Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger - Astrolibrium

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Lesen und Essen haben viel gemeinsam. Beides ist mehr als lebensnotwendig, vom individuellen Geschmack der Konsumenten abhängig und in allen Darreichungsformen auf dem Markt erhältlich. So wie in der Literatur finden wir auch in der Philosophie der Zubereitung von Speisen die unterschiedlichsten Ansätze. Kantinenküche und Essen „To-Go“ für den schnellen Verzehr, die gute alte Hausmannskost, die dem Essen bei Muttern sehr nahe kommt; die Haute Cuisine, in der es neben der Sättigung auch auf die Bewertung mit Sternen ankommt und zuletzt die Molekularküche, einen Ansatz, in dem sich avantgardistische Köche eher experimentell den Prozessen der Zubereitung von Speisen widmen. Letztlich entspricht dieses Angebot natürlich der Nachfrage und letztlich entscheiden die Geschmacksnerven der Kunden über den Erfolg der Ansätze.

Was Leser und Esser vereint, ist ein gewisser Gewöhnungseffekt. Wir alle sind geprägt von unseren Erfahrungen und oftmals wenig experimentierfreudig. Es fehlt der Sinn fürs Moderne und Neue. Wir halten an den Rezepten unseres Lebens fest und so kommt es, dass wir allein beim Gedanken an ein 5-Sterne-Menü die Nase rümpfen. Es ist aber auch so, dass in Gourmetführern eher selten von Hausmannskost die Rede ist und wir in Mutters Küche keinen Stern finden. Bei renommierten Literaturpreisen ist es auch so. Wir finden dort kaum Bücher, die man als Unterhaltungsliteratur bezeichnen kann. Keine historischen Romane, keine Fantasy, keine Thriller. Es sind eher Romane, die – verglichen mit dem Genussessen – der Haute Cuisine zuzuordnen sind. Weshalb oftmals behauptet wird, sie würden am Geschmack des Kunden vorbeigehen. Dabei ist es gerade die Aufgabe dieser Auszeichnungen, sich auf die Suche nach dem Neuen, Unverbrauchten, Zukunftsweisenden zu begeben. Und ich denke nicht, dass dies etwas mit dem Begriff „ELITÄR“ zu tun hat.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Hier sind wir auch schon bei drei Literaturpreisen und einem Roman, der sich wie ein roter Faden durch die Shortlists dieser Auszeichnungen zieht. Dorothee Elmiger ist es gelungen mit ihrem Werk „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser Verlag), gleichzeitig für denDeutschen„, denSchweizer und den „Bayerischen Buchpreis“ nominiert zu sein. Ein Ausrufezeichen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Ein Prädikat, dem man sich als Leser nicht verweigern kann, und ein Berg von Vorschusslorbeeren, von dem aus die Schweizer Schriftstellerin wohl die spannendsten Momente ihrer Karriere beobachten kann. Genau hier greife ich auf den einleitenden Vergleich zurück, da es sich bei diesem Buch aus meiner persönlichen Sicht um ein avantgardistisches Werk handelt, das ich im philosophischen Ansatz als Molekularliteratur bezeichnen möchte.

Die Autorin verweigert sich einer linearen Erzählstruktur, befreit sich von formalen Zwängen und gelangt auf diese Art und Weise zu einer ganz eigenen Rezeptur für ihre Geschichte, die sich nicht in Genre-Schubladen pressen lässt. Als Leser fühlt man sich in den eigentlichen Prozess des Schreibens hineingezogen, integriert, als Augenzeuge der Gleichzeitigkeit der Ereignisse, die ein strukturiertes Vorgehen beeinflussen. Es ist ein Recherchebericht, wie ihn Dorothee Elmiger selbst an vielen Stellen ihres Textes zu bezeichnen weiß. Es ist ein Zeugnis einer literarisch Getriebenen, die immer wieder an den Punkt zurückkehrt, an dem dieser Prozess begonnen hat. Sie selbst lässt sich aus dem Dunkel der Unsichtbarkeit einer Schriftstellerin heraustreten, und versucht in teils collagierten und mosaikartig zusammengefügten Passagen das Auge ihres Orkans zu greifen. Es dauert eine Zeit, bis sich dem Leser Muster erschließen, die inhaltlich von Relevanz sind.

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Diese Muster beginnen, in wiederkehrenden Bewegungen ihre Geschichten zu erzählen. Es ist die Geschichte vom Zucker, der die Welt veränderte. Wie er Kapital und Fessel zugleich wurde. Wie er verführt, versklavt, den Reichtum ungerecht verteilt und doch Welten miteinander verbindet. Wirtschaftstheorien und Plantagenbilder sind ebenso anzutreffen, wie Zitate aus der Weltliteratur, in denen der Zucker ein Gewicht hat, das man ihm literarisch noch niemals so zugebilligt hat. Zucker verbindet Zeit und Raum. Und er verbindet weitere Leitmotive dieser Recherche, die einen Lottogewinner an sich selbst und der Umwelt scheitern lässt, das Mysterium der unerfüllten Liebe mit neuem Sinngehalt füllt und die globalen Zusammenhänge der Weltwirtschaft offenbart.

Wir finden Segmente, die an ein Interview mit der Autorin erinnern, in denen ihre Schutzhülle zerbricht, in denen sie fragil und verletzlich wirkt und weit weg von jeglicher Fiktion erscheint. Ihre Suche nach Liebe und Zärtlichkeit, der innere Streit um ein Bild, das sie von sich als Frau entwerfen möchte und die Sehnsucht, sich wie Zucker ihrem distanzierten Verehrer darzureichen, lassen uns der Suchenden näher kommen, um in anderen Bildern wieder auf Distanz gehalten zu werden. Wirtschaftliche Aspekte eines industriellen Frauenbildes als „Reproduktionsmaschine“ schließen tiefsinnige Kreise zu jener „Zuckerfabrik„, in der sich der Luxus einer kleinen Schicht Privilegierter zulasten der Sklaverei in Übersee Bahn bricht. Und immer wieder stehen wir vor dem Besitz des Lottomillionärs, der am Ende seines Scheiterns versteigert wird. Süß der Gewinn, bitter der Abgang. Der Kreislauf des Lebens, dem Dorothee Elmiger hier auf der Spur ist.

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Dorothee Elmiger ist sich selbst und uns gegenüber ehrlich und aufrichtig, wenn sie schreibt, sich in einem Dickicht zu befinden und gar nicht nach einem Ausweg zu suchen. Wenn sie fabuliert, dies dürfe kein Roman, sondern ein Recherchebericht im eigentlichen Wortsinn sein. Es ist das Schreiben selbst, das immer mehr zu Tage tritt. Es sind ihre Selbstbetrachtungen, an denen sie scheitert. Sich selbst als „Geometral“ zu betrachten, als eine Frau, die aus jedem Blickwinkel anders erscheint, und letztlich bewertet wird, wie ein „Haus von nirgendwoher besehen„. Sie macht es uns Lesern nicht leicht mit ihrem Buch. Sie hat es sich nicht leicht gemacht, so offen und doch so fiktional zu schreiben, wie ich es empfunden habe. Und doch fällt der Zugang schwer. Es gab Momente im Lesen, in denen ich mir eingestehen musste, dem komplexen Text in seiner Zerrissenheit nicht immer folgen zu können. Es sind die Fragmente, die sich mir nur langsam offenbarten. Ich fühlte mich so, als müsste ich einen „zersprungenen Spiegel“ zusammenkleben.

Dorothee Elmiger zerlegt die Literatur in ihre molekularen Bestandteile. Das wirkt experimentell und avantgardistisch, erschließt sich nicht jedem Leser und führt sicher auch dazu, dass Fehlinterpretationen und polarisierende Sichtweisen zu ihrem Roman entstehen. Eindeutig ist, dass es kaum zwei Leser geben wird, die dieses Dickicht auf die gleiche Art und Weise durchsuchen. Eindeutig ist, dass der Autorin hier ein Wurf gelungen ist, der die „literarische Gastronomie“ auf den Kopf stellt. Ob sie das Rezept für das zukünftige Erzählen gefunden hat, ob es eine Fingerübung bleibt, oder ob wir schon bald schreiben werden, Aus der Zuckerfabrik hat Klassiker-Potenzial, darüber entscheiden, wie immer, Leser, Rezensenten und Kritiker. Es ist Geschmackssache. Weder Hausmannskost, noch schnelle literarische Sättigung.

Mir lagen sowohl der Roman, der Recherchebericht, als auch das experimentelle Schreiben nicht schwer im Magen. Vielleicht dauert es ein wenig länger, bis ich alles verdaut habe, was bei Schonkost und Fertiggerichten sicher schneller geht. Nachhaltig jedoch ist es in der Rezeptur, die „Aus der Zuckerfabrik“ kommt.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Dorothee Elmigers Roman ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf dieser Projektpage zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag) und
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)

Warum ich schon jetzt denke, dass Dorothee Elmiger mit „Aus der Zuckerfabrik“ einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Die gleichzeitigen Nominierungen in Deutschland, der Schweiz und Bayern für den jeweils wichtigsten Literaturpreis sind sicherlich kein Zufall. Wann hatte zuletzt eine Schriftstellerin drei heiße Eisen in diesen Feuern? Auch, wenn das „Bayerische Eisen“ ihr letztes ist, vielleicht gelingt es ihr hier, die Glut der Jury anzufachen.

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Buchhandlung Lesezeichen Germering - Astrolibrium

Meine Partnerbuchhandlung zum Bayerischen Buchpreis

Expedition Arktis von Esther Horvath

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Expedition Arktis von Esther Horvath

Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ von Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) war gerade gelesen und rezensiert, da erreichte mich ein schweres Buchpaket aus dem Prestel Verlag. „Expedition Arktis. Die größte Forschungsreise aller Zeiten“ von Esther Horvath schloss einen Kreis, der fortan Polarliebe und Polarstern miteinander verbinden sollte. Und so möchte ich die Forschungsreise dieses Hightech-Forschungs-Eisbrechers mit den letzten Worten einleiten, die aus der Polarliebe-Rezension in diese Buchvorstellung überleiten sollten:

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Expedition Arktis von Esther Horvath und Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern.

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Expedition Arktis von Esther Horvath

Mehr als hundert Jahre nach Fridtjof Nansen, ist es nicht mehr die Polarliebe, die uns zum Nordpol treibt. Es ist nicht mehr Abenteuerlust oder der Wunsch, den Nordpol als erster Mensch zu betreten. Es sind nun die Sorgen um das Weltklima und die Angst vor den Folgen einer globalen Erwärmung, denen man in der Polarregion auf die Spur gehen will. Doch wie könnte es gelingen, dort über den Zeitraum eines ganzen Jahres, wissenschaftliche Daten zu erheben, um zu neuen Ergebnissen zu gelangen? Es war Fridtjof Nansen, der mit der Fram gezeigt hatte, wie der wissenschaftliche Husarenritt gelingen kann. Drift, lautet das Zauberwort. Sich mit dem Schiff auf einer Eisscholle im arktischen Strom festfrieren lassen und sich so ein Jahr lang mit dem Packeis treiben lassen. Was gewagt und gefährlich klingt, hat heute einen Namen. „Polarstern“. Der Forschungs-Eisbrecher ist das Herzstück der MOSAIC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate), einem Driftobservatorium zur Untersuchung des Arktisklimas, das sich nach langer Vorbereitungszeit im September 2019 auf den Weg ins ewige Eis begab.

Heute jedoch ist eine solche Forschungsexpedition nicht mehr im Alleingang zu bewältigen. 82 internationale Institute, Begleitschiffe, Flugzeuge und Hubschrauber, die feste Crew der Polarstern und hunderte von Wissenschaftlern, die sich abwechselnd in das Abenteuer stürzten, zeigen, welcher Aufwand hier betrieben wurde, um das Klima und seine Wechselwirkungen im Epizentrum des Klimawandels zu erforschen. Es war eine logistische Meisterleistung, ein Kunststück der Navigation, die Teamleistung einer eigentlich heterogenen Forschungsgemeinschaft und ein einzigartiges Erlebnis für die Teilnehmer der „größten Forschungsreise aller Zeiten„. Der großformatige Bildband „Expedition Arktis“ gibt uns die Möglichkeit, zum Teil der Besatzung zu werden. Hier haben wir die Chance, nicht nur zu lesen oder Ergebnisse zu analysieren. Wir dürfen an Bord der Polarstern gehen, weil die Expeditionsfotografin Esther Horvath es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre Augen zu unseren Augen zu machen. Durch sie, durch ihre Kamera und durch ihr Talent, mit ihren Fotografien Geschichten zu erzählen, hat diese Expedition jegliche Distanz verloren. Näher waren wir der Arktis nie zuvor.

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Expedition Arktis von Esther Horvath

288 Seiten, Format: 24 cm (b) x 30 cm (h), 160 farbige Abbildungen (viele davon doppelseitig), Fakten basierte Informationen, Impressionen des Alltags auf dem Eis und an Bord, Kommentare der Crew und von Wissenschaftlern, ein Exkurs zum „Paten“ der Expedition, Fridtjof Nansen und das ausführliche Interview mit Esther Horvath, der Expeditionsfotografin. So könnte man das Buch „Expedition Arktis“ skizzieren. Aber das reicht nicht aus, um seine Wirkung zu beschreiben. Im hoch informativen Textteil zu klimatischen Veränderungen erhält man einen tiefen, und doch leicht verständlichen, Einblick in die dramatischen Veränderungen, auf die man während der einjährigen Reise gestoßen ist. Kipppunkte verlieren ihren rein abstrakten Charakter. Das ewige Eis, seine Qualität, sein Alter und seine Beschaffenheit erhalten besondere Bedeutung. Wir beginnen zu verstehen, dass es sich hier augenscheinlich nicht mehr um eine dauerhaft geschlossene Eisdecke handelt. Das muss man gesehen haben. Das muss man begreifen. Den Zugang zum Sehen und Begreifen findet man in diesem Bildband, der den Betrachter und Leser nicht mehr loslässt.

Hier erhält man einen lebendigen Einblick in die erheblichen Anstrengungen, die man aufbringen musste, um die Zukunft unserer Erde wissenschaftlich zu analysieren. Es sind die kleinen Geschichten an Bord der Polarstern, die uns verstehen lernen, was die Menschen der Expedition antreibt. Es sind Gefühle, die wir aufsaugen, damit wir in aller Klarheit begreifen, wie endlich die Schönheit der Arktis ist. Es ist eine Eisscholle, die zur unsicheren Heimat wird, es sind die Suchscheinwerfer der Polarstern, die dem Namen des Eisbrechers alle Ehre machen, es sind die Eisbärenwächter, ohne die man keinen Schritt wagen kann und es sind magische Momente auf dem Eis, die zeigen, in welcher Gefahr nicht nur wir sind. Eisbären auf der Suche nach Lebensraum und auf der Flucht vor der schmelzenden Lebensgrundlage. Eindringlich fotografiert von einer Fotografin, die viel mehr ist, als es die Berufsbezeichnung vermuten lässt.

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Expedition Arktis von Esther Horvath

Esther Horvath erzählt uns die Geschichte der Expedition mit ihren Fotografien. Sie sind nicht in Szene gesetzt, nicht inszeniert, es sind keine Schnappschüsse oder nebenbei entstandene Impressionen. Esther Horvath war die Bilderzählerin an Bord der Polarstern. Wie die Eisbärenwächter hat sie mit ihrer Kamera über die Menschen gewacht, die auf dem Eis arbeiteten und an Bord lebten. Sie wartete immer auf genau den einen Moment, in dem aus der Aufnahme eine Geschichte wurde. Mit gefrorenen Fingern den Auslöser zu betätigen und dann zu wissen, was man festgehalten hat, ist ihre Passion. Man spürt den Fotos an, wie sehr ihr die Menschen vertraut haben. Sie legt Zeugnis für sie ab. Und das spürt man. Manche Bilder wirken, als seien sie heilig. Das Interview mit Esther Horvath, deren Eisbären-Foto Weltruhm erlangt hat, muss man gelesen haben, um das Wunder dieser Bilder gänzlich fassen zu können.

Ein Gesamtkunstwerk, in dem die Fotografin vielleicht zugleich Abschied nimmt vom ewigen Eis. Man habe dem Eis beim Sterben zuschauen können. Eine Botschaft, die niemanden kalt lassen kann, weil das Eis seine schützende Funktion immer mehr einzubüßen droht. Gerade deshalb auch ein Bildband, den man mit Kindern betrachten sollte. Später kommt dann das Textverständnis dazu. Aber zuerst kann das Abenteuer faszinieren und Interesse dafür wecken, warum man sich für die Rettung der Umwelt engagiert. Ich liebe dieses Buch. Ich liebe die Reminiszenz an Nansen, der auch auf der Polarstern omnipräsent war. Man achte nur auf das Foto auf dem Tischchen in der Messe. Ich mag den Facettenreichtum der Expeditionsgeschichte. Der Gedanke, wie sich die Forscher fühlten, nach einem Jahr der Eisquarantäne wieder einen Kontinent zu betreten, der von Corona und tatsächlicher Quarantäne verändert war, hat mich im Herzen berührt. Diese Perspektivwechsel gelingen nur im Flutlicht einer ewigen Nacht auf ewigem Eis. Dieses Buch ist der Polarstern der wissenschaftlichen Bildbände.

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Expedition Arktis von Esther Horvath

Morgen unbedingt anschauen:

Der Tag für die Veröffentlichung dieser Rezension ist bewusst gewählt. Am 16.11. wird die High-End-Dokumentation „Expedition Arktis“ in der ARD ausgestrahlt. Schaut euch die Doku unbedingt an, sie wird anschließend in der Mediathek zu sehen sein, und dann könnt ihr euch die größte Forschungsreise aller Zeiten als Bildband ins Bücherregal eures Lebens holen. Polarliebe und Polarstern. Literatur zum Fest.

Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Wenn nicht jetzt, wann denn dann? Gibt es einen besseren Zeitpunkt, sich mit einem Sachbuch über Politik auseinanderzusetzen, wenn die übliche Politikverdrossenheit im Verschwinden begriffen ist, und die Bürger eines Landes deutlich erkennen, dass ihre als selbstverständlich empfundene Demokratie alles ist, nur nicht selbstverständlich? In diesen Tagen müssen wir nur den Blick über unsere Grenzen schweifen lassen, um zu erkennen, wie leichtfertig mit dem hart erkämpften Gut dieser Demokratie umgegangen wird. Und genau da, wo sie ihre Selbstverständlichkeit verliert, da, wo der Mensch aus der Komfortzone herausgerissen wird, entsteht urplötzlich ein Interesse für Politik, weil die Angst steigt, etwas verlieren zu können, für das man selbst nie gekämpft hatte. Das Recht auf Teilhabe an politischen Entscheidungen, das Recht auf Mitbestimmung und damit letztlich all das, was wir Freiheit nennen.

Plötzlich entsteht der Wunsch, die Demokratie vor Unrecht zu bewahren. Wohin man auch schaut, sie steht auf tönernen Füßen. Ob im US-amerikanischen Wahlkampf, wo sie vom derzeitigen Amtsinhaber nicht nur in diesen Tagen mit Füßen getreten wird, oder in pseudo-demokratischen Staaten, in denen Demonstrierende von Machthabern auf offener Straße verschleppt und inhaftiert werden, nur um an der Macht zu bleiben, jeder Blick zeigt in aller Klarheit, wie der Demokratiebegriff in Deutschland gelebt wird. Und dann sieht man gerade hier Menschen auf den Straßen, die ihre Meinung äußern dürfen, ohne Angst vor staatlichen Repressalien zu haben, die diktatorische Zustände beklagen. Man versteht es kaum. Man mag es nicht fassen. Es ist an der Zeit, sich mit diesem abstrakten Begriff auseinanderzusetzen, der gerade jetzt das Abstrakte verliert und wieder zu dem wird, was er eigentlich einmal war. Die Demokratie – Ein Gefühl.

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Hier erscheint Demokratie – Eine deutsche Affäre – Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart von Hedwig Richter genau zum richtigen Zeitpunkt. Ihr geht es nicht um eine weitere Theoretisierung oder begriffsgeschichtliche Abhandlung, sondern um das Projekt der Demokratie, das für Hedwig Richter untrennbar mit Menschenwürde in unterschiedlichen Epochen verbunden ist. Nein, das ist keine reine Politikwissenschaft, der man nur nach einem abgeschlossenen Studium folgen kann. Das ist etwas zutiefst persönlich Ausformuliertes, das den Nerv der heutigen Zeit trifft. Demokratie als Affäre zu bezeichnen, ist schon der ausschlaggebende Impuls eines Buches, dem man sich nur neugierig und wissbegierig öffnen kann. Leidenschaft, Empathie und Mitgefühl im gesellschaftlichen Miteinander sind Stellgrößen, an denen sich die Autorin durch eine Geschichte bewegt, die von Haus aus nicht für Demokraten geschaffen schien.

Schnell wird klar, dass die deutsche Affäre keine deutsche Angelegenheit ist. Es sind die in den Vereinigten Staaten von Amerika ausgesäten zarten Pflanzen, die in der Unabhängigkeitserklärung zu keimen begannen. Es ist eine Französische Revolution, in der das Volk die Monarchie und den herrschenden Adel in puren Gewaltorgien kopflos machte. Es sind die großen Vordenker, die zu Paper brachten, was es bedeutet, einer Philosophie zu folgen, die besagt, dass alle Menschen gleich sind. Hedwig Richter hat die Begabung, diese Ausgangssituationen so leichtfüßig zu beschreiben, dass man nie ins Stocken kommt. So kann, so muss Politik erzählt werden. Nur so wird aus der, von der Autorin so trefflich benannten Staatsaffäre wieder ein Demokratieverständnis, das uns bewegt und motiviert. Dieses Buch liefert Erklärungen und ist ein Frühwarnsystem für Menschen, die mit offenen Augen die Welt der Nachrichten und Medien betrachten.

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Hedwig Richter arbeitet sich anhand von vier Thesen durch die zweihundertjährige Demokratiegeschichte unseres Landes. Ihre Betrachtungsschwerpunkte sind dabei so überraschend, wie neu. Demokratie als Geschichte des Körpers zu beschreiben, wird nicht nur gewachsenen Demokraten die Augen öffnen. Vom Leibeigenen, versklavten und misshandelten Menschen bis hin zu jenem Individuum, dessen Würde unantastbar ist, war es ein weiter Weg voller Missverständnisse und Irrungen. Bis diese Freiheiten auch für Frauen galten, war es ein ebenso weiter Weg. Demokratie als Körperlichkeit bietet überraschende Einsichten, die dem ständigen Wandel unterworfen sind. Mitleid hatte Konjunktur. Mitgefühl sorgte für eine Meinungsänderung. Der Mensch war nicht mehr nur zu züchtigen, sondern zu beteiligen, da nur die Identifikation mit dem Staat dafür sorgt, dass er sich für ihn engagiert. Richter geht allen relevanten Fragen nach. Ist Demokratie das „Geschenk von Eliten“ und Theoretikern oder musste sie immer mit hohem Blutzoll erkämpft werden? Ist Demokratiegeschichte auch immer gleichzeitig die Geschichte der Einschränkungen der Freiheitsrechte, die man ertragen muss, um die Rechte aller sicherzustellen? Und nicht zuletzt stellt sie sich der Frage, ob Demokratie nur national funktionieren kann, oder ob sie verlässliche Partner braucht, die sich dem gleichen Wertevorrat verschrieben haben.

Hedwig Richter beschreibt eine lebendige Demokratiegeschichte, die fortdauert. Die Gefahren sind und bleiben augenscheinlich. Der „Zivilisationsbruch“ Holocaust hat es gezeigt. Sich selbst ad absurdum führende Demokratien wie die Weimarer Republik waren Steigbügelhalter der Autokraten. Empathie hat eine überschaubare Halbwertzeit, wenn man nicht täglich für sie kämpft. Demokratien leben in Dauerkrisen, müssen sich täglich beweisen und haben vieles zu ertragen, um ihren Status quo zu wahren. Einzig der Gewalt von unten hätte die Autorin mehr Bedeutung zumessen können. Skizziert sie doch andererseits einleuchtend, wie sehr das Gewaltmonopol der Exekutive für die antizivilisatorischen Exzesse im Dritten Reich verantwortlich war. Widerstand ist oftmals die Triebfeder für dauerhafte Veränderungen. Ebenso, wie Terrorismus von innen im demokratischen Prozess eine entscheidende Rolle bei der Destabilisierung spielt. Eine Demokratie ist keine gewaltfreie und in Schongängen zu erreichende Utopie.

Insgesamt jedoch legt die Historikerin der Bundeswehr-Universität München eine schlüssige, in einigen Aspekten gar „revolutionäre“ Demokratiegeschichte in die Hände der interessierten Leserschaft. Ein lautes Statement gegen Politikverdrossenheit und die Sichtweise: Ich allein kann eh nichts ändern. Ein Ende dieser Demokratiegeschichte ist nicht in Sicht. Wie hoffnungsvoll wir in die Zukunft gehen, liegt an uns. Und an einer gehörigen Portion Glück, was die Autorin selbst einräumt. Meine persönliche Affäre mit der Demokratie basiert auf den Werten, die ich in diesem Buch fand. Bemerkenswert.

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Richters Demokratie. Eine deutsche Affäre ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, habe ich mich intensiv mit diesem Buch beschäftigt. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich bereits jetzt denke, dass Hedwig Richters Demokratie-Werk Potenzial hat, diesen Preis zu gewinnen? Weil Jo Biden vor wenigen Tagen sagte „Demokratie ist manchmal kompliziert und chaotisch“. Weil die Demokratie Gefahr läuft, verloren zu gehen, weil man sich ihrer nicht mehr bewusst ist. Es sind Hedwig Richters Thesen, an denen sich eine Demokratie künftig messen lassen muss. Es sind ihre Thesen, die uns als Richtschnur und Maßstab dienen, um Missbrauch zu erkennen. Die Würde dieses Buches ist unantastbar!

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Demokratie – Eine deutsche Affäre – Hedwig Richter

Polarliebe von Sigri Sandberg und Anders Bache

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Expeditionen bestimmen mein Lesen. Auf den Spuren der großen Entdecker habe ich die Terra Incognita bereist, war sowohl am Nord- als auch am Südpol, habe viele Entbehrungen mit den Männern der legendären Expeditionsschiffe Erebus, Nimrod, Terror, Endurance und Fram geteilt. Ich war jahrelang unterwegs, bevor ich wieder in den Heimathafen einlaufen durfte. Ich scheiterte, wurde im ewigen Eis eingeschlossen, fand Zeichen der Expeditionen, die vor mir ihre Ziele erreicht hatten, habe mich einem globalen Wettrennen um Ruhm und Ehre angeschlossen und musste erleben, wie viele jener freiwilligen Helden nie wieder nach Hause kamen. Ich fror in ewigen Nächten auf dem ewigen Eis, floh vor Eisbären und war gezwungen, mich von Schlittenhunden zu trennen, obwohl sie stets die treuesten Weggefährten waren. Ohne diese literarischen und meine Fantasie beflügelnden Reisen, sähe mein Lesen anders aus. Ich war immer auf der Seite der ewigen Zweiten, jener Verlierer im Rennen um Anerkennung.

Allein der Mare Verlag hat mir mit seinem schier unerschöpflichen Sortiment von Büchern zu diesem Thema stets neuen Auftrieb gegeben. Ich wurde nicht nur zum Zeugen der vergangenen Abenteuer. Ich durfte Das Eis brechen und Beinahe Alaska erreichen. Ich wandele auf Spuren der Entdecker und diese Reise ist nicht beendet. In meinem Lesen gibt es noch viel zu entdecken, obwohl es heute keine weißen Flecken mehr auf unserem Planeten gibt. Alles ist entdeckt und vermessen. Und doch finde ich immer wieder neue Ansätze, meine Forschungsreisen fortsetzen zu können. Was war das für ein Leben, das die Abenteurer im 19. Jahrhundert führten? Was bedeutete es für ihre Familien, für ihre Ehefrauen, dass sie von Träumen besessen waren? Aspekte, die sich uns erst heute richtig erschließen, weil uns die Vorstellungskraft fehlt, sich aus der Komfortzone in die Todeszone zu begeben, nur um Erster zu sein.

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Polarliebe

Diesen Fragen geht „Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eisvon Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) auf den Grund. In einer hochwertig illustrierten und bebilderten Ausgabe öffnen uns diese beiden Autoren die Tür zu einer verborgenen Welt. Sie gewähren uns Zutritt zu den Privatarchiven der großen und kleinen Entdecker. Nicht jedoch in ihrer angestammten Rolle als Forscher, sondern hier sind es die Beziehungen, Leidenschaften und Lieben, von denen sie und ihre zurückgelassenen Frauen in ihren Briefen Zeugnis ablegen. Hier wird Distanz zur Bestimmungsgröße von Gefühl. Hier sind es die Trennungen und die Ungewissheiten, die den Rahmen von Beziehungen abstecken. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube, die in der heutigen Zeit die Maßstäbe des Vermissens neu definieren kann.

Polarliebe“ ist nicht nur ein Geschenk für Abenteurer und Entdecker. Es ist nicht nur ein Geschenk für Lesende, die den alten Expeditionen seit Jahren folgen. Nein. In meinen Augen ist dieses aufwendig gestaltete und grandios erzählte Buch das perfekte Geschenk für alle Sehnenden und Liebenden, für die es schon problematisch ist, wenn man sich ein paar Tage nicht sieht. Es ist ein Herzensgeschenk für alle Menschen, die an die Macht von Briefen glauben, weil sie wie ein magisches Band Zeit und Raum zu überwinden in der Lage sind. Hier paart sich die Ungewissheit der Heimkehr mit jener Ungewissheit, wann ein Brief sein Ziel erreicht hat und wann er beantwortet wird. Hier sind Briefe das einzige Band, das bis zu einer bestimmten Stelle auf der Landkarte im ewigen Eis halten kann. Danach bricht der Kontakt ab. Dann ist Ruhe. Es bleiben nur die letzten Zeilen, die Hoffnung und die Liebe, die auf die größte Belastungsprobe im Lauf eines gemeinsamen Lebens gestellt wird. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die Zeitlosigkeit des handgeschriebenen Wortes!

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Polarliebe

Hier treten die Ehefrauen der Entdecker aus dem Schlagschatten ihrer Männer. Hier verlieren sie ihre nur betrachtenden, beobachtenden, wartenden, passiven Rollen und werden zum wesentlichen Teil der Expeditionen. Sie sind Rettungsanker. Teil der Crew und Motivatoren zugleich. Ohne ihre Anziehungskraft hätte so mancher Forscher den Weg nach Hause nicht mehr gefunden. Wenn ER sich zum Nordpol aufmacht, ist SIE der magnetische Südpol, der ihn anzieht. Wenn ER im Packeis gefangen ist, weiß SIE das Eis zu schmelzen. Wenn ER in der ewigen Nacht in Dunkelheit versinkt, ist es IHR Foto in seiner Kajüte, das Strahlkraft und Wärme verströmt. Dieses Buch ist mehr als magisch, wenn es darum geht, die Begriffe Halt und Zuneigung zu untermauern. Es ist gewaltig, wenn es beschreibt, was lebenslange Treue bedeutet und es ist tragisch in den Momenten, in denen klar wird, dass die Liebe über den Tod hinaus Bestand haben muss.

Es sind die Amundsens, Nansens, Pearys und Scotts, die uns hier tiefste Einblicke gewähren. Es sind Schiffe, wie Nansens Fram, Schlitten und Heißluftballone mit denen wir uns in Lebensgefahr begeben. Es sind die Schreibtische der hoffenden Ehefrauen, die wir stets im Blick haben. Es sind die Briefe, die wir lesen dürfen – immer ein wenig im Gefühl von Indiskretion, weil sie nicht an uns adressiert sind. Und es sind die Bilder, die von einer gemeinsamen glücklicheren Zeit zeugen, aber auch die Einsamkeit in der Welt des ewigen Eises dokumentieren. Es ist das Unfassbare, was so plötzlich greifbar wird. Die Expedition von Fridtjof Nansen zum Beispiel, bei der er sich mit seiner Fram im Packeis festfrieren lässt, um sich zum Nordpol driften zu lassen. Briefe der Eheleute wandern hin und her. Bis zu dem Tag, an dem die Drift beginnt. Dann? Monologe. Stille Zwiesprache. Hoffen. Geduld. Aber niemals Zweifel. Bis sie DREI Jahre später wieder von ihm hört und nur antwortet: „Wo soll ich Dich treffen? Eva

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Polarliebe

Es sind neun Geschichten, in die sich die Autoren der Polarliebe intensiv und voller Empathie hinein recherchiert haben. Jede für sich bewegend, anrührend und unglaublich lesenswert. Es sind Geschichten, die man nicht vergisst, weil sie bisher in dieser Art und Weise unerzählt sind. Jede Episode endet mit einem Epilog, der es in sich hat. Dabei gehen die Autoren sachlich und mit genügend Distanz zu Werke. Sie dramatisieren nicht. Sie lassen das Reale wirken. Und dann sind es ein paar Sätze von ihnen, die unsere Schleusen öffnen. Es sind die Momente, in denen sie die Distanz zu verlieren scheinen und dem Gefühl Raum gegeben. Gerade diese Momente lassen uns innehalten, weil wir dringend Taschentücher brauchen. Die festgefrorenen Tränen im Augenwinkel werden zu Schmelzwasser des guten Lesens.

Denkt an mich, wenn ihr Polarliebe lest. Denkt an mich, wenn ihr Anna Charlier und Nils Strindberg begegnet. Wappnet euch allein vor dieser Geschichte. Sie wird euer Herz brechen, es zu Eis gefrieren lassen und dann auftauen. Ihr werdet mit Nils einen Heißluftballon besteigen. Ihr werdet den Nordpol überfliegen wollen. Ihr werdet euch kurz vor Beginn der Reise unsterblich in Anna verlieben. Ihr wollt nach dem Ende der Expedition heiraten. Sie soll nur sechs bis sieben Tage dauern. Wir schreiben das Jahr 1897. Wir heben ab. Anna bleibt zurück. Dreiunddreißig Jahre lang. Was dann folgt, was dann zu lesen ist, wie wir dann vor dem Epilog sitzen, das ist dann kein Buch mehr. Das ist auch mit meinen Worten nicht zu beschreiben. Lest es selbst…

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Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern. Hier geht´s lang… Leinen los

Polarliebe und Polarstern - Es geht weiter - AstroLibrium

Polarliebe und Polarstern – Es geht weiter

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Da lag er nun also vor mir, der dicke Schinken, an den ich mich heranwagen wollte. Mit seinen 1000 Textseiten und dem hundertseitigen Anhang ein schon ungewöhnlicher Vertreter seiner Art, wenn man den Buchmarkt aufmerksam beobachtet. Eine Biografie in solch epischen Ausmaßen findet man nicht allzu häufig. Autoren haben sich wohl mit der langsam schwindenden Aufmerksamkeitsspanne der Lesenden abzufinden und bei neu erscheinenden Monografien die unsichtbare Grenze von 400 – 500 Seiten nicht zu überschreiten. Und nun dies! Ein flapsig als „Fat Book“ zu bezeichnendes Sachbuch, das auch noch auf der Nominierungsliste des Bayerischen Buchpreises steht, der in wenigen Tagen in München verliehen wird, muss etwas ganz Besonderes sein. Und so saß ich als Buchblogger, der diesen Literaturpreis begleitet, vor einem Mammutwerk.

Karl Kraus – Der Widersprecher“ von Jens Malte Fischer sollte mein Lesen für ein paar Tage in seinen Bann ziehen und mich gleichzeitig zum Eremiten mutieren lassen, weil ich in dieser Zeit allen anderen Büchern entsagen musste. Hat es sich gelohnt? Ist die Auseinandersetzung mit dem Begründer der Fackel und Kritiker Karl Kraus in der heutigen Zeit zwingend erforderlich? Ist er noch relevant, oder richtet sich dieses Buch vornehmlich an die sogenannten „Aficionados“ des großen Wieners, der fast schon in Vergessenheit geraten ist? Ich habe zuvor wenig von ihm gehört, nichts von oder über ihn gelesen und war ein unbeschriebenes Blatt, auf dem sich nach dem Lesen Notizen und Zitate gesammelt hatten, die ich hier zusammenfassen möchte. Vorab. Es hat sich gelohnt. Ich hatte nie den Wunsch, das Lesen abzubrechen und fühle mich bereichert und für meine eigenen künftigen Widersprüche besser gerüstet.

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Jens Malte Fischer beginnt sein Opus Magnum äußerst ungewöhnlich. Er lädt uns zu einer Wohnungsbesichtigung bei Karl Kraus ein. Alles ist unverändert, Kraus war erst vor wenigen Tagen verstorben und wir erhalten einen intimen und sehr persönlichen Zugang zu den Räumen, in denen er bis kurz vor seinem Tod geschrieben hatte. Bilder an der Wand, Manuskripte auf dem übervollen Schreibtisch und seine Ottomane für die kurzen Pausen zwischendurch. So sah es 1936 aus. Sein Nachlass, der Bände sprach, füllt nun diesen Band. Hier beginnt die Reise zu jenem „Widersprecher„, der mehr als vier Jahrzehnte lang gegen jeden Missbrauch der Sprache kämpfte, der leere Phrasen in Politik und Kultur anprangerte und sich dadurch viele Feinde gemacht hatte. Es sind diese Räume, durch die wir in unserer Vorstellungskraft geführt werden, damit wir nicht nur einer Theorie, sondern einem Menschen begegnen. Ein gelungener Einstieg.

Jens Malte Fischer holt weit aus, und das ist angebracht, wenn man das Leben von Karl Kraus verstehen möchte. Seine jüdische Herkunft, das Elternhaus, seine Versuche, als Schauspieler Fuß zu fassen und seine frühe Begabung, mit einzigartiger Stimme als Vorleser zu überzeugen, sind Teile eines Mosaiks, das sich langsam zusammenfügt. Es ist das Wien der Nachkriegsjahre, das ihn prägt und verändert. Er beginnt, sich mit den intellektuellen Größen seiner Zeit anzulegen, stellt den Missbrauch der Sprache an den Pranger und macht die Presse für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich. Aus dem konservativen Denker wird ein überzeugter Pazifist. Aus dem Juden wird ein konvertierter Katholik. Aus dem Vorkriegsmitläufer wird der Chefankläger der Sprache, die einen Krieg erst möglich machte. Aus seiner Zeitschrift wird eine Kampfschrift. Die Fackel wird zum gefürchteten Medium, in dem er sich mutig gegen alle Wellen wirft..

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Was erst nur als Kampfschrift gegen Langeweile und Gedankenlosigkeit gedacht war, nimmt mit den Kraus´schen Stilmitteln Satire und Polemik einen Zeitgeist auf die Schippe, der in Apathie zu versinken drohte. Wien wurde wach. Seine Paukenschläge waren nicht zu überhören. Er schrieb gegen den Fortschrittswahn und den Glauben an die Technik. Der Untergang der Titanic war für ihn Sinnbild des Irrglaubens. Der Erste Weltkrieg Bestätigung für seine Vermutung, den Menschen der Technik zu opfern. Er kämpfte gegen ein vorherrschendes Frauenbild an, das die Frauen als Opfer sexueller Gewalt selbst an den Pranger stellte. Und er vertrat liberale Thesen zur Homosexualität. Einen Querdenker würden wir ihn heute nennen. Widersprecher nennt ihn Jens Malte Fischer. Wie auch immer, er wird uns von Seite zu Seite sympathischer. Mainstream war nicht seine Welt. Kultur, Politik und die Presse standen stets im Fokus der Worte, die er so treffend formulierte.

Jens Malte Fischer zieht Karl Kraus aus dem Schatten, der ihn heute verbirgt. Er beschreibt jeden Konflikt, der ihn charakterisiert, jede Zerrissenheit, an der er litt. Seine Haltung zu jener Religion, die er hinter sich ließ, ist bis heute umstritten. Karl Kraus gab den Juden eine große Mitschuld am Antisemitismus. Assimilation sah er als das einzig wahre Mittel, den Hass auf die jüdische Bevölkerung zu verhindern. Immer dann, wenn wir ein Fazit von Fischer erwarten, scheint er sich zu verweigern. Weder zur Frage des Antisemitismus, noch zur Relevanz des Widersprechers für unsere Zeit lässt sich Jens Malte Fischer dazu hinreißen, Urteile zu fällen oder Empfehlungen zu geben. Er fordert den aktiven Leser heraus, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Dabei liefert er harte und weiche Fakten aus den Ansichten eines stets bedrohten Denkers, die uns zeigen, wie wichtig seine Haltung auch heute noch sein kann. Vom Feuilleton bis hin zur politisch motivierten Rede, seine Botschaft lautet bis heute „Augen auf. Findet die Phrasen und zieht eure eigenen Schlüsse.“ Jens Malte Fischer legt seine Finger in jede Wunde, in der Karl Kraus schon gewühlt hat. Liest man dieses Buch und wirft dann einen wachen Blick auf z.B. den amerikanischen Wahlkampf, alle Automatismen werden sichtbar und Donald Trump hätte heute in Karl Kraus einen erbitterten Widersprecher gefunden.

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Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer

Die Fackel begann ab 1934 langsam zu erlöschen. Man sollte sich ihrer erinnern, wenn in heutigen Demokratien oder in der Literatur die leuchtenden Fackeln erlöschen und eine Sprache kultiviert wird, die nur Hass zur Folge hat. Dieses Buch ist ein Werk, in dem man sich verlieren kann. Durch seine klare Struktur vermeidet der Autor jedoch, dass wir selbst auf den gewagtesten Exkursionen den roten Faden verlieren. Sicherlich ein Standardwerk für alle Lesenden, die Karl Kraus schon kannten und verehren. Aber auch ein lesenswerter Weg für Interessierte. Täglich finde ich in den Medien Aussagen, die mich fortan an Karl Kraus erinnern. Worthülsen, denen geglaubt wird. Phrasen, in denen nichts steckt außer egozentrischer Populismus. Kraus nannte sie:

„Zur Unwahrheit geronnene sprachliche Formulierungen von falschem Bewusstsein.“ 

Das Lebenswerk von Karl Kraus wird überdauern. Seine Bücher Die letzten Tage der Menschheit und Die dritte Walpurgisnacht sprechen weiter für ihn. Jens Malte Fischer hat mit dem Widersprecher nun ein Werk der Sekundärliteratur hinzugefügt, das für Lesende mit Goldgräbernatur einen Claim absteckt, der bisher im Verborgenen lag. Man sollte sich die Schürfrechte sichern. Der Phrasenkiller ist aktueller denn je.

Karl Kraus - Der Widersprecher von Jens Malte Fischer - Astrolibrium

Karl Kraus – Der Widersprecher von Jens Malte Fischer – Astrolibrium

Jens Malte Fischers Biografie zu Karl Kraus ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, war es ein Muss, diesen dicken Schinken zu lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich bereits jetzt denke, dass die Biografie zu „Karl Kraus“ von Jens Malte Fischer echte Gewinnchancen hat? Weil ich mich auch als Widersprecher empfinde und den heutigen Populisten aufs Maul schaue. Ich fand grandiose Ansätze, dies in der Zukunft, untermauert durch die leuchtende Fackel des großen Kritikers, noch fundierter angehen zu können. Ein zeitlos nachdenklich machendes Opus Magnum…

UPDATE 19.11.2020 – Der Gewinner des Bayerischen Buchpreises – Sachbuch

Bayerischer Buchpreis 2020 - Sachbuch - Gewinner - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2020 – Sachbuch – Gewinner