„Die bittere Gabe“ von Ellen Marie Wiseman

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Ich liebe intelligent konstruierte, unvorhersehbare und gut recherchierte Romane, die mit Charakteren ausgestattet sind, denen man gerne überallhin folgen würde. Dabei sind für mich das gewählte Szenario für die Story, ihre Verschmelzung mit dem Kontext historisch authentisch gespiegelter Hintergründe und natürlich die tragfähige Spannung von besonderer Bedeutung. „Die bittere Gabe“ von Ellen Marie Wiseman, erschienen im Piper Verlag, vereint diese Wunschbuch-Parameter zu einer tragfähigen Geschichte, der ich aufmerksam, bewegt und überrascht gefolgt bin. Das Buchcover allein ist schon geeignet, uns einen Weg zu weisen und vereint die Elemente scheues Mädchen, Zirkus und Elefant zu einem Impressions-Mix, der neugierig macht.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Ich möchte euch einladen, mir in die Welten der neunjährigen Lilly Blackwood zu folgen, nicht ohne euch bereits jetzt darauf hinzuweisen, dass euch dieses Mädchen in besonderer Weise ans Herz wachsen wird. Denn im Gegensatz zu ihren Eltern sind wir Leser wohl die Einzigen, die Beschützerinstinkt für Lilly empfinden. Sie ist anders. Lilly wächst im Amerika der 1930er Jahre in einem reichen Elternhaus auf. Was nicht heißt, dass sie etwas von dem Gestüt der Eltern oder von der Weite des Landes hat. Lilly wird vor der Welt versteckt. Sie hat ihre Dachkammer noch nie verlassen, die Welt noch nie wirklich erlebt oder gefühlt. Lilly ist ein Albino-Mädchen. Schneeweiße Haut und Haare machen sie zur Außenseiterin und für ihre Eltern ist sie schlicht eine Monstrosität. Haft. Anders kann man die Lebensumstände des Mädchens nicht bezeichnen.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Als sie ihr Gefängnis zum ersten Mal verlassen darf schöpft sie Hoffnung, dass sich ihr Leben endlich zum Guten wendet. Als sie jedoch realisiert, dass sie von der eigenen Mutter an einen Zirkus verkauft wird, der mit menschlichen Kuriositäten durch Amerika zieht, bricht ihre Welt zusammen. Freak-Shows sind Publikumsmagneten, und die zur Schau gestellten „Monstrositäten“ werden wie Zirkustiere gehalten. Lilly muss sich mit ihrer neuen Rolle arrangieren und nur ihre besondere Gabe erhellt dieses Schicksal. Es sind die Elefanten im Zirkus, auf die sie einen magischen Einfluss hat. Als Eisprinzessin beginnt ihr Tanz in der Manege. Ein Tanz, dem die Elefanten folgen, bis ein Unfall auch diese Welt zum Einsturz bringt.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Ellen Marie Wiseman entwirft in ihrem „Lilly-Erzählstrang“ ein authentisches und zutiefst menschliches Kaleidoskop, das den Ausgegrenzten und Weggesperrten ein Gesicht gibt. Menschliche Kuriositäten und die Lebensumstände dieser „Freaks“ in der beschriebenen Epoche ergeben einen erzählenswerten Rahmen für eine Story, die mit schillernden Charakteren und einer bewegenden Mischung aus Herzlosigkeit, fehlender Empathie und Ausbeutung die Zirkuswelt von damals wieder auferstehen lässt. Hier ist Lilly mit all ihren Defiziten, wie Atemnot bei Aufregung, den Beklemmungsgefühlen und eben ihrer außerirdischen Erscheinung das gefundene Opfer für geldgierige Investoren. Was wir aus ihrer Perspektive erlesen ist hart. Verstoßen, weggesperrt und verkauft. In den Tieren allein sieht sie ihren Lebenszweck. Ein Mädchen, das wir so gerne schützen würden…

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

Als hätte diese Geschichte nicht schon Zugkraft genug, stellt ihr die Autorin eine zweite Erzählebene an die Seite, die von Kapitel zu Kapitel sprachloser macht. 1956, also 25 Jahre nachdem Lilly an den Zirkus verkauft wurde, lernen wir die mittellose 18-jährige Julia Blackwood kennen. Es ist nicht nur der Nachname, den sie mit Lilly teilt. Es ist auch das Elternhaus, das sie fluchtartig verließ, weil sie es nicht mehr aushalten konnte. Äußerlich jedoch trennt sie alles, was Lilly damals zur Exotin machte. Wir sind lesend an Julias Seite, als sie vom Tod ihrer Mutter erfährt, mit ihrem Erbe konfrontiert wird und nur unter der Bedingung, das Herrenhaus der Familie selbst zu bewohnen auf einen Schlag reich ist. Wir sind auch an ihrer Seite, als sie entdeckt, dass sie nicht das einzige Mädchen war, das in Blackwood-Manor aufwuchs. Wir sind auch an ihrer Seite, als sie den Mantel des Schweigens lüftet, der Lillys Geheimnis so lange vor den Augen der Welt verbarg. Und wir sind an ihrer Seite, als sie der Wahrheit auf die Spur kommt.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman

„Die bittere Gabe“ ist nicht mein erster Ausflug in die Welt der Freak-Shows. „Die hässlichste Frau der Welt“ von Margret Schriber ist für mich DAS Referenzbuch, an dem sich Romane zu messen haben, die den Kuriositäten von einst ein Gesicht geben. Julia Pastrana ist der Referenzcharakter, der zum Synonym für Zurschaustellung und Entmenschlichung wurde. Lilly Blackwood hat diese emotionale Ebene erreicht. Ihrer fiktionalen Geschichte schenkt man Beachtung, weil sie bis zur letzten Seite griffig und authentisch bleibt. Die Überraschungseffekte des Romans stechen heraus und bleiben im Gedächtnis. Intelligent. Mehr möchte ich nicht sagen. Das überlasse ich dem Lesen mit euren Augen und Sinnen. Wer mir jedoch erzählt, das Ende sei vorhersehbar, dem sei versichert… Ich habe es nicht kommen sehen.

Was bleibt, ist ein Zitat, das mich lange an dieses Buch erinnern wird…

„Es war als hätte Gott vergessen, ihr Farbe zu verleihen.“

Ellen Marie Wiseman hat das nachgeholt… Eindrucksvoll.

Die bittere Gabe von Ellen Marie Wiseman – Zirkus, Zirkus bei AstroLibrium

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„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Ich möchte gerne sofort zur Sache kommen. Ich mag nicht in epischer Breite darauf hinweisen wie intensiv ich mich lesend, denkend, fühlend und handelnd mit Rassismus in der Literatur und im wahren Leben auseinandersetze. Wer meinen Spuren folgt, wird die tiefen Eindrücke erkennen, die ich in Büchern zu diesem Thema hinterlassen habe. Als mir nun der Roman „Mudbound. Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan angeboten wurde, hat mich schon der Originaltitel der US-Ausgabe neugierig gemacht. Den tränenreichen und für mich überflüssigen Zusatz habe ich gleich vernachlässigt, da er dem Buch auch in der Rückschau nach dem Lesen nicht gerecht wird. Sprechen wir lieber von „Mudbound“.

Zeitgleich zur Ausstrahlung der Verfilmung des Romans bei Netflix begann mein Lesen. Ob ich mir die cineastische Adaption anschauen würde, war zu diesem frühen Zeitpunkt meiner Auseinandersetzung mit diesem Roman noch völlig offen. Primär war ich auf den Plot gespannt, da die Inhaltsangabe vermuten ließ, mehr als nur eine Story voller Klischees vorzufinden. Darüber hinaus schloss „Mudbound“ eine Lücke, die seit Mein Name ist nicht Freitag, Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter bis zu Ta-Nehesi Coates offenem Brief an seinen Sohn „Zwischen mir und der Welt“ klafft. Ein Zeitfenster zwischen der Abschaffung der Sklaverei und den ersten Bürgerrechtsbewegungen unter Martin Luther King. Wir befinden uns im Jahr 1946 und schauen uns den amerikanischen Süden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an.

„Mudbound“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Es ist die Geschichte zweier Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist die Geschichte der offenen Rassentrennung und der nie verheilten Wunden, die durch die Abschaffung der Sklaverei geschlagen wurden. Es ist die Zeit klarer Hierarchien im Mississippi-Delta. Vereint sind beide Familien in der Verwurzelung mit dem Land. Was sie trennt sind die Besitzverhältnisse. Henry und Laura McAllen besitzen das Land auf dem Baumwolle angepflanzt wird. Sie haben das Sagen und beschäftigen Pächter, die ohne eigenen Grund und Boden für die McAllens arbeiten. Hap und Florence Jackson träumen ihren eigenen kleinen Traum, zukünftig unabhängig zu sein und selbst einmal ein Stückchen Land besitzen zu können. Für Afroamerikaner ein unmöglicher Traum…

Hillary Jordan verbindet die Geschichten der beiden Familien zu einem Sittenbild des amerikanischen Südens. Sie beschreibt Hoffnungen, Sehnsüchte und Grenzen. Sie lässt uns die Zerrissenheit hinter den Fassaden erlesen und zeigt alles, was hinter den Kulissen verborgen sein sollte. Laura McAllen hat sich dieses Leben ganz anders vorgestellt. Sie sollte in der Stadt wohnen. Behütet mit ihren Töchtern. Henry sollte nur zur Feldarbeit auf der Farm sein. Als alle von ihm vorgegebenen Pläne scheitern bleibt der Familie nur die heruntergekommene Farm zum Leben. Es bleibt der Matsch. Es ist einsam, abgelegen und unwürdig, so zu leben. Und es bleibt ihr, sich damit abzufinden, dass Henrys rassistischer Vater bei ihnen lebt und ihnen dieses Leben zur Hölle macht.

„Wenn ich an die Farm denke, denke ich an Schlamm… Man kam nicht gegen ihn an. Der Schlamm bedeckte alles. Ich träumte in Braun.“

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Für Florence Jackson hingegen ist das Land die Erfüllung ihres Traumes. Zukunft und Sicherheit sind eng mit der Existenz als Pächter verbunden. Und vielleicht kann die kleine Familie sich mehr aufbauen. Ein Unfall von Hap verschärft die Abhängigkeit  bis ins Unerträgliche hinein. Zwei Familien, ein Land, zwei starke Frauen, in deren Inneren gleich mehrere Kriege toben, prägen dem atemberaubend geschriebenen Roman ihren Stempel auf. Laura beginnt an ihrer Zuneigung zu Henry zu zweifeln, entwickelt immer mehr Abneigung gegen den Schwiegervater und träumt im Geheimen von einer Liebe, die alle Grenzen sprengen würde. Jamie, der Bruder ihres Mannes, ist Verheißung und Sehnsuchtsanker zugleich, weil er sie als Frau, nicht als Besitz, behandelt. Doch Jamie war als Kampfpilot im Krieg und von ihm fehlt jede Spur.

Florence hebt sich vom Frauen- und Rollenbild afroamerikanischer Klischees ab. Sie entspricht nicht der Vorstellung von der duldsamen Mommy, die sich mit allem nur abzufinden hat. Ihre Würde, ihr Stolz und ihre innere Auflehnung gegen den Rassismus machen aus ihr eine unglaublich starke Persönlichkeit. Einzig ihren Sohn Ronsel sehnt sie herbei. Von ihm verspricht sie sich die Rettung aus der Abhängigkeit. Er verkörpert alles, was ihrem Mann fehlt. Er ist das stolze Ebenbild seiner Mutter und er ist mehr als sie jemals erhofft hätte. Ronsel war im Zweiten Weltkrieg Kommandant eines Panzers, Sergeant und ausgezeichneter Held. Gegen alle Widerstände hat er in Europa gezeigt, was es heißt, für sein Land zu kämpfen.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Mudbound, das Matschloch, ist der Dreh- und Angelpunkt eines Romans, in dem alles zu versinken droht. Die Spirale droht, alles mitzureißen, bis Jamie und Ronsel nach Hause kommen. Sie vereint, was alle Konventionen überwindet. Der gemeinsam geführte Krieg auf den Schlachtfeldern Europas. Sie freunden sich an. Sie haben nicht mehr nötig, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ronsel erlebt am eigenen Leib, was es bedeutet, als dunkelhäutiger Sergeant in die rassistische Heimat zurückzukommen. Es sind nur die Rückbänke im Bus, die ihm vorbehalten sind. Die Hintereingänge im Haus der weißen Geschäftsleute und das brave Akzeptieren der Diskriminierung. Mehr wird nicht von ihm erwartet. Mehr darf er sich nicht leisten. Und die Freundschaft zu einem Weißen ist eine Schande. Für beide zugleich.

Mit Jamie und Ronsel sprengt Hillary Jordan die Ketten dieses Romans. Hier wird die Geschichte völlig neu geschrieben und hier nimmt sie Fahrt auf. Eine Freundschaft, die es nicht geben darf, hat sich zu beweisen. Zwei Familien im Mahlstrom der Gefühle und Ereignisse drohen im Matsch des Mississippi-Deltas zu versinken. Hier ist es mehr als hart, der Geschichte zu folgen. Hier schreibt Hillary Jordan den Rassismus an die Wand, wie sie den Teufel nicht nur an die Wand malt. Hier werden Hass und Hautfarbe zur Zerreißprobe des Lesens. Florence und Laura werden zu den Augen eines Orkans, der Ronsel und Jamie zu zerstören droht. Nichts für zarte Gemüter. Nichts für jene, die sich nach Romantik sehnen. Nichts für Mainstream-Liebhaber. Was im Matsch beginnt, endet im Matsch und doch erhebt sich die Hoffnung in aller Sprachlosigkeit. Gepeinigt und stumm. Mehr sei hier nicht verraten. Literatur pur.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Kann man diesen Klischee-Killer verfilmen? Kann man die Tiefe der Story und die Charakterzeichnung auf die Leinwand bringen? Ich musste das wissen und schaute mir „Mudbound“ auf Netflix an. Ich musste das sehen. Ich musste nach dem Lesen mit allen Sinnen erspüren, was der Film aus diesem Buch gemacht hat. Die Kritiken waren jedenfalls hervorragend. Die Auszeichnungen und Nominierungen für die Schauspieler schienen eine deutliche Sprache zu sprechen. Mehr als empfehlenswert, grandios und Meisterwerk, war überall zu lesen. Doch kann man diese Komplexität verfilmen? Was musste verdichtet werden und wo stößt das Medium Film an seine Grenzen? Oder war es andererseits vielleicht so, dass die Verfilmung mehr ist als eine übliche Adaption mit vielen inhaltlichen Mängeln?

Sehenswert. Das unterschreibe ich. Angemessen und beachtlich. Der Film wird in jeder Hinsicht dem Buch gerecht. Seine Schwächen liegen in den Aspekten, die kaum verfilmbar sind. Lauras innere Zerrissenheit, die Ängste, Zweifel und Gefühle wirken im Roman direkter auf den Leser ein, weil sie selbst zur Sprache kommt. Die Innenansicht ist dynamisch und intensiv. Im Film betrachten wir sie von außen. Die Enge, in der sie sich mit ihrem Schwiegervater zu arrangieren hat ist im Film spürbar. Im Roman ist sie sprachlich mit so starken Worten beschrieben, dass sie real zu schmerzen beginnt. Im Film finden sich viele originale Dialoge aus dem Buch. Untermalt durch brillante Musik erlangen die Worte auch hier eine besondere Wirkung. Und doch war mir Laura näher, als ich ihr lesend begegnete.

„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Die Stärken des Films liegen in seinen technischen Möglichkeiten. Hier brilliert er auf allen Ebenen. Was im Buch durch Kapitel getrennt, zeitlich aber auf einer Ebene zu verstehen ist, wird in der Filmfassung durch grandiose Schnitttechnik zu parallelen und zeitglich laufenden Ereignissen, die hierdurch in ihrer Wirkung extrem verstärkt werden. Stürze vollziehen sich nicht durch Kapitel voneinander getrennt, sondern simultan. Ein Sturz von einem Dach geht einher mit dem steten Sinkflug eines Kampfflugzeugs und dem Sprung aus einem Panzer. Dieses Abwärtstrudeln fängt der Film in einer Sequenz ein, die unvergessen bleibt. In jeder einzelnen Rolle brillant besetzt, überzeugt der Film rein schauspielerisch in herausragender Art und Weise. Eine perfekte Besetzung.

Rundum eine gelungene Adaption und damit für mich eine der sehenswertesten Literaturverfilmungen meines Lebens. Und doch empfehle ich beides, weil Film und Buch sich in vielerlei Beziehung komplementär ergänzen. Ich verstehe den Film besser, weil ich gelesen habe. Ich verliebe mich erneut ins Buch, wenn den Film sehe. Sie sind als Symbiose zu verstehen und sollten nicht voneinander getrennt werden. Ein solches Gefühl habe ich selten am Ende von Buch und Film. Besonders dann, wenn sie sich in ihrem Ende, mit der letzten Klappe und im letzten Kapitel in einer wesentlichen Nuance unterscheiden.

Nein. Ich bin kein Freund von alternativen Endpunkten. Der Roman endet in vielen Perspektiven so komplex, wie er aufgebaut war. Facettenreich und voller Hintergründe. Mir war klar, dass dies im Film nur angerissen werden kann. Und doch endet das Buch mit einem Hoffnungsschimmer, den ich mir hoffnungsvoller gewünscht hätte. Ich liebe dieses Ende, weil es eben zum Roman passt, aber ich hatte so sehr auf etwas anderes gehofft. Im Film wurde mir dieses Ende mit einer letzten Szene geschenkt. Schaut den Film, lest das Buch und gönnt euch den literarisch cineastischen Luxus, vor dem Ende des Films das letzte Kapitel des Buchs ganz bewusst und laut zu lesen. Dann schaut euch das Ende des Films an. Ich weiß, welches Ende die Tränen fließen lässt. Ich weiß es so genau.

Vier besondere Oscar-Nominierungen 2018 würdigen diesen Film:

Mary J. Bilge ist in der bisher einmaligen Kombination für zwei Oscars nominiert. Als beste weibliche Nebendarstellerin und für den besten FilmsongMighty River„. Ein emotionales Statement gegen Rassismus…

Eine Nominierung gilt dem besten adaptierten Drehbuch nach der Romanvorlage von Hillary Jordan, womit die literarische Strahlkraft des Werks hervorgehoben wird.

Und nicht zuletzt ist mit Rachel Morrison erstmals eine Frau in der Kategorie beste Kamera nominiert.

Mudbound – Der Film und seine Oscar-Nominierungen

Das vermittelte Spannungsfeld eines dunkelhäutigen Soldaten im Einsatz für sein Land trotz aller Diskriminierung hat mich persönlich in meiner Haltung bestärkt. Die Grenzen kann man nur überschreiten, wenn man nicht alleine ist. Ich schrieb darüber und weiß immer noch sehr gut, warum ich kein Rassist bin. Auch das hat mit Hautfarbe zu tun.

„Mudbound“ von Hillary Jordan – Buch und Film

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Nun kann man schon die Tage zählen, bis Weihnachten vor der Tür steht und wir befinden uns gefühlt im Endspurt auf der Zielgeraden eines turbulenten Jahres. Hektik und Stress fressen uns auf, und manch einer von uns sinkt schon in ein paar Tagen vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum zusammen und seufzt erschöpft auf. Wir rennen, hetzen und suchen. Jagen letzten Terminen hinterher und erledigen noch ganz schnell die Weihnachtspost für unsere Lieben. „Frohes Fest und pass` auf dich auf!“ Es bleibt kaum Zeit für mehr, geschweige denn für Handschriftliches. Es wird gemailt, was das Zeug hält und zu guter Letzt kann vielleicht noch eine Sammel-WhattsApp ein paar Grüße übermitteln, die wir schlicht vergessen haben. (hörbar als Radio-PodCast)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Meine Radio-Rezension

Einen ganzen, ellenlangen Brief mit der Hand zu schreiben ist wohl aus der Mode gekommen. Dabei hat genau dieses handschriftliche Schreiben eine ebenso schöne, wie romantische Tradition. Schreiben Sie mir, oder ich sterbelegt Zeugnis davon ab. Ein Buch und seine Hörbuchadaption als Liebeserklärung an das Briefeschreiben. Ich habe diesem Gesamtkunstwerk einen warmen Platz in meiner kleinen literarischen Sternwarte eingeräumt und nun kommt eine weitere Briefedition hinzu, die mich in den letzten Tagen gefesselt und berührt hat. „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz, herausgegeben und kommentiert von Petra Müller und Rainer Wieland, öffnet diesmal Weihnachtsbriefe berühmter Männer und Frauen für unsere Augen. Als Buch im Piper Verlag erschienen, schließt sich nun die Hörbuchedition von Random House Audio an und lässt uns bewegende und berührende Zeilen hautnah erhören.

In meinem Weihnachtsstrumpf finden sich Dein Herz, Dein Körper, Deine Seele. (Jean Cocteau an Jean Marais)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Ich habe gelesen und gehört. Bin tief versunken in Briefen, die nicht für meine Augen oder Ohren bestimmt waren und doch Zeugnis ablegen von Beziehungen, Lieben und Leidenschaften, von denen die Welt oft gar nichts erfahren durfte. Briefe voller Zartheit und Hoffnung. Briefe voller Zuneigung und Zuversicht. Jedoch auch Zeilen, von denen wir heute wissen, dass sie niemals in Erfüllung gingen. Ich reiche euch den Brieföffner für diese besondere Edition und zähle auf eure Verschwiegenheit. Wir treffen auf ganz besondere Menschen, die tiefe Spuren in unserem Lesen hinterlassen haben und zum Weihnachtsfest sollten wir an sie denken, weil sie ähnliche Wünsche hatten wie wir. Es ist ein Privileg des Lesens und Hörens, diese Zeitreise unter die Tannenbäume längst vergangener Epochen antreten zu dürfen. Folgt mir…

„Es ist schön, bedeutende Männer zu haben, und ich bin so froh, dass du einer bist!“

Was für ein Kompliment aus der Feder einer einzigartigen Frau. Liebe, Sehnsucht nach einem zweiten Kind und unendliche Zuversicht überstrahlen den Weihnachtsbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald. Wundervolle Worte, die sie ihm schrieb, als die wohl größte Liebesgeschichte der 1920er Jahre vor ihren Trümmern stand. Hier beginnt  Weihnachten 1931 die Zeit der Trennung und das dunkle Kapitel im Leben der Lebenskünstler wird aufgeschlagen. Nichts mehr von Himbeeren mit Sahne im Ritzund kaum noch eine Spur von „Für dich würde ich sterben“. Umso bewegender, den Weihnachtsbrief an eine große vergangene und unerfüllbare Hoffnung zu lesen und zu hören.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

Einen Hundebesuch zu Weihnachten beschreibt eine Schriftstellerin, die weltweit durch ihre Briefwechsel bekannt wurde. Helene Hanff. Die Radiobriefe aus New York an ihre Heimat England genossen Kultstatus. Zu Weihnachten nimmt sie die einfachen Verhältnisse ihres Lebens im Big Apple auf die Schippe, macht sich über den Versuch einer Baumschmückparty in ihrem Einzimmer-Apartment lustig und läutet damit schon fast das Zeitalter der Schlafcouch ein, die als Garderobe für die Besuchermäntel dient. Herrlich skurril. Herrlich auch, das Essen für die Gäste im gesamten Haus zu verteilen, weil nicht genug Platz in der eigenen Wohnung ist. Herrlich turbulent, was sie uns hier anvertraut. Die Autorin von „84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen“ war 1978 in wahrer weihnachtlicher Schreiblaune…

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Weihnachtsbriefe aus dem Gefängnis gab es auch. Nicht so lustig, nicht skurril und gar nicht weihnachtlich. Eher sehnend, hoffend und verzagend. Wer Rosa Luxemburg nur als ermordete Kämpferin für die Arbeiterklasse kennt, der sollte ihren Brief aus dem Jahr 1917 an Sophie Liebknecht lesen und hören. Wenn Schmerz hinter Gittern jemals spürbar wurde, dann hier. Rosa erzählt von einer Begegnung mit einem Büffel, der als Lastentier vor den Wagen gespannt wurde. Bestialisch gequält, missbraucht und doch nur still leidend. Ihr Blick auf das Tier wird zum Blick in ihre Seele. Sie schreibt den Riss in der Büffelhaut in unser Herz. Kein schönes Weihnachten. Zwei Heiligabende sollten ihr noch bleiben…

„Mutter, fall nicht in Ohnmacht… Ich komme für die Feiertage nach Hause, mit einem Mann und einem Motorrad.“

Dorothy L. Sayers schrieb einen Weihnachtsbrief, den meine Tochter nicht lesen sollte. Die Krimi-Autorin bereitet ihrer Familie 1922 eine besondere Überraschung und gerät beziehungstechnisch auf die schiefe Bahn. Sie begegnet einem mittellosen Mann, der nur ein Motorrad besitzt, schleppt ihn unter den Familien-Weihnachtsbaum und hat keine andere Erklärung als die Liebe auf den ersten Blick. Unter der Kategorie „Leben ist, was uns zustößt“ beinhaltet dieser Brief alles, wovor man seine Tochter schützen möchte. Nein. Ein Motorradfahrer kommt nicht ins Haus. Das steht fest. Das aus dieser Beziehung stammende Kind hat die Autorin übrigens bis ins hohe Alter verleugnet.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Zahllose weitere Briefe ließen sich rezensieren. Von Tucholsky, bei dem zum Fest aus Waren Gaben werden, bis hin zu Jean Paul Sartre, der seinem Spitznamen Castor (fleißiger Biber) auch an Heiligabend alle Ehre macht reicht das Spektrum der Edition. Die Briefe zu lesen ist ein entschleunigendes Fest für die Augen. Sie anhören zu dürfen verleiht der Vergangenheit Flügel, die bis unter unseren Tannenbaum reichen. Claudia Michelsen und Devid Striesow entführen uns in die weihnachtlich geschmückten und herausgeputzten Stuben berühmter Frauen und Männer. Unter die Weihnachtsbäume längst vergangener Zeit legen sie ihre Stimmen als zeitlose Geschenke für ein frohes Weihnachtsfest von heute.

Frauen- und Männerbriefe legen Zeugnis ab von Leben, die lange gelebt, Lieben, die lange geliebt und Leidenschaften, die bis in die heutige Zeit überliefert sind. Liebe und Zuversicht strahlen aus einer Vergangenheit zu uns, die uns weit entrückt vorkommt. In einer Welt, die nur von Frieden träumt stellen wir fest, dass wir den Schreibern aus der längst vergangenen Welt vielleicht näher sind, als wir denken. Haben wir andere oder ganz neue Wünsche? Ich denke nein. Bleibt noch die Frage, wer in 100 Jahren unsere Briefe liest und wie man sie in unsere Zeit einordnet. Dies übernimmt im Hörbuch mit brillanter Stimme Christian Baumann. Die Zwischentexte, die mehr als nur einordnen und moderieren, sind das Salz in der Buchstabensuppe dieser Hörbuchbriefe.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

16 Briefe sind im Hörbuch zu hören. 41 Briefe befinden sich im Taschenbuch. Es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen, die alle Sinne für das Besondere öffnen können.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe – Liebesbriefe, die ins Ohr gehen

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Aber was nützt das alles, sich mit zärtlichen Erinnerungen zu betrügen, ich liebe dich Süßes und du fehlst mir schrecklich, ich mühe mich, nicht daran zu denken, an die Dunkelheit, an diesen Augenblick, wenn ich zu dir kam und das Licht war aus, und aus dem Dunkel flogst du in meinen Arm und das Zimmer zerfiel und die Nacht zerfiel und die Welt zerfiel und deine Lippen waren das Weichste in der Welt und deine Kniee kamen und deine Schultern und deine zärtliche Stimme.

Komm wieder komm wieder – Behende ach, endlos Geliebte.

Ein Spezial zum Valentinstag – Hören Sie gut…

Ein wenig plagt mich mein Gewissen ja schon, wenn ich diese Zeilen höre, die nicht für meine Augen bestimmt sind. Zu intim, zu nah und zu geheim sollten die Worte sein, die hier der Geliebten von der Sehnsucht des Liebenden berichten. Recht peinlich wäre es beiden wohl gewesen, wenn sie geahnt hätten, dass diese zarten Zeilen jemals das Licht der Welt erblicken würden. Und doch ist es so geschehen. Ein Liebesbrief aus der Feder eines zutiefst romantischen Mannes legt Zeugnis ab von der aufrichtigsten Form der Einsamkeit. „Komm wieder komm wieder.“ (Hier weiterhören)

Sie haben richtig gelesen, wenn ich vom Hören schrieb! Denn erstmals verlasse ich mich auf meine Ohren, wenn ich mich dem sensiblen Thema Schreiben Sie mir, oder ich sterbewidme und mir „Liebesbriefe berühmter Männer und Frauen“ in meinen Ohren zergehen lasse. Ich wollte nicht lesen, wollte lauschen, ganz nah sein. Ich habe davon geträumt, von einer zarten Frauenstimme in eine Liebesgeschichte verwickelt zu werden und dem brüchigen männlichen Timbre zu lauschen, wenn hartgesottene Jungs von Liebe schreiben. Ich habe mich ganz bewusst für ein Hörbuch entschieden und bei den Worten „Komm wieder komm wieder – Behende ach, endlos Geliebte gefühlt, wie richtig diese Entscheidung war.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

So höre ich nun also. Mit Gänsehaut, denn das einst Geschriebene erwacht zu neuem Leben, wird vital, und katapultiert mich am 29. November 1937 nach Porto Ronco. Wem ich allerdings dort begegnen sollte, das hätte ich mir kaum vorstellen können. Und noch weniger vorstellbar war für mich die Adressatin dieser gefühlvollen Zeilen. Erich Maria Remarque, der Schriftsteller, der mit einem Kriegsroman zu Weltruhm gelangt war, sitzt an seinem Schreibtisch und träumt von der Anwesenheit seiner Angebeteten. Sieht sie in seine Arme fliegen, fühlt die Liebe. SIE: das war Marlene Dietrich, der Blaue Engel, die Göttin des internationalen Films.

„Das Zimmer zerfiel und die Nacht zerfiel und die Welt zerfiel und deine Lippen …“

Hörend stelle ich mir die Wirkung der Zeilen auf die Dietrich vor. Den Vamp, jene männermordende Legende, der die gesamte Männerwelt ihrer Zeit zu Füßen lag. Erich Maria Remarque lässt keinen Zweifel an einer Beziehung, die Zeilen sprechen für sich. Und doch wird erst nach dem Liebesbrief klar, was beide miteinander verband und wie es endete. Denn die Liebesbriefe der Kollektion werden von Christian Baumann, der in emotionaler und bewegender Art und Weise die ebensolchen Herausgebertexte liest, in den zeitlichen Kontext und das Leben der Verliebten eingeordnet.

Der Zartheit der Zeilen folgt eine Skizze ihrer Liebe. Es folgen die Kosenamen und auch die Grenzen, an die man gegenseitig stieß. Die Kreise schließen sich. Gefühl und Tragik gehen Hand in Hand, Antworten von Marlene Dietrich existieren nicht mehr. Die Ehefrau von Remarque, Paulette Goddard (auch eine Schauspielerin) hat sie wohl aus Eifersucht vernichtet. Was bleibt rührt zu Tränen. Nichts Handschriftliches von Marlene. Nur ein Telegramm, das Remarque am 6. September 1970 sechs Tage vor seinem Tod auf dem Sterbebett erreicht. Sechs Worte für die Ewigkeit:

„Ich schicke Dir mein ganzes Herz“

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Ich beschreibe diese Geschichte so ausführlich, um ein Gefühl davon zu vermitteln, auf was man sich einlässt, wenn man die Edition der „Liebesbriefe berühmter Männer und Frauen“ hört. Die Liebesbriefe werden getragen von den großen Stimmen unserer Hörbuchszene. Die Begleittexte schmiegen sich an die verträumten Zeilen an und sind unverzichtbar für das Verständnis des Geschriebenen. Hier treten Dietmar Wunder als Erich Maria Remarque und Christian Baumann in einen zeitlosen Dialog, der sich in den folgenden Briefen mit anderen Stimmen fortzusetzen scheint.

Und dies sind genau vierundzwanzig Dokumente der Leidenschaft, die vom Glück der Liebe, der mit ihr einhergehenden Verzweiflung, von Hoffnungslosigkeit und fatalen Irrwegen künden. Jede Facette ist vertreten, jedes Gefühl wird greifbar und die meisten Briefe finden im Adressaten ihre Entsprechung. Oftmals sind die Antworten verschollen, verbrannt oder in alle Winde verstreut. Nur ein Brief wurde niemals beantwortet. Marie Curie schrieb ihrem Mann Pierre im April des Jahres 1906. Nobelpreisträger waren sie beide. Ihr Leben war von ihrem Labor und gemeinsamen Forschungen bestimmt.

Und doch war Platz für Gefühle. Voller Zärtlichkeit und Verzweiflung verfasst sie jene Zeilen, die ihren größten Verlust festhalten. „Auf dem Friedhof gestern wollte es mir nicht gelingen, die in den Stein gemeißelten Worte <Pierre Curie> zu begreifen.“ Nach seinem plötzlichen Unfalltod steht sie allein vor den Trümmern eines viel zu früh beendeten gemeinsamen Lebens. Das Schreiben gibt ihr Halt und dieser erste Brief an den Verstorbenen ist der Beginn ihrer Korrespondenz, in der sie fortführt, was im Leben nicht mehr möglich war. Martina Gedeck liest diese Zeilen voller zeitloser Sehnsucht.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Keiner der Liebesbriefe ist ohne emotionale Relevanz. Keiner passt in die üblichen Schablonen oder Klischees. Nichts ist belanglos und jede einzelne Geschichte regt an, ihr weiter auf die Spur zu gehen. So sucht man noch während des Hörens in den Tiefen des Internets nach einem Gemälde einer gewissen Manon Balletti. Ihre zaghaften und hoffnungsvollen Zeilen an Giacomo Casanova zeugen von der inneren Zerrissenheit, die von der jungen Frau Besitz ergreift, als sie sich in Casanova verliebt und alles in die Waagschale wirft, um ihn zu erobern.

„Im Traum schon sage ich Ihnen, dass ich sie liebe!“ Keine Zeilen für die Ewigkeit, wie wir heute wissen und doch der lebendige Beweis für die Zeitlosigkeit dieser Briefe. Denn, wenn auch die Liebe nicht überdauert, diese Briefe bauen Brücken über die Zeit und haben im ein oder anderen Fall den angehimmelten Adressaten erst Jahrzehnte zu spät so richtig erreicht. Liebesbriefe überleben manchmal das wahre Leben. Friederike Kempter leiht Manon Balletti ihre unvergleichliche Stimme. Wer sich nicht in den Brief verliebt, der verliebt sich in diese Stimme. Unsterblich sogar.

So geht es weiter. Drei CDs mit über drei Stunden Gefühl in seiner Reinkultur. Die berühmten Männer und Frauen überraschen mit ihren Worten, ihrer Wärme, aber auch der Zielstrebigkeit, mit der sie ihrer Liebe Ausdruck verleihen. Ihre Briefe wirken zeitlos und inspirieren uns, doch selbst wieder einmal zu schreiben. Gefühle lesbar zu machen und unseren Angebeteten zu zeigen, was sie uns bedeuten. Vielleicht überdauern auch unsere Zeilen die Zeit. Vielleicht werden sie später einmal gelesen. Vielleicht ist das die Krönung der eigentlichen Liebe.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Wobei, wenn wir ehrlich sind, kann die wahre Liebe natürlich auch das Ende jeder Krönung sein. Auch davon kündet einer der wundervollen Liebesbriefe, in dem Wallis Simpson ihrem Geliebten, König Edward VIII. mitteilt, wie sehr es ihr zusetzt, dass die Liebe ihn den Thron kosten könnte. Zusammen sind wir stark genug, es mit dieser erbärmlichen Welt aufzunehmen!“ ist Liebesbrief und Kampfansage in einem. Diesen Worten folgten Taten. Die Liebe wog schwerer als die Krone. Skandalös!

Wer nach dem Hören immer noch nicht aufhören kann mit diesen Liebesbriefen, der wird im Piper Verlag fündig. Das gleichnamige Buch von Petra Müller und Rainer Wieland beinhaltet neben den 24 erlesen vorgetragenen Briefen der Hörbuchedition 53 weitere Bekennerschreiben der wahren Liebe. Hier lohnt der selbst zu lesende Genuss, und in Verbindung mit dem Hörbuch kann ich mir dieses literarische Gesamtkunstwerk als das perfekte Weihnachtsgeschenk auf dem Gabentisch vorstellen.

Kein Herz bleibt ungerührt. Das kann ich versprechen. In diesen Briefen finden wir die Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Liebe. Hier wird man fündig, wenn man Inspirationen sucht, in Hoffnungslosigkeit versinkt und vielleicht auch mal nicht weiß, wohin mit dem Überschuss an eigenen Gefühlen. Lesen und hören sind der Schlüssel zum Glauben an die Macht der Liebe, denn es ist niemals zu spät für das große Abenteuer Liebe. Wie schrieb schon Martha Gellhorn an Ernest Hemingway?

„Ich möchte jung und arm sein, mit dir und unverheiratet.“

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe...

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

Und Arthur Schnitzler? Er wird verehrt…  „Der fünfte Akt des Lebens“ 

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage – AstroLibrium

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„Der beste Roman des Jahres“ von Edward St Aubyn

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Man kann seine Leser schon gehörig an der Nase herumführen. Wenn der Titel eines Buches verheißungsvoll Der beste Roman des Jahres lautet, dann suggeriert dies ohne jeden Zweifel, dass genau jenes Werk gemeint ist, das man gerade selbst vor Augen hat. Derart provoziert, denn dieses Prädikat hat doch bitte das Buch nicht für sich selbst zu vergeben, beginnt man ziemlich neugierig und recht kritisch, sein Schätzchen auf Bücherherz und Lesebändchen zu testen, nur um schnell zum Ergebnis zu kommen: „NEIN – DAS IST ER NICHT!“

Womit ich nicht sagen will, dass es nicht der beste Roman des Jahres wäre, und der Piper Verlag somit seine Leser schon mit dem Buchtitel auf die bibliophile Schippe genommen hätte. „Der beste Roman des Jahres“ heißt nämlich erstens ganz anders (Lost for Words) und zweitens geht es um einen ganz anderen Roman, der in diesem Buch zum besten Roman des Jahres gekürt werden soll.

Um es mit den Worten des Originaltitels zu versuchen: man verliert sich schon in den Worten, wenn man Worte dafür finden möchte, warum die auf dem Buchtitel gewählten Worte am eigentlichen Sinn des Vermuteten vorbeizielen. Also halten wir fest: Edward St Aubyn schrieb mit „Der beste Roman des Jahres“ keinesfalls den besten Roman des Jahres, auch wenn er das sicherlich beabsichtigte.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Edward St Aubyn verlor sich allerdings auch nicht in den Worten seines Romans, denn selten hat man über die Arbeit einer überforderten literarischen Jury, die in der Wortlawine der eingereichten Titel zu versinken droht, so sehr schmunzeln können. Tiefe Einblicke gewährt der versierte britische Schriftsteller in das Innenleben eines fiktiven und doch so repräsentativen Literaturpreises und der Juroren, die ihn völlig frei, gänzlich unbeeinflusst und losgelöst von allen Sachzwängen des Buchmarktes zu vergeben haben.

Und nicht nur das. Wie ein bibliophiles Chamäleon wechselt der Autor zwischen den einzelnen Kapiteln die Farbe und schlüpft in die Rollen seiner „Kollegen“, die sich auf der Shortlist des begehrten „Elysia Preises“ wiedergefunden haben und nun mehr oder weniger tatenlos erleben müssen, welche Welle die Shortlist in im Mutterland des „Elysia-Preises“ auslöst.

And the Nominees are:

  • „Der gefrorene Wildbach“ von Sam Black
  • „Das Enigma Rätsel“ von Robin Wentworth
  • „Die ganze Welt ist eine Bühne“ von Hermione Fade
  • „Was guckstu!“ Von Hugh Madonald
  • „Die glitschige Stange“ von Alistair Mackintosh
  • „Das Palast-Kochbuch“ von Lakshmi Badanpur

Ja, richtig gelesen… „Das Palast-Kochbuch“… und zwar ein indisches… dazu später mehr.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Die Geschichte der Shortlist des „Elysia-Preises“ hat naturgemäß eine komplizierte Vorgeschichte, die unter der Überschrift „Die Longlist“ eigentlich schnell erzählt wäre. Aber das schnelle Erzählen gehört nicht zu den Stärken von Edward St Aubyn und das ist gut so, denn man muss die Vorgeschichte kennen, um die spätere Preisvergabe verstehen zu können.

Alles beginnt mit der Benennung des Vorsitzenden der Jury des „Elysia-Preises“ Malcolm Craig. Er betrachtet diese Aufgabe als große Chance, dem Hinterbänkler-Dasein des britischen Parlaments für ein paar Wochen zu entkommen und sich im Kreise der anderen Juroren (auf deren Auswahl er keinen Einfluss hatte) auf knapp 200 eingereichte Bücher zu konzentrieren um dann quasi rein demokratisch den „Besten Roman des Jahres“ zu finden.

In der Realität stellt sich diese Herausforderung jedoch völlig anders dar. Sie gleicht sogar eher einem Schachspiel, in dem die egozentrischen Jury-Mitglieder sich scheinbar selbstlos dabei helfen, die Favoriten ihrer Kollegen zuerst auf der Longlist zu platzieren, um sie dann im finalen Showdown durch das Bilden unheilvoller Allianzen von der Shortlist fernzuhalten. Und sollte dies nicht gelingen, die Reputation dieser Bücher und ihrer Autoren so weit zu schwächen, bis nur noch der eigene Favorit übrig bleibt. Klingt einfach.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Wäre da nicht die nationale und internationale Presse, die während des unwürdigen literarischen Schauspiels ihre eigenen Meisterwerke und Favoriten medial begleitet und wie buchige Säue durch die Medienlandschaft des Landes treibt. Druck baut sich auf. Nicht nur von dieser Seite. Auch der Finanzier des Preises wünscht sich ein Buch auf dem ersten Platz, das den absolut laienhaften Ansprüchen des Geldgebers entspricht. Der Balanceakt zwischen Literatur, Jury-Schach und purer Intrige beginnt immer weitere Kreise zu ziehen.

Natürlich spielen auch die Schriftsteller selbst eine gewichtige Rolle. Da sind die einflussreichen nicht nominierten Autoren, die nun ihre Armeen in Stellung bringen; die unbekannten Schreiberlinge, die ihre Außenseiterchancen zu verbessern suchen und die völlig abgedrehten Nicht-Autoren, die mit der festen Absicht ins Land reisen, den „Elysia-Preis“ quasi im Vorbeigehen einzuheimsen, obwohl ihr Buch noch gar nicht erschienen ist.

Nehmen wir uns nur den 653. Maharadscha von Badanpur, dessen Roman „Der Maulbeerelefant“ nur ein einziges Mal existiert, der aber mit seinem sonnigen Gemüt und unter Begleitung seines Hofstaates in England einfällt um seine bereits fertige Dankesrede an die Jury und das ganze Volk zu richten. Die Nicht-Nominierung seines Meisterwerks lässt archaische Rachegedanken in ihm keimen und er schwört blutige Vergeltung.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Während der innere Zirkel der Jury in immer enger werdenden Kreisen um die wenigen verbleibenden Bücher kreist, beginnen die Zufälle die Übermacht zu gewinnen. Die nicht nominierte Autorin Katherine Burns kann die Missachtung ihres Romans „Tragweite“ nicht verwinden und löst mit der Entlassung ihres Lektors eine Kette von Ereignissen aus, die in ihrer Tragweite die Tragweite von „Tragweite“ deutlich überstrahlt. Denn nur so gelangt letztlich das indische Palast-Kochbuch der Großmutter jenes 653. Maharadschas von Badanpur durch ein Versehen auf die Longlist des renommierten Literaturpreises… Eine Sensation bahnt sich an.

Edward St Aubyn hat sicher nicht den besten Roman des Jahres geschrieben. Er hat allerdings die vielschichtige Innenansicht der Vergabe eines fiktiven Literaturpreises so geschickt und pointiert zu seiner eigenen Geschichte gemacht, dass man ihm den „Elysia-Preis“ persönlich überreichen möchte. Er ist nicht nur in die Haut seiner Juroren geschlüpft, sondern eben auch noch in die Feder der nominierten Autoren, und was er da an Kostproben in Form von Zitaten aus den nominierten Büchern zum Besten gibt, ist mehr als eine Fingerübung.

Es zeigt, welche Stilrichtungen er beherrscht, in welchen Genres er sich sicher zu bewegen weiß und man kann sich doch vorstellen, wie sehr er dabei in sich hinein gelacht haben mag, als er die frei erfundenen Kollegen so sehr persiflierte und überzeichnete. Ein wundervolles Buch über die Liebe zur Literatur und auch darüber, was ein Literaturpreis mit dem Wesen des Lesens anzustellen vermag. Pflichtlektüre nicht nur für Autoren und Juroren. Pflichtlektüre für Leser, die gerne Bücher mit dem Aufkleber „Literatur-Preisträger“ kaufen…

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