„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Ich möchte gerne sofort zur Sache kommen. Ich mag nicht in epischer Breite darauf hinweisen wie intensiv ich mich lesend, denkend, fühlend und handelnd mit Rassismus in der Literatur und im wahren Leben auseinandersetze. Wer meinen Spuren folgt, wird die tiefen Eindrücke erkennen, die ich in Büchern zu diesem Thema hinterlassen habe. Als mir nun der Roman „Mudbound. Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan angeboten wurde, hat mich schon der Originaltitel der US-Ausgabe neugierig gemacht. Den tränenreichen und für mich überflüssigen Zusatz habe ich gleich vernachlässigt, da er dem Buch auch in der Rückschau nach dem Lesen nicht gerecht wird. Sprechen wir lieber von „Mudbound“.

Zeitgleich zur Ausstrahlung der Verfilmung des Romans bei Netflix begann mein Lesen. Ob ich mir die cineastische Adaption anschauen würde, war zu diesem frühen Zeitpunkt meiner Auseinandersetzung mit diesem Roman noch völlig offen. Primär war ich auf den Plot gespannt, da die Inhaltsangabe vermuten ließ, mehr als nur eine Story voller Klischees vorzufinden. Darüber hinaus schloss „Mudbound“ eine Lücke, die seit Mein Name ist nicht Freitag, Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter bis zu Ta-Nehesi Coates offenem Brief an seinen Sohn „Zwischen mir und der Welt“ klafft. Ein Zeitfenster zwischen der Abschaffung der Sklaverei und den ersten Bürgerrechtsbewegungen unter Martin Luther King. Wir befinden uns im Jahr 1946 und schauen uns den amerikanischen Süden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an.

„Mudbound“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Es ist die Geschichte zweier Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist die Geschichte der offenen Rassentrennung und der nie verheilten Wunden, die durch die Abschaffung der Sklaverei geschlagen wurden. Es ist die Zeit klarer Hierarchien im Mississippi-Delta. Vereint sind beide Familien in der Verwurzelung mit dem Land. Was sie trennt sind die Besitzverhältnisse. Henry und Laura McAllen besitzen das Land auf dem Baumwolle angepflanzt wird. Sie haben das Sagen und beschäftigen Pächter, die ohne eigenen Grund und Boden für die McAllens arbeiten. Hap und Florence Jackson träumen ihren eigenen kleinen Traum, zukünftig unabhängig zu sein und selbst einmal ein Stückchen Land besitzen zu können. Für Afroamerikaner ein unmöglicher Traum…

Hillary Jordan verbindet die Geschichten der beiden Familien zu einem Sittenbild des amerikanischen Südens. Sie beschreibt Hoffnungen, Sehnsüchte und Grenzen. Sie lässt uns die Zerrissenheit hinter den Fassaden erlesen und zeigt alles, was hinter den Kulissen verborgen sein sollte. Laura McAllen hat sich dieses Leben ganz anders vorgestellt. Sie sollte in der Stadt wohnen. Behütet mit ihren Töchtern. Henry sollte nur zur Feldarbeit auf der Farm sein. Als alle von ihm vorgegebenen Pläne scheitern bleibt der Familie nur die heruntergekommene Farm zum Leben. Es bleibt der Matsch. Es ist einsam, abgelegen und unwürdig, so zu leben. Und es bleibt ihr, sich damit abzufinden, dass Henrys rassistischer Vater bei ihnen lebt und ihnen dieses Leben zur Hölle macht.

„Wenn ich an die Farm denke, denke ich an Schlamm… Man kam nicht gegen ihn an. Der Schlamm bedeckte alles. Ich träumte in Braun.“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Für Florence Jackson hingegen ist das Land die Erfüllung ihres Traumes. Zukunft und Sicherheit sind eng mit der Existenz als Pächter verbunden. Und vielleicht kann die kleine Familie sich mehr aufbauen. Ein Unfall von Hap verschärft die Abhängigkeit  bis ins Unerträgliche hinein. Zwei Familien, ein Land, zwei starke Frauen, in deren Inneren gleich mehrere Kriege toben, prägen dem atemberaubend geschriebenen Roman ihren Stempel auf. Laura beginnt an ihrer Zuneigung zu Henry zu zweifeln, entwickelt immer mehr Abneigung gegen den Schwiegervater und träumt im Geheimen von einer Liebe, die alle Grenzen sprengen würde. Jamie, der Bruder ihres Mannes, ist Verheißung und Sehnsuchtsanker zugleich, weil er sie als Frau, nicht als Besitz, behandelt. Doch Jamie war als Kampfpilot im Krieg und von ihm fehlt jede Spur.

Florence hebt sich vom Frauen- und Rollenbild afroamerikanischer Klischees ab. Sie entspricht nicht der Vorstellung von der duldsamen Mommy, die sich mit allem nur abzufinden hat. Ihre Würde, ihr Stolz und ihre innere Auflehnung gegen den Rassismus machen aus ihr eine unglaublich starke Persönlichkeit. Einzig ihren Sohn Ronsel sehnt sie herbei. Von ihm verspricht sie sich die Rettung aus der Abhängigkeit. Er verkörpert alles, was ihrem Mann fehlt. Er ist das stolze Ebenbild seiner Mutter und er ist mehr als sie jemals erhofft hätte. Ronsel war im Zweiten Weltkrieg Kommandant eines Panzers, Sergeant und ausgezeichneter Held. Gegen alle Widerstände hat er in Europa gezeigt, was es heißt, für sein Land zu kämpfen.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Mudbound, das Matschloch, ist der Dreh- und Angelpunkt eines Romans, in dem alles zu versinken droht. Die Spirale droht, alles mitzureißen, bis Jamie und Ronsel nach Hause kommen. Sie vereint, was alle Konventionen überwindet. Der gemeinsam geführte Krieg auf den Schlachtfeldern Europas. Sie freunden sich an. Sie haben nicht mehr nötig, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ronsel erlebt am eigenen Leib, was es bedeutet, als dunkelhäutiger Sergeant in die rassistische Heimat zurückzukommen. Es sind nur die Rückbänke im Bus, die ihm vorbehalten sind. Die Hintereingänge im Haus der weißen Geschäftsleute und das brave Akzeptieren der Diskriminierung. Mehr wird nicht von ihm erwartet. Mehr darf er sich nicht leisten. Und die Freundschaft zu einem Weißen ist eine Schande. Für beide zugleich.

Mit Jamie und Ronsel sprengt Hillary Jordan die Ketten dieses Romans. Hier wird die Geschichte völlig neu geschrieben und hier nimmt sie Fahrt auf. Eine Freundschaft, die es nicht geben darf, hat sich zu beweisen. Zwei Familien im Mahlstrom der Gefühle und Ereignisse drohen im Matsch des Mississippi-Deltas zu versinken. Hier ist es mehr als hart, der Geschichte zu folgen. Hier schreibt Hillary Jordan den Rassismus an die Wand, wie sie den Teufel nicht nur an die Wand malt. Hier werden Hass und Hautfarbe zur Zerreißprobe des Lesens. Florence und Laura werden zu den Augen eines Orkans, der Ronsel und Jamie zu zerstören droht. Nichts für zarte Gemüter. Nichts für jene, die sich nach Romantik sehnen. Nichts für Mainstream-Liebhaber. Was im Matsch beginnt, endet im Matsch und doch erhebt sich die Hoffnung in aller Sprachlosigkeit. Gepeinigt und stumm. Mehr sei hier nicht verraten. Literatur pur.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Kann man diesen Klischee-Killer verfilmen? Kann man die Tiefe der Story und die Charakterzeichnung auf die Leinwand bringen? Ich musste das wissen und schaute mir „Mudbound“ auf Netflix an. Ich musste das sehen. Ich musste nach dem Lesen mit allen Sinnen erspüren, was der Film aus diesem Buch gemacht hat. Die Kritiken waren jedenfalls hervorragend. Die Auszeichnungen und Nominierungen für die Schauspieler schienen eine deutliche Sprache zu sprechen. Mehr als empfehlenswert, grandios und Meisterwerk, war überall zu lesen. Doch kann man diese Komplexität verfilmen? Was musste verdichtet werden und wo stößt das Medium Film an seine Grenzen? Oder war es andererseits vielleicht so, dass die Verfilmung mehr ist als eine übliche Adaption mit vielen inhaltlichen Mängeln?

Sehenswert. Das unterschreibe ich. Angemessen und beachtlich. Der Film wird in jeder Hinsicht dem Buch gerecht. Seine Schwächen liegen in den Aspekten, die kaum verfilmbar sind. Lauras innere Zerrissenheit, die Ängste, Zweifel und Gefühle wirken im Roman direkter auf den Leser ein, weil sie selbst zur Sprache kommt. Die Innenansicht ist dynamisch und intensiv. Im Film betrachten wir sie von außen. Die Enge, in der sie sich mit ihrem Schwiegervater zu arrangieren hat ist im Film spürbar. Im Roman ist sie sprachlich mit so starken Worten beschrieben, dass sie real zu schmerzen beginnt. Im Film finden sich viele originale Dialoge aus dem Buch. Untermalt durch brillante Musik erlangen die Worte auch hier eine besondere Wirkung. Und doch war mir Laura näher, als ich ihr lesend begegnete.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Die Stärken des Films liegen in seinen technischen Möglichkeiten. Hier brilliert er auf allen Ebenen. Was im Buch durch Kapitel getrennt, zeitlich aber auf einer Ebene zu verstehen ist, wird in der Filmfassung durch grandiose Schnitttechnik zu parallelen und zeitglich laufenden Ereignissen, die hierdurch in ihrer Wirkung extrem verstärkt werden. Stürze vollziehen sich nicht durch Kapitel voneinander getrennt, sondern simultan. Ein Sturz von einem Dach geht einher mit dem steten Sinkflug eines Kampfflugzeugs und dem Sprung aus einem Panzer. Dieses Abwärtstrudeln fängt der Film in einer Sequenz ein, die unvergessen bleibt. In jeder einzelnen Rolle brillant besetzt, überzeugt der Film rein schauspielerisch in herausragender Art und Weise. Eine perfekte Besetzung.

Rundum eine gelungene Adaption und damit für mich eine der sehenswertesten Literaturverfilmungen meines Lebens. Und doch empfehle ich beides, weil Film und Buch sich in vielerlei Beziehung komplementär ergänzen. Ich verstehe den Film besser, weil ich gelesen habe. Ich verliebe mich erneut ins Buch, wenn den Film sehe. Sie sind als Symbiose zu verstehen und sollten nicht voneinander getrennt werden. Ein solches Gefühl habe ich selten am Ende von Buch und Film. Besonders dann, wenn sie sich in ihrem Ende, mit der letzten Klappe und im letzten Kapitel in einer wesentlichen Nuance unterscheiden.

Nein. Ich bin kein Freund von alternativen Endpunkten. Der Roman endet in vielen Perspektiven so komplex, wie er aufgebaut war. Facettenreich und voller Hintergründe. Mir war klar, dass dies im Film nur angerissen werden kann. Und doch endet das Buch mit einem Hoffnungsschimmer, den ich mir hoffnungsvoller gewünscht hätte. Ich liebe dieses Ende, weil es eben zum Roman passt, aber ich hatte so sehr auf etwas anderes gehofft. Im Film wurde mir dieses Ende mit einer letzten Szene geschenkt. Schaut den Film, lest das Buch und gönnt euch den literarisch cineastischen Luxus, vor dem Ende des Films das letzte Kapitel des Buchs ganz bewusst und laut zu lesen. Dann schaut euch das Ende des Films an. Ich weiß, welches Ende die Tränen fließen lässt. Ich weiß es so genau.

Das vermittelte Spannungsfeld eines dunkelhäutigen Soldaten im Einsatz für sein Land trotz aller Diskriminierung hat mich persönlich in meiner Haltung bestärkt. Die Grenzen kann man nur überschreiten, wenn man nicht alleine ist. Ich schrieb darüber und weiß immer noch sehr gut, warum ich kein Rassist bin. Auch das hat mit Hautfarbe zu tun.

„Mudbound“ von Hillary Jordan – Buch und Film

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„Heimkehren“ von Yaa Gyasi – Lesen und Hören

Heimkehren von Yaa Gyasi – AstroLibrium

Sklaverei bezeichnet den Zustand, in dem Menschen auf gesetzlicher Grundlage vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden. Trifft das zu? Ist diese Definition richtig, wenn wir die Geschichte der Versklavung menschlichen Lebens betrachten oder muss man sogar einen Schritt weiter gehen? Reicht die Macht der Sklavenhalter nicht sogar über das Leben der versklavten Person hinaus und damit sogar bis in die Generationen hinein, die eigentlich nicht mehr in Ketten liegen? Das ist eine Frage, die nur dort beantwortet werden kann, wo die Herkunft der meisten Sklaven zu finden ist. Dort, wo sich ganze Gesellschaften mit Arbeitskräften versorgt haben und die Sklaverei gleichzeitig zum legalen Wirtschaftsmodell erhoben. In Afrika.

Ist es möglich, frei zu sein, frei zu werden und die Freiheit zu behalten, wenn man allein durch die Hautfarbe und die leidvolle Vergangenheit das Stigma der Sklaverei mit sich trägt? Können Schwarze in einer Welt der Weißen darauf hoffen, anders gesehen zu werden als mit der Brille des Rassismus und wie geht man als Betroffener damit um, sich nie wieder von Ketten befreien zu können, die vor Generationen bereits gesprengt wurden? Ta-Nehesi Coates hat das in seinem offenen Brief an seinen Sohn unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ aus der Perspektive eines schwarzen Vaters im von Rassismus geprägten Amerika unserer Tage beschrieben. Flucht ist unmöglich. Frei ist man nie und allein die Hautfarbe definiert noch heute den gesellschaftlichen Status der Nachfahren von versklavten Generationen.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie hat sich dieses Menschheitsbild entwickelt? Wie haben die Betroffenen und die Generationen nach ihnen dies erlebt und gefühlt? Fragen, die nicht unbeantwortet und unerhört bleiben müssen, wenn man den neuen Stimmen aus Afrika folgt. Autoren, die jenen eine Stimme geben, die stimmlos miterleben mussten, wie sie entrechtet wurden. Stimmen, die artikulieren, dass die Generationen nach der Befreiung jene unsichtbaren Ketten der Sklaverei noch immer tragen, spüren und fühlen. Stimmen, denen wir heute zuhören sollten. Es sind lautstarke Stimmen, die aufrütteln und die Welt verändern oder zumindest ein wenig zurechtrücken können. Es sind Schriftstellerinnen, wie Yaa Gyasi, die uns mit Geschichten konfrontieren, die man einfach an sich heranlassen muss.

Heimkehren ist eine solche Geschichte. Das Debüt der 1989 in Ghana geborenen und im Süden der USA aufgewachsenen Schriftstellerin Yaa Gyasa gehört zu den wohl aufsehenerregendsten literarischen Auseinandersetzungen mit der Sklaverei und ihren Folgen. Der Roman ist in seiner gebundenen Fassung im DuMont Buchverlag und als Hörbuchproduktion bei Der Audio Verlag erschienen. Ich habe gehört und gelesen, bin in eine längst vergangene Welt eingetaucht und habe aus verschiedenen Perspektiven erleben dürfen, was es bedeutet versklavt zu sein und was es nicht bedeutet, befreit zu werden. Dieser Roman hat mich in Ketten gelegt und wird mich nicht mehr in ein Leben entlassen, das so ist, wie es vorher war.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie stellt sie dies an? Wie erreicht Yaa Gyasi ihre Leser? Was unterscheidet diese Geschichte von anderen Romanen über die Geschichte der Sklaverei? Vielleicht ist es gar keine Geschichte der Sklaverei, die hier erzählt wird. Vielleicht ist es viel eher eine Geschichte von Menschen, ihren individuellen Lebenswegen und der Vorbestimmung, die sie zeitlebens verfolgt. Es ist eine Geschichte zweier Familien, die 1764 in Ghana beginnt. Es ist die Geschichte der Schwestern Effia und Esi, die sich nie begegnen und deren Lebenswege unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Es sind die Geschichten ihrer Nachkommen, die ihre Brücken bis in unsere Zeit schlagen. 14 Perspektiven sind es, denen Yaa Gyasi ganz eigene Stimmen verleiht. Sieben Generationen dieses ganz besonderen Stammbaums zeugen davon, dass man sich niemals von den Wurzeln der eigenen Familie trennen kann. So sehr man dies auch versucht.

Diese mosaikartige Konstruktion macht diesen Roman so greifbar, da er keine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Es sind vierzehn einzelne Lebenswege, die sich uns erschließen und nur wir Leser wissen, was keiner der Protagonisten ahnt. Nur wir haben das Ganze im Blick. Wir sehen beide Äste des Stammbaums und erkennen die Wurzeln, Motive und Charaktere, die sich so sehr bedingen. Es sind diese Menschen und ihre Familien, denen wir begegnen. Die Nachfahren der Geschwister Effia und Esi und damit zugleich Erben zweier Lebenswege, denen fortan niemand mehr entrinnen kann. Effia, die als junges Mädchen mit einem englischen Offizier verheiratet wird und Esi, die zur gleichen Zeit versklavt wird. Zwei Wege, die das Leben ihrer Nachkommen bis in unsere Zeit definieren.

Heimkehren von Yaa Gyasi - AstroLibrium

Heimkehren von Yaa Gyasi

Es gibt also einen Familienzweig der freien Menschen, der sich schnell als fatal und ebenso wenig frei herausstellt, wie der Familienzweig, der in Sklaverei versinkt. Effia ist nur ein Spielzeug für den englischen Kolonial-Offizier. Seine schwarze Dirne, während er in England standesgemäß verheiratet ist. Damit reiht sich Effia in die Schlange jener Frauen ein, die den weißen Herren zu Diensten waren und deren illegale Kinder nur als Bastarde und Mischlinge zu sehen waren. Und doch meint es das Schicksal gut. Effias Sohn wird von seinem Vater anerkannt, nach England geschickt, ausgebildet und kehrt in seine Heimat Ghana zurück. Effias Sohn soll seinem Vater nachfolgen. Aus einem Kind Ghanas soll ein britischer Sklavenhändler werden.

Während Effia in der trügerischen Sicherheit einer Dirne lebt und dabei doch mehr Gefühle ins Spiel kommen, als je vermutet, liegt im Hafen ein Frachtschiff vor Anker, in dessen Rumpf sich Sklaven stapeln. Mitten unter ihnen, Esi, die Schwester Effias. Hier betreten wir mit Yaa Gyasi die abscheuliche und mehr als ekelhafte Welt des Handelns mit Menschen. Hier beginnt der Leidensweg von dem sich auch die Nachfahren Esis nie wieder befreien können. Hier macht die Autorin klar, was es bedeutet, in Sklaverei geboren zu werden und wie unmöglich es scheint, dieses Stigma abzulegen. Die Zeit heilt keine Wunden. Der amerikanische Bürgerkrieg nicht, John F. Kennedy nicht und keine noch so aufgeklärte Epoche danach. Hier entspricht der Roman in seinem Kern den Aussagen von Ta-Nehisi Coates. Freiheit schmeckt anders.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Folgen Sie Yaa Gyasi auf einen Streifzug durch sieben Generationen, erleiden Sie Ungerechtigkeiten ohne Beispiel, werden Sie zu Hoffnungsträgern einer Generation im Kampf gegen Vorurteile. Und erleben Sie, wie sich diese Lebenswege immer wieder zu kreuzen scheinen, ohne sich zu begegnen. Alles kehrt zurück zu seinen Wurzeln, alles folgt einer Bestimmung und afrikanische Legenden von Feuerfrauen erzählen nicht nur hohle Floskeln, sondern gehen tiefer. „Heimkehren“ ist ein außergewöhnliches Buch, das uns selbst verleitet, einen neugierigen Blick in unseren Stammbaum zu werfen. Wo hat alles angefangen, warum bin ich der, der ich bin und welchen Weg habe ich selbst gewählt? Fragen, die unabhängig von unserer Hautfarbe von unseren Vorfahren selbst beantwortet werden könnte. Schade, dass sie schweigen…

Ich habe „Heimkehren“ nicht nur gelesen, sondern hauptsächlich gehört. Hier ist eine Hörbuchproduktion gelungen, die genau diesem Buch die Krone aufsetzt. Es sind vierzehn prominente Sprecher und Sprecherinnen, denen es nicht nur gelingt, uns die Geschichte näherzubringen, sondern ihr eine solch tiefe Individualität zu verleihen, die sich ins Gedächtnis einbrennt. Hier werden es vierzehn Charaktere mit eigener Stimme und mit eigenen Gefühlen, die uns an die Hand nehmen und durch schöne, aber eben auch grausame Zeiten führen. Großes Kino für Herz und Verstand. Alle Sprecher legen alles in diese Charaktere. Allein jedoch Jule Böwe (die für mich immer Julia sein wird, die Tochter von „Augustus“ von John Williams) als Esi, das Frachtstück an Bord eines Sklavenschiffes begleiten zu können, gehört für mich zu den emotionalsten Momenten, die ein Hörbuch vermitteln kann. Und Stefan Kaminski morpht sich mit seiner Stimme erneut in mein Hirn. Ein Hörbuch, das Maßstäbe setzt, und ein Roman, der Grenzen in unserem Verstand zu überschreiten vermag. So sehr empfehlenswert.

Auch Anja ist in „Zwiebelchens Plauderecke“ inzwischen heimgekehrt. Lesen!

Heimkehren von Yaa Gyasi – Afrika und AstroLibrium

Afrika in der kleinen literarischen Sternwarte. Ein ganz eigener Lesekontinent.

[Bilderbuch] John F. Kennedy – Zeit zu handeln

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Happy birthday to you,
Happy birthday to you,
Happy birthday Mr. President,
Happy birthday to you…

So würde sie wohl immer noch singen, wären nicht sie selbst und das hier besungene Geburtstagskind schon längst Geschichte. Sie, das ist Marilyn Monroe, Stilikone ihrer Zeit, mehr als nur die Schauspielerin und mutmaßliche Geliebte eines der mächtigsten Männer der Welt. Er, das war John F. Kennedy. 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was wir heute noch von ihm wissen sind die Schlagzeilen einer Amtszeit, die nur 1036 Tage währte.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Fakten, die man nie vergisst:

  • Mit 43 Jahren jüngster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
  • Erster katholischer Präsident der USA,
  • Kubakrise – Schweinebucht – Invasion,
  • Bemannte Raumfahrt  – Wettrennen im All,
  • Geteiltes Deutschland – Berliner Mauer – Ich bin einer Berliner,
  • Rassenunruhen – Marsch auf Washington – Martin Luther King,
  • Dallas – Attentat – Jackie Kennedy – Witwe…

Und was bleibt ist eines der bedeutendsten Zitate, das einen Wandel in der Haltung der Bürger eines Landes gegenüber der Regierung einläutete und das auch heute noch nicht an Aktualität eingebüßt hat.

„Fragen Sie nicht, was Ihr Land für Sie tun kann –
fragen Sie was Sie für Ihr Land tun können.“

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Am 29. Mai 2017 jährt sich der Geburtstag von John F. Kennedy zum hundertsten Mal. Der Präsident, der im Alter von nur 46 Jahren erschossen wurde, hat viele offene Fragen zurückgelassen. Legenden ranken sich um seinen Lebensweg, die nie geklärte Frage ob der Attentäter alleine schoss und die zweifellos charismatische Ausstrahlung haben ihre Spuren bis in die heutige Zeit hinterlassen. Es sind Fakten und Daten, derer man sich heute erinnern kann. Es ist aber auch die Frage, was er noch hätte verändern können, wenn…

Aus dem Schulunterricht ist einer der wichtigsten Vorreiter in der Gleichstellung von schwarzen und weißen Bürgern eines Landes fast verdrängt. Was lernen wir heute noch? Welche Politiker des vergangenen Jahrhunderts sind wichtig und wie geht man mit ihrem Vermächtnis um? Bleiben nur Hollywood-Filme, Fotos, Zitate und einige Artikel auf Wikipedia? Reicht das aus, um verstehen zu können, wie lange es wirklich gedauert hat, die Lücke zwischen Abraham Lincoln und John F. Kennedy in Bezug auf die Rechtstellung schwarzer Amerikaner zu schließen? Wie kann man das Vergessen verhindern?

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Es ist ein Buch, das helfen kann. Es handelt sich hierbei nicht um eine Biografie im engeren Sinn. Es ist kein Sachbuch-Wälzer, der Altes im neuen Kleid präsentiert. Es ist ein Kinder- und Jugendbuch – ein Bilderbuch – das uns zum hundertsten Geburtstag von John F. Kennedy aus der Deckung lockt und die Schlaglichter im Leben eines der wohl einflussreichsten Menschen unserer Zeit visualisiert. Es ist ein Bilderbuch, das in der Lage ist, Lücken zu schließen. Nicht nur tiefe Wissenslücken, sondern auch die im Zusammenspiel zwischen Jung und Alt, zwischen Kindern und Eltern und oftmals auch zwischen den Menschen, die John F. Kennedy noch erlebt haben und denjenigen, für die er nur noch als Name existiert.

John F. Kennedy. Zeit zu handeln“ von Shana Corey und R. Gregory Christie, im NordSüd Verlag erschienen, ist für mich ein Musterbeispiel für den Versuch, Eltern und Kinder zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Themen der Zeitgeschichte zu bewegen, ohne die wir unsere Gegenwart kaum richtig einordnen können. Es ist dabei auch mehr als relevant für die jüngeren Leser, um im späteren Leben Romane besser verstehen zu können. Sich selbst eine Meinung zu bilden und mehr zu wissen, als man es manchmal von ihnen erwartet. Und wissen hat noch nie geschadet…

Lest dazu den Artikel über das Jugendbuch „Mein Name ist nicht Freitagund ihr versteht, was ich meine. Sklaverei ist keine geschichtlich überholte Zeiterscheinung und Romane zu diesem Thema sind auch heute noch brandaktuell. Selbst Erwachsene können die großen Romane von Harper Lee Wer die Nachtigall stört oder Gehe hin, stelle einen Wächternur einordnen, wenn sie um die Hintergründe wissen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Die Illustrationen von R. Gregory Christie strahlen in ihrer angedeuteten Abstraktion eine faszinierende Vitalität und Energie aus. Sie sehen auf den ersten Blick grob und in mancherlei Hinsicht unfertig aus, aber genau hier liegt ihre Stärke. Sie erschlagen den Betrachter nicht und geben Spielraum für die eigene Vorstellungskraft, sie verleiten zur eigenen Recherche und zur Suche nach den echten Fotos von einst. In Verbindung mit dem Text von Shana Corey entsteht so ein mehrdimensionales Bild, in dem Leser auch nach ihrer eigenen Haltung suchen können.

Jedenfalls sollte man sich diesem Bilderbuch der Geschichte gemeinsam nähern. Die im Text auftauchenden Begriffe Zivilcourage, Segregation und Plädoyer erklären sich jungen Lesern nicht von selbst. Und für die Jüngsten ist es interessant, wenn man ihnen den Unterschied zwischen einem Telegramm von einst und einer SMS von heute erklärt. So macht gemeinsames Lesen Spaß und vermittelt auch noch Wissen und eine nicht unwesentliche Portion Haltung, um die wir sonst so sehr ringen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Folgen wir doch dem Aufruf der Autorin, demzufolge „Geschichte ein Gespräch“ ist. Ohne unsere Stimme kommt dieser Dialog nicht zustande. Erwachsenen unter uns empfehle ich „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates. Ein Brief eines schwarzen Vaters an seinen 15-jährigen Sohn in den heutigen USA schließt die Lücke zwischen uns und John F. Kennedy. Unverzichtbar. Diesen Büchern sollte man Raum geben – sie verhindern, dass man seine innere Haltung verliert…

„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

[Ab hier können sie gerne weiterlesen oder bei Literatur Radio Bayern zuhören.]

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter – Mein RadioPodCast…

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick – Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Totgesagte lesen länger. So oder so ähnlich könnte man alle Versuche beschreiben, das Genre Western abzuschreiben. Dabei erfreut sich genau diese eigene Welt der Literatur einer ganz besonderen Beliebtheit, was sich am großen Erfolg neuer Romane deutlich ablesen lässt. Und nicht nur hier brilliert das Genre, auch im Kino kommen die Zuschauer kaum noch aus dem Sattel, wenn es darum geht, Filmen wie The Revenant, Django Unchained oder The Hateful Eight die Referenz zu erweisen. Ein Erfolg, der auch in der Literatur weite Kreise zieht.

John Williams hat mit „Butcher`s Crossing den Abgesang auf die Büffeljagd in unser Abenteuerherz gepflanzt und Joe R. Lansdale wusste mit Das Dickicht nicht nur seine Leser zu überzeugen. Auch hier steht die Verfilmung an und wird für Furore sorgen. Was macht den Western in unserer Zeit so beliebt? Ein Genre, das noch vor 30 Jahren in Groschenromanen und Endlos-Fortsetzungen aus seiner Hüfte schoss. Zane Grey hat hier sicherlich die tiefsten Spuren in der Prärie hinterlassen und auch Jack London hat seine Lagerfeuer im Leser entfacht. Und natürlich ist es die gute Western-Tradition eines Karl May, der dieses Genre in Deutschland salonfähig geschrieben hat.

Als Trivialliteratur werden Western oftmals bezeichnet. Zugänglich und einfach zu erfassen. Leicht verständlich, unterhaltend und schön. Wenig anspruchsvolle Literatur, die durch simple Konstruktion und eher eindimensionale Charakterzeichnung zu einem wilden Ritt durch den stereotypen Wilden Westen einlädt. Dabei haben die Helden in ihrer schwarz-weiß-Zeichnung oft etwas liebenswert Naives an sich und das Böse ist deutlich und weithin erkennbar. Man erwarte hier keine Überraschungen. Einfach soll es schon sein und im finalen Showdown bleiben am Ende weder die Augen trocken, noch Fragen offen. Das sind Western.. Yihaaaa….

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Und nicht zuletzt sind es die wahren Helden der Pionierzeit, die man schöner gar nicht hätte erfinden können. Legenden ihrer Zeit, die bis heute überdauert haben. Billly the Kid, Buffalo Bill, Wild Bill Hickock und Calamity Jane, Whyatt Earp und Doc Holiday. Wer kennt sie nicht und bei wem klingen nicht die Geschichten nach, die von ihnen erzählen? Unsere Jugend ist geprägt von diesen Charakteren und wie oft sind wir in der Vergangenheit schon nach Dodge City, Santa Fe oder nach Deadwood gereist. Von Besuchen auf der Bonderosa Ranch einmal ganz abgesehen.

Und nun ist es wieder soweit. Es zieht mich in den Wilden Westen und mein Pferd kann es schon gar nicht mehr erwarten, mit mir gemeinsam aufzubrechen. Die Sachen sind schnell gepackt. Man braucht nicht viel in diesen Tagen. Die Satteltaschen bieten gerade einmal Platz für ein paar Konserven, eine Decke und Munition. Und die werde ich noch brauchen, denn (um es mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen), hier wartet eine absolute Unterhaltungspatrone darauf, von mir abgefeuert zu werden. Auf nach Deadwood. Zurück in die Zeit kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale, erschienen im Tropen Verlag, ist mein gebundener Reiseführer und South Dakota heißt mein Ziel. Die Goldgräber haben weite Landstriche erobert und ihre tiefen Spuren hinterlassen. Kleine Städte sind aus dem Boden geschossen und die wildesten Gesellen versuchen hier ihr Glück zu machen, indem sie entweder Gold finden oder einen Kontrahenten in Grund und Boden schießen. Kein leichtes Leben also. Nicht für die harten Männer und schon gar nicht für das zarte Geschlecht, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die hier lebenden Frauen nicht besonders zart besaitet waren.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Joe R. Lansdale erfüllt mit seinem klassischen Western alle Kriterien, die seinen Roman zu einem besonderen Genuss für Freunde dieses Genres machen. Und doch übertrifft er die Erwartungen erneut deutlich, da seine Geschichte viel mehr beinhaltet, als man erwarten dürfte. Seine Romane entfalten ihre Dimension nicht nur beim Lesen, sondern beinhalten Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit, die gerade heute von Bedeutung sind. Nicht ohne Grund erzählt er uns die Geschichte von Deadwood Dick, einem der wenigen schwarzen Cowboys, die ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben.

Hinter dem legendären Spitznamen verbirgt sich Nat Love, ein ehemaliger Sklave, der nach seiner Befreiung einen einzigen, aber umso verhängnisvolleren Fehler begeht. Er schaut einer weißen Lady auf den Allerwertesten. Soweit, so gut. Wäre da nicht die Lady, die gar nicht damenhaft behauptet, allein durch den Blick eines Schwarzen quasi vergewaltigt worden zu sein und wäre nicht ihr rassistischer Ehemann, der dem jungen Schwarzen ewige Rache schwört. Hier nimmt die Handlung Fahrt auf, denn dem armen Kerl bleibt nur die Flucht.

Während sich der wütende Mob zuerst an seinem Vater vergreift und alles zerstört, was nicht niet- und nagelfest ist, ahnt der Junge schon, dass dieser rassistische Zorn ihn lebenslang begleiten wird. Also nichts wie weg. Seine Flucht führt ihn auf eine Farm und zu einem Menschen, der ihm in seinen letzten Lebensstunden alles beibringt, was man zum Überleben braucht. Eine schicksalhafte Begegnung. Ausgestattet mit Waffen, Pferden und guten Ratschlägen geht die wilde Flucht weiter und führt den Ex-Sklaven in die Stadt der Legenden vom leichten Reichtum. Deadwood.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Der Western-Liebhaber bekommt, was er erwartet. Indianer, die es gar nicht gerne sehen, dass man ihr Land ungestraft betritt. Wilde Gefechte der Kavallerie, der sich Nat Love für kurze Zeit anschließt, legendäre Westernhelden, die seinen Weg kreuzen und, wie sollte es anders sein, eine erste Liebe in unmöglichen Zeiten. Win Finn erobert das Herz des jungen Mannes, der sich in Deadwood einen bleibenden Namen gemacht hat.

Wer konnte schon von sich behaupten, einigen chinesischen Prostituierten und Wild Bill Hickock persönlich die Haut gerettet zu haben? Wer konnte es mit Calamity Jane aufnehmen und wem war es zu Lebzeiten vergönnt, in Deadwood zu einer legendären Figur zu werden? Nat Love hat dies geschafft und spätestens als sich ein Romanautor an seine Fersen heftet, wird sein Name im ganzen Land zur Legende.

Doch wäre dies kein Western, wenn die Vergangenheit ruhen würde. Dieser eine Blick auf den Hintern einer Weißen holt ihn auch in Deadwood ein. Allerdings nicht so, wie Nat es erwartet hatte. Wachsam hatte er immer damit gerechnet, dass ihn der Hass auch hier einholen würde. Ihm war immer klar, dass sein Leben keinen Cent wert wäre, wenn er hier als Schwarzer ins Visier eines weißen Rächers käme. Als Win Finn jedoch spurlos verschwindet, ahnt er, dass man ihn an seiner verwundbarsten Stelle treffen will.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Western sind nicht für ihre Happy Ends bekannt. Western enden oft tragisch, blutig und doch darf sich der strahlende Held darauf freuen, wenn auch verletzt an Leib und Seele, in den Sonnenuntergang zu reiten. Ob Joe R. Lansdale auch hier den dunklen Erwartungen gerecht wird, sollte man selbst erlesen. Für Spannung ist gesorgt, derbe Szenen und wilde Romantik gehen Hand in Hand mit den Schießereien, ohne die man einfach nicht leben kann. Deadwood ist hier der Maßstab der Dinge. Das durfte man in der gleichnamigen HBO-Serie bereits bewundern.

Und doch bleibt mehr hängen, als in anderen Western. Die Ausgangssituation eines Blickes auf einen weißen Damenhintern wiederholte sich einige Jahrzehnte später in Harper Lees Klassiker Wer die Nachtigall stört und zeigt, wie sehr der Rassenhass auch Jahre nach Abschaffung der Sklaverei noch im Land of the Free verankert war. Und so setzt sich die Geschichte fort. Ta-Nehisi Coates schrieb mit Zwischen mir und der Welt ein Buch, das sehr deutlich zeigt, welche Konsequenzen das Menschenbild von einst auf die heutige Zeit im modernen Amerika hat.

Deadwood Dick wäre auch heute noch unbewaffnet eine gute Zielscheibe. Seine Hautfarbe würde schon ausreichen. Der Blick auf einen weißen Hintern wäre hier eher zufälliges Beiwerk, um ihn in Lebensgefahr zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten dunkelhäutigen Männern sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Belegt wurde dies durch eine Studie, die in diesem Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Nat Love würde wohl auch noch heute „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ führen. Seine größten Gegner wären leichter zu erkennen, als damals im Wilden Westen. Sie trügen Uniform.

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Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale- Die Bücherkette

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