„The Writer´s Cut“ von Monty Python Eric Idle

The Writer´s Cut von Eric Idle

Timing ist bekanntlich alles, wenn es um Gags geht! Die beste Comedy verpufft in Banalität, wenn der richtige Zeitpunkt für den Knalleffekt verpasst wird. Wer jemals den Film Das Leben des Brian von Monty Python gesehen hat, weiß ganz genau was es bedeutet, absolute Meisterschaft im Timing von Gags zu erreichen. Kaum eine andere Komikergruppe hat es jemals zu einer vergleichbaren Timing-Brillanz gebracht. Kaum ein zweites Team war in der Lage, dem Sinn des Lebens einen neuen Sinn zu geben oder die Geschichte des Mittelalters mit den Rittern der Kokosnuss zu garnieren.

Eric Idle war einer von ihnen. Auch 25 Jahre nach Brian gehört Idle immer noch zum internationalen Who-is-Who der Gag-Giganten. Der Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur und Komponist zieht seit den großen Erfolgen von Monty Python auch solo seine Kreise. Unsere Erwartungshaltung ist riesig, wenn wir ihm ihn seinem Schaffen begegnen. Punktgenau hat er immer geliefert. Wesentliche Teile meiner Lachmuskeln sind von ihm als Personal Trainer geformt worden und nun ein Buch aus seiner Feder vor Augen zu haben lässt mich schon vor dem ersten Satz erwartungsvoll schmunzeln.

The Writer´s Cut von Eric Idle

The Writer´s Cut“ liegt nun in einer zweisprachigen Taschenbuchausgabe aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch vor. So wird aus einer 165-seitigen Story doch ein ansehnliches Werk, da uns neben der Übersetzung von Julian Müller zugleich die originalen Zeilen des britischen Multitalents Eric Idle zur Verfügung gestellt werden. Ein gewagtes Unterfangen. Zumindest aus Sicht des Übersetzers. Für ihn steht hier schon viel auf dem Spiel, da jeder Leser damit beginnt, die beiden Fassungen zu vergleichen und zu mutmaßen, wie man selbst die ein oder andere Passage des Buches übersetzt hätte. Ein gewagtes Spiel eben auch, weil bestimmte Redewendungen und Wortspiele einer Hollywood-Satire sich dem deutschen Sprachgebrauch entziehen, wenn man sie wörtlich an den Mann oder die Frau bringen wollte…

„Ein Reality-Roman aus Hollywood“, was auch immer wir uns davon zu versprechen haben, gerade in der Zeit der #MeToo-Skandale darf und muss man darauf gespannt sein, was Eric Idle hier zu Papier gebracht hat. Eines ist jedoch sicher. Whistleblower sehen anders aus und realen Enthüllungsjournalismus darf man hier wirklich nicht von ihm erwarten. Was ich lesen durfte hat mich jedoch vom Hocker gehauen und meiner Lachmuskulatur dazu verholfen, nun als gestählt betrachtet zu werden. Muskelkater all inclusive! Was jedoch macht diese Story so real, was verleiht ihr Brisanz und warum ist es brüllend komisch, worüber sich Eric Idle hier amüsiert? Ganz einfach. Er nimmt alle Automatismen einer Unterhaltungsindustrie auf die Schippe und begeistert damit ganz besonders Buchliebhaber.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Stanley Hay ist Drehbuchautor. Noch dazu ein recht erfolgloser, dessen Existenz in Hollywood ebenso verschwiegen, wie unterbezahlt wird. Soviel zum Thema Realsatire. Als er jedoch ankündigt, einen Enthüllungs-Roman über die Prominenten der Filmsets auf den Markt bringen zu wollen, löst er schiere Hysterie aus. Doppelmoral trifft auf ihr voyeuristisches ungezogenes Schwesterlein. Jede Menge Sex und Drugs garniert mit weltbekannten Schauspielerinnen und Models. Das ist eine Sensation und Hollywood erzittert. Ein hochdotierter Buchvertrag wird schnell unterschrieben, die Filmrechte sind hart umkämpft, Interview folgt auf Interview und Stanley Hay steht im Mittelpunkt allen medialen Interesses.

Einziges Problem. Er hat noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht. Aus dieser grandiosen Ausgangssituation heraus kommt Eric Idle aus seiner Deckung und schießt schärfer als die Polizei erlaubt. Aus dem Whistleblower wird ein Blowjobwhistler. In allen Details dieser Story entdecken wir die wahren Automatismen, die den Buchmarkt weltweit bestimmen. Sensationsgier und die Suche nach dem Mega-Seller lassen alle Schranken und Hüllen fallen. Und das absolut Perverse an der gesamten Situation. Die wahrhaft prominenten Weltklasse-Schauspielerinnen fürchten sich davor, nicht im Buch erwähnt zu sein. Kein Skandal – kein JetSet. Und so bemüht man sich doch noch kurz vor Toresschluss auf den eigentlich abgefahrenen Zug aufzuspringen. Koste es was es wolle.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Eigentlich haben es Komiker in den USA schwer genug. Eric Idle betont das mehr als deutlich:

„Da sitzt ein Clown im Weißen Haus und keiner lacht!“

Doch noch bevor wir wissend mit dem Prusten beginnen, bleibt uns das Lachen so sehr im Hals stecken, als hätten wir eine gute Portion Gräten gegessen. Der Roman ist im Jahr 2003 angesiedelt und gemeint ist hier George W. Bush. Spätestens hier wird klar, wie zeitlos die Story ist und dass es auch noch schlimmer kommen kann. Dieser Roman hat Potenzial, weil er mit der Potenz seines Protagonisten protzt. Das Bild der Frauen in dieser Unterhaltungsindustrie verkommt schnell zum Schlampenimage, auf das Hollywood heute mit Abscheu schaut. Diese Scheinheiligkeit stinkt in dieser Story gewaltig zum Himmel. Die Besetzungscouch ist hier kein geflügeltes Wort und Sex ist Währung, mit der auch Aktricen gerne zu zahlen bereit sind. Ein Skandal ? Nicht in Eric Idles Buch, das es gar nicht gäbe ohne reale Vorbilder. Das ist postironisch!

Wer jedoch ist nun der bessere Gagschreiber? Eric Idle oder sein Übersetzer? Ich habe keinen Zweifel, dass Julian Müller hier ein faszinierendes eigenständiges Werk geschaffen hat. Wortspiele die nicht übersetzbar sind hat er auf Gutdeutsch kompatibel gemacht. Redewendungen, die so nicht funktionieren, hat er lachbar gemacht. Wenn in der englischen Fassung etwas undicht ist, heißt es im Original „leaky as a cheap tent“. Julian Müller macht daraus „undicht wie ein Kondom aus dem Nähkästchen!“ Weit entfernt vom Ursprung, könnte man denken. Ich finde die Übersetzung hat Pep und ist alleine für sich schon ein Skandal, weil Julian Müller keine Details umschifft, die diese Story so schlüpfrig, skandalös und anzüglich machen. Hut ab.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Idle ist ein Perfektionist in Sachen Timing! Lesen, lachen, nachdenken und wieder lesen. Wer Bücher liebt und die große Story eines ungeschriebenen Bestsellers nicht verpassen möchte, ist hier genau an der richtigen Stelle. Kein uferloser Director`s Cut. „The Writer`s Cut“ stößt schnell und präzise zu. Wie sein Protagonist.

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