(Rezi-Shortcut) Samuel Selvon – „Die Taugenichtse“

Der Rezi-Shortcut bei AstroLibrium:  Die Taugenichtse von Samuel Selvon

„The Lonely Londoners“, so der Originaltitel des Ro­mans von Samuel Selvon, ist Rhythmus pur. Sprach­lich repräsentiert er den Sound der Einwanderer aus der Karibik, die in London versuchen ihr Glück zu finden. Inhaltlich wird er den Menschen gerecht, deren Streben nach einer besseren Zukunft mit dem Verlassen der Heimat und einem Neustart in einem völlig un­gewohn­ten Kultur­kreis beginnt. Die Taugenichtse nimmt nun in deutscher Übersetzung von Miriam Mandel­kow erstmals diese Sprach­melodie auf, zu der Samuel Selvon erst fand, nachdem er fest­stellte, dass er der Erzähl­stimme nur Gehör verschaffen konnte, wenn sie nach Trinidad und Jamaika schmeckt.

Lassen wir alle uns bekannten biografischen Fakten beiseite, dann würden wir mit aller Über­zeugungs­kraft davon ausgehen, dass dieses Buch erst vor ein paar Wochen geschrieben wurde. Es liest sich dynamisch, frisch, zeitlos und unglaub­lich modern. Es zieht seine Leser in einen rhyth­mischen Bann, der verdeut­licht, wie fremd man sich im Herzen des British Empire fühlen kann, wenn man in Bezug auf Sprache und Hautfarbe nicht der stereo­typen Vor­stellung eines typischen Engländers entspricht. Dieser Roman ist so schwarz wie seine Prota­gonisten und so lebensfroh wie eine Sommernacht in der Karibik. Was schert mich die Zukunft, wenn ich jetzt lebe? Ein Lebens­rausch wird zum Mantra der „Taugenichtse“.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Berücksichtigen wir alle biografischen Fakten, dann wissen wir, dass dieser Roman bereits 1956 in England publiziert wurde und sein aus Trinidad stammender Verfasser Samuel Selvon seit 1994 nicht mehr unter den Lebenden weilt. Dieses Wissen verhilft uns lesend zu der Erkenntnis, dass die verwendete karibische Sprach­melodie zu ihrer Zeit bahn­brechend gewesen sein muss und der Schrift­steller als literarische Hebamme einer englischen National­sprache mit völlig neuer Klangfarbe und Iden­tität fungierte. Es ist das London der Nach­kriegs­jahre, das sich mit einer Flut an Einwanderern aus dem gesamten Common­wealth konfrontiert sieht. Und genau in der wörtlichen Über­setzung dieses Empire-Gedankens liegt die An­ziehungs­kraft Londons für die Menschen aus der Karibik.

Der gemeinsame Wohlstand zieht die Erfolglosen, Träumer und Idea­listen an. Die Legenden vom besseren Verdienst, der guten Arbeit und dem auf der Straße liegen­den Reichtum tritt Welle um Welle der Emigranten­flut los und London wird zum heiligen Gral ihrer Flucht. Der „Wohlstaat“, so formuliert es einer der Pro­ta­gonisten wartet genau auf ihn. Und wenn man schon aus einer britischen Kolonie in das Mutterland der Sehn­sucht kommt, dann erfüllen sich alle Hoffnungen. Schade ist nur, dass neben den Emi­granten aus der Karibik auch halb Indien auf dem Weg nach London war. Und so galt es sich in die Schar der Nicht­skönner und Tauge­nichtse ein­zureihen, die zur Aus­beutung auf dem umkämpften Markt der Knochen­jobs wie geschaffen war.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Und so lernen wir sie kennen. Moses, den Brückenkopf aus Trinidad weil er schon so lange in London lebt und großherzig jedem Neuen mit Rat und Tat zur Seite steht. Bart, der das nächtliche London auf der Suche nach der geflüchteten Geliebten durchstreift, Tolroy, der ei­gent­lich nur seine Mutter aus Jamaika erwartet, dann aber seiner ganzen Familie gegen­über­steht. Cap, den Le­bens­­künstler, der sich selbst und der Welt beweist wie weit man kommt, wenn man acht Pfund mehrmals aus- und wieder verleiht. Lewis, der von Eifer­sucht getrieben seine Frau durchs Leben prügelt, als befände er sich noch in der Karibik. Und weitere Exoten ihrer ganz eigenen Art, die zum Leben erwachen, als in London der Frühling Einzug hält. Hier erfinden die Menschen sich selbst, ihre Heimat und das „Zentrum der Welt“ neu und hinter­lassen Spuren, die bis heute zu sehen sind.

Samuel Selvon slangt sich durch seinen Roman. So­ziale Unter­schiede prägen das Leben der Neuen in London, aber sie beginnen ihre neue Stadt ebenso zu prägen. Ein wundervoll skurriler Roman über ver­schro­bene und sym­pathische Menschen, die alles nicht so schwer nehmen, wie man es ihnen macht. Und wenn der Hunger die Finanzen übersteigt, dann werden in London die Tauben knapp. Lesen­swert und lieben­swert. Im Kontext der heutigen Dis­kussion über Menschen mit Mi­grations­hinter­grund ein Beweis für die Tatsache, dass jeder Flucht eine Flucht voraus­ging und jeder Flucht eine weitere folgte und folgen wird. Und trotzdem steht London auch noch heute. Ganz ehrlich.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Nachtrag…

Alleine und auf sich gestellt, so empfand ich die Men­schen aus der Karibik, denen ich in London begegnete. Lebens­künstler allesamt. Herzens­menschen von Gefühl und Sehn­sucht getrieben. Tauge­nichtse waren sie aus Sicht der Anderen. Für mich sind sie immer „The Lonely Londoners“.