[Dechiffriert] “S – Das Schiff des Theseus”

S - Das Schiff des Theseus - Die Rezension

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension

Bilder pflastern unseren Weg. Bilder eines Buches, wie es die Welt bisher noch nicht gesehen hat. Bilder eines mysteriösen schwarzen Schubers mit wertvollem Inhalt. „S – Das Schiff des Theseus“ des Autoren-Duos J.J. Abrams und Doug Dorst besticht in seiner gesamten Konzeption. Der vermeintliche Autor V.M. Straka ist ebenso fiktiv, wie die Tatsache, dass es sich bei diesem Roman um eine entwendete Bibliotheksausgabe handelt. Einzigartig scheint, was die beiden Autoren hier gewagt haben. Ehrgeizig und vielschichtig.

Die Beilagen zum Buch entfalten ein reichhaltiges Kaleidoskop aus Fotos, Briefen, einem Campus-Lageplan auf einer Serviette, Zeitungsschnipseln, Postkarten und einer Dechiffrierscheibe. Und damit nicht genug. Als hätten ein paar schreibwütige Teenager das Buch als Poesie-Album verwendet, finden sich auf fast allen Seiten handschriftliche Randbemerkungen in unterschiedlichen Farben, manchmal mit kleinen Zeichnungen verziert und mit krakeligen Verbindungslinien garniert.

Dies ist mein dritter Artikel über dieses epochale Gesamtkunstwerk. Ich habe mich der Originalausgabe genähert, bevor die deutsche Fassung vorlag, zog mich dann in den ruhigen Tagen zwischen den Jahren mit der Übersetzung aus dem KiWi-Verlag zurück und versuchte das Lesen in vollen Zügen zu genießen. Bisher habe ich viel über die reinen Äußerlichkeiten geschrieben, über das haptische Gefühl, ein solches Buch besitzen zu dürfen, über mein ritualisiertes Lesen, um ihm gerecht zu werden.

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension - Die Shakespeare Frage

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – Die Shakespeare Frage

Heute geht es ans Eingemachte der Theseus. Und zwar schrittweise in den kleinen Häppchen, die den Roman zu einem unvergesslichen Leseereignis machen.

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_9

Vorbemerkungen des Übersetzers

Noch bevor man die Tür zum eigentlichen Roman öffnet, betritt man im Vorwort des Übersetzers F.X. Caldeira die Vorhölle zum Roman „Das Schiff des Theseus“. Hier werden die Grundlagen zum Gesamtverständnis des gesamten Werkes gelegt und hier finden sich die ersten klaren Hinweise, womit wir es eigentlich zu tun haben. Caldeira bezeichnet sich als einzigen Weggefährten eines Schriftstellers, dessen wahre Identität das größte Geheimnis der Weltliteratur darstellt. Nur zu vergleichen mit der alten Frage nach der Identität Shakespeares, durchziehen auch hier Legenden und Spekulationen die Welt der Literatur. Wer ist V.M. Straka?

Auch F.X. Caldeira kann diese Frage wohl nicht beantworten, weist aber in allen Fußnoten zum Roman (und das sind echt unglaublich viele) auf mögliche Optionen hin. F.X. Caldeira selbst ist wohl der größte Anhänger Strakas, kennt dessen Denken und Schreiben wie das Eigene und hat außer ein paar Nachrichten und handschriftlichen Manuskriptseiten keine Ahnung, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Übersetzer und Autor sind sich nie persönlich begegnet und nun folgt mit „Das Schiff des Theseus“ der anscheinend letzte Roman aus der Feder von V.M. Straka.

Und der ist unvollendet. Wohlgemerkt. Denn das zehnte und letzte Kapitel liegt nur in Teilen vor und Caldeira selbst hat es im besten Sinne V.M. Strakas vollendet. Quasi als Liebeserklärung an jenen Autor, dem das ganze Übersetzer-Lebenswerk diente. Und genau hier setzt der doppelte Zerrspiegel des gesamten Buches an. Wem es letztlich gelingt, hinter die Fassade von F.X. Caldeira zu blicken, der erkennt schnell, was dieser Liebesdienst in Wahrheit bedeutet. Bewegend.

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_6

Der Roman

Die eigentliche Story ist brillant erzählt. Der namenlose Protagonist, nur -S genannt, ist auf der Fahndung nach sich selbst. Verwirrt und völlig desorientiert macht ihm sein Gedächtnisverlust die Suche nicht leichter. Er zermartert sich das marode Hirn, woher er kommt, wer er eigentlich ist und welcher Mission er zu folgen scheint. Denn, dass er ein Ziel hat ist absolut unbestreitbar. Hier schwingt die Suche nach der Identität des Autors unmittelbar in die Handlung und schon ergeben Vorbemerkungen und Roman eine Handlungseinheit unter der Überschrift „Identität“.

Einzig verbindendes Element ist das Schiff, auf dem sich unser Suchender immer wieder findet. Eine geheimnisvolle Schebecke, die ihn zu seinen Einsätzen bringt. Zum Schweigen verurteilt ist die Mannschaft, zum Handeln verdammt ist unser Protagonist ohne Erinnerung: -S. Die Zeitebenen wechseln, einige Begegnungen scheinen nicht linear zu verlaufen und die Weggefährten auf dem gefährlichen Weg begleiten ihn mehr zufällig als geplant. Nur eine Frau namens Sola lässt -S nicht mehr los. Ihr gilt seine Leidenschaft, so unerreichbar fern sie auch immer sein mag. Und doch ergibt dieses wahllose Muster einen Sinn.

Es gilt, den Blick vom Kleinen auf das große Ganze zu lenken. Es gilt das Schiff als Konstante zu akzeptieren und die Besatzung als Ansammlung wechselnder Ruderer im Lauf der Geschichte. Der Roman ist ein gelungener und sehr tiefgründiger Aufruf zum immerwährenden Kampf weniger Aufrechter gegen Waffenhändler und Kriegstreiber. Ein Fanal der Verzweiflung und eine Chronik des Widerstandes unter dem Zeichen von „S“. Ein Manifest der Auflehnung gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Diktatur.

S - Das Schiff des Theseus - Die Rezension - AstroLibrium

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – AstroLibrium

Das Schiff des Theseus“ als philosophisches Theorem ist hier von grundlegender Bedeutung. Wechselt man alle Planken eines Schiffes aus, ist es dann immer noch das gleiche Schiff oder hat es seine Identität verloren? Geheimgesellschaften basieren auf dem gleichen Leitmotiv. Die einzelnen Beteiligten sind auswechselbar. Die Idee bleibt. Der Gegner bleibt gleich. Das Schiff fährt immer weiter. Als die Schebecke zum ersten Mal greifbar in der Weltgeschichte vor Anker geht, fallen dem Leser angesichts eines Attentats in Sarajewo die Schuppen von den Augen.

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_4

Die Randbemerkungen

Auch hier begegnen wir zwei Suchenden, für die der Inhalt des Romans eine andere Bedeutung hat. Der Straka-Forscher und gescheiterte Doktorand Eric begegnet der Studentin Jen am Rande der Geschichte. Zufällig. Handschriftlich und im Verborgenen. Das Buch ist die Konstante in ihrer noch sehr jungen Geschichte. Eine Geschichte des gemeinsamen Lesens und der intensiven Suche nach Hinweisen im Buch, die auf die wahre Identität des Autors schließen lassen. Dieses große Rätsel wollen viele lüften. Ein Wettkampf mit den Literaturwissenschaftlern der eigenen Universität entbrennt.

Der Buchtausch zwischen den beiden wird mehrmals täglich vollzogen, ohne sich zu begegnen. Zahllose Randnotizen finden hier zusammen. Fragen führen zu weiteren Fragen. Antworten lösen Spekulationen aus. Auch hier verläuft der Kontakt nicht linear, denn die unterschiedlichen Farben der Notizen zeigen die verschiedenen Zeitebenen, in denen sie ihren Weg in den Roman fanden.

Die Suche nach V.M. Straka ist gefährlich, befindet man sich doch auf der Spur des kryptischen Geheimnisses, das der gesamte Roman verbirgt. Erst die Annäherung an den Übersetzer F.X. Caldeira bringt mehr Licht ins Dunkel. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Botschaft dieses Buches. Ein vielfacher Kampf um die Erkenntnis, was wahre Identität heute bedeutet.

S - Das Schiff des Theseus - Die Rezension - AstroLibrium

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – AstroLibrium

Dass Eric und Jen von Seite zu Seite immer mehr zueinander finden, die Distanz zu bröckeln scheint und erste zarte Begegnungen ihre Spuren hinterlassen, verleiht der theoretischen Ebene nun zusätzliche emotionale Dynamik. Das Sich-Finden mit Worten ist verzweifelt romantisch. Die Momente des Alleinseins im Buch werden zu den großen Sehnsuchtsmomenten des Lesens. Und von Seite zu Seite reift die Erkenntnis, auf der richtigen Spur zu sein. Randnotizen, die viel mehr sind als das. Hand in Hand verwoben mit der Handlung des Romans und mit der Suche nach Wegmarken im Stil des Autors, dessen Geheimnis man lüften möchte. Und ganz nebenbei eine zarte Liebesgeschichte der besonderen Art.

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_3

Die Fußnoten

Fußnoten pflastern den Weg von F.X. Caldeira. Versteckte Hinweise, Codes und Geheimnisse ranken sich um diese kleinen Texte. Pro Kapitel sind Rätsel zu lösen, die nur ein einziges Ziel verfolgen. Es ist die verzweifelte Suche eines Übersetzers nach seinem Schriftsteller. Es ist der letzte und verzweifelte Versuch der Kontaktaufnahme mit dem Verfasser des Romans. Es ist der geheime Schrei nach einem Lebenszeichen. Diese Fußnoten zu lesen ist nicht leicht. Sie sind auch nicht für unsere Augen bestimmt. Das erschließt sich, wenn wir am Ende des Romans am Rad gedreht haben.

Die Fußnoten stellten die größte Herausforderung in der Übersetzung des Originals dar. In ihnen verbergen sich Codes, die oft über Buchstabenfolgen oder Jahreszahlen, bezogen auf eine Kapitelüberschrift, einen Lösungssatz ergeben. Wenn man also diese Überschrift eines Kapitels ins Deutsche übersetzt, funktioniert der englische Code nicht mehr. Es mussten also auch viele Jahreszahlen in den Fußnoten geändert werden, um die Rätsel lösbar zu machen. Aber keine Sorge. Im Buch übernehmen das Jen und Eric für euch. Sie haben es drauf. Unterschiede US / DE… Ein Beispiel zu Seite 255.

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_10

Die Beilagen

Alle Karten, Zeitungsschnipsel und Fotos machen dieses Kunstwerk authentisch. Da, wo wir fast die Haftung verlieren, reißen sie uns zurück in die Handlung und da, wo Randbemerkungen nicht mehr ausreichen, finden wir Briefe, die uns die Augen öffnen. Aus dem Grenzgang der theoretischen Betrachtung wird ein greifbarer Weg, dessen Zeugen wir geworden sind. Die Kommunikation zwischen Jen und Eric setzt sich auf dieser Ebene fort und spätestens wenn wir die persönlichen Zeilen von F.X. Caldeira finden, wird auch das Ende greifbar.

Als ich letztlich an der Dechiffrierscheibe drehte, in Google-Mapps versank und zum Navigator an Bord der Theseus wurde, traf mich die letzte Erkenntnis wie ein Schlag. Drei Ebenen finden zusammen. Drei Schreie nach Liebe, drei individuelle Suchen, drei Wege münden in die eine ewige Botschaft, ohne die Leben nicht möglich ist. Nur einer dieser Wege scheint sich jedoch vollenden zu können. Jen und Eric sind dem Buch weit voraus. Ich habe es ihnen so sehr gewünscht.

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_1

Mein Fazit.

Lesen. Alles lesen. Jedes Wort. Auf jeder Seite. Alles ergibt einen Sinn. Alles wird zum Muster. Zeitebenen werden verständlich und greifbar. Sehnsucht und Widerstand finden sich. Die ewige Suche nach der Identität ist facettenreich und oft nicht ganz zu beantworten. Die tiefgründigen Randbemerkungen mutieren zum Buch im Buch und die Suchenden werden zeitlos suchen. Mit uns an ihrer Seite. Mit den magischen Worten, die nur eine Scheibe preisgibt. Sie bleiben haften.

Ein absolutes Lebensbuch. Es verdient die ungeteilte Aufmerksamkeit, einen ruhigen Leseplatz und tiefe innere Bereitschaft, sich in alle Ebenen fallenzulassen. Es verdient aufmerksames und aktives Lesen. Es verdient Stunden zu zweit in diesem Buch. Es befreit von Zwängen linearen Lesens und zeigt, wie brillant Bücher sein können. Eine Liebeserklärung an das Buch an sich und an die ewige Frage nach der Suche nach sich selbst.

Gebt dem „Schiff des Theseus“ eine Chance. Gebt ihm die Zeit, die es einfordert und bleibt ihm bis zum Ende treu. Dann setzt sich auch euer Geist aus den neuen Planken dieses Schiffes zusammen und ihr bleibt doch die Alten. Nur wird sich euer Horizont erweitern. Ich habe mich an Bord gefühlt, wie der intime Kenner eines Autors, der unter verschiedenen Pseudonymen schreibt. Ich habe mich lesend gefühlt, als würde ich in unterschiedlichen Büchern nach seiner Existenz fahnden. Als würde ich Lebenszeichen fernab der klaren Identität suchen. Ich habe mich gefühlt, als könne nur ich das Rätsel um V.M. Straka lüften. Ein großes Gefühl.

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_7

Folgt mir an Bord und kapert mein Schiff! Lasst uns reden oder Randbemerkungen austauschen, die sicherlich gar keine sind. Es sind Liebeserklärungen im besten Sinne des guten Lesens. Ahoi.

Ab jetzt auch bei Literatur Radio Bayern hörbar:

S - Das Schiff des Theseus - Mit einem Klick zum Bordradio

S – Das Schiff des Theseus – Mit einem Klick zum Bordradio

PS: Wer die beiden folgenden Links anklickt ist selbst schuld. Aber ich stelle gerne die letzte Erkenntnis meines Lesens zur Verfügung. a) Ich habe am Rad gedreht und b) Der fehlende Code und das letzte Geheimnis. Ich habe euch gewarnt.

S - Das Schiff des Theseus - Die Rezension - AstroLibrium

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – AstroLibrium

Advertisements

„S – Das Schiff des Theseus“ – Lesend ins neue Jahr

S - Das Schiff des Theseus - Lesend ins neue Jahr

S – Das Schiff des Theseus – Lesend ins neue Jahr

Es ist ein alter, aber gut begründeter Aberglaube, den ich hege und pflege. Der Start in ein neues Jahr ist für mich schon seit jeher mit dem Buch verbunden, das mich auf diesem Weg begleitet. Ich erkenne ein Muster in meinem Lesen, das sich auf magische Art und Weise auf mein Leben auswirkt. So wie das Lesen im neuen Jahr beginnt, so wird auch das Jahr selbst. So hat sich seit langer Zeit ein liebes Ritual entwickelt, dem ich nur zu gerne folge.

Ich wähle das erste Buch des neuen Jahres ganz gezielt aus. Es soll mich fesseln, beschäftigen und zum aktiven Lesen bringen. Es soll ein wichtiger Wegbegleiter werden und mich für alle Zeiten an einen Jahreswechsel erinnern. So war es und so wird es immer bleiben. Manche Bücher hebe ich mir für genau diesen Zeitpunkt auf und ich bin mit dieser Lesensweisheit sehr gut gefahren. Viele gute Bücher haben viele gute Jahre eingeläutet. Und so manche große Enttäuschung hat sich in der Vergangenheit wie ein roter Faden durch so manche Epoche meines Lebens gezogen.

Insofern ist diese Auswahl ein ganz besonderer Vertrauensbeweis, den ich einem Buch entgegenbringen kann. Wie ein gutes Orakel, wie gelegte Tarot-Karten, so gelingt es mir immer wieder, mir die Bücher zu legen und aus dem Stapel der ungelesenen Schätze genau denjenigen auszuwählen, der mich auf der Welle eines neuen Jahres trägt und mit dem ich dann verbunden bleibe, wenn es darum geht zurückzublicken. Und 2016 beginnt mit einem buchigen Paukenschlag, den ich mir lange aufgespart habe. Genau für diesen magischen Moment. Ich gehe an Bord….

S - Das Schiff des Theseus - Lesend ins neue Jahr

S – Das Schiff des Theseus – Lesend ins neue Jahr

S – Das Schiff des Theseus von J.J. Abrams und Doug Dorst hat mich bereits im April des vergangenen Jahres in der US-amerikanischen Originalfassung begeistert und mir dabei doch gleichzeitig meine Grenzen sehr deutlich aufgezeigt. Der Roman ist eine absolute Liebeserklärung an das Buch an sich. Es besteht aus einem eigenständigen Plot, der von zwei Lesern mit unzähligen handschriftlichen Anmerkungen kommentiert wird. Dabei steht der Roman selbst gar nicht im Mittelpunkt, sondern der geheimnisvolle Verfasser V.M Straka, um den sich unzählige Gerüchte ranken.

Hat es ihn je gegeben? Wer hat ihn je zu Gesicht bekommen? Warum hat er sich niemals in der Öffentlichkeit gezeigt und was ist mit ihm geschehen, nachdem „S – Das Schiff des Theseus“ (sein letzter Roman) erschienen ist? Diese existenziellen Fragen bewegen die Studentin Jen und den gescheiterten Doktoranden Eric, eben diesem V.M. Straka auf die Spur zu kommen. Es scheint ein sehr gefährlicher Weg zu sein, dem sie folgen, da V.M. Straka sich zeitlebens viele Feinde gemacht hat. Dieser Weg verbindet beide wie ein magisches Band und sie beschließen, dem Geheimnis zu folgen.

Und so, wie sie ihre Spuren im Buch hinterlassen, prägt sich der eigentliche Roman tief ein. Mehrere Ebenen verlaufen auf verschiedenen Zeitachsen mal parallel und mal konträr zueinander, was das eigene Lesen auf eine extreme Probe stellt. Und nicht nur das. Dieses literarische Gesamtkunstwerk eignet sich nicht dazu, es mit auf die eigenen Reisen durch den Tag zu nehmen, da es mit Beilagen gespickt ist, die der Authentizität der Handlung Nachdruck verleihen. Ansichtskarten, Fotos, Zeitungsausschnitte, Briefe, Rechnungen und eine Dechiffrierscheibe für Geheimcodes befinden sich im Buch und spielen eine gewaltige Rolle.

S - Das Schiff des Theseus - Lesend ins neue Jahr

S – Das Schiff des Theseus – Lesend ins neue Jahr

Diese Rahmenbedingungen haben mein Lesen in der Originalfassung nicht gerade beschleunigt. Es fehlte mir an der ruhigen Phase im Leben, um vollends in den Roman einzutauchen. Mir fehlten die Momente, mich ungestört in dieses Buch zurückzuziehen und stundenlang auf Lesereise zu gehen. Kurzum, ich legte ein erschreckendes Tempo vor. Nur drei Seiten am Tag und irgendwann siegten die neuen Bücher über den Willen, bei der Stange zu bleiben. Aufgeschoben heißt jedoch nicht aufgehoben und nachdem die deutsche Ausgabe des Buches endlich in meinen zitternden Händen lag, war völlig klar, welches Buch mich über die Schwelle zum neuen Jahr tragen sollte.

Mein Leseplatz wurde liebevoll vorbereitet, mit Stiften, neuer Kladde und Notizpapier versehen und schon konnte es im zweisprachigen Abgleich beider Schiffe losgehen. Ein rituelles Lesen, das nun enorm an Zugkraft gewann, vom inneren Zusammenhang der Genussstunden profitierte und ein deutsches „Schiff des Theseus“ in dem ich endlich und in aller Tiefe vor Anker gehen konnte. Mein Leseweg stand dabei für mich seit dem ersten Blick in die Originalfassung fest.

Seite für Seite wollte ich mich vortasten. Zugleich den Roman als auch die Notizen der beiden Menschen zu lesen, die mich auf diesem Weg begleiten würden. Das lag für mich auf der Hand, da diese beiden Ebenen so sehr miteinander verwoben sind, dass die Zusammenhänge verloren gehen könnten, wenn man sie voneinander trennt. Schon nach den ersten intensiven Seiten sah ich mich in meinem Weg bestätigt, dem ich auch jetzt noch folge. Ich befinde mich während ich diesen Artikel schreibe an der Seite des geheimnisvollen Passagiers eines maroden Schiffes, der verzweifelt darum kämpft, sich wieder an sein Leben zu erinnern. Und zeitgleich verfolge ich die wilden Mutmaßungen und Recherchen von Jen und Eric über den ebenso geheimnisvollen Autor V.M Straka.

S - Das Schiff des Theseus - Lesend ins neue Jahr

S – Das Schiff des Theseus – Lesend ins neue Jahr

Dieses Lesen ist nur mir der Fahrt in einer gut gefüllten S-Bahn zu vergleichen. Während ich gebannt versuche, der eigentlichen Romanhandlung zu folgen, sitzen mir zwei wildfremde Menschen gegenüber, die sich ununterbrochen über genau das Buch unterhalten, das ich gerade lese. So fühlen sich die handschriftlichen Kommentare von Jen und Eric an. Und genau hier liegt auch die Magie dieser Wegbegleitung verborgen. Es entwickelt sich scheinbar ganz am Rande der Seiten eine ganz eigene Geschichte mit zwei Protagonisten, die es faustdick hinter den Ohren haben. .

Sie sind sich nie persönlich begegnet und fühlen sich doch aus unterschiedlichen Gründen vereint in der Leidenschaft zur Literatur und dem Streben, das Geheimnis um V.M. Straka gemeinsam zu lüften. Sie treffen sich nicht, telefonieren nicht, sondern haben ihren ganz eigenen Weg der Kommunikation gefunden. Sie schreiben einander. Keine Emails oder Briefe. Sie unterhalten sich am Rande der Seiten des Romans. Handschriftliches wird zu Berührungspunkten zweier Menschen, die sich selbst ebenso verloren haben, wie der geheimnisvolle Reisende im „Schiff des Theseus“.

Die Frequenz der Kommunikation ist hoch. Mehr als 40 Anmerkungen finden pro Buchtausch-Aktion ihren Platz im Roman und in den jeweiligen Antworten liegen bereits neue Fragen begründet, die in der nächsten Tausch-Runde zu klären sind. Es ist mehr als spannend, den beiden Buchliebhabern zu folgen und ihren ganz besonderen Dialog zu erlesen. Der eigentliche Roman tritt hier in den Hintergrund. Es geht ihnen viel mehr um das große Geheimnis des Schriftstellers V.M. Straka. Und ganz nebenbei lernen wir zwei Menschen kennen, die das wohl romantischste Medium entdeckt haben, um sich einander anzunähern. Das Buch.

S - Das Schiff des Theseus - Lesend ins neue Jahr

S – Das Schiff des Theseus – Lesend ins neue Jahr

Während ich also noch tief im „Schiff des Theseus“ versunken bin, pflastern meine Aufzeichnungen den Weg meines Lesens. Mosaiksteine fügen sich langsam zu einem komplexen Bild und doch bleibt immer noch vieles im Dunkeln. Der Sog ist gewaltig und die vom Buch ausgehende Magie ist ein Erlebnis für sich. Aus der wohl beabsichtigten Verwirrung werden zwei rote Fäden, die für das Verständnis des großen Ganzen immer wichtiger werden. Es fällt mir sehr schwer, mich mitten in der Nacht von beiden Büchern zu trennen, sie in ihren Schubern zur Ruhe zu betten und sie am nächsten Morgen ganz vorsichtig aufzuwecken.

Ich würde gerne ohne Unterbrechung lesen, um meine Spuren nicht zu verlieren. Ich würde gerne den eigentlichen Autoren auf der eigens für mich ausgelegten Spur folgen, ohne meine Augen zu schließen. Ich würde so gerne lesen bis zum Umkippen. Einfach lesen, schreiben, lesen und dann wieder über mein Lesen schreiben. Ein langer Weg liegt noch vor mir und am Ende steht dann nach zwei Artikeln über dieses einzigartige Buch die Rezension. Ich habe schon viele Ideen, wie sie aussehen soll. Aber zuvor gilt es Das Schiff des Theseus zu beenden.

Dem Verlag Kiepenheuer und Witsch ist nicht nur der perfekt übersetzte Klon der Originalausgabe gelungen. Die Umsetzung ist in ihrer Qualität perfekt, die Beilagen entsprechen den Originalen und die Verarbeitung des Buches ist in der Wertigkeit kaum zu überbieten. Darüber hinaus ist es jedoch gelungen, den im Original oftmals schwer lesbaren, leicht verblasst wirkenden handschriftlichen Notizen von Jen und Eric mehr Kontrast zu verleihen. Es liest sich angenehmer. Ich würde gerne weiterschreiben, aber ich muss lesen… Ich mag wieder eintauchen. Erneut versinken und dann werde ich klar sehen.

Am Ende eines Buches, das für mich immer mit diesem Neujahrslesen verbunden sein wird… Ihr könnt meinem Weg folgen… hier…! Frohes neues Lesen.

Update 10. Januar ´16: You`ll never read alone… 

S - Das Schiff des Theseus - Lesend ins neue Jahr

S – Das Schiff des Theseus – Lesend ins neue Jahr

Es folgt, was noch folgen musste. Ein letzter Landgang. Ich habe am Rad gedreht und Doug Dorst und J.J. Abrams dechiffriert. Ein finaler Artikel: Die Rezension

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_8

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension

[Originalausgabe] „S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Coming Soon

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Coming Soon

„S“ hat eine weite Reise hinter sich. „S“ hat es durch den Zoll geschafft und ist in einem schweren Buchpaket bei mir angekommen und „S“ hat es in sich. Im wahrsten Sinne des geschriebenen Wortes, denn „S“ ist ein bahnbrechendes Buch, ein Erlebnis und eine literarische Sensation. Ein perfektes Leseabenteuer für alle Sinne. Und doch wirft es schon erste Fragen auf, bevor man überhaupt in der Lage ist die erste Seite der englischen Originalausgabe zu lesen.

Denn „S“ lässt sich nicht öffnen. Nicht ohne Schere.

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Problem Nummer 1

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Problem Nummer 1

„S“ ist versiegelt. Eine geheimnisvolle Banderole verhindert, das Buch einfach so aus dem hochwertigen Schuber zu befreien und darüber hinaus stimmen Schuberaufdruck und Inhalt nicht miteinander überein. Denn statt „S“ aus dem Verlag Canongate Books Ltd. beinhaltet er „Ship of Theseus“ von einem gewissen V.M. Straka von Winged Shoes Press, New York. Und nicht nur das. Ein unscheinbarer Aufkleber lässt darauf schließen, dass man es keinesfalls mit einem neuwertigen Buch zu tun hat, sondern mit einer Bibliotheks-Ausgabe aus dem Jahr 1949. Ein gebrauchtes Buch? Ist „S“ Betrug?

Es hilft nichts. Die Banderole muss mit einem sauberen Schnitt aufgetrennt werden, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. „S“ ist frei…

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Problem Nummer 2

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Problem Nummer 2

Die ersten Befürchtungen bewahrheiten sich, denn als die Banderole fällt, gleitet ein gebundenes Buch aus dem Schuber, das ich sicherlich nicht bestellt habe. Zugegeben, es macht einen hervorragenden Eindruck, dafür dass es im Jahr 1949 gedruckt wurde. Aber es ist eben definitiv nicht „S“. Garantiert nicht. „Ship of Theseus“ heißt der alte Schinken und der Aufdruck auf der Banderole „Was auf dem Wasser beginnt, wird dort enden. Und was dort endet wird eines Tages wieder beginnen“ lässt nun eher auf einen maritimen Roman schließen, als auf das bestellte Wunderwerk

Am besten, ich öffne „S“ einfach mal, denn in mir schwelt ein weiterer Verdacht!

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Problem Nummer 3

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Problem Nummer 3

War ja so klar. Und ich hatte es schon im Gefühl. Schon auf der ersten Seite sind die unverkennbaren Spuren der Vorbesitzer dieses Buches zu finden. Sie haben allzu deutliche Spuren hinterlassen und scheinen einen Riesenspaß dabei gehabt zu haben, sich am Rande des Textes flächendeckend, sowohl über den Inhalt, das Buch selbst und Privates auszutauschen. In flüssiger Handschrift und mit unterschiedlichen Stiften wird hier über die Herkunft des Werks gestritten und man scheint sich gegenseitig im Lesen des Straka-Textes anzufeuern. Na klasse.

Eine geklaute Universitäts-Ausgabe aus der Laguna Verde Library hat man mir da wohl angedreht. Ich beginne vor Wut zu kochen und kann kaum glauben, dass ich auf diesen Trick mit dem geheimnisvollen Werk hereingefallen bin. Aber irgendwo müssen doch Spuren zu finden sein. Ich betrachte den leeren Schuber.

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Problem Nummer 4

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Problem Nummer 4

Hier merke ich dann sofort, dass etwas mit meinem Verdacht nicht stimmt. Der Schuber ist ein absoluter Hingucker, mit viel Liebe und viel Aufwand hergestellt. Und hier finden sich auf der Rückseite erste Hinweise, dass nichts so ist wie es eigentlich zu sein scheint. Das alte Buch im Inneren ist Absicht und auch der abweichende Titel gehört wohl zum Konzept des Autorenduos J.J. Abrams und Doug Dorst. Und dieses Konzept erschließt sich mir langsam in allen Details.

Wobei sich mir primär die wichtige Frage stellt, wie ich diesen Schuber behandeln soll, damit er seinen Glanz behält. Der große Buchstabe „S“ glänzt und mag alles, nur keine Fingerabdrücke. Das wird sicher eine riesige bibliophile Herausforderung, denn ohne Schuber kann man „S“ nicht mitnehmen. Das geht gar nicht! Denn…

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Problem Nummer 5

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Problem Nummer 5

“S” ist ein “doppeltes literarisches Trojanisches Pferd”. Der Schuber ist die äußere Hülle, in der sich der erste Trojaner namens “Ship of Theseus” verbirgt. Natürlich ist auch dieses Buch von den beiden Autoren verfasst, die mit V.M. Straka einen fiktiven Schriftsteller und sein Werk einen großen Teil der Geschichte erzählen lassen. Doch dieses Buch stellt nur eine weitere Hülle für das eigentliche Geschehen dar, denn die Randbemerkungen, die sich zweistimmig durch das gesamte Werk ziehen und die unzähligen Beilagen, wie Fotos, Postkarten, Zeitungsschnipsel, Briefe und gar eine beschriebene Serviette ergeben in ihrer Gesamtheit das eigentliche Buch im Buch. Ein Trojanisches Pferd im Bauch eines Trojanischen Pferdes. Erzählräume auf der Meta-Ebene der Fiktion.

Was die alles entscheidende Frage aufwirft, wie man dieses Buch überhaupt lesen kann. Rein technisch gesehen natürlich, denn ich lese gerne unterwegs und wenn man das “Ship of Theseus” aufschlägt, dann…

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Problem Nummer 5

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Problem Nummer 6

… hat man ihn. Den Buchsalat. Denn mit einer ungeschickten Lesebewegung kann es schon zu spät sein und die liebevoll einsortierten literarischen Artefakte fallen aus dem Buch und ohne Anleitung dürfte es schwerfallen, die wichtigen Beilagen wieder an Ort und Stelle zu bringen. Ich bin schon jetzt mehr als gespannt, welche Rolle sie im Roman spielen werden. Sie legen schon auf den ersten Blick Zeugnis ab und können für den geübten Buchdetektiv wichtige Indizien sein.

Hier das Verzeichnis der Beilagen – Originalausgabe
Hier das Verzeichnis der Beilagen – Deutsche Ausgabe

Ich hatte ein solches Gesamtkunstwerk bisher noch nicht in meinen Händen und werde den Sprung in die unterschiedlichen Erzählräume wagen. Ich werde mich in aller Tiefe treiben lassen und kann es kaum erwarten, „S“ zu entschlüsseln. Wobei ich doch sehr hoffe, dass ich…

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Problem Nummer 7

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Problem Nummer 7

… die Dechiffrierscheibe nicht benötige, die „S“ im Gepäck hat. Aber es wird schon seinen Sinn haben, dass ich sie im Buch gefunden habe. Ob sie der Schlüssel zum Geheimnis von „S“ ist oder hilft mir der Titel „Ship of Theseus“ weiter, bevor ich mit dem Lesen beginne? Könnte sein, denn Theseus und sein Schiff sind ein Synonym für die Suche nach der eigenen Identität.

Der Held der griechischen Mythologie ließ einst sein Schiff erneuern. 1000 Planken wurden durch neue ersetzt und Theseus schipperte in die Welt. Der Werfteigner jedoch ließ die 1000 entfernten Planken wieder zu einem neuen Schiff zusammensetzen. Und zwar in der identischen Position, die sie zuvor im Schiff des Helden hatten. Daraus leitet sich die ewige Frage ab, welches Schiff jetzt das Schiff von Theseus ist? Eine Frage, über die man sehr lange diskutieren kann und die heute als das Theseus-Paradox die Philosophie der doppelten Identität prägt.

Warum ich davon erzähle? Kiepenheuer & Witsch ist gerade dabei, S in seiner Verlagswerft zu erneuern. Es gilt, Seite für Seite auszutauschen und in unsere Sprache zu übersetzen, die Artefakte zu drucken, Servietten und Fotos anzufertigen und dies in der Hoffnung, die ursprüngliche Identität von „S“ zu bewahren. Der Stapellauf ist für den 8. Oktober 2015 geplant. Ob er gelingt? 

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Hier geht es bald weiter

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Hier geht es bald weiter

Wir werden sehen. Ich steige jetzt in die Originalfassung von „S“ ein und genieße mein Lesen. Und natürlich werde ich von meiner ganz persönlichen Fahrt an Bord des Schiffes von Theseus berichten. Leinen los… Richtungsweisendes Lesen.

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Die Übersetzung liegt vor.

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Das Lesen geht weiter – Ein Klick genügt

Am Ende stehen das zelebrierte Lesen zwischen den Jahren und ein letzter Artikel, in dem Doug Dorst und J.J. Abrams dechiffriert werden… Auch hörbar

S_Das Schiff des Theseus_Die Rezensio_AstroLibrium_2

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – AstroLibrium