„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur

„Die Nachtigall“ – Mit Kristin Hannah im besetzten Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah - AstroLibrium

Die Nachtigall von Kristin Hannah – AstroLibrium

Wie kann ich am Anfang beginnen, wenn alles, woran ich denken kann, das Ende ist?

Historische Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund stehen derzeit hoch im Kurs. Wenn man sich als Autor jedoch einer Epoche verschreibt, die in der tragischen Dimension eine besondere Relevanz für die heutige Zeit hat, dann sind gute Recherche und Authentizität die wesentlichen Parameter, die jenseits aller Fiktionalität zu beachten sind. Die Geschichte zur bloßen Kulisse für den eigenen Romanstoff zu degradieren ist nur vertretbar, wenn eben diese Geschichte in sich selbst harmlos und unbedeutend ist.

Einen Roman im Zweiten Weltkrieg anzusiedeln und das von Nationalsozialisten besetzte Frankreich in den Mittelpunkt zu stellen ist literarisch gewagt, weil dieses historisch facettenreiche Thema differenziert zu betrachten ist. Ein kleiner Fehler in der Plausibilität der beschriebenen Rahmenbedingungen schadet nicht nur der Geschichte, sondern ist auch in der Lage, dem sensiblen Gedenken an die Opfer nicht mehr gerecht zu werden. Letztlich führt es dazu, dass auch die fiktionalen Protagonisten im luftleeren Raum hängen und ein Roman ohne tragfähige Botschaft entsteht.

Kristin Hannah hat ihren Roman Die Nachtigall ganz bewusst in diesem Kontext angesiedelt und damit Rahmenbedingungen ausgewählt, die unveränderbar historisch verbrieft sind. Wenn man an die Jahre der deutschen Besetzung von Frankreich denkt, sind folgende Begriffe die brutalen Konstanten einer instabilen Zeit. Resistance, Flucht und Vertreibung der Zivilbevölkerung, Kollaboration, Repressalien, Willkür der Besatzer, Judenverfolgung und Deportation unter Beteiligung der französischen Vichy-Regierung und nicht zuletzt die Rolle der großen Religionen angesichts des Holocaust.

Die Nachtigall von Kristin Hannah - Das besetzte Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

Kristin Hannah tangiert in ihrem Roman jeden einzelnen dieser Themenbereiche. Der Spielraum für freie Interpretation ist klein und mein persönlicher Anspruch an ihren Roman ist hoch, wenn er sich von reiner kulissenhafter Unterhaltungsliteratur abheben möchte. Ich habe viel über diese Zeit gelesen. Ich habe über das besetzte Frankreich einige Artikel verfasst, die auf der Basis von Zeitzeugenberichten und Romanen zeigen, ob ein Roman wie „Die Nachtigall“ an der Oberfläche bleibt, oder sich mit Plausibilität und Tiefgang einer Zeit widmet, die gerade heute nicht vergessen werden darf.

Kristin Hannah trifft mit ihrem Roman, seiner Konstruktion und ihrer Sprache die Seele Frankreichs, weil sie keine gefährliche Klippe umschifft hat. Das Frankreich, von dem sie schreibt ist so authentisch und präzise, dass man sich bereits im ersten Kapitel des Romans fühlt, als wäre man von der Autorin in das Jahr 1939 versetzt worden. Ihre Geschichte zweier Schwestern ist historisch präzise-komplex und authentisch angelegt. Sie beschreibt die Stimmung eines ganzen Landes an der Schwelle zum Krieg mit dem Erzfeind Deutschland so bildhaft und greifbar, dass man sich vollends auf das Schicksal von Vianne und Isabelle konzentrieren kann.

Ihr Weg ist der Weg so vieler Frauen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges in einem zerrissenen Frankreich, das sich einerseits mit den Besatzern arrangiert, auf der anderen Seite jedoch in kleinen effektiven Widerstandsgruppen der Resistance widmet Vianne und Isabelle könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl sie Schwestern sind. Vianne, die Ältere von ihnen glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter steht für den Erhalt der Familie und alle Kompromisse, die man eingehen muss um sich zu schützen. Koste es was es wolle. Isabelle hingegen irrt ziellos durch ihr Leben. Widerspenstig und ohne jede Bindung ist sie in der Lage und bereit, alles in die Waagschale zu werfen, um gegen Unterdrückung zu kämpfen.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

So entwickeln sich die Lebenswege der Schwestern unterschiedlich, nachdem die Wehrmacht von Paris und halb Frankreich Besitz ergriffen hat. Viannes Ehemann gerät schnell in Kriegsgefangenschaft und so gilt es nun, allein auf sich gestellt zu überleben. Schnell quartiert sich ein deutscher Offizier im Haus von Vianne ein und die Ambivalenz aus Hass und Kompromissbereitschaft wird zum täglichen Begleiter. Isabelle findet ihre Bestimmung in den Reihen der Resistance. Widerstand – das passt zu ihr. Alles geben und selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen. Das ist ihr Weg.

Zwei Wege, die Vianne und Isabelle voneinander entfernen. Kristin Hannah gelingt es durch diese beiden Perspektiven zwei komplexe Erzählräume zu gestalten, die den Schrecken des Krieges zum hautnahen Leseerlebnis machen. Während Vianne an der Seite ihrer Tochter das Grauen der Okkupation, die sich täglich verschlechternde Lage in der Versorgung mit Lebensmitteln und die Eskalation der antijüdischen Gesetze auf dem Land erlebt, stürzt sich Isabelle in ein lebensgefährliches Abenteuer. Ihr gelingt es, abgeschossene alliierte Piloten auf geheimer Route über die Pyrenäen zu bringen und sie macht sich als „Nachtigall“ einen Namen in der Resistance.

Und doch verbindet die Schwestern mehr, als sie wahrhaben wollen. In Zeiten des Krieges und der Einsamkeit stellen beide fest, dass Lieben nicht geliebt werden dürfen, Gefühl zu gefährlich ist und man beharrlich lügen muss, um sich selbst und andere zu schützen. Die Vergangenheit und der Vater, der nie für sie da war, zehrt an beiden. Die Gegenwart zwängt sie in ein Korsett und nur langsam und mit fortschreitender Brutalität des Krieges gelingt es Vianne und Isabelle die Fesseln abzustreifen. Beide beginnen zu kämpfen. Nicht nur für ihr Land. Auch für sich selbst und ihre Freunde.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Kristin Hannah entwirft hier kein Roman-Panorama. Sie erzählt eine Geschichte, die sich tausendfach zugetragen hat. Sie blendet nichts aus. Sie zeichnet die Charaktere nicht in einfachen Gut-und-Böse-Klischées, sondern arbeitet sehr präzise heraus, was sich in den Zwischentönen einer Persönlichkeit abspielen kann. Ihr gelingt sogar, einen deutschen Besatzer im Hause von Vianne so differenziert zu skizzieren, dass Gefühle verständlich werden, die beide in dieser Zeit verbinden. Sprachlich fesselt die Autorin in ihrem Spagat zwischen romantischer Sichtweise, naiver Schwärmerei und knallhartem Realismus angesichts der Kriegssituation.

„Die Nachtigall“ ist eine literarische Herausforderung für alle Leser, die sich nicht mit Oberflächlichkeiten begnügen. Dieser Roman dringt in die Tiefe vor, schildert in aller Härte die Abgründe des menschlichen Geistes und seine Größe. Kristin Hannah gelingt es, Perspektiven zum Tragen zu bringen, die das Herz brechen und den Verstand ganz langsam um seinen Glauben an die Menschheit bringen. Die größte Leistung allerdings ist die Botschaft, die dieser Roman in aller Nachhaltigkeit vermittelt. „Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk.“ Diese nachhaltige Strahlkraft hätte ich dem Roman nicht zugetraut. Deshalb habe ich ihn auf Herz und Nieren geprüft, meine vielen Bücher über diese Zeit zurate gezogen und anhand dieser Referenzen mein Urteil über „Die Nachtigall“ gebildet.

Selten habe ich ein Buch so kritisch beleuchtet. Selten musste eine Schriftstellerin so große Hürden in meinem Lesen überwinden. Nur einige Werke möchte ich an dieser Stelle aufführen, um zu verdeutlichen wie ich zu meiner abschließenden Bewertung des Romans komme und warum ich ihm das Prädikat „besonders wertvoll“ verleihe. „Die Nachtigall“ vermag durch Spannung zu fesseln, durch den Erzählkosmos zu begeistern und so ganz gezielt Hintergründe zu vermitteln, die man sich nur anlesen könnte, wenn man einen ganzen Kosmos an Literatur zu dieser Zeit verschlingen würde.

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Die Nachtigallist so französisch authentisch, wie die „Suite Francaise“ von Irène Némirovsky. Jener jüdischen Schriftstellerin, die ihr Frankreich als besetztes Land so verzweifelt beschrieb, als könnten ihre Worte es retten, bevor sie selbst nach Auschwitz deportiert wurde und starb. „Die Nachtigall“ ist so erhellend, wie „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr, weil es die kindliche Hilflosigkeit in diesem Krieg so greifbar macht. Der Roman ist so bitter wie „Charlotte“ von David Foenkinos, weil er zeigt wie chancenlos jüdisches Leben damals nicht nur in Frankreich war. Der Roman ist relevant, weil er die Rolle der Religionen nicht ausklammert und wie Sonnenschein von Daša Drndić den Identitätsverlust geretteter Kinder thematisiert.

Und nicht zuletzt ist „Die Nachtigall so herzzerreißend, wie „Das versteckte Kind„, weil das Buch den Weg jüdischer Familien in den Holocaust begleitet. Und das in aller Härte und schonungslos. Darüber hinaus ist „Die Nachtigall“ so widerstandsfähig, wie „Der Finsternis entgegen“ von Arne Molfenter, der die grausame Brutalität der Nazis gegenüber den Angehörigen der Resistance beschreibt. Ich habe keinerlei Lücken im Roman von Kristin Hannah gefunden. Ich bin von diesem Buch überzeugt und empfehle es mit gutem Gewissen. Es ist in der Lage, Empathie zu wecken, gegen Gleichgültigkeit anzukämpfen und den Blick für die heutige Zeit zu schärfen. „Die Nachtigall ist keine Kulisse.

Wappnen Sie sich für dieses Buch. Es ist voller Überraschungen, Tragödien, Dramen und Hoffnung. Bestechend in seiner Konstruktion empfand ich den Rahmen, den Kristin Hannah um den gesamten Roman gespannt hat. Ein Rückblick auf die Ereignisse von einst. Ein Blick zurück auf zwei Leben, die durch Blut miteinander verbunden sind. Zwei Schwestern, die sich im Gedächtnis der Leser einen wichtigen Platz erobern werden. Aus wessen Perspektive dieser Rückblick und damit die ganze Geschichte erzählt wird, das gilt es selbst zu erlesen. Ich empfehle Taschentücher. Großes Kino. Großes Buch.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

Gestatten, Buck Schatz. [Der Alte, der die Rache liebte]

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - in Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

Liebe Leser, an dieser Stelle können Sie zu Hörern werden. Sie haben die Wahl. Ich lade Sie herzlich ein, mir bei Literatur Radio Bayern zuzuhören, oder einfach hier im Artikel zu bleiben… Zum Radiopodcast geht es hier entlangKugelsicher sollten Sie sein – in beiden Fällen!

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Kennen Sie das? Sie bewundern den Helden einer Krimireihe, folgen ihm durch seine Abenteuer, beneiden ihn für seine katzenhafte Schnelligkeit, seinen Ideenreichtum oder seine unglaubliche Stärke? Wem fällt da nicht James Bond ein, dem im Auftrag seiner Majestät schon der Ruf der Unverwundbarkeit vorauseilt?

Und wer schnauft nicht erleichtert durch, wenn es der viel umjubelte Kommissar am Ende des Falles wieder einmal allen so richtig gezeigt hat. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl weiblicher Agenten oder mutiger Detectives, denen weder ihre männlichen Kollegen, noch die Ganoven der Neuzeit das Wasser reichen können. Denken wir doch nur an die legendäre Smoky Barrett von Cody McFayden.

An diese wackeren Aufrechten im Kampf gegen die Kriminalität oder den Terrorismus haben wir uns gewöhnt. Mit ihnen können wir uns stets identifizieren, sie beneiden und mitfiebern. Und doch gibt es sie: Diese vereinzelten Charaktere, die einen ganzen Kosmos an Lebenserfahrungen in sich vereinen, durch ihre absolute Kaltblütigkeit und Kompromisslosigkeit bestechen und deren Gerechtigkeitssinn die gesamte Menschheit wie ein Grenzzaun beschützen soll. Koste es was es wolle.

Buck Schatz - Ein Portrait - Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

Buck Schatz – Ein Portrait – AstroLibrium und Literatur Radio Bayern

Ich möchte ihnen heute eine dieser mehr als schillernden Figuren vorstellen. Einen Protagonisten, der in seiner aktiven Zeit einer der populärsten Polizisten in den Straßen von Memphis war. Einen Detective, der zahllose Verbrechen im Alleingang und mit unkonventionellen Methoden aufklärte und nicht nur deshalb im entsprechenden Milieu gefürchtet war. Einen Polizisten, der seinen Schlagstock liebevoll „Feingefühl“ nannte und der von sich selbst sagt, dass er sein Feingefühl immer sehr großzügig zur Anwendung brachte.

Ich rede hier von Buck Schatz, dem Roman-Protagonisten aus der Feder von Daniel Friedman. Die Rede ist von jenem Buck Schatz, der nicht nur durch seine Kauzigkeit oder seine unnachahmlichen Sprüche Kultstatus erreicht hat. Nehmen wir zum Beispiel diesen hier:

“Ich mag meine Mitmenschen. Ich kann sie nur nicht ausstehen.”

Allerdings… um ehrlich zu sein… fällt Buck Schatz ein ganz klein wenig aus dem Raster der oben aufgeführten Ermittler, Agenten oder Polizisten, denn seine aktive Laufbahn liegt ein paar Tage hinter ihm. Er ist auch nicht mehr ganz so schnell, wie früher, aber man darf ihn einfach nicht unterschätzen.

Wenn er sich selbst beschreibt, kommen wir dem Menschen Buck Schatz schon ein wenig näher. Eigentlich kommen wir einer Persönlichkeit näher, die wir in einem Krimi so nicht erwartet hätten:

„George Orwell hat gesagt, dass jeder Mensch mit fünfzig das Gesicht hat, das er verdient. Er versäumte zu sagen, dass jeder Mensch mit achtzig ein Gesicht hat, das niemand verdient. Ich sah aus wie eine Wachsfigur nach meinem Vorbild, an der sich jemand mit einer Lötlampe versucht hatte.“

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - Ein Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

Es handelt sich um den wohl erstaunlichsten Ermittler, dem Leser in den letzten Jahren begegnen durften: BUCK SCHATZ.

Kettenraucher (Lucky Strikes stangenweise), ehemaliger Detective im Morddezernat und lebende Legende in der Stadt, die er vom organisierten Verbrechen befreit hat. Etwas nörglerisch, ein wenig zynisch und immer mit einem Fuß im Gefängnis, wenn er die Kriminalität mit ihren eigenen Waffen schlug.. ABER…

Nur… ähm… das ist nun vierzig Jahre her und Buck Schatz ist bereits 87 Jahre alt, als wir ihn im ersten Buch von Daniel FriedmannDer Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten kennenlernen und die einzige Angst, die ihn umtreibt lautet:

„Wie viel Zeit bleibt mir noch, bis ich einer dieser Zombies werde, die unten ohne durchs Pflegeheim tapern?“

Galt er früher als das lebende Vorbild für Clint Eastwood als „Dirty Harry“, so wird er in seinen zugegeben etwas langsameren Verfolgungsjagden heute nur noch von der Angst vor Alzheimer und Parkinson gejagt. Buck Schatz hat sich eigentlich zur Ruhe gesetzt… endgültig (aber nicht gänzlich unbewaffnet – das war er nie) und genießt den Lebensabend an der Seite seiner Frau. Ob seine Frau das auch so sieht könnte man angesichts seiner äußerst liebevollen Umgangsformen schon ein wenig bezweifeln:

“Wenn du wüsstest, Darling, was ich alles missachte. Missachtung hat bei mir nämlich Tradition.”

Allerdings hat sich Buck Schatz nicht selbst zu dem gemacht, was er heute ist. Hinter der Fassade des Zynikers verbirgt sich eine tiefe Lebensgeschichte, die andere Menschen schon lange gebrochen hätte. Kriegsgefangenschaft in einem deutschen Todeslager. Misshandlung. Folter. Qualen. Grauen und das endlose Entsetzen, als die Bewacher realisierten, dass der Vorname Buck von Baruch abgeleitet ist.

Er ist Jude. Buck überlebt die Misshandlungen durch den SS-Offizier Heinrich Ziegler nur durch Zufall. Unvergessen und auf ewig eingebrannt in seinem „MERKBUCH“ unter der Überschrift WAS ICH NICHT VERGESSEN WILL.

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - Ein Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

Ein Mann, getrieben von seinen Alpträumen, gepeinigt von der niemals bewältigten Vergangenheit und bewaffnet mit der Raffinesse eines explosiven Lebens kokettiert nun mit seinen Ausfallerscheinungen, öffnet Schließfächer nicht mit Sprengstoff sondern mit der Androhung einer Parkinson-Attacke und weiß in jeder Lage zu überraschen. Und doch trägt er innerlich schwer an seinem Leben. Und war der erste Roman aus der Feder von Daniel Friedman noch dominiert von der überraschenden Wirkung von Buck Schatz auf seine Leser, so erlaubt uns der Autor im gerade erschienenen Krimi Der Alte, der die Rache liebteeinen tiefen Einblick in das gepeinigte Seelenleben eines alten Mannes, der nichts mehr hasst, als erzwungenen Stillstand.

Daniel Friedmans Romane sind gespickt mit tiefen Hintergründen, die viel über die lebenslange Traumatisierung eines Mannes aussagen. Der Krieg hat Menschen zu dem gemacht, was sie heute sind… Das könnte auch für Buck gelten, aber es ist viel mehr der Verlust der Selbstbestimmung, der hier seinen langen Lebensweg brandmarkt. Er arrangiert sich nicht mit dem Älterwerden – das Leben selbst hat sich mit Buck Schatz zu arrangieren und unter der rauen Schale entdecken wir von Seite zu Seite einen tiefgründigen Grantler, der ans Leserherz wachsen muss.

Die kriminalistischen Hintergründe beider Bücher reichen ebenso weit zurück, wie die besten Tage des ehemaligen Polizisten, der in seinem Herzen immer noch auf der Jagd nach den ungeklärten Fällen seiner Vergangenheit ist. Die Fälle reichen zurück bis in die Konzentrationslager der Nazis. Sie holen ihn jetzt in der Gegenwart wieder ein und überraschen einen bettlägerigen Pflegepatienten, der nur mit Rollator langsam vorwärts kommt und der seine Physiotherapeutin mit einem diktatorischen Folterknecht vergleicht, in seinem Pflegeheim Walhalla. Wie bezeichnend. Und wenn sich Buck Schatz aus dem Bett erhebt, seine Daunenjacke anzieht um das Heim bei 40 Grad im Schatten zu verlassen, dann wissen nur wir, dass er diese Jacke nur deshalb trägt, weil er darunter bewaffnet ist, wie ein Sondereinsatzkommando der Elite-Polizei.

Nur: Buck Schatz ist gefährlicher und unberechenbarer.

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - Ein Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

Dirty Harry ist schon lange tot und Chuck Norris ist langweilig… Buck Schatz ist der Alterspräsident aller Ermittler. Klatschen Sie schön laut, wenn Ihnen die Bücher gefallen haben, der Knabe hört nicht mehr so gut! Und wundern Sie sich nicht, dass es zum Finale hin ein wenig brutaler wird. Dieses Leben ist nichts für Amateure. Es ist eins für einen knallharten Profi, der nicht mehr Autofahren darf, dem das Rauchen verboten wurde und für den Treppen unüberwindliche Hindernisse sind.

Und doch ist man ganz auf Seite, wenn er einen lange ungeklärten Fall gelöst hat und in seiner unnachahmlichen Art und Weise eine Krankenschwester um Hilfe bittet, und sagt:

Ich glaube, ich habe hier eine Schweinerei angerichtet!”

Daniel Friedman legt mit Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten und Der Alte, der die Rache liebte zwei in sich geschlossene und überzeugende Krimis in unsere Hände. Sollte man den Eindruck gewinnen, hier ginge es nur um einen etwas schrulligen Klugscheißer, der in hohem Alter noch mal so richtig durchstartet, dann liegt man falsch. Die Wirkung dieser Romane ist nachhaltiger. Die Intention des Autors ist komplexer und sein Protagonist ist einfach erfrischend anders. Buck Schatz – eine absolute Ausnahmeerscheinung auf dem Buchmarkt.

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