Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Kann ein Träumer die Welt verändern? Ein doch recht hochtrabender Untertitel für ein Jugendbuch, in dem sich ein elfjähriger Junge gegen die Erwartungshaltung in seinem Umfeld stellen muss, um den Weg ins eigene Leben zu finden. Jedoch macht gerade der Untertitel in Verbindung mit dem Romantitel „Hier im echten Leben“ mehr als neugierig auf das neue Werk aus der Feder von Sara Pennypacker. Es sind diese scheinbaren Brüche, die uns zum Lesen und zum Hören verführen. Es sind diese sehr bewegenden Kipppunkte, die wir zu erkennen glauben, weil wir alle selbst erlebt haben, wie es sich anfühlt, als „Träumer“ bezeichnet zu werden. „Du musst mal aufwachen, damit Du im echten Leben zurechtkommst.“ Kennt Ihr diesen Spruch vielleicht? Von Eltern oder Lehrern immer wieder gerne ans Kind gebracht, wenn der Realitätssinn zu wünschen übriglässt…

Wenn Ihr das in Eurer Kindheit selbst erlebt habt, dann seid Ihr schon ganz nah an einem besonderen Jungen dran, der Euch in „Hier im echten Leben“ ans Herz gelegt wird. Ware, ein schon ungewöhnlicher Name für den erst elfjährigen Protagonisten, da wir ja eigentlich gewöhnlichere Jungennamen erwarten. Hier wird sein Name allerdings schnell zum Programm. Ware. Fast wie ein Artikel aus einem Warenhaus, den man in der Welt herumschieben kann, wie es einem beliebt. So fühlt sich sein Leben an. Die Oma nach einem Sturz und OP in einer längeren Reha, die Eltern in Doppelschichten arbeitend, um sich endlich das Haus kaufen zu können, in dem sie gerade leben. Und Ware? Ja, was ist mit ihm? Und gerade jetzt, zu Beginn der langen Sommerferien? Er wird einfach verschoben, abgeschoben und dort geparkt, wo er am wenigsten stört.

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Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Das Sommerlager im Gemeindezentrum wird zur Rettung für seine gestressten Eltern. Spiel, Sport, Gemeinschaftserlebnisse, Teamspirit und Tagesprogramm. Ideal und unkompliziert. Man bezahlt, der Junge ist versorgt und wird nebenbei sogar noch sozialisiert und man muss sich keine Gedanken um ihn machen. Abends darf er nach Hause und tagsüber: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wirklich perfekt. Zumindest aus Sicht der Eltern. Aus der Perspektive von Ware jedoch das absolute Horrorszenario. Er ist anders. Er fühlt sich anders. Er ist Einzelgänger, Einzeldenker, Tagträumer und hasst nichts mehr, als Gruppendynamik und den viel beschworenen Teamgeist. Dafür ist er viel zu beschäftigt mit all den Fragen, die ihm auf der Seele brennen. Protest wird nicht akzeptiert und selbst ein letztes Aufbegehren endet im Kopfschütteln:

„Wie viel kostet das hier, Mom? Ich zahl dir das Doppelte,
wenn du mich zu Hause bleiben lässt.“

Diese ausweglose Situation reicht Sara Pennypacker aus, um ihren kleinen Helden aus seinen Tagträumen zu erwecken und ins richtige Leben zu stoßen. Allerdings nicht auf Kosten seiner Individualität. Sie macht Ware nicht zum angepassten Mitläufer einer All-Inclusive-Sommercamp-Berieselung. Er findet seinen Weg. Zielstrebig hinein in das verhasste Gemeindezentrum und zielstrebig hinaus aufs Nachbargrundstück und damit mitten hinein in eine abenteuerliche Geschichte voller lichtheller Erweckungsmomente. Genau hier findet Ware den Ort, an dem er seine Träume leben und kultivieren darf. In einer Kirchenruine und dem brachliegenden Garten vollzieht sich seine Wandlung und ein entscheidender Schritt in eine Richtung, die ihm niemand zugetraut hätte.

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Dass er sein Paradies mit der gleichaltrigen Jolene teilen muss, ist immer noch erträglicher, als den Tag mit Horden von Kindern zu verbringen. Das Mädchen macht aus diesem Jugendroman einen Tummelplatz für zwei besondere Charaktere, die sich anfangs heftig aneinander reiben, dann jedoch realisieren, dass sie gemeinsam etwas erreichen können, das unerreichbar scheint. Sara Pennypacker konfrontiert uns hier mit zwei echten „Persönlichkeiten“, die in ihrem Umfeld allerdings eher als störend und nicht normal wahrgenommen werden. Er, der Idealist, der aus der Kirche eine Burg in eine Welt der Ungerechtigkeit machen möchte. Und sie, die kleine Öko-Aktivistin, die dem Müll ihren Kampf angesagt hat. Sie vereinen sich am Komposthaufen ihrer Leben und versuchen gemeinsam einen neuen Weg zu gehen. Papayas zu züchten und der Burg auf die Sprünge helfen. Beide Ideale schließen sich keinesfalls aus.

„Hier im echten Leben“ ist ein starkes Statement für das Anderssein. Die Autorin bringt uns ihren beiden Idealist:innen sehr nah. Wir wünschen uns, dass man ihnen in ihren Bestrebungen hilft oder dass man sie zumindest versteht. Und doch erkennt man, dass im echten Leben dafür kaum Platz bleibt. Selbst ihr kleines Biotop ist ein Ort unter Vorbehalt. Eine öffentliche Versteigerung des Grundstücks könnte den Traum beenden. Hier nimmt Sara Pennypackers Roman Fahrt auf – und uns mit. Dabei haben wir es in keiner Weise mit einem rasanten Abenteuerroman zu tun. Keinesfalls. Die Charaktere stehen im Mittelpunkt und nehmen viel Raum ein, um sich zu entfalten. Dies ist wahrlich kein Pageturner, der uns atemlos zurücklässt. Es ist eine doppelte Charakterstudie, die gerade junge Lesende und Hörende dazu einlädt, sich in die beiden Hauptfiguren hineinzuversetzen. Ware und Jolene sind emotionale Blaupausen für viele Kinder und Heranwachsende, die einfach gerne sie selbst wären.  

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Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Ein bewegendes Zitat aus der Feder Sara Pennypackers steht für mich für ihren ganzen Roman. Versuchen wir doch Kinder, wie Künstler zu sehen, ihnen den Raum zu geben, um sich frei zu entfalten. Stellen wir uns ihnen nicht in den Weg, führen wir ihnen nicht die Hand bei ihren Kunstwerken und machen wir sie nicht zu Kopien einer Vorstellung, die wir gerne von ihnen hätten. Dieser Roman kann die Augen öffnen, für das ungeahnte Potenzial, das in Kindern schlummert, für das Vertrauen, dass nur wir ihnen vorschießen können und für die Stärke des Andersseins in einer Umgebung, in der Konformität individuelle Stärken schluckt.

„Wir Künstler sehen etwas, was uns bewegt, und das müssen wir in uns aufnehmen, es zu einem Teil von uns selbst machen. Später geben wir es der Welt zurück. In einer Art Übersetzung, so dass die Welt es auch sehen kann…“

Ich habe das Privileg genossen, „Hier im echten Leben“ abwechselnd lesen und hören zu dürfen. Im gebundenen Buch (Sauerländer) habe ich mir mein individuelles Tempo gegönnt und die Hintergründe dieser Geschichte auf mich wirken lassen. In der mehr als sechsstündigen Hörbuchfassung von Sauerländer Audio / Argon Verlag ist mir Julian Mehne zum erzählerischen Weggefährten geworden, weil es ihm gelingt, in den Dialogen zwischen Ware und Jolene die beiden einzigartigen Charaktere in allen Nuancen noch näherzubringen. Besonders Jolene gewinnt in seiner Interpretation der Geschichte an Profil. Eine absolute Bereicherung, die sich besonders dazu eignet, die Geschichte gemeinsam mit Heranwachsenden zu hören. Für welchen Weg man sich in diesem Fall auch immer entscheiden mag, es bleibt eine Geschichte, die so typisch für eine Sara Pennypacker ist, die wir noch so intensiv aus ihrem Roman Mein Freund Pax in Erinnerung haben.

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„Die Mitternachtstür“ von Dave Eggers

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers? Ein Roman für Kinder ab 11 Jahren? Ja – richtig gelesen. Ein Autor, der bisher ausschließlich das gehobene Erwachsenen-Segment der Belletristik bedient hat und mit Büchern wie „Der Circle“ und „Bis an die Grenze“ die Bestseller-Listen zu dominieren wusste, dessen neuer Roman „Der Mönch von Mokka“ gerade erschienen ist, begibt sich in eine kindertaugliche Erzählwelt? Mal ganz unabhängig davon, welche Risiken er hier eingeht, es ist einfach mutig und schon gewagt, den Nachweis antreten zu wollen, auch von jüngeren Lesern verstanden zu werden. Dabei ist Eggers bekannt dafür, seine Stories komplex anzulegen, ihnen in mehreren Handlungssträngen und im Detail ausgearbeiteten Charakteren literarische Schlagkraft zu verleihen. Ich war mehr als gespannt, als ich erfuhr, dass er „Die Mitternachtstür“ aufstoßen und neue Welten betreten würde.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Eine spannende Rahmenhandlung zu gestalten, ja, das traue ich ihm jederzeit zu. Leser zu fesseln und bei der Stange zu halten, Cliffhanger einzustreuen, die für Tempo sorgen und Pausen unterbinden, auch das. Eine Message an junge Menschen in einen Roman zu integrieren, das hielt ich schon eher für problematisch, weil eben jener Dave Eggers schon immer sozialkritisch und niemals ohne staatstragende Botschaft schrieb. Ich stieß „Die Mitternachtstür“ auf, versetzte mich in einen Zustand kindlichen Lesens und folgte ihm in die Kleinstadt „Carousel“. Eine Stadt in den USA, die sich tief in mein Lesen eingebrannt hat, weil sie sich in einer absoluten Schieflage befindet. Und dies im absolut wahrsten Sinn des Wortes.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers macht es seinen Lesern leicht, sich auf „Carousel“ einzulassen. Wir folgen seinen anschaulichen und bildhaften Beschreibungen und entdecken eine Stadt, in der die tiefe wirtschaftliche Depression des heutigen Amerikas greifbar wird. Er lässt sie sichtbar werden. Häuser stürzen plötzlich ein, Straßen sind voller Schlaglöcher und der ganze Ort ist von Rissen durchzogen, die schiefen Häuser drohen umzukippen und alles hat seinen Halt verloren. Dabei war die kleine Stadt einmal sehr berühmt, weil hier die schönsten Kinderkarussells hergestellt wurden. Wertvolle geschnitzte Holzpferde an goldenen Stangen kreisten um das Herz des Karussells und ließen Kinderherzen höher schlagen. Aber das war lange her. Jetzt herrschen Tristesse und Arbeitslosigkeit in der kleinen Stadt.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Überhaupt nicht der richtige Ort für einen Neuanfang. Erst recht nicht, wenn man in wirtschaftlichen Problemen steckt. Die Flowerpetals jedoch zieht es nach Carousel. Der Vater arbeitslos, die Mutter an den Rollstuhl gefesselt, die jüngste Tochter nicht gesund und der zwölfjährige „Gran“ alles andere, als hart wie Granit, was sein Name eigentlich aussagen sollte. In seiner Schule, wird er Zeuge unglaublicher Vorfälle. Er sieht Häuser einstürzen, erlebt ein heftiges Erdbeben, das ein riesiges Loch in der Schule entstehen lässt und begegnet „Catalina“, einem gleichaltrigen Mädchen, das in der Lage ist ganz plötzlich zu verschwinden. In den Untergrund, in die Tiefe unter „Carousel“, wo sich ein Tunnelsystem immer weiter ausbreitet und den ganzen Ort aushöhlt. Hier beginnt eine abenteuerliche Geschichte, in der zwei Kinder zu Rettern einer Stadt werden können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Die Bilder von Dave Eggers sind gewaltig. Eine ins Bodenlose fallende Stadt; Angst, die um sich greift; Menschen, die von der Panik der Mitbürger profitieren und nur ganz wenige Mutige, die das Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wirtschaftliche Nöte und Perspektivlosigkeit verpackt Dave Eggers in ein begreifbares Szenario. Wir folgen den beiden ungleichen Freunden Gran und Catalina in die gefährlichen Tunnel. Wir helfen ihnen dabei, sie abzustützen. Wir erfahren von einem gefährlichen Wind, der sich tiefer und tiefer in die Stadt hineinfrisst. Und wir erkennen einen Ausweg aus der Krise. Lass Dir keine Angst einjagen; glaub nur, was du selbst siehst; vertraue Dir selbst und traue Dir etwas zu. Das schreit Dave Eggers seinen jüngsten Lesern zu. Botschaften, die wir heute benötigen. „Die Mitternachtstür“ ist eine Gegenbewegung zur Panikmache. Wir alle können diesem Kinderbuch mehr abgewinnen, als wir uns vorstellen können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Es ist ihm gelungen. Mit Bravour. Kurze, spannende Kapitel mit Vignetten von Aaron Renier, die das Höhlensystem unter „Carousel“ zeigen, lassen keinen Spannungsabfall zu. Die Protagonisten sind, gerade für jugendliche Leser, greifbar und plausibel. Magie liegt in der Luft, und doch wird schnell klar, dass wir selbst Herren eines Zaubers sind, der die Welt retten kann. Eggers zieht Populisten die Maske vom Gesicht und entlarvt jene, die in „Carousel“ abstruse Ängste schüren. Lehrreich und unterhaltend noch dazu. In der Hörbuchfassung entführt uns Jacob Weigert in die Tunnelwinde unter der Stadt. Er hat mich sprachlich schon bei „Mein Freund Pax“ überzeugt und findet auch hier zu jeder Zeit die richtige Betonung und den passenden Rhythmus. Mein Urteil: absolute Lese- und Hörempfehlung.

PS: Solltet Ihr nach dem Lesen oder Hören ein Kinderkarussell mit Holzpferden entdecken, so ich garantiere ich Euch, dass Ihr „Die Mitternachtstür“ im Herzen tragt, wenn Ihr mit Euren Kindern um die Wette reitet! Vertraut diesem Buch.

Und keine Angst vor Elchen… (Ein Insider, der nach dem Lesen verständlich wird!)

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dann nehmen wir das TRUMPeltier auf den Arm: Der größte Kapitän aller Zeiten – Das Satire-Meisterwerk von Dave Eggers…

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker

Da sitzt er nun, unser Fuchs und schaut in die Ferne. Auch wenn er den Lesern auf dem Cover des Romans von Sara Pennypacker den Rücken zuwendet, so weckt doch schon diese Illustration aus der Feder von Jon Klassen die ersten Gefühle. Sein Blick ruht auf der Weite der Landschaft. Einer Landschaft, die eigentlich sehr  friedlich wirkt. Erst die Rückseite des Buchumschlags macht eine erste Unregelmäßigkeit sichtbar. Es ist ein abgeknickter Baum, der die harmonische Atmosphäre durchbricht. Denn, wie wir schnell erfahren werden: Nichts ist friedlich in dieser Geschichte. (Weiterhören)

Mein Freund Pax – Buch und Hörbuchvorstellung im Radio – Hier klicken

Da sitzt er nun, unser Fuchs und scheint zu warten. Mein Freund Pax. Warm und ein wenig melancholisch wirkt dieses Buch. Aus der Landschaft wird jedoch bereits auf der ersten Seite mehr. Hier sehen wir unseren Fuchs am Straßenrand sitzen, den Blick auf den Asphalt gerichtet. Wartend. Ein wenig verloren wirkt er schon, wie er dem Wald den Rücken zuwendet. Ein wenig verloren wirkt dieser Fuchs, nicht wild und verwegen. Es ist das Gefühl dieser verlorenen Einsamkeit, mit dem man sich diesem Buch nähert. Es ist ein scheues Gefühl, weil man ihn nicht verjagen möchte. Pax, den Fuchs, der auf den folgenden 300 Seiten auch zu unserem Freund wird.

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Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Lesen mit Fuchs

Schon auf den ersten Seiten nimmt uns diese Geschichte gefangen und lässt uns nicht mehr los, bis wir nach einem atemberaubenden Finale selbst im Wald sitzen und mit unseren Gefühlen alleine sind. Aber dazu später mehr. Es ist die Perspektive eines Fuchses, es ist sein natürlicher Instinkt, seine Sichtweise und seine Wahrnehmung mit der alles beginnt. Es ist die Fuchs-Sicht auf die Freundschaft zwischen ihm, Pax, und Peter, dem zwölfjährigen Jungen, die uns zeigt, was es einem Tier bedeutet, Nähe und verlässliche Sicherheit zu empfinden. Für den Fuchs ist der Junge mehr als ein Freund. Er ist „Sein Junge“.

Und doch scheint der Fuchs den Sinn für Gefahr verloren zu haben. Er fühlt zwar, dass irgendetwas nicht stimmt, dass der Vater des Jungen Lügengeruch ausströmt und die Fahrt mit dem Auto abrupt endet. Dass er jedoch in der Wildnis ausgesetzt wird, das verzweifelte Rufen seines Jungen ertragen muss und dem Auto nur noch nachschauen kann, das hatte Pax nicht erwartet. Es fühlt sich wie Verrat an. Ein Verrat, den wir Leser nicht anders empfinden, als der Fuchs, der nun am Straßenrand im Nirgendwo sitzt.

„Er bellte, um nach Peter zu rufen, erinnerte sich jedoch gleich wieder: Sein Junge war fort. Pax war es nicht gewohnt allein zu sein.“

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Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Zuneigung und Vertrauen

Pax ist nicht alleine mit diesen Gefühlen von Verlust und Verrat. Auch Peter erlebt diesen Moment der Trennung als absolute Extremsituation. Sein schlechtes Gewissen gegenüber Pax wird fortan zum Wegbegleiter eines jungen Lebens. Sara Pennypacker erzählt die Geschichte durchgehend aus zwei Perspektiven, die einander bedingen. Sie entwirft ein Szenario, das dieser Trennung Grenzen verleiht, die weder ein Fuchs noch ein Junge durchbrechen kann. Es droht Krieg im Land. Peters Vater kämpft, Peter wird evakuiert und Pax wird ausgewildert. So ist das eben. Das muss Peter akzeptieren.

Was Sara Pennypacker aus dieser Ausgangssituation entwickelt zeigt literarische Größe. Sie arbeitet Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier heraus und macht die Bindung zwischen einem Jungen und seinem Fuchs spürbar. Sie schreibt uns Begriffe wie Verantwortung, Respekt und gegenseitiges Vertrauen ins Stammbuch des Lesens und veranschaulicht, wie sich Liebe zu einem Tier äußern kann. Und nicht nur das. Wir lernen durch Pax, was es für ein Tier heißt, Haustier zu sein und Bindung zu fühlen. Es ist ein emotionaler Ritt auf der Rasierklinge, den wir mit Peter und Pax unternehmen.

Beide werden wie ein Schlagball beim Baseball, ihrem gemeinsamen Lieblingssport, in neue Welten katapultiert. Dabei ist es völlig unerheblich, wer von beiden Fänger und wer Schläger ist. Die Fallhöhe ist gewaltig und in aller Einsamkeit fehlt ihnen das Ritual danach: Der Moment, in dem Pax die Schnauze in Peters Baseballhandschuh legte und ihn von allen Alltagssorgen befreite. Ein mehr als magischer Augenblick für zwei große „Jungs“, die ohne Mütter zurechtkommen müssen..

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Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Das Argon-Hörbuch von Sauerländer Audio

Hier würde ich gerne die künftigen Leser dieses Buches aussetzen. Hier würde ich sie gerne alleine lassen mit zwei außergewöhnlichen Protagonisten. Hier sollte jeder für sich den Weg in diese Geschichte finden und dem Jungen folgen, der sich nicht damit abfinden kann, einen Fuchs zu verlieren. Peter macht sich auf den weiten Weg zurück, weil er weiß, dass Pax genau dort wartet, wo er ausgesetzt wurde. Hier würde ich Leser gerne mit Pax warten lassen. Mitten in der Wildnis. Nicht alleine lebensfähig. Und doch spürend, dass die Instinkte langsam zurückkehren.

Hier würde ich mir wünschen, dass Leser selbst erleben, wem Pax und Peter auf ihren Wegen begegnen und wie diese Begegnungen ihr weiteres Leben beeinflussen. Es sind unglaubliche Bilder, die uns Sara Pennypacker vermittelt, es sind wundervolle Illustrationen, die uns durch diese Geschichte begleiten. Die Gemeinsamkeiten im Weg eines Fuchses und eines jungen Menschen sind beeindruckend zu lesen. Ausgewildert sind sie beide. Das Leben schreibt sich neu und doch ist das unsichtbare Band existent und fest. Wird es beide zusammenführen? Ich hoffe, dass viele Leser diese Antwort für sich selbst beantworten können. Pax und Peter, Menschen und Füchse, Zivilisation und Wildnis, Krieg und Frieden. Selten wurde diese Gegensätze ergreifender erzählt.

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Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Jon Klassen und seine Bilder

Ich habe mit meinem Fuchs zusammen gelesen. Er heißt jetzt Pax. Ein Kuscheltier wirkt Wunder in diesen Seiten. Es hilft gegen Vereinsamung und Hoffnungslosigkeit. Es gibt Halt, wenn der Boden bebt und auch beim Weinen ist man nicht allein. Man sollte „Mein Freund Pax“ nicht alleine lesen. Man muss die erlesenen Gefühle teilen, sich in aller Tiefe öffnen und seine eigenen Schlüsse ziehen. Ich habe wechselweise gelesen und gehört. Ich bin Jacob Weigert in die Wildnis gefolgt. Er brilliert im Wechsel seiner Rollen. Er ist Fuchs und Mensch zugleich und wo dem Hörbuch die Illustrationen fehlen ist es die musikalische Untermalung, die Verschnaufpausen und Schluchzen überspielt.

Wäre dieses Buch der Duft eines Fuchses, es wäre ängstlich, verwirrt, wild, verspielt, ungezähmt und frei zugleich. Wäre dieses Buch ein Geräusch im Wald, es wäre laut, geheimnisvoll, auch mal leise und angsteinflößend. Wäre dieses Buch ein Instinkt, es würde fliehen, vertrauen, angreifen, jagen und endlos warten. Wäre dieses Buch das Gefühl eines Jungen, es wäre liebevoll, fürsorglich und verzweifelt. Hoffend, bangend und traurig. Wäre dieses Buch NUR ein Buch, man würde ihm nicht gerecht werden.

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Mein Feund Pax von Sara Pennypacker – Nicht alleine lesen…

„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker, erschienen im Sauerländer Verlag und bei Sauerländer Audio / Argon Hörbücher, erzählt eine Geschichte, die wahrhaft das Zeug zum Jugendbuchklassiker hat. Sie erreicht die Herzen ihrer Leser. Für ein Kinderbuch mit einer Altersempfehlung ab 10 Jahren ist es aus meiner Sicht dann geeignet, wenn man es gemeinsam liest oder hört. Es ist eine verlustreiche Geschichte, die nicht leicht zu verarbeiten ist. Sie ist wie das wahre Leben, nur eben bereichert um die Perspektive PAX

Hiermit erkläre ich die kleine literarische Sternwarte zum geschützten Fuchsbau für alle Leser von „Mein Freund Pax“. Folgt mir in dieses Buchschutzgebiet und bringt euren Instinkt, eure Gefühle und alle Geräusche und Gerüche eures Lesens mit. PAX.

Herzlich willkommen, Anja und Zwiebelchens Plauderecke im Fuchsbau.
Bianca und Literatwo haben auch einen Eingang in den Fuchsbau gefunden.
Ronjas Fooks hat sich aus der Bücherstöberecke getraut und Pax adoptiert.

Mein Feund Pax von Sara Pennypacker

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