Achtsam morden von Karsten Dusse [Hörbuch]

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Kann ein Thriller lustig sein? Ist es möglich, dass man sich königlich amüsiert, wenn ein Mensch bei 40 Grad Celsius Außentemperatur im Kofferraum eines in praller Sonne geparkten Fahrzeugs qualvoll stirbt? Ist es denkbar, dass man bei genau dieser Szene laut auflacht und sich vor Freude auf die Schenkel klopft? Kann das sein? Ich sage: JA. Das kann nicht nur, das ist so, wenn man sich mit dem Roman „Achtsam morden“ aus der Feder von Karsten Dusse beschäftigt. Dieser Thriller ist literarische Mogelpackung und ungebetener Lebensratgeber zugleich. Er ist der vibrierende Spannungsbogen, der sich über eine Geschichte voller Zufälle, Abgründe und Skurrilitäten spannt. Er ist nicht nur allerbeste Unterhaltung auf höchstem Niveau, er ist die perfekte Persiflage auf alle therapeutischen Lebenswegbegleiter, die uns im wahren Leben begleiten. (Hören)

Achtsam morden von Karsten Dusse - Die Rezension fürs Ohr

Achtsam morden von Karsten Dusse – Mit einem Klick zum Audio-PodCast

Nichts geht ohne Therapie. Kein Konflikt kann selbständig bewältigt werden. An jeder Ecke wartet ein Ratgeber oder Therapeut, der in der Lage ist, uns auf den rechten Weg zu bringen. So ist es auch im Leben von Björn Diemel. Seine Ehe scheint gescheitert, seine Tochter fühlt sich vernachlässigt und die Work-Life-Balance ist gehörig aus dem Lot geraten. Der erfolgreiche Anwalt und Workaholic verbringt mehr Zeit in der Kanzlei, als mit der eigenen kleinen Familie. Jetzt ist Schluss damit. Seine Frau Katharina setzt ihm das Messer an den Hals, die Pistole auf die Brust und macht ihm die Ehehölle heiß. Entweder er belegt ein „Achtsamkeitsseminar“ oder die Beziehung endet sofort! Jetzt heißt es, retten, was noch zu retten ist und Björn begibt sich skeptisch in die versierten Hände eines Achtsamkeitstrainers.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Klingt alles nach Beziehungs-Story. Klingt harmlos. Klingt alles nicht nach Mord und Totschlag. Wäre da nicht der Autor selbst, alles könnte ganz normal verlaufen. Karsten Dusse jedoch hat anderes im Sinn mit seinen Protagonisten. Der Jurist und Anwalt, der sein Situationskomik- und Satiretalent jedoch häufig fürs Fernsehen unter Beweis stellt (man achte nur auf die Texte im TV-Format „Ladykracher“) schöpft bei der Kombination aus Anwaltsszenario und Ehetherapie aus dem Vollen. Sein Anwalt betreut im Namen der Nobelkanzlei den halbseidenen Mafiaboss Dragan. Sprich, er haut den Kriminellen mit allen juristischen Finessen aus allen Problemen heraus, die dessen Engagement in den Bereichen Prostitution, Drogenhandel, Raub, Erpressung und Mord betreffen. Björn Diemel ist das juristische Schutzschild des organisierten Verbrechens. Er verdient gut, muss jedoch immer auf Achse sein, wenn Dragan mal wieder in Problemen steckt. Klar, dass dieser Job oft wichtiger ist, als ein gemeinsames Essen mit Frau und Kind. 

Das verordnete „Achtsamkeits-Seminar“ schadet nun seiner Flexibilität, die er für Dragan unbedingt benötigt. Andererseits öffnet ihm sein Achtsamkeits-Coach schon in der ersten Therapiesitzung die Äuglein für einige Fehlwahrnehmungen, die sein Leben nicht gerade einfacher machen. Hier legt Karsten Dusse so richtig los. Jetzt hat er uns und seinen Anwalt an der Angel, um durch das Drehen ganz kleiner Stellschrauben ein Szenario loszutreten, das im Thriller-Genre seinesgleichen sucht. Und das geht so: Es ist Wochenende. Björn hat seiner Frau hoch und heilig zugesagt, sich um seine kleine Tochter zu kümmern. Ein Bewährungswochenende. Und was fällt dem Psycho Dragan ein? Pures Chaos und die sofortige Anweisung an seinen bezahlten Retter, ihm sofort beizustehen. Natürlich verbunden mit Drohungen für Leib und Leben.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Es wird doppelt eng für Björn. Die Kombination aus Ehe- und Dragan-Stress ist nicht zu bewältigen. Außer man wendet das frisch im Achtsamkeits-Seminar erlernte Wissen auf beide Bereiche an. Ehe und Mafia. Einatmen-, ausatmen. Die Überschriften seiner Therapiesitzungen werden zum Mantra seines Handelns und zugleich zu den Headern der einzelnen Kapitel dieses Hybrid-Romans.

– Entspannungsdreiklang
– Zeitinseln
– Singletasking
– Digitales Fasten
– Absichtsvolle Zentrierung
– In-sich-hinein-lächeln und
– Innerer Widerstand

werden zu Wegweisern in einem Unterhaltungs-Thriller, den man sein Leben lang nicht vergessen wird. Versprochen. Was eigentlich für die Ehe gedacht ist, wird auf die Mafia umgemünzt. Atemübungen und Zentrierung helfen dabei, wenn zeitgleich Dragan im Kofferraum verschmort. Ein entspannter Badeausflug mit seiner Tochter wird erst zu einem richtigen Spaß, wenn man die Perspektive wechselt und ganz besonnen die Zeit mit dem lieben Töchterchen mit Dragans Zeit im Glutofen des Kofferraumes vergleicht.

Und während ich Emily alle halbe Stunde mit Sonnenschutzfaktor 50 einsprühte, heizte sich Dragans Kofferraum, vor dem Haus in der prallen Sonne stehend, auf 59,7 Grad auf.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Auch das Problem der Beseitigung der Leiche löst sich viel leichter, wenn man sich die Lehren der Achtsamkeit vor Augen führt. Klar, dass sich unser guter Anwalt mit der Ermordung eines Killers eine Kette weiterer Ärgernisse einhandelt, denen er sich in der Folge zu stellen hat. Karsten Dusse greift dabei Themen auf, die man zu keiner Zeit auf der Liste hat. Ihm gelingt mit seinem lakonisch-ironischen Stil der Spagat zwischen der Realsatire und dem bluttriefenden Thriller. Es geht echt hart zu. Keine Frage. Hier wird mit Stromstößen gefoltert, geprügelt und gehäckselt. Hier finden sich alle Zutaten eines echten Thrillers. Aber es finden sich eben auch alle Elemente, die wir benötigen um im schallenden Gelächter zusammenzubrechen. Brutalität und Komik gehen hier eine sehr achtsame Symbiose miteinander ein, von der jede Seite profitiert.

Wie es Karsten Dusse gelingt, eine in sich geschlossene Story vorzulegen, die bis zu ihrem grandiosen Ende perfekt funktioniert? Das muss man selbst lesen oder hören. Wie er es schafft, das organisierte Verbrechen mit dem Betrieb einer Kindertagesstätte in Einklang zu bringen, ist nicht nur einmalig, sondern persifliert die Realität in nie zuvor erlebter Weise. Ich lache jetzt noch.

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Achtsam morden von Karsten Dusse

Absichtsvolle Zentrierung

Ich habe Karsten Dusses Regelwerk der Achtsamkeit beherzigt. Ich habe mich auf die Hörbuchfassung des Romans konzentriert. Einerseits konnte ich so verhindern, die Seiten eines Buches mit Lachtränen zu durchnässen und andererseits kam ich in den Genuss des Vortrags von Matthias Matschke. Man kennt den Schauspieler als Bruder von Bastian Pastewka in der gleichnamigen Fernseh-Serie „Pastewka“. Wenn man je von einer Idealbesetzung für ein Hörbuch sprechen konnte, dann hier. Wenn man von einer kongenialen Adaption eines Schreibstils in das gesprochene Wort träumen durfte, dann hier. Matthias Matschke spricht diesen Thriller nicht, er lebt ihn. Lakonisch und in jeder einzelnen Situation so tiefgründig lustig, dass es dem Buch die Krone aufsetzt.

Achtsam morden von Karsten Dusse war für den Deutschen Hörbuchpreis 2020 in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ nominiert. Dies ist dem intelligenten Roman und der grandiosen Sprecherleistung geschuldet. Der Sieg in dieser Kategorie war sehr verdient. Herzlichen Glückwunsch zur Meisterleistung dem Team Dusse / Matschke!

Achtsam morden von Karsten Dusse - Astrolibrium

Das Kind in mir will achtsam morden von Karsten Dusse

Ach ja. Wer achtsam Blut geleckt hat. Es geht weiter. Im Mai erscheint: „Das Kind in mir will achtsam morden„. Das Kind im Mann fordert seine Rechte ein. Vorfreude pur.

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Muss ein Literaturblogger unpolitisch und neutral sein? Ist Literatur unpolitisch? Oder muss sie ihre Finger in die Wunden gesellschaftspolitischer Probleme legen, auf Missstände hinweisen und sich zum Sprachrohr der Sprachlosen erheben? Ist es nicht gerade die wesentliche Aufgabe der Intellektuellen und Künstler, mit ihren Mitteln dafür zu sorgen, dass relevante Themen nicht unter den Tisch gekehrt werden? Nein, ich bin in jedem meiner Artikel politisch, meine Grundwerte sind die Basis meiner Rezensionen und die hier vorgestellten Bücher werden auf dieser Werte-Waage abgewogen und für wichtig, unwichtig oder überlebenswichtig erklärt. Ich bleibe mir treu und wähle mir die Bücher aus, an denen ich mich reiben kann, die meinen Horizont erweitern und die es zu lesen gilt, will man auf der Höhe der Zeit nicht in den geistigen Sinkflug geraten.

So war es nur logisch, dass ich die satirische Streitschrift von Dave Eggers nicht nur lesen, sondern auch hören musste. „Der größte Kapitän aller Zeiten“ schlug in den Vereinigten Staaten hohe Wellen. Von Majestätsbeleidigung war hier die Rede, von einem Anschlag auf die höchste Autorität des Landes, von einer Terrorattacke auf den Präsidenten der USA. Was war geschehen? Was hatte der Romanautor Dave Eggers in seinem neuesten Buch in Umlauf gebracht? Er, der Autor, der sich immer wieder mit gesellschaftskritischen und auch sozial-politischen Themen auseinandersetzt, dem man aber nie den gezielten Angriff auf einen Akteur des aktuellen Zeitgeschehens vorwerfen konnte. Hat er wirklich Donald Trump satirisch durch den literarischen Kakao gezogen und ihn damit weltweit der Lächerlichkeit preisgegeben? Ja, er hat. Und wie!!!

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Hierzu wählt Dave Eggers ein Bild, eine starke Metapher aus, die sich allen Lesern in aller Deutlichkeit erschließt. Er verwandelt die Vereinigten Staaten von Amerika in ein riesiges Kreuzfahrtschiff, das seit ewigen Zeiten auf den Weltmeeren unterwegs ist. Mit Tausenden von Passagieren an Bord hat man die unruhige See besiegt, Kriege und Stürme überstanden und gilt als absolutes Vorzeigeboot für ein intaktes Gemeinwesen. Wäre nicht der scheidende Kapitän, der „Admiral“, von Bord gegangen um auf einer idyllischen Insel seinen verdienten Ruhestand zu verbringen, die Glory wäre wohl weiter auf ihrem gewohnt sicheren Kurs geblieben. So jedoch musste ein würdiger Nachfolger gefunden werden. Jemand, der in der Lage wäre ein solch gewaltiges Schiff mit seinen Passagieren sicher über die Weltmeere zu navigieren.

Spätestens hier greift die fatale eggers´sche Metaphorik. Es ist unvermeidlich, dass nicht der qualifizierteste Anwärter gewählt wird, sondern die größte Nulpe an Bord, die sich einen Spaß daraus macht, mit leeren und provokanten Thesen das Ruder an sich zu reißen. Schon hier haben wir uns in der Story verfangen und müssen unser Lesen oder Hören mehrfach unterbrechen, weil wir uns vor Lachen kaum konzentrieren oder auch nur näherungsweise halten können. Wir werden an den Wahlkampf von Donald Trump erinnert, sehen das atemlose Erstaunen in den Gesichtern der Entsetzten, aber auch den grenzenlosen Jubel jener, die endlich mal was Neues probieren wollen. Jeder Satz von Dave Eggers trifft ins Schwarze, jedes Bild funktioniert und gemessen an der heutigen Realität gewinnt die Satire stündlich an Sprengkraft.

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Ich bekomme das Bild vom Kapitän mit der wetterempfindlichen gelben Feder am Hut nicht mehr aus dem Kopf. Dabei wird er den Ansprüchen der Passagiere schnell gerecht. Er krempelt alles um, verspricht das Blaue vom Himmel und wirkt souverän und selbstbewusst, als wisse er, was er tut. Und was er nicht hinbekommt (also alles, was es braucht, um ein gigantisches Schiff zu steuern oder zu navigieren), wird dem Größten Kapitän aller Zeiten von seinen treuen Gefolgsleuten eingeflüstert. Man muss kein allzu intimer Kenner der US-amerikanischen Regierungskreise sein, um die von Dave Eggers beabsichtigten Ähnlichkeiten mit den handelnden Personen der Trump-Administration zu erkennen. Wegbereiter, Wegbegleiter und geheime Einflüsterer werden schonungs- und rücksichtlos entlarvt. Bis hin zur geheimnisvollen Stimme aus dem Lüftungssystem die dem Kapitän mit Ratschlägen zur Seite steht. (Sein Chefberater Stephen Miller ist hier brillant getroffen). Nie zuvor war die Stimme aus dem Off so herrlich überzeichnet und so real zugleich.

Dave Eggers spannt seinen Satirebogen über alle relevanten Themen der Zeit. Der Rassismus an Bord blüht auf, Ausgrenzung wird zur Machtbasis, Fakenews regieren im Wechsel mit widersprüchlichen Anweisungen. Sexismus hat Hochkonjunktur und nichts ist dem „Größten Kapitän aller Zeiten“ heilig. Kritiker werden beseitigt, und die eigene Familie wird bei der Vergabe wichtiger Positionen maßlos bevorzugt. Dave Eggers hat nicht nur den Kapitän im Visier. Er beschreibt auch, warum dieses System funktioniert und wie die Passagiere an Bord der Glory wirklich ticken. Es ist nicht so sehr die Angst vor dem Kapitän, die uns zunehmend in Panik versetzt, sondern die Willfährigkeit jener, die das alles sogar noch gut finden. So funktioniert Populismus. Ohne Resonanzkörper wäre das nicht möglich. Hier legt Dave Eggers die Finger in die Wunden der gesamten Nation. Aus einer Satire wird eine bitterböse Utopie, die sich an der Realität reibt.

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

Eine treffende und entlarvende Satire, in der sich der Autor nicht darauf beschränkt, den Istzustand seines Landes auf die literarische Schippe zu nehmen. Nein, mitnichten. Er geht einen bedeutenden Schritt weiter und präsentiert die anderen Kapitäne, die auf den Weltmeeren ihr Unwesen treiben. Er erzählt die Geschichte bis zum bitteren Ende. Ein Ende, das vielleicht ein wenig Hoffnung macht, aber auch zeigt, in welcher Gefahr man wirklich schwebt, wenn man einem Populisten blindlings folgt. Diese Satire kommt mit 125 Seiten aus. Eggers braucht nicht mehr Raum. Er versenkt den Pott mit einigen gezielten Volltreffern und lässt uns ratlos zurück. Jede aktuelle Nachricht aus den USA lässt das Bild vom „Größten Kapitän aller Zeiten“ aufleben. Das wird man nicht mehr los.

Im Hörbuch ist es Matthias Matschke , der uns zwei Stunden und 37 Minuten lang in der vollständigen Lesung zu Passagieren der Glory macht. Wer sonst könnte uns diese Geschichte so intensiv näherbringen, wie der Gewinner des Hörbuchpreises 2020 in der Kategorie beste Unterhaltung. (Achtsam morden lässt grüßen). Diese Stimme ist systemrelevant für diese Satire. Matschke läuft zur Höchstform auf, wenn er Sprachrohr eines Autors wird, dessen Stilmittel durch Überzeichnung der Realität zur Kunstform im Sturm der Zeit mutiert. Allein der (mit Verlaub) Schwanzvergleich des aktuellen Kapitäns mit seinem Vorgänger ist hörenswert… Das kann nur Matthias Matschke:

„NOCH WAS ÜBER MEINEN P-NES:
VIEL BESSER ALS DER VOM VORHERIGEN KAPITÄN!“

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

In diesen Tagen kursiert ein Text im Internet, in dem Donald Trump mit dem Kapitän der Titanic verglichen wird. Zugegeben, eine wirklich einfallsreiche und lustige Idee, die sich allerdings die Kritik gefallen lassen muss, dass sie die reale Gefahr verharmlost. In „Der größte Kapitän aller Zeiten“ wird klar, dass die eigentliche Bedrohung nicht von außen kommt. Man hat den Eisberg längst an Bord der Glory und ihm sogar noch das Kommando übertragen… 

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Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers - AstroLibrium

Der größte Kapitän aller Zeiten von Dave Eggers

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog