„Aquila“ von Ursula Poznanski – Siena lässt grüßen

Aquila von Ursula Poznanski

Aquila“. So schallt es durch den Bücherwald. Der neue Psychothriller aus der Feder von Ursula Poznanski entwickelt sich zum literarischen Gassenhauer dieser Tage. Es würde bedeuten, Eulen nach Athen zu tragen, den Freunden der kleinen literarischen Sternwarte zu erklären, welche Bedeutung die Bücher der bekanntesten Löwenmähne des deutschsprachigen Buchmarktes für mich haben. Ursula Poznanski ist und bleibt die Fluchthelferin meines Lesens, weil ich in jedem ihrer bisherigen Bücher durch mein Lesen raste und zum Weltrekordler in literarischen Verfolgungsjagden mutierte. Meine Artikel zu ihren Werken legen davon ein mehr als deutliches Zeugnis ab.

Erebos, Saeculum, Layers und Elanus waren Meilensteine. Ein Radiointerview für Literatur Radio Bayern und mein Gastbeitrag auf dem Blog des Loewe Verlages sind wegweisend zu einer Autorin, die ebenso eloquent wie sympathisch ist.

Aquila ud mehr von Ursula Poznanski – AstroLibrium

Anders als bei den bisherigen Büchern finden Sie im Folgenden keine klassische Rezension. Ich finde es spannend, mich den Fragen des Loewe Verlages zu Aquilazu stellen und auf diese Art und Weise indirekt über mein Lesegefühl und seine Folgen Auskunft  geben zu können. Ohne jede Erinnerung an die letzten beiden Tage kommt Nika in ihrer Wohnung in Siena zu sich. Von ihrer Mitbewohnerin fehlt jede Spur und in Nika regt sich der Verdacht, dass etwa Schreckliches passiert sein muss. Warum? Nun, Nikas Zustand und die Indizien sprechen eine mehr als deutliche Sprache.

– Sie ist verdreckt und verletzt…
– Sie ist in der eigenen Wohnung gefangen…
– Ihr Handy ist verschwunden, der Laptop unbrauchbar…
– Den Badezimmerspiegel ziert der Schriftzug „Letzte Chance“…
– In ihrer Jeans findet sie einen Zettel mit unverständlichen Nachrichten

Als der Freund ihrer Mitbewohnerin Jenny erscheint, lichtet sich der erste Nebel in einer Mischung aus Eifersucht, Streit und Handgreiflichkeiten, die sich an jenem Abend abgespielt haben, an den sich Nika noch erinnern kann. Was nun beginnt, ist die wilde Jagd durch eine Stadt, die ihre Adlerklauen in die Psyche der jungen Studentin schlägt.

Aquila von Ursula Poznanski – Eine Spezial

Atemlos wie immer hat mich Ursula Poznanski auch diesmal am Ende ihres neuesten Thrillers an der Hand genommen und alle Rätsel gelöst, die mir schlaflose Nächte und ruhelose Tage bereitet haben. Es war deshalb sehr spannend für mich, mit den Fragen des Loewe Verlages auseinanderzusetzen, weil sie schon genau die Punkte berühren, die mich als Leser bewegt haben.

1. Eine fremde Stadt:

Nika begibt sich für ihr Studium auf das Abenteuer „Siena“ in eine fremde Stadt, ohne ihre Familie, ohne Freunde. Hand aufs Herz: Hast du das auch schon einmal gemacht oder würdest es gerne tun?

Allein auf mich gestellt in einer fremden Stadt? Klar. Im Laufe eines Lebens kommt das alleine schon aus beruflichen Gründen oder in Urlauben recht häufig vor. Und wenn es das Schicksal will, dass man aus der Eifel stammt, dann wird eine Reise nach München mit den ersten Arktisexpeditionen durchaus vergleichbar. Die neue Welt. Das Ende des bekannten Universums. Ich habe es tatsächlich überlebt, auch ohne Internet, GPS oder Handy. Das war damals alles Zukunftsmusik. Eine Welt der Telefonzellen, Stadtpläne, Walkmans und Musikkassetten. Hier wurde noch Auge in Auge gechattet (ohne Skype).

Aquila von Ursula Poznanski

2. Stell dir vor:

Du wachst auf, bist in deiner Wohnung eingeschlossen. Ohne Schlüssel, Internet oder Telefon und kannst dich nicht erinnern, wie du in diese Situation gekommen bist. Wie befreist du dich aus deiner Lage?

Sehen wir es mal so: Die meisten Wohnungen in Mitteleuropa gelten ja im Allgemeinen nicht als besonders einbruchssicher. Wenn sie eines aber noch viel weniger sind, dann ausbruchssicher. Aus einer verschlossenen Wohnung zu entkommen, auch wenn diese in einem oberen Stockwerk liegt, ist eher unproblematisch. Wohnung bedeutet zugleich Einrichtung, Einrichtung bedeutet Alltagsgegenstände und das bedeutet Werkzeug. Ein einfaches Messer oder ein Schraubenzieher reichen aus, den Schlüsselzylinder an der Eingangstür zu entfernen und zu entwischen.

Darüber hinaus ist kein Fenster so verschlossen, dass es von innen nicht zu öffnen ist. Also zur Not Fenster auf und raus. Je nach Etage stellt sich nur die Frage, ob man hier springen kann oder sich das Abseilen an Betttüchern empfiehlt. Feel free. Es gibt mehr als nur einen Weg in die Freiheit.

3. Orientierung

Nika nutzt die Gebäude der Universität, Cafés, aber auch GPS zur Orientierung in Siena. Welche Möglichkeiten nutzt du, um dich in einer fremden Stadt zurecht zu finden.

Man nutzt das örtliche Informationsangebot vor Ort aus. Stadtpläne finden sich an allen Bushaltestellen. Den Weg ins Stadtzentrum zu finden ist dann ein Leichtes. Hier kommt man zur Not auch schwarzfahrend voran, was ja auch die Spannung erhöht. Danach ist es nur noch wichtig, die Touristeninformation zu finden und sich mit einem Stadtplan zu versorgen. Hotels helfen da erfahrungsgemäß ebenso aus und schon kann man seine Kreise ziehen. Und vielleicht hat man ja auch Glück und findet mit dem international so beliebten Hilfsmittel des aufgesetzten hilflosen Hundeblickes ja einen ortskundigen und hilfsbereiten Fremdenführer (oder in meinem Fall eben eine Fremdenführerin).

Ansonsten gilt bei absoluter Orientierungslosigkeit immer wieder das bewährte Prinzip der Semmeltüten-Navigation. Man wird kaum eine Bäckerei finden, die ihre Adresse nicht auf der Brötchentüte verewigt hätte. Prima für den Startpunkt einer Reise.

Aquila von Ursula Poznanski

4. Sprachbarriere

Deine Freundin ist verschwunden. Du willst sie bei der italienischen Polizei als vermisst melden. Wie schaffst du das trotz Sprachbarriere?

Gerade in Italien stelle ich mir das grundsätzlich nicht so schwierig vor. Die Polizei dort ist ebenso wenig auf den Kopf gefallen, wie die unsere, wenn ein Italiener versucht hier eine Vermisstenanzeige auf Italienisch aufzugeben. Ansonsten hilft in Italien das Code- Wort „Amanda Knox“ und schon wird die Polizei so hellhörig, dass sich der Rest schon fast von allein ergibt.

5. Ohrwurm

Irgendwie lösen die ersten Zeilen des Songs „Smells like teen spirit“ von Nirvana bei Nika sehr starke Emotionen aus. Welcher „Ohrwurm“ hat das zuletzt bei dir geschafft?

Ein Ohrwurm, der für nachhaltige Gänsehaut gesorgt hat. Revolverheld: Ich lass für dich das Licht an“, weil dieser Song meine romantische Ader in aller Tiefe berührt und mich natürlich auch an besondere Ereignisse im Jahr 2015 erinnert, ohne die ich nicht leben möchte.

6. Mit welchem Buch vergleichbar?

Italien, enge mittelalterliche Gassen, eine nervenaufreibende Spurensuche und die hitzige Jagd nach der Lösung eines Rätsels –  In welchem Buch hast du dich schon einmal auf eine ähnlich spannende Reise gewagt?

Ursula Poznanski hat mit Aquila ein Thrillerniveau erreicht, das ich zuletzt bei Inferno von Dan Brown erlebt habe. Gedächtnisverlust, lebensbedrohendes Szenario und die Kulisse einer altehrwürdigen italienischen Stadt mit historischem Ambiente haben mich an der Seite von Robert Langdon durch Florenz rasen lassen. Auch er hatte nur zwei Tage aus dem Gedächtnis verloren und stand vor schier unlösbaren Aufgaben, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden waren. Hier geben sich nun Florenz und Siena die literarische Hand. Grandios.

Aquila von Ursula Poznanski – Das Hörbuch mit Laura Maire

Abschließend noch ein Wort zur Hörbuchfassung zu Aquila“ aus dem Hause Der Hörverlag. Hier spricht sich uns Laura Maire in einer brillanten Interpretation der völlig verunsicherten Nika ins Herz. Diese Stimme trägt das Hörbuch durch die Straßen von Siena. Man spürt die teilweise naive Hilflosigkeit, die zunehmende Überforderung und die innere Qual, angesichts der Vielzahl unbeantworteter Fragen schier zu verzweifeln. Laura Maire investiert viel, wenn sie Nika stimmlich mit Leben füllt. Besonders lebendig sind jene Passagen gelungen, in denen Nikas radebrechendes Italienisch mit dem allzu schnellen Italienisch der Menschen konfrontiert wird, die sie umgeben. Hier lässt Laura Maire ein Sprachflair entstehen, das einfach grandios ist und der Handlung zusätzliche Authentizität verleiht.

Ich hatte mir diese zarte Stimme so sehr für dieses Hörbuch gewünscht, weil sie eben auch zu Stärke erwachen kann, an Dringlichkeit zunimmt und Selbstbewusstsein entwickelt, wo man Nika schon fast aufgeben möchte. Diese Interpretation ist mehr als gelungen und bringt die literarische Strahlkraft von Ursula Poznanski auf den Punkt.

Lesen und / oder hören? Entscheiden Sie selbst. Hauptsache, Sie reisen nach Siena und erleben einen absolut rasanten Psychothriller, der am Ende keinerlei Fragen offen lässt. Und mir bleibt zu hoffen, dass ich irgendwann eine kleine Rolle in einem Roman von Ursula Poznanski spielen werde. Ich drücke mir selbst die Daumen, vermute aber schon jetzt, dass ich es maximal bis zur Leiche auf dem Seziertisch bringe. Das jedoch wäre schon ein Anfang…

[Thriller] „Girl on the Train“ von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Täglich pendle ich mit der Bahn aus der verträumten Buchenau nach München und damit ins städtische Zentrum meines Berufslebens. Täglich rauschen Bahnhöfe, kleine verschlafene Ortschaften und Häuser an mir vorbei, ohne dass ich ihnen große Beachtung schenke. Zumeist lese ich – und dies nicht nur zum Zeitvertreib, sondern um genau diese wichtige Zeit des Tages zu nutzen. Und doch sollte ich vielleicht einmal das Buch zur Seite legen und aus dem Fenster des fahrenden Zuges schauen. Einfach so… vielleicht würde ich ja etwas sehen, das spannender als jeder Roman ist.

So wie Rachel zum Beispiel, die ebenso regelmäßig wie ich und auch mit dem Zug aus den Randbezirken der Großstadt nach London pendelt. Zähe Fahrten sind es meist. Endlose Bauarbeiten am Gleisbett sorgen für unplanmäßige Verzögerungen und häufige Stopps mitten auf der Bahnstrecke. Signale sorgen für Unterbrechungen der Fahrt und Verspätungen. Rachel hat sich längst damit abgefunden und sogar eine eigene Methode entwickelt, diesen Störungen einen besonderen Reiz abzugewinnen.

Sie beobachtet die Menschen eines bestimmten Hauses in Witney, wo ihr Zug tagtäglich seine Fahrt unterbricht und mal länger, mal kürzer auf freier Strecke anhält. Sie genießt den freien Blick auf das schmucke Häuschen und malt sich aus, wie man darin lebt, liebt, lacht und weint. Sie beobachtet das junge Pärchen mal beim Frühstück im Garten, mal beim Gespräch auf der Terrasse und wenn die beiden nicht zu sehen sind, malt sich Rachel aus, womit sie gerade ihre Zeit verbringen.

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Sogar Namen hat sie den unbekannten Bewohnern des Hauses gegeben, um sich Tag für Tag ein wenig mehr von ihrem Leben auszumalen. Jess und Jason gehören auf diese Art und Weise schon fast zum Leben von Rachel. Sie vergleicht den Tagesablauf des Pärchens mit dem eigenen Lebensmuster und den selbst erträumten Vorstellungen von Harmonie, Liebe und Selbstverwirklichung. Rachel ist das Mädchen im Zug. Das Girl on the Train in der Geschichte von Paula Hawkins. Oder sollte ich sagen… im Psychothriller der in London lebenden Autorin?

Ja – eindeutig. Ich sollte es so sagen und schreiben. „Girl on the Train“ ist ein Psychothriller der ganz besonderen Art, da er sich jedem Vergleich mit bekannten Strickmustern des Genres erfolgreich entzieht. Weder die Erzählperspektive, noch die „Timeline“ des Geschehens oder gar die Charakterzeichnung der Protagonisten führen zu dem Lese-Urteil: Das hab ich schon mal so ähnlich gelesen. Haben Sie nicht! Haben Sie sicher nicht, und wenn Sie den Verdacht langsam aufkeimen fühlen, sollten Sie ihn schnell vergessen. Er trügt. Wie so vieles.

Aber was macht aus dem fantasievollen Eingangsszenario einen Psychothriller, der seine Leser in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele stürzt? Was soll schon passieren, wenn man täglich mit der Bahn vor einem wundervollen Vorstadthäuschen stoppt und sich ausmalt, wie die Menschen darin leben? Und warum sollte ausgerechnet Rachel, das „Girl on the Train“ als passive Beobachterin in den tosenden Strudel von Ereignissen gezogen werden, die uns Leser über 446 Seiten nicht mehr aus ihren Fängen lassen?

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Vielleicht, weil nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht, weil an der harmlosen Szenerie einige kleine Details nicht dem entsprechen, wie wir sie als neutrale Beobachter wahrnehmen. Und vielleicht auch, weil Rachel, die unauffällige Berufspendlerin ebenfalls nicht dem stereotypen Bild entspricht, das wir uns gewöhnlich von Pendlern machen. Und vielleicht, weil etwas das gesamte Bild in eine Schielflage bringt, die nicht nur den Leser in den Wahnsinn treiben kann.

Vielleicht, weil ja nur ein kleines Detail die Vorstadtidylle aus dem Gleichgewicht bringt und eine Welle von Ereignissen lostritt, die sich wie ein Thriller-Tsunami in alle Richtungen ausdehnt. Und mit alle Richtungen meine ich alle Richtungen in zeitlicher als auch räumlicher Hinsicht. Es beginnt an einem schönen Sommertag mit einem der üblichen Stopps auf freier Strecke. Wieder einmal ein unfreiwilliger Halt genau vor dem kleinen Häuschen von Jess und Jason. Wieder ein Tag für ein neues Kapitel im Leben von Rachels Fantasiegestalten.

ABER… Die Seifenblase der heilen kleinen Welt zerplatzt in einem einzigen Augenblick. Schon in dem Moment in dem der Zug zum Stehen kommt entdeckt Rachel „ihre“ Jess im Garten des Hauses. Diesmal mit einem anderen Mann an ihrer Seite. Vielleicht einem Cousin oder einem Trauzeugen aus Australien, beginnt Rachel ihre Geschichte weiter auszumalen, als etwas geschieht, das alles verändert. Der Beginn der Katastrophe nimmt am 12. Juli 2013 Fahrt auf:

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

„Jess geht auf ihn zu, legt die Hände an seine Taille und küsst ihn lang und leidenschaftlich. Der Zug fährt wieder an. Ich kann es nicht glauben. Ich schnappe nach Luft… Warum sollte sie so etwas tun? Jason liebt sie… Ich kann nicht glauben, dass sie ihm das antut, das hat er nicht verdient!“

Rachels Weltbild von der großen Liebe im Vorstadthaus gerät ins Wanken und der Gedanke an die fremdgehende Jess lässt sie nicht mehr los. Als sie genau zwei Tage später in den Nachrichten die Schlagzeile „Große Sorge um vermisste Frau aus Witney“ wahrnimmt, ahnt sie, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Und sie ahnt, dass sie wohl die einzige Zeugin dieser Auffälligkeit gewesen ist, die der Polizei jetzt weiterhelfen könnte.

Je mehr sie den aktuellen Nachrichten folgt, je mehr verändert sich auch das selbst geschaffene Trugbild von Jess und Jason. Megan und Scott Hipwell ersetzen in der Realität das traute Fantasiegebilde in Rachels Kopf, und wie immer gerät der Ehemann der Verschwundenen sehr schnell ins Fadenkreuz der Ermittler. Doch wie soll Rachel der Polizei von ihren Beobachtungen berichten? Wie soll sie klarmachen, dass sie nur zufällig und ganz nebenbei ausgerechnet hier eine Beobachtung von solcher Tragweite gemacht hat? Man würde ihr kaum glauben, denn…

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Denn… was… werden Sie jetzt fragen? Warum sollte man ihr nicht glauben, warum an ihrer Aussage zweifeln? Wieso könnte es sogar sein, dass Rachel sich selbst in eine mehr als unangenehme Situation bringt? Auf diese Fragen werde ich keine Antworten geben, da ich schon in sehr vielen Besprechungen zu diesem Psycho-Thriller viel zu deutliche Hinweise auf die komplette Handlung, die Protagonisten und die verborgenen Geheimnisse gelesen habe, die dem neugierigen Leser die echte Freude an „Girl on the Train“ nehmen können.

Ich wurde nur durch die Ausgangssituation neugierig auf den Roman von Paula Hawkins. Mir hat diese geheimnisvolle Eingangssequenz gereicht und ich hoffe, dass wahre Thrillerfreunde an genau der gleichen Stelle Blut lecken. In technischer Hinsicht arbeitet die Autorin mit wirklich allen verfügbaren Stilmitteln des Genres. Sie gestaltet eine Story-Timeline, die grundsätzlich linear verläuft, durch Rückblenden Verborgenes beleuchtet, sich von Kapitel zu Kapitel immer weiter nach vorne bewegt und dabei den Tag des Verschwindens von Megan Hipwell in den Mittelpunkt stellt.

Wer war an diesem Tag wo, wann, wie und warum? Fragen, auf die wir nach dem atemlosem Lesen Antworten in Hülle und Fülle erhalten. „Girl on the Train“ ist ein perfekt gestrickter Thriller, in dem uns psychologische Zerrbilder, verletzte Eitelkeiten, tiefe Beziehungsdramen und Kontrollverluste umgarnen, unzuverlässige Erzähler durch konstanten Perspektivwechsel Zug um Zug auf dem Seziertisch der Geschichte in ihre Bestandteile zerlegt werden und die Leser durch immer tiefere Einblicke atemlos in Hochspannung versetzt und bis zur letzten Seite gehalten werden. Dieser literarische D-Zug rast ungebremst auf ein furioses Finale zu, das mehr als plausibel ist und in sich geschlossen den gesamten Thriller zu einem funktionierenden Transrapid seines Genres macht.

Girl on the TRain von Paula Hawkins

PS: Einen Vergleich mit Gone Girl habe ich nebenbei auch noch angestellt. Girl on the Train ist facettenreicher, vielschichtiger und liest sich von der ersten Seite an im Eilzugtempo, während ich bei „Gone Girl“ schon sehr oft Leser ermutigen musste, bis zur Mitte des Thrillers durchzuhalten, da erst hier die ersten richtigen Fakten greifbar werden. „Girl on the Train“ ist ebenso geheimnisvoll und unvorhersehbar.

PPS: Es war eine irrige Annahme, dass mir der Blanvalet Verlag in seiner unendlichen Güte eine Nackenrolle und einen Koffergurt in Thriller-Optik geschickt hat. In die Rolle habe ich gebissen, wenn die Spannung nicht mehr zu ertragen war und der Gurt hat mich nachts im Bett fixiert, als die Albträume einsetzten. Praktisches Buchzubehör!

PPPS: Wenn ihr eine sehr aussagekräftige Hörbuch-Rezension lesen möchtet, dann gibt es nur einen Weg. Fahrt mit dem Thriller-Zug einfach bei Julia vorbei und besucht ihren Blog Ruby´s Cinnamon Dreams„. Da gibt`s was für die Ohren.

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

„Ich vermisse Dich“ – Herzrasen mit Harlan Coben

Harlan Coben - Ich vermisse Dich - Herzrasen und Spannung

Harlan Coben – Ich vermisse Dich – Herzrasen und Spannung

Ich finde Dich“ von Harlan Coben (Page & Turner) hat meine Ansichten gegenüber dem konventionellen Thriller im März 2014 bei Literatwo gehörig über den literarischen Haufen geworfen und nachhaltig verändert. Spannungsgeladen und nervenzerreißend, so sind sie. Psychologisch ausgefeilt oder auch einfach mal grenzenlos brutal, schlaflos machend und dauerhaft Gänsehaut verursachend. So dürfen sie sein, die eigentlichen Vertreter dieses Genres, das sich nicht nur in bei uns aller größter Beliebtheit erfreut.

Als ich dann Harlan Coben entdeckte, fand ich zunächst alle Charakteristika dessen, was ich eigentlich von einem Thriller erwartet hatte. Atemlos trieb er mich durch seine Story und als unblutig kann man seine Romane auch nicht gerade bezeichnen. Doch darüber hinaus erschloss er mir eine Thriller-Ebene, die ich vorher für wenig passend hielt. Sehnsucht, Romanik, Leidenschaft und Gefühl. „Ich finde Dich“ ließ mich nicht nur mit einem unglaublich plausiblen Ende zurück, das Buch hatte alle Saiten meiner Gefühlswelten berührt. Coben hatte meine wichtige Frage beantwortet:

„Aber können Thriller auch romantisch sein? Dürfen sie das sogar? Ich denke ja und unterschreibe diese Aussage gleich mit dem guten Füller.“

Harlan Coben - Ich vermisse Dich - Herzrasen und Spannung

Harlan Coben – Ich vermisse Dich – Herzrasen und Spannung

Dieses Resümee meiner damaligen Buchvorstellung klingt noch heute nach, wenn ich erneut zu einem Thriller aus der Feder von Harlan Coben greife. Noch dazu, wenn der Titel erneut einen Thriller verheißt, der mich in die Lesewelt des vergangenen Jahres zurückversetzt. „Ich vermisse Dich“ ähnelt dabei nicht nur im Titel, sondern auch in der Cover-Gestaltung sehr dem absolut lesenswerten Vorgänger.

Ich vermisse Dich. Auch nicht wirklich ein reißerischer Thriller-Titel. Lediglich die dunkle Ruine auf dem Titelbild lässt einen ersten Hauch von Gänsehaut aufkommen. Wer damals Ich finde dich“ gelesen hat, wird nicht umhin können, auch diesen neuen Thriller in sein lesendes Herz schließen zu wollen. Es stellt sich nur die Frage, ob dieser Roman an die facettenreiche Tiefe seines Vorgängers anschließen kann. Ich habe eine Antwort gefunden. Eine sehr einfache sogar.

„Wer nur einmal liebt, dem glaubt man nicht“. Dieser Satz hat mich beim Lesen überfallen. Ganz plötzlich war er da. Ich kann nicht mal genau sagen, wann sich diese Worte in meinem inneren Lesekreislauf festgesetzt haben, sie tauchten einfach auf. Ein kleiner Zettel mit diesen Worten findet sich noch jetzt auf Seite 100 in diesem Thriller. Und sie sollten sich bewahrheiten. Ich bringe sie wohl für alle Zeiten in Verbindung mit Harlan Coben.

Harlan Coben - Ich vermisse Dich - Herzrasen und Spannung

Harlan Coben – Ich vermisse Dich – Herzrasen und Spannung

Kat Donovan ist seit vielen Jahren Detective im New York Police Department. Sie setzt mit ihrer Tätigkeit die Polizeitradition ihrer Familie fort. Ihr eigener Vater wurde vor 18 Jahren mehr als brutal im Dienst ermordet. Ein Fall, der zwar zu den Akten gelegt wurde. Jedoch nicht, ohne viele Fragezeichen im Herzen der Tochter zu hinterlassen.

Fragen, die seitdem quälend in ihr toben und ihr keine Ruhe mehr lassen. Fragen, die nicht nur ihren Vater betreffen. Fragen, die in eine dunkle Zeit zurückreichen, in der ihr komplettes Leben aus der Bahn geworfen wurde. Nachhaltig und ohne Vorwarnung. Seit dieser Zeit ist sie, wie sie eben ist. Verbissen im Job, einsam im normalen Leben und überzeugter Single mit dem Hang zur Kompensation des Defizits an menschlicher Wärme durch Härte gegenüber sich selbst und anderen im Polizeidienst.

Denn damals wurde nicht nur ihr Vater mitten aus ihrem Leben gerissen, auch ihr Verlobter Jeff verließ sie ebenso plötzlich, wie er in ihr Leben getreten war. Auf dem absoluten Höhepunkt der gemeinsamen Zukunftspläne und ohne jedes Anzeichen von Krise machte er die Verlobung rückgängig und sich selbst aus dem Staub. Dauerhaft. Und ohne eine einzige Spur zu hinterlassen. Eine Narbe in ihrer Seele, die nicht heilen will. Grund genug für ihr Umfeld, besorgt zu sein und ihr helfen zu wollen.

Harlan Coben - Ich vermisse Dich - Herzrasen und Spannung

Harlan Coben – Ich vermisse Dich – Herzrasen und Spannung

Als eine gute Freundin sie nun, genau 18 Jahre später, bei einer Dating-Webseite anmeldet, stößt Kat bei der Suche nach männlichen Mängelexemplaren in ihrem Alter auf ein Foto ihres Ex-Verlobten. Der gute alte Jeff strahlt sie von seinem Profilbild an und sie kann nicht widerstehen, ihm eine erste Nachricht zu schicken. Eine Nachricht, die nur sie beide verstehen können. Als würde sie einen Code übermitteln, der seit 18 Jahren nicht geändert wurde. Ein absolutes Zauberwort! Nur Liebende kennen das. Ein ewig währendes Signal.

Doch die Antwort macht sie maßlos traurig. Die Botschaft verhallt im Nichts. Sie erreicht Jeff nicht so, wie sie es erwartet hätte. Es ist, als würde er sich nicht erinnern. Als Witwer wird er bei der Partnervermittlung geführt und eigentlich könnte man ja einen Versuch wagen, wo er doch auch scheinbar auf der Suche ist. Vielleicht würde sie auf diesem Weg herausfinden, warum Jeff sie damals grundlos verlassen hatte. Vielleicht waren ja sogar noch alte Gefühle da. Aber Kat erreicht sein Herz nicht mehr. Es ist, als würde sie einem Fremden schreiben. Seine Antworten sind distanziert und neutral.

„Wer nur einmal liebt, dem glaubt man nicht“. Plötzlich war dieser Satz einfach da. Ich weiß ganz genau wovon ich rede, weil man sich immer an eine Zeit erinnert, die unvergleichbar war. Egal was danach vorgefallen ist. Wer nur einmal liebt und dann vergisst, der ist es nicht wert, oder es gibt andere gute Gründe für die Verleugnung der gemeinsamen Zeit. Der privaten Enttäuschung folgt der nächste Nackenschlag für Kat. Ihr Ex scheint sie nicht nur zu verleugnen, er entwickelt sich auch zum Missing Link in einer Serie von Entführungen, die ein gemeinsames Muster tragen.

Harlan Coben - Ich vermisse Dich - Herzrasen und Spannung

Harlan Coben – Ich vermisse Dich – Herzrasen und Spannung

Die Opfer sind alle User der Dating-Website, auf der auch Kat angemeldet ist und die weiblichen Opfer stehen augenscheinlich nur auf einen einzigen Mann, der sie schon mit dem ersten Treffen ins Verderben lockt. JEFF. Hals über Kopf landet Kat in einer Ermittlung, die ihr alles abverlangt. Ihr Blick zurück wird zum Brennglas für das Jetzt. Ihr Gefühl dominiert und gegen alle Widerstände weitet sie ihren Feldzug der Gerechtigkeit auf eigene Faust aus. Für sich selbst, für ihren Vater und nicht zuletzt für den Mann, den sie immer noch liebt. Für Jeff. Dass sie sich damit selbst in Lebensgefahr bringt wird ihr erst klar, als es schon fast zu spät ist. Für sie und die Opfer, die unter unglaublichen Qualen leiden. Die Zeit läuft, wie vor 18 Jahren. Nur schneller.

Harlan Coben gelingt mit „Ich vermisse dich“ erneut ein absolutes Bravourstück an emotional getragener Dramatik. So kann nur ein Autor schreiben, der in den tiefen seiner eigenen Sehnsucht genau weiß, was die Liebe mit dem Leben anstellen kann. Er führt uns in ein Spiegelkabinett der Identitäten und hält seinen Lesern vor Augen, wie leicht es ist, im Internet nicht nur seine Zeit, sondern auch sein Leben zu verlieren. Er überzeugt dabei mit der Schlichtheit seiner Worte. Seine Sehnsucht wird zu unserem Lesegefühl. Seine Verzweiflung gipfelt in unserem Herzschlag.

Und wenn man schließlich den ganz einfachen Satz: „Ich bin hier, Kat“ liest, dann muss man das Buch für einen Moment zur Seite legen, weil die Worte das eigene Herz zum Rasen bringen. Sie wühlen auf, wie ein ganzes Buch. Sie bewegen, wie das ganze Buch. Und doch wissen wir ganz genau, dass hinter dem „Ich bin hier, Kat“ viel mehr verborgen ist, als es scheint. Harlan Coben hat mich erneut ins Herz getroffen und so ganz nebenbei eine zutiefst spannungsgeladene Gänsehaut zum Dauergefühl erhoben. Wer nur einmal liebt, dem glaubt man nicht. Ich habe gefühlt, dass diese Worte das Buch sehr gut charakterisieren würden. Ich habe sehr viel gefühlt…

Harlan Coben - Ich vermisse Dich - Herzrasen und Spannung

Harlan Coben – Ich vermisse Dich – Herzrasen und Spannung

Persönliches zum Schluss:

Auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich meine kleine literarische Sternwarte aus der buchigen Taufe gehoben und den ersten Artikel als „AstroLibrium“ veröffentlicht. Seitdem hat sich sehr viel getan in dieser kleinen Welt und ich habe vielen Menschen zu danken, die mir dabei geholfen haben, diesen Weg zu meinem Weg zu machen, mich nicht zu verlaufen und pure Lesenfreude versprühen zu dürfen. Allerdings beruht meine Auswahl des heute hier vorgestellten Thrillers keinesfalls auf reinem Zufall.

Zwei Bücher verbinden am heutigen Tag mein Lesen und Schreiben mit der langen Zeit, die ich gemeinsam mit Bianca lesen, schreiben und fliegen durfte. Beide Titel sind die Metaphern meiner Gefühlslage, wenn ich ein Jahr nach dem Pusteblumentag auf Literatwo diesen Artikel mit der alten Heimat verlinke. Ich vermisse Dich. Ich finde Dich. Auch wenn diese Zeilen natürlich absolut nichts mit den beiden Thrillern selbst zu tun haben mögen, sie gehören genau hierhin, denn manchmal sind Bücher mehr als nur Bücher.

Manchmal sind sie das Leben….

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Schattenschrei von Erik Axl Sund (Thriller-Trilogie-Finale)

Schattenschrei von Erik Axl Sund - Victoria-Bergmann Trilogie - Das Finale

Schattenschrei von Erik Axl Sund – Victoria-Bergmann Trilogie – Das Finale

Oh nein… Keine Sorge, ich werde absolut nichts verraten. Ich schweige wie ein schwedisches Massengrab, wenn es darum geht auch nur den leisesten Hauch des Geheimnisses der Victoria Bergmann Trilogie von Erik Axl Sund zu verraten. Von mir erfahrt ihr nichts. Ich bin zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet, auch wenn ich gerne laut rausposaunen würde, was mir in den letzten Tagen in Stockholm widerfahren ist.

Schattenschrei“. Mehr sage ich nicht. Der finale Band einer unglaublichen Trilogie aus dem Hause Goldmann Verlag hat mich durch schlaflose Nächte und furchtsame Gänsehaut-Tage begleitet. Und dabei war ja nach den ersten beiden Teilen alles völlig klar. Nach dem Krähenmädchen und dem Narbenkind war ich als Leser sowas von auf der Höhe der Ereignisse. Ich brauchte nur noch ein wenig Bestätigung für meine ausgereiften Theorien und mit festem „Klick“ würden sich die Handschellen um die zarten Gelenke der Hauptverdächtigen schließen.

Brutale Morde (wobei hier das Wort „brutal“ eine Verharmlosung im besten Wortsinn ist) an illegalen Flüchtlingskindern galt es aufzuklären. Mit der Stockholmer Polizistin Jeanette Kihlberg fraß ich mich gemeinsam durch Ermittlungsaktenberge, befragte Zeugen und sammelte Indizien. Ich war sogar auf die Unterstützung der Psychologin Sofia Zetterlund angewiesen, obwohl ich ganz genau wusste, dass sie ein Doppelleben zu führen schien.

Schattenschrei von Erik Axl Sund - Victoria-Bergmann Trilogie - Das Finale

Schattenschrei von Erik Axl Sund – Victoria-Bergmann Trilogie – Das Finale

Und alle Fäden liefen bei einem Namen zusammen: Victoria Bergmann. In ihrer Kindheit traumatisiert, missbraucht, misshandelt und innerlich zerstört schien auf einem unaufhaltsamen Feldzug zu sein, mit ihrer eigenen Vergangenheit aufzuräumen. Und hier bedeutet „Aufräumen“, anderen Menschen unendliche Schmerzen zuzufügen. Ihr eigenes Leid weiterzugeben und dadurch zu bewältigen, was sonst niemand verkraften könnte.

Als dann auch noch Erwachsene zum Opfer grausamer (ich wiederhole mich gerne beim Wort „grausam“ – hier eine absolute Verniedlichung) Morde werden, kapiert auch der blindeste Leser und Polizist, dass alles miteinander verwoben ist. Denn genau diese Opfer sind durch eine gemeinsame Vergangenheit für immer miteinander verbunden. Grausamer Kindesmissbrauch und Kinderhandel, pure Gewalt, Pornografie und illegale Flüchtlingskinder, organisierte Kriminalität zur eigenen Lustbefriedigung – so könnte man diese Menschenhändler und Gewalttäter unter einen Hut bringen.

Und wieder laufen alle Spuren bei einem Namen zusammen. Victoria Bergmann. Sie wurde selbst zum Opfer dieser Gruppe und was liegt nun näher als die Vermutung, dass sie ihren Feldzug auch zum Rachefeldzug ausufern lässt? Nichts! Klarer Fall. Man muss sie nur noch schnappen und aus die Maus.. die schwedische Maus! Alle Indizien lagen mir vor, Tonbänder, eigene Schilderungen aus Tätersicht und das Motiv. Glasklar. Es galt nur noch einen lauten Schattenschrei in die Stockholmer Nacht zu brüllen und mit einem Spezialkommando den Zugriff zu wagen. Victoria Bergmann… ich hab dich!

Schattenschrei von Erik Axl Sund - Victoria-Bergmann Trilogie - Das Finale

Schattenschrei von Erik Axl Sund – Victoria-Bergmann Trilogie – Das Finale

Dass Victoria Bergmann und Sofia Zetterlund ein und dieselbe Person sind lag auf der Hand. Multiple Persönlichkeiten sind für den erfahrenen Thriller-Leser nun wirklich kein echtes Problem und dass die Damen Kommissarin und Psychologin ein mehr als zartes Techtelmechtel miteinander beginnen… Nun das soll es ja geben. Nichts jedoch hat mich von der Masse der Indizien abgelenkt und mir war alles klar. Fehlende Finger, beidhändige Handfertigkeit, Tathergänge und mehr.. alles war klar. Nicht nur für mich.

Doch bereits nach 40 Seiten im „Schattenschrei“ habe ich das Gefühl, aus einer zweibändigen intensiven schwedischen Gehirnwäsche zu erwachen. Erik Axl Sund scheinen lachend neben mir zu sitzen und meine Ermittlungsergebnisse anzuschauen und sich dabei freudig auf die skandinavischen Schenkel zu klopfen. Und dann beginnt das Zurückblättern, das hektische Nachdenken und das Aufsammeln der Schuppen, die mir augenblicklich von den Augen gefallen sind.

Nein.. Ich habe nichts falsch gelesen. Ich habe sogar sehr aufmerksam gelesen und trotzdem bin ich den brillanten Autoren auf den Thriller-Leim gegangen. Wenn sie eine Tür geöffnet haben, damit ein Protagonist das Zimmer verlassen kann, nur im nächsten Kapitel eine Tür zu öffnen, dann bedeutet dies nicht, dass die gleiche Person diese Tür durchschreitet. Das macht unser Leserhirn und genau mit diesem Hirn spielen die beiden Bestseller-Autoren auf die vorzüglichste Art und Weise.

Schattenschrei von Erik Axl Sund - Victoria-Bergmann Trilogie - Das Finale

Schattenschrei von Erik Axl Sund – Victoria-Bergmann Trilogie – Das Finale

Wenn im „Krähenmädchen“ der junge Samen eingepflanzt wurde, aus dem eine Geschichte erwächst und die Saat langsam zu keimen begann. Und wenn im „Narbenkind“ diese Saat erwachte und langsam zur Blüte reifte, dann ernten wir im „Schattenschrei“ die Früchte unseres Lesens. Dass diese Frucht uns selbst zu verzehren droht, liegt auf der Hand. Nichts ist, wie wir es erwartet haben und alles ist so, dass keine Frage offen bleibt.

Psychologischer kann ein Thriller nicht sein – er kann nicht mehr psycho sein und er kann nicht logischer sein. Das steht für mich definitiv fest. Erik Axl Sund legen mit dem „Schattenschrei“ ein fulminantes Finale aufs schwedische Parkett, das sich gewaschen hat. Alle Glieder der langen Trilogie-Kette greifen ineinander und wie mit einem knallharten Domino-Effekt fällt jedes einzelne Steinchen auf dem Spielbrett in die richtige Richtung.

Allerdings ist die nicht die Richtung, die man erwartet hat. Ich habe lesend erneut gelitten, habe geheime Räume betreten, die ich besser nie betreten hätte, habe am eigenen Leserleib Gewalt erlebt, die absolut unvorstellbar ist, war lebendig begraben und litt unbeschreibliche Schmerzen, wobei ich immer hoffte, dass unbeschreiblich auch unbeschreiblich ist. Für Erik Axl Sund gilt dies nicht.

Schattenschrei von Erik Axl Sund - Victoria-Bergmann Trilogie - Das Finale

Schattenschrei von Erik Axl Sund – Victoria-Bergmann Trilogie – Das Finale

Lest die Victoria-Bergmann-Trilogie nur, wenn ihr als Leser hart im Nehmen seid. Lest sie einfach, wenn ihr atemlose Spannung, menschliche Schattenseiten, grandiose Protagonisten, psychologische Spiegelkabinette und gesellschaftliche Abgründe als gute Zutaten eines guten Thrillers betrachtet. Lest sie, wenn ihr belastbar und psychisch stabil seid. Lest sie, um einfach an eure eigenen Lesegrenzen zu stoßen.

Diese Trilogie ist eine Grenzerfahrung. Sie lässt keine Fragen offen, ist nicht an den schwedischen Autorenhaaren herbeigezogen, sondern ergibt am Ende ein komplexes Bild, das wir aus vielen Mosaiksteinen zusammenfügen durften. Und unter dem Strich bleibt die begründete und sehr nachhaltige Kritik an Gesellschaften, die nicht mit allen verfügbaren Mitteln gegen Kinderpornografie und Kindesmissbrauch vorgehen.

Erik Axl Sund brechen Tabus um Tabuthemen zur Sprache bringen zu können. Ihre drastischen Schilderungen dienen nicht dem Selbstzweck, sondern haben einen ernsten Hintergrund. Und dabei verlieren die Autoren das wesentliche Ziel nie aus den Augen: sie unterhalten ihre Leser auf gnadenlos geniale Art und Weise.

Alter Schwede, war das stark!

Victoria-Bergmann Trilogie - Mit einem Klick zu drei Artikeln

Victoria-Bergmann Trilogie – Mit einem Klick zu drei Artikeln

Nachtrag: „Schattenschrei“ hat mich bereits gestern verlassen und wird schon am Montag bei Marion St. eingezogen sein und die Thriller-Trilogie dort vervollständigen. Zu Risiken und Nebenwirkungen des Lesens fragen Sie bitte den Verlag oder die beiden Autoren.

Narbenkind von Erik Axl Sund (Thriller-Trilogie-Mitte)

Narbenkind von Erik Axl Sund

Narbenkind von Erik Axl Sund

Als ich den Auftaktband der schwedischen Victoria-Bergmann-Trilogie schloss, war mir klar, dass ich mit dem Krähenmädchen nur die Spitze des Psychothriller-Eisbergs gesichtet hatte. Das Autorenduo Erik Axl Sund hat mich im Lesen gefesselt und oftmals durch die extrem drastischen Schilderungen der Verbrechen abgeschreckt. Ein Effekt, der durchaus beabsichtigt war – dem Wutschreiben gegen Gewalt sollte das Wutlesen folgen. Bei mir hat es sich eingestellt und ich schloss meine Gedanken zum „Krähenmädchen“ mit folgenden Worten:

Diese Trilogie ist kein Kinderspiel! Die Beschreibungen der misshandelten Jungs sind extrem und drastisch. Traumatisierungen verdienen in diesem Roman ihren Namen und auch aus der Perspektive des Täters heraus ist die Schilderung des Grauens nichts für schwache Nerven. Das muss man schon ganz genau wissen, wenn man sich auf das “Krähenmädchen” einlässt. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

Passt auf euch auf beim Lesen, seid tapfer und haltet durch.

Und nun verweise ich auf die Titelbilder zu diesen Artikeln. Im „Krähenmädchen“ ging die Saat der beiden schwedischen Autoren langsam auf. Im „Narbenkind“ erwacht sie und wächst zu einem komplexen Feld mit gemeinsamen Wurzeln. Und ich freue mich schon sehr darauf, wenn diese furchtbare Saat im Schattenschrei ihre ersten Früchte trägt. Auch, wenn es eine grausame Ernte wird…

Narbenkind von Erik Axl Sund

Narbenkind von Erik Axl Sund

Dem Goldmann Verlag ist es zu verdanken, dass diese Wartezeit, völlig untypisch für Trilogien, nur kurze Zeit währte, denn schon zwei Monate nach dem ersten Teil folgt nun das Narbenkind und bereits im November werden wir mit dem „Schattenschrei“ das Ende dieser außergewöhnlichen Trilogie erlesen dürfen. Der Erfolg dieser Verlagsstrategie ist an der Platzierung des Krähenmädchens in den unterschiedlichen Bestsellerlisten und im Feedback der Leser zu erkennen. Der Auftaktband hat in jeder Beziehung Maßstäbe gesetzt. Und nun bleibe ich mir selbst treu und warne erneut vor dieser Buchreihe. Sie ist nichts für schwache Nerven…

Den Mittelband einer Thriller-Trilogie zu rezensieren birgt die Gefahr, zu viel zu verraten. Besonders Leser, die sich bisher noch nicht dazu durchringen konnten, das „Krähenmädchen“ zu lesen, könnten durch das „Spoilern“ der Handlungsstränge den Spaß daran verlieren, in eine solche Trilogie überhaupt einsteigen zu wollen. Ich werde nicht spoilern, nichts verraten und im Schwerpunkt darauf eingehen, ob die Fortsetzung meinen hohen Erwartungen nach dem Lesen des Auftaktbandes gerecht wird. Ich war mehr als gespannt…

Und so beginnt dan „Narbenkind“ genau da, wo das „Krähenmädchen“ endete. Grausame Morde an illegalen Flüchtlingskindern sind bisher ungeklärt. Dem Ermittlerteam um Jeanette Kihlberg ist es nicht gelungen, dem Täter auf die Spur zu kommen. Die Polizei in Stockholm hat zwar Fakten und Indizien gesammelt, aber das grausame Morden konnte nicht unterbunden werden. Das hinterlässt tiefe Narben bei der Kommissarin, deren Privatleben gerade in einer tiefen Krise steckt. Sie sah sich selbst schon auf dem besten Weg, den Fall zu klären und die Psychologin Sofia Zetterlund schien in jeder Beziehung zur wertvollsten Hilfe zu werden.

Narbenkind von Erik Axl Sund

Narbenkind von Erik Axl Sund

Die Ermittlung jedoch gerät ins Stocken. Man kommt nicht weiter, obwohl man durch Sofia Zetterlund auf einen Namen gestoßen ist, zu dem viele der  Spuren führen: Victoria Bergmann. Aber genau diese junge Frau scheint nicht zu existieren. Als Patientin mit multiplen Persönlichkeitsstörungen war sie bei Sofia in Behandlung, aber alle Versuche mit ihr in Kontakt zu treten scheitern. In Victorias Vergangenheit scheinen alle Schlüssel für die Aufklärung der Morde zu liegen.

Als die Kreise enger werden und sich langsam zu schließen beginnen, geschieht das Unfassbare. Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen ein. Wer vermisst schon Kinder, die sich illegal im Land aufhalten? Wer sucht nach Flüchtlingen ohne Papiere, und gibt es nicht viel Wichtigeres zu tun in Anbetracht der täglichen Verbrechensrate in der schwedischen Hauptstadt? Völlig klar, dass man die Schwerpunkte neu definieren muss und da ist es nur logisch, wenn man vorerst nicht weiter versucht, diesen Morden auf den Grund zu gehen. Oder steckt mehr dahinter, als es den Anschein hat?

Als Leser würde man das Buch an dieser Stelle gerne an die Wand werfen. Das war so sehr vorherzusehen, nachdem die Verantwortlichen scheinbar wenig Interesse an der Aufklärung der grausamen Kindermorde an den Tag gelegt haben. Eben typisch für moderne Gesellschaften, dass diese Schicksale unter den Tisch fallen. Die laute Kritik der beiden Autoren an den Mechanismen unseres Wohlstands schreit geradezu aus dem Buch heraus. Sie bringen auf den Punkt, was häufig verschwiegen wird und erzielen dabei im Leser die erneute wütende Reaktion auf die sozialen Zustände, die es anzuprangern gilt. Ein Thriller mit Botschaft.

Narbenkind von Erik Axl Sund

Narbenkind von Erik Axl Sund

Der Leser bleibt mit seiner Empörung nicht allein, denn Jeanette Kihlberg wäre nicht die verbissene Ermittlerin, die wir schätzen gelernt haben, wenn sie diese Entscheidung akzeptieren würde. Nur sie hat den Überblick, der es ihr erlaubt, die nun plötzlich in Serie auftretenden Morde an Erwachsenen in einen Zusammenhang mit den toten Kindern zu bringen. Die Taten sind ebenso sinnlos, brutal und grauenvoll, reihen sich scheinbar ohne Zusammenhang aneinander, durchziehen alle sozialen Schichten des Landes und doch gibt es ein gemeinsames Glied in der Kette: Victoria Bergmann.

Was der Leser dann in diesem Trilogie-Mittelteil erlebt ist eine tiefenpsychologische Verfolgungsjagd einer Einzelgängerin, die sich zumindest noch auf einige gute Freunde bei der Polizei verlassen kann – und natürlich auf Sofia Zetterlund, die Psychologin, die ihr inzwischen mehr als ans Herz gewachsen ist. Was sie nicht weiß, ist dass sie fast schon ferngesteuert in ein Dr. Jekyll und Mr. Hide-Szenario“ getrieben wird, in dem nicht jeder der ist, der er zu sein scheint. Wem kann Jeanette wirklich trauen?

Ich arbeite mich durch die Ermittlungsakten, eile von Tatort zu Tatort und bin Jeanette sogar immer einen Schritt voraus. Ein Täter, der weder Rechts- noch Linkshänder zu sein scheint und dem darüber hinaus etwas fehlt, das ihn eindeutig identifizieren kann, gibt weiter Rätsel auf. Ich bin ihm auf der Spur und weiß schon jetzt, dass ich den Fall nur lösen kann, indem ich im November den Schattenschrei lese. Und genau das werde ich tun… Diese Morde lassen mir keine Ruhe.

Narbenkind von Erik Axl Sund - Mit einem Klick zum Krähenmädchen

Narbenkind von Erik Axl Sund – Mit einem Klick zum Krähenmädchen