Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Kiribati - Eine Inselwelt versinkt im Meer - Astrolibrium

Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Oft war ich im vergangenen Jahr an Bord der Polarstern. Expeditionen in die Welt der Arktis haben mich ins Epizentrum des Klimawandels geführt und mir gezeigt, dass die Konsequenzen der weltweiten Klimaerwärmung dramatisch sind. Und doch fühlt es sich noch immer so an, als wäre das alles weit entfernt. Was kümmert es uns, wenn in der Polarregion das ewige Eis langsam zu schmelzen beginnt? Was kümmert es denn uns, wenn dort der Meeresspiegel zu steigen beginnt und ist es nicht beruhigend, sich die Menschen anzuhören, die den Klimawandel beharrlich leugnen? Es ist eine extrem trügerische Sicherheit, in der wir uns wiegen. Es ist unsere Ignoranz, die uns erlaubt, Menschen, die für den Klimaschutz eintreten, als Aktivisten zu bezeichnen. Es ist das eigene Versagen im Denken und Handeln, das uns einfach weitermachen lässt. Haben wir die Zeichen der Zeit nicht verstanden, oder wollen wir sie nicht verstehen? Fragen, die mich bewegen, seit ich die Polarstern verlassen habe.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Immerhin ist die Arktis doch weitgehend unbewohnt und wir haben doch sicher im Moment Wichtigeres zu tun, als uns auch noch um den Rest der Welt zu kümmern. Es gibt da doch auch gerade eine weltweite Pandemie, die uns beschäftigt. Aber auch die lässt sich trefflich leugnen. So sind wir. So ist der Mensch. Solange es uns nicht direkt betrifft, sind wir die großen Zweifler. Wehe aber, das Wasser steht uns selbst bis zum Hals. Dann rufen wir nach dem Staat und verlangen nach Hilfe. Ein bekanntes Muster, das gerade in diesen Tagen häufig zutage tritt. Was also hat die Arktis mit uns zu tun? Ich wollte der Polarregion den Rücken kehren und mich in der Welt umhören. Wo hat der Klimawandel schon begonnen, das Leben der Menschen zu beeinflussen? Haben wir uns deren Perspektive mal zu eigen gemacht und sind wir in der Lage uns in ihre Lage zu versetzen? Können wir den Versuch wagen, uns vorzustellen, wie wir denken würden, wenn wir selbst betroffen wären?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Folgt mir doch einfach mal nach Kiribati. Wohin bitte, werdet ihr fragen? Was hat jetzt ein „unbedeutender“ Inselstaat in Mikronesien inmitten des Pazifiks mit uns zu tun? Das ist ja noch weiter weg als der Nordpol. Mag sein. Aber hier, ungefähr genau in der Mitte zwischen Australien und Hawaii, treffen wir auf eine Bevölkerung, die bereits jetzt vom Klimawandel und der Erhöhung des Meeresspiegels unmittelbar betroffen ist. Hier leben, vereilt auf 32 Atolle mehr als 100 000 Menschen, denen das Wasser wahrhaftig bis zum Halse steht. Zeit, ein besonderes Buch zu Rate zu ziehen, um uns mal genau anzuschauen, was sich gerade dort ereignet und welche Kultur hier im Begriff ist, im tiefen Blau des Pazifiks zu versinken, „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ von Alice Piciocchi und Andrea Angeli, erschienen im Sieveking Verlag, ist viel mehr als ein Reiseführer in eine weitgehend unbekannte Welt. Dies ist ein illustrierter Abgesang auf ein Paradies, das den Anfang machen wird, wenn sich die Welt wie wir sie kennen für die nächsten Generationen dramatisch und irreversibel verändert.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Kiribatis Inselwelt machte in den vergangenen Jahren immer mehr Schlagzeilen. Die unmittelbare Bedrohung der einzelnen Inselgruppen durch steigende Wasserpegel veranlassten die Regierung dazu, ein 20 Quadratkilometer großes Stück Land auf den Fidschi-Inseln zu kaufen, um die Bewohner Kiribatis umzusiedeln. Als die Autoren des Buches davon hörten, beschlossen sie, das untergehende Inselparadies zu besuchen, um zu dokumentieren, welche Welt hier vom Untergang bedroht war. So entstand ein Reiseführer der besonderen Art. Liebevoll illustriert hält er dauerhaft fest, was bewahrt werden sollte. Man traf nicht auf verzweifelte Bewohner, die schon auf ihren gepackten Koffern saßen. Vielmehr begegneten die Autoren Menschen, die ihre Kultur zelebriert haben, wie sie es von ihren Urvätern und -müttern gelernt hatten. Sie gewährten ihnen einen tiefen Einblick in das Sozialgefüge, Riten und Bräuche, Religion, die Bedeutung ihrer Sprache, das besondere Frauenbild und die Perspektiven für die Zukunft.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieses bibliophile Meisterwerk zeigt eindringlich, was geschieht, wenn Menschen, die im Einklang mit der Natur aufgewachsen sind, von dieser Natur verlassen werden. Was geschieht, wenn Fischer ihre Balance zwischen Ebbe und Flut verlieren, und sich nun auch noch damit abfinden müssen, dass immer begehrlichere internationale Blicke auf die frei werdenden Fischfanggebiete gerichtet werden? Wie leben Schulkinder im Paradies, wenn sie im Unterricht erfahren, dass die Geschichte der Arche Noah bald für sie zum Greifen nah sein könnte? Was nimmt man mit? Was gibt man auf? Welche Traditionen sind verschiffbar und welches Lebensgefühl ist unmittelbar mit dem Grund und Boden verbunden, auf dem man noch lebt? Der Reisebericht ist facettenreich und tiefgründig. Durch die Einfachheit der Illustrationen ist er auch hervorragend geeignet, um ihn mit Kindern zu erforschen. Das Staunen gehört zum Programm, wenn man die Seiten durchforstet. Wie lebt man auf Kiribati? Wie lacht, tanzt, angelt, singt und leidet man dort? Und wie, Himmels Willen, soll man das alles in Umzugskartons packen?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieser Kultur- und Lebensalmanach ist ein Gesamtkunstwerk, das sich einer Welt verschrieben hat, die existenziell bedroht ist. Das Buch erzählt keine lineare Geschichte. Es ist kreisförmig um Themenbereiche angeordnet, die sich der Neugier der Leser von selbst erschließen. Ein umfangreiches Glossar, eine historische Zeitleiste und brillante Illustrationen runden das Leseerlebnis ab. „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ kann auch als Sinnbild einer einsetzenden Völkerwanderung verstanden werden. Wir treffen eines Tages auf Menschen, deren kollektives Gedächtnis sich auf einige Koffer verteilt. Wir sollten ihnen nicht ahnungslos begegnen. Der Untergang ihrer Welt hat viel damit zu tun, wie wir unsere Welt verstanden haben. Werden wir Teil ihrer Erinnerung und lesen wir uns in eine Kultur, die scheinbar verloren ist… Wären da nicht die Leute von Kiribati, die in ihrem Inneren bewahren, was zurückgelassen werden muss.

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Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Bücher- und Hörbuchketten sind unverzichtbar in meinem Leben. Die Perlenkette, an der kausale und emotionale Zusammenhänge sichtbar werden, gehört zu den echten Schmuckstücken in meiner kleinen Bibliothek. In diesem Fall sind es Eisperlen, die sich zu einer komplexen Expeditionsgeschichte aufgefädelt haben, um uns zu zeigen, wie in der Vergangenheit und heute Menschen versucht haben, die weißen Flecken der Erde zu erobern und zu erforschen. Die Motive könnten unterschiedlicher nicht sein. War es einst der Wunsch, als erster Mensch am Nordpol zu stehen, sind es heute ökologische und rein wissenschaftliche Ziele, die uns in die Arktis entführen. Für mich begann alles eigentlich wie immer. Mit Zufällen:

Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ von Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) war gerade gelesen und rezensiert, da erreichte mich ein schweres Buchpaket aus dem Prestel Verlag. „Expedition Arktis. Die größte Forschungsreise aller Zeiten“ von Esther Horvath schloss einen Kreis, der fortan Polarliebe und Polarstern miteinander verbinden sollte. Und so konnte ich die Forschungsreise dieses Hightech-Forschungs-Eisbrechers mit den letzten Worten einleiten, die aus der Polarliebe-Rezension in diese Buchvorstellung überleiten sollten:

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Esther Horvath erzählt uns die Geschichte der Expedition mit ihren Fotografien. Sie sind nicht in Szene gesetzt, nicht inszeniert, es sind keine Schnappschüsse oder nebenbei entstandene Impressionen. Esther Horvath war die Bilderzählerin an Bord der Polarstern. Wie die Eisbärenwächter hat sie mit ihrer Kamera über die Menschen gewacht, die auf dem Eis arbeiteten und an Bord lebten. Sie wartete immer auf genau den einen Moment, in dem aus der Aufnahme eine Geschichte wurde. Mit gefrorenen Fingern den Auslöser zu betätigen und dann zu wissen, was man festgehalten hat, ist ihre Passion. Man spürt den Fotos an, wie sehr ihr die Menschen vertraut haben. Sie legt Zeugnis für sie ab. Und das spürt man. Manche Bilder wirken, als seien sie heilig. Das Interview mit Esther Horvath, deren Eisbären-Foto Weltruhm erlangt hat, muss man gelesen haben, um das Wunder dieser Bilder gänzlich fassen zu können.

Nachhaltig war die ARD-Dokumentation „Expedition Arktis, in der diese Bilder zu bewegten Impressionen wurden, die mich dazu bewegten, in Sachen Polarstern weiter in Bewegung zu bleiben. Bietet der Bildband zwar den atmosphärischen Überblick über die gesamte Expedition, setzt Akzente in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und dem Leben auf der Eisscholle, so ist es doch kein chronologischer Expeditionsbericht. Zu komplex war das gesamte Vorhaben, um auch noch in aller Breite die Hintergründe der Organisation zu beleuchten, die man erkennen sollte, um das wahre Ausmaß einer wissenschaftlichen Leistung zu beurteilen, auf die sich die gesamte Aufmerksamkeit in der Welt konzentriert. Markus Rex, der Leiter der gesamten MOSAIC-Expedition hat diese Lücke mit seinem Logbuch Eingefroren am Nordpol geschlossen. Ich wollte mehr erfahren. Jetzt endlich konnte ich mich auf die Brücke der Polarstern begeben und hinter die Kulissen schauen… Oder sollte ich besser „hören“ sagen?

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Ich genoss es, Markus Rex in der Hörbuchfassung des Expeditionsberichtes auf die Brücke zu folgen und ganz entspannt zuzuhören, während sich das Eis immer enger um die Polarstern schloss. Der Schauspieler und Sprecher Steffen Groth leiht dem Expeditionsleiter Rex seine Stimme und entführt uns meisterlich inszeniert in eine Welt, die von Verantwortung geprägt ist. Hier ist es nicht mehr die Fotografin, die sich als Beobachterin dieser Expedition angeschlossen hatte. Hier ist es nun derjenige, der hier die Gesamtverantwortung für Mensch, Technik, Logistik, Ablauf und die Stimmung an Bord und auf der Eisscholle trug, die zur Heimat hunderter Wissenschaftler in den Turns der Expedition wurde. Das spürt man genau. Das hört man deutlich. Hier spricht weniger der Wissenschaftler Markus Rex. Hier lässt er uns an seinen tiefen Gedanken teilhaben, die ein Großvorhaben umreißen, das eigentlich unkalkulierbar war und doch kalkuliert werden musste. Alle Augen der Expedition waren auf ihn gerichtet, wenn mal wieder etwas organisiert werden musste. In diesem Bericht „menschelt“ es sehr.

Was in der Realität ein ganzes Jahr dauerte, lässt uns in dieser Hörbuchfassung für genau 10 Stunden die eisige Kälte der Nordpolar-Region am eigenen Ohr spüren. Hier ist es die beeindruckende Perspektive eines Mannes, der nichts auf die leichte Schulter nimmt und sich seiner Verantwortung jederzeit bewusst ist, die uns fesselt. Es sind viele Aspekte dieser Drift-Fahrt, die neu sind. Er erzählt von der Bedeutungslosigkeit der Zeit in einer Region, in der alle Längengrade zusammenlaufen und alle Zeitzonen nur einige Meter voneinander entfernt sind. Er berichtet vom Notfall-Management an Bord, von der Klinik, die auf alle Zwischenfälle vorbereitet war. Bei ihm wird die Eisbärgefahr greifbar, weil bei den 60 Begegnungen mit dem majestätischen Tier auch die Wachsamkeit der Wächter die Lebensversicherung für die Besatzungsmitglieder garantierte. Er berichtet von der Lose-Lose-Situation der Eisbärwächter, wenn sie Auge in Auge mit den weißen Riesen entscheiden mussten, wohin sie mit ihrer Leucht-Knall-Munition zielten. Und er macht aus dem Unternehmen eine wirkliche internationale Kraftanstrengung, wenn hier die Beteiligung aller russischen Eisbrecher intensiv betrachtet wird, die an der Mission beteiligt waren.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Markus Rex nimmt sich ausreichend Zeit für seine gezielten Appelle hinsichtlich einer nahenden Umweltkatastrophe, aus ihm spricht jahrelange Erfahrung, wenn er darüber berichtet, wie sich das Eis im Polarmeer verändert hat. Ihn versteht man, weil seine Ansichten kaum zu widerlegen sind. Ob seine Aufrufe dazu beitragen können, in unserer Gesellschaft mehrheitsfähige Entscheidungen herbeizuführen, bleibt fraglich. Ob seine Botschaften auch andere Gesellschaften erreichen, ist ebenso offen, weil sie oftmals nicht demokratisch strukturiert sind und einem weltweiten Konsens in Sachen Klimapolitik eher im Weg stehen. Aber Markus Rex ist ein Kämpfer. Mit den Daten von der Polarstern wird der MOSAIC-Expedition eine internationale Aufmerksamkeit zuteil, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und kaum wegzudiskutieren ist. Wir alle können uns an diesem Kampf für unsere Umwelt beteiligen. Er fängt ganz einfach an. Mit dem Zuhören. Hier zum Beispiel. Dieses Hörbuch stattet uns mit Argumenten aus, die wir so schnell nicht vergessen. Es fühlt sich an, als wären wir selbst ein paar Monate im ewigen Eis gewesen, nur um festzustellen, dass hier schon lange gar nichts mehr ewig ist.

Unvergessen bleiben Begriffe dieses Berichts in Erinnerung, die meine Fantasie in jeder Hinsicht beflügelt haben. Man sollte sich dieses Logbuch auf keinen Fall entgehen lassen, weil man um ein Abenteuer ärmer wäre, das unsere ganze Welt retten kann. Es geht um ein Schollen-Casting, Pfannkucheneis, Seerauch, Eisblink, eine quadratische Sonne, eine Festung im Eis, Nansenschlitten, einen Eisdrachen, Rammfahrten, einen Heimweg auf einem Klappfahrrad, eine Bordbar namens Zillertal, Weihnachten auf der Polarstern, Starwars-Charaktere sowie Halloween im Eis und die eine spezielle Scholle, die zur instabilen Heimat einer Expedition wurde…: „The special Snowflake„. Man ist auf der Polarstern gefangen und doch fühlt man sich, als wäre man am sichersten Ort der ganzen Erde… Besonders, als die ersten Nachrichten einer Pandemie die Runde machen. CORONA.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Hier wird „Eingefroren am Nordpol“ auch zur Geschichte einer Pandemie, die in der Lage ist, eine internationale Expedition zum Scheitern zu bringen. Der Austausch der wissenschaftlichen Teams, die Logistik, Heimflüge und frische Nahrungsmittel. Es hängt am seidenen Faden, obwohl die Menschen im Eis sich gerade am virenfreisten Ort der Welt befinden. Unfassbar beeindruckend erzählt, diese bedrohliche Phase der Expedition. Ich empfehle das Hören dieser Produktion von Der Hörverlag. Das Buch ist im Bertelsmann Verlag erschienen und bietet zahlreiche farbige Abbildungen. Wie auch immer man sich entscheidet, jeder Weg wird der richtige sein. Er endet nicht am Nordpol, er endet nicht mit der Heimkehr der Polarstern in Bremerhaven. Er setzt sich in unseren Köpfen fort und lässt uns bewusster in die Zukunft gehen.

Was bei Fritdjof Nansen begann, in der Polarliebe gipfelte und auf der Polarstern seine Fortsetzung findet, sollten wir nicht willkürlich beenden. 

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Expedition Arktis von Esther Horvath

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ von Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) war gerade gelesen und rezensiert, da erreichte mich ein schweres Buchpaket aus dem Prestel Verlag. „Expedition Arktis. Die größte Forschungsreise aller Zeiten“ von Esther Horvath schloss einen Kreis, der fortan Polarliebe und Polarstern miteinander verbinden sollte. Und so möchte ich die Forschungsreise dieses Hightech-Forschungs-Eisbrechers mit den letzten Worten einleiten, die aus der Polarliebe-Rezension in diese Buchvorstellung überleiten sollten:

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Expedition Arktis von Esther Horvath und Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Mehr als hundert Jahre nach Fridtjof Nansen, ist es nicht mehr die Polarliebe, die uns zum Nordpol treibt. Es ist nicht mehr Abenteuerlust oder der Wunsch, den Nordpol als erster Mensch zu betreten. Es sind nun die Sorgen um das Weltklima und die Angst vor den Folgen einer globalen Erwärmung, denen man in der Polarregion auf die Spur gehen will. Doch wie könnte es gelingen, dort über den Zeitraum eines ganzen Jahres, wissenschaftliche Daten zu erheben, um zu neuen Ergebnissen zu gelangen? Es war Fridtjof Nansen, der mit der Fram gezeigt hatte, wie der wissenschaftliche Husarenritt gelingen kann. Drift, lautet das Zauberwort. Sich mit dem Schiff auf einer Eisscholle im arktischen Strom festfrieren lassen und sich so ein Jahr lang mit dem Packeis treiben lassen. Was gewagt und gefährlich klingt, hat heute einen Namen. „Polarstern“. Der Forschungs-Eisbrecher ist das Herzstück der MOSAIC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate), einem Driftobservatorium zur Untersuchung des Arktisklimas, das sich nach langer Vorbereitungszeit im September 2019 auf den Weg ins ewige Eis begab.

Heute jedoch ist eine solche Forschungsexpedition nicht mehr im Alleingang zu bewältigen. 82 internationale Institute, Begleitschiffe, Flugzeuge und Hubschrauber, die feste Crew der Polarstern und hunderte von Wissenschaftlern, die sich abwechselnd in das Abenteuer stürzten, zeigen, welcher Aufwand hier betrieben wurde, um das Klima und seine Wechselwirkungen im Epizentrum des Klimawandels zu erforschen. Es war eine logistische Meisterleistung, ein Kunststück der Navigation, die Teamleistung einer eigentlich heterogenen Forschungsgemeinschaft und ein einzigartiges Erlebnis für die Teilnehmer der „größten Forschungsreise aller Zeiten„. Der großformatige Bildband „Expedition Arktis“ gibt uns die Möglichkeit, zum Teil der Besatzung zu werden. Hier haben wir die Chance, nicht nur zu lesen oder Ergebnisse zu analysieren. Wir dürfen an Bord der Polarstern gehen, weil die Expeditionsfotografin Esther Horvath es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre Augen zu unseren Augen zu machen. Durch sie, durch ihre Kamera und durch ihr Talent, mit ihren Fotografien Geschichten zu erzählen, hat diese Expedition jegliche Distanz verloren. Näher waren wir der Arktis nie zuvor.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

288 Seiten, Format: 24 cm (b) x 30 cm (h), 160 farbige Abbildungen (viele davon doppelseitig), Fakten basierte Informationen, Impressionen des Alltags auf dem Eis und an Bord, Kommentare der Crew und von Wissenschaftlern, ein Exkurs zum „Paten“ der Expedition, Fridtjof Nansen und das ausführliche Interview mit Esther Horvath, der Expeditionsfotografin. So könnte man das Buch „Expedition Arktis“ skizzieren. Aber das reicht nicht aus, um seine Wirkung zu beschreiben. Im hoch informativen Textteil zu klimatischen Veränderungen erhält man einen tiefen, und doch leicht verständlichen, Einblick in die dramatischen Veränderungen, auf die man während der einjährigen Reise gestoßen ist. Kipppunkte verlieren ihren rein abstrakten Charakter. Das ewige Eis, seine Qualität, sein Alter und seine Beschaffenheit erhalten besondere Bedeutung. Wir beginnen zu verstehen, dass es sich hier augenscheinlich nicht mehr um eine dauerhaft geschlossene Eisdecke handelt. Das muss man gesehen haben. Das muss man begreifen. Den Zugang zum Sehen und Begreifen findet man in diesem Bildband, der den Betrachter und Leser nicht mehr loslässt.

Hier erhält man einen lebendigen Einblick in die erheblichen Anstrengungen, die man aufbringen musste, um die Zukunft unserer Erde wissenschaftlich zu analysieren. Es sind die kleinen Geschichten an Bord der Polarstern, die uns verstehen lernen, was die Menschen der Expedition antreibt. Es sind Gefühle, die wir aufsaugen, damit wir in aller Klarheit begreifen, wie endlich die Schönheit der Arktis ist. Es ist eine Eisscholle, die zur unsicheren Heimat wird, es sind die Suchscheinwerfer der Polarstern, die dem Namen des Eisbrechers alle Ehre machen, es sind die Eisbärenwächter, ohne die man keinen Schritt wagen kann und es sind magische Momente auf dem Eis, die zeigen, in welcher Gefahr nicht nur wir sind. Eisbären auf der Suche nach Lebensraum und auf der Flucht vor der schmelzenden Lebensgrundlage. Eindringlich fotografiert von einer Fotografin, die viel mehr ist, als es die Berufsbezeichnung vermuten lässt.

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Expedition Arktis von Esther Horvath

Esther Horvath erzählt uns die Geschichte der Expedition mit ihren Fotografien. Sie sind nicht in Szene gesetzt, nicht inszeniert, es sind keine Schnappschüsse oder nebenbei entstandene Impressionen. Esther Horvath war die Bilderzählerin an Bord der Polarstern. Wie die Eisbärenwächter hat sie mit ihrer Kamera über die Menschen gewacht, die auf dem Eis arbeiteten und an Bord lebten. Sie wartete immer auf genau den einen Moment, in dem aus der Aufnahme eine Geschichte wurde. Mit gefrorenen Fingern den Auslöser zu betätigen und dann zu wissen, was man festgehalten hat, ist ihre Passion. Man spürt den Fotos an, wie sehr ihr die Menschen vertraut haben. Sie legt Zeugnis für sie ab. Und das spürt man. Manche Bilder wirken, als seien sie heilig. Das Interview mit Esther Horvath, deren Eisbären-Foto Weltruhm erlangt hat, muss man gelesen haben, um das Wunder dieser Bilder gänzlich fassen zu können.

Ein Gesamtkunstwerk, in dem die Fotografin vielleicht zugleich Abschied nimmt vom ewigen Eis. Man habe dem Eis beim Sterben zuschauen können. Eine Botschaft, die niemanden kalt lassen kann, weil das Eis seine schützende Funktion immer mehr einzubüßen droht. Gerade deshalb auch ein Bildband, den man mit Kindern betrachten sollte. Später kommt dann das Textverständnis dazu. Aber zuerst kann das Abenteuer faszinieren und Interesse dafür wecken, warum man sich für die Rettung der Umwelt engagiert. Ich liebe dieses Buch. Ich liebe die Reminiszenz an Nansen, der auch auf der Polarstern omnipräsent war. Man achte nur auf das Foto auf dem Tischchen in der Messe. Ich mag den Facettenreichtum der Expeditionsgeschichte. Der Gedanke, wie sich die Forscher fühlten, nach einem Jahr der Eisquarantäne wieder einen Kontinent zu betreten, der von Corona und tatsächlicher Quarantäne verändert war, hat mich im Herzen berührt. Diese Perspektivwechsel gelingen nur im Flutlicht einer ewigen Nacht auf ewigem Eis. Dieses Buch ist der Polarstern der wissenschaftlichen Bildbände.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Morgen unbedingt anschauen:

Der Tag für die Veröffentlichung dieser Rezension ist bewusst gewählt. Am 16.11. wird die High-End-Dokumentation „Expedition Arktis“ in der ARD ausgestrahlt. Schaut euch die Doku unbedingt an, sie wird anschließend in der Mediathek zu sehen sein, und dann könnt ihr euch die größte Forschungsreise aller Zeiten als Bildband ins Bücherregal eures Lebens holen. Polarliebe und Polarstern. Literatur zum Fest.

Hier geht´s zum Logbuch des Expeditionsleiters: Markus Rex – Eingefroren am Nordpol“ – Eine andere Sicht auf die Expedition.

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Eingefroren am Nordpol von Markus Rex