nehisi Coates und Cudjo Lewis haben eine neue Frontlinie aufgemacht. Es wird schwer, sie zu überschreiten.

Ein Kritikpunkt am Buch bleibt. Es wirkt mit seinen 220 Seiten recht umfangreich und ich war im Vorfeld sehr gespannt auf des Leben von Cudjo Lewis. Mir ist auch klar, dass ein solches Buch durch die gezielte Einleitung und Kommentierung in den Kontext unserer Zeit gestellt werden muss. Dass jedoch abzüglich von Vorwort, Einleitung und Glossar mit Danksagungen, Anmerkungen und Quellen gerade einmal 86 Seiten für die eigentliche Geschichte bleiben, fand ich persönlich zu unausgewogen. Man kann ja vorblättern, sollte allerdings nicht erwarten, dass Cudjo Lewis dieses Buch füllt. Ich bin der festen Überzeugung, dass seine Geschichte eine klaffende Lücke im Narrativ der Sklaverei schließt. Ein relevantes Buch. Sie wollen Cudjo sehen? Es sind seltene und absolut einzigartige Aufnahmen aus der Zeit, in der das Buch entstand:

Die Bibliothek zum Thema „Sklaverei“ auf AstroLibrium.

Eine lesenswerte Rezension findet ihr bei Jana im „Wissenstagebuch„…

Sklaverei - Astrolibrium

Sklaverei -Die Bibliothek bei AstroLibrium

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates - Astrolibrium

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

Ta-Nehisi Coates ist eine der wichtigsten Stimmen gegen Rassismus in den USA. Seine Essays sorgen für Aufsehen und mit dem Brief an seinen Sohn hat er nicht nur eine Diskussion losgetreten, sondern auch dafür gesorgt, dass man sich mit jeder Faser des eigenen Körpers vorstellen kann, was Rassismus mit seinen Opfern macht. Für Ta-Nehisi Coates sind die Auswirkungen körperlich zu spüren. „Zwischen mir und der Welt„ steht der alltägliche Rassismus wie eine unüberwindbare Mauer. Für ihn ist…

Rassismus Zeitraub…

„Der Zeitraub wird nicht in Lebensdauer gemessen,
sondern in Augenblicken. Er ist die letzte Flasche
Wein, die du entkorkt hast, aber keine Zeit hast zu
trinken. Er ist der Kuss, für den du keine Zeit findest,
bevor sie aus deinem Leben verschwindet.“

Kein Wunder also, dass der viel beachtete Aktivist in Sachen Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung in den USA neue literarische Wege beschreitet, um die Botschaft vom Ende der Sklaverei in die Herzen einer breiteren Leserschicht zu tragen. Es ist ein Roman, den Ta-Nehisi Coates schrieb. Ein fiktional angereicherter Stoff, der jedoch auf dem historisch gesicherten Narrativ einer Familie basiert, die zu den Opfern der Sklaverei zählte. Wenn er also nun einem Erzählraum die Tür in die Vergangenheit öffnet und ein Virginia zur Zeit der Sklaverei auferstehen lässt, dann weil er genau weiß, worüber er schreibt. Hier hat er die Möglichkeit diesem Zeitraub Namen zu geben, ihm Leben einzuhauchen und Menschen an jener Geschichte der Entrechteten teilhaben zu lassen, denen jede Vorstellungskraft von der individuellen Dimension der Sklaverei fehlt.

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates - Astrolibrium

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

Ta-Nehisi Coates erzählt in seinem Roman „Der Wassertänzer“ keine Geschichte in bekannten Stereotypen. Er singt hier nicht das Lied der Unterdrückung, beschreibt nichts, was wir nicht aus Dokumentationen oder Büchern zu diesem Thema wissen. Er verleiht den Menschen afroamerikanischer Abstammung eine Stimme, lässt ihre Mythen und Legenden aufleben, beschreibt den Missbrauch ganzer Generationen und gibt uns das Gefühl, dabei zu sein, wenn Familien getrennt werden, wenn Mütter ihre Kinder mit den Sklavenhaltern zeugen müssen, um sie dann doch zu verlieren. Bestrafungen und Vergewaltigung dominieren den Alltag auf den Plantagen und die degenerierte Schicht der Besitzer sieht den Untergang ihres Gewerbes nicht kommen. Abgewirtschaftet und ausgelaugt sind nicht nur die Sklaven. Auch die Felder selbst sind am Ende. Nur noch mit dem Weiterverkauf von Menschen kann die Zeit angehalten werden. Ein Kreislauf, der sich auf dem Rücken der Versklavten ins Fleisch bohrt.

Hier begegnen wir dem elternlosen jungen Sklaven Hiram Walker. Lockless ist die erzwungene Heimat des Jungen. Sein Vater? Der Besitzer der Plantage. Seine Mutter schon lange verkauft. Sein weißer Halbbruder, der legale Nachkomme des alten Herrn. Hiram ekennt die Ungerechtigkeit der Welt mit eigenen Augen. Vom gleichen Blut, und doch mit der falschen Hautfarbe bestraft, wird Hiram niemals aus der Knechtschaft der Herrenrasse entfliehen können. Die größte Strafe für ihn, als Diener seines Bruders im Herrenhaus der Tabakplantage zu arbeiten und dabei zu erkennen, dass er selbst mehr Talente besitzt, als sein dumpfer und egozentrischer Pseudo-Verwandter. Es sind die anderen Sklaven, die ihm Halt geben. Mutterersatz und Freundin werden. Es ist später die große Liebe seines Lebens, die ihn bindet. Wissend, dass sie ihm niemals gehören wird.

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates - Astrolibrium

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

Hier beginnt Hiram´s Freiheitskampf. Hier kommt Der Wassertänzer in ihm zum Vorschein. Hier spannt Ta-Nehisi Coates einen Handlungsbogen, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Hiram verfügt nicht nur über ein ausgezeichnetes Gedächtnis, er besitzt auch eine Gabe, die sich ihm erst nach und nach erschließt. Hier bringt Coates die Legenden und Mythen der eigentlichen Heimat der Sklaven ins Spiel. Hier müssen wir uns auf die Magie eines Kontinents einlassen, dem man diese Menschen entrissen hat. Hier wird es übersinnlich und mysteriös. Der inzwischen 19-jährige Sklave beginnt eine Gabe zu entwickeln, die ihn für den Underground, die im Geheimen operierende Organisation zur Befreiung der Sklaven, interesant werden lässt. Konduktion heißt das Zauberwort. Ist Hiram in der Lage, Menschen mit der Kraft seiner Gedanken zu retten?

Coates geht in seinem Roman nicht nur den Rahmenbedingungen und Folgen der Sklaverei auf die Spur. Seine Charakterzeichnung der Versklavten lässt Rückschlüsse darauf zu, warum sich auch Folge-Generationen nicht mehr vom Selbstbild des Sklaven befreien konnten. Minderwertigkeit wurde ihnen in die Wiege gelegt. Eine Befreiung hat hier psychologisch gesehen niemals stattgefunden. Alltagsrassismus in Gesellschaft und Beruf sind an die Stelle der Sklaverei des alten Virginia getreten. Wer Hiram auf seiner Reise folgt, wird beseelt sein vom Wunsch, das alte System abzuschaffen und Freunde in die Freiheit zu führen. Gleichzeitig verzweifeln wir mit Hiram am inneren Widerstand derer, die sich mit ihrem Schicksal schon lange abgefunden haben. Coates beleuchtet alle Facetten des verzweifelten Kampfes. Keine schwarz-weiß Zeichnung einer Epoche, die sich bis heute auf die amerikanische Gesellschaft auswirkt.

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates - Astrolibrium

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

Der Norden lockt. Die Befreiung scheint nah. Doch Hiram gerät immer mehr in den Strudel der Konflikte, die er selbst verursacht. Ist Familienzusammenführung immer das Allheilmittel für alle Verletzungen? Kann man eine versklavte Seele retten? Was heißt es frei zu sein? Welchen Opfergang muss man antreten, um das Trauma zu überwinden? Es sind starke Bilder, die Ta-Nehisi Coates einsetzt, um diese Fragen zu beantworten. Er investiert viel in diesen Roman und lässt keine Zweifel an der Authentizität zu. Er hat sich tief in die Geschichte seines Volkes hineingearbeitet. Er hat auch in diesem Buch nicht vergessen, die Menschen in den Vordergrund zu rücken, die frei von Vorurteilen gleich welcher Hautfarbe den eigentlichen Reichtum der Nation ausmachen. Er verleitet uns alle dazu, auf dem Wasser tanzen zu wollen. Alten Traditionen zu folgen und etwas zu wagen. Black Lives Matter. Diese Botschaft überstrahlt dieses Meisterwerk.

Ta-Nehisi Coates gelingt in der Originalausgabe noch viel mehr. Der Roman ist in weiten Teilen in Black American English, bzw. African American Vengular English geschrieben. Das signalisiert dem Leser nur eines: Hier spricht ein Schwarzer. Man kann literarisch nicht weiter gehen, als der eigenen Sprache einer Kultur diesen Raum zu geben. Man kann kaum weiter gehen, als diese Sprache literarisch zu erhöhen, weil sie eben nicht nur Slang oder Dialekt ist. Bernhard Robben hat in seinem bewegend formulierten Nachwort angemerkt, warum er diese Originalsprache nicht eingedeutscht hat. Es gibt keine Entsprechung, die nicht den Eindruck erwecken würde, hier spräche ein ungebildeter Mensch. Er hat eine Sprache mit ausgefeilter Grammatik nicht in eine Übersetzung überführt, die durch grammatikalische Unsauberkeiten einen Eindruck von Authentizität erzeugen müsste. Robben hat ein sprachliches Meisterwerk geschaffen, das in jeder Bezieheung eine ganz eigene Wirkung entfaltet, ohne sich dabei sklavisch an das Original zu halten. Dieser sprachliche Befreiungsakt verdient höchsten Respekt.

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates - Astrolibrium

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

Ich habe „Der Wassertänzer“ sowohl in der Blessing-Ausgabe gelesen, als mich auch in der Hörbuchfassung von Random House Audio hörend entführen lassen. Die ungekürzte Lesung nimmt mit insgesamt 17 Stunden viel Zeit in Anspruch. Zeit, die jedoch in dieser facettenreichen Geschichte sehr gut investiert ist. Sabin Tambrea hat der Erzählperspektive von Hiram Walker alles eingehaucht, was man zum Verständnis dieses jungen versklavten Menschen benötigt. Dabei hält ich der versierte Sprecher in seinem Vortrag, ebenso wie der Übersetzer des Romans, sehr zurück. Tambrea gelingt es, die reine Handlung, die Entwicklung der Charaktere und die Konflikte ins Zentrum des Lesens zu stellen. Nichts lenkt hier vom Pfad des Wassertänzers ab. Gerade hier kommt dieser Stil des Vorlesens besonders gut beim Hörer an und wird der Geschichte mehr als gerecht.

Man findet viele Bücher zum Thema „Sklaverei“ auf AstroLibrium. Gerade in Zeiten eines im Wachstum befindlichen Rassismus, ein literarisches und soziopolitisches Feld, dem ich mich intensiv widme. Zum weiteren Verständnis lege ich Ihnen auch gerne den Artikel „Warum ich kein Rassist bin“ ans Herz. Mein Erbe lässt keine andere Position zu. Wenn ich ein Referenzbuch zu „Der Wassertänzer“ benennen müsste, dann wäre dies „Barracoon“ von Zora Neale Hurston. Der Erlebnisbericht des letzten Sklaven, der aus Afrika in die Vereinigten Staaten verschleppt wurde, lag 90 Jahre im Giftschrank, bevor er auch in den USA veröffentlicht wurde. Was bei Coates fiktional ist, hat in der Geschichte von Cudjo Lewis die literarische Qualität eines Augenzeugenberichts. Die Wurzeln der Sklaverei reichen tiefer, als wir glauben und sie reichen weiter, als es uns lieb sein kann. Die Buchvorstellung zu „Barracoon“ (Penguin Verlag) ist on…

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates - Astrolibrium

Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates

„Lincoln im Bardo“ von George Saunders – Überweltliches Lesen

Lincoln im Bardo von George Saunders

Selten findet man heutzutage einen Roman, der nach allen Regeln der Kunst als innovativ bezeichnet werden kann. Sprachlich gelten die meisten literarischen Felder als längst abgegrast und strukturell vermag uns kaum noch etwas zu überraschen. Und wenn man dann doch fündig wird, erweist sich das Lesen als experimentell und schwer zugänglich. Das Neue wird selten. Maßstäbe sind längst gesetzt und Gewagtes erblickt das Licht der Bücherwelt nur noch in Ausnahmefällen. „Lincoln im Bardo“ von George Saunders (Luchterhand Verlag) ist eine solche Ausnahmeerscheinung, die sich in jeder Hinsicht von allem unterscheidet, was wir in gebundener Form vor unseren neugierigen Augen hatten… (Sie können diese Rezension auch hören. Hier geht´s zum PodCast)

Lincoln im Bardo – Die Rezension fürs Ohr

Wann wird ein (so gar nicht historischer) Roman über eine (mehr als historische) Gestalt geschrieben, der nicht nur inhaltlich ein neues Level erreicht, sondern auch in Bezug auf die verwendeten Erzählperspektiven alle gewohnten Grenzen sprengt? Wie schafft es ein US-amerikanischer Autor den mit Abstand legendärsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in den Fokus eines Romans zu stellen und dabei gar Leser zu erreichen, die sich nicht ansatzweise mit dessen Biografie auseinandergesetzt haben? Welchen Inhalt legt George Saunders seinem Buch zugrunde, um uns weltweit mit dem Phänomen Abraham Lincoln auf Augenhöhe zu bringen? Ganz einfach. Gehe unentdeckte Wege und finde neue Leser. Ein Motto, dem George Saunders beharrlich gefolgt sein muss.

Lincoln im Bardo von George Saunders

Worum geht´s? Was muss ich vorher wissen und wen spricht Lincoln im Bardo an? Fragen, denen ich mich hier widmen möchte, um die Berührungsängste zu einem Roman abzubauen, der für mich eine absolute literarische Sensation ist. Trauer könnte die Klammer heißen, die den gesamten Erzählraum dieses Buches zusammenhält. Der Tod seines elfjährigen Sohnes Willie trifft Abraham Lincoln zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Der Amerikanische Bürgerkrieg erlebt seine ersten brutalen Schlachten, der Kampf zur Befreiung der Sklaven hat gerade erst begonnen und der Präsident hat alles, nur kein Privatleben mehr. Keine Zeit zu trauern. Keine Chance zu verarbeiten. Er hat über die Zukunft einer Nation zu entscheiden. Und dann das. Ihm stirbt der jüngste und liebste Sohn unter den Händen weg.

Mehr über Abraham Lincoln zu wissen ist nicht schädlich, aber eben auch nicht erforderlich. Knietief kann ich in meiner kleinen Bibliothek in Büchern über ihn waten, Biografien und Romane, Schlachtenepen und Dokumentationen pflastern meinen Weg an seiner Seite. Und doch bleibt am Ende nur der verzweifelte Vater übrig, der mich in seinem Inneren waten lässt. Tiefer, als ich je zu ihm vordringen durfte. Saunders bringt jeden Leser dazu, Lincoln abstrahiert als Synonym für die Zerrissenheit zwischen einer Berufung und dem Privatleben zu verstehen. Den Rest übernimmt unser Herz. Ein Tag ist es, den sich Abraham Lincoln einräumt, um sich von Willie zu verabschieden. Einen einzigen Tag nimmt er Abstand vom Leben als Präsident. Ein Tag der ihn seinem Sohn näher bringt, als er es sich vorzustellen vermochte…

Lincoln im Bardo von George Saunders

Wie George Saunders über diesen Tag schreibt, ist außergewöhnlich. Wo er diese letzte Begegnung zwischen Vater und verstorbenem Sohn ansiedelt, ist in literarischer Hinsicht eine absolute Grenzerfahrung. Wir befinden uns im Bardo. Eine Zwischenwelt, in der Verstorbene verweilen, bevor sie endgültig vom Erdboden verschwinden und im Himmel oder der Hölle ankommen. Nennt es Fegefeuer, oder Wartezone für Geister. In „Lincoln im Bardo“ ist es der Friedhof, auf dem der junge Willie gerade erst beigesetzt wurde. Und wer könnte diese Geschichte nun besser erzählen, als die Geister, die dort verweilen? Wer könnte diese Geschichte besser ergänzen, als ein Mix aus erfundenen und realen Zeitzeugen, aus deren Briefen, Tagebüchern und Veröffentlichungen zitiert werden kann? Was kann uns der Realität näherbringen, als die Potenzierung subjektiv wahrgenommener Halbwahrheiten in Verbindung mit geisterhaften Perspektiven?

George Saunders gelingt ein erzählerisches Feuerwerk der hundert Stimmen. Wo die gesamte Geschichte authentisch werden muss, lässt er seine Zeitzeugen-Armada zu Wort kommen. Sie beschreiben aus der Sicht von Chronisten, Autoren, Dienern und ganz normalen Menschen von nebenan, wie sie diese Tage erlebt haben. Wie Lincoln auf sie wirkte, wie man die Beisetzung Willies empfunden hat und wie der Bürgerkrieg sich immer weiter in den Ängsten der Menschen festsetzt. Dieses schillernde Potpourri aus teilweise real existierenden Dokumenten erzeugt ein atmosphärisches Diorama, in dem das Ende des Jahres 1862 zum Greifen nah rückt. Hier erleben wir, wie Lincoln in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, was seinen Ruf ausmachte und wie sehr man an seinem Verlust Anteil nahm. Ein starkes Stück subjektive Geschichtsschreibung, die wir hier erleben. Zersplittert in kurze Zitierpassagen mit Quellenangaben, die ein Lesen in Hochgeschwindigkeit ermöglichen.

Lincoln im Bardo von George Saunders

Die zweite Seite des Perspektivmixes ist die staatstragend relevante Seite dieses Romans. Geister. Wartende. Sich der nächsten Nichtseins-Ebene Verweigernde, weil sie noch nicht mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Letzte Botschaften an die Erben, wichtige Informationen an die Nachwelt oder noch niemals Erlebtes halten diese Geister beharrlich im Bardo fest. Noch nie geliebt, noch nie begehrt, noch nie geküsst. Es sind die unerfüllten Hoffnungen, die den Friedhof unsichtbar übervölkern. Ein Bild, das sich tief im Leser verankert. Gefühle, die eigene Verluste denken lassen und Gedanken frei im Raum toben lassen, die man vor dem Lesen dieses Romans nicht zu denken bereit war. Hier entstehen Bindungen zu den Geisterwesen auf dem Friedhof. Ihr Hoffen wird zu unserem.

Und dann erscheint ein trauernder Vater auf dem Friedhof, der alle Grenzen des bisher Dagewesenen sprengt. Abraham Lincoln kann nicht loslassen. Er kann nicht nur besuchen. Er muss berühren, anfassen, im Schoß wiegen und erzählen. Nur, dass sich Willie schon nicht mehr in seinem Körper befindet und als Geist seinem trauernden Vater dabei zusehen muss, wie er ihn im Arm hält. Das spricht sich rum. Die Gerüchte von einem Menschen, der einen Toten zärtlich berührt grassieren auf dem Friedhof und locken all jene an, die sich von diesem Vater mehr versprechen. Vielleicht kann man ja ihn erreichen. Vielleicht kann man ihn dazu bewegen, das Unausgesprochene in seine Welt mitzunehmen. Vielleicht könnte Abraham Lincoln das Medium für all jene sein, die noch so viel zu sagen hätten. (Ich habe im PodCast eine solche Passage eingelesen)

Lincoln im Bardo von George Saunders

Auch hier bleibt Saunders seinem Stil treu. Stimmen kommen zu Wort, werden von wieder anderen Stimmen unterbrochen und es entsteht auch hier das Satzmosaik, dem der Leser mühelos folgt. Von Seite zu Seite vereinen sich die Stimmen zu individuellen Geschichten. Zu Leben voller Hoffnungen und Widersprüchen. Der Reverend, der hier ist, weil er sich vor der letzten Entscheidung fürchtet. Der Liebende, der verstarb, ohne die Liebe vollzogen zu haben und nun mit geisterhafter Dauererektion zurechtkommen muss. Und der heimlich Homosexuelle, der sich so oft selbst verleugnen musste, dass sein Gesicht im Zwischenreich zu viele Gesichter zeigt. Sie alle stehen Willie bei. Denn nichts kann hoffnungsvoller für alle Geister sein, gelänge es dem kleinen Jungen noch ein einziges Mal mit seinem Vater zu reden. Ihm zu verzeihen. Sich zu verabschieden. 

Wir erleben Großes in diesem Buch. Zutiefst Menschliches, Soziales, Politisches und Geschichtliches. Wir können nach dem Lesen von „Lincoln im Bardo“ keinen Friedhof betreten, ohne an die Geister zu denken, die uns dort hoffnungsvoll erwarten könnten. Spätestens, wenn wir realisieren, dass auch hier der Rassismus grassiert, spätestens, wenn wir die Geister der Afroamerikaner in Massengräbern sehen und allerspätestens, wenn auch sie sich erheben, um ihren Präsidenten zu beseelen und ihm von sich und der Sklaverei zu erzählen erkennen wir die grandios erzählte Relevanz dieses Romans. Den Rest sollten Sie selbst erlesen. Es ist ein Erzählen auf einem völlig neuen Niveau, es ist eine literarische Erfahrung, die man sich keinesfalls entgehen lassen darf und es ist ein Buch gewordener Befreiungsschlag für die versklavten Seelen von einst. Ja, ich habe Geister kennengelernt, denen ich gerne geholfen hätte. Habe mich heftig verliebt und zu hassen begonnen. Und ich habe gelernt, meine Welt ein klein wenig anders zu sehen.

Selten war Literatur so geistreich…

Lincoln im Bardo von George Saunders

Wie es sich liest, wenn George Saunders einen Fuchs schreiben lässt? Fuchs 8“ ist mehr als eine Fabel, mehr als eine ökologische Parabel. Es ist fuchsteufelswild…

Fuchs 8 von George Saunders - AstroLibrium

Fuchs 8 von George Saunders

„Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Lassen Sie sich mit mir auf einen Versuch ein? Ein kleines Rezensions-Experiment zu einem Roman, der mich so intensiv beschäftigte, dass ich einfach einen neuen Weg finden musste um meine Emotionen zu beschreiben. Ich kann das Buch nicht sachlich vorstellen, weil es eine Geschichte erzählt, die mich bis ins Mark getroffen hat. Ich mag mich diesem Roman in Briefen nähern. Ja, Briefe an eine Romanfigur und eine Zeitung. Wenn Sie diese Frau im Buch kennenlernen, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich ihr einfach schreiben musste. Wenn Sie die Zeitungsnachrichten im Buch lesen, wissen Sie, warum ich einen Leserbrief verfassen musste. Und ganz zuletzt lassen diese Briefe darauf schließen, was Sie im Roman erwartet. Besonders der letzte Brief aus der Feder einer Gehassten. Lassen Sie sich darauf ein? Es wäre mir ein Vergnügen.

(Sie können gerne weiterlesen oder diese Rezension auf Literatur Radio Bayern hören. Dieses Experiment einzulesen war eine besondere Herausforderung.)

Ein anderes Leben als dieses – Virginia Reeves – Die Radiorezension

Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves – DuMont Buchverlag – Eine andere Rezension als sonst… Fan-Fiction vielleicht. Ganz persönlich bestimmt!

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Kilby Prison, Staatsgefängnis
Montgomery, Alabama
April 1926

Sehr geehrte Mrs. Martin!

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich muss Ihnen nur dringend schreiben, weil ich sonst mit niemandem darüber reden kann, was mich beschäftigt. Ich bin hier ein Gefangener, wie Ihr Ehemann Roscoe T. Martin. Wir sitzen schon seit fast vier Jahren in einer Zelle und ich mag Roscoe wirklich gern. Er arbeitet hier in der Molkerei und mit den Hunden. Freitags hilft er in der Bibliothek aus, weshalb wir ihn hier einfach „Books“ nennen. Ich weiß von Roscoe, dass er Bücher nur deshalb liebt, weil Ihr Vater eine große Bibliothek hatte. Dass die Farm, die Sie von ihrem Vater geerbt haben nichts für Roscoe war, das müssen Sie von Anfang an gewusst haben.

Oh ja, er ist so gerne Elektriker. Er liebt den Strom und die Kraft, den Fluss der Energie und das Neue daran. Kein Wunder, dass alles mit Strom begann und er nur deshalb im Knast ist. Das ist ihm schon klar und er kommt immer noch nicht damit zurecht, dass er einen Menschen umgebracht hat, weil er die Stromleitung angezapft hat, um Ihre Farm zu versorgen. Ja, das macht ihm zu schaffen. Ich schreibe Ihnen aber aus einem ganz anderen Grund. Man behandelt ihn hier schlecht. Echt mies. Und er ist schwer verletzt. Ich weiß nicht, ob er wieder auf die Beine kommt. Und er redet so oft von Ihnen. Er hat sogar mal geträumt, dass Sie ihn hier besucht haben. Nur. Das stimmt nicht. Seit dem Prozess hat er nichts mehr von Ihnen gehört. Sie haben ihn niemals besucht und seine Briefe (es waren echt viele) haben Sie nie beantwortet.

Was sind Sie für eine Frau? Warum sind Sie nie da? Warum lassen Sie nicht zu, dass Gerald ihn besucht? Roscoe vermisst seinen Sohn genauso wie er Sie vermisst. Er hat das alles doch für Sie getan. Er wollte, dass es mit der Farm aufwärtsgeht. Das war der einzige Weg für ihn und irgendwann hätte sich das mit den Stromleitungen sicher ganz allein geklärt. Dass dieser Monteur ihm auf die Schliche kam, das konnte er doch nicht ahnen. Und dass der Typ bei der Kontrolle der Leitungen ums Leben kam. Das tut ihm unendlich leid.

Dass Sie ihn hängenlassen, das ist jedoch der Sargnagel für ihn. Warum sind Sie so zu ihm? Schreiben Sie Ihrem Mann. Nur einen Satz. Das kann ihm das Leben retten. Und wenn Sie noch ein Herz im Leib haben, schreiben Sie ihm, was mit Wilson passiert ist. Roscoe fühlt sich schuldig, weil man seinen Neger-Komplizen (so hat der Staatsanwalt ihn genannt) gleich mit verurteilt hat. Und Roscoe beteuert immer wieder, dass Wilson unschuldig ist und er Angst davor hat, dass man ihn in eine Kohlemine gesteckt hat. Er weiß, wie man hier mit schwarzen Sträflingen umgeht. Wissen Sie was von Wilson?

Bitte schreiben Sie. Nur ein einziges Mal. 20 Jahre Haft sind hart. Schweigen ist härter.

Ein Freund Roscoe`s…

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Leserbrief an die Redaktion
Birmingham News
zum Prozess
Alabama Power Company
gegen Roscoe T. Martin

Seit Tagen verfolge ich aufmerksam Ihre Berichterstattung zum Prozess gegen Roscoe T. Martin. Schon schaurig zu lesen, wie die Leiche des Monteurs ausgesehen hat. Den hat Roscoe auf dem Gewissen. Das steht fest. Und wenn auch nur ein Hauch Wahrheit an der Geschichte des Pflichtverteidigers wäre, dass Mr. Martin das alles für seine Frau getan hat, dann… bitte… wäre sie doch beim Prozess dabei gewesen. Aber keine Spur von Mrs. Martin oder ihrem Sohn. Nur gerecht also, dass man diesen Stromdieb wegen Totschlags zu zwanzig Jahren Haft verurteilt hat. Hoffe er kriegt keine Bewährung.

Warum haben Sie nicht von dem anderen Prozess gegen den Schwarzen berichtet? Er ist doch wohl auch verurteilt worden. Spielte doch sicher keine Rolle, dass er und seine Familie schon länger auf der Farm lebten, als die Martins und dass sie miteinander eng befreundet waren. Was sind das für Zeiten. Früher Sklaven, jetzt Hilfsarbeiter und Teil der Familie. Hoffe, dass dieser Wilson auch verknackt wurde. Und dann ab in die Mine.

Ein besorgter Bürger

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Mobile, Alabama
Offener Brief einer Gehassten
von Marie Martin

An alle, die alles besser wissen!

Ja, Sie wissen alle so gut Bescheid. Sie haben alles verstanden und klar, dass Sie mich hassen. Ich. Die Frau, die ihren Mann im Stich lässt, die nicht zum Prozess kommt, die ihn nicht besucht, die ihm nie schreibt und die sich nicht für ihn interessiert. Klar. Es ist so einfach, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt. So einfach, wenn man nur das sieht, was man sehen will. Niemand will sehen was mir die Menschen bedeuten, die Sie immer nur Hilfsarbeiter nennen. Wilson, seine Frau Moa und die Kinder sind für Sie nur Schwarze. Was sie für mich sind werden Sie wohl nie erfahren. Was das Leben hier im Süden mit den Menschen macht, ist Ihnen egal. Was Alabama den schwarzen Bürgern antut, ist egal.

Da ist es leichter, mich zu hassen. Es ist wirklich so leicht. Vielleicht wird einmal in 100 Jahren jemand meine/unsere Geschichte erzählen. Wenn Sie mich dann noch hassen, dann mag es so sein. Aber vielleicht werden Sie dann besser verstehen, warum ich so gehandelt habe, wie ich es tat. Es wird Sie umhauen, wenn Sie das irgendwann einmal lesen. Weil Sie das nicht gedacht hätten. Niemand hätte so gehandelt wie ich. Nicht im Jahr 1921. Nicht in Alabama. Und nicht Jahre später.

Denn glauben Sie mir, es ist „Ein anderes Leben als dieses“, was ich mir gewünscht hätte. Es ist „Ein anderes Leben als dieses“, wie Sie es heute kennen und es ist „Ein anderes Leben als dieses“, zu dem man einen gutmütigen schwarzen Mann verurteilt hatte. Ich würde mir wünschen, dass jemand eines Tages diese Geschichte erzählt. Ich würde sie lesen. Und dann würde ich mich für mich selbst hassen. Und ich würde wohl Roscoe T. Martin immer noch lieben. Egal was Sie von mir halten.

Ohne jegliche Hochachtung,
Marie Martin

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Ich hoffe, Sie mit dieser außergewöhnlichen Form einer Rezension auf das Buch Ein anderes Leben als dieses neugierig gemacht zu haben. Der amerikanische Süden der 1920er Jahre war der exklusivste Nährboden für Rassismus, der nach dem Ende der Sklaverei einfach nicht auszurotten war. Zahllose Bücher zu diesem wichtigen Thema begleiten mich durch mein Lesen. Und sie zeigen dabei, dass sich das Leben der afroamerikanischen Bürger in den Vereinigten Staaten nur unwesentlich verändert hat. Folgen Sie mir auf meinem Leseweg. Ein Thema, das wir niemals aus den Augen verlieren sollten. Hier geht´s zu erkennbaren RassisMustern die uns helfen können zu verstehen, wie man sich als Mensch niemals fühlen sollte… Ungleich…

RassisMuster in der Literatur

Ein Interview mit Virginia Reeves finden Sie hier, inklusive kleiner Überraschung.

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves – Interview und mehr…

„Von dieser Welt“ – James Baldwin sprengt alle Ketten

Von dieser Welt – James Baldwin

Hier erleben wir die unglaubliche Dynamik des Buchmarktes in Reinkultur. Schon auf der Frankfurter Buchmesse wird mir beim Presstermin bei dtv ein ungewöhnlicher Roman vorgestellt. Meine Entscheidung ihn zu lesen fällt schnell, geht es doch um eins der Schwerpunktthemen auf AstroLibrium. Den wohl unbesiegbaren Rassismus in den USA, die nie wirklich gesprengten Ketten nach der Abschaffung der Sklaverei am Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges und die lang anhaltenden und dramatischen Folgen dieser geistigen Fehlentwicklung für die Betroffenen und Verursacher. Viele Bücher zu diesem Thema habe ich bereits vorgestellt und dabei deutlich darauf hingewiesen, wie sehr die Wurzeln dieser über Generationen vererbten Diskriminierung auch heute eine ganze Gesellschaft im Griff haben.

Von dieser Welt“ von James Baldwin wurde groß angekündigt und im Umfeld der Veröffentlichung spürt man ein betriebsames und gespanntes Vibrieren in der Branche. Erste Druckfahnen werden versandt, eine aufwendig gestaltete SocialWall entsteht, der Hashtag #tappingintobaldwin macht die Runde, die Produktion des Hörbuches nimmt Fahrt auf und alle Weichen sind gestellt, das Werk pünktlich zur Leipziger Buchmesse in den Handel zu bringen. Und dann das: Eine flotte Pressemitteilung und die Hektik hinter den Kulissen wird spürbar. Erscheinungstermin vorgezogen. Zwei Wochen früher als eigentlich geplant wird Baldwins „Von dieser Welt“ schon am 28. Februar das Licht der Bücherwelt erblicken. Was war passiert?

Von dieser Welt – James Baldwin – Die SocialWall

Ganz einfach. Der größte Buchmarkt-Motor hatte sein Getriebe geölt und diesen Roman auf die Liste gesetzt. Die Rede ist hier vom „Literarischen Quartett„. Schon in der Sendung vom 2. März wird man über die Neuerscheinung diskutieren und es wäre ein Debakel, die Steilvorlage des Kritikerquartetts ungenutzt zu lassen, indem das Buch (wie immer es auch dort besprochen wird) als noch nicht lieferbar deklariert würde. Es ist kein Geheimnis, was schon am Tag nach der Ausstrahlung im Buchhandel passieren wird. „Ich hätte gerne das Buch, das gestern im Fernsehen vorgestellt wurde. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber es war blau!“ Buchhändler wissen wovon ich rede.

Aber womit haben wir es hier eigentlich zu tun? Ist „Von dieser Welt“ gar nicht von dieser Welt und eine echte literarische Sensation? Hat dieser Roman das Potenzial, die Bestsellerlisten quasi im Alleingang zu erobern? Wird er schon im Ausland bejubelt und eilen ihm Vorschusslorbeeren voraus, die den Erfolg in Deutschland garantieren? Nein. Weit gefehlt. Wir haben es im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Klassiker zu tun, mit der Neuentdeckung des 1987 verstorbenen Autors und einem besonderen Wagnis aus Sicht des Verlages. James Baldwin ist kein unbeschriebenes Blatt, dieses Buch ist kein unbesungenes Meisterwerk und doch ist die Zeit reif, den Debütroman des Autors aus dem Jahr 1953 in der neuen Übersetzung von Miriam Mandelkow auf die Welt zu bringen.

Von dieser Welt – James Baldwin

Und schon wird es auch für den geneigten Kritiker, Quartettspieler und auch uns Rezensenten ein wenig tricky. Kommt es hier überhaupt noch auf unser Urteil an und können wir uns überhaupt Kritik an einem der hochgelobtesten Bücher über Rassismus und Ausgrenzung, Selbstfindung innerhalb der schwarzen Hautfarbendiaspora und dem kompensatorischen religiösen Ablenkungsautomatismus afroamerikanischer Bürger der letzten 70 Jahre erlauben? Was bleibt uns noch zu einem Roman zu sagen, den selbst das Time Magazine auf der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 führt? Steht es uns dann noch zu, einen schwarzen Schriftsteller postmortem kritisieren zu wollen? Einen literarischen Aktivisten der Gleichberechtigung, die leuchtende Fackel im Kampf gegen die Unterdrückung und zu Lebzeiten den einzigen schwarzen Künstler, der es aufs Cover des Time Magazine geschafft hatte? Ich sagte ja, es wird sehr tricky, denn das einzige Manko unseres Lesens ist, dass wir ihn hierzulande schon vergessen oder sowieso bisher nie richtig wahrgenommen haben.

Wo sehe ich meine Rolle, wenn ich Von dieser Welt vorstelle? Ganz einfach. Ich möchte beschreiben, warum man James Baldwin heute lesen MUSS. Ich mag erzählen, wie ich dieses Buch gelesen und empfunden habe und dabei hervorheben, was es von den Büchern unterscheidet, die für mich Maßstab eines freien vorurteilsfreien Denkens sind und neue Gedanken festhalten die ich exklusiv diesem Roman zu verdanken habe. Und schon wird verständlich, warum „Von dieser Welt“ nichts von der Brisanz verloren hat, die diesen Roman schon im Erscheinungsjahr 1953 ausgezeichnet hat. Erstmals in der Literaturgeschichte schrieb ein schwarzer Autor nicht über Rassismus. Zum ersten Mal gelang es einem afroamerikanischen Schriftsteller, sich von Erzähltraditionen einer Welt zu lösen, die niemals seine Welt werden sollte. Erstmals fand James Baldwin eine ganz eigene Stimme und erstmals verlieh er dieser Stimme und den bisher ungehörten Gehör, weil er nicht über Rassismus schrieb. Er schrieb Von dieser Welt, wie sie sich für ihn anfühlte. Eine Welt, in der niemand gerne leben würde. 

Von dieser Welt – James Baldwin

James Baldwin entführt uns ins Harlem der 30er Jahre und erzählt die Geschichte eines einzigen Tages. Er erzählt vom 14. Geburtstag von John Grimes. Ein schwarzer Junge auf der Suche nach seinem Weg ins Leben, orientierungslos und von eigenen Vater täglich mit der Geißel der Religion und der eigenen Wertlosigkeit konfrontiert. Nur die Kirche und die Hinwendung zu Gott können ein Ausweg aus dem tristen Leben sein. Nur in der bedingungslosen Hin- und Aufgabe läge seine Zukunft. Diese Lehre wird ihm täglich brutal eingetrichtert. Einzig sein wacher Verstand, die Hassliebe gegenüber dem Vater und der unbedingte Wille, selbst über sein Leben zu entscheiden, veranlassen ihn sich aufzulehnen und den Blick auf die wahre Welt zu richten. Eine Welt, die ihm fremd und feindlich gegenüber steht. Die Welt der Weißen in New York. Eine Welt, in der kein Platz für einen Schwarzen war, ist und sein wird.

An der Seite von John Grimes erleben wir diesen einen Tag in voller Wucht. Wir werden zu Zeugen seines Blicks auf das New York der Weißen und erleben, wie man seinen geschundenen Bruder nach Hause bringt. Wir fühlen mit, wenn John Sehnsucht nach Liebe empfindet und spüren seine Hilflosigkeit angesichts der Verblendung seines Vaters, der in der übersteigerten Religiosität der Welt der Weißen zu entfliehen sucht. Diese Ersatzwelt in der Kirche stattet seinen Vater mit der Macht aus, die er im wahren Leben niemals finden würde und so versinkt seine schwarze Gemeinde im Sumpf einer fast wahnhaften Erweckungspsychose. Und doch ist es die Hinwendung zu Gott, die es John ermöglicht, sich vor der Kirche, dem Harlemer Slum und seiner eigenen Familie in Sicherheit zu bringen. Hier liest sich der Roman wie ein ekstatischer Gospel, der in die Seele reicht und von Hoffnung und Rettung kündet. Ein rhythmischer Gospel, der jedoch nur in der Lage ist, die Ketten der Versklavung enger um die Herzen der Schwarzen zu ziehen. Eine bedrohliche Melodie. Weltfremd und voller Selbstbetrug.

Von dieser Welt – James Baldwin

Wie eine Messe liest sich dieser Roman, wie ein Choral besingt er drei Gebete. Es sind die Gebete von Johns Vater, das seiner Tante und zuletzt das aufrichtige Gebet der eigenen Mutter. Sie öffnen ihre Seelen, nichts bleibt verborgen, keine Wunde verheilt im Gospel dreier Leben. Es sind Gebete von Machtlosigkeit, Macht, Treue und Untreue. Es sind Gebete, die nur entstehen können, weil Rassismus das schwarze Leben dominiert. Die brutale Beiläufigkeit, mit der die Fremdbestimmung durch Weiße erzählt wird, wird in jeder Zeile spürbarer. Baldwin schreibt nicht über diesen Hass. Er beschreibt ihn als Teil des Lebens, vor dem man nicht fliehen kann. Rassismus ist „Von dieser Welt“ und John Grimes versucht ihm an diesem 14. Geburtstag zu entrinnen, indem er seine Welt hinter sich lassen muss. Hart und brutal. Erniedrigend und erhellend. Unvergesslich.

Von dieser Welt liest sich wie ein Initiationsritual, weil wir am eigenen Leib spüren was es bedeutet, nur als minderwertige Menschen gesehen zu werden. Das Buch ist so beklemmend, weil James Baldwin sich von allen Zwängen befreit, die eigenen Ketten sprengt und uns mit einer Sprache konfrontiert, die uns sprachlos macht. Er selbst zog sich in ein Schweizer Dorf zurück, hörte Gospels von Bessie Smith und versuchte sich in seiner eigenen Sprache zu definieren. Im blühenden Alltagsrassismus des „Negers mit der Schreibmaschine“ gelang ihm der autobiografische Befreiungsschlag mit dem Sound, den man vorher nie vernahm. Miriam Mandelkow ist das Kunststück gelungen, den ursprünglichen Rhythmus und die Melodie dieser Erzählung in eine Übersetzung einfließen zu lassen, die dem Werk Baldwins mehr als gerecht wird.

Von dieser Welt – James Baldwin

Nun mag die moderne Welt über dieses Buch urteilen wie sie mag. Seine Relevanz für unsere Zeit ist unbestritten. Ta-Nehisi Coates hat das auf den Punkt gebracht. Sein Buch „Zwischen mir und der Welt“ nimmt den Ball auf, den James Baldwin ihm schon 1953 zugespielt hat und zeigt im offenen Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn, dass die Welt, in der er heute lebt sich nicht wesentlich von der Welt unterscheidet, die Baldwin beschrieb. Beide Bücher sind nur durch die Zeit voneinander getrennt. Baldwin ist wichtig für das Verständnis der heutigen „Black Lives Matter„-Bewegung. Schade, dass „Von dieser Welt“ genau von jenen Menschen nicht gelesen wird, die diese Welt zu ihrer machen und sie für andere verschließen.

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Das Hörbuch zum Roman erscheint am 29.3. bei Der Audio Verlag. Wanja Mues wird diesem bedeutenden Werk seine Stimme verleihen. Ich habe es gehört und mich bei Literatur Radio Bayern geäußert [1]. Folgen Sie mir bitte in einige Bücher, die für mich unverzichtbar sind, wenn es um das Verständnis dafür geht, wie es sich anfühlen muss, in einer Welt zu leben, die ihre Tore für alle Zeiten verschlossen hat. Rassismus lautet der Tag, der Sie zu meiner weltoffenen Bibliothek dieser Bücher bringt. Und wenn Sie sich jetzt noch dafür interessieren, wer meine Weichen in eine Welt ohne jegliche Vorurteile gestellt hat, dem lege ich den Artikel Warum ich kein Rassist bin ans Herz.

Gegen Rassismus und Ausgrenzung – Ein Schwerpunkt bei AstroLibrium

[1] Premiere bei Literatur Radio Bayern. Ab 28. März kann man in meinem PodCast zum Hörbuch eine von zwei Ausgaben der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag gewinnen. Zuhören und die Antwort an astrolibrium-aktion@web.de schicken. Der Einsendeschluss ist Montag, der 2. April.

Nachdem ich euch gezeigt habe, dass Baldwin nicht „Von dieser Welt“ ist, singe ich nun seinen „Beale Street Blues“… Hier geht´s lang… 

James Baldwin – Es geht weiter

Baldwin entfacht die Feuersbrunst: Nach der Flut das Feuer. Ein Standardwerk.

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