Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Oft war ich im vergangenen Jahr an Bord der Polarstern. Expeditionen in die Welt der Arktis haben mich ins Epizentrum des Klimawandels geführt und mir gezeigt, dass die Konsequenzen der weltweiten Klimaerwärmung dramatisch sind. Und doch fühlt es sich noch immer so an, als wäre das alles weit entfernt. Was kümmert es uns, wenn in der Polarregion das ewige Eis langsam zu schmelzen beginnt? Was kümmert es denn uns, wenn dort der Meeresspiegel zu steigen beginnt und ist es nicht beruhigend, sich die Menschen anzuhören, die den Klimawandel beharrlich leugnen? Es ist eine extrem trügerische Sicherheit, in der wir uns wiegen. Es ist unsere Ignoranz, die uns erlaubt, Menschen, die für den Klimaschutz eintreten, als Aktivisten zu bezeichnen. Es ist das eigene Versagen im Denken und Handeln, das uns einfach weitermachen lässt. Haben wir die Zeichen der Zeit nicht verstanden, oder wollen wir sie nicht verstehen? Fragen, die mich bewegen, seit ich die Polarstern verlassen habe.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Immerhin ist die Arktis doch weitgehend unbewohnt und wir haben doch sicher im Moment Wichtigeres zu tun, als uns auch noch um den Rest der Welt zu kümmern. Es gibt da doch auch gerade eine weltweite Pandemie, die uns beschäftigt. Aber auch die lässt sich trefflich leugnen. So sind wir. So ist der Mensch. Solange es uns nicht direkt betrifft, sind wir die großen Zweifler. Wehe aber, das Wasser steht uns selbst bis zum Hals. Dann rufen wir nach dem Staat und verlangen nach Hilfe. Ein bekanntes Muster, das gerade in diesen Tagen häufig zutage tritt. Was also hat die Arktis mit uns zu tun? Ich wollte der Polarregion den Rücken kehren und mich in der Welt umhören. Wo hat der Klimawandel schon begonnen, das Leben der Menschen zu beeinflussen? Haben wir uns deren Perspektive mal zu eigen gemacht und sind wir in der Lage uns in ihre Lage zu versetzen? Können wir den Versuch wagen, uns vorzustellen, wie wir denken würden, wenn wir selbst betroffen wären?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Folgt mir doch einfach mal nach Kiribati. Wohin bitte, werdet ihr fragen? Was hat jetzt ein „unbedeutender“ Inselstaat in Mikronesien inmitten des Pazifiks mit uns zu tun? Das ist ja noch weiter weg als der Nordpol. Mag sein. Aber hier, ungefähr genau in der Mitte zwischen Australien und Hawaii, treffen wir auf eine Bevölkerung, die bereits jetzt vom Klimawandel und der Erhöhung des Meeresspiegels unmittelbar betroffen ist. Hier leben, vereilt auf 32 Atolle mehr als 100 000 Menschen, denen das Wasser wahrhaftig bis zum Halse steht. Zeit, ein besonderes Buch zu Rate zu ziehen, um uns mal genau anzuschauen, was sich gerade dort ereignet und welche Kultur hier im Begriff ist, im tiefen Blau des Pazifiks zu versinken, „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ von Alice Piciocchi und Andrea Angeli, erschienen im Sieveking Verlag, ist viel mehr als ein Reiseführer in eine weitgehend unbekannte Welt. Dies ist ein illustrierter Abgesang auf ein Paradies, das den Anfang machen wird, wenn sich die Welt wie wir sie kennen für die nächsten Generationen dramatisch und irreversibel verändert.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Kiribatis Inselwelt machte in den vergangenen Jahren immer mehr Schlagzeilen. Die unmittelbare Bedrohung der einzelnen Inselgruppen durch steigende Wasserpegel veranlassten die Regierung dazu, ein 20 Quadratkilometer großes Stück Land auf den Fidschi-Inseln zu kaufen, um die Bewohner Kiribatis umzusiedeln. Als die Autoren des Buches davon hörten, beschlossen sie, das untergehende Inselparadies zu besuchen, um zu dokumentieren, welche Welt hier vom Untergang bedroht war. So entstand ein Reiseführer der besonderen Art. Liebevoll illustriert hält er dauerhaft fest, was bewahrt werden sollte. Man traf nicht auf verzweifelte Bewohner, die schon auf ihren gepackten Koffern saßen. Vielmehr begegneten die Autoren Menschen, die ihre Kultur zelebriert haben, wie sie es von ihren Urvätern und -müttern gelernt hatten. Sie gewährten ihnen einen tiefen Einblick in das Sozialgefüge, Riten und Bräuche, Religion, die Bedeutung ihrer Sprache, das besondere Frauenbild und die Perspektiven für die Zukunft.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieses bibliophile Meisterwerk zeigt eindringlich, was geschieht, wenn Menschen, die im Einklang mit der Natur aufgewachsen sind, von dieser Natur verlassen werden. Was geschieht, wenn Fischer ihre Balance zwischen Ebbe und Flut verlieren, und sich nun auch noch damit abfinden müssen, dass immer begehrlichere internationale Blicke auf die frei werdenden Fischfanggebiete gerichtet werden? Wie leben Schulkinder im Paradies, wenn sie im Unterricht erfahren, dass die Geschichte der Arche Noah bald für sie zum Greifen nah sein könnte? Was nimmt man mit? Was gibt man auf? Welche Traditionen sind verschiffbar und welches Lebensgefühl ist unmittelbar mit dem Grund und Boden verbunden, auf dem man noch lebt? Der Reisebericht ist facettenreich und tiefgründig. Durch die Einfachheit der Illustrationen ist er auch hervorragend geeignet, um ihn mit Kindern zu erforschen. Das Staunen gehört zum Programm, wenn man die Seiten durchforstet. Wie lebt man auf Kiribati? Wie lacht, tanzt, angelt, singt und leidet man dort? Und wie, Himmels Willen, soll man das alles in Umzugskartons packen?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieser Kultur- und Lebensalmanach ist ein Gesamtkunstwerk, das sich einer Welt verschrieben hat, die existenziell bedroht ist. Das Buch erzählt keine lineare Geschichte. Es ist kreisförmig um Themenbereiche angeordnet, die sich der Neugier der Leser von selbst erschließen. Ein umfangreiches Glossar, eine historische Zeitleiste und brillante Illustrationen runden das Leseerlebnis ab. „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ kann auch als Sinnbild einer einsetzenden Völkerwanderung verstanden werden. Wir treffen eines Tages auf Menschen, deren kollektives Gedächtnis sich auf einige Koffer verteilt. Wir sollten ihnen nicht ahnungslos begegnen. Der Untergang ihrer Welt hat viel damit zu tun, wie wir unsere Welt verstanden haben. Werden wir Teil ihrer Erinnerung und lesen wir uns in eine Kultur, die scheinbar verloren ist… Wären da nicht die Leute von Kiribati, die in ihrem Inneren bewahren, was zurückgelassen werden muss.

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Christo and Jeanne Claude. Paris! Das Buch zur Ausstellung

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ein Virus hat das Jahr 2020 auf den Kopf gestellt. Besonders die Kunstwelt hat die Folgen der globalen Pandemie zu spüren bekommen. Dabei sollte gerade dieses Jahr unter dem Stern großer Kunstprojekte stehen, die uns in Staunen versetzt hätten. Paris wäre einer der absoluten Hotspots der internationalen Kunstszene geworden und viele Kunstfreunde aus aller Welt wären wohl in die Weltstadt gepilgert, um dort mit eigenen Augen zu bewundern, was nur temporär zu sehen wäre, bevor es verschwindet und in die Geschichtsbücher Einzug hält. Eines dieser Projekte wäre die Verhüllung des Arc de Triomphe durch den legendären Aktionskünstler Christo gewesen. Für den Herbst war nicht nur dieses Aufsehen erregende Projekt geplant, auch eine Ausstellung sollte das Kunst-Highlight begleiten und schon im Frühjahr im Centre Pompidou die Pforten öffnen.

Alles kam anders. Corona legte Paris ebenso lahm, wie viele andere Großstädte. An den Beginn der umfangreichen Vorbereitungen für das Großprojekt war kaum noch zu denken. Die Eröffnung der Ausstellung wurde ebenso verschoben und als man der Meinung war, es könne nicht mehr schlimmer kommen, erschütterte die Nachricht vom Tod des Künstlers die Welt. Christo war am 31. Mai im Alter von 84 Jahren in seinem Atelier- und Wohnhaus im New Yorker Stadtviertel Tribeca verstorben. Er folgte seiner Ehefrau, Muse und genialen Partnerin Jeanne-Claude elf Jahre nachdem sie am 18. November 2009 im Alter von 74 Jahren an einem Hirnaneurysma verstorben war. Man kann es nicht anders sagen. Das Künstlerpaar hatte die Welt verändert. Sie hatten in vielen gemeinsamen Aktionen Impulse gesetzt, die nicht nur von Kennern ihrer Kunst bewundert wurden. Allein der verhüllte Reichstag in Berlin zog mehr Besucher an, als das unverhüllte Monumentalbauwerk je zuvor gesehen hatte.

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ihren Tod zu verkraften, entwickelte sich zur wohl größten Herausforderung für den gebürtigen Bulgaren und jetzigen US-Staatsbürger Christo. Es blieb seinem Versprechen treu, „die Kunst von Christo und Jeanne-Claude auch über den Tod hinaus fortzusetzen“. So geriet der Plan eines verhüllten Triumphbogens im Herzen von Paris nicht in Vergessenheit. Als Verpackungskünstler wollte Christo dabei jedoch nicht bezeichnet werden. Dieses leicht greifbare Etikett sorgte zwar dafür, dass sich auch weniger Kunst-affine Menschen seinem Werk annähern konnten, er sah in jener besonderen Form der Aktionskunst allerdings mehr. Formen und Architektur wollte er auflösen, die Kunst von ihrem Sockel der Erhabenheit stoßen und andere Blickwinkel ermöglichen. Wer ihn jedoch in Diskussionen über den tiefen Sinn seiner Kunstwerke verstrickte, hörte oft: Es ist total irrational und sinnlos. So bleiben die Installationen von Christo und Jeanne-Claude im optischen Gedächtnis der Welt. Ob es „Umbrellas“ in Japan und Kalifornien waren, der „Valley Curtain“ in Colorado, die „Floating Piers“ auf dem italienischen Iseo-See oder der legendäre verhüllte „Pont Neuf“ in Paris. Ihre Kunst war vergänglich, nicht für die Ewigkeit und doch konnte man sich der Magie des Augenblicks nicht entziehen, dem sie einen eigenen Stempel aufgedrückt hatten.

Ist jetzt vergangen, was auf Vergänglichkeit angelegt war? Sind wir am Ende einer Kunstgeschichte angelangt, die Menschen vereinte und Blicke lenkte? Bleiben nur noch Erinnerungen, oder gibt es noch Auswege aus diesem „Dilemma der Vergänglichkeit“ einer einzigartigen, luftig leichten, alles verhüllenden Kunstform? Wer in diesen Tagen den Blick in Richtung Paris wendet, erlebt die Wiedergeburt von Christo und Jeanne-Claude. Der Traum ist nicht ausgeträumt. Er lebt weiter… 

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Die Ausstellung Christo and Jeanne-Claude. Paris! hat im Centre Pompidou die Pforten geöffnet. Bis zum 19. Oktober kann man sie noch besuchen. Oder eben doch nicht. Paris gehört zu den Risikogebieten der Corona-Schutzmaßnahmen und es dürfte extrem problematisch sein, den Ausstellungsbesuch zu planen. Man kann sie sich aber nach Hause holen. Und nicht nur das. Der Sieveking Verlag hat mit dem Begleitbuch zur Ausstellung ein kleines Kunstwerk geschaffen, das international für Aufsehen sorgt. Dieses Buch ist eine schillernde Hommage an ein Künstlerpaar, das uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Es ist kein Ausstellungskatalog im klassischen Sinn. Es ist im tiefsten Kern der Rückblick auf ein Paris, das Christo und Jeanne-Claude so prägte, wie es selbst von den beiden Künstlern geprägt wurde.

Paris war für Christo und Jeanne-Claude in künstlerischer und privater Hinsicht von herausragender Bedeutung. Hier lernten sie sich 1958 kennen, hier skizzierten sie die ersten Ideen für gemeinsame Projekte. Hier streiften sie durch die Straßen und überzeugten sowohl die Anwohner, als auch die Stadtoberhäupter davon, im Jahr 1985 das erste Großprojekt im öffentlichen Raum realisieren zu dürfen. Die Verhüllung der Pont Neuf hat Geschichte geschrieben. Im Buch finden wir selten gezeigte Frühwerke und Studien, Skizzen, Zeichnungen und Collagen, sowie beeindruckende Fotografien vom fertigen Kunstwerk, das die Seine überspannte und die Brücke in goldene Farben hüllte. Man kann in und zwischen den Seiten die Verbundenheit der Künstler zu dieser Stadt fühlen und erkennt, was hier begann und sich mit einem Verhüllungs-Siegeszug auf der ganzen Welt fortsetzte.

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Das großformatige Softcover-Buch „Christo an Jeanne-Claude. Paris!“ zeigt auf seinen 256 Seiten ca. 300, teils ganzseitige Abbildungen, die uns fesseln und dem Schaffen des Künstlerpaars näherbringen. Man kann es erlesen, wie eine Vernissage durch das Centre Pompidou, nur dass dieses Buch nicht der Vergänglichkeit seiner Protagonisten unterliegt. Englisch ist die Sprache des Buches. Es ist trotzdem leicht verständlich und die Begleittexte ergeben mit den Abbildungen eine polyglotte Einheit im Sinne der internationalen Kunstwelt. Das Buch hat mich dazu inspiriert, den beiden Künstlern nachzueifern und kleine Dinge mit Stoff zu verhüllen. Es ist erstaunlich, wie sehr das Gegenständliche verschwindet und zum Geheimnisvollen wird. Der Kreativität wird hier ein spürbarer Impuls verliehen. Und wenn man nicht gerade verhüllt und im Buch nach neuen Inspirationen stöbert, wird man es spätestens im nächsten Jahr zu schätzen wissen.

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

2021 wird der Arc de Triomphe nach den Plänen von Christo und Jeanne-Claude verhüllt. Es wird epochal, monumental und sentimental. Es wird das erste Wrapping-Projekt im öffentlichen Raum, das nur von ihren Ideen lebt. Es ist absehbar, dass die Kunstaktion als Erbe von Christo und Jeanne-Claude weltweite Schlagzeilen machen wird. Spätestens dann wird dieses Buch eine neue Bedeutungsebene erhalten. Es tritt dieses Erbe im Bücherregal an, es zeigt die Skizzen zum Triumphbogen und lässt uns ahnen, welche Dimension das Projekt erreichen wird. Spätestens dann wird der Wert dieses Buches emotional in die Höhe schießen. Ich kann Kunstliebhabern empfehlen, sich jetzt dieses Buch ins Haus zu holen. Verhüllt es nicht. Stöbert und flaniert auf den Seiten und dann: 2021 – schaut nach Paris und hofft mit mir gemeinsam, dass die Kunst vielleicht auch Corona verhüllen kann…

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

In einer Zeit, in der wir zum Schutz vor einer Corona-Infektion Teile des Gesichts verhüllen, sollte uns diese Kunstform näher sein, als jemals zuvor. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Christo die Face-Wrapping-Welle künstlerisch verarbeitet hätte.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Dies ist nicht mein erster Kunst-Kontakt mit dem Verlag. Franz Marc ist schuld.

„Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde“ – Eine Suche

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Ich liebe Bücher, die sich den existenziellen Lebensfragen in aller Tiefe widmen. Ich folge gerne autobiografisch angehauchten Lebenslinien, die darüber hinaus Fragen beantworten, die mich auch über das eigentliche Lesen hinaus beschäftigen. Fragen, in denen ich Muster erkenne, die andere Bücher aufrufen, mit dem gerade Erlesenen eine literarische Einheit einzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Was macht ein Krieg aus den Menschen? Wie verändern sich Bedürfnisse, Begabungen? Wie geht man mit diesen Extremsituationen um und was bleibt am Ende des Weltenbrandes von demjenigen übrig, der in ihn verwickelt wurde? Wenn die Balance verlorengeht und der pure Überlebenswille regiert, dann verlieren andere Lebensbereiche an Bedeutung…

Die Bedürfnispyramide wird neu geordnet. Eines der ersten Opfer ist die Kultur. Wer täglich um sein Leben kämpft, braucht keine Bilder oder Romane, kein kreatives Feuer und keine Fantasie. Was macht dies nur mit einem Künstler? Vernichtet es ihn oder ist es eher so, dass genau diese Extremsituationen benötigt werden, um am Ende wie ein Phoenix aus der Asche ins Licht der Erkenntnis fliegen zu können. Was wäre ein Ernst Jünger ohne seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg? Gäbe es Remarque ohne Schlacht und hätte Hemingway den Nobelpreis gewonnen, ohne sich ganz bewusst als Reporter in den Krieg zu stürzen? Was trieb den Maler Franz Marc an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um vor Verdun von einem braunen Ross geschossen zu werden? Was wäre die Literatur oder die bildende Kunst ohne die Grenzerfahrung Krieg?

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Aus literarischer Sicht erkennen wir die Einflüsse dieser Extreme auf Autoren in den autobiographisch angehauchten Romanen, die „post bellum“ (nach dem Krieg) entstehen. Traumatisierungen werden deutlich, ein anderer Blick auf die Welt und eine neue Lust am Leben sind diesen Werken gemein. Hier ist es die bewusste Flucht in die anarchische Daseinsebene, die zu einer neuen Wahrnehmung führt. Das haben Kriege mit Drogen gemeinsam. Künstler berauschen sich. Kein Klischee, wenn man sich sehr aufmerksam in einer Kulturwelt umschaut, die bewusstseinserweiternd wirken möchte. Oft kann diese Erweiterung erst herbeigeführt werden, indem sich Maler, Sänger oder Schriftsteller selbst auf die Meta-Ebene der Wahrnehmung katapultieren. Beispiele für diese Theorie finden wir in allen Bereichen des künstlerischen Schaffens.

Dieses Thema treibt mich seit Jahren um. Es beschäftigt mich, weil es sich mir aus heutiger Sicht nicht erschließt, wie man sich freiwillig in ein martialisches Szenario, wie einen Weltkrieg begeben kann, um Inspiration aus Blut zu gewinnen. Ich verstehe nicht warum man alles hinter sich lassen kann und sogar das eigene Leben riskiert, um eine neue Sicht auf die Welt zu bekommen. Am Beispiel des Malers Franz Marc versuchte ich mich schon oft damit auseinanderzusetzen, was sich ein Künstler davon versprach, frontal im Fronterlebnis neue Fronten des Schaffens auszuloten. Ich nähere mich dem Thema niemals aus theoretischer, wissenschaftlicher (wie auch?) oder soziokultureller Sicht. Ich versuche es emotional, weil meine Bindung an die Werke von Franz Marc in jeder Beziehung eine rein gefühlsmäßige ist.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Was trieb den Schöpfer des „Blauen Pferdes“ freiwillig in den Ersten Weltkrieg? Warum schreckten ihn die Fronterlebnisse nicht ab? Warum trennte er sich von seinen expressionistischen Meisterwerken, um neue Impressionen zu finden? Was trieb ihn an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um in der Nähe von Verdun von einem brauen Pferd geschossen zu werden? Und letztlich ist es die Frage, ob er die Sehnsucht nach seinem Meisterwerk im Gepäck hatte, als er Zeuge des großen Schlachtens wurde? Es gab wenige Antworten auf meine Fragen. Selbst im emotionalen Zwiegespräch mit dem Blauen Pferd im Lenbachhaus blieb alles um mich herum stumm. Nur eines steht für mich fest. Es wartet dort seit mehr als 100 Jahren auf die Rückkehr seines Schöpfers.

Viele Künstler verloren angesichts des Krieges schnell alle Illusionen und wurden zu erbitterten Pazifisten. Keine Spur mehr vom Pathos der eigenen Freiwilligkeit, keine Spur mehr von der Bewusstseinserweiterung. Nach dem Krieg kamen sie allesamt auf den Boden der Tatsachen zurück. Bei Franz Marc war dies anders. Für ihn büßten die Schlachten nichts von ihrer magischen Anziehungskraft ein. Distanziert und entrückt ist die Position zu sehen, in der er sich sah. Wie ein Betrachter eines Schlachtengemäldes blickt er fasziniert auf die Details des Sterbens. Anders kann man die Feldpostbriefe an seine Frau nicht lesen. Die morbide Faszination klingt verstörend…

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

„Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste.
Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde (zu) sehen.
Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches.
Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.“

Wie Franz Marc „post bellum“ gemalt hätte? Eine nicht zu beantwortende Frage. Er starb am 4. März 1916 während eines Erkundungsritts nahe Verdun. Ein Granatsplitter traf am Kopf. Franz Marc verblutete. Bis zum heutigen Tag wusste ich nicht, dass auch an diesem Tag ein Skizzenbuch in seinen Satteltaschen steckte. Viel habe ich über ihn gelesen, stand vor vielen seiner Bilder. Stellte mir viele Fragen, doch als ich vor einigen Tagen das „Skizzenbuch aus dem Felde“ in einer Buchhandlung entdeckte, wollte ich kaum glauben, welcher Schatz sich da plötzlich in meinen Händen befand. Es war klar, wonach ich suchte. Nur eine Frage stand für mich im Vordergrund. Hatte Franz Marc in diesen Kriegsjahren die Sehnsucht nach seinem Blauen Pferd im Herzen? War es bei ihm, als er fiel? Eine Frage, die mir endlich beantwortet wurde.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Das „Skizzenbuch aus dem Felde“ ist ein schmales und zugleich sehr wertvolles Bändchen aus dem Sieveking Verlag. Es beinhaltet 36 Bleistiftzeichnungen, die er in den Monaten März bis Juni 1915 geschaffen hatte. Es ist ein künstlerisches Testament, das jetzt in meinen Händen liegt. Ein magisches und beklemmendes Gefühl, in ihm zu blättern. Fast so wie ein geheimes und nicht für meine Augen bestimmtes Tagebuch zu lesen. Die kleinen Skizzen sind keine Skizzen. Es sind vollständig gestaltete Gemälde, denen nur die Farbe fehlt. Es sind so typische Marc-Impressionen, wie wir sie weltweit bewundern dürfen. Ich sehe viel in diesen Skizzen. Unruhe, Rastlosigkeit und fliehende Tiere, die vor dem Krieg noch in sich ruhten. Ich sehe einen wachsamen Fuchs, nicht mehr ruhend. Springende Rehe, aufgeschreckte Hirsche. Verstört dreinblickende Tiere und eine abstrakte Formenvielfalt, die manchmal an Kandinsky erinnert. Und dann…

Dann kann ich nicht mehr… Bei all den Unterschieden zu früher, in all der ruhelosen Spannung, nach all den Formen und Strukturen der Unruhe sitze ich plötzlich vor einer Skizze, die mich in allem Hoffen bestätigt. Es ist so, als würde mir Franz Marc zurufen „Siehst Du… es war immer bei mir.“ Es sind drei Pferde. Ausschau haltend, wachend und weidend. Zum Sprung und zur Flucht bereit. Unverkennbar edle Geschöpfe, deren Sinne bis auf Äußerste geschärft sind. Und über diesen drei Pferden thront majestätisch das Ebenbild des Blauen Pferdes, das mir so viel bedeutet. Beruhigend, in sich ruhend und erhaben. Unverwundbar. Fragment schrieb Franz Marc über diese Zeichnung. Ein Bruchstück. Ein unvollendetes Kunstwerk. Ein Überbleibsel. Und was für eins. Danke.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde – Begegnungen

Man möge mir den subjektiven Umgang mit diesem Sujet verzeihen. Er ist der rein emotionalen Bindung an das wichtigste Gemälde meines Lebens geschuldet. Ich kann nicht anders. Ich verweile oft im Lenbachhaus, betrachte mein Pferd, bin ihm dankbar für seine beruhigende Ausstrahlung, die mir in schweren Zeiten Kraft gegeben hat. Und nicht zuletzt habe ich durch dieses magische Wesen viele Menschen kennengelernt. Im Leben, wie in der Literatur. Ich schrieb viele Artikel, die ohne das Blaue Pferd niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Ich habe es meiner Tochter vorgestellt und mir dabei vorgestellt, was ich ohne diesen Ruhepol getan hätte, als es ihr nicht gut ging. Ich habe Franz Marc viel zu verdanken und stehe in seiner Schuld. Das mag vieles erklären.

Jetzt werde ich das Blaue Pferd mit einem Skizzenbuch besuchen. Ich werde ihm davon erzählen und ihm zeigen, dass es niemals vergebens gewartet hat. Ich kann nun berichten, wie wichtig Franz Marc diese Skizzen waren. Das Nachwort zu diesem Buch von Michael Semff ermöglicht einen eher versachlichten Zugang zu den Zeichnungen. Wobei der Autor hier nicht für Kunsthistoriker oder Wissenschaftler schreibt. Nein auch er muss sich wohl den Vorwurf gefallen lassen, emotional berührt worden zu sein. Nein. Das ist keine Kritik. Das ist ein Prädikat, das diesem Nachwort Nachdruck verleiht. Ich würde mich freuen, euch auf meine Welt des Blauen Reiters, des Blauen Pferdes und das „Lenbachhaus als Kraftraum meines Geistes“ neugierig gemacht zu haben. Ich muss los. Ich bin verabredet. Mit einem Pferd. Unglaublich oder?

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Hier geht es mit Franz Marc weiter, weil Florian Illies mehr vom
Sommer des Jahrhunderts 1913“ erzählt.

Und Bernhard Jaumann mach den „Turm der blauen Pferde“ zum Kriminalfall für die Kunstdetektei von Schleewitz. Für Fans der blauen Pferde ein MUSS.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Ein neues Kunstwerk vom Sieveking Verlag: Christo and Jeanne-Claude. Paris!

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!