Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Die Frau des Obersts von Rosa Liksom - Astrolibrium

Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Sie bleibt seltsam anonym. Fast namenlos, obwohl sie sich zeitlebens mit einem Titel schmückte, der in Finnland berühmt und berüchtigt zugleich war. „Die Frau des Obersts“. Wenn Rosa Liksom ihre Geschichte erzählt, dann ist dies sicher ein Roman. Daran besteht kein Zweifel. Es ist nicht die Lebensgeschichte von Annikki Kariniemi. Die hat sie in ihrer Autobiografie „Die Anatomie einer Ehe“ schon längst selbst erzählt. Wenn Rosa Liksom erzählt, dann innerhalb eines Rahmens, der bekannt erscheint, es aber doch nicht ist, weil ihre wahre Stärke in der Fiktion verborgen ist…

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So könnte diese Rezension beginnen…

Eine Frau lässt in einem finnischen Dorf ihre vier Leben Revue passieren. Es sind Leben voller Gewalt und Vorbestimmung. Leben unter der Überschrift eines Titels, mit dem sie sich schmückt, weil er sie lebenslang begleiten sollte. „Die Frau des Obersts“ blickt zurück auf den Alltag im strengen Elternhaus, das Leben an der Seite eines alten Obersts, ein Leben danach mit einem jüngeren Ehemann und ganz zum Ende auf eine letzte Etappe eines langen Lebensweges. Es ist zugleich ein Rückblick auf die Historie ihrer Heimat, den ideologischen Sittenverfall Finnlands unter den Nazis und ihre eigene Rolle im Konzert des Hasses.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Auch so könnte sie beginnen.

Dieser Roman ist eine Zerreißprobe für den gesunden Menschenverstand. Zweifel an der Plausibilität der erzählten Geschichte kommen nicht auf, was sie nur schlimmer macht. Dieser Roman erzählt die Geschichte einer Finnin, die einer Ideologie und ihrer Liebe zu gleichen Teilen verfällt. Machthungrig, selbstvergessen bis zur Selbstaufgabe und leidensfähig bis zum Ende. Die Hauptsache, sie behält ihren Ehrentitel. „Die Frau des Obersts“ lässt sich durch die Geschichte ihres Lebens prügeln, vergewaltigen und erniedrigen, sie lässt sich das ungeborene Kind aus dem Bauch schlagen. Sie geht den dornenreichen Weg einer Gewaltbeziehung, um selbst über andere erhaben zu sein.

So möchte ich beginnen, weil mich das so sehr beschäftigt hat, dass ich den Roman von Rosa Liksom mehrfach unterbrechen musste, weil mir die Gewaltorgien einfach zu sehr auf dem Magen lagen. Selten zuvor hatte ich so sehr mit einem Buch zu kämpfen. Einerseits öffnete mir die finnische Autorin das Tor zum Verständnis der ideologischen Verwerfungen in ihrem Heimatland vor und während des Zweiten Weltkrieges. Alliierte der Nationalsozialisten, Feinde der Russen, bereitwillig am Rassenhass der Nazis und an der Ausgrenzung von Juden beteiligt, später im Zweifrontenkrieg aufgerieben und in seine Elementarteilchen zerlegt. Ein ganzes Land, das systematisch zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein schien. Und mittendrin ein kleines Mädchen, dessen strenges Elternhaus und die nationalistischen Ansichten des Vaters einen Weg vorgaben, der im Chaos enden musste.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Schon im Alter von vier Jahren wird das Mädchen mit jenem Oberst konfrontiert, der ständig bei ihrem Vater zu Besuch ist. Achtundzwanzig Jahre älter als sie und mit einem scharfen Blick auf die Heranwachsende, wird schon hier ihr Schicksal besiegelt. Nicht gegen ihren Willen wird sie später und über Umwege seine Ehefrau. Endlich am Ziel angelangt, als „Frau des Obersts“ und glühende Nationalsozialistin zum Teil des Machtapparats zu gehören. Gewalt richtet sich gegen Unterprivilegierte. Hass hat eine Zielrichtung. Doch als der Krieg verloren ist, wird sie zum Ziel der wilden Aggressionen ihres Ehemanns. Was im Elternhaus begann, setzt sich nun in der häuslichen Gewalt in der Ehe fort.

Es ist die Sicht der geprügelten Ehefrau, die uns hier erschreckt. Bereitwillig und in untertäniger Ehrfurcht vergießt sie Blut und Tränen, verliert ihr Kind und wird durch das eigene Haus geprügelt, wie ein rohes Stück Fleisch. Erst als sie kapiert, dass sie ihren Titel auch führen darf, wenn sie ihren Peiniger verlässt, befreit sie sich. Ein junger und liebevoller Mann begleitet sie in ihr drittes Leben. Hier schreibt sie sich frei. Es ist eine Abrechnung mit ihrer Vergangenheit, die entsteht und sie erneut vereinsamen lässt, da sie auch ihre Rolle reflektiert. Am Ende bleibt sie allein zurück. Mit einem Buch, das im ganzen Land seine Wellen schlägt. Ihr bleibt nicht nur der Titel, ihr bleibt auch der Ruf einer glühenden Nationalsozialistin, die jeden Pakt mit jedem Teufel eingegangen wäre um sich „Die Frau des Obersts“ nennen zu dürfen.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Der Roman ist verstörend. Das jedoch kann er nur sein, weil er so grandios erzählt ist und weil seine Bilder eine Gedankenflut auslösen, die auf der letzten Seite nicht abebbt. Rosa Liksom verarbeitet die wahre Geschichte einer Annikki Kariniemi literarisch und schonungslos. „Everestinna“ ist der Originaltitel des Romans. Er schlug hohe Wellen in Finnland, weil sich Rosa Liksom ein besonderes sprachliches Mittel wählte. Bis auf den Anfang und das Ende des Romans schreibt sie im Dialekt des Tornion-Tals, der Meän-Sprache. Die Verwendung des Dialekts ist sinnvoll, da der Roman der Monolog seiner Protagonistin ist. In einer Nacht durchlebt Everstinna ihre vier Leben von ihrer Kindheit über den Oberst bis zur zweiten Ehe und letztlich zum Schlusspunkt der Geschichte.

Wenn ich auch ständig das Gefühl hatte, der Geschichte einer Frau zu folgen, so weiß ich am Ende des Buches, dass Rosa Liksom im eigentlichen Sinn über jede Form des Faschismus geschrieben hat. Die Handlung kann nur in den Rahmenbedingungen eines ideologisch auf Linie getrimmten Landes funktionieren. Wir werden Zeugen eines Lebensweges, in dem Internierungslager und Liquidierungen zum Alltag gehörten. Was jedoch geschieht, wenn das ideologische Gebilde im Vakuum implodiert, liest sich wie der Albtraum von einer Wahnvorstellung. Loyalität und Karrieresucht korrumpieren den Menschen. Das ist eine der korruptesten Geschichten meines Lebens. Selbstaufgabe hat einen Titel: „Die Frau des Obersts“. Die hochrangigste Neuerscheinung, die mich an die Grenzen des Erträglichen geführt hat. Vorsicht vor diesem Buch. Es ist gewaltig.

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HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

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HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

„Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus dir.
Aus den Augen macht er Sülze,
aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste
und den Rest, den schmeißt er weg.“

Welcher Serienmörder hat schon sein eigenes Lied? Frei nach dem Motto, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ war dieser Gassenhauer Warnung vor Unbekannten und Gruselschocker zugleich. Verdientermaßen, lag doch diesem Liedtext eine beispiellose Mordserie zugrunde. Zwischen 1923 und 1924 wurden besagtem Fritz Haarmann allein 24 Ermordungen junger Männer zur Last gelegt. Der Schauplatz der Taten: Hannover. Die Ermittlungen verliefen zäh, die Polizei schien ratlos und die Aufklärung zog sich zu lange hin. Viele Morde hätten verhindert werden können, so auch die öffentliche Sicht damals. Der Fall Fritz Haarmann wurde vielfach literarisch und filmisch verarbeitet. Der Götz-George-Film „Der Totmacher“ gehört hier zu den gelungensten Werken. Mir liegt darüber hinaus die Graphic Novel „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz vor, in der ein atmosphärisch dichtes Täterprofil skizziert wird. Düster und bedrohlich.

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HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Deshalb war ich doch erstaunt, den Roman „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit in der Programmvorschau des Penguin Verlages für den Februar 2020 zu entdecken. War da nicht schon alles erzählt? Wusste man nicht, wie die Ermittlungen verliefen, wie damals der Prozess gegen ihn endete? Gab es noch Überraschendes, nicht Erzähltes, Neues? Und dann auch noch Dirk Kurbjuweit. Der renommierte Schriftsteller und Journalist ist bekannt für seine unverbrauchten Themen und die analytischen Gratwanderungen auf den Verwerfungen die im Spannungsfeld Zeitgeschehen und Politik entstehen. Was hat ihn dazu bewogen, Fritz Haarmann in den Mittelpunkt seines Schreibens zu stellen. Die Frage beschäftige mich nachhaltig. Nach dem Lesen ist mir klar, was Dirk Kurbjuweit mit seinem Roman eigentlich erreicht hat. 

Im Gegensatz zu den zahlreichen Täterprofilen über einen Mörder, der seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet hat, schlachtet er Täter und Taten nicht aus, sondern wirft einen Blick auf die Zeitscheibe und die Rahmenbedingungen, die es einem solchen Täter ermöglicht haben, weitgehend unerkannt in Hannover zu morden. Nein. Dirk Kurbjuweit legt mit „Haarmann“ keinen kannibalistischen Grusel-Thriller vor. Er tastet sich aus der Perspektive seines Ermittlers an die Stimmungslage in der Stadt und der Polizei heran. Er seziert die Ausgangslage für die Morde und lässt uns mit den Eltern gemeinsam fassungslos auf die Ausmaße der ungeklärten Mordserie blicken. Es ist die offensichtliche Hilflosigkeit der Kriminalpolizei, die Kommissar Robert Lahnstein nach Hannover führt. Es herrscht Angst in der Stadt. Besorgte Eltern geben sich bei der Polizei die Klinke in die Hand. Die vermissten Jugendlichen sind unauffindbar. Spuren: Fehlanzeige. Zeugen: Fehlanzeige. Das Morden geht weiter.

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HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Dieser wahre Kriminalroman hebt sich deutlich von vergleichbaren Schablonen des Genres ab. Die beispiellose Mordserie steckt den Rahmen der Handlung ab, ohne dabei zur Kulisse zu verkommen. Der Druck auf die Polizei wächst enorm von Mord zu Mord, jedoch nicht nur von Seiten der Eltern und der Bevölkerung von Hannover. Hier sind es die politischen Rahmenbedingungen der instabilen Weimarer Republik, die hier ihren vollen Wirkungsgrad entwickeln. Der Friedensvertrag von Versailles verhindert in der öffentlichen Wahrnehmung die adäquate personelle Ausstattung der Polizei. Dabei muss das fragile Republikgebilde gerade jetzt beweisen, dass es für Sicherheit sorgen kann. Sozialdemokraten stehen im Widerstreit mit Kommunisten und Nationalisten mit dem Rücken an der Wand. Selbst die Polizei ist nicht als homogener Körper zu sehen. Gerechtigkeit ist Interpretationssache. Methoden stehen auf dem Prüfstand. Was, wenn Folter wieder salonfähig würde. Was, wenn man auf sie verzichtet und sich das Morden fortsetzt?

Dirk Kurbjuweit strukturiert Haarmann in Spannungsbögen, die zum Pageturner mutieren. Die Innenansichten seines Kommissars, die internen Verwerfungen bei der Polizei und der Leidensdruck der Eltern, die auf den Fluren Schlange stehen sorgen für hochexplosiven Sprengstoff. In kursiven Einschüben werden wir dann zu Zeugen einer Flucht eines jungen Mannes, dem Wunsch vor den Eltern abzuhauen und Hannover als Etappe zu nutzen. Wir ahnen, wo er enden wird, denn ebenso kursiv begegnen uns die Gedanken des Täters, der wie die Spinne im Netz auf Opfer wartet. Dirk Kurbjuweit hat nicht nur die politischen Strömungen seziert und analysiert. Ihm gelingt in seinem Buch das Besondere. Er enthebt die Opfer der Masse. Er verdeutlicht, dass hinter jeder Zahl eine Geschichte steht. So tragisch, so unverwechselbar, so einzigartig. Selbst der letzte Blick auf Fritz Haarmann zeigt die verworrene Situation, in der das Morden möglich war. Der Serienkiller mit geringem IQ und psychopathischer Veranlagung ist ein Opfer. Eine homophobe Gesellschaft drängte alle Menschen mit homoerotischen Neigungen an den Rand und in die Kriminalität. Bahnbrechendes Schreiben von Kurbjuweit, weil er diesen Facetten auch in seinem Ermittler Raum gibt. Hier finden sich keine Klischees.

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HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Kurbjuweit macht jene Serienmorde auch für Lesende lesbar, die einen Krimi nicht immer mit Blutorgien verbunden sehen wollen. Er öffnet eine längst geschlossene und gelöste Fallakte auch für politisch interessierte Leser, die in der Weimarer Republik den Anfang der Fehlentwicklung im 20 Jahrhundert erkennen. Der starke Mann wird schon hier gesucht. Recht und Gesetz gilt es zu verteidigen und eine politische Grundhaltung der inneren Instabilität ist zum Tode verurteilt. Mit Fritz Haarmann sitzt hier auch eine Demokratie, eine ganze Republik auf der Anklagebank. Dirk Kurbjuweit gelingt es, sich sprachlich auf die Besonderheiten der Zeit einzulassen. Seine Dialoge sind straff, seine szenischen Aufzüge düster. Mit seinem Ermittler erschafft er einen Kommissar, der auf der Suche nach sich selbst, seinen Wertvorstellungen und Vorbildern ist. Dabei werden wir aus der Ferne an Kriminalfälle erinnert, die sich in unserer Zeit zugetragen haben.

Ist Folter ein Instrument, die Wahrheit herauszufinden, wenn ein Kind entführt wird und der Täter schweigt? Gibt man neben der Rechtsstaatlichkeit auch Werte auf, wenn man diesen Weg geht? Macht man sich angreifbar und wird man selbst kriminell, oder muss man bestimmte Entscheidungen mit dem eigenen Gewissen ausmachen. Fragen, die den Roman überstrahlen und die Lesenden beschäftigen. Jeder hat seine eigenen Antworten. Kurbjuweit überrascht am Ende seines Romans. Sein Rechtsempfinden ist sinnbildlich für die erzählte Geschichte. Halbdokumentarisch baut er auf realen Fällen und einem realen Täter auf. Volldokumentarisch lässt er ihn zu Wort kommen. Ich war entsetzt und erstaunt zugleich, weil ich diesen Teil der wahren Geschichte nicht kannte.

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HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Die Graphic Novel Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreiz stammt aus dem Jahr 2010. Hier findet sich das Täterprofil des Mörders, hier werden wir auch szenisch mit den Taten konfrontiert. Die Illustrationen lassen ein Hannover auferstehen, das sich in kollektiver Angst in sich zusammengezogen hatte. Ein Biotop des Bösen. Das Buch wirkt wie das Drehbuch zu einer Verfilmung. Man bekommt einige Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Hier wird Klartext gezeichnet und geschrieben. Atmosphärisch gelungen und für mich persönlich eine perfekte visuelle Ergänzung zu Dirk Kurbjuweits Roman. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, welch intensive Beziehung meine Bücher eingehen. Sie scheinen miteinander zu sprechen. Ihre Dialoge sind oft düster. Ihre Bilder stoßen manchmal ab. Im tiefen Inneren jedoch tragen sie Botschaften, die bemerkenswert und tragfähig sind. Gerechtigkeit nicht um jeden Preis, und schon gar nicht auf Kosten der demokratischen Wertvorstellungen, das beschreibt die Sehnsucht, die „Haarmann“ in mir wachruft. Ein grandioser Roman, eine aufrüttelnde Graphic Novel. Eigenständige Werke ihrer Genres und doch im Dialog vereint. Ich bin dankbar, sie beide mein Eigen nennen zu dürfen.

Ich freue mich schon auf meine Begegnung mit Dirk Kurbjuweit auf der Leipziger Buchmesse. Ich werde ihm am Messesamstag meine Fragen stellen und bin gespannt auf seine Antworten. Bloß nicht den Kopf verlieren, sag` ich mir immer…

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Wenn ich über verlorene Mädchen schreibe, ist es mir meist schwer ums Herz. In meinem Lesen bin ich vielen realen und fiktiven Schicksalen begegnet, die mir speziell als Vater sehr nah gegangen sind. Ich habe diesen Lost Girls eine eigene Kategorie in der kleinen literarischen Sternwarte gewidmet und habe die Suche nach ihnen nie ganz aufgegeben. Zu viele Geschichten erzählen von ihnen. Zu viele Mädchen gehen in und zwischen den Zeitfalten der Weltgeschichte verloren. Insbesondere in den dunklen und menschenunwürdigen Epochen der jüngeren Vergangenheit verlieren sich ihre Spuren. Deportationen, Genozide und die Auslöschung ganzer Familienstammbäume zeichnen dafür verantwortlich, dass sie verloren bleiben. Namenlos zumeist, ohne Identität, ohne eigene Geschichte. Ich schrieb sehr viel darüber…

Das Mädchen mit dem Poesiealbum steht stellvertretend für die realen Schicksale, die zur Zeit der Judenverfolgung unter dem Nazi-Regime zu beklagen sind. Holocaust. Ein schrecklicher Begriff für das Unaussprechliche. Mir ist bewusst, dass der Fokus auf den „Verlorenen Mädchen“ niemals die anderen Opfer ausblenden darf. Und doch bin ich, gerade als Vater einer wundervollen Tochter, emotional besonders betroffen, wenn ich ihnen begegne. Sie verdeutlichen die Wucht der Auslöschung ganzer Generationen. Sie mahnen uns und stehen für alles, was wir heute nicht mehr erleben wollen. Hier ist die literarische Aufarbeitung der Vergangenheit von besonderer Wichtigkeit. Und wem die realen Schicksale zu nahegehen, der sollte in der anspruchsvollen Fiktionalisierung eine Chance sehen, sich anzunähern. Lesen gegen die Namenlosigkeit und das ewige Vergessen ist ein gehaltvolles und wichtiges Lesen.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Ich möchte Euch heute ein besonderes Mädchen vorstellen. Und, so unglaublich diese Geschichte auch klingen mag, sie ist doch in der Lage, uns einen emotionalen und nachhaltigen Zugang zu einem Opfer des Nationalsozialismus zu gewähren. Diese unschuldige Seele erlangt im Roman von Martin Horváth eine Dimension, die in einer fiktionalisierten Figur selten zu finden ist. Sie überschreitet Grenzen des Vorstellbaren. Genau hier liegt die Stärke dieses Romans. Hier liegt die Stärke eines Romans. Denn Literatur darf alles. Sie darf Ebenen verschwimmen lassen, Illusionen und Traumbilder zur Realität erheben und Wege aufzeigen, die unser Verstand verweigert. Literatur ist hier Wegbereiter eines neuen Denkens. Dieses Mädchen wird zum Synonym für diese gewagte und doch gelungene Form der Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die auch heute noch nach uns greift. Gebt diesem Mädchen eine Chance.

Mein Name ist Judith“. Mit diesen Worten stellt sich uns ein 10-jähriges Mädchen vor, das aus der Zeit gefallen scheint. Wir begegnen Judith im Wien des Jahres 2023. Über der Stadt hängt nach terroristischen Anschlägen der Schatten des Ausnahmezustands. Panzer auf den Brücken. Polizei an allen Ecken und Enden. Angst geht um. Der Autor León Kortner verlor bei einem der Anschläge Frau und Tochter. Seine Welt ist aus den Fugen geraten. Nun versucht er, einen Roman über eine jüdische Familie zu schreiben, die in seinem Haus eine Buchhandlung betrieb, bis sie von den Nazis vertrieben wurde. Ein Verlorener schreibt über Verlorene. Über Menschen, die zwar ihr Leben retten und ins Ausland fliehen konnten, die aber doch ein Opfer brachten, das bis heute an ihnen nagt. Sie haben die jüngste Tochter zurückgelassen. Ihr Schicksal ist ungeklärt. Judith Klein, ihr Name.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Als plötzlich ein Mädchen in der Küche von León Kortner auftaucht, sich als Judith vorstellt und in jeder Hinsicht wie eine Scheingestalt aus dem letzten Jahrhundert wirkt, kommt der Schriftsteller völlig aus dem Tritt. Sie ist zehn Jahre alt. Sie trägt altmodisch wirkende Kleidung und besteht beharrlich darauf, dass der Buchladen im Erdgeschoss ihren Eltern gehört. Nur, da ist nichts mehr. Keine Spur von der alten Buchhandlung. In tiefster Verwirrung, ob er träumt oder ob alles real ist, beschäftigt sich León Kortner mit dem Mädchen. Judith nimmt einerseits die Rolle seiner toten Tochter ein, andererseits fühlt sich León in der Lage, ihr die Geschichte ihrer verlorenen Familie zu erzählen. Ein schmerzhafter Prozess, der von Ausflüchten über Lügen bis hin zur Wahrheit führt. Die Wahrheit, die auch den Verbleib von Judith Klein erklärt.

León Kortner nimmt die Rolle des unzuverlässigen Erzählers ein. Er bezweifelt, in seinen Wahrnehmungen richtig zu liegen. Er gesteht sich selbst zu, dass Judith nur ein Geist sein kann. Ich mag diese unzuverlässige Perspektive nicht, weil sie einem Autor jede Fluchtmöglichkeit aus einem Roman ermöglicht. Martin Horváth jedoch zelebriert diese Sichtweise so intensiv, dass Realität, Trugbilder und Träume zu einem plastisch wirkenden Bild verschmelzen. Letztlich ist es egal, ob es Judith in dieser Form gibt. Wir lernen sie kennen, wir lernen die Geschichte der Kleins kennen. Schnell schließen sich alle Kreise zu den Geschichten verlorener Kinder in Zeiten von Verfolgung, Flucht und Krieg. Sehr schnell wird deutlich, was Judith mit so vielen Mädchen gemeinsam hat, die man vor dem Zugriff der Nazis retten wollte.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth ist ein äußerst ungewöhnlicher, jedoch nicht minder fesselnder Roman über Verlust, Einsamkeit und niemals verheilte Wunden aus der Vergangenheit. Wer am Verstand von León Kortner zweifelt, der sollte auch am kollektiven Verstand der Menschheit zweifeln. Aus der Geschichte zu lernen, gehört zu den absoluten Fremdwörtern unserer Gesellschaft. Auch im Wien des Jahres 2023 wird Fremdenhass zur Methode. Terror, Ideologien und Ausgrenzung bestimmen den Alltag. Daneben wirkt die Geschichte dieses Mädchens, das wie in einer Zeitschleife gefangen ist und verzweifelt nach seiner verlorenen Geschichte sucht, wie eine kleine Unwucht in der Unendlichkeit. Und doch dominiert Judith diesen Roman. Sie stellt ihre Fragen wohl für alle Kinder dieser Welt, die im Niemandsland gestrandet sind.

Martin Horváth streut Geschichten in seinen Roman ein, die sich wie ein Buch im Buch lesen. Es sind die Verarbeitungstexte von Judiths Bruder, der sich nur schreibend und ganz in sich zurückgezogen mit dem Verlust der kleinen Judith, seiner Schwester, beschäftigen konnte. Es sind diese Texte, die schwer im Magen liegen. Sie strahlen im Buch wie leuchtende Fackeln gegen das Vergessen. Wir werden von Seite zu Seite zu Zeugen eines Heilungsprozesses in der Psyche von León Kortner. Hier zeigt sich, dass man über Verlust reden und schreiben muss. Man darf nichts verschweigen, denn nur, wenn man etwas totschweigt, wird es vergessen werden. Ein sinnstarker Roman, dem eine Dynamik innewohnt, die nicht mehr lockerlässt. Ein Roman voller Bilder, die mich verstört, zerstört und wieder aufgerichtet haben.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith“ von Martin Horváth ist eine literarische Ausnahmeerscheinung auf ganzer Linie. Sprachlich präzise und doch verträumt und verwundert. In seiner vom Autor gewählten Perspektive absolut einzigartig und in der Botschaft signifikant. Wenn man an Judiths Existenz glaubt, dann sieht man tausende von Kindern vor sich, denen wir Antworten schulden. Kinder, die uns in einer Parallelwelt begleiten. Fast können wir sie sehen, in den Wohnungen, in denen sie einst lebten. In den Städten, aus denen sie vertrieben wurden. Verlorene Kinder. Verlorene Mädchen. Es würde mich beruhigen zu wissen, dass ihre Schicksale zählbar sind. Das ist nicht der Fall. Freundet Euch mit der kleinen Judith an und passt auf sie auf. Sie ist einzigartig!

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Kinder mit Stern

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Bald werde ich mich auf einem anderen Kontinent mit verlorenen Kindern unserer Zeit auseinandersetzen. Ihre Zahl scheint wieder zu wachsen. Ob wir je ihre Fragen beantworten können? In welcher Sprache auch immer. Bald sind es mexikanische und andere südamerikanische Kinder, die auf der Suche nach ihren Eltern an einer Grenze stranden, an der man heute gerne eine Mauer errichten würde. Trump lässt grüßen.

Das „Archiv der velorenen Kinder“ – hier geht´s zur Rezension…

Das Archiv der verlorenen Kinder - Bald auf AstroLibrium

Das Archiv der verlorenen Kinder – Bald auf AstroLibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

Der Bücherdrache von Walter Moers [Zamonien]

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Gerade erst habe ich mich vom Schock erholt, dass es gar kein „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ gibt. Es ist erst wenige Wochen her, seit mir der wohl populärste Lindwurm Zamoniens, Hildegund von Mythenmetz, der eigentliche und wahre Autor der meisten Geschichten dieses fantastischen Kontinents, alle Drachenzähne gezogen hat und frei heraus erklärte, es handele sich bei diesen Weihnachtsritualen lediglich um zufällige Ähnlichkeiten mit den uns bekannten Festtagsabläufen. Nur knapp war ich der Gefahr entronnen, einen „Bücherräumaus“ zu veranstalten, weil das ja eine so schöne zamonische Tradition sei. Alles ist beim Alten. Alle Bücher und Hörbücher sind noch da. Ganz besonders diejenigen von Walter Moers. (Weiterhören bei Radio Hörbahn)

Der Bücherdrache - Walter Moers - Die Rezension fürs Ohr

Der Bücherdrache – Walter Moers – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Zamonien. Sehnsuchtsort und fantastischer Mahlstrom der Legenden und Sagen. Nie in Vergessenheit geraten und allzeit omnipräsent. So allgegenwärtig, dass es allein schon ausreicht, das Gerücht von der Existenz eines belesenen Lindwurms in die Welt zu setzen, um die Buchlinge im Gefolge des Meisterautors in Aufregung zu versetzen. Was sich in den letzten Jahren wie ein leichtes zamonisches Geplänkel anfühlte und in allen Lesern große Zweifel säte, ob es nach dem „Labyrinth der träumenden Bücher“ mit großen und wahrhaftigen Geschichten des zamonischen Epos weitergehen würde, mündete nun in eine unglaubliche Erwartungshaltung. „Der Bücherdrache“ warf einen Schlagschatten auf die Literaturlandschaft, der ausreichte, die Lindwurmfeste in ihren Grundfesten zu erschüttern. Aus der Feder von Walter Moers, von ihm selbst illustriert und in der guten Tradition der Mythenmetz`schen Erzählungen sollte es weitergehen.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache“. Endlich. Zamonien in Reinstform. Wo uns „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ nur rudimentär an den fantastischen Kontinent und seine Geschichten erinnern konnte, und „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ schon eher ein Fest für Buchlinge war, legt Walter Moers nun wieder richtig los. Immer noch nicht im erhofften Volumen einer echten labyrinthischen Fortsetzung, aber mit der Geschichte über ein legendäres Geschöpf, dessen Existenz wir nicht bezweifelt haben. Allein, es fehlte der Beweis. Hier halte ich ihn nun in Händen. Ein Buch, das sich in die Zamonien-Sammlung einfügt, wie ein fehlendes Puzzlesteinchen. Großformatig und in jeder Hinsicht reichhaltig illustriert, nach der Druckerschwärze aus der ledernen Grotte riechend und in seiner Haptik an einen Folianten aus der Bibliothek von Buchhaim nur allzu intensiv erinnernd. Das Herz eines jeden Buchlings macht einen Freudenhüpfer.

Und dann die Geschichte. Diese Geschichte. Hach. Einfach zum Dahinschmelzen. Es ist ja vielleicht nur ein Traum, in den wir mit Hildegund von Mythenmetz fallen. Es ist vielleicht gar nicht wahr, was er uns erzählt, aber… ABER. Ungläubige mögen zweifeln. Wahre Zamonien-Anhänger wissen, dass ihnen hier der Missing-Link zum Ormsumpf in die Hände gelegt wird. Jenem Sumpf, der seit jeher als die Brutstätte der Inspiration zu sehen ist. Ein geheimnisvoller Sumpf, der in Gedichten besungen wird und in dem das Orm entsteht. Jene Energie, die ihrem Besitzer literarisches Genie verleiht. Hier kommt das wahre Gold Zamoniens zur Welt. Ein literarischer Schatz.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

„In bösen, dunklen, kalten Tümpeln
Wo alte Bücher Orm gebären
Die tief in toten Sümpfen dümpeln
Wo Bücherwürmer sich vermehren
Wo alle Fragen Antwort finden
Doch niemand seine Frage kennt
Dort soll sich jener Dämon winden
Den man den Bücherdrachen nennt“

Traum hin, Traum her. Ich nehme diese Erzählung für bare Münze. Hildegunst wird lesend von einem Buch eingesaugt. Das passiert schließlich jedem von uns. Tiefer und tiefer fällt er in den Abgrund in und zwischen den Seiten, bis er schließlich dem kleinen Buchling Hildegunst Zwei begegnet. Diese Begegnung mit seinem Alter Ego setzt die Geschichte in Gang, der sich weder Hildegunst noch wir uns entziehen können. Er hat viel zu erzählen, der Miniatur-Buchling. Wahrhaft Bahnbrechendes. Er ist ihm begegnet und noch mehr. Er hat den Bücherdrachen nicht nur aufgespürt und ihn einäugig und eigenäugig gesehen, sondern hat sich sogar mit dem Fabelwesen unterhalten. Hier ist der Beweis für seine Existenz. Es gibt ihn. Den Drachen im Ormsumpf, der nicht lesen kann oder muss. Es reicht ihm schon, sich im Schlamm verrottender Bücher zu wälzen. Und schon greift das Orm nach ihm, inspiriert ihn und macht ihn so klug wie die große Bibliothek von Zamonien.

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Der Bücherdrache von Walter Moers – Andreas Fröhlich

Die Geschichte von Hildegunst Zwei gehört zweifelsfrei zu den magischsten aus dem Zamonien-Zyklus. Er erzählt vom Ursprung seiner Suche, den sechs Klassikern, die ihn verleiten in die Tiefe hinabzusteigen, seiner ersten Begegnung mit dem Drachen und der Unterhaltung auf die sich dieses lebendige Mysterium einlässt. Buchmagie und Literaturfaszination machen sich breit. Der Sumpf erwacht zum Leben und der Buchling Hildegunst Zwei wird zum einzigen Wesen, das in die Geheimnisse des Bücherdrachen eingeweiht wird. Sehr spät erkennt unser Buchling, dass er auf einmal zu viel weiß. Viel zu spät geht ihm das eine Auge auf. Rette sich wer kann, heißt es nun. Eine wilde Hatz durch den Ormsumpf beginnt, an dessen Ende nicht das Ende der Geschichte wartet.

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Ja, es ist vielleicht nur ein Traum, den wir hier erlesen und erhören dürfen. Einer zeitlichen Einordnung in den Zamonien-Zyklus entzieht sich dieses Buch jedenfalls mit diesem erzählerischen Trick. Da hat der gute Herr Moers sehr viel Orm getankt, als er diese Geschichte zu Papier brachte. Eigentlich müsste sie nach dem Labyrinth spielen. Eigentlich müsste sie schon im „Schloss der träumenden Bücher“ spielen. In jenem Buch, auf das wir schon so lange warten und dessen Erscheinen schon oft verschoben wurde. Ich mag nicht spekulieren. Dafür lässt „Der Bücherdrache“ auch keinen Raum. Ich nehme es, wie es kommt. Möge der Autor im Orm-Vollbad liegen und das Schloss vor seinem geistigen Auge entstehen lassen. 

Möge er Kraft und Inspiration schöpfen, um uns bald in die große Fortsetzung zu geleiten. Und bis dahin? Still schweigt der Sumpf? In Geduld üben? Oh nein. Da kennt Ihr Walter Moers schlecht. Am Ende des Bücherdrachen findet sich im Buch eine nicht angekündigte illustrierte Leseprobe. Es geht bald weiter. Und das, noch bevor wir uns dem Schloss nähern dürfen. Und wie es weitergeht. „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ heißt der klangvolle Titel. Es geht nach Eydernorn und wir dürfen erneut Hildegunst von Mythenmetz folgen, der sich nach dem Traum vom Ormsumpf und dem Bücherdrachen einfach nur erholen möchte. Leuchtturmlesen. Was könnte besser ins Portfolio passen? Leuchttürme sind meine ganz persönlichen Sehnsuchtsorte in der Literatur und meine kleine literarische Sternwarte ist voller magischer Geschichten, in denen sie eine Rolle spielen. Und nun kommen 1000 weitere Leuchttürme hinzu. Leserhörerherz, was willst Du mehr?

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers
Penguin Verlag / 192 Seiten / 20 Euro
Der Hörverlag / gelesen von Andreas Fröhlich / 4 Std. 25 Min. / 20 Euro