Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

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Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

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Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

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„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

„Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš - AstroLibrium

Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Wenzel Winterberg ist so alt, wie die erste Tschechoslowakische Republik. Er ist so alt, wie das Krematorium in Reichenberg, das er liebevoll „Feuerhalle“ nennt. Er ist so alt, dass er selbst schon Geschichte ist. 99 Jahre. Er ist unterwegs. Mit Zügen, weil er Busse und Autos nicht mag. Er orientiert sich an einem Baedeker Reiseführer aus dem Jahr 1913 (es ist die 29. Auflage Österreich-Ungarn). Er leidet an Geschichte, wird von historischen Anfällen heimgesucht und sein Weltschmerz ist einer der Wegbegleiter auf seiner letzten großen Reise. Er hat drei Ehefrauen beerdigt, weint der Frau nach, die er nicht heiraten konnte und die Schlacht von Königgrätz (1866) geht durch sein Herz. Sie ist sein Anfang und sein Ende. Das sagt er selbst…

Er sollte nicht hier sein. Nicht unterwegs. Nicht in diesem Alter. Er lag doch schon im Sterben. Bereit zur letzten Überfahrt ins Jenseits. Ein professioneller Begleiter stand bereit. Jan Kurz, Krankenpfleger, Steuermann und Sterbebegleiter. Navigator auf dem letzten Weg. Geschult darin, seine „Matrosen“ auf die andere Seite zu bringen. Wenzel Winterberg war schon an Bord. Fast tot. Im Dämmerzustand und tief eingetaucht in den Nebel der Geschichte. Berlin. Die letzte Station. Das stand fest. Doch dann machte der Steuermann einen verhängnisvollen Fehler. Er sprach mit dem Sterbenden, um ihn auf der Reise zu beruhigen. Er sagte einen unbedachten Satz, der alles veränderte. Einen Satz, der den Nebel der Geschichte lichtete und Winterberg aufwachen ließ…

„Es ist schon interessant. Sie heißen Winterberg und ich komme aus Winterberg, aus Vimperk in Böhmen, das früher Winterberg hieß.“

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Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš lässt Wenzel Winterberg nicht nur aufwachen. Das reicht ihm nicht. Er will mehr. Die Erzählungen aus der Heimat, die eigentlich nicht mehr zu ihm dringen sollten, haben den alten Mann reanimiert. Wie ein emotionaler Defibrillator wirkt es sich aus, was eigentlich für ein sanftes Hinübergleiten sorgen sollte. Wie ein Stromschlag in das verwundete Herz, sorgen die Worte des Sterbebegleiters dafür, dass sein Matrose die Augen öffnet und Antworten auf die unbeantworteten Fragen seines Lebens sucht. Nicht hier in Berlin und schon gar nicht im Sterbebett. Winterberg verweigert sich einer letzten Überfahrt. Er steht auf, erhebt sich und konfrontiert seinen Pfleger Jan Kurz mit der unerbittlichen Aufforderung, mit ihm gemeinsam aufzubrechen. Sich auf die Suche nach der ersten wahren Liebe zu begeben. Das Schlachtfeld zu besuchen, das ihm im Herzen brennt und dabei an alle Orte zurückzukehren, die sein Leben ausmachten.

Winterbergs letzte Reise“ wird zum emotionalen Road Trip zweier Männer, deren Vergangenheit schwer wiegt. Kein leichtes Reisegepäck. Jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Geheimes, Ungesagtes, Ungedachtes und Verdrängtes sind Ballaststoffe einer gemeinsamen Grenzerfahrung. Züge werden zur zweiten Heimat und der Redeschwall Winterbergs wirkt wie der dichte Nebel, der das Unausgesprochene gut verbirgt. Es ist nicht die klassische „sentimental Journey“ die man vielleicht erwarten könnte. Es ist die Reise unter dem Vorbehalt der Selbstfindung. Für beide Reisenden herausfordernd und belastend zugleich. Eine Reise durch die europäische Geschichte, der man sich lesend nicht mehr entziehen kann. Ein Psychogramm zweier Aussteiger, dem man nicht mehr widerstehen kann, sobald man die Reiseunterlagen von Jaroslav Rudiš in Händen hält.

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Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Wer hier an Ziemlich beste Freunde denkt, oder einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand vor Augen hat, der sollte besser „Winterbergs letzte Reise“ lesen und verstehen, dass Jaroslav Rudiš aus seiner skurril anmutenden Ausgangssituation alles gemacht hat, nur keine effektheischende Erzählung mit einigen gut durchdachten Anekdoten. Dieser Roman greift tiefer. Er berührt unterschiedlichste Wahrnehmungsebenen und besticht durch seine Bildhaftigkeit, die nichts metaphorisch Verbrämtes aufweist. Seine Bilder wirken in sich und für sich. Die Eisenbahn bleibt die Eisenbahn, die durch halb Europa verlegten Schienenstränge werden zu den wichtigen Brandbeschleunigern der Kriege und Vertreibungen. Feuerhallen sind Krematorien und überlagern nicht die eigentliche Geschichte, indem sie zu Sinnbildern verkommen. 

Wegmarken dieser Geschichte erzeugen ihre eigene Symbolik und schon nach ein paar wenigen Seiten fühlt man sich der kleinen Reisegesellschaft zutiefst verbunden. In vielen Kapiteln des Romans verleitete mich Jaroslav Rudiš dazu, seinen Roman kurz in die Leseecke zu legen und meine eigene Route für meine letzte Reise zu skizzieren. Er schafft es, seine Gedanken so weit tragen zu lassen, dass die Relevanz für das eigene Leben spürbar wird. Welche Orte machen mich aus, wo hat alles angefangen, wo sind Spuren zu finden, die mein Leben verändert haben, was geht mir durchs Herz? Welche Suche wäre die Suche meines Lebens und was ist mit meinen Erinnerungen? Lug und Trug oder Abbilder der Realität?

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Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Der Reiseführer aus dem Jahr 1913 hält uns vor Augen, wie sehr sich Europa in der Kürze der Zeit verändert hat. Wegbeschreibungen, Stadtpläne und Hinweise auf Sitten und Bräuche, Verhaltenstipps und Angaben zur Zusammensetzung der Bevölkerung in diesem Jahr scheinen heute aus der Zeit gefallen zu sein. Und doch zeigt genau dieser Baedeker auf, wie sich Geschichte auf uns auswirkt. Kriege ziehen Grenzen. Menschen flüchten, fliehen, werden vertrieben. Machthaber haben Macht und verlieren sie. Trottel allesamt. Zumindest aus Sicht von Wenzel Winterberg, für den die Etappen der letzten Reise zu Flashbacks der eigenen Vergangenheit werden. Zutiefst persönlich und doch zutiefst allgemeingültig. Jeder von uns hat seine Schlacht von Königgrätz, die für alles verantwortlich ist. Jeder hat eine Liebe, der er lebenslang folgt. Und jeder trägt Schuld mit sich herum. Fehler, die man nicht wiederholen würde.

Wenzel Winterberg ist anstrengend. Seine historischen Monologe und die endlosen Zitate aus seinem Reiseführer sind zermürbend. Sein Vorwurf, niemand blicke wirklich durch in der Geschichte, trifft tief. Dass sein Wegbegleiter an seiner Seite bleibt, grenzt an ein Wunder. Jan Kurz ist in seinem tiefsten Inneren auf einem eigenen Trip, der die beiden Männer mehr verbindet, als trennt. Auch bei ihm ist es eine Liebe, die das Herz zerbrach. Eine unmögliche Liebe. Die zu einer Matrosin, die er auf die andere Seite zu bringen hatte. Eine Überfahrt, bei der er alles verlor. Was das jüdische Mädchen Lenka Morgenstern für Wenzel Winterberg ist, das ist die sterbende Clara für Jan Kurz. Zwei Schlachtfelder. Zweimal Königgrätz. Verloren.

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Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš hat mit „Winterbergs letzte Reise“ einen inspirierenden Roman in mein Lesen gezaubert. Ich reiste mit ihm von Berlin über Leipzig nach Dresden. Fand mich in Prag wieder und erinnerte mich an meine eigene Reise vor einem Jahr. Selbst Königgrätz habe ich besucht, die Batterie der Toten gesehen und nie vergessen. Rudiš gelingt es, auf den weiteren Etappen Geschichte lebendig zu machen, obwohl sie aus einem Reiseführer von 1913 erzählt wird. Böhmen, Mähren, Österreich-Ungarn, Brünn, Budapest, Zagreb und Wien werden zu Stationen einer Reise, die Winterberg und Kurz zu den Wurzeln ihrer Vergangenheit bringen. Ein Road Trip der besonderen Art, der für beide Männer einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellt.

Sie finden ihre Antworten. Nicht in der Weltgeschichte, weil auch sie nur subjektives Erleben ist. Sie finden ihre Antworten in ihrer persönlichen Geschichte. Verstörend und privat. Vernichtend und viel zu lange viel zu gut verborgen. Jaroslav Rudiš weckt nicht nur die Reiselust in seinen Lesern. Er ermuntert uns, die Geschichte nicht als gegeben hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen. Und damit öffnet er uns auch die Augen für die Zukunft. Welche Geschichte, die alles verändert schreiben wir jetzt? An welche Orte werden Menschen in hundert Jahren reisen, welche desaströsen Schlachtfelder gehen ihnen dann durchs Herz? Schlachtfelder, die wir heute bestellen. Dank Jaroslav Rudiš weiß ich, wohin ich reisen würde und wen ich gerne bei mir hätte. Ein guter Gedanke.

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Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Stöpsel raus.
Luft raus.
Augen zu.
Gute Nacht.

Jaroslav Rudiš ist mit „Winterbergs letzte Reise“ nominiert für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse. Meinen hat er! Daumen sind gedrückt!

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Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš

Schloss aus Glas von Jeannette Walls (Buch und Film)

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Was geben wir unseren Kindern mit ins Leben? Sind unsere Lebensentwürfe gute Wegweiser oder versagen wir in unserer Vorbildfunktion? An welcher Stelle erweist es sich, ob wir die Weichen falsch gestellt und unsere liebsten Kinder aufs Abstellgleis der Gesellschaft manövriert haben? Fragen, die sich Eltern immer wieder stellen. Fragen, die sich auch in der Literatur widerspiegeln. Ich blicke selbst auf mein Elternhaus und die Lebensphilosophie zurück, die mir dort vermittelt wurde. Und gerade als Vater bin ich zutiefst gefesselt von Romanen, die Geschichten erzählen, die nie erzählt werden müssten, hätten sich Väter nicht so unverantwortlich und lebensfremd verhalten. Möge mein Weg in der Rückschau für meine Kinder nicht in einen solchen Roman münden.

Ich hoffe, ich habe ihnen niemals Luftschlösser gebaut. Ich hoffe, ich habe nicht in den Sand gesetzt, was ein solides Fundament braucht. Ich hoffe, ich war ein passabler Architekt für das Lebenshaus mit vielen bunten Zimmern, in denen sich meine beiden Kinder einrichten mussten. Ich hoffe, ich habe ihnen kein „Schloss aus Glas“ in den Himmel gemalt, ohne es jemals wirklich zu bauen. Ich kann es nur hoffen.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Rex Walls ist ein solcher Vater. Alkoholiker, Tagträumer, Lebenskünstler und sogar Vater von vier Kindern und Ehemann. Dieser Lebensentwurf passt zum egomanischen und lebensfremden Charakter seiner Frau Rose Mary. Keine Jobs, keine Einkommen und Träume von völliger Unabhängigkeit in einer kapitalistisch ferngesteuerten Welt im Kopf. Würden die realitätsfremden Eltern ihren Lebensentwurf für sich realisieren, alles wäre gut. Was sie ihren vier Kindern jedoch damit antun, erzählt uns Jeannette Walls in ihrem unfassbar eindringlichen Roman „Schloss aus Glas„. Autobiografisch ist der Roman mit Sicherheit, wenn wir jedoch denken, er sei die Generalabrechnung mit dem katastrophalen Elternhaus, dann haben wir uns getäuscht.

Denn abgesehen von allem Materiellen, von Stabilität und einem Zuhause, hat das junge Mädchen alles, was sich eine Tochter nur wünschen kann. Ihr Vater holt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sterne vom Himmel, liebt sie aufrichtig und bringt ihr vagabundierend in der freien Natur vielleicht mehr bei, als sie in einer Schule jemals gelernt hätte. Ihre Kindheit verläuft wie ein wilder Road Trip und ihr Klassenzimmer ist die Weite des Landes. Ein amerikanischer Traum, ein Rebellenleben, ein Ausstieg, der von den Walls konsequent gelebt wird. Zusammenhalt und gemeinsame Werte strahlen über ihrer Familie, die doch davon träumt, irgendwann sesshaft zu werden. Der Glaube und die Hoffnung an dieses Zuhause hält alles zusammen. Ihr Vater hat einen Plan, wie dieses Zuhause aussehen soll. Ein „Schloss aus Glas“ plant und zeichnet er für seine Familie. Ein Plan der immer nur ein leerer Traum bleiben wird.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Liebevoll beschreibt Jeannette Walls diese Momente der Geborgenheit. Für ihre Geschwister und sie könnte das Leben immer so weitergehen. Das kleine Glück dieser Familie liegt im Zusammenhalt und in der Zuneigung, die alles verbindet und übertüncht was fehlen könnte. Man besetzt leerstehende Häuser, stiehlt sich durch die Shops am Rand der Straßen und flieht vor der Vergangenheit des Vaters, die sie immer einholt, wenn sich das Leben gerade eine konstante Pause gönnt. Ohne Krankenversicherung zu leben bringt die Kinder in Lebensgefahr und selbst die schwer verbrühte Jeannette wird aus dem Krankenhaus entführt, um Geld zu sparen. Das Gleichgewicht kippt mit zunehmendem Alter der Kinder. Die Aussagen ihres Vaters verlieren den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und sein Alkoholismus tritt immer bedrohlicher zutage. Der Rausch des Vaters wird vom Essensgeld der Familie bezahlt.

Zerrissen zwischen Liebe und Zukunftsangst zieht Jeannette Walls im Alter von 17 Jahren die Notbremse. Jeden müden Cent hatte sie für sich und ihre Geschwister vom Mund abgespart. Gemeinsam entwerfen sie einen Fluchtplan. Als Jeannette flieht, lebt ihre ältere Schwester bereits in New York. Die Geschwister schaffen den Absprung und ein neues Leben beginnt. Jeannette macht ihren Schulabschluss, arbeitet sich bis zu einem Studium hoch und wird zu einer beliebten Klatsch-Kolumnistin des New York Magazine. Sie geht einen Weg, den ihre Eltern verabscheut hätten. Heirat, Einkommen und ein sicheres Zuhause. Wie ihre Geschwister findet sie ihr Glück. Als sie ihre Mutter jedoch in New York beim Betteln erkennt, bricht die Vergangenhei9t auch in ihr neues Leben ein. Das Schloss aus Glas zersplittert in der letzten Konfrontation mit Rex Walls.

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Hassliebe durchzieht diesen Roman, wie ein roter Faden. Doch in keiner Sekunde verleugnet Jeannette Walls die tiefe Beziehung zu ihren Eltern. Versöhnlich klingt der Roman nicht, allerdings auch nicht wie eine Anklageschrift. Was können Eltern ihren Kindern noch mehr antun, um gehasst zu werden? Wie mutig ist es, ein solches Buch zu schreiben und der ganzen Welt zu zeigen, woher man kommt und was man erleben musste, um sein kleines Glück zu finden? Der Roman wurde zum absoluten Bestseller. Kein Wunder, dass ihm schnell seine Verfilmung folgte. „Schloss aus Glas“ überzeugt mit einem grandiosen Aufgebot herausragender Schauspieler. Brie Larson, bekannt aus „Raum„, als Jeannette Walls spielt ebenso perfekt, wie Naomi Watts in der Rolle von Rose Mary, ihrer Mutter. Besonders gelungen jedoch ist die Besetzung der Kinder in der frühen Phase der Entwicklung dieser Geschichte.

Der bewegende Film adaptiert das Buch nicht nur, er macht es zum Kunstwerk auf der Kinoleinwand. Selten habe ich eine stimmigere, stimmungsvollere Verfilmung einer literarischen Vorlage gesehen. Selten habe ich so viele Leitmotive eines Buchs im Kino wiedererkannt und selten zuvor war ich im Kinosessel ebenso gefesselt, wie in meinem Lesesessel. Ich kann diesen Roman und seine Filmfassung nur empfehlen. Beides ist erhellend für Eltern, wichtig für unser Selbstverständnis und einfach ganz großes und emotionales Kino fürs Herz und den Geist. Lest und schaut. Und dann denkt über die Luftschlösser nach, denen wir so lange nachjagen. Denkt dabei an die Kinder, die von unseren Entscheidungen abhängig sind. Verbaut ihnen nicht mit den Traumgebäuden, die niemals Realität werden, den Weg zu ihren eigenen Schlössern..

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Wenn Kinder an den persönlichen Lebensentwürfen ihrer Eltern scheitern. Ein interessanter literarischer Aspekt, der zwei Romane auf besondere Weise miteinander verbindet. Ein weltfremder Vater spielt im „Schloss aus Glas“ von Jeannette WallsAtlantik Verlag, die wesentliche Rolle, während die ziellose Mutter namens Glass ihren Kindern in „Die Mitte der Welt“ von Andreas SteinhöfelCarlsen Verlag, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ein Aspekt, den ich aus Vatersicht beschrieb. Glas in beiden Romanen. Eine sehr brüchige und doch gleichsam magische Verbindung…

Schloss aus Glas von Jeannette Walls

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Ja, ich gestehe: Ich liebe Entwicklungsromane. Ich mag Geschichten, in denen sich der Protagonist im Laufe der Erzählung maßgeblich verändert, eine deutliche Wandlung erfährt und letztlich vielleicht sogar sein bisheriges Leben hinter sich lässt. So viele Beispiele könnte ich aufzählen, um die guten Entwicklungsgeschichten meines Lesens aufzuführen, die mich bewegt und berührt haben. Zuletzt hat Benedict Wells inVom Ende der Einsamkeit Maßstäbe gesetzt, wenn es darum geht, diesen Prozess des Reifens zu beschreiben. Und genau hier schwingt auch immer der Wunsch des Lesers mit, sich selbst in seiner eigenen, ganz realen Geschichte zu entwickeln.

Endlich erwachsen zu werden, den wahren Sinn des Lebens zu verstehen, am eigentlichen Point-of-no-Return eine Vollbremsung hinzulegen und dem Schicksal ein Schnäppchen zu schlagen. Wer will das nicht? Am Ende seines Weges für sich selbst erkennen, dass man seine eigene Richtung gefunden hat. Dies in Romanen erlesbar zu machen ist eine der größten Herausforderungen für jeden Autor. Die inneren Kämpfe seiner Hauptfigur müssen auch nach außen hin spürbar werden und das Wachsen oder Versagen bestimmen das gesamte Geschehen.

Von Eilis Lacey über Alva bis zu Sara Lindqvist reicht der Reigen der Figuren, die mich in den vergangenen Jahren geprägt haben. Ihre Entwicklung basiert auf der tiefen Einsicht, eigene Erlebnisse zu verarbeiten, Kraft und Energie daraus zu schöpfen und dadurch zu einer Persönlichkeit zu reifen, die für den Leser konturiert und greifbar wird. Entscheidend sind sowohl der beschriebene Abholpunkt als auch das erreichte Ziel in der jeweiligen Geschichte. Entwicklung ist kein passives „Sich-Treiben-Lassen“, sondern intensiv geprägt von aktiv erlangten Einsichten. Dann entwickle ich mich auch als Leser.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer (Atlantik Verlag) hat wirklich alles, was ein solcher Entwicklungsroman braucht. Er ist zwischen zwei völlig diametralen Welten angesiedelt und wirft seine Protagonistin Thaïs Leblanc durch ein einschneidendes Erlebnis aus ihrem ganz normalen Alltag. Und nach nichts anderem strebt unsere gute Thaïs. Normalität bis zur Bedeutungslosigkeit. Alltäglicher geht es nicht.

Doch dieser Alltag bekommt einen unschönen Riss, als die Großmutter von Thaïs verstirbt. Und diese alte Dame war nun wirklich weit weg von jeder Vorstellung, die man von Normalität nur haben kann. Sie war ein Zirkusstar, die unvergleichliche Madame Leblanc, eine schillernde Persönlichkeit bis zuletzt, die sich nach dem Tod von Thaïs` Eltern um ihre kleine Enkelin gekümmert hat. Und nun scheint es so zu sein, als habe die Unvergleichliche ihren letzten Auftritt bis ins letzte Detail choreographiert.

Der Bestatter ist bestens instruiert, das Testament hat sich die Verschiedene auf den eigenen Körper geschrieben, und in ihr glitzerndes Zirkus-Kostüm gehüllt wird aus der Verblichenen eine fundamentale letzte Botschaft an die erwachsene Enkelin. Und aus diesem Vermächtnis erwächst der Startschuss für eine Reise, vor der sich Thaïs wohl ihr ganzes Leben gefürchtet hat und im guten Versteck der Normalität darauf hoffte, niemals entdeckt zu werden.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Und schon findet sich unsere Thaïs nicht mehr nur als um ihre einzige verbliebene leibliche Verwandte Trauernde, sondern auf dem Sprungbrett der Erkenntnis, was die Vergangenheit vor ihr verborgen hielt. Werden ihr nun alle Fragen beantwortet, die sich ihr nie gestellt haben? Kommt sie ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur und lüftet die verblichene Großmutter in einem großen Finale das große Geheimnis um die wahre Herkunft ihrer Enkelin?

Welchen Sinn sollte es sonst haben, dass Thaïs sich plötzlich von Zirkusmenschen umgeben sieht, die mit ihr gemeinsam das Anwesen der Großmutter erben? Welchen Sinn sollte es haben, dass die kleinen Fetzen von Erinnerungen auf einmal eine neue Bedeutung bekommen? Welchen Sinn sollte die ganze Geheimniskrämerei haben, die sie elternlos auf den Weg in ihr eigenes Leben losgelassen hatte?

Peter Goldammer erzählt versiert, blumig und unglaublich unterhaltend. Er nimmt im Verlauf der Handlung auch sprachlich Fahrt auf und entführt nicht nur seine Leser, sondern auch seine Protagonistin auf einen Roadtrip durch Frankreich. Eine Reise, die nicht nur durch den Weg bestimmt ist, sondern zur Challenge wird, an deren Ende sie vielleicht erfährt, wer sie wirklich ist.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer geheimniskrämert ganz wunderbar. Er lässt Menschen in seinem Roman auftauchen, die nicht nur für sich stehen, sondern ganze Kulturen verkörpern. Zirkusmenschen und Zigeuner spannen behutsam ein neues Zelt über die Handlung des Romans. Sie errichten eine Manege und führen die Kunststücke auf, die sie bisher am Leben gehalten haben. Ein Zirkus der Überlebenskünstler, dessen Bilder uns Peter Goldammer ins Herz schreibt

Ich war tief im Roman verwoben, bin mit Thaïs durch Frankreich gehetzt, um ihr bei ihrer Suche zu helfen und wurde doch nicht warm mit dieser jungen Frau. Es war mir, als würde die Geschichte in aller Farbenfreude eine unglaubliche Entwicklung nehmen, die sich Thaïs selbst auf wundersame Weise verschließt. Ich fand nämlich keine der oben beschriebenen inneren Kämpfe, ich habe ihren Abholpunkt als kleine Verkäuferin in fester Beziehung als sehr schwammig empfunden. Ein blasses Bild, das nicht an ihr zerrt, keine Gewissenskonflikte auslöst und sie einfach treiben lässt.

Und genau so begegnete sie mir in der fortlaufenden Geschichte. Die Erkenntnis kommt zu ihr. Sie kommt nicht zur Erkenntnis. Thaïs ist mir bei der lebhaft erzählten Geschichte zu ruhig. Zu passiv und letztlich auch zu emotionslos. Ich hatte manchmal das Gefühl, sie rütteln und schütteln zu müssen, damit ich fühlen kann, was sie fühlt und ob sie fühlt. Subjektiv ist dieser Eindruck, das mit großer Sicherheit, aber ich lese subjektiv und ich hätte mir eine deutlich stärkere Protagonistin gewünscht. Emotionaler, zerrissener und eben eine, bei der man im Verhalten spürt, dass sie gerade dabei ist, sich ihr eigenes Leben zu erkämpfen.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer gelingt es mit „Der Zirkus der Stille Bilder von einem fahrenden Volk zu vermitteln, die bar jeden Vorurteils sind. Political incorrect muss man kein schlechtes Gewissen haben, den Begriff Zigeuner zu lesen und zu verwenden. Er ist hier definitiv nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt den kulturellen Hintergrund einer heimatlosen Minderheit am Rande der Gesellschaft. Ihr Umgang mit Trauer und Tod, ihre Fähigkeit, das Leben zu feiern und aus einem Wanderzirkus das ganze Leben zu machen, kommen hier zum Tragen. Wundervoll erzählt.

Das fehlende Konfliktpotenzial auf der Seite von Thaïs macht die Handlung für mich jedoch zu linear. An keiner Stelle muss man befürchten, dass sie plötzlich umkehrt, von ihrem eigentlichen Leben eingeholt wird, oder sich ganz bewusst entscheiden muss. Mir hat hier die Spannkraft bei der Flucht nach vorne gefehlt. Philosophisch gleicht Peter Goldammers Roman dieses Manko elegant aus. Ich wurde gut unterhalten und einige der Lebens- und Zirkusweisheiten, um die es hier im Kern geht, werden mich immer mit dem Buch verbinden.

„Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass meine Trauerzeit so viel kürzer war als die eines Border Collie, aber ich war eben kein Hütehund – wahrscheinlich doch eher das Gegenteil: eine Rumtreiberin, wie meine Großmutter.“

Ich dachte beim Lesen oft an Katarina Bivald und ihren Roman Ein Buchladen zum Verlieben. Hier wird eine Protagonistin aus ihrem Leben geschleudert, weil sie ein unerwartetes Erbe antritt. Nichts bleibt hier unverändert, alles droht bis zuletzt auf der Kippe zustehen und niemand kommt unverändert aus dieser Geschichte heraus. Am Ende meiner erlesenen Tour de France mit einem unvergleichlichen Zirkus würde ich mir gerne einen Roman über die unvergleichliche Madame Leblanc wünschen. Was für eine Persönlichkeit, die sich aus meiner Sicht viel zu früh mit einem brillanten finalen Auftritt verabschiedet hatte. Diesen Roman dürfte mir Peter Goldammer auf meinen Leib schreiben. Wäre das eine Idee?

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – AstroLibrium mit Border Collie

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt…“

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Der Zirkus der Stille” von Peter Goldammer in Verbindung stehen. Auch im Archiv von AstroLibrium wird man fündig. Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern ist ein wunderbarer Roman über die Magie unter dem Zirkuszelt.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer - Die Bücherkette

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Die Bücherkette