Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Jetzt habe ich ihn also doch gelesen. Meinen ersten Roman, der sich mit dem akuten Corona-Szenario in unserer Gesellschaft auseinandersetzt und lähmende Begriffe wie Quarantäne und Social-Distancing zu Stellgrößen einer familiären Interaktion werden lässt. John von Düffel wagt sich aus der literarischen Deckung und legt einen Roman vor, in dem wir eigentlich genau das finden, wovon wir gerade kaum noch etwas hören wollen. Wir leben unsere Probleme, bewältigen unsere Alltage und finden selbst kaum Worte für eine Welt im Klammergriff der Pandemie. Die Literatur ist unser Fluchtpunkt, hilft uns, Ablenkung zu finden und unsere Fantasie abschweifen zu lassen. Da scheint es sehr gewagt zu sein, einen Familienroman zu schreiben, der die Corona-Pandemie nicht nur streift, sondern ihr den Raum gibt, den sie sich auch in unserem realen Leben genommen hat.

Die Wütenden und die Schuldigen“ will gerade aus diesen Gründen gelesen werden. Wie verarbeiten wir solche existenziellen Krisen literarisch? Wie lesen wir Geschichten, deren Rahmenbedingungen wir gerade wie im Livestream erleben? Wie reiben wir uns an diesem Roman? Wie sehr wühlt er uns auf, können wir etwas lernen oder prallt das Setting an uns ab, weil wir es einfach nicht mehr hören und lesen wollen? Alles Gründe für mich, diesen Roman auf meine Leseliste zu setzen. Fragen, denen ich mich widmen wollte, weil nur jetzt und nur heute das unmittelbare Leseerlebnis in der Zeitscheibe der Pandemie die Wirkung entfalten kann, die der Autor beabsichtigt. Eine große Aufgabe, der sich John von Düffel stellt. Aber wer, wenn nicht jener erfolgreiche Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste könnte dramaturgisch geschärft in Szene setzen, was mich im realen Leben oftmals sprachlos macht?

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

John von Düffel beschreibt keine Stereotype, er wählt nicht beliebig aus, wenn es um das Casting für seinen Roman geht und konfrontiert uns nicht mit einer Allerwelts-Familie, die sich „Lindenstraßen-gleich“ in unser Lesen „beimert. Nein, die Szenerie seines Schreibens ist besonders, keinesfalls beliebig. Hier geht es um Menschen, die sich schon ohne Pandemie zu verlieren scheinen. Hier geht es um eine Familie, die es heftig gebeutelt hat. Mutter Maria, Anästhesistin der Charité, mit ihrem gesamten Team zwangsweise in Quarantäne, nachdem es zwei positive Tests gab. Jetzt gilt es, für sich selbst zu sorgen, weil der Rest ihrer Familie für alles Zeit hat, nur nicht für sie. Tochter Selma ist mit einer professionellen Sterbebegleiterin unterwegs zu Großvater Richard, einem protestantischen Pfarrer in der Uckermark, dessen Zeit abzulaufen scheint. Und Bruder Jakob hat gerade nichts anderes im Kopf, als seine kopflose Leidenschaft für seine Kunstprofessorin, die seine Sinne sprichwörtlich betäubt. Vier Lebensentwürfe in einem gesellschaftlichen Irrgarten, die kaum noch miteinander zu verbinden sind.

Und jetzt kommt auch noch die Pandemie hinzu, deckt alles mit Einschränkungen zu und erschwert den letzten Rest der Gemeinsamkeiten, die diese Familie noch hat. Hier sind es jetzt die fehlenden Teile im Familien-Puzzle, die neuen Herausforderungen und die Corona-Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, die zur Unzeit zu unlösbar scheinenden Problemen mutieren. Und mittendrin Selma, die verzweifelt versucht, die Lebensfäden einer zerstreuten Familie zu bündeln. Mission Impossible in der einsamen Uckermark. Kontaktverbot, Quarantäne und soziale Distanz werden zu den Mauern, an denen gerade jetzt eine Wiedervereinigung scheitern muss. John von Düffel lässt uns an diesen verschiedenen Welten teilhaben. Wir gehen in Quarantäne und lernen einen Rabbi kennen, wir begleiten einen Sterbenden und stranden in der Uckermark, stehen nackt einer Kunstprofessorin Modell und schämen uns für das Ergebnis, das wir sehen. Es fühlt sich lose und unverbindlich an, was Selma zu verbinden sucht. Besonders im Kontext einer Pandemie…

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

„Die Wütenden und die Schuldigen“ ist ein Roman voller Variablen. Es ist kaum noch auf einen Nenner zu bringen, wenn es der komplexen Formelwelt einer Familie an Konstanten fehlt. Auch ohne Virus hätte es kaum einen größten gemeinsamen Teiler gegeben, der es ermöglicht hätte, die Familie ohne Rest berechenbar zu machen. Ich habe mich oft in den Parallelwelten verloren, denen John von Düffel Raum gibt, um in seinen Erzählräumen nicht eindimensional zu bleiben. Es sind tiefgründige Gespräche mit einem Rabbi, mystisch anmutende Begegnungen mit Katzen, Dorfjugendliche, die wie Abziehbilder einer vergangenen Zeit wirken und starke Charaktere, die sich mitten im Chaos behaupten, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, richtig zu liegen. Angesichts des nahenden Todes ist es eine starke These im Roman, dass es am Ende nur zwei Sorten von Sterbenden gibt: „Die Wütenden und die Schuldigen“. Ich habe lange darüber nachgedacht, kann der Argumentation im Roman folgen, bin aber ganz zuletzt der Meinung, dass es ein größeres Spektrum an Gefühlslagen gibt. Wir finden hier jedoch einen unfassbar brillanten Zündfunken für unseren Geist, an dem wir uns noch lange reiben, nachdem die letzte Seite gelesen ist.

Sprachlich überzeugt John von Düffel, weil er seine Satzgebilde mit einem Florett in unser Lesen sticht. Seine Beschreibungen betonen nicht, was man fühlen soll. Sie lassen uns fühlen. Das orientierungslose Erwachen eines sterbenden Pfarrers oder die leidenschaftlich aufgeladene Atmosphäre einer niemals unschuldigen Aktstudie bleiben ebenso haften, wie die professionelle Herangehensweise einer Sterbebegleiterin an die Zielperson. Hin- und hergerissen zwischen aktueller Herausforderung und Aufarbeitung der Vergangenheit trägt uns Lesende ein Spannungsbogen durch einen Roman, der in wenigen Passagen brüchig und stockend scheint. Ich habe ihn immer wiedergefunden, weil es eben auch die fehlenden Puzzlesteine der Familie sind, die von Interesse sind. Ich fand Mutter, Großvater und zwei Geschwister. Die Tiefe des Erzählten liegt jedoch beim abwesenden Vater. Ihn zu entdecken. Ihn sprichwörtlich wahr zu nehmen, seine Verluste und Ängste auf seine Familie zu übertragen, erklärt nicht nur den Titel dieses Romans. Es erklärt auch, warum dieses Buch so unberechenbar ist…

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Am Ende bleibt die Frage nach der Relevanz dieses Romans. Für mich hat John von Düffel einen sehr soliden und interessanten Familienroman geschrieben, der im Corona-Setting nicht untergeht, von den Besonderheiten der pandemischen Situation jedoch in Gänze profitiert. Wir finden schon ein paar Antworten, wie wir den sozialen Boden verlieren können, wie leicht Ausreden werden und wie sehr die Abkapselung in einer Gesellschaft zur Vereinsamung in einer Familie führen kann. Wir werden schon bald gefragt werden, wie wir uns verhalten haben. Wir werden uns selbst fragen. Und dann gilt es, die Maske abzulegen und ehrlich zu sein. John von Düffel mag dabei in begrenztem Umfang helfen… Dies ist ein Roman – kein Ratgeber…

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

„Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja – Hanser Literaturverlage

Du kommst vom Einkaufen nach Hause, desinfizierst zuerst deine Hände, verstaust deine FFP2-Maske, hörst in den Nachrichten die aktuellen Inzidenz-Zahlen und machst dir über die Corona-Impfung Gedanken, rufst deine Freundin an, die sich seit Tagen in Quarantäne befindet und lebst seit Monaten unter dem Vorbehalt einer Ansteckung mit einem Virus, das die ganze Welt verändert. Du suchst dir Fluchtpunkte, genießt deine wenigen Biotope, die nicht infizierbar sind und versuchst, das Beste für dich und deine Familie aus dieser Situation zu machen. Du hast eine Seuche in der Stadt. Wenn du dann auf ein gleichnamiges Buch stößt, wirst du wohl primär abgestoßen, weil es ja mal gut sein muss. Nicht auch noch in deiner literarischen Auszeit, nicht auch noch in dem Refugium, in dem du dich sicher fühlst. Warum sollte ich gerade jetzt ein solches Buch lesen? Ja, warum nur?

Noch dazu, wenn es sich augenscheinlich um ein Drehbuch handelt, und nicht um ein Sachbuch oder einen Roman zur Lage, um vielleicht Aspekte zu beleuchten, die dir bisher entgangen sind. Es gäbe doch ganz andere Stilformen. Aber jetzt ausgerechnet ein Drehbuch? Warum? Weil es meine aktuellen Gedanken in turbulente Umdrehungen versetzt? Drehbuch, weil es die szenischen Wechsel eines Romans zur Vorbereitung für einen Film in schnellen Schnittfolgen verknappt wiedergibt? Drehbuch, weil sich in diesem Buch alles um ein eng umrissenes Thema dreht. Oder Drehbuch, weil sich mir beim Lesen nicht nur der Magen, sondern auch mehrfach das Hirn umdreht? Ich fand meine Antworten, weil ich „Eine Seuche in der Stadt“ von Ljudmila Ulitzkaja las. Hier wurde die Drehzahl meines Geistes beschleunigt, das Drehmoment meines Gehirns in Wallung gebracht und meine intellektuelle Drehscheibe in Schwung versetzt. Drehbuch halt.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Wir befinden uns im stalinistischen Moskau des Jahres 1939. Der Rahmen dieser wahren Geschichte ist schnell abgesteckt. Der Zweite Weltkrieg hält Russland fest im Griff, das kommunistische Regime konzentriert alle Anstrengungen auf den Feind und dann kommt es zu einem Zwischenfall. Rudolf Iwanowitsch Mayer wird aus der tiefen Provinz in die Hauptstadt zitiert, um über den Stand seiner Forschungen zu berichten. Er arbeitet in einem geheimen Labor an einem Impfstoff und das Volkskommissariat für Gesundheit verlangt ein Update und Ergebnisse. So weit, so gut. Wäre es nur im Labor nicht zu dieser kleinen Unachtsamkeit gekommen. Wäre die Schutzmaske nicht ein klein wenig verrutscht und hätte sich der Wissenschaftler nicht selbst mit der Pest infiziert, die Dienstreise nach Moskau wäre unspektakulär verlaufen. So jedoch hat er eine Seuche im Gepäck, die sich schneller ausbreitet, als man sie eindämmen kann.

Ljudmila Ulitzkaja hätte dies in einem weit ausschweifendem historischen Roman in der Tradition der größten russischen Erzähler*innen verarbeiten können. Aber genau das war nicht ihre Intention. Sie war auf diesen wahren Fall gestoßen, hatte sich durch Recherchen sattelfest gemacht und ein Szenario verfasst, das sie schon 1978 in dieser Fassung als Bewerbung für einen Drehbuchgrundkurs eingereicht hatte. Ihr war damals klar, dass die Geschichte an sich keine Aussicht auf Erfolg haben konnte, weil sie im Zusammenprall zwischen der Naturgewalt einer Seuche und der Staatsgewalt der kommunistischen Geheimdienste einen diffizilen Aspekt herausgearbeitet hatte, den man lieber unter den Tisch fallen lassen wollte. Wie war es damals gelungen, das Virus an seiner Ausbreitung zu hindern? Zu welchen Mitteln hatte das Regime gegriffen, um die Hauptstadt vor einer Katastrophe zu bewahren? Und hatte sie hier eine Blaupause zur Bewältigung künftiger Epidemien entdeckt?

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Hier entfaltet das Drehbuch seine literarische Urgewalt. Es sind schnelle Schnitte, die uns durch ein „cineastisch“ anmutendes Lesen treiben. Ein Anruf im Labor, Hektik, ein kleiner Fehler, die Verabschiedung und eine Zugreise nach Moskau. Begegnungen und Zufallsbekanntschaften, der Vortrag vor der Kommission, Schulterklopfen und die obligatorischen Bruderküsse, ein harmloser Haarschnitt im Hotel, eine Delegierte, die aus Moskau abreist, um in der Provinz Hof zu halten. Bewegungsmuster, die uns nicht unberührt lassen, wissen doch nur wir, dass der Pest-Forscher bei jeder Interaktion zu einem Auslöser einer neuen Infektionskette wird. Als er die ersten Symptome zeigt, in einer Klinik auf einen aufmerksamen Arzt trifft, der schnell begreift, womit er es zu tun hat, beginnt eine beispiellose Aktion eines totalitären Staates zur Verhinderung einer Katastrophe. Die Pest  wird zur Geheimdienstsache.

Und genau hier finden wir die Ursache für das Verschwinden dieses Textes. Darf man es als Erfolg eines menschenverachtenden Systems bezeichnen, die Ausbreitung einer Seuche durch eine Inhaftierungswelle des Geheimdienstes verhindert zu haben? Welche Türen würde man öffnen? Könnte die Büchse der Pandora je wieder versiegelt werden? Diese Fragen stößt „Eine Seuche in der Stadt“ an. Gerade in einer Zeit, die durch die Einschränkungen von Grundrechten gekennzeichnet ist, die zum Schutz der Gesellschaft ergriffen werden, muss eine Diskussion geführt werden, wie weit man hier gehen darf. Gerade in einer Zeit, in der sich eine Demokratie offen den Vergleich mit einer Diktatur gefallenlassen muss, sollte man den Blick auf wahrhaft totalitäre Systeme richten. Dieses Drehbuch stößt eine Diskussion an, die unerlässlich ist. Es zeigt aber ebenso beeindruckend auf, wie weit wir von autokratischen Zuständen entfernt sind.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Dieses Buch wird polarisieren, weil es beschreibt, dass die Pest in diesem Fall nur durch die brutale Staatsgewalt besiegt werden konnte. Wie harmlos kommen uns dann die Maßnahmen unserer Regierung vor. Und wie weit würden wir gehen, um den Rest der Bevölkerung vor jenen zu schützen, die bewusst oder unbewusst zu Virenträgern wurden? Es sind 102 Seiten, die sich unvergesslich ins Hirn einbrennen. Es sind die Momente der Ansteckung, die uns verdeutlichen, wie schnell man zum Opfer werden kann. Es ist die Wucht des Virus, die uns vor Augen geführt wird. Und es ist ein Text, der genau in dieser Form genau jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort angekommen ist.

Ljudmila Ulitzkaja reiht sich mit dem Drehbuch Eine Seuche in der Stadt in die systemrelevante russische Literatur ein, die so viel über die Seele dieses Landes aussagt und deren Signalwirkung niemals unterschätzt werden sollte. Ihre kurzen und prägnanten Aufzüge, die bewegenden Szenenwechsel und Charakterzeichnungen der Menschen, denen wir begegnen, bedürfen keiner weiteren Worte. Leseempfehlung: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Die Seele Russlands in der Literatur auf AstroLibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja