(Rezi-Shortcut) „Fiesta“ von Ernest Hemingway

Der Rezi-Shortcut bei AstroLibrium: Fiesta von Ernest Hemingway

Vorbemerkung: Ein Rezi-Shortcut ist der Versuch der Annäherung an ein Buch, das in meinem Lesen von eher sekundärer Bedeutung ist. Hierbei werden im Wesentlichen die Bücher besprochen, die einen Leseweg kreuzen, ihn tangieren oder am Rande der aktuellen Beschäftigung mit einem Buch auftauchen und Spuren hinterlassen. Dabei ist die Kurzfassung der Buchvorstellung an sich kein Qualitätsmaßstab für das Werk.

Fiesta von Ernest Hemingway

Anlass für diesen Rezi-Shortcut: Meine Auseinandersetzung mit Ernest Hemingway und dem Beginn seiner Karriere als Schriftsteller. Bücher, die ihn in den Mittelpunkt der Betrachtung geraten lassen:

Direkte Hinweise auf den Ausgangspunkt der Legendenbildung:
Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume
Madame Hemingway von Paula McLain
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway

Indirekt mit Hemingways Zeit in Paris verbunden:
Himbeeren mit Sahne im Ritz
von Zelda Fitzgerald
Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Fiesta von Ernest Hemingway

Sein Weg von der Reportage über die Kurzgeschichte bis hin zum ersten Roman ist so außergewöhnlich, dass man nach dem Lesen der direkt mit dem Paris der wilden Zwanziger Jahre in Verbindung stehenden Werke gezwungen ist, Fiesta zu lesen. Es war Hemingways erster Roman und stellte den von vielen vorhergesagten Durchbruch in der Literaturszene dar.

Der Inhalt:

Britische Lady mit zweifelhaftem Ruf befindet sich in Begleitung von vier Männern im spanischen Pamplona, um das jährlich stattfindende Stierkampf-Festival zu erleben. In fast wahlloser Reihenfolge verdreht sie ihren Reisegefährten den Kopf, bricht ein Herz nach dem anderen und genießt die rauschhafte Zügellosigkeit jenseits der moralischen Normen des Jahres 1925. Die animalische Faszination der Sanfermines vermischt sich mit der aufbrandenden Eifersucht zwischen den Männern. Als sich Lady Brett Ashley in dem jungen Matadoren Pedro Romero den nächsten Liebhaber aussucht, fließt neben dem Blut der Stiere auch das der Reisebegleiter in den Sand der spanischen Arena.

Das bahnbrechend neue literarische Stilmittel:

Kurz, prägnant und im Verzicht auf ausschmückende Adjektive beginnt mit Fiesta ein neues Kapitel der sprachlichen Ausgestaltung von Romanen. Hemingway schreibt nicht, dass etwas „schön“, „warm“, „groß“ oder „blutig“ ist. Er erzählt so, dass man kein Eigenschaftswort benötigt, weil er seiner Beschreibung die Eigenschaften verleiht. Sein Satzbau ist gestrafft, von Wiederholungen geprägt und weist keine Schnörkel auf. Hier unterscheidet er sich von allen literarischen Größen seiner Zeit und folgt dem Einfluss der Pariser Literaturszene um Ezra Pound und Gertrude Stein.

Beschreibe kein Gefühl – Verursache es! (Ernest Hemingway)

Fiesta von Ernest Hemingway

Kritik:

Die verlorene Generation verschafft sich Raum in „Fiesta“. Das Leben will gelebt werden. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges sind nicht überwunden. Jetzt muss man sich neu erfinden, gesellschaftliche Normen verwerfen, sich dem Rausch der Begierde und des Alkohols hingeben. Diese Atmosphäre fängt Hemingway in den Schauplätzen seines Romans Paris und Pamplona brillant ein. Sein erster Roman ist jedoch viel eher eine Reportage, als eine fiktionale Geschichte. Alles selbst erlebt, alles gut beobachtet und alles in „Fiesta“ eingebaut, was bei drei nicht auf dem Baum war.

„Fiesta“ macht aus dem Journalisten Ernest Hemingway den Schriftsteller. Dabei kopiert er alle Protagonisten aus dem Leben in diesen Roman hinein. Sein Abbild, der Ich-Erzähler Jack Barnes, wird dabei am deutlichsten verfremdet. Die Impotenz einer ganzen Epoche, ihre Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit manifestiert sich im einzigen Mann der Reisegesellschaft, der nicht zum Bettgespielen von Lady Brett Ashley taugt.

Fazit:

Lesenswert. Aus heutiger Sicht Lehrstück autobiografischen Schreibens geprägt vom Verzicht auf jegliche Beschreibungen, die der Leser nicht schon atmosphärisch in sich aufgesaugt hat. Ein verletzender Roman für diejenigen, die Hemingway kopierte. Eine atmosphärische Annäherung an den ewigen Kampf zwischen Mensch und Tier, die den Stierkampf aus Pamplona später auf hohe See verlegte. Hier schrieb der „Junge Mann und der Sand“, der bald der „Alte Mann und das Meer“ werden sollte.

Fiesta von Ernest Hemingway