Die Verlassenen von Matthias Jügler

Die Verlassenen von Matthias Jügler - Astrolibrium

Die Verlassenen von Matthias Jügler

„Das letzte Mal habe ich meinen Vater im Juni 1994 gesehen.“

So beginnt der Roman „Die Verlassenen“ von Matthias Jügler. Es ist die Stimme eines zurückgelassenen Sohnes, die sich hier Bahn bricht und uns unmittelbar in eine Geschichte zieht, die schon mit diesem einen Satz einen Sog erzeugt, dem man kaum mehr entfliehen kann. Es ist die Gefühlslage eines damals Dreizehnjährigen, der schon bis zu diesem Tag des Verschwindens seines Vaters ein Leben hinter sich hat, in dem emotionale Brüche zum Alltag gehörten. Es ist der Rückblick auf dieses Leben, der alle Wunden beschreibt, die unverheilt geblieben sind.

„Ich war viele Jahre der festen Meinung, dass es derlei Momente schon des Öfteren in meinem Leben gegeben hatte: Mutter, die 1986 starb, da war ich fünf, oder Vaters Verschwinden 1994, dann die Müdigkeit und die Schmerzen.“

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Es ist der inzwischen erwachsene Johannes Wagner, der nach der Wahrheit und den Antworten auf die immer noch offenen Fragen seines Lebens sucht. Jetzt, in einer entscheidenden Lebensphase ist es wichtiger denn je zu erfahren, was damals wirklich mit seinen Eltern passiert ist. Johannes wird selbst Vater. Nur zu verständlich, dass er seinem eigenen Vater auf die Spur kommen muss. Dass die Antwort in einer Kiste mit Büchern seines Vaters im eigenen Keller auf ihn wartete, erkennt er erst, als er genau dort auf einen Brief stößt. Adressiert an seinen Vater. Abgestempelt in Norwegen und datiert auf den Mai 1994. Also nur wenige Wochen vor dessen Verschwinden.

Es sind entscheidende Zeitscheiben unserer Geschichte, die Matthias Jügler ins Zentrum seines Romans rückt. Es ist eine Kindheit in der DDR, die wir durch seine Erzählung hautnah miterleben dürfen. Es ist der ungeklärte Tod einer Mutter und eine lähmende Trauer, die von einem Vater Besitz ergreift. Es ist eine Kindheit, die für das spätere Leben von Johannes die Grundsteine legt. Brüchig und instabil. Selbst als die Wende alles verändern sollte, stand immer noch die Mauer zwischen seinem Leben vor und nach der Wiedervereinigung. Tiefe Gräben, die nicht zugeschüttet werden konnten und Verwerfungen, die zeitlebens spürbar sein würden. Es ist die wachsende Distanz, die es Johannes ermöglicht, seine Geschichte zu erzählen. Seine damalige Beziehung zur Mutter seines Sohnes längst gescheitert. Jasper, sein Sohn, inzwischen selbst fast erwachsen und eher ein Besucher im Leben seines Vaters. Erst jetzt brechen all jene Dämme der Vergangenheit, die ein Erzählen und Verarbeiten möglich machen.

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Matthias Jügler beschränkt sich nicht auf die literarische Aufarbeitung einer Zeit, die nicht nur zwei Länder, sondern auch Menschen getrennt, wiedervereinigt und doch zerrissen hatte. Er schreibt keinen Wende-Roman. Er lässt uns an einem gelebten und doch nicht gelebten Leben teilhaben, das sich anders entwickelt hätte, wenn nicht… Ja, wenn sich die Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang anders abgespielt hätte. Er erzählt von einem Kind der DDR, einem Heranwachsenden in einem neuen Land, vom Verschwinden des Vaters und dem Leben bei der Großmutter. Er erzählt vom Tod der Mutter im alten Land. Er erzählt vom Leben des erwachsenen Johannes Wagner, das durch die Dunkelkammer der Vergangenheit selten im Licht gebadet ist. Davon erzählt Matthias Jügler auf eine Art und Weise, die seinen Roman zum absoluten Pageturner werden lässt.

Der Verlassene berichtet aus seiner Perspektive und lässt all jene, die sein Leben tangierten als „Die Verlassenen“ auftreten. Die Spannung wächst ins Unerträgliche. In Rückblicken beleuchtet Matthias Jügler alle Ereignisse, die das Leben von Johannes prägen sollten. Eine Reise nach Norwegen soll Licht ins Dunkel bringen. Eine Reise zu der Frau, die seinem Vater damals jenen Brief schrieb. Warum hat er seinen Sohn im Jahr 1994 verlassen? Warum fehlt jede Spur von ihm? Was ist vor der Wende mit der Mutter geschehen? Wie hängt alles zusammen? Matthias Jügler lässt am Ende seines brillanten Romans keine Frage offen. An Stellen, an denen wir seine Erzählstimme im Tonfall seines Protagonisten erwarten, tauchen plötzlich Dokumente im Buch auf. Wir finden Fotos, handgeschriebene Notizen, inoffizielle und geheime Berichte einer Zeit, die noch heute für einen allwissenden und allmächtigen sozialistischen Staat steht.

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Man muss bei Rezensionen gut darauf achten, nicht zu spoilern. Und doch ist es auch wichtig, Romane ein wenig einzuordnen, um ihnen zu den „richtigen Lesern zu verhelfen. „Die Verlassenen“ erzählt keine Familiengeschichte, in der es um Klischees von Beziehungsgeflechten geht. Dieser Roman ist aufgrund der gewählten Zeitscheiben ein zutiefst empathisches Bild in einem politisch explosivem Umfeld. Er zeigt auf, wie sehr sich ein diktatorischer Staat im eigenen Leben einnisten kann. Es geht hier auch um System-Mitläufer, bewusst Handelnde und bedenkenlos Agierende. Der Grund für das Verschwinden des Vaters ist durch die Vergangenheit in der DDR geprägt. Es ist bedrückend und ernüchternd, immer mehr Details zu erfahren, die das Leben damals dominiert und beeinflusst haben. Die Nachwirkungen sind immer noch spürbar. In der Konstruktion des Romans liegt ein tiefer Zauber. Nichts ist vorhersehbar, alles wirkt so wahrhaftig und echt und an keiner Stelle kann man auch nur eine kleine Pause in sein Lesen bringen.

Am Ende stellt Matthias Jügler seinen Protagonisten vor die entscheidende Wahl seines Lebens. Am Ende steht die große Frage, ob Rache und Vergeltung heilsam für die eigene Zukunft sein können. Der Autor hat hier relevante Schlusspunkte gesetzt, die auch nach dem Lesen Bestand haben. Ich bin gespannt, wie wir handeln würden, wenn wir vor diese Wahl gestellt würden und die Möglichkeit hätten, uns schmerzhaft für alles zu rächen, was uns widerfahren ist. Ein mehr als lesenswerter Roman, der Licht in die Dunkelkammer eines Lebens bringt, das so oder anders sicher tausendfach gelebt und durchlitten werden musste. Und doch bleibt die Hoffnung, denn:

„Hinter den Wolken ist der Himmel immer blau.“

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wenn man sich für einen Roman entscheidet, der in Rumänien angesiedelt ist, sollte man immer im Bewusstsein lesen, dass man sich in ein von der Weltgeschichte mehrfach zerrissenes, aufgeteiltes und von grausamen Machthabern gegeißeltes Land begibt. Man sollte sich sehr bewusst machen, dass sich bis zum heutigen Tag zahllose Wunden durch ganze Familiengeschichten ziehen, ihre Traditionen belasten und sich wie kaum sichtbare Demarkationslinien durch die Stammbäume dahinschlängeln. Viele Romane, die sich mit dem heutigen Rumänien beschäftigen versuchen zu erklären und zu heilen, zu bewältigen und zu zeigen, was sich nicht wiederholen darf. Die wenigsten dieser Romane sind unpolitisch, weil sie es einfach nicht sein können. Die rumänische Geschichte war immer ein Spiegelbild der Weltpolitik. Einzig im Reich der Legenden war man sicher. Nur hier konnte die geschundene rumänische Seele Zuflucht finden. Nur hier durfte sie davon träumen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können.

In diesem Reich regiert noch heute der Fürst der Dunkelheit Graf Dracula, Vlad der Pfähler. Es sind Begriffe, wie Transsilvanien, Eichenpflock, Knoblauch, Blutsauger und ewiges Leben, die ihn nicht nur literarisch unsterblich gemacht haben. Auch, wenn dieser dunkle Graf heute für seine unbeschreibliche Grausamkeit bekannt ist, legendär ist er für seine Gerechtigkeit, die man ihm nachsagt. Ein ganzes Genre beherrscht die Lichtgestalt Transsilvaniens, die mit Tageslicht überhaupt nicht gut zurechtkommt. Viele Romanfiguren der Weltliteratur spiegeln sich in seinem Geist, wobei er doch eigentlich gar kein Spiegelbild erzeugt. Eines jedoch ist sicher. Wenn man sich mit Graf Dracula beschäftigt, befindet man sich literarisch in einem Fantasy-Roman. Eine Mischung aus sozialpolitischer Vergangenheitsbewältigung und transsilvanischer Legendenwelt wurde bisher nicht gewagt…. Ich sage bewusst: Bisher… Dana Grigorcea verändert alles.

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wer sich für ihren Roman Die nicht sterben entscheidet, sollte im Bewusstsein lesen, hier nicht nur auf einen einzigen Blutsauger zu treffen. Wer sich für diesen Roman entscheidet, sollte sich gedanklich von klaren Genre-Trennlinien verabschieden und bereit sein, literarisches Neuland zu betreten. Wer zu diesem Buch greift, wird mit zunehmender Lesedauer merken, dass es sich um einen unsterblichen Roman handelt, in dem sich die Welten der Fantasy und der Gesellschaftspolitik vermischen. Wir haben hier ein Buch, das selbst kein Spiegelbild wirft, das nachts hyperaktiv ist und dem man mit Knoblauch und Eichenpflock nicht beikommt, wenn man erst einmal begonnen hat, es zu lesen. Hier prallen das Transsilvanien der Vampire und das postkommunistische Rumänien in einem Clash of Literature aufeinander, der alle Grenzen verschiebt. Hier erleben wir an den Nachwehen der Diktatur des Ceaușescu-Regimes, was ein echter Blutsauger seinem Volk angetan hat. Dagegen wirkt Dracula wie ein wahrer Volksheld…

Dana Grigorcea entführt uns in ein schauriges Spiegelkabinett, in dem wir selten glauben, was wir zu lesen denken. Da ist die Ich-Erzählerin, die in Bildern denkt und lebt. Die sich das Rumänien ihrer Kindheit in Erinnerung ruft, und in Flashbacks Bilder einer Zeit heraufbeschwört, in der ihre Großmutter Margot eine zentrale Rolle einnimmt. Skurrile Bilder entwickeln sich vor unsern Augen. Eine enteignete Villa in der Walachei und ein Tross, der sie in regelmäßigen Abständen vom Kommunistenkitsch befreit und dem großbürgerlichen Leben zu neuem Glanz verhilft. Natürlich streng geheim und vor den Augen und dem Zugriff der viel geheimeren Securitate verborgen. Jetzt, nach der Rückkehr der Erzählerin aus Paris herrscht Trostlosigkeit in ihrer einstigen Heimat. Es sind Betonbauten, die zum Flächenbrand werden und es ist die Perspektivlosigkeit der Menschen, die ihre Erinnerungen an einst mit einem Grauschleier überziehen.

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Es ist die Zeit nach dem Schrecken der Diktatur, die bekannte Automatismen ans Tageslicht bringt. Der Blick geht zurück, das „Früher war nicht alles schlecht“ wird im Umfeld der Großmutter kultiviert. Nur die Player müssen ausgetauscht werden. Er wird wieder laut, der „Ruf nach dem starken Mann„, der frischen Wind ins Land bringt und gleichzeitig mit den korrupten Politikern aufräumt, die sich nach dem Machtwechsel im neuen Rumänien festgebissen haben. Hier driftet Dana Grigorcea in ein morbides und zunehmend gewalttätiges Szenario ab, überschreitet die Grenzen des Genres und lässt uns mit staunenden Augen in der Familiengruft der Erzählerin eine gepfählte Leiche im Schweiße des frisch geschändeten Körpers entdecken. Und nicht nur das. Findet man doch ausgerechnet hier beim Versuch, den Mord aufzuklären die letzte Ruhestätte von Vlad dem Pfähler. Hier in der uralten Familiengruft. Ist er ein Vorfahre der Erzählerin? Sind sie verwandt? Von jetzt an ist es vorbei mit der Ruhe in der Ruhestätte.

Hier beginnt es trefflich zu vampiren. Hier erlebt der Romantitel „Die nicht sterben“ eine wahre Renaissance in der engmaschig erzählten Geschichte. Hier beginnen die nächtlichen Begegnungen der Heimkehrerin mit einem geheimnisvollen Wesen, das ihr plötzlich nicht mehr fremd ist. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen der Realität in unserer Wahrnehmung und der fantastischen Wahrnehmung der Protagonistin. Genau hier überschreiten wir freudig gespannt alle Grenzen des Erzählens, und folgen bis zu den magischen Worten der Schattengestalt an seine plötzlich aufgetauchte Nachfahrin:

„Wir sîn gelîchen Bluotes.“

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wirkt das abgedreht? Zu unrealistisch? Zu skurril? Oh nein, ganz im Gegenteil. Hier impft uns die brillante Erzählerin ihr Serum mitten in die Blutbahn. Es betäubt den Wahrheitssinn, lässt uns wundervoll fantasieren und entwickelt Nebenwirkungen, die in der Literatur durchaus erwünscht sind, aber leider allzu selten vorkommen. Wir driften ins Reich der Zwischenwelt und genießen die Anspielungen der Autorin auf das Reale, das uns so sehr einengt. Warum nicht? Warum sollte nicht eine Legende auferstehen und richten, was man in der jüngsten Vergangenheit vermasselt hat? Und, wenn schon richten, dann richtig. Das Motto der Nacht lautet.: Pfählen…

„Ich bin ein ewig lebender Vampir vom Blut des Fürsten Dracula,
ich bin die ewige Rache der Gerechten.“

So schallt es durch die nächtliche „Walachei“. Doch Vorsicht: wo gepfählt wird, da fallen Späne. Dana Grigorcea scheut nicht davor zurück, uns zurückscheuen zu lassen. Sie erspart uns keine Details, wenn es darum geht, das martialische Ritual vor Augen zu führen. Es ist, als würde sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Hier erreicht die Geschichte ein Level, das fernab aller literarischen Erzählformen liegt. In der Glorifizierung eines Blutsaugers als Rächer für jenen kommunistischen Blutsauger zeigen sich die ambivalenten Wechselwirkungen von Macht und Machtmissbrauch. In Wirklichkeit saugt jeder gerade seinem Nächsten das Blut aus. Die Machtverhältnisse verändern sich kaum. Der kleine Mann bleibt der kleine Mann. Hier malt die aus Paris zurückgekehrte Kunststudentin ein apokalyptisches Bild an die Wand und den Teufel gleich mit dazu.

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Das literarische Impfserum von Dana Grigorcea ist hochwirksam. Ich habe noch kein geeignetes Gegenmittel gefunden und spüre die Nachwirkungen deutlich. Ich bin immunisiert gegen oberflächliche, eindimensional angelegte Literatur. Ich suche nach mehr. Ich bin extrem süchtig nach guten Erzählungen, deren Deutungshoheit nicht in Händen der Autoren oder Autorinnen liegt. Dana Grigorcea hat mich in ihrem Roman von der kurzen Leine gelassen, sie hat mir einen Nachtflug über ihr Rumänien gewährt, das ich so nicht kannte. Meine gelachten Tränen halten sich mit den geweinten die Waage. Wenn ihr Roman auch höchsten literarischen Ansprüchen gerecht wird, wenn wir ihn auch als erzählerisches Meisterwerk empfinden, in besonderer Weise – denke ich – wird er der rumänischen Seele gerecht, die nach Erlösung schreit.

Hier geht es zu meiner Rumänien-Bibliothek. Von Iris Wolff bis zu Catalin Dorian Florescu… Ein erlesenes Land lädt zum Verweilen ein… 

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

PS: Die Widmung im Buch verrät, dass hier ein Autorenehepaar am literarischen Werk ist. Nicht uninteressant für mich, habe ich doch Perikles Monioudis und seinen wundervollen Roman „Frederick“ ausführlich vorgestellt.

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Wenn Zeitzeugen sterben, wird aus Zeitgeschichte Geschichte. Wenn die Quellen zu schweigen beginnen, verlieren wir den wichtigsten Maßstab für den Wahrheitsgehalt dessen, was in Sekundärquellen berichtet wird. Wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr zu uns sprechen, wenn wir ihnen keine Fragen mehr stellen, und wir ihren Warnungen nicht mehr folgen können, dann wird aus Geschichte Wissen aus zweiter Hand. Die Deutungshoheit über den real erlittenen Schrecken der Opfer liegt dann bei Menschen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Im schlimmsten Fall bei Zweiflern, politisch motivierten Leugnern und Populisten, die uns glauben machen wollen, nichts habe sich so zugetragen, wie wir denken. Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, öffnen sich die Tore, unwidersprochen zu behaupten, den Holocaust habe es nie gegeben.

Nur jetzt, nur heute sind wir noch in der Lage, den Opfern des Nationalsozialismus zuzuhören, ihnen zu begegnen und aus ihren Geschichten zu lernen. Nur jetzt sind wir in der Lage, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie Zeugnis ablegen. Vielleicht ein letztes Mal. Zu viele Zeitzeugen des Holocaust sind in den letzten Jahren gestorben. Bis zuletzt erzählten sie kraftvoll ihre Geschichten vor Schülern, besuchten Gedenkstätten gegen den Naziterror und richteten flammende Appelle an uns, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie gaben uns keine Schuld an den Verfolgungen von einst. Sie wollten nur, dass millionenfaches Sterben und Leid nicht umsonst sein sollten. Sie hofften, dass wir den Ausgegrenzten und Entwürdigten ihre Würde zurückgegeben würden. Sie hielten sich an uns fest, weil es nur in unseren Händen liegt, die Wahrheit für sie weiter in die Welt zu tragen, wenn sie es selbst nicht mehr können.

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Auch Noah Klieger war einer von ihnen. Ein Überlebender. Ein verfolgter Jude, in dessen Geschichte das eigene Leben am seidenen Faden des Zufalls hing. Er sprach über seine Erlebnisse, er gab Interviews, diskutierte mit jungen Menschen und war bis zuletzt getrieben von der Mission, nichts möge in Vergessenheit geraten. Noah Klieger verstarb am 13. Dezember 2018 in Israel. Und heute? Schweigt er für immer? Gerät in Vergessenheit, was ihm damals in Auschwitz und in anderen Lagern widerfuhr? Nein. Einerseits kann man sein Zeugnis noch immer hören. Er gab Interviews, wurde gefilmt und schrieb selbst über sein Leben. Dass er niemals ganz in Vergessenheit gerät, ist sicherlich auch Takis Würger zu verdanken. Der Journalist und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, von dem man nicht behaupten kann, es sei ein „Buch über Noah KliegerNein. Es ist das Buch Noah, das er schrieb, weil er seine eigene Stimme in den Dienst eines Opfers des Holocaust stellte. Rechtzeitig, wie wir heute wissen.

Noah – Von einem, der überlebte

Warum jedoch sollten wir dieses Buch lesen? Man könnte sich Dokumentationen im Fernsehen und die Interviews mit Noah Klieger anschauen. Reicht das denn nicht aus? Eine schwere Frage, die eine komplexe Antwort verdient. Nein. Es reicht nicht aus. Ich habe sie mir angeschaut, die Momentaufnahmen seines Erinnerns. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte musste Noah zugleich formulieren, erinnern, denken und abwägen. Das Narrativ des Überlebens passte sich dem zeitlichen Rahmen des Formates an und weist immer wieder leichte Veränderungen auf. Mal stehen die Wunder im Mittelpunkt. Wunder, denen er das Überleben zu verdanken hatte. Dann wieder sind es die Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. Es bleiben eindringliche Momentaufnahmen, die unvergesslich sind. Takis Würger jedoch erweitert das Spektrum der Erinnerungen von Noah Klieger um die Dimension Zeit, die er mit dem Zeitzeugen verbrachte.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Es waren 2 1/2 Monate, die Takis Würger mit Noah Klieger in Tel Aviv verbrachte. Aus einer Momentaufnahme in Fernsehstudios oder Zeitungsinterviews wurde hier eine Dauerbelichtung der Erinnerung in der Dunkelkammer des Holocaust. Es ist jener nachhaltige Effekt, der sich in diesem Zeitzeugenbericht niederschlägt. Es ist nicht nur der Extrakt einer schnellen Verschlusszeit, den wir nacherleben dürfen. Es ist mehr. Im Nachwort zum Buch schreibt Alice Klieger, Noahs Nichte und letzte Blutsverwandte:

„Die Journalisten kamen normalerweise für einen Tag, oder eine Woche
und gingen wieder. Dieser war anders. Er blieb und hörte zu.“

Genau hier liegt das große Alleinstellungsmerkmal des nun vorliegenden Buches Noah – Von einem, der überlebteAus kürzester Distanz gelingt Takis Würger das Porträt eines Zeitzeugen, das nicht der Eile jeder Augenblicklichkeit unterworfen ist. Er beobachtete, hörte zu und schrieb dann, was sich hier dauerhaft verfestigt hatte. Takis Würger schrieb nicht seine Version der Geschichte. Er schrieb dazu:

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Genau an dieser Stelle lasse ich euch inhaltlich mit dem Buch alleine. Genau hier muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, einem Überlebenden in dessen Geschichte zu folgen. Auschwitz, Josef Mengele, Zwangsarbeit bis zur Vernichtung, Ravensbrück, Todesmärsche, Willkür und systematische Entrechtung sind die Wegmarken, die hier gesetzt sind und in denen sich das Leben von Noah Klieger abspielt. Es sind relevante Aspekte, die er beleuchtet. Die Hilflosigkeit, die brutale Gewalt und auch der Großmut einiger Weniger, die ihm geholfen haben. Es ist die Erkenntnis, nach dem Ende eines Vernichtungskrieges nicht frei zu sein. Es ist der nachvollziehbare Wunsch, endlich in einem Land leben zu wollen, in dem man sicher ist. Es ist die zionistische Perspektive des Überlebenden, die man verstehen kann. Und es ist die Geschichte einer weiteren Flucht an Bord eines Schiffes, das zum Synonym für nicht enden wollendes Leid steht: „Exodus„.

Wer diesen Weg mit Noah Klieger und Takis Würger geht, wird verstehen, warum diese Geschichte niemals vergessen werden darf. Hier ist nicht nur von Noah die Rede. An den Kreuzungen zwischen Leben und Tod wird auch jenen Menschen gedacht, die durch ihren Mut Leben gerettet haben. Hier zeigt sich wozu man fähig ist, wenn man es wirklich will. Die große Stärke dieses Buches und der große Unterschied zu Interviews mit Noah Klieger ist seine eigene Positionierung in diesem Medium. Bisher hatte er die Fragen zu beantworten. Hier stellt er sie. Hier wendet sich der Überlebende mit einem Fragenkatalog an uns, an seine Nachwelt, an alle Menschen. Und er fragt sich selbst, ohne Antworten zu finden:

„Wie kann ein normaler Menschen begreifen, dass er plötzlich in der Hölle ist?
Wie kann ein Mensch das verkraften?

„Wieso folgt ein Volk einem dahergelaufenen Anstreicher,
einem Österreicher, der aussieht wie eine Karikatur?“ 

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Ich werde Noah Klieger nicht vergessen. Ich werde auch die Menschen nicht mehr vergessen, die seinen Schicksalsweg teilten. Eva Mozes Kor oder Max Mannheimer. Ich habe Überlebende des Holocaust kennengelernt, mit ihnen gesprochen und weiß wie sehr die offenen Fragen auch ihr Leben beeinflusst haben. Takis Würger hat sich in diesem Buch sehr weit zurückgenommen. Er lässt es für sich und Noah sprechen. In der Vergangenheit hat er viel Kritik für seine literarische Methodik eingesteckt. „Stella“ habe auch ich vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. „Noah“ ist aus meiner Sicht ein wichtiges und großes Buch, weil es inhaltlich und methodisch über jeden Zweifel an seiner Entstehung und Intention erhaben ist. Es ist das Buch von Noah. Das sollten wir nicht vergessen. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und die erfüllte Hoffnung von Noah Klieger, man möge sich erinnern. Das ist die Essenz dieses Werks.

Der Tradition der mündlichen Überlieferung folgt nicht nur Takis Würger, ihr folgt auch die aufwendige Umsetzung seines Buches in seiner Hörbuchfassung. Was sich eigentlich anfühlt, wie eine Geschichte, die von einem Sprecher erzählt werden müsste, wird zu einem mehrstimmigen Kanon, der sich in mir eingebrannt hat. Jedes der vier Buchkapitel wird von einem Sprecher gelesen. So entsteht ein bleibender Eindruck der Staffelübergabe jenes Erlebnisberichts von einem Menschen zum nächsten. Höhepunkt dieser Inszenierung ist der Teil, in dem sich Noahs Fragen Raum verschaffen. Es sind viele Stimmen, die diese Fragen stellvertretend für ihn stellen. Es sind letztlich wir selbst, die hier zu Fragenden werden. Hier wird deutlich, dass uns alle dieses Buch angeht. Es mag die Geschichte eines Einzelnen sein und doch ist es die Geschichte vieler, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Hier erreicht das Hörbuch eine ungekünstelte Wucht, die zeigt, was Stimmen bewegen können. Eine eigens den Nachworten gewidmete CD rundet diesen Gesamteindruck ab. Herausragend.

Noah – Von einem der überlebte“ – ungekürzte Lesung mit Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras, Anna Thalbach, Takis Würger. Drei Stunden und 30 Minuten gegen das Vergessen vertiefen den Eindruck, den Noah Klieger selbst immer wieder in den Mittelpunkt stellte:

„Ich weiß, es ist schwer zu verkraften, 
aber es war so.“

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Schwitters von Ulrike Draesner

Schwitters von Ulrike Draesner - AstroLibrium

Schwitters von Ulrike Draesner

Beschäftigt man sich intensiv mit dem Roman „Schwitters“ von Ulrike Draesner, dann begegnet man der Autorin sehr schnell in den Weiten des Internets und kann ihr aufmerksam zuhören, wenn sie über die Entstehungsgeschichte ihres Romans spricht und versucht, die Deutungshoheit über ihr Buch zu behalten. Ein spannender Prozess für Lesende, wenn sich eine Autorin offensiv mit dem eigenen Roman auseinandersetzt und tiefe Einblicke gewährt, was sie inspiriert hat, über Kurt Schwitters zu schreiben. Für sie stand eine Frage im Mittelpunkt: „Wie schreibt man ein Leben?“ Wie schafft man es, die Lebensgeschichte eines Künstlers in Worte zu fassen, der sich eigentlich jeder biografischen Betrachtung verweigert hätte? Was ist „Life Writing“ und wie kann man verhindern, dass die wesentlichen Themen im Leben des großen Dadaisten nicht in der alltäglichen Banalität untergehen?

Diese Fragen haben mich in diesen Roman getrieben. Diese Konfrontation mit dem eigenen Schreiben hat mich fasziniert. Darüber hinaus bin ich Ulrike Draesner schon in ihrem „Kanalschwimmer“ begegnet und war fasziniert von der sprachlichen Brillanz ihrer Erzählung. Nun schreibt sie also über einen kunstbesessenen, exzessiv lebenden Kreativen, dessen Leben sich jeder Einordnung entzieht. Ein Mann, der nur sich selbst, nicht jedoch den Menschen in seiner Nähe treu war. Ein Mann, dem das Schreiben im nationalsozialistischen Deutschland verboten wurde, dessen bildende Kunst für alle Zeit als „entartet“ diffamiert und bloßgestellt wurde und den man zur Flucht zwang, weil es in der Heimat einfach zu gefährlich für ihn wurde. Eine Flucht, die die für ihn zu einer Odyssee ohne Wiederkehr wurde.

Schwitters von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Schwitters von Ulrike Draesner

Es wird sehr schnell klar, wie sich Ulrike Draesner dem Künstler und Menschen Kurt Schwitters annähert. Sie schreibt nicht über ihn. Sie schreibt ihn. Sie spiegelt seine Wortwerke, Collagen, Skulpturen und Installationen in seinen Geist und lässt ihn zu Wort kommen. Er, der von der Kunst Getriebene, der Rastlose, der vom Verbot zu schreiben in die Flucht zur bildenden Kunst Gehetzte, der sich Verbarrikadierende und heimlich Erschaffende, der Unverstandene und Entartete. Er findet in der Autorin, die voller Empathie in ihn eintaucht, eine neue Stimme. Ulrike Draesner spielt mit uns und mit den Schubladen, in die wir das Buch gerne einsortieren würde. Ein Kunstroman? Sicher. Auf seine ganz eigene Weise. Ein biografischer Roman? Ganz bestimmt im Kern seines Wesens. Und doch spricht dieses Buch eine ganz andere Sprache. Hier wird zeitlos, was endlich war. Hier wird offensichtlich, was verborgen werden sollte.

Wir betreten an der Seite von Kurt Schwitters seinen Merzbau. Ein Biotop seiner Energie, ein Refugium des Staunens und ein avantgardistischer Kunstraum in der Villa in Hannover. Alltagsmüll, Fundstücke, Zeitungsschnipsel. Alles, was ihn inspiriert wird in dieser verborgenen Galerie zu Kunst. Jeder Vorwurf des Entarteten verpufft, da wir an der Seite der unsichtbar agierenden Schriftstellerin einen Zugang zu einem Menschen erhalten, der sein Publikum und letztlich auch sein Selbstwertgefühl verloren hatte. Hier wird die Kunst eines Kurt Schwitters zum Auge des Orkans, in dem er lebt. Und nicht nur das. Wir folgen den Flutwellen seiner Kreativität, beobachten die Außenwelt durch Spiegel, die er an seinem Haus angebracht hatte, um vor den braunen Schergen und ihrer Willkür gewarnt zu sein. Ulrike Draesner findet eine Erzählstimme, der man nicht entfliehen kann. Kurt Schwitters zeigt uns, wie entartet die Welt vor seiner Haustür ist.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

An diesem Punkt angelangt, wird aus dem Roman ein eigenständiger Merzbau„. Hier wird alles versammelt, was den Menschen Kurt Schwitters auszeichnet, bestimmt und in Erinnerung hält. Eine Collage zwischen zwei Buchdeckeln, die ein eigenes und nachhaltiges Leben voller Botschaften entwickelt. Ulrike Drasener wird in ihrem Buch zur Wortdadaistin, die ein Erbe anzutreten scheint, das Kurt Schwitters bisher verwehrt war. Sie lässt in unglaublich intensiven Rhythmuswechseln die Menschen aus seinem Umfeld zu Wort kommen. Die Ehefrau, den Sohn, seine spätere englische Frau. Wir sind gefangen im „Merzbau“ dieses Romans, wie in einem Künstlerarchiv, und folgen dem Leben Kurt Schwitters über die Etappen seiner Flucht. Eine Collage, die ihn im Lauf der Jahre so spiegelt, wie es gewesen sein könnte. Die ihn denken lässt, wie er gedacht haben mag. Eine „Life-Writing-Collage„, die aus der Art schlägt. Wohl das größte Kompliment für einen Roman über einen Dadaisten, der als entartet galt.

Schwitters zu folgen gleicht literarischer Magie. Zu erleben, was Entwurzelung bei einem Künstler bedeutet, dessen Kunst sich im Inneren seiner Villa manifestiert, schafft unglaubliche Nähe. Ihn mit seinem Sohn auf seiner Flucht nach Norwegen zu begleiten, zeigt die Ausweglosigkeit des Unterfangens. Die Wehrmacht ist omnipräsent. Und doch erschafft Kurt Schwitters an allen Orten seiner Flucht Merzräume, die Zeugnis ablegen. Seiner Frau Helma zu folgen, die in Hannover die Stellung hält, um den Merzbau gegen die Nazis zu verteidigen, gehört zu den bewegendsten Teilen dieser Collage. Sie wird Zeugin von Deportationen, erlebt Hausdurchsuchungen der heftigsten Art und erleidet die Bombardierung ihrer Heimatstadt in einem furiosen Kapitel des Romans. Nur Kurt Schwitters lebt in einer eigenen Welt. Norwegen, England, die dortige Inhaftierung als „Enemy Alien“ und der Befreiungsschlag an der Seite einer neuen Frau lassen ihn im Verlauf des Romans in einem Licht erscheinen, das er wohl selbst niemals angemacht hätte.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

SCHWITTERS von Ulrike Draesner – AstroLibrium

Es ist ein sprachliches Bravourstück, das Ulrike Drasener gelingt, indem sie Kurt Schwitters pulsierende Rückkehr zur feinen Wortkunst zu Papier bringt. Der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland fällt ihm kurz vor der Invasion in die Hände. In Lautschrift werden die Invasoren auf die deutsche Sprache vorbereitet und der einstig wortgewaltige Immigrant beginnt nun mit der englischen Sprache zu spielen. Hier wird Sprachkunst zur Erzählkunst. Ulrike Draesner erzählt eine Geschichte vom Verlust in den Wirren des Krieges. Sie erzählt von Untreue, Treue und Obsession. Ihr merkt man an, dass sie niemals im Sinn hatte, eine einfache Romanbiografie zu schreiben. Dafür ist „Schwitters“ zu komplex angelegt, zu facettenreich konstruiert und zu farbgewaltig in Szene gesetzt.

Was bewirkte dieses Buch in mir? Eine Frage, die mich begleitete. Nein, ich finde keinen inhaltlichen Zugang zum Dadaismus, zur Entkörperlichung von Gegenständen in einer abstrakten Umwelt. Mein Kunstverständnis findet in Franz Marc seinen Höhepunkt und auch schon seine Grenzen. Auch er galt als entartet. Seine Werke wurden mit den Collagen von Schwitters in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt. Würde ich nun einen Merzbau betreten, meine Perspektive wäre anders. Verständiger, emotionaler in Bezug auf die Menschen, die von dieser Kunst betroffen waren. Ulrike Draesner hat in mir etwas losgetreten, das vorher von Unverständnis charakterisiert war. Was kann in der Literatur schöner sein? Ich schaue mich um und erkenne in meiner Wohnung den Merzbau meines Lebens. Verwurzelt, immobil und vor aller Welt verborgen. Ich hoffe, dass sich Ulrike Draesner niemals in mich hinein recherchiert und denkt. Das vereint mich mit Kurt Schwitters. Diese Collage meines Lebens wäre zu tiefgründig.

Und bevor mir jemand moralisch kommt: Ja, auch ich hätte mich in Wantee verliebt, die englische Frau an der Seite von Kurt Schwitters, die nicht nur Lebensgefährtin und später dann Nachlassverwalterin wurde. Sie war alles, was ihr Spitzname impliziert.

Edith „Wantee“ Thomas hatte ihm gezeigt, dass want auch fehlen bedeutete. Englisch-logisch: Wantee hatte ihm gefehlt.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

Constanze von Zeichen & Zeiten schreibt: Ein großes Buch, dem man sich wieder und wieder widmen kann und sollte, weil es so reich in vielerlei Hinsicht ist.

Schwitters von Ulrike Draesner ist für den Bayerischen Buchpreis 2020 in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag)

Warum ich schon jetzt denke, dass Ulrike Draesner einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Ihr gelingt mit ihren Worten etwas, das sie in ihrem Buch eigentlich ihrem Protagnisten Kurt Schwitters zugeschrieben hat:

Menschen mit Worten aus ihren Dreiteilern, Leibbindern und Uniformen schmelzen.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

UPDATE 19.11.2020 – Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises – Belletristik

Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises - Belletristik - Astrolibrium

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Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Hat keine Flügel, kann aber fliegen - Amili Targownik - Astrolibrium

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Ihr Name ist Amili Targownik, Jahrgang 1995. Sie lebt in Israel und München, spricht vier Sprachen und studiert Sozialwissenschaften in Tel Aviv. Sie ist auf Instagram aktiv und hat mit „Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Meine Geschichte“ ihr erstes Buch veröffentlicht. Eindrücke und Leseimpressionen, sowie ihre eigenen Reaktionen auf das Feedback der Leserschaft sammelt sie unter dem Hashtag #wasmichbeflügelt. Ich bin der jungen Autorin nicht nur im Buch begegnet, ich nutzte die Chance, ihr zu schreiben und mich ein wenig mit einer jungen Frau zu unterhalten, die mich schon mit den ersten Worten ihrer Geschichte zu fesseln vermochte.

„Als Kind dachte ich, dass alle Menschen behindert geboren werden und mit achtzehn die Lizenz zum Gehen erhalten. Doch wenige Monate, nachdem meine Schwester zur Welt gekommen war, brach für mich eine Welt zusammen. Ich musste zusehen, wie sie krabbelte. Wie sie lief. Und ich musste einsehen, dass ich mich geirrt hatte. Die Lizenz zum Gehen existierte nur in meiner Vorstellung.“

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Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Als ich Amili Targownik schrieb, hatte ich keine Frau im Rollstuhl vor Augen. Ich hatte keine Begriffe, wie „zerebrale Kinderlähmung“ oder „Zerebralparese“ im Kopf, als ich ihre privaten Zeilen las. Ich trennte mich bewusst von der Vorstellung, mit einer Behinderten in Kontakt zu treten, da genau dieses Denken zu Fehleinschätzungen und falschen Voraussetzungen in der Kommunikation führt. Unbefangen wollte ich sein und schnell stellte ich fest, dass ich genau das sein durfte. Das ist das größte Handicap von Menschen ohne Handicap, das den ersten Kontakt mit Gehandicapten handicapt. Nicht bei mir. Ich habe meine Lektionen gelernt und teile die Welt nicht in gesund und krank, normal und nicht normal, behindert und nicht behindert auf. Ich sehe die Gefahren, die in solchen Verhaltensmustern verborgen sind. Vieles endet in purem Mitleid. Und genau darauf kann gerne verzichtet werden.

Mir liegt dieses Buch am Herzen, weil ich in ihm eine Autorin kennenlernte, die es schaffte, mir die Geschichte ihres jungen Lebens zu erzählen, ohne mir das Gefühl zu geben, mich für meine Gesundheit schämen zu müssen. Ganz im Gegenteil. Amili zieht ihre Leser auf Augenhöhe zu sich heran und lässt tiefe Einblicke in ihre Psyche, ihren Geist, ihr Gefühlsleben und ihr Kämpferherz zu, das sie auszeichnet. Sie schreibt nicht über das Leben im Rollstuhl, sie schreibt nicht über Alltagssituationen und keinesfalls ist sie auf der Suche nach Mitgefühl. Nein. Ich sage es ganz salopp. Dieses Mädel hat es literarisch faustdick hinter den Ohren, wenn uns Amili in ihre kleine Scheinwelt entführt und uns ihre Wegbegleiter in schweren Zeiten vorstellt. Und die kennen wir nur zu gut.

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Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Amili nimmt uns mit auf ihre Fluchten aus dem Alltag. Ihre Freunde sind dabei nicht von dieser Welt. Sie kommen und gehen im Lauf der Zeit, scheinen sich altersgerecht an sie zu schmiegen und begleiten sie durch ihr Leben, durch Schmerzwellen, Gefühle der Ungerechtigkeit, Alltagssorgen, aber auch in die erste Liebe, den ersten Kuss und das große erste Kribbeln im Bauch. Sie findet sich wieder in Winnie Puh, entdeckt mit Peter Pan die Sehnsucht der verlorenen Jungs und wird schließlich von einem Jungen begleitet, den wir aus Harry Potter kennen. Amilis erster heimlicher Kuss hat sehr viel mit einem gewissen Ron Weasley zu tun. Hier war ich ganz bei ihr. Hier hat Amili mein vollstes „Mitgefühl“, weil ich mich noch gut an Phasen in meinem Leben erinnern kann, die von Fantasiefreunden und Fluchten in eine Scheinwelt geprägt waren. Amili erzählt so greifbar, dass man wirklich mitfühlen kann, was diese Fantasiefreunde bedeuten.

Darüber hinaus sind ihre Perspektiven auf ihren Lebensweg überzeugend. Sie ist in der Lage, ihre Geburt zu beschreiben, wechselt die Perspektive zur Ungeborenen in lebensbedrohlicher Situation. Sie memoriert Erlebnisse, an die sie keine Erinnerungen haben kann, aber sie ist Schriftstellerin genug, um diesen Spagat zu meistern. Sie gibt allen Gefühlen Raum. Sie beschreibt den Neid auf die gesunde Umwelt, ihre Illusionen, irgendwann selbständig laufen zu können, ihren Hass auf Menschen, die sie nicht nur für körperlich, sondern auch für geistig behindert halten. Sie sprengt mit jedem Kapitel die Grenzen dessen, was sie zuvor eingeengt hat. Ihr Buch ist ein Plädoyer für jenes bedingungslose Zutrauen, das Eltern für ihre Kinder aufbringen müssen, um ihnen den Weg in die Zukunft ebnen zu können.

Hat keine Flügel, kann aber fliegen - Amili Targownik - Astrolibrium

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Hat keine Flügel, kann aber fliegen“ spart neuralgische Themen nicht aus. Amili geht einen schweren Weg in ihrem Leben und in diesem Buch. Wir werden zu Zeugen ihrer fast schon zerstörerischen Beobachtung ihrer eigenen Schwester. Wir erleben an ihrer Seite den Leistungszwang in der Schule, die Gefahr des Abgestempelt-Werdens durch ein System, das Menschen gerne in Schubladen stecken würde. Aber wir sind auch in ihrer Nähe, wenn Therapeuten wahre Wunder bewirken und Amili den Raum geben, in ihren Grenzen selbst zum Wunder zu werden. Nicht aufgeben, weiterkämpfen, träumen und aufstehen, wenn man gefallen ist… All dies kann man von Amili Targownik lernen, wenn man sich auf diese junge Frau einlässt.

Ich habe beim Lesen dieses Buches oft an eine Hummel gedacht. Sie ist aus Sicht der Wissenschaft aerodynamisch gar nicht in der Lage zu fliegen. Ihre Flügel sind im Verhältnis zum Körper zu klein und entwickeln nicht genügend Auftrieb. Und doch fliegt die Hummel lustig durch die Blumenwiesen. Weil sie nicht weiß, dass sie eigentlich gar nicht fliegen kann. Bei Amili Targownik ist es genau umgekehrt. Sie weiß sehr genau, dass sie keine Flügel hat. Sie weiß, dass sie in engsten physischen Grenzen gefangen ist. Und doch erzeugt sie selbst so viel Aufwind, dass sie sich erhebt und Kunstflüge in ihrem Leben veranstalten kann. Wieviel innere Stärke braucht ein Mensch, um diesem Leistungsvermögen den Flugschein zu verschaffen? Antworten finden wir alle genau in diesem Buch. „Hat keine Flügel, kann aber fliegen„… (Penguin Verlag)

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In Erinnerung an Stefan Daniel

Ich schrieb einleitend, dass ich meine Lektion gelernt habe. Mein Lehrmeister war Stefan Daniel, dessen Buch „Hoffnung vergangen, aber…“ ich vor zehn Jahren auf dem damals noch existierenden Blog.Lovelybooks vorstellen durfte. Wir haben in der Folge dieser Interviews eine Vielzahl verrückter Dinge getan. Stefan hat mir seine Welt in ihren immer enger werdenden Grenzen vorgestellt. Und doch bleibt mir bis heute ein Satz aus seinem unerschöpflichen Fundus im Ohr.

„Ich sitze nicht im Rollstuhl.
Niemand sitzt in einem Stuhl.
Ich sitze auf meinem Rollstuhl.“

Stefan verstarb am 24. März 2020 um 10:15 Uhr in der Berliner Charité. Ich weiß, dass ihm das Buch von Amili Targownik sehr gut gefallen hätte, weil auch er über unsichtbare Flügel verfügte und so hoch flog, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Diese Rezension ist ihm liebevoll gewidmet. Stefan, Du fehlst…

Amili und Stefan – vereint im Humor, der ihre Geschichten so besonders macht.

Hat keine Flügel, kann aber fliegen - Amili Targownik - Astrolibrium

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik