Der Distelfink von Donna Tartt – Film, Buch, Hörbuch

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Fünf Jahre sind seit dem Lesen vergangen. Fünf Jahre, in denen mir ein Buch nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Fünf Jahre, die ich jedoch habe verstreichen lassen, ohne einen der relevantesten Romane meines Lebens zu rezensieren. „Der Distelfink“ von Donna Tartt liegt in der Erstausgabe aus dem März 2014 immer noch in Griffweite. Er ist durchzogen mit PostIts eines vergangenen Lesens und ein kleines ScriptBook für die Rezension liegt seitdem im Giftschrank der kleinen literarischen Sternwarte. Auf der ToDo-Liste meines Lesens steht dieser Artikel seit fünf Jahren ganz oben, und doch ist es mir bis heute nicht gelungen, meine Gedanken zu bündeln und dem Pulitzer-Roman meine Referenz zu erweisen.

Warum jetzt? Was treibt mich an, den „Distelfink“ mit neuen Augen zu sehen und ihm 2019 Raum zu geben? Hat sich das Fußkettchen endlich gelöst, das den kleinen Vogel mit der Fußstange vor dem grauen Deckelkasten verband? Ist es die Verfilmung, die im Oktober auf mich zukommt? Ist es meine Urlaubsreise nach Delft, die mir schmerzhaft in Erinnerung ruft, dass ich dem Bild von Carel Fabritius im Mauritshuis in Den Haag begegnen werde? Oder liegt es auch daran, dass ich mich inzwischen in einem kleinen Schreibprojekt der niederländischen Heimatstadt des großen Malers angenähert habe? Delft und die große Katastrophe des Jahres 1654. Jener Delfter Donnerschlag in dem der Künstler den Tod fand? 

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Es ist wohl eine Mischung aus allen Faktoren, die mir den „Distelfink“ erneut vor Augen führt. Ohne die Explosion des Pulvermagazins in Delft und den Tod des Malers Fabritius hätte sich Donna Tartt für ein anderes Kunstwerk im Mittelpunkt ihres Romans entschieden. Die Parallele zwischen dem Künstler und dem Beginn ihrer Geschichte ist einfach zu relevant, um sie zu vernachlässigen. Denn hier startet alles. Hier erhebt sich der „Distelfink“ wie der Phoenix aus der Asche und wird zum Symbol einer Erzählung, die mich nachhaltig geprägt hat. Es ist ein heftiger Donnerschlag, der das New Yorker Metropolitan Museum erschüttert. Es ist ein terroristischer Donnerschlag, der alles in Schutt und Asche legt, dem erst 13jährigen Theodore Decker die Mutter raubt und sein Leben für alle Zeiten verändert.

Da ist der alte Mann, dem er beim Sterben hilft. Da ist dessen Nichte Pippa, die den Anschlag gerade so überlebt hat. Da ist die drängende Bitte des Sterbenden, Theodore solle das Gemälde Der Distelfink in einer Plastiktüte an sich nehmen und zuletzt ist da neben dem Ring, der ihm geschenkt wird, eine Adresse, an die sich der Junge wenden soll. Die Antiquitätenwerkstatt, die der Verstorbene mit seinem Geschäftspartner James Hobart betrieben hatte. Mit diesem Urknall beginnt eine Geschichte, in der ein Gemälde und dessen unrechtmäßiger Besitzer fortan lebenslänglich miteinander verbunden sind, wie der Distelfink mit seiner Sitzstange. Es ist der laute Doppelknall, der die Explosion eines Delfter Pulverturms mit einem New Yorker Museum verbindet. Kunst und Leben sind untrennbar miteinander verbunden.

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Hier vermischen sich Handlungsebenen und Wahrnehmung zu einem grandiosen Mix aus Kunstleidenschaft, rauschhafter Wahrnehmung und fetischistischer Qual. Theo und das gestohlene Gemälde kommen nicht mehr voneinander los. Seine Odyssee seit dem Tod seiner Mutter entwickelt sich zur Irrfahrt des Heranwachsenden mit all seinen Lieben, Leidenschaften und Traumata. Ist sein Distelfink zunächst die letzte Erinnerung an die noch lebende Mutter, so wird das Gemälde langsam zum Faszinosum, dem sich Theo nicht mehr entziehen kann. Er versteckt das Bild auf seinem weiteren Lebensweg und macht sich selbst zum Sklaven seines großen Geheimnisses. Unfassbar dicht und empathisch erzählt. Donna Tartt spielt mit ihren Lesern. Jeder hat seinen Distelfinken. Jeder verbirgt den Schatz seines Lebens vor den Augen anderer Menschen. Und jeder würde so reagieren, wie Theo, als die Wahrheit über das Kunstwerk ans Licht kommt.

Man kann sich ein Bild eine Woche lang anschauen
und nie wieder daran denken. Man kann sich ein Bild
eine Sekunde lang anschauen und es sein Leben lang
nicht mehr vergessen…“
 

In diesen Momenten fand ich mich wieder in diesem Roman. Mein Distelfink hängt im Lenbachhaus zu München, entstammt der Zeichenfeder von Franz Marc und ist als Blaues Pferd weltbekannt. Ich kann persönlich nachvollziehen, welche Faszination ein Gemälde auf seinen Betrachter ausüben kann. Ich kann den Bann nachvollziehen, der den Betrachter gefangen nimmt. Und ich kann Theodore gut verstehen, der angesichts des ganz eigenen Lebensweges an der Seite seines Distelfinks zu allem bereit ist, um ihn nicht zu verlieren. Donna Tartt konfrontiert uns mit einem Entwicklungsroman, der die verschiedenen Lebensphasen ihres Protagonisten begleitet. Sie lässt uns mit ihm in rauschhafte Zustände verfallen, sie zeigt die verstörende Wirkung auf ihn, als der lange verschollene Vater plötzlich auftaucht und sie begleitet uns an seiner Seite in ein Leben als gewiefter Geschäftsmann. Zweifel, Selbstbetrug, Leugnung und Läuterung werden zu den Wegmarken eines Lebens, das eine explosive Wendung nahm.

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Jetzt sitze ich hier mit dem Buch und meinem ScriptBook vor Augen. Es fühlt sich gerade an, wie eine Zeitreise in mein vergangenes Lesen. Die Puzzlesteine finden sich und Bilder entstehen erneut in meinem Kopf. Da sind die Bilder des Todes von Mathew Brady, die den Amerikanischen Bürgerkrieg auf Glasplatten einbrannten. Da taucht Las Vegas als Ziel des Roadtrips mit Theos Vater auf. Die Chance auf ein neues Leben mit einem trockenen Alkoholiker. Da wird der Betrug wieder greifbar, mit dem man sich an Theo bereichern will. Da wird seine Flucht zurück nach New York wieder lebendig. Der Laden hinter dem Laden und die illegalen Geschäfte, Drogen, Sehnsüchte und unerfüllt gebliebene Liebe. Pippa, das Mädchen, das wie Theo den Anschlag überlebte wird zur Fata Morgana des „Was-hätte-sein-Könnens“.

Pippa war das vermisste Königreich, der unverletzte Teil meiner selbst. Sie war der goldene Faden in allem, eine Linse, die die Schönheit vergrößerte, sodass die ganze Welt gebannt war. Sie war wie die kleine Meerjungfrau, zu zerbrechlich, um an Land zu laufen…“

Hier berührt Donna Tartt sprachgewaltig und voller Tiefgang. Es gibt keinen Weg zurück. Es bleibt nur die Flucht nach vorne. Und letztlich ist nichts mehr so, wie es mal schien. Am Ende überstrahlt die Unfreiwilligkeit die Läuterung des Protagonisten. Es ist wie im wahren Leben. Die Unausweichlichkeit der Ereignisse öffnet die Augen und der letzte Ausweg wird zum Königsweg. Donna Tartt dreht und wendet das Schicksal, wie in der griechischen Mythologie. Ob ihr dabei ein Happy End gelang? Hier darf und kann man getrost streiten. Ich werde das Ende des Romans vor Augen haben, wenn ich bald in Delft vor einem Gemälde stehe. Ich weiß schon jetzt, dass aus dem kleinen Bild des zu früh verstorbenen Malers ein völlig neues Gemälde für mich entsteht. Ich werde den Ruß der Explosion sehen. Ich werde wissen, wo das Bild versteckt war. Und ich muss ganz sicher an Theodore Decker und Pippa denken. Nichts davon ist wahr. Und doch wird es für mich immer die Wahrheit hinter dem „Distelfink“ sein.

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Zur Vorbereitung auf den Film vertiefte ich mich im Hörbuch zu „Der Distelfink“. Ich wollte nochmal in die Atmosphäre eintauchen. Wollte nachempfinden, was ich einst so an dieser Geschichte liebte. Ich wollte schreibend in Schwung kommen, um meinen Erinnerungen wieder auf die Sprünge zu helfen. Ich wollte gerne New York, Las Vegas, Greenwich Village und Amsterdam neu erleben. Bei alldem wollte ich das Gemälde im Gepäck spüren. So, wie ich mein Blaues Pferd in Gedanken bei mir trage. Ich wollte für die neuen Eindrücke des Films bereit sein. Und ich wollte zurückblicken auf die Zeit, in der mein Blog AstroLibrium das Licht der Welt erblickte. Vor mehr als fünf Jahren war ich intensiv mit diesem neuen Kapitel meines Lebens beschäftigt. „Der Distelfink“ blieb damals auf der Strecke. Jetzt hat er sein Recht eigefordert. Man trifft sich mehrmals im Lesen.

Das Hörbuch: So, wie „Der Distelfink“ seinen Besitzer immer tiefer in einen Sog aus Lügen, Fehlentscheidungen und Fluchtbewegungen treibt, so ist es auch die Hörbuchfassung, die mit einer Spieldauer von 33 Stunden und 26 Minuten einen ganz eigenen Kosmos dieser Erzählung entfaltet. Wie die Buchvorlage ist auch das Hörbuch nichts für den schnellen Genuss für zwischendurch. Nichts für das beiläufige Zuhören, sondern vielmehr ein literarisches Hörereignis, auf das man sich mit Haut, Haaren und Ohren einlassen muss. Matthias Koeberlin verleiht der Erzählperspektive Theodore Deckers eine fast schon staatstragende Tiefe. Aus seiner Sicht entwickelt sich alles im Rückblick auf sein eigenes Leben. Im Amsterdamer Hotelzimmer, in dem es eigentlich endet, beginnt die Reise nach New York. Koeberlin wird dieser Rolle gerecht. Er weiß wovon er spricht, als wäre es seine eigene Geschichte in der Rückschau. Sentimentale und melancholische Facetten vertiefen diesen Eindruck. Ja, es ist ein Rückblick auf ein Leben das anders verlaufen wäre, wenn doch nur seine Mutter überlebt hätte. Stark!

Der Film: Bislang kann man nur den Trailer bestaunen. Zum Release gibt es immer noch widersprüchliche Aussagen. Aber ob Ende September oder Anfang Oktober, das ist letztlich fast unerheblich. Entscheidender ist, dass „Der Distelfink“ fast zeitgleich in den großen Kinoländern USA, England und Deutschland erscheinen wird. Das kommt recht selten vor und hilft uns dabei, den Film exklusiv, und nicht schon mit Kritiken aus anderen Ländern überlagert, betrachten zu können. Der Trailer lässt den Lesegefühlen von einst ausreichend Freiraum, sich in der Szenerie einzuleben. Das wirkt authentisch und gut umgesetzt. Hierfür steht auch der Name des Regisseurs: John Crowley. Seine filmische Adaption von „Brooklyn“ nach dem Roman von Colm Tóibín war brillant. Er hat ein feines Händchen für große literarische Stoffe. 

Der Cast sieht ebenfalls vielversprechend aus. Ansel Elgort als Theo trifft für mich punktgenau auf den Charakter zu, der hier schauspielerisch durch die Handlung trägt. Spätestens seit „Das Leben ist ein mieser Verräter“ weiß man, wie facettenreich und tiefgründig Elgort agieren kann. Ihm zur Seite stehen neben Nicole Kidman und Sarah Paulson auch Luke Wilson und Aneurin Barnard. Namen, die bei Kinofreunden den Puls schon leicht beschleunigen. Ob der Film funktioniert? Ob er die facettenreiche und tiefgründige Geschichte im Kinoformat so erzählen kann, dass er dem Roman gerecht wird? Das wird sich erst beantworten lassen, wenn der Vorhang fällt.

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Und spätestens dann werde ich allen Fragen auf den Grund gehen. Versprochen. Wie habt ihr den „Distelfink“ erlebt, habt Ihr den Roman noch in guter Erinnerung? Geht Ihr ins Kino und welche Gefühle begleiten Euch dabei? Schreibt mir und wir werden im Herbst dieses Jahres erleben, ob sich Hoffnungen erfüllen oder ob sich der alte Spruch „Der Film ist immer schlechter als das Buch“ mal wieder bewahrheitet. Stay tuned.

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

„Verlust“ – Pulitzerpreisträger Paul Harding ist wieder da

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding folgt auf Tinkers

“Für meine Urenkel werde ich nicht viel mehr sein als das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten und für ihre Urenkel werde ich nicht mehr sein als der Ton einer undeutlichen Farbe und für deren Urenkel wiederum nichts, wovon sie je erfahren werden, und genauso hat ein Heer aus Fremden mich geformt und gefärbt bis zurück zu Adam….

Es ist ein fertiges Muster, das am Ende vollkommen übergangslos zerfällt, an welchem Ende, an diesem Ende.”

Wie man sich doch täuschen kann.

verlust_paul harding_enon_astrolibrium_spacer

Im Roman „Tinkers“ von Paul Harding lag George Washington Crosby im Sterben. Umgeben von seinen Verwandten und aufgebahrt in seinem Wohnzimmer verbrachte er seine letzten Stunden im Kreise seiner Lieben. Nun, am Ende seines Lebens im kleinen Örtchen Enon, begann er schließlich zu halluzinieren und seine Gedanken drifteten in wilden Zeitsprüngen aus der Vergangenheit ins Jetzt. Dabei verschmolz letztlich alles in einem finalen Atemhauch zu einer einzigen Ebene.

George Washington Crosby und sein Vater Howard, der Tinker, wurden in diesem Erinnerungssturm zu dem, was sie zeitlebens niemals sein durften. Sie wurden zu “Zwei Erbsen in einer Schote…” Sie wurden im kollektiven Gedächtnis des Sohnes beide zu “Tinkers“. Zu Bastlern an ihren eigenen Leben. Ein Kreis der sich behutsam taumelnd schloss. Endgültig.

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding  – Enon im Original

Und doch war George fest davon überzeugt, dass nicht mehr als ein paar Gerüchte von ihm die Zeit überdauern und sein Enkel Charlie sich nur noch verschwommen an die Stunden am Sterbebett seines Großvaters erinnern würde. Und letztlich wäre er für seine Urenkel nur noch das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten, bevor dann letztlich alles zerfällt. Mit diesen Gedanken starb George Washington Crosby und wurde, wie so viele seiner Vorfahren, auf dem Friedhof von Enon beigesetzt.

Und genau dieses kleine Örtchen Enon, am gleichnamigen Fluss gelegen, bildet den Erzählraum für das neue Buch von Paul Harding, der für sein Roman-„Tinkers“ im Jahr 2010 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.Verlust, gerade erschienen im Luchterhand Literaturverlag, trägt bezeichnenderweise den Originaltitel „Enon“ und schon vor vier Jahren hat mir Paul Harding in einem exklusiven Interview verraten, wie beide Bücher miteinander in Verbindung stehen:

„Enon ist natürlich nur die rein fiktionale Version des kleinen Ortes in dem ich selbst aufgewachsen bin. Mein nächster Roman wird diesen Namen tragen: “Enon”. Es wird der gleiche Rahmen sein wie bei Tinkers. Ich kenne die Atmosphäre dort, die Stimmung und die Menschen und kehre gerne dorthin zurück. Die Hauptperson ist einer der Enkel von George Washington Crosby. Dieser Roman wird allerdings nicht die Fortsetzung zu “Tinkers” sein. Es ist eine eigenständige ganz neue Geschichte.(weiter zum Interview mit Paul Harding)

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Paul Harding im Gespräch

20 Jahre nach dem Tod seines Großvaters George lebt dessen Enkel Charlie die Familientradition in Enon fort. Er saß damals lange am Sterbebett und hat als kleiner Junge selbst miterlebt, wie der Mann starb, an den er noch heute so viele prägende Erinnerungen hat. Die Landschaft, der Fluss und der Ort haben für Charlie nur deshalb eine so große emotionale Bedeutung, weil sie ihm schon damals in die Wiege gelegt wurde. Und er hat nie zugelassen, dass von seinem Großvater nur das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten geblieben ist.

Charlie hat seiner Tochter Kate so viel von ihrem Urgroßvater erzählt, dass sie manchmal meint, ihn wirklich zu kennen. Kate weiß, wie es sich angefühlt haben muss, gemeinsam mit George Washington Crosby die Vögel zu füttern, am still vor sich hin treibenden Fluss spazieren zu gehen und dabei seinen Erklärungen zur Geschichte der Familie zu lauschen. In der kleinen Erbsenschote von einst befinden sich heute viele kleine Erbsen, die ihre eigene Geschichte im Kokon der Crosbys verstehen. Charlie, seine Frau Susan und ihre 13-jährige Tochter Kate sind die Crosbys von heute. Eine glückliche Familie, bis…

„Charlie, Kate ist tot. Sie war auf dem Fahrrad, nicht weit vom See, und ist von einem Auto angefahren worden. Charlie, sie ist tot….“

Unvermittelt zerbricht eine ganze Welt, in der bis dahin eher die Männer ihre Frauen zu Witwen und ihre Kinder zu Waisen gemacht haben. Unvermittelt zieht es Charlie den Boden unter den Füßen weg und ebenso unvermittelt verstehen wir als Leser, warum sich der Verlag dazu entschlossen hat, diesem Roman den ganz schlichten und doch so bezeichnenden Titel Verlust zu geben. Wer in seinem Leben auch nur einen Satz aus der Feder von Paul Harding gelesen hat, der hat den Hauch einer Ahnung, in welchem Stimmungsbild der Schriftsteller sich selbst, seinen Protagonisten und letztlich auch den Leser versinken lässt.

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding – Ungefilterte Emotionen

Ich musste mich am Buch festhalten, als ich Charlie ins Zimmer seiner gerade erst verstorbenen Tochter folgen musste. Ich suchte Halt, als ich ihn dabei beobachtete, wie er von Gefühlen überwältigt versucht, die Kleidung auszusuchen, die man Kate im Sarg anziehen sollte. Und ebenso unvermittelt saß ich neben Charlie auf dem Boden des Kinderzimmers, weil es mir beim Lesen die Beine weggezogen hat. Regungslos blieb ich neben ihm liegen. Nicht mehr in der Lage, auch nur eine Zeile weiterzulesen, so wie er nicht mehr in der Lage war, Kates Socken, ihr T-Shirt oder ihre weichen Hausschuhe auch nur anzufassen. (Meine Gedanken an diesem Tag des Lesens… hier)

Ich spüre die aufziehende Leere beim gemeinsamen Betrachten der Familienfotos. Eine kleine Gedenktafel mit Bildern von Kate soll bei der Beerdigung aufgestellt werden. Diese Schnappschüsse auszuwählen ist nun die Aufgabe der Eltern, während sich die anwesende Verwandtschaft um die Organisation der Trauerfeier kümmert. Dabei ist jedes einzelne Bild eine Geschichte und jede Geschichte ist nichts mehr weiter als ein Schmerz, der alles überdeckt. Mit Tränen in den Augen zu lesen, daran sollte man sich in diesen Momenten gewöhnen. Zu nah, zu tief, zu intensiv… So dicht schreibt uns Paul Harding in dieses Bild hinein.

Es war, als hätten sie einen dürftigen Vorhang aus Lärm vor die Stille gezogen, wo früher Kate war.“

Lähmende Hilflosigkeit macht sich breit und Farben der Trauer bahnen sich ihren Weg in das ehemals harmonische bunte Leben der Familie, die nun keine mehr ist. Kontrollverlust, Resignation und Verzweiflung werden greifbar. Nicht jedoch für Charlie, der sich selbst die Hand bricht, um den Schmerz zu verlagern. Erfolglos und doch für uns Leser mehr als nachvollziehbar, dass die Wut sich ein Ventil sucht. Charlie beginnt sich aufzulösen, während seine Frau ihren eigenen ganz isolierten Kampf zu führen scheint. Und da beide ihre einsamen Kämpfe führen ist für einen gemeinsamen Weg kein Platz. Die Trauer trennt viel mehr als die Lebenden von den Toten. Sie ist sogar in der Lage, die Lebenden voneinander zu trennen.

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding

Paul Harding hat einen intensiven Roman über den Totalverlust eines Vaters geschrieben. Sein Protagonist fällt durch alle Maschen des Netzes, das er für sich und seine kleine Familie gewoben hat. Im Rückblick auf die gemeinsame Zeit mit seiner Tochter öffnet sich eine doppelt gelebte Jugend in Enon. Indem er sich an ihre Kindheit erinnert legt sich die Erinnerung an die eigene wie ein Schutzfilm über seine Trauer. Und doch fällt er tief und tiefer. Haltlos versinkt er in Drogen, um seinen Schmerz zu betäuben. Und immer wieder begegnet er seinem Großvater George in der Tiefe der Gedanken.

Die Erzählung treibt manchmal so langsam und unaufhaltsam, wie der Fluss selbst, der diese Landschaft durchzieht. Unaufhaltsam stürzt auch Charlie Crosby selbst dem scheinbaren Untergang entgegen. Ob es ihm selbst gelingt, die Notbremse zu ziehen, oder ob das in ihm verankerte kollektive Gedächtnis seiner Vorfahren in Verbindung mit der Naturverbundenheit gegenüber dem Enon ein Wunder bewirken kann, das sollte man sich in seinem ganz eigenen Tempo erlesen.

Was bleibt ist die tiefe Erkenntnis, wie unbedeutend unsere kleinen Alltagssorgen im Vergleich zu einem solch tragischen Verlust doch sind. Harding weckt ein Gefühl in seinen Lesern, das in unserer Zeit so häufig vermisst wird. Nicht Mitleid empfinden wir. Es ist große Empathie, da wir tief in die Innenansicht von Charlie Crosby eindringen und seine Gefühle in uns aufsaugen. Er lässt uns nah an sich heran. Wir verstehen was er meint, wenn er sagt:

„Wie schön das wäre: Mir ums Geld sorgen machen, während meine Tochter schlief!“

tinkers_passpartverlust_calliebe _astrolibrium

Paul Harding – Auf Tinkers folgt Verlust – Ein Interview

Nach Tinkers von Paul Harding fplgt Verlust

Nach Tinkers von Paul Harding folgt Verlust

Paul Harding wurde im Jahr 2010 für seinen Debütroman Tinkers überraschend mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und stieg auf Anhieb in den absoluten Olymp der US-Literatur-Gesellschaft auf. Wie hatte er das nur geschafft, was gab den Ausschlag, was war so besonders an diesem Roman aus der Provinz der Vereinigten Staaten und wie fühlte sich der Autor, als er von der Auszeichnung erfuhr?

Diesen Fragen bin ich bereits damals intensiv auf den Grund gegangen und habe mich tief in diesen ungewöhnlichen Roman fallen lassen. Mein Lesen öffnete mir die Tür zu einem großen Schriftsteller, dessen Schreibstil und Erzählrhythmus sich deutlich von dem unterschieden, was ich bisher lesen durfte. Die Buchvorstellung ist hier im Archiv der kleinen literarischen Sternwarte erlesbar. Dass ich damals auch noch ein exklusives Interview mit Paul Harding führen durfte, war in meinem noch sehr jungen Bloggerleben ein absolutes Privileg.

Mehr als vier Jahre nach unserer Begegnung in München erscheint im Juni der neue „Harding“. Der Luchterhand Literaturverlag ist seinem Autor treu geblieben und für mich ist die Veröffentlichung von Verlust (im Original „ENON“) Grund genug, das in den Tiefen des Internets endgültig verloren geglaubte Interview mit dem Autor zu rekonstruieren und zu veröffentlichen. Es bildet noch heute die Brücke zwischen beiden Büchern.

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010

Harding betrat mit „Tinkers“ kein Neuland, er überschritt keine Grenzen und lieferte innerhalb des Romans nur wenig Raum für einfach gestrickte gute Unterhaltung. Was zeichnete ihn aus, was machte “Tinkers” so PREISwert?

Harding konfrontierte seine Leser schonungslos mit der Realität des Sterbens im Kreise der eigenen Familie. Harmonisch und im wahrsten Sinne des Wortes eingebettet, jedoch: Die Flinte lag bereits im Korn, der Sterbende wurde nur noch passiv begleitet. Und dies in einem Moment, in dem das Bewusstsein den finalen Dreisprung zelebriert. Vielleicht waren es ja nur Halluzinationen, die George Washington Crosby ins Jenseits begleiteten, vielleicht waren es lediglich lose Gedankenketten, die den Abgesang auf das eigene Leben anstimmten und nun vor dem geistigen Auge des Sterbenden wie ein Film abliefen. Niemandem in seinem Umfeld erschloss sich sein Zustand.

Nur uns – seine Leser – ließ Paul Harding teilhaben. Wir saßen in der ersten Reihe des Lebenskinos von George Washington Crosby, dessen Film zurückgespult schien und nun im schnellen Vorlauf Bilder produzierte, die es nicht geben dürfte. Voyeurismus und Empathie. Dieser bewegenden Paarung leistete Harding intensive Geburtshilfe. Nun erscheint „Verlust“ und setzt Hardings geschlossenen Zyklus fort. In unserem Interview hat er schon damals den Zusammenhang zwischen beiden Romanen beschrieben.

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010

DAS INTERVIEW im Amerikahaus München (gemeinsam mit Kristina Puck):

Hemingway, Updike, Faulkner, Mailer und Paul Harding. Was für ein Gefühl ist das für Sie, in dieser ehrenwerten Reihe der Pulitzerpreisträger genannt zu werden?

Es ist ein solch außergewöhnliches Glück, diesen Preis gewonnen zu haben und ich denke, ich tue gut daran es so zu betrachten, als hätte ich in einer Lotterie gewonnen. Es ist so schwierig diesen Preis zu gewinnen und ich erinnere mich noch gut an jenen Nachmittag, als ich auf der Pulitzer-Webseite nachschauen wollte, wer der Gewinner ist. Niemand erzählt einem das – man muss sich schon selbst schlau machen und ich habe bestimmt nicht nach meinem Buch gesucht. Als ich die Seite dann mehrmals aktualisiert habe und immer noch “Tinkers” zu lesen war, da konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben meinen Augen nicht trauen.

Jeder der 50 bis 70 Schriftsteller, die im Gespräch waren und hervorragende Romane geschrieben haben, hätte diesen Preis verdient gehabt und ich hätte mich aufrichtig für ihn oder sie gefreut. Die einzig angemessene Reaktion darauf, diese Auszeichnung selbst erhalten zu haben ist Demut, insbesondere weil “Tinkers” mein erster Roman ist. Es gibt so viele Autoren, die mehrere gute Bücher geschrieben haben und den Preis niemals erhalten werden. Man sollte den Maßstab nie verlieren und bescheiden bleiben.

Man bekommt wirklich keinen Anruf vom Verleger oder der Presse, wenn man Pulitzerpreisträger wird? Keine Gerüchte im Vorfeld?

Nein! Sie gehen sehr streng mit dieser Bekanntgabe um und ich unterrichtete an diesem Montag meine Schüler in kreativem Schreiben, wusste, dass der Gewinner um 15:00 Uhr auf der Webseite veröffentlicht wird und wollte nur schnell nachschauen, damit ich in meiner nächsten Unterrichtsstunde um 16:00 Uhr über den Preisträger sprechen konnte. Meinen Roman auf der Startseite zu finden hatte ich nicht erwartet. Niemals.

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Raily, Harding und Kristina

Wissen Sie, dass viele Ihrer deutschen Leser gerne ihren Urlaub in Enon, dem Schauplatz von Tinkers verbringen würden? Dieser Ort strahlt so viel Ruhe und Idylle aus. Er muss erfunden sein.

Enon ist natürlich nur die rein fiktionale Version des kleinen Ortes in dem ich selbst aufgewachsen bin. Mein nächster Roman wird diesen Namen tragen: “Enon”. Es ist der gleiche Rahmen wie bei Tinkers. Ich kenne die Atmosphäre dort, die Stimmung und die Menschen und kehre gerne dorthin zurück. Die Hauptperson ist einer der Enkel von George Washington Crosby. Dieser Roman wird allerdings nicht die Fortsetzung zu “Tinkers” sein. Es ist eine eigenständige ganz neue Geschichte.

Was erwarten Sie von Ihren deutschen Lesern?

Es gibt keinerlei Erwartungshaltung. Ich hege nur die Hoffnung, dass ihnen das Buch gefallen wird. Ich versuche Lesern in jedem Land das zu geben, was ich selbst als Leser erwarte. Ich möchte nach jedem Wort, nach jedem Satz und jedem Kapitel den Blick aus dem Buch erheben und sagen können: “Das ist wahr. Ich wusste von Beginn an, dass es absolut wahr ist und ich habe so etwas noch niemals zuvor so gelesen!” Wiederekennungswert ist wichtig und in diesem Zusammenhang muss ich erwähnen, dass mir bewusst ist, wie treffend die deutsche Übersetzung von Tinkers gelungen ist. Ich kann Silvia Morawetz nur aufrichtig dafür danken.

Wie gefällt ihnen das Cover der deutschen Ausgabe?

Es ist absolut grandios. Im direkten Vergleich zur Originalausgabe ist diese Fassung die schönste Ausgabe, die ich mir jemals hätte vorstellen können. Es ist einfach ein Traum. Ich könnte nicht glücklicher sein!

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Impressionen

Welche Bedeutung messen Sie dem Internet zu? Wie einflussreich sind soziale Netzwerke und Internet-Communities für Sie als Schriftsteller?

Der Stellenwert ist hoch und er wächst beträchtlich. Ich habe dies selbst gespürt, als “Tinkers” auf dem amerikanischen Markt erschienen ist.

Es gab anfänglich lediglich eine recht “schmale” Presseresonanz, bis in einer dieser Communities mehr und mehr Rezensionen und positive Besprechungen veröffentlicht wurden, was „Tinkers“ extrem geholfen hat. Twitter, Facebook und ganz normale User haben dann weiter dazu beigetragen, dass „Tinkers“ auch im Internet immer populärer wurde. Wobei ich wirklich gestehen muss, dass ich selbst nur in geringem Ausmaß virtuell existiere.

Hat der Pulitzerpreis Ihr Leben verändert? Hat er Ihre Rolle als Autor beeinflusst?

Der Preis hat mein persönliches Leben verändert. Der Preis gibt mir die einzigartige Möglichkeit, mich eine Zeit lang nur dem Schreiben widmen zu können, ohne nebenbei als Lehrer arbeiten zu müssen. Wenn ich von dieser Reise durch Deutschland nach Hause zurückkehre, dann beende ich eine 18monatige Lesereise um die halbe Welt. Und das hat im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben verändert.

Meine Rolle als Autor wird er auch verändern. Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten, den Roman überhaupt in Amerika veröffentlichen zu können. Mehr als 30 Verlage haben das Manuskript abgelehnt. Schreibend verbrachte ich dann fünf bis sechs Jahre damit, den Gedanken zu kultivieren, ein unveröffentlichter Schriftsteller zu bleiben. Immer weiter zu machen, veröffentlicht zu werden und den Pulitzerpreis zu gewinnen bestätigt mich nachhaltig in meinem Weg!

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Signifikant

Gibt es eine Interviewfrage auf die Sie gerne einmal antworten würden, die Ihnen jedoch noch niemals gestellt wurde?

Tinkers gibt mir die Möglichkeit in gewisser Weise im “Rampenlicht” zu stehen und in Interviews über mein Buch und meine Intentionen zu reden. Ich werde jedoch nur selten darauf angesprochen, dass Tinkers alles andere als chronologisch oder linear verläuft oder dass er impressionistisch anmutet. Ich betone an dieser Stelle gerne, dass mein Schreiben viel mehr auf den Charakteren basiert als auf der reinen Dramaturgie. Die Handlung geht den Weg des Denkens und Erinnerns. Sie kann nicht linear verlaufen – aber glauben sie mir: Es steckt eine Methode hinter diesem Wahnsinn. Haben sie nur ein wenig Geduld und sie werden diese Methode erkennen.

Paul – vielen Dank für dieses Interview.

Tinkers und Verlust von Paul Harding

Tinkers und Verlust von Paul Harding – Hier geht es zu Verlust

Die Druckfahne zu „Verlust“ liegt seit wenigen Tagen in meinen Händen. Ich reise erneut nach ENON und fühle mich nach vier Jahren, als ob ich zuhause angekommen bin. Hier mehr..

tinkers_passpartverlust_calliebe _astrolibrium

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Stell Dir vor, Du bist blind. Nicht von Geburt an, sondern langsam erblindet. Stell Dir vor, Du kannst Dich noch an Farben und Formen erinnern, aber nun, im Alter von sechzehn Jahren hat Dich Deine Sehkraft endgültig verlassen. Und doch bist Du nicht hilflos. Stell Dir vor, Du hast einen Vater, der Dir ein Modell Deiner Stadt baut und Dich mit den Fingern so lange Deine Wege ertasten lässt, bis Du es schaffst, Dich auch alleine außerhalb dieser Miniaturwelt zurechtzufinden.

Diese Rezension können sie auch hören... ein Klick genügt

Diese Rezension können sie auch hören… ein Klick genügt… Literatur Radio Bayern

Stell Dir einfach vor, wie es sein muss, ohne wirklich sehen zu können, so viel gezeigt zu bekommen, dass Du Deinen eigenen Weg findest. Stell Dir einen Vater vor, der Dich auf solch liebevolle Weise auf ein eigenständiges Leben vorbereitet. Und stell Dir bitte vor, dass er einen sehr guten Grund hat, dies zu tun. Er weiß, dass Du sonst keine Chance hast, zu überleben.

Und stell Dir dann vor, Du lebst in Saint-Malo. Es ist der 7. August 1944 und die ganze Stadt ist in deutscher Hand. Die Landung der Alliierten in der Normandie gehört der Geschichte an, aber genau der Ort, in dem Du Zuflucht gesucht hast, gleicht einer Deutschen Festung. Nur Bomben können die Besatzer vertreiben – so die Sichtweise der Befreier. Zivile Opfer möchte man vermeiden und so lässt man Flugblätter vom Himmel regnen, bevor die Bomben folgen.

„Dringende Mitteilung an die Bewohner dieser Stadt. Begeben sie sich sofort aufs offene Land!“

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Rettet euch

Stell dir vor, Du spürst diese Blätter… Sie hüllen Dich ein und liegen Dir zu Füßen. Stell Dir vor, Du bist ganz allein und kannst die lebensrettende Botschaft nicht lesen. Stell Dir vor, dass sich an genau diesem Tag im August alle Kreise Deines Lebens zu schließen beginnen. Und stell Dir dann noch vor, dass sich in der Tasche Deines Mantels das größte Geheimnis befindet, das Dein Vater vor den Nazis verbergen konnte.

Wenn Du Dir dies alles vorstellen kannst, dann bist Du schon ganz nah bei Marie-Laure LeBlanc. Du stehst neben ihr, als sie den aufziehenden Flugzeuglärm hört. Du kannst fühlen, wie sehr sie zittert, als die Explosionen einsetzen. Und nur Du verstehst, warum für das blinde französische Mädchen in dem Moment, in dem sich für den Rest der Welt das Leben verdunkelt Alles Licht, das wir nicht sehen die Bombennacht von Saint-Malo erhellt.

Anthony Doerr entwirft in seinem großen Roman das explosive Szenario für eine schicksalhafte Begegnung zweier junger Menschen in einer dem Untergang geweihten Stadt. Es ist ein Bombenteppich, der sich über Saint-Malo zu legen scheint und alles in Rauch und Asche auflöst. Aber es ist nicht nur dieser gewaltige Teppich, den Doerr in bildgewaltiger Wortkunst geknüpft hat, um seine Leser dauerhaft zu fesseln. In bester Erzähltradition erschuf er einen literarischen Gobelin, einen Wandteppich, dessen einzelne Fasern aus allen Richtungen dem Zentrum des Kunstwerks zustreben. Und jeder einzelne Faden ist dabei eine Geschichte für sich.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Detailgetreu und empathisch verknüpft der US-amerikanische Autor die scheinbar losen Fäden seines Teppichs zu einem dichten Muster, das im entstehenden Bild vom Saint-Malo des Jahres 1944 eine sicht- und fühlbare Komplexität erlangt, die ich so nur sehr selten erlesen durfte.

Da ist ein weißhaariger Wehrmachtssoldat namens Werner, der mit seiner kleinen Schwester in einem Waisenhaus aufwuchs. Seine Bestimmung heißt Bergbau und am Ende würde er in irgendeinem Stollen auf der Suche nach Kohle ebenso sterben, wie sein Vater. Seine Talente werden nur zufällig entdeckt. Er kann quasi aus dem Nichts und mit nichts Radios bauen und versteht komplizierte elektronische Sachverhalte rein intuitiv. Die Nazis versuchen diese Begabung auszuschlachten und mit den von Werner konstruierten Peilsendern Partisanen abzuschlachten.

In Werner allerdings befindet sich alles im Aufruhr. Er bastelt aus Liebe, er fügt sich, um für seine Schwester zu sorgen, er lernt die Menschenverachtung des Systems in einer besonderen Schule auch am eigenen Leib kennen und sein jetziger Weg entspricht nicht dem Wertesystem seines Lebens. Aber was bleibt ihm übrig? Mitlaufen, um überhaupt laufen zu können? Ist das sein Weg? Das entscheidet sich im August 1944 in den Mauern von Saint-Malo, als zwei Lebenswege sich kreuzen, die einander völlig fremd sind.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Radiowellen

Da ist der Vater der blinden Marie-Laure. Er ist nicht nur Schlüsselverwalter eines der größten Museen in Paris. Gefühlvoll, zärtlich und sehr behutsam versucht er seiner Tochter das fehlende Augenlicht zu ersetzen, indem er ein Modell des Stadtviertels für sie konstruiert und ihr die großen Bücher von Jules Verne in Blindenschrift näher bringt. Und doch muss er ein großes Geheimnis vor aller Augen verbergen. „Das Meer der Flammen“ – den wertvollsten Diamanten der Welt – und noch dazu einen, der mit einem todbringenden Fluch belegt ist.

Als die Wehrmacht in Paris einmarschiert, flieht er mit seiner Tochter nach Saint-Malo und findet dort Unterschlupf bei seinem Onkel. Für Marie-Laure bastelt er zur Orientierung ein Modell der Hafenfestung und in einem kleinen Haus dieser Miniaturstadt versteckt er ein ganzes Meer. Den Diamanten, nach dem die Nazis bereits in ganz Europa suchen. Als ihr Vater von den Besatzern verschleppt wird, weiß nur noch das blinde Mädchen, was da in seinem Besitz ist. Als die Bomber in jenem August 1944 über Saint-Malo auftauchen ist der weißhaarige Soldat genau fünf Straßen von ihr entfernt.

Da ist der deutsche Wehrmachts-Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, der als der größte Diamanten- und Kunstexperte des Dritten Reichs gilt. Seine Streifzüge durch das besetzte Europa haben zum Ziel, die wertvollsten Kunstwerke für seinen „Führer“ in Besitz zu nehmen. Als er vom „Meer der Flammen“ erfährt, führt ihn sein Weg zuerst nach Paris und dann, im August 1944, schließlich nach Saint-Malo. Er nähert sich der Rue Vauborel No. 4, als die ersten Bomben fallen.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Alles Licht, das wir nicht sehen – Mit einem Klick zu einem Spaziergang…

Da ist der Großonkel der blinden Mädchens. Etienne hat seit dem Tod seines Bruders im ersten Weltkrieg das Haus nicht verlassen. Die Rue Vauborel No. 4 ist sein Gefängnis vor der tristen Wirklichkeit. Als nun der Sohn seines Bruders mit seiner blinden Tochter auftaucht, gehen ihm endlich die Augen auf. Gemeinsam mit seiner Haushälterin beginnt er, etwas gegen die Besatzer zu unternehmen. Kleine Nadelstiche zuerst doch dann wird er zum Helfer der Resistance und übermittelt mit einem geheimen Sender die Geheimcodes zur Organisation des Widerstandes. Doch auch er fällt den Schergen zum Opfer und wird inhaftiert.

Und so ist Marie-Laure in jener Nacht völlig allein im Haus. In der Nacht, in der die Bomber kommen. In der Nacht, in der alles in Schutt und Asche vergeht. In der Nacht, als ein Stabsfeldwebel ihr Haus betritt. In der Nacht, in der ein junger deutscher Soldat verschüttet wird und verzweifelt beginnt einen kleinen Sender zu bauen. In der Nacht, in der sich das blinde Mädchen in das oberste Stockwerk des Hauses flüchtet und der geheimen Sendeanlage ihres Onkels gegenübersteht.

In der Nacht der Bomben im August 1944 sieht nur sie „All das Licht, das wir nicht sehen“, alle Wege führen zusammen und gipfeln im grellen literarischen Lichtblitz eines großen Romans, der nicht dort endet wo, wann und wie wir es erwarten!

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr - Intra muros

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr – Intra muros

„Intra muros“ heißt der Bereich innerhalb der Festungsmauern der heutigen Stadt Saint-Malo. Der historische Stadtkern, in dem sich die Geschichte von Anthony Doerr zugetragen haben könnte. Ihm haben wir zu verdanken, dass nicht alles hinter diesen dicken Mauern bleibt. Ihm haben wir Charaktere und weitere Schauplätze zu verdanken, die uns lebendig vor Augen führen, wie die Jugend des Dritten Reichs manipuliert wurde, welche Todesängste in den besetzten Gebieten vorherrschten und in welchem Ausmaß geplündert, gestohlen und gemordet wurde.

Aus dem Modell von Saint-Malo wird lesend die Realität. Ich bin in Gedanken mit Marie-Laure durch die Straßen der Stadt gegangen und habe versucht, mich nicht zu verlaufen. Ich habe gemeinsam mit Werner Radios und Sender zusammengebaut, um den Radiowellen hinaus in die Welt zu folgen und ich habe in „Das Meer der Flammen geblickt“ und war gefangen in seinem Glanz.

Anthony Doerr hat mit „Alles Licht, das wir nicht sehen(C.H. Beck) ein buchiges Kaleidoskop für alle Sinne geschaffen. Wir sehen, fühlen, riechen und schmecken diesen Roman. Er setzt sich in jeder Faser des Körpers fest und ist ganz besonders auch für jugendliche Leser ein grandioser inhaltsreicher Abenteuerroman mit großer Botschaft.

„Öffnet eure Augen und seht, was ihr könnt, mit ihnen, bevor sie sich für immer schließen!“

Alles Licht, das wir nicht sehen und die Karte meines Lesens - Ein Klick genügt...

Alles Licht, das wir nicht sehen und die Karte meines Lesens – Ein Klick genügt…

Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… dieses würde mir reichen… Und eine große Bitte an Rechteinhaber, Verleger und Profis im Verlagswesen: Macht ein Hörbuch aus diesem Roman, damit auch blinde Menschen ein Buch genießen können, in dem ihr Schicksal uns auf so bewegende Art und Weise vor (die oftmals allzu verschlossenen) Augen geführt wird!

Aktualisierung 31.12.2014

Ich stand bezogen auf diesen Appell sehr oft im Kontakt mit dem Verlag und nun ist es tatsächlich vollbracht. Audible.de – Hörbücher hat aus dieser großen Geschichte endlich eine ungekürzte Hörbuchfassung in bester atmosphärischer Qualität entstehen lassen.

Ihr könnt ab sofort 1 Stunde kostenlos genießen. Einer meiner großen Träume 2014 ist damit in Erfüllung gegangen.

Alles Licht, das wir nicht sehen - Endlich als Hörerlebnis bei audible

Alles Licht, das wir nicht sehen – Endlich als Hörerlebnis bei audible

Aktualisierung 21.04.2015

New York – Der Weltkriegsroman über die Begegnung eines französischen Mädchens und eines deutschen Jungen hat den Pulitzer-Preis 2015 gewonnen. Dem Buch „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr wurde in New York der 99. Pulitzer-Preis für Literatur zugesprochen. Damit hat sich die Jury meinem Urteil angeschlossen:

Wenn es pro Jahr nur ein Buch gäbe… dieses würde mir reichen…