Die kleine Feder – Ein Kleinod von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Kennt ihr Angelo Branduardi? Den italienischen Barden mit der hauchzarten Stimme und den Balladen voller Liebe und Sehnsucht? Ich höre seine Lieder seit früher Jugend und verbinde federleichtes Träumen und romantisches Fliegen mit ihm. Seine Melodien gehören zu meinem Leben und haben mich mit ihrer tiefen Melancholie häufig gerettet. Seinen Namen in einem Buch vom Atlantik Verlag wiederzufinden war der Türöffner zu einem schwerelosen Leseerlebnis.

Ein italienisches Zitat leitet die Fabel Die kleine Feder von Giorgio Faletti ein. Es stammt vom Autor der Geschichte selbst und eben jenem Angelo Branduardi, was mich dazu verleitete, die Gemeinsamkeiten der beiden Künstler zu durchforsten. Die Ballade La regola del filo piombo handelt von einer kleinen Feder, die einerseits schwerelos schwebt, dann aber auch der Schwerkraft gehorchend zu Boden sinkt und dort verweilt. Der Dichter erschuf den Text, der Barde die Melodie.

„Anche il peso lieve di una piuma scende
se c’è un soffio d’aria che se la riprende
per follia di vento può salire su ma poi torna giù.“

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Eine typische Branduardi-Ballade und trotz kaum existierender Italienischkenntnisse eine ganz besondere Sprachmelodie, die schnell ihren Weg ins Herz des Hörers findet. Es ist kein Zufall, dass ein Zitat aus diesem Lied quasi als Willkommensgruß in diesem Buch verankert ist. Von Feder zu Feder, von Künstler zu Künstler, von Herz zu Herz ist die Fabel angelegt und passt damit so gut in die Kategorie Westentaschenliteratur“. Bücher, die man immer bei sich tragen kann. Schwerelos, wie eine Feder und doch mit viel Gewicht für das tägliche Leben.

„Die kleine Feder“ nimmt nicht viel Raum ein. Die kleine Geschichte im kleinen aber feinen Büchlein umfasst gerade einmal achtzig Seiten. Seiten, die es jedoch gewaltig in sich haben, wenn es um die Tragweite der Botschaft und um ihren Hintergrund geht. Es ist eben viel mehr als eine kleine Geschichte. Es ist die letzte, posthum veröffentlichte Erzählung des bekannten italienischen Schriftstellers, Komponisten und Schauspielers Giorgio Faletti, der 2014 nach längerer Krankheit im Alter von 63 Jahren in Turin starb.

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Seine Ehefrau Roberta Bellesini Faletti hat ihrem Mann im Vorwort des Büchleins ein liebevolles Denkmal gesetzt, seine Arbeit an dieser Geschichte skizziert und für uns Leser eine Brücke gebaut, die zeitlos tragfähig ist, wenn wir „Die kleine Feder“  lesen.

„Wenn ihr diese Fabel an einem klaren Tag lest, an dem
das strahlende Blau des Himmels euch zwingt, die
Hand schützend vor die Augen zu halten,
und wenn ihr euch nicht davor fürchtet,
einer Feder nachzulaufen, dann wird
ihr Flug euch in Staunen versetzen.“

Ich habe mich nicht gescheut, einer Feder nachzulaufen. Ich habe mich einfach mit ihr treiben lassen und bin dem Wind gefolgt, der hier die Rolle des Schicksals spielt. Ich habe mich dort niedergelassen, wo die Feder zu Boden sank und habe mich in die Luft erhoben, wenn ein neuer Windstoß sie an einen neuen Ort fliegen ließ. Ich begegnete den Menschen auf dieser federleichten Reise, war von ihrer Gier und ihrer Doppelmoral erschreckt und habe gehofft, sie würden in jener Feder vor ihren Augen das Wesen der Feder selbst erkennen. Vergeblich.

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Die kleine Feder von Giorgio Faletti

Giorgio Faletti lässt die Feder über die Abgründe des Menschlichen schweben. Er greift nicht ein, beobachtet weise und zurückhaltend und überlässt die Egoisten und die Empathielosen ihrem Schicksal. Als er sich am Ende der Reise selbst begegnet, ahnen wir, was geschehen könnte. Doch in einer meisterlichen Wendung lässt sich auch „Der Mann des weißen Blattes“ von der wahren Bedeutung der Feder überraschen. Dieses Ende lässt keine Zweifel daran aufkommen, was Giorgio in seiner Geschichte suchte.

Die kleine Feder hat mich in Erstaunen versetzt, ich höre Branduardis Ballade nun mit anderen Ohren, sehe Federn mit anderen Augen und habe etwas zurückgewonnen, was mir manchmal viel zu leicht abhanden kommt. Eine maßvolle Schwerelosigkeit mit einer sehr literarischen Portion Bodenhaftung…

Es geht bald weiter mit meinen „Westentaschenbüchern“. Der nächste Schachzug folgt genau an dieser Stelle, wenn ich mit einer Schachspielerin die Rochade wage.

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„Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Manchmal schreibt das Lesen seine eigenen Geschichten. Erst vor wenigen Tagen war ich in aller Tiefe in der „Nachtigall“ von Kristin Hannah versunken, schrieb über die Relevanz eines Romans, der das besetzte Frankreich des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der Nazi-Herrschaft in den Mittelpunkt seiner Handlungsfäden stellte. Auch wenn dieser brillante Roman nicht mit der Befreiung des französischen Volkes endet, blendet er doch die Zeit aus, die nach der Kapitulation des Dritten Reichs aus Erzfeinden neue und dauerhafte Freunde machte.

Dann fand mich ein Buch, das eigentlich gar nicht auf meinem Leseplan stand. Schon der Klappentext verursachte eine literarische Gänsehaut bei mir. Ich konnte es nicht so recht fassen, dass genau zu diesem Zeitpunkt in meinem Lesen eine Schriftstellerin in mein Leben trat, die genau diesen Missing Link zu einem tiefen Roman verdichtet hat, der mir am Ende der „Nachtigall“ und vieler vergleichbarer Werke fehlte, um eine Zeit zu verstehen, die für unser Jetzt und Heute so lebenswichtig war. Wie konnte nach den schrecklichen Verbrechen und Massakern jemals wieder Frieden entstehen, wie konnte Vergebung gedeihen, wenn sie wortlos blieb, wie die Kirche in Oradour-sur-Glane?

„Du erfährst nach und nach, dass es in diesem Jahrhundert zwei Kriege mit den Deutschen gab. Weltkriege. Deine Großeltern haben beide erlebt, deine Eltern nur den Zweiten. Die Deutschen waren die Bösen, aber man spricht kaum darüber, mit euch schon gar nicht.“

(Sie können sich diese Rezension auch gerne im Radio anhören: HIER)

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk - AstroLibrium

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk – Mit einem Klick zum PodCast

Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk, erschienen beim Hanser Verlag, liefert nur eine der vielen denkbaren und möglichen Antworten. Und es ist sicher keine leichte und schnell verträgliche Antwort. Wollte man ihr Buch mit den Werken von Kristin Hannah, Irène Némirovsky oder David Foenkinos in Relation setzen, dann kann man dies auf medizinische Art und Weise versuchen. Die Autoren, die über die Nazi-Besetzung ihres Landes schrieben, schildern den chirurgischen Eingriff, der tiefe Schnitte im Leben aller Menschen hinterließ.

Sylvie Schenk beschreibt in ihrem Roman die lange Rehaphase eines Volkes, das den Glauben an Heilung immer wieder verlor, dessen Wunden oftmals neu aufgerissen wurden und das doch in einem lange währenden Heilungsprozess an sich selbst und an der Größe des Begriffes Vergebung genesen konnte. Rückschläge, Ressentiments und tiefe Enttäuschungen waren Wegbegleiter dieser Rehabilitation und doch bewirkten die Generationen nach dem Krieg wahre Wunder, die uns heute selbstverständlich sind.

„Louise wächst in Frankreich auf, Johann in Westdeutschland.
An einer französischen Universität lernen sie sich kennen,
sie heiraten, ziehen in ein deutsches Dorf,
sehen ihre Kinder aufwachsen und ihre Eltern sterben.
Ein ganzes Leben lang suchen sie die passenden Worte
für eine Zeit, über die nie jemand sprechen wollte.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Diese wenigen Zeilen auf dem Buchrücken nehmen nichts vorweg und sagen viel. Sie stecken den Rahmen ab, den sich die Autorin selbst gesteckt hat, thematisieren das Unaussprechliche in der Beziehung zweier Menschen und lassen uns den Stil fühlen, in dem „Schnell, dein Leben“ uns mit dem Vergangenen und dem Heute konfrontiert. Es ist ein sprachlicher Rhythmus, der schnörkellos und präzise Spuren hinterlässt. Wie mit einem paradoxen Zeitraffermodus wird man durch die Leben zweier Menschen im Lauf ihrer Geschichte getrieben, während eine langsame Tonspur dieses Kopfkino mit zarten und melancholischen Gefühlsmelodien begleitet.

„EIN SOMMER… Im Sommer fährst du zu deiner Familie zurück. Deine jüngeren Geschwister sind noch in der Schule, die Älteste schon im Beruf. Am liebsten gehst du allein auf Bergkämmen entlang, mit Sicht in tiefe Täler, Himmel, Felsen, Wiesen, Wasserfälle, die Pracht der Farben, diese vertraute Welt umarmt dich, wärmt dich, trinkt dich, singt dir Friedenslieder, Lebenslieder.“

Sylvie Schenk schreibt aus der „Stell-Dir-vor-Perspektive“ und erzeugt beim Leser eine unglaubliche Nähe zu Louise, dem Kind, der jungen Frau und der rückblickenden Mutter, zu deren Wegbegleiter sie werden. Stell Dir vor… Mit diesen Worten saugt sie ihre Leser auf, identifiziert sie mit einem Mädchen, das in den französischen Alpen die ersten Schritte in ein selbstbewusstes Leben macht. Ein Leben im Frieden zwar, jedoch am Rande der Verwerfungslinie zwischen Arm und Reich, tradierten Frauenbildern und gekennzeichnet von den Konventionen einer moraltheologischen Schulausbildung.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Der Blick schweift über die eigene französische Großfamilie, spiegelt, interpretiert, wertet, wächst und schärft sich. Wird erwachsen, erreicht die Grenze des Tellerrandes und erreicht erstmals andere Augen, die vor Liebe strahlen, wo vielleicht nur Begehren ist. Mit diesem Blick wandern wir durch die Zeit. Louises Augen sind die ihrer Leser und gemeinsam verfängt man sich im Blick von Johann. Ein Augenblick, der alles verändert. Ein Augenblick, der Louise mit allen Konventionen brechen lässt. Ein deutscher Blick. Hin- und hergerissen. So läuft das Leben weiter. Zwischen den Stühlen zweier Familien als Grenzgängerin einer viel zu früh geliebten Aussöhnung findet sich Louise zwischen den Fronten, deren Gräben niemals verschüttet waren.

Geheimnisse und nie ausgesprochene Wahrheiten, Ressentiments und Vorbehalte sind Eckpfeiler einer Liebe, die sich in der Nachkriegsgeneration zu beweisen hat. Es ist schmerzhaft, Louise auf ihrem Weg zu folgen. Der Zeitraffer hinterlässt Spuren und das Tempo der Geschichte vermittelt ein Gefühl dafür, dass sich manchmal ein Leben schneller entwickelt, als die Welt, die sich langsam dreht. Louises Bekenntnis wird auf harte Proben gestellt. Der Leser ist und bleibt auf ihrer Seite, weil sie zu differenzieren weiß. Schuld und Verantwortung sind zwei Paar Schuhe.

Louise entdeckt das Schreiben. Sie reflektiert und romantisiert. Sie hofft und bittet um Einsicht, wehrt sich gegen eifersüchtige Eingriffe in ihre Privatsphäre und verteidigt ihre Liebe. Stell dir vor. Es sind diese Worte, die der Dynamik dieser Geschichte eine ganz persönliche Dimension verleihen. Versöhnung zwischen Staaten und Nationen ist nicht das Ziel der jungen Frau und werdenden Mutter. Die Liebe gilt es zu retten, und so dies gelingt, darf sie gerne Zeichen setzen. Als das letzte Geheimnis gelüftet wird, zeigt sich, was sie wert ist. Diese Liebe. Und der Leser fragt sich selbst Stell dir vor…

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

„Alle Buchstaben in diesem Roman setzen sich
zu einem einzigen fruchtbaren Begriff zusammen:
la réconciliation, die Versöhnung.“

Dies schreibt Sylvie Schenk über ein Buch, das Louise in der Schule liest. Dieses Prädikat verdient ihr eigenes Buch. Menschlich, humanistisch und gänzlich vorurteilsfrei rast die Geschichte mit ihren Lesern durch die Zeit. Ein Rückblick, der schmerzt, hoffen lässt und desillusioniert. Familien zweier ehemals verfeindeter Länder haben sich nicht immer viel zu erzählen. Viel mehr haben sie voreinander zu verbergen. Diese Mauer zu durchbrechen ist schmerzhaft und schwer. Besonders dann, wenn man die Wahrheit zu spät erkennt.

Sylvie Schenk schreibt vielleicht autobiografisch. Ihr „Stell dir vor“ gilt vielleicht ihr selbst. Dem Rückblick auf eine Zeit, die sie selbst erlebte. Sie schützt ihre Privatsphäre durch die gewählte Erzählperspektive und erlangt so die Freiheit, in die Tiefe zu gehen, ohne dabei selbst zu versinken. Distanz ist lebensrettend im Erzählen. Der Zeitraffer als Stilmittel blendet nichts aus, er vernachlässigt nicht und lässt kaum Fragen offen. Leser fühlen sich direkt angesprochen. Man kann niemanden zum Lesen zwingen. Man kann Verständnis nicht einfordern. Sylvie Schenk jedoch gelingt es, Empathie zu erzeugen, weil sie ihre Leser zu den Hauptdarstellern der künftigen Geschichte macht.

Silvie Schenk könnte als Spätberufene bezeichnet werden. „Schnell, dein Leben“ ist ihr erster Roman, der in Deutschland veröffentlicht wird. Der Zeitraffer steht nie für die Karriere von Autoren. Manches braucht seine Zeit und manchmal braucht auch die Zeit selbst ihre Zeit, bis sie reif ist. Jetzt ist es an der Zeit für Sylvie Schenk! Ihr Weg zurück in die gemeinsame Vergangenheit ist Rückblick und Warnung zugleich:

„Jederzeit können sich die Fronten ändern, dass die Vollgefressenen irgendwann selbst zu Elendsgestalten werden.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Ich freue mich schon sehr darauf, Sylvie Schenk auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich habe viele Fragen zu einem Buch, das mich völlig überzeugt hat und werde das Gespräch sicher nicht im Zeitraffer führen. Hier geht es zum PodCast.

Sylvie Schenk - Das Buchmesse-Interview...

Sylvie Schenk – Das Buchmesse-Interview…

„Smith & Wesson“ – Im freien Fall mit Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Womit haben wir es zu tun, wenn wir von kreativem Schreiben sprechen? Womit haben wir es zu tun, wenn wir den Akt der Wortschöpfung derart überhöhen, dass sich schon aus dem Adjektiv ein Prädikat ergibt? Ist nicht jede Form unseres Schreibens in sich kreativ, da immer wieder aus der Fantasie unseres menschlichen Geistes heraus Neues entsteht? Ist nicht jedes Buch die Manifestation eines kreativen Prozesses? Ist nicht auch diese Rezension kreatives Schreiben, weil sie die zuvor erbrachte kreative Leistung des Schriftstellers mit neuen Worten reflektiert?

Was aber, wenn ein Schriftsteller kreatives Schreiben lehrt? Was ist, wenn ihm ein Ruf vorauseilt, der ihn von vielen Meistern ihrer Kunst unterscheidet? Wie lehrt er, was lehrt er und wie groß muss der Druck auf den Lehrenden sein, mit eigenen Werken den Schülern unter die Augen zu treten und kraftvoll zu schreien: „So geht das…„? Wo findet Kreativität ihre Grenzen? Wann beginnt die Gratwanderung zu einer einsamen Reise in die Welt der Literatur zu werden? Fragen, die nur einer beantworten kann.

„Weil es ein Traum ist. Ein Traum, den schon viele geträumt haben.“

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Smith & Wesson und Seide von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco. Er ist dies alles in einer Person. Meister, Autor, Lehrer. Sein Schreiben gilt als die literarische Blaupause geballter kreativer Wortkunst. Ihm gelingt es immer wieder, Romanbilder, Wortmelodien, Textrhythmen zu komponieren, die eine ganz eigene Sprache sprechen und meine Wahrnehmung für die Schönheit von Texten nachhaltig verändern. Für einen Schriftsteller seines Formats ist Schreiben mehr als nur das Mittel zum Zweck. Er will nicht nur Geschichten erzählen.

Sein Schreiben ist experimentell, stilprägend und avantgardistisch. Seine Bücher gehören zur Haute Couture der Literatur. Nur, dass man sich seine Bücher leisten kann Was man von den Mode-Kreationen der Pariser Laufstege nicht behaupten kann. Wer jemals „Seide„, „Novecento“ oder „Mr. Gwyn“ aus seiner Feder las, versteht wie gut diese kreativen Wortgeflechte in unsere oftmals mehr als stereotype Lesewelt passen. Sie schmiegen sich an unser Lesen an und senden elektrisierende Schlüsselreize des Neuen und Ungelesenen.

„Worte sind kleine, höchst präzise Apparaturen, glauben Sie mir, wenn einer sie nicht zu benutzen weiß, sollte er sie nicht benutzen, es ist besser für alle, wenn er sich damit begnügt, das zu bleiben, was er ist, nämlich ein wildes Tier…“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson ist der neueste Kreativschub aus dem Literatur-Atelier dieses großen italienischen Avantgardisten. Eine schmale Geschichte, die im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist und sich dadurch auszeichnet, eigentlich gar nicht schmal zu sein. Auf ihren zarten 111 Seiten wartet sie mit einer verlockenden Grundidee auf ihren Leser, umschmeichelt ihn mit zarten Klängen des Erinnerns, überrascht auf jeder Seite durch Inspirationen, die auszuufern scheinen, ohne dabei jemals den Erzählraum auch nur für einen kleinen Moment zu verlassen.

Baricco entführt uns an die Niagarafälle und macht uns im Jahr 1902 mit zwei ganz besonderen Männern bekannt, deren Namen nicht nur diesen Buchtitel zieren, sondern Assoziationen wecken, die weit über das zu lesende Buch hinausgehen. Hier wirken die Namen bereits wie die Patronen aus der gleichnamigen Waffenschmiede, nur dass die beiden Protagonisten dieses Romans nichts, aber auch gar nichts mit jenen Herren zu tun haben, deren Namen zur Marke für Feuerwaffen wurden. Smith & Wesson. Bis auf eine Kleinigkeit haben sie nichts gemeinsam: Eine gewisse Explosivität der Gedanken.

Smith: Wie überaus schade.
Wesson: Sowas, zum Henker…
Smith: Wirklich Wesson, wie dieser Mensch?
Wesson: Smith, wirklich Smith, Smith?

Smith: Na gut.
Wesson: Wir erzählen das besser nicht überall herum.
Smith: Es könnte eine Lösung sein, sich mit Vornamen anzusprechen.
Wesson: Sehr gut.

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Schon hier spürt der Leser die überraschende Struktur des Romans. Wie für das Theater geschrieben, unterbrechen „unverbindliche“ Regieanweisungen das Lesen und zeigen dabei deutlich auf, wie Baricco seine Geschichte gerne im Herzen seiner Leser verankert sehen würde. Es ist grandios, sich hier auf das Bühnenstück am Rande der Niagarafälle einzulassen und die Charaktere zur Entfaltung zu bringen. Smith, der mit fast allen Wassern gewaschene Meteorologe, der auf skurrile Art und Weise das Wetter voraussagen kann und Wesson, der Leichenangler, der die Karte der Wasserfälle im Kopf hat und die Selbstmörder der letzten Jahre aus dem Fluss fischte.

Diesen beiden eher trostlos schrägen und verträumten Abenteurern schließt sich die Journalistin Rachel an, die auf ihrer Suche nach der großen Story am Wasserfall fast verzweifelt. Drei im Leben gescheiterte Individualisten machen den Kassensturz ihres Lebens und neben ein paar Dollarscheinen bleibt eine bittere Erkenntnis:

„Jetzt fasse ich zusammen: Wir hatten große Erwartungen an das Leben und wir haben nichts zustande gebracht, wir sind dabei, ins Nichts abzurutschen, und das tun wir am Arsch der Welt in einem miesen Loch, wo ein herrlicher Wasserfall uns jeden Tag daran erinnert, dass Erbärmlichkeit eine Erfindung der Menschen ist und die Großartigkeit der normale Lauf der Welt.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - Abwärts in den Strom

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – Abwärts in den Strom

Doch anstatt sich gegenseitig zu erschießen, fassen sie einen Plan, der nach dem Kassensturz einen anderen Sturz zur Sprache bringt. Einen Sturz, der sie mit nur einem Schlag weltbekannt machen wird. Die furiose Idee schweißt drei Menschen zusammen, die nun aufeinander angewiesen sind. Der große Coup nimmt Formen an. Baricco hat seine Leser fest im Griff. Die Sympathien gehören seinen Figuren und man beginnt, so wie er es sich wohl gewünscht hat, die Dialoge laut zu lesen. Regieanweisungen des Meisters.

Smith & Wesson“ ist eine ganz kleine Geschichte über Freundschaft und Liebe. Wie kaum einem anderen Schriftsteller gelingt es Alessandro Baricco durch sein feines und wohldosiertes Schreiben, durch seine Melodie und die Zartheit seiner Wortbilder, alles auszublenden, was unwichtig ist. Die Charaktere entwickeln sich miteinander und aneinander. Was so entsteht, ist der melancholische Abgesang auf das Scheitern und eine Hymne auf die Unverwüstlichkeit des Menschen.

Diesmal gelingt es Alessandro Baricco, seine Leser sehr emotional die Niagarafälle hinunterzustürzen. Kreatives Schreiben ist dann in Vollendung vollbracht, wenn man bei einem Satz weint, der in sich gar kein Tränenpotenzial birgt. Ihr werdet weinen, wenn ihr erfahrt, warum Smith & Wesson am Ende der Geschichte…

„… mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern ziehen.“

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Smith & Wesson von Alessandro Baricco

Alessandro Baricco, Mr. Rail und AstroLibrium – Hier und in meinem Archiv

Neu aus seiner Feder: „Die junge Braut

Smith & Wesson von Alessandro Baricco - AstroLibrium

Smith & Wesson von Alessandro Baricco – AstroLibrium – Ein Lesensweg

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Eifersucht ist ein mächtiges Gefühl. Nagende Selbstzweifel, bohrende Fragen, Angst vor Enttäuschung und das drohende Damoklesschwert, sich nach außen zu blamieren, setzen Gefühlswallungen und emotionale Irritationen frei, die ihresgleichen suchen. Es ist sicher nicht gewagt zu behaupten, dass gerade Frauen empfänglich sind für diesen emotionalen Wirbelsturm. Ich könnte ja ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, aber das ist eine andere Geschichte. Eine gute allerdings… (weiterhören?)

Mit nur einem Klick zur Radio-Rezension - Hören Sie gut

Mit nur einem Klick zur Radio-Rezension – Hören Sie gut

Eifersucht bedient sich in der heutigen Zeit einiger Hilfsmittel, die wie ein Ventil in der Lage sind, das Gefühlschaos in die weite Welt zu tragen. Von Überwachung bis hin zur üblen Nachrede hinter vorgehaltener Hand reicht das Spektrum, wenn es gilt, seine Eifersucht so richtig auszuleben. Man nehme ein Beispiel. Der Geliebte steigt zu einer völlig fremden Frau ins Auto und verschwindet ohne Abschiedsworte mit ihr ins Nichts. Was passiert?

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Die Technik schlägt zu. WhattsApp beginnt seinen Dienst zu verrichten. Eine Flut von Nachrichten, Vorwürfen und Fragen erreicht den auf der Flucht befindlichen Mann. Die blauen „Ich habe gelesen-Häkchen“ zeigen der Verschmähten sofort an, ob die Texte gelesen wurden. Und sollten diese Häkchen stumm bleiben, geht es eben mit anderen Medien weiter. SMS, Telefonate dienen der inneren Klammerbewegung. Facebook und Instagram machen den Zweifel erstmals öffentlich und hintergründige Gruppenchats mit gemeinsamen Freunden werfen die Klatsch- und Tratsch-Maschine an. Und wenn alles nichts hilft, dann erfolgt die Rache mit allen verfügbaren High-Tech-Mitteln.

Die Dame von heute zelebriert ihre Eifersucht im Format 2 Punkt Null.

Wie war dies früher? Wie konnte sich Eifersucht ihren Weg bahnen, als es diese Kommunikationswege noch nicht gab? Eifersucht im Wandel der Zeit kann ein mehr als interessantes Thema sein, besonders wenn man ein literarisches Werk zurate zieht, das hier als echter Meilenstein betrachtet werden kann. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frauvon Constanze de Salm beschreibt das Dilemma des plötzlich verschwindenden Geliebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und aus dem bereits oben genannten Beispiel müssen wir nur einige Parameter dezent verändern, um den Verlust im richtigen situativen Kontext verstehen zu können.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Wir streichen das Auto und ersetzen es durch eine Kutsche, in der sich die Flucht des Geliebten mit einer fremden Frau vollzieht. Wir ersetzen die HightTechWelt unserer sozialen Medien durch einen Bogen Briefpapier und einen Stift und billigen der soeben Verlassenen das komplette Gefühlspaket der Eifersucht zu, wie wir sie auch heute noch kennen. Und dann beobachten wir die Dame dabei, wie sie in vierundzwanzig Stunden unzählige Briefe an die verloren geglaubte Liebe ihres Lebens schreibt. Briefe, auf die sie niemals eine Antwort erhält.

Statt auf WhattsApp muss sie sich auf den treuen Diener Charles verlassen, der ihre Briefe zu übergeben hat. Und wie das nervöse Warten auf die Lesebestätigung auf unserem Smartphone frisst sich die Wartezeit auf Charles ins Gemüt der Dame, die so dringend auf ein Lebenszeichen ihres Geliebten wartet. Die Botengänge jedoch bleiben erfolglos. Wo heute Handys besetzt sind, SMS zwar gesendet, jedoch nicht empfangen werden und sich der WhattsApp-Haken nicht blau verfärbt, findet der Diener niemanden vor, dem er die Briefe übergeben kann. Die Eifersucht bekommt krankhafte Schübe.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Heute wie früher ist die gefühlte Isolation die wahre Triebfeder der Eifersucht. Es sind die bedrohlichen Gedanken, Spekulationen und das eigene Ego, die unkalkulierbar und selbstzerstörerisch wirken. Gefühlstaumel entstehen dann, wenn Nachrichten nicht ankommen, ignoriert werden und die eigene Fantasie Bilder erzeugt, die bestimmt jeder Grundlage entbehren. Der Verstand setzt aus. Und die eruptiven Wellen der Eifersucht verursachen emotionale Automatismen, gegen die man nur schwer angekämpfen kann. Constance de Salm gelingt in ihrem Briefroman ein literarisches Meisterwerk in kleinem Maßstab, da sie die Perspektive ihrer Protagonistin zum absoluten Erzählraum erhebt.

Enge, Abschottung und das Fehlen von Informationen sind Brandbeschleuniger für die verzweifelte Frau. Ihre Eifersucht bahnt sich wortreich einen Weg in ihre Briefe, die ihren Adressaten nicht erreichen. Verzweiflung löst unterschiedliche Szenarien aus, die typische Verlaufsmuster der Eifersucht sind. Selbstzweifel, Drohung, Hass, Vergebung, grenzenlose Unterwerfung, Auflehnung, Rache, Selbstzerstörung, Vertrauensbruch und der Weg an die Öffentlichkeit. All dies lässt sich auch heute noch beobachten. Als dann auch noch ein Mann auftaucht und der leidenden empfindsamen Frau seine tiefen und verborgenen Gefühle gesteht, geht das Gefühlskarussell erst richtig los.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Eine Lektion in Sachen Eifersucht erteilt die Autorin nicht nur ihren Lesern. Auch sich selbst scheint sie zeigen zu wollen, wie Frau tickt, wenn alle Dämme brechen. Die einzelnen so entstehenden Briefe gleichen dem Psychogramm einer verletzten Seele, die in ihrer Hilflosigkeit alle Wechselbäder der Eifersucht durchlebt. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau, erschienen bei Hoffmann und Campe, ist zeitlos und überzeugt in der Selbstbetrachtung der Protagonistin zutiefst.

Die Eifersucht hat sich nicht geändert. Ihre Ventile sind in der heutigen Zeit sicher facettenreicher und vielfältiger. Letztlich jedoch helfen sie nichts. Der innere Schmerz wird nicht gelindert. Einsamkeit und enttäuschte Gefühle müssen sich ihren Weg nach draußen bahnen, bevor das selbstzerstörerische Element dominant wird. Das versteht man von Brief zu Brief mehr. Die Spirale der Verunsicherung dreht sich weiter und es ist nur der Autorin zu verdanken, dass am Ende aller Briefe nicht das Ende einer Liebe steht. Ein überraschendes Ende, das vom Leben geschrieben sein könnte.

24 Stunden dauert der Tag der Ungewissheit. Ein Tag, den auch wir zum Lesen des Romans benötigen. Ein Tag, der in Erinnerung bleibt. Literatur pur.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Wann haben Sie zuletzt beim Lesen geweint?

Ich meine hier das gerührte Weinen, nicht das verzweifelte oder wütende. Ich meine das Weinen, das sich einstellt, wenn eine Geschichte in die letzten Fasern des Herzens eindringt, sich des ganzen Lesers bemächtigt und begleitet von eruptiven Wellen eines sehnsüchtigen Schluchzens einen Weg an die Oberfläche sucht. Ein Weinen, das man nicht unterdrücken kann, egal wie sehr man es auch versucht.

Dieses glückliche Weinen, das alles relativiert und in aller Deutlichkeit beweist, dass nicht nur der Kopf, sondern eben auch das Herz von einem Buch erobert wurde. Wann ist Ihnen das zuletzt passiert? Können Sie sich noch daran erinnern? War es zuhause? Ist es in aller Öffentlichkeit passiert? Hatten Sie das Buch noch in der Hand? Flossen die Lesetränen erst auf der letzten Seite oder gab es vielleicht dieses Weinen, das sich erst Tage später zeitversetzt seinen Weg bahnte?

Darf man diese Tränen als romantisches Buchweinen bezeichnen? Sicherlich! Ich bin fest davon überzeugt! Es ist wie im Kino, bevor der Vorhang fällt und das Licht den Saal mit sanfter Helligkeit flutet. Verstohlenes Schluchzen, Taschentücher, die schnell verschwinden und dezentes Schniefen zeugen davon, dass viele Herzen zur gleichen Zeit in aller Sanftheit berührt wurden. Was jedoch im Kino kalkulierbar im Dunkeln vor sich geht, ist beim Lesen eine Gratwanderung sondergleichen. Das Lesen ist bei Licht besehen nichts für geheime und verstohlen geweinte Tränen.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Sie können sich nicht mehr an die letzten Lesetränen erinnern? Sie träumen aber davon, dieses wundervolle Gefühl noch mal zu erleben? Sie wünschen sich ein Buch, das ohne Mord, Gewalt und Misshandlung auskommt? Eine Geschichte, die mit einem Ende endet, das seinen Namen verdient? Ein wirkliches Ende, von dem man einfach sagen kann, es sei „SCHÖN“ gewesen? Ja. Davon träume ich oft und ich genieße die wohlige Melancholie, die sich in mir ausbreitet, wenn ich ein Buch entdecke, das mich vor purem Glück weinen lässt.

Lesetränen sind geschlechtslos. Nur um das hier klarzustellen. Sie haben nichts mit Kitsch oder seichter Unterhaltung zu tun. Es ist nicht unmännlich, sich seinen Gefühlen hinzugeben, wenn man in einem Buch versunken ist. Und es ist nicht typisch weiblich, wenn am Ende eines Buches die Rührung um sich greift. Es ist menschlich, Gefühle zu zeigen und zuzulassen. Es ist ein zutiefst menschliches Privileg, sich von Worten dazu verführen zu lassen, Gefühle zu zeigen. Eine der wahren Stärken der Literatur. Und die große Stärke von Lesern, die ich hier als offenherzig bezeichne. Im wahrsten Wortsinn.

Der Roman, den ich heute im Zustand des Lese-Glücksgefühls vorstellen möchte hat nah am Wasser gebaut. Zumindest, wenn man dem Titel Glauben schenken mag. Fünf Viertelstunden bis zum Meer. Das ist nicht weit weg vom Wasser. Zumal sich diese Zeitangabe auf den Fußweg zum Strand bezieht, den man nicht unbedingt allein gehen muss. Ernest van der Kwast, der niederländische Autor mit indischen Wurzeln, hat einen Erzählraum gestaltet, der sich seinen Lesern auf ganz genau 96 Seiten und in wertig verarbeiteter gebundener Form öffnet. Und damit ist auch schon klar, dass man zum Lesen dieser Geschichte ebenso lange benötigt, wie man bräuchte, um den Strand von San Cataldo, am Stiefelabsatz Italiens, zu erreichen. Fünf Viertelstunden.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Wir lassen den Zweiten Weltkrieg kurz hinter uns und folgen den Brüdern Ezio und Alberto Ortolani ans Meer. Züchtig ging es im Juli 1945 an Italiens Küste zu und doch erhofften sich die beiden Brüder bei der Beobachtung der badenden jungen Frauen den ein oder anderen gewagten Einblick. Nur aus diesem Grund waren sie hier. Doch allzu viel bekamen sie eigentlich nicht zu bestaunen.

„Es gab nicht viel zu sehen, die Badeanzüge waren aus einem Stück… Aufregend waren die Momente, in denen eine Frau sich vorbeugte… oder aus dem Meer kam und vor den Wellen her auf den Strand lief.“

Bis das Unfassbare geschah und SIE das Wasser verließ und den Strand betrat.

„Und dann sah er sie zum ersten Mal, doch seine Augen begriffen nicht, was sie sahen. Mehr als eine Minute verging, bevor er sagte: Ich sehe einen Nabel! In der Brandung stand Giovanna Berlucchi. Unnahbar. Unwahrscheinlich schön. Gerade einmal zwanzig war sie und hatte langes, dunkles Haar, das sie immer offen trug.

Als Giovanna in ihrem zweiteiligen Badeanzug über den Strand von Cataldo ging und die Luft ihren Nabel streichelte, verzauberte sie Ezio Ortolani für sein ganzes Leben.“

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Genau das ist es, was Ezio widerfährt. Der ersten unbeholfenen Annäherung folgt der erste ebenso unbeholfene Kuss. Diesem Kuss folgt das Erwachen zweier Körper, das Begehren, die Erfüllung. Und doch stehen sich zwei junge Menschen gegenüber, deren Leidenschaft nicht konträrer verlaufen könnte. Ezio, der Giovanna am liebsten auf der Stelle heiraten würde und Giovanna, die ihr Leben ohne Bindung genießen will.

Das Leben trennt, was niemals hätte getrennt werden dürfen. Die Sehnsucht bleibt. Ernest van der Kwast entführt seine Leser auf eine Gefühlsreise durch die Zeit. Zwei Sichten auf zwei Leben. Auf zwei Lebensentwürfe, die immer weiter auseinanderdriften. Ezios Versuch, in der Mitte seines Lebens wieder zu Giovanna zu finden. Giovanna, die immer dann an Ezio denkt, ihn fühlt, ihn riecht und schmeckt, wenn das eigene Leben zu entgleiten droht. Eine Sentimental Journey der Sehnsucht, des Scheiterns und der nie enden wollenden Hoffnung.

Ernest van der Kwast schreibt italienisch. Seine tiefen Sprachbilder sind durchflutet von Sonne und Meer. Fluchtsequenzen, Trennungsszenen und Wunschträume lesen sich wie Wort gewordenes Herzflattern und das lebenslange Gefühl, etwas verloren zu haben wird auf jeder Seite des Romans greifbar. Selten hat Liebe auf so wenig Raum so viel Raum eingenommen. Man verliert niemals die Hoffnung, dass zwei Menschen die in ihrem tiefsten Inneren so sehr füreinander bestimmt zu sein scheinen, sich auch finden.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer ist mehr als nur ein Sehnsuchtsroman. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die zeitlose Relevanz von Liebe. Jeder Satz so zart und gefühlvoll, wie die erste Leidenschaft, jedes Aber so schmerzhaft und vernichtend, wie ein letzter Kuss. Jede Hoffnung so betörend, wie der Blick ins Paradies. Jede Zeile der Briefe, die sich Ezio und Giovanna im Lauf der Jahre aus ihren Herzen schrieben so schmerzhaft schön, dass man sie nie vergisst.

Und dann nähert sich Ernest van der Kwast einem Ende an, das schon auf Seite 8 seines Romans beginnt:

„Der Brief kam ohne Düfte. Der Bewohner von Nummer 5b erhob sich von seinem Stuhl und ging zur Haustür. Er bückte sich und hob den Brief vom Dielenboden auf. In einer weiblichen, runden Handschrift stand sein Name auf dem Umschlag: Ezio Ortolani.“

Dieser Brief katapultiert Ezio in eine längst vergangene Zeit. Mit fast allem hatte er gerechnet, nur nicht mehr damit. Ezio Ortolani ist 84 Jahre alt, als ihn dieser Brief von Giovanna erreicht. Ist es zu spät? Hat Liebe eine zeitliche Begrenzung? Ist Liebe eine Frage von Äußerlichkeiten und strahlender Jugend? Ist Liebe sterblich oder zeitlos? Sie sollten Ihr Lesen in die Hände von Ernest van der Kwast legen und am besten Ihr Herz noch dazu. Er wird Sie nicht enttäuschen. Das kann ich Ihnen versprechen!

„Ich habe so oft versucht, Dir nicht zu schreiben!“

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide - Lebensbücher

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide – Lebensbücher

PS: Ich kann Fünf Viertelstunden bis zum Meerin seiner zarten Verführungskraft nur mit Seide von Alessandro Baricco vergleichen. Beide Romane sind Blüten der Literatur, in kurzer Zeit gelesen, ewig unvergessen und niemals verblühend.

PPS: Das kleine gebundene Buch vom Mare Verlag ist seine 18 Euro wert. Jede Seite dieses Buches hat seinen Wert. Gerade Lebensbücher sollten die Zeit überdauern. Da ich aber weiß, dass die Kaufentscheidung oftmals auch vom Preis bestimmt wird, habe ich hier noch einen guten Tipp, der nur mit ein wenig Wartezeit verbunden ist.

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ erscheint schon am 8. August als Taschenbuch im btb Verlag. Für den Preis eines gebundenen Buches bekommt man auf diese Weise zwei Taschenbücher. Eines für das eigene Lesen und eines zum Verschenken an einen wichtigen Menschen. Wie man hier sehen kann

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide - Hardcover und Taschenbuch

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Hardcover und Taschenbuch

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