„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ – Bradbury / Kleist

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus ist in der Stadt! Schaut nur die bunten Plakate, die von Akrobaten, wilden Tieren, Sensationen und Clowns künden. Zieht euch die feinen Sachen an, bringt eure Kinder auf die Straße, folgt dem Einmarsch der Zirkuskapelle, schaut euch an, wie das farbenprächtige Zirkuszelt über der Manege errichtet wird und kauft euch Eintrittskarten, bevor es zu spät ist. Der Zirkus ist in der Stadt! Folgt den Elefanten und Löwen durch die Straßen, tanzt im Rhythmus der Marschmusik und freut euch auf Karussells, Orgeln und das bunte Treiben in hell erleuchteter Nacht. Der Zirkus ist in der Stadt

Öhm… Sorry. Kommando zurück. Es ist alles ganz anders. Es ist gar kein normaler Zirkus, der mit diesem Buch Einzug bei euch hält. Es ist handelt sich hier um Cooger & Dark, das Pandämonium der Schattenspiele, den wandernden Jahrmarkt, einen Zirkus aus der Feder von Ray Bradbury, der seit mehr als fünf Jahrzehnten sein literarisches Unheil treibt. „Something Wicked This Way Comes“ lautete 1962 der Originaltitel des Romans, der die Freude auf einen Zirkusbesuch sehr nachhaltig verderben konnte. Der Zirkus ist in der Stadt – rette sich wer kann, wäre der bessere Titel gewesen. Aber auch in seiner freien Übersetzung lässt er Gänsehaut sprießen.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Titel darf nicht neu für uns sein, erschien dieser Roman von Ray Bradbury doch schon im Jahr 1962 zum ersten Mal und wurde sogar 1983 in einer Produktion von Walt Disney mit Jason Robarts und Jonathan Pryce in den Hauptrollen verfilmt. Also müsste es doch eigentlich beim Leser klingeln, wenn man sich dem Bösen in diesem Buch nun ganz leise nähert. Zumindest jedenfalls, wenn man alt genug ist. Und genau hier liegt in der Zielgruppe das Geheimnis dieser Neuauflage verborgen. Es ist ein illustriertes und wertig aufgelegtes Jugendbuch, mit dem der Aladin Verlag den subtilen Zirkus-Schreck für eine neue Leserschicht zugänglich macht.

Unterschwellig spielt sich das Grauen ab. Seine allzu kaltblütigen Zugpferde heißen Neugierde und  jugendlicher Leichtsinn. Die Melodie des Buches klingt nach Abenteuer und der Rhythmus der Geschichte ist der eines Tornados, in dessen Auge der Leser in scheinbare Sicherheit gewogen wird. Die Illustrationen sind düster wie das Orakel einer magischen Welt. Schwarzweiß, scharf konturiert und stilsicher in die Handlung gebettet zeigt auch hier der Meister seines Fachs Reinhard Kleist, was Bilder im Kopf auslösen können. „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ erreicht mit seinen mehr als brillanten Grafiken ein Level, auf dem sich formidabel erschaudern lässt.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Bradbury´s Zirkus ist anders als jeder Zirkus dieser Welt. Er erscheint wie aus dem Nichts, wird mitten in der Nacht errichtet und strahlt eine ganz besondere Aura aus. Er wartet mit wahrhaft Einzigartigem auf. Eine Mischung aus Jahrmarkt und Panoptikum.

Cooger und Darks Pandämonium-Schattenspiele
Fantoccini, Marionettentheater, Bunter Rummelplatz.
Demnächst in dieser Stadt.
Mit vielen Attraktionen, unter anderem auch
DIE SCHÖNSTE FRAU DER WELT!

So kündigen ihn die Plakate an. Neben einem fantastischen Spiegellabyrinth sind es die Dämonen-Guillotine, ein illustrierter Mann, eine Staubhexe und Mademoiselle Tarot, die auf ihre Besucher warten. Den Mittelpunkt jedoch bildet ein historisch anmutendes Karussell, dessen Beschreibung einen ganz neuen Blick auf diese Attraktion bietet:

„… Seine Pferde, Ziegen, Antilopen, Zebras, deren Rücken von Messingspeeren durchbohrt waren, verharrten in verkrampftem Sprung wie im Todeskampf. Ihre verängstigten Augen erflehten Gnade, ihre vor Entsetzen grellen Zähne verhießen blutige Rache.“

Na, wer würde da nicht gerne einfach so aufsteigen und die Fahrt genießen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Also neugierig wäre ich ja schon, da die beiden Protagonisten des Romans Jim und Will bei ihren nächtlichen Abenteuer-Streifzügen eine mysteriöse Entdeckung machen. Kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag besteht die Welt für die beiden Jungs aus purer Neugier und Abenteuerlust. Nichts bleibt unversucht, nichts ungewagt. Der Zirkus dient für sie der perfekten Abwechslung im Alltagstrott des kleinen Kaffs. Bis auf Unwetter ist hier jeder Tag wie der andere. Doch mit dem Zirkus verändert sich alles. Und doch wird er zur größten Herausforderung ihres Lebens, da sie dem Geheimnis des Karussells so nah kommen, dass sie ihm kaum widerstehen können.

Fährt es vorwärts, werden die Fahrgäste von Umdrehung zu Umdrehung älter. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn das Karussell sich rückwärts dreht. Eine Entdeckung, der man sich als junger Mensch kaum entziehen kann. Doch sind die beiden Rabauken nicht die einzigen Bewohner des Ortes, die aus ganz eigenen Gründen ein paar kleine Runden drehen wollen. Welcher ältere Mensch mag nicht gerne jünger werden und was sollte Jim daran hindern, endlich und mit einem Schlag erwachsen zu werden? Warum sollte er sich das entgehen lassen. Die Versuchung ist groß und doch bleibt nichts ohne Opfer. Wer die Fahrt wagt, wird zu einem der schattenhaften Wanderer, die den Zirkus fortan begleiten. Ein mephistophelischer Kontrakt, den man einzugehen hat. So treffen sie aufeinander: der Junge, der älter werden will und Will`s Vater, der das Gegenteil in seinem Herzen wünscht. Werden sie Opfer oder gibt es einen Weg, dem Kreislauf des geheimnisvollen Karussells zu entrinnen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ von Ray Bradbury erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Sehnsucht und versinnbildlicht das jugendliche Streben nach dem Leben als Erwachsener. Die Schnittmenge der Wünsche und Hoffnungen mit den älteren und perspektivlosen Bewohnern des Ortes ist groß, nur ist die Fahrtrichtung anders. Es sind die Romanfiguren, die uns mitfiebern lassen, was der Zirkus aus ihnen macht. Es ist ein junges Mädchen unter einem Baum, das wir trösten und dem wir helfen wollen, weil wir es als ältere Frau kennen. Es ist die schönste Frau der Welt, die uns fasziniert, weil sie in einen Eisblock eingefroren wurde und es ist der Vater von Will, der seine geschützte Bibliothek verlässt, um im wahren Leben an seinen Sehnsüchten zu wachsen.

Reinhard Kleist hat diesen Jugendroman opulent in Szene gesetzt. Miniaturen und ganzseitige Illustrationen führen uns durch die grandios erzählte Geschichte. Szenisch versetzt er uns ins Bild, wenn wir von Kapitel zu Kapitel fliegen und wo atmosphärische Worte allein nicht genügen, löst er eine Kopfkinovorstellung der Extraklasse in uns aus. Kleist ist und bleibt Kleist. Ob er nun „nur“ illustriert, oder ob er auch gleichzeitig als der eigene Autor seiner Geschichten auftritt, er ist und bleibt lesens- und sehenswert. Hier beweist er sein ganzes Können. Ich bin ihm schon lange auf der Spur und mein Weg ist nicht am Ende angelangt. Mehr zu Reinhard Kleist findet ihr in der kleinen literarischen Sternwarte, wenn ihr den folgenden Links folgt:

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
1914 – Ein Maler zieht in den Kriegund schon bald geht es weiter mit
Nick Cave – Mercy on me

Bleibt dran an den Graphic Novels und illustrierten Büchern meines Lebens.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus bei AstroLibrium – Manege frei:

Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern – Ullstein Verlag
Sirius von Jonathan Crown – Kiepenheuer und Witsch
Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Atlantik Verlag

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[Graphic Novel] Der Traum von Olympia – Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Wie anfangen? Wie aufhören? Nicht einfach gerade. Auf der Leipziger Buchmesse war ich mehr als erstaunt darüber, wie viele Romane das Licht der Bücherwelt erblickt hatten, in denen es in fiktionalisierter Form um das Schicksal von Flüchtlingen geht. Ich habe für mich entschieden, dass dies viel zu früh ist, um sich dem sensiblen Thema mit frei erfundenen Protagonisten zu nähern. Allzu gegenwärtig ist das Schicksal der realen Menschen. Allzu weit würde ich in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Romanen den Stimmen die Tür öffnen, die sagen könnten „Alles erfunden!“

Ich habe in der kleinen literarischen Sternwarte unter dem Titel Ich hatte einen Blog in Afrika eine Artikelreihe ins Leben gerufen, die mich aus der Kolonialzeit einer Tania Blixen ganz bewusst bis hin zum Schicksal von Flüchtlingen führen sollte. Ich habe verdeutlicht, mit welchen alltagsrassistisch geprägten Bildern wir diesen Kontinent noch heute sehen. Ich habe versucht klar zu verdeutlichen, dass Europa tiefe Mitschuld daran trägt, dass die von uns erschaffene Dritte Welt sich auf den Weg in ein sicheres Leben macht.

Am Ende der Serie bin ich bei Samia Yusuf Omar angelangt. Die Reportage Sag nicht, dass du Angst hast von Giuseppe Catozzella berichtet in eindringlicher Form vom Schicksal einer jungen somalischen Frau, die nur ein Ziel hat. Die Olympischen Spiele. Als Frau möchte sie für alle Frauen von Somalia laufen. Als Frau möchte sie voller Stolz die Fahne ihres Landes tragen. Aber die radikalislamistische Miliz Miliz Al Shabaab macht alle Hoffnungen zunichte. Muslimische Frauen haben nicht zu laufen. Sportkleidung ist nicht angemessen und wer sich dem widersetzt, wird bedroht. Samia bleibt nur die Flucht, um dieser Bedrohung zu entgehen und ihre Träume zu realisieren.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Fluchtweg von Samia verläuft dramatisch. Schlepperbanden, Erpressung und die entwürdigende Behandlung durch diejenigen, die mit Flüchtlingen Geld verdienen sind die wesentlichen Eckpunkte ihres Leidensweges. Offene Jeeps in der Sahara, die grausame Hilflosigkeit angesichts der absolut ausweglosen Situation und die Hoffnung, am Ende doch im Ziel anzukommen sind nur einige Facetten dieser Erlebniswelt von Samia, die uns sprachlos machen. Giuseppe Catozella hat hervorragend recherchiert und alle Quellen zurate gezogen, die das Schicksal von Samia belegen.

Sie blieb mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Kontakt. Facebook, Skype und wenige Telefonate machten das möglich. Sie war auf das Internet angewiesen, da die Schlepper immer neue Forderungen stellten, um die jeweils nächste Etappe der Flucht bezahlen zu können. Erpressung und Todesangst gingen ständig Hand in Hand. Zuletzt bleibt Samias Bahn bei den Olympischen Spielen in London 2012 leer. Sie hat es nicht geschafft. Ihre Spur endet vor der Küste von Lampedusa. Samia Yusuf Omar ertrank bei dem Versuch, ein Schiff der Küstenwache Italiens zu erreichen.

Kein Wirtschaftsflüchtling. Keine leichtfertige Flucht. Verfolgt, bedroht und in ihrer Rolle als Frau gedemütigt blieb ihr keine andere Wahl. Repressalien gegen ihre Familie wollte sie nicht riskieren. Nur ihren Weg wollte sie gehen. Mit gerade einmal 21 Jahren bezahlte sie mit ihrem jungen Leben. Eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Eine Geschichte, die wahr ist. Eine Geschichte, die keiner Fiktionalisierung oder Erhöhung bedarf.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Eine Geschichte, die uns nur ein Schicksal von Tausenden vor Augen führt und dabei helfen kann, unseren Blickwinkel zu verändern. In diesen Schlauchbooten sitzen zahllose Samias, die an unsere Küsten gelangen wollen. Tausende von Gründen treiben sie an. Jeder so schwerwiegend wie die Lebensgefahr, in die sie sich begeben. Samia. Mein Artikel zur Reportage „Sag nicht, dass du Angst hast“ zeigt viele Hintergründe und Fotos zu dieser Geschichte und auch ein Video von Samia habe ich eingefügt. Ich wollte so gerne, dass dieses Buch möglichst viele Menschen erreicht. Erinnern und das Vergessen verhindern. Das wollte ich.

Als ich dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Pressegespräch bei Carlsen erneut mit Samias Geschichte konfrontiert wurde, war ich zunächst mehr als skeptisch. Eine Graphic Novel unter dem Titel Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“. Ich wurde neugierig, ob es Reinhard Kleist gelungen ist, sich diesem sensiblen Thema in dieser literarischen Form zu nähern und gleichzeitig stellten sich mir die ersten Fragen, ob man das darf, ob man es kann, und letztlich auch, ob es Samia gerecht würde, in einem landläufig als „Comic“ bezeichneten Buch einem eher jugendlichen Publikum präsentiert zu werden. 

Skepsis ist eine sehr gesunde Ausgangshaltung, sich einem Buch zu nähern. Sie schärft die Sinne, macht vorsichtig und verleitet zu sehr aktivem Lesen und Betrachten. Allein das Cover hat diese erste Skepsis schon beseitigt. Nicht reißerisch und mehr als authentisch zeigt es die Läuferin Samia Yusuf Omar, so wie ich sie aus ihren Videos kenne. Die Tartanbahn ist ihr Weg, das Stirnband das letzte Geschenk ihres Vaters, ihr Sportdress sitzt zu labberig und ihr Blick erzählt ihre ganze Geschichte. Und erst der zweite Blick, hier der entscheidende, zeigt die schemenhaft waffenstarrenden Gestalten der Milizionäre, vor denen sie flieht. Gelungen. Mein erster Gedanke.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Tja, und was soll ich sagen? Erst auf Seite 59 dieser Graphic Novel gelingt es mir eine erste Pause einzulegen. Bildgewaltig und extrem überzeugend, authentisch und nah gelingt es dem zeichnenden Autor oder dem schreibenden Zeichner, Bilder in mir zu erzeugen, die ich gut zu kennen glaube. Bilder einer jungen Frau, die in Somalia versucht, ihren Weg zu gehen. Ihren Weg zu laufen – wegzulaufen. Farblos sind die Illustrationen. Voller Respekt und Einfühlungsvermögen zeigen sie, was Worte oft nicht ausdrücken können. Reinhard Kleist erzeugt ein geschlossenes Bild von Samia, indem er tausend Bilder von ihr zeichnet.

Nicht nur Jugendliche fühlen sich hier angesprochen, auch mich selbst packt diese Version des Herangehens an diesen schweren Stoff. Dabei beschränkt sich Reinhard Kleist auf das Wesentliche. Seine Illustrationen ufern nicht aus, sie verlieren Samia nie aus dem Blick und ihre Mimik greift nach der Seele ihres Betrachters. Ehrgeiz, Angst, Hoffnung und pure Verzweiflung angesichts des Unrechts in Somalia werden in Samias Augen greifbar. Die Geschichte ist komplett erzählt, nichts wirkt verkürzt. Die Schlinge der Ereignisse zieht sich spürbar um jedes einzelne Bild.

Und dann greift Reinhard Kleist zu einem literarisch gezeichneten Kunstgriff, den ich persönlich in dieser Form noch nicht erlesen habe. Er integriert das Internet in seine Illustrationen. Jenes Internet, auf das Samia so sehr angewiesen war. Wir sehen ihre Facebook-Timeline mit Einträgen, die es in dieser Form tatsächlich gab, die aber heute gelöscht sind. Kleist rekonstruiert plausibel und lebendig. Es ist als wären wir mit Samia befreundet und würden ihren Posts folgen. Und beim Lesen merken wir, wie sich das junge Mädchen verändert. Sie schreibt über ihr Training, vertraut uns ihre Gefühle an und beginnt von ihrer Flucht zu erzählen. YouTube-Videos sind gezeichneter Teil der Geschichte. Die sozialen Netzwerke hinterlassen einzigartige Bildspuren in der einzigartigen Graphic Novel.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Meine Fragen zur Graphic Novel als literarisches Format sind jetzt beantwortet. Zumindest was Reinhard Kleist betrifft. Ja, er darf das. Ja, er kann das und ja, er muss das tun. Mit seinen kombinierten Stilmitteln erreicht er junge Menschen, denen diese Geschichte ansonsten wohl verborgen bliebe. Er animiert zur eigenen Recherche, lädt ein, seinen gezeichneten Youtube-Videos auf die Spur zu gehen und Samia zu finden. Er gibt vielen Schicksalen ein Gesicht, da es ihm in besonderer Weise gelingt, hier eine Geschichte stellvertretend für die gesichtslosen Opfer zu erzählen.

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar hat als Graphic Novel eine Wucht, die ich dieser Stilrichtung der Literatur so nicht zugetraut hätte. Ich habe die Geschichte von Samia gekannt und trotzdem war ich völlig emotionalisiert von der Art und Weise, in der Reinhard Kleist sie beendet. Das muss man gesehen, muss man selbst gelesen haben. Dieses Ende wird Samia gerecht. So, wie auch die gesamte Graphic Novel ihr gerecht wird.

Reinhard Kleist lässt einen der größten Sportler Somalias zu Wort kommen und entführt uns zum letzten Mal in ein YouTube-Video. Es zeigt Abdi Bile, der eine Rede über sein Land, seinen Sport und eine junge Frau hält, die für diesen Sport und ihre Überzeugung gestorben ist. Wir verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Reinhard Kleist ist es zu verdanken, dass wir trotzdem alles verstehen. Jede Träne. Lest dieses Buch mit euren Kindern und werft dann einen Blick in die Schlauchboote dieser Welt. Ihr werdet einzelne Menschen darin sehen. Keine Masse. Keine Flüchtlinge.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Miriams Geschichtenwolke hat nicht nur eine Rezension zum Buch für euch.Es ist viel mehr als das… Hier geht´s lang Und auch Anja hat in Zwiebelchens Plauderecke besondere Worte gefunden. Das Buch zieht wie auf Bestellung seine Kreise duch den Campus Libris.

Mit einem Klick zur Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AtrolibriumIch hatte einen Blog in Afrika - Eine Artikelserie

Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Artikelserie

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg [Der Blaue Reiter vor Verdun]

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Mehr als Lesen

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Mehr als Lesen

Ich bin im eigentlichen Wortsinn kein Bildermensch. Ich lebe in Büchern, schwelge in und zwischen den Zeilen und genieße das Kopfkino, das sich beim Lesen langsam entwickelt. In Galerien stehe ich zumeist hilflos vor modernen Gemälden und es fällt mir schwer zu erkennen, zu deuten oder gar zu interpretieren.

Und doch muss ich Donna Tartt zustimmen, die in ihrem grandiosen Roman „Der Distelfink“ schreibt, dass jeder Mensch sein ganz besonderes Lebensbild hat. Ein Gemälde, zu dem er eine mehr als innige Beziehung hegt – fernab aller Deutungshoheit oder Erklärungswut. Ein Bild des Herzens, das einen nie wieder los lässt.

„Pst. Du da. Hey Junge. Ja Du. Deins. Deins. Für dich bin ich gemalt worden.“ (Der Distelfink)

Ja – auch ich habe ein solches Bild meines Lebens. Ein einzigartiges Gemälde, das ich regelmäßig besuche und zu dem ich im Laufe der Zeit eine mehr als emotionale Beziehung aufgebaut habe. Ja – ich habe das Gefühl, dass es nur für mich allein gemalt wurde. Ich möchte von dieser Bindung erzählen, aber eben auch ein aktuelles Buch vorstellen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Es ist wie ein echtes Geschenk des Bücherhimmels für mich. Ein wertvolles.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Unterwegs in München

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Unterwegs in München

Eigentlich begann alles mit Florian Illies und seinem literarischen Meisterwerk „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Er erzählt von großen und kleinen Leuten, Dichtern, Schriftstellern, von Menschen wie dir und mir, aber auch ganz besonders von Künstlern, die dem Jahr 1913 ihren leuchtenden Stempel aufgedrückt haben, bevor das Jahrhundert mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Kälte und Dunkelheit versank. Und doch überdauerten Worte und Bilder die Zeit – sie legen heute Zeugnis ab über die Menschen von einst, ihre Gefühle, Sehnsüchte und Talente.

Literatwo hat sich mit diesem Buch damals auf eine Zeitreise begeben und wir ließen uns gemeinsam inspirieren und entführen. So lernten wir Franz Marc kennen, jenen Maler, der sich mit einigen guten Freunden zum „Blauen Reiter“ aufschwang und Bilder entstehen ließ, die eine völlig neue Epoche der Kunst einläuteten. Wir lernten Franz Marc ganz privat kennen, blickten äußerst vorsichtig hinter seine Staffelei und konnten an seinem magischen Briefwechsel mit Else Lasker-Schüler teilhaben. Und wir sahen ihm zu, wie er seinem berühmten „Blauen Pferd“ Farbe und Leben einhauchte.

Und wenige Tage nachdem die letzte Seite des Buches gelesen war, öffnete das Lenbachhaus in München seine gut bewachten Tore nach mehrjähriger Schließung mit der Sonderausstellung zu Franz Marcs „Blauem Pferd“. Ich besuchte die Ausstellung, das Buch in der Hand und das Bild im Herzen. Doch als ich ihm zum ersten Mal Auge in Auge gegenüber stand, passierte etwas in mir, das ich niemals vergessen werde. Die Worte von damals haben zeitlos Bestand:

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Besuch beim Blauen Pferd

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Besuch beim Blauen Pferd

Eine Tür noch – eine einzige! 

Ich schritt hindurch… ein tageslichtheller Raum… ein schwarzer Holzrahmen… und ein majestätisch wirkendes, in den schillerndsten Blautönen strahlendes, futuristisch verformt gemaltes Blaues Pferd erhob sich mir gegenüber. Den Blick zur Seite gewandt, mich mit einem Auge fixierend schien es zu sagen: „Wird aber auch Zeit – ich habe mehr als hundert Jahre darauf gewartet.“ 

Ich besuchte das Lenbachhaus nicht nur mit meinen Augen. Der Artikel aus dem Mai 2013, also genau 100 Jahre nach dem Sommer des Jahrhunderts, legt Zeugnis über meine Gefühle ab. Ich besuchte das „Blaue Pferd“ in Gedanken mit und für Bianca (so, wie ich es heute noch zu tun pflege). Ich werde diesen Moment mein Leben lang nicht vergessen. Und doch blieben am Ende des Lesens Fragen offen. Illies schließt seinen Sommer des Jahrhunderts am Ende des Jahres 1913, die unfassbare Dramatik im Leben des Franz Marc sollte sich jedoch erst ereignen.

Auch er würde in die Wirren des Ersten Weltenbrandes geraten und gerade er, der in Blauen Pferden dachte und malte, sollte beritten in die erbarmungslosen Schlachten ziehen. Oder besser… in DAS Schlachten. Darüber finden sich viele Biographien und Hinweise. Ja – zugegeben, aber ein Buch, das dieser Tragödie gerecht wird, habe ich nicht gefunden. Bis vor wenigen Tagen.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Aladin Verlag

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Aladin Verlag

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg aus dem Aladin-Verlag zog meinen Blick auf sich. Es wird doch wohl nicht… fragte ich mich… es kann doch unmöglich…, beruhigte ich mich selbst. Hoffend und unruhig zugleich öffnete ich das großformatige Werk und alle aufgestauten Emotionen befreiten sich in einem lauten „Ich glaub` das jetzt nicht!“. 

Ich betrachtete die wundervollen Illustrationen, las die ersten Zeilen und erkannte sofort Franz Marc. Ich konnte es kaum glauben, dass es nun wirklich ein Buch geben sollte, das ihn auf seinem vorgezeichneten letzten Weg in den Ersten Weltenbrand begleitet. Mit riesigen Erwartungen machte ich dieses Werk zu meinem Wegbegleiter und dem Lustkauf folgte ein optisch inhaltliches Leseabenteuer der Extraklasse.

Reinhard Osteroth schreibt einfach. Hört sich das jetzt negativ an? Sollte es nicht… es ist ein tief empfundenes Kompliment, da er sich für einen bildhaft erzählenden Weg entschieden hat, der es Lesern jeden Alters ermöglicht, sich dem Menschen Franz Marc zu nähern. Osteroth schreibt nun wirklich nicht sachlich (auch wenn das Buch mit dem Emys Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde). Er schreibt so, als hätte er Franz Marc persönlich gekannt, verweigert sich aber standhaft dem Genre Biographie. Er schreibt uns Franz Marc ins Herz und dabei vermittelt er mehr Wissen und Gefühl, als ich es für möglich gehalten hätte.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Wort und Bild - Hand in Hand

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Wort und Bild – Hand in Hand

Osteroth erzählt von der künstlerischen Vision Franz Marcs, von seinem Traum neue Wege einzuschlagen. Er beleuchtet Weggefährten und Gegner der Blauen Reiter. Er beschreibt die Stimmung der Augusttage, in denen das deutsche Kaiserreich mit unterschiedlichen Gefühlslagen in den Krieg zog und er lässt Franz Marc selbst zu Wort kommen. Zitate aus seinen Briefwechsel machen sehr deutlich, warum gerade er sich freiwillig melden musste.

Nichts bleibt verborgen in diesem Buch. Alles Hoffen und Bangen, der Schrecken des Krieges, das Gefühl der Unbesiegbarkeit und die Veränderungen, die Franz Marc so sehr prägten. Nach dem Krieg wollte er andere Bilder malen… nach dem Krieg wollte er so vieles… Seine tiefen Briefe an Else Lasker-Schüler erlangen in diesem Buch eine neue Dimension und Franz Marc selbst wird in empathischen Wortfarben gezeichnet, ohne ihn dabei zu überhöhen. Liebevoll… so möchte ich es dem Autor unterstellen… liebevoll und respektvoll bis zum letzten Atemzug Franz Marcs. So liebevoll wie Franz Marc selbst in seinem bewegenden Nachruf auf seinen Künstlerfreund August Macke, der bereits 1914 dem Weltenbrand zum Opfer fiel. Ein Fingerzeig vielleicht? Eine Warnung?

Ironie des Schicksals. Der Blaue Reiter, der Schöpfer meines Blauen Pferdes fiel vor Verdun. 1916, gänzlich ins Feldgrau gehüllt, getroffen von einem fatalen Zufallsschuss. Vom Rücken eines Pferdes in den Matsch der Geschichte geschmettert. Der Blaue Reiter starb als Grauer Reiter. Und mit ihm starb die Vision eines neuen blauen Landes nach seiner Heimkehr.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Der Kriegskomet Delavan

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Der Kriegskomet Delavan

Osteroth erzählt mit Worten, die haften bleiben und da wo seine Worte absichtlich Raum zum Träumen lassen, begegnen sie den Illustrationen von Reinhard Kleist, die zeigen, was Worte manchmal schwer beschreiben können oder wollen. Eine geniale Ergänzung zum Text. Wort und Bild auch hier Hand in Hand – auch hier eine Spur „Gegen das Vergessen“.

Ein zutiefst menschenfreundliches Buch über eine unmenschliche Zeit.

Ein Buch für jeden Kunstliebhaber; ein Buch für alle Büchermenschen; ein Buch für Groß und Klein; ein Buch für Herzensleser; ein Buch für kreative Geister und verwandte Seelen; ein Buch für alle Liebhaber von Kunstausstellungen, in denen die Gemälde von Franz Marc in ihrer zeitlosen Farbenfreude faszinieren. Ich habe viel gelernt in „1914 – Ein Maler zieht in den Krieg“. Ich habe viel gefühlt und letztlich habe ich persönliche Tränen vergossen…

Der letzte Freundschaftsdienst von Paul Klee; das letzte Gedicht von Else Lasker-Schüler an ihren gefallenen Blauen Reiter; die Gefühle von Maria Marc im Angesicht der beiden letzten Briefe ihres Mannes, die erst nach seinem Tod die Heimat erreichten.. all dies ist im Buch zu erlesen, erfühlen, erweinen und zu erblicken.

„Sorge dich nicht, ich komm schon durch. Franz“ 

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Eine Lesereise

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Eine Lesereise

Danke für dieses Buch. Es ist für mich eines der wichtigsten Geschenke meines literarischen Lebens. Ich weiß dieses Kunstwerk in Dresden – ich weiß es bei Bianca. Es mit eigenen Augen sehen zu können, was ich hier nur mit anderen Augen sah – das war und ist mir wichtig. Ich ließ es zu Dir reiten. Flieg mit ihm im gestreckten Galopp.

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten… wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“ (Else Lasker-Schüler)

AstroLibrium - Unterwegs in Sachen Literatur

AstroLibrium – Mr. Rail unterwegs in Sachen Literatur

Es endet nie…“Mein Lenbachhaus“ – Bilder einer Ausstellung:

Klee - Kandinsky und Marc - und mein pferd

Klee – Kandinsky und Marc – und mein pferd

Es geht weiter im Lenbachhaus. Diesmal unter der Überschrift „Kraftraum meines Geistes„. Ganz neu ausgestattet mit Jahreskarte und im tiefen Dialog mit meinem Blauen Pferd.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes