Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde - AstroLibrium

Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

Es sind vier apokalyptische Reiter, die Maja Lunde ins literarische Gefecht wirft, um einerseits unser ökologisches Gewissen aufzurütteln und andererseits Geschichten zu erzählen, die bewegen und fesseln. Maja Lunde ist keine Trittbrettfahrerin der aktuellen Klimadebatten. Sie ist vielleicht sogar eine der Vorreiterinnen, wenn es darum geht, im Kontext brillant erzählter literarischer Stoffe das Thema Umwelt in den Mittelpunkt ihres Schreibens zu stellen. „Die Geschichte der Bienen“ sorgte bereits 2017 für Aufsehen. Sie beschrieb nicht nur die Folgen des Bienensterbens für die gesamte Menschheit. Sie konstruierte zum ersten Mal eine Geschichte auf drei Zeitebenen, die uns verdeutlichte, wo die Fehlentwicklung begann, was wir heute davon wahrnehmen und wie sich dieser Trend in der Zukunft auswirken würde.

Die Geschichte des Wassers“ folgte dem Lunde-Prinzip. Man wusste, worauf man sich einließt, wenn man den Bienen bereits gefolgt war. Hier steht die Wasserknappheit im Zentrum des Romans. Zwei Handlungsstränge spiegeln unseren heutigen Umgang mit einer lebenswichtigen Ressource in die Zukunft und wir werden Zeugen einer mehr als verstörenden Flüchtlingsbewegung, die Menschen zu den letzten Regionen führt, in denen die Trockenheit noch nicht um sich gegriffen hat. Maja Lunde ist es gelungen, in beeindruckender Art und Weise ökologische Warnschilder in gut erzählten Geschichten aufzustellen und sie, ohne erhobenen Zeigefinger, einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Fridays for Future waren noch ein Fremdwort. Die Jugend der Welt hatte noch nicht begonnen, Schulen zu bestreiken und Greta Thunberg war noch ein junges Mädchen mit einer wundervollen Zukunft. (Ist sie heute noch, glaubt man dem größten Populisten mit präsidialer Machtvollkommenheit.)

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Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

Vier Bücher sollen zum Zyklus werden. Vier apokalyptische Reiter sollen eine Reihe ergeben, die uns Menschen in ihrer Zeit näherbringt. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges erzählt und uns dabei hilft, schon jetzt eine Position einzunehmen, die hilft, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das ist kein Mainstream. Das ist die beste Form des indirekten Lernens. Wen diese Geschichten kalt lassen, der schaltet auch heute im Fernsehen auf einen anderen Kanal, wenn von Klimaerwärmung, Artensterben und der Verantwortung der heutigen Generation für die Zukunft die Rede ist. Wir sind die letzte Generation, die es noch in der Hand hat, diese Erde zu retten. Carola Rackete hat sich dieses Statement nicht ausgedacht, um bekannt zu werden. Sie macht nur die gleichen Erfahrungen, wie Greta Thunberg. Sie werden beide durchs Dorf getrieben, als würden sie den Weltfrieden stören. Klimakonferenzen verpuffen im Nichts. Verantwortliche sind nicht zu finden und wir werden nur ganz langsam wach. Maja Lunde ist für mich mehr als nur eine Autorin mit viel Fantasie. Sie ist der literarische Wecker unserer Zeit. Es ist fünf vor Zwölf. Er schrillt. Wir sollten aufstehen.

Auch im dritten Roman dieser Reihe bleibt sich Maja Lunde treu. Sie erfüllt erneut die Erwartungen ihrer Leser und präsentiert ein Buch, das den Lunde-Faden aufnimmt und ihn weiterspinnt. Sie bleibt sich treu, indem sie eher indirekt über ökologische und umweltrelevante Themen schreibt. Sie erzählt die Geschichten von Menschen in einem Setting, das durch die sich verändernden Rahmenbedingungen gekennzeichnet ist. Es sind Veränderungen, die der Mensch verursacht hat. Wir haben uns die Natur Untertan gemacht. Wir haben sie verändert. Das wird in diesem Roman unfassbar deutlich. Wir sind schuld daran, dass „Die Letzten ihrer Art“ diese Bezeichnung tragen und um den Fortbestand der Art kämpfen müssen. Maja Lunde entführt uns im gestreckten Galopp in die wechselhafte Geschichte der letzten Wildpferde unseres Planeten. Dabei schlägt sie in vielfacher Hinsicht ein ungewöhnliches Kapitel ihres Schreibens auf.

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Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

Nach den Bienen und dem Wasser kommen nun die Pferde. Stellvertretend für alle vom Aussterben bedrohten Arten erleben wir sie in ihrem natürlichen Lebensraum und sehen Tiere vor uns, die als Triebfedern der Evolution zu sehen sind. Es sind Urpferde. Diejenigen Tiere, von denen alle heutigen Pferderassen abstammen. Widerstandsfähig und nahezu unverändert seitdem das ersten Fohlen das Licht der Welt erblickte. Heute finden sich nur noch wenige Exemplare in den großen zoologischen Gärten dieser Welt. Przewalski-Pferde, auch Thakis genannt. Sie sind „Die Letzten ihrer Art“, denen wir durch drei Handlungsstränge folgen dürfen und an deren Beispiel wir erkennen, wie der Mensch ihr Schicksal verändert hat.

Es sind mehr als drei Zeitebenen, in die uns Maja Lunde entführt. Und auch hier bleibt sich die norwegische Autorin treu. Sie erzählt die Geschichten von Menschen. Es sind erzählenswerte tief angelegte Lebensgeschichten, die jeweils mit den Pferden und ihren Leben verbunden sind. Wir befinden uns im zaristischen St. Petersburg der Jahre 1881 bis 1890. Hier lernen wir Michail kennen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat in die Mongolei zu reisen und einige der letzten Przewalski-Pferde einzufangen. Er sieht ihren Seltenheitswert und will sie in Zoos beheimaten, um Besucher anzulocken. Profit steht im Vordergrund der Expedition. Es ist der Handlungsstrang, in dem wir die Pferde in ihrem Urzustand bewundern dürfen. Noch bevor die Jagd auf sie alles verändert.

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Wir lernen Karin im Jahr 1992 kennen. Sie ist in der Mongolei, um einige der letzten Thakis aus zoologischen Gärten auszuwildern, um die inzwischen fast ausgestorbene Art wieder in freier Wildbahn anzusiedeln. Sie ist mit ihrem Sohn Mathias hier und die Mission der Wiederbelebung einer Art ist für sie zugleich eine Fluchtbewegung, um den eigenen Sohn aus der Spirale aus gescheiterter Ehe und Drogenkonsum zu retten. Ein Unterfangen, das in vielfacher Hinsicht auf der Kippe steht, weil die Tiere kaum noch in reinrassiger Form überlebensfähig sind und Karins Vergangenheit auf dem Gestüt des Nazi-Reichsmarschalls Hermann Göring, die Bombenangriffe auf Carinhall im Zweiten Weltkrieg und die Angst um die dort lebenden Przewalski-Pferde immer noch präsent ist.  

Und wir sind im Norwegen des Jahres 2064. Wenige der Thakis haben überlebt. Es sind die Letzen ihrer Art, die Eva und ihre Tochter Isa in einem kleinen Biotop gerettet haben. Jetzt scheint das gesamte Ökosystem zu kippen und sie stehen vor der großen Entscheidung, die Tiere freizulassen und sie damit zu Opfern der Jäger zu machen, die das ganze Land nach Essbarem durchstreifen. Zwei Freuen, die am Scheideweg ihrer eigenen Existenz eine wegweisende Entscheidung treffen müssen. Maja Lunde knüpft aus den scheinbar losen und zeitlich versetzten Fäden eine komplexe Handlung, deren roter Faden in den Letzten ihrer Art zu finden ist. Nur der Mensch hat ihren Lebensraum verändert. Nur der Mensch hat eingefangen, gezüchtet, ausgewildert, manipuliert, Hand angelegt und in weiten Teilen wider die Natur gehandelt. Hier wird Maja Lunde deutlich, wenn sie aufzeigt, wie wenig wir in der Lage sind, der Natur ihren freien Lauf zu lassen.

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Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

Ihr Roman ist eine Gratwanderung zwischen Erkenntnis uns Abscheu. Sie öffnet uns die Augen für die Konsequenzen eines jeden Eingriffs in die Natur. Maja Lunde hat uns entlarvt. Sie schreibt in „Die Letzten ihrer Art“ über Geburten und Tod. Sie schreibt über Gnadentod und das Schlachten. Sie weicht alle Grenzen auf und zeigt, dass auch der Mensch nur ein Lebewesen ist. Vielleicht bald das Letzte seiner Art. Es ist blutig, es ist brutal, was sie beschreibt. Es ist der Lauf der Dinge, den sie beschreibt. Vielleicht ist dieser Lauf nicht mehr umkehrbar. Vielleicht doch. Sie nimmt uns in die Verantwortung und scheint dabei schon zu wissen, dass wir wohl versagen werden. Ich will die Jahre 2041 in der Geschichte des Wassers, 2098 in der Geschichte der Bienen und 2064 im Norwegen der Letzten ihrer Art nicht erleben. Und ich will in diesen Jahren nicht als der Schuldige genannt werden, der es im Hier und Jetzt hätte verhindern können. 

Der dritte Roman dieses ökologischen Quartetts ist aus meiner Sicht der bisher stärkste, weil Maja Lunde einen Tabubruch begeht, der zu den grandiosen Momenten des Lesens und Hörens gezählt werden muss. Waren ihre Bücher bisher nur durch das gemeinsame Thema verbunden und konnte man sie unabhängig voneinander lesen, so verbindet sie „Die Letzten ihrer Art“ erstmals auch durch eine Protagonistin mit einem der anderen Bücher. Wer die kleine Lou aus der Geschichte des Wassers noch nicht vergessen hat, dieses kleine Mädchen auf der Flucht, den Durst, den es empfand und die unwirklichen Bilder von gestrandeten Segelschiffen mitten in Frankreich. Wer sich immer noch fragt, ob die kleine Lou es geschafft hat, der sollte sich wappnen, wenn er „Die Letzten ihrer Art“ liest oder hört. Hier hat Maja Lunde ihrem bisherigen Werk die Krone aufgesetzt. 2064. Norwegen. Eva und Isa. Sie sind nicht allein….

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Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

Ein Wort zum Hörbuch. Es sind sechs Protagonisten, die diesen Roman tragen. Jeder von ihnen kommt mit einer eigenen Stimme zu Wort. Ein unglaubliches Hörerlebnis, ein absolutes Ereignis und Sprecher und Sprecherinnen, die diesem Roman mehr als nur Leben einhauchen. Die Zeitsprünge werden hörbar. Die Charaktere sprechen uns hier direkt an und verweigern Unaufmerksamkeiten. Wir werden gezwungen zuzuhören. Es ist nicht möglich, am Ende zu sagen, wir haben nichts von alledem gewusst. Mir haben die Stimmen den Weg der Wildpferde gewiesen. Brillant besetzt und in einer Sprecherin manifestiert sich der Tabubruch der Autorin in spezieller Weise. Sie spricht jemanden, den ich von früher kannte, dem ich jedoch nie wieder zu begegnen glaubte:

Thomas Loibl liest Michail in den Jahren 1881 – 1890 in Petersburg,
Beate Himmelstoß ist die Karin des Jahres 1992 in der Mongolei,
Thomas M. Meinrad liest ihren Sohn Matthias aus Sicht des Jahres 2019,
Meike Droste liest Eva im Norwegen des Jahres 2064,
Susanne Schröder ist ihre Tochter Isa und last but not least
Katja Bürkle spricht Louise… (was für ein großer Moment in diesem Hörbuch)

Nun steht der vierte und letzte Roman des Zyklus aus. Ich kann es kaum erwarten. Maja Lunde in der kleinen literarischen Sternwarte: Herzlich willkommen

Lesenswerte Rezension: Auf the lost art of ceeping secrets verrät Eva, wie es bald weitergeht…

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Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

„Die Letzten Ihrer Art“ von Maja Lunde
Buch: btb Verlag / 640 Seiten / Hardcover / dt. von Ursel Allenstein / 22 Euro
Hörbuch:
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 Std. 40 Minuten / 2 MP3-CDs / 22 Euro

„Die Geschichte des Wassers“ von Maja Lunde

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Ich höre noch immer das Summen der Bienen, denke sehr oft an die Konsequenzen ihres Aussterbens, vernehme Warnungen, die ungehört verhallen und kann einfach die kleine verendete Biene auf dem Cover von Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ nicht vergessen. Zu eindringlich war dieses Buch, zu intensiv wurde mir vor Augen und Ohren geführt, was doch bitte niemals Realität werden sollte. Das große Bienensterben hat bereits begonnen und doch hat vielleicht gerade dieser Roman mehr bewirkt, als so manche TV-Dokumentation. Maja Lunde ist es gelungen, das bedrohliche ökologische Thema so zu verpacken, dass es eine sehr heterogene Zielgruppe erreicht. Ein Roman, der nicht alleine stehen soll, geht es nach der norwegischen Erfolgsautorin. Sie hat den Bienenstock hinter sich gelassen und erzählt uns jetzt „Die Geschichte des Wassers“.

„Ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte,
eigentlich müsste sie Wasser heißen.“

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Von vier Romanen ist inzwischen die Rede, wenn Maja Lundes ökologischer Zyklus zur Sprache kommt. Die vier apokalyptischen Reiter kommen mir in den Sinn. Vorboten des Weltuntergangs. Es war Albert Einstein, dem das Zitat „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben“ zugeschrieben wird. Der erste Reiter der Apokalypse ist auf seinem Schlachtross durch unser Lesen getrabt und hat tiefe Spuren hinterlassen. Und wenn Maja Lunde jetzt über Wasser schreibt, ist es völlig klar, dass ihr zweiter Reiter wie eine Flutwelle an unseren Gestaden anlanden wird, nur um Dürre zu verbreiten. Brandaktuell ist das Thema. Ebenso aktuell, wie das Aussterben der Bienen. Und doch nehmen wir es nur am Rande wahr.

Kapstadt. Mehr muss ich nicht sagen. Die Wasserknappheit in der südafrikanischen Metropole führt schon jetzt dazu, dass man sein eigenes Wasser zum Friseur mitbringt, wenn man dort die Haare waschen lassen möchte. Sie führt dazu, dass man es danach in einem Kanister als Brauchwasser mit nach Hause nimmt, um die Toilettenspülung in Gang zu halten. Kein Problem der Unterschicht. Es trifft jeden. Und doch… was hat das mit uns zu tun? Drehen wir den Wasserhahn beim Zähneputzen zu und denken an jene Bewohner von Kapstadt? Springen wir nach vier Minuten aus der Dusche und waschen unsere Autos nur noch einmal im Jahr. Betrachten wir den Besuch einer Therme schon als Luxus und sparen uns Wasser für unsere Kinder vom Mund ab? Nein! Warum denn auch. Es fließt. Es ist billig und es ist im wahrsten Wortsinn im Überfluss vorhanden. Es ist nur Wasser. Also immer mit der Ruhe. Wasser und Bienen. Zwei Apokalypsen, zwei Botschafter des Untergangs, zwei Szenarien, die uns nicht betreffen. Punkt.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Maja Lunde räumt auch mit diesem Irrglauben auf. Die Geschichte des Wassers“ lässt kaum Spielraum für Fehldeutungen. Sie macht betroffen, obwohl Maja Lunde, wie bei den Bienen alles andere als ein Sachbuch präsentiert. Sie schreibt auch nicht über das Wasser an sich. Sie erzählt von Menschen. Sie erzählt Geschichten. Doch während ihr Bienenroman noch aus drei Erzählebenen bestand, die das Vor, Während und Nach dem Aussterben der fleißigen Bestäuber beschrieben, beschränkt sie sich nun mit zwei Handlungssträngen. Wir alle durchleben gerade die nicht vorhandene erste Ebene ihrer Geschichte. Wir erleben das Vor der globalen Wasserknappheit. Der Roman zeigt uns, wie es weitergeht, wenn wir wegschauen. Kapstadt wird zu Europa, Europa wird global und alles wird durch einen Mangel verbunden, den der Mensch kaum zu ersetzen weiß. Wasser.  

Und genau hier reißt uns Maja Lunde aus unseren Träumen. Sie beginnt im Jetzt. Sie erzählt die Geschichte der Umweltaktivistin Signe, die alle Klima-Veränderungen in ihrer Heimat, den norwegischen Fjorden am eigenen Leib erlebt, die in der Rückschau auf ihr fast siebzig Jahre währendes Leben all die Fehlentwicklungen mitbekommen hat und nun die Ausweglosigkeit erkennt. Dass ewige Eis der Gletscher wird zum Luxuseis der Schönen und Reichen, die ihre Gläser auf ein tolles Leben erheben. Die Natur wird zur Geisel der Menschheit. Flüsse werden begradigt, unterirdisch umgeleitet und Signe ergreift die wohl letzte Chance ihres Lebens, ein Zeichen zu setzen. Nicht nur für Natur und Umwelt, nicht nur für die Zukunft der Menschheit. Nein. Ein Zeichen, das zeigt, wie sehr ihr eigenes Leben vom Verrat, der Illoyalität und dem Egoismus von Menschen in ihrem engsten Umfeld geprägt war. Sie geht an Bord ihres Segelbootes und begegnet ihrem apokalyptischen Reiter auf ihrer Fahrt nach Frankreich. Die „Blau“ ist ihre Arche.

Die Geschichte des Wassers

Dieser Erzählstrang im Hier und Heute ist ein genialer Kunstgriff von Maja Lunde, weil sie uns damit verdeutlicht, dass unser gefühltes Vor der Katastrophe in Wirklichkeit das Während bedeutet. Wir wollen es nur nicht realisieren. Signes Geschichte allein ist schon in der Lage, uns zu wecken, Dinge zu sehen, die wir verdrängen. Unseren Blick zu schärfen und den belächelten Umweltaktivisten von heute mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Maja Lunde wäre aber nicht die Maja Lunde der Bienen und des Wassers, wenn sie nicht einen entscheidenden Schritt weitergehen würde. Ein Schritt der aus den offenen Augen nun mehr entstehen lässt. Sie beschreibt eine apokalyptische Vision in der das Wasser ebenso verschwunden ist, wie einst die Bienen des ersten Romans.

Hier lernen wir David und seine Tochter Lou kennen. Wir schreiben das Jahr 2041. Wir befinden uns in einem Land in dem Wasser nicht nur knapp, sondern umkämpft ist und ein Land, in dem die verzweifelten Menschen sich auf der Flucht befinden. Wobei die Flucht eher einer ziellosen Reise gleicht. Das Ziel „Wasser“ ist unerreichbar. David durchlebt mit seiner Tochter das Horrorszenario der Wasserknappheit, sieht den Sturz der Menschen in die Hoffnungslosigkeit und doch bleibt ihm keine andere Wahl. Nach der Trennung von seiner Frau und seinem Sohn bleibt ihm nur der Weg in die großen Flüchtlingslager, um zu suchen und zu überleben. Eine heillose Flucht. Verlust, Angst und Panik gehen Hand in Hand. Bis Vater und Tochter auf einem Streifzug auf etwas stoßen, das hier absolut fehl am Platz ist. Ein altes Segelboot mitten in Frankreich. Auf dem Trockenen.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Eine tote Biene und ein gestrandetes Boot zieren diese beiden Bücher von Maja Lunde. Die wertigen Printausgaben vom btb Verlag versprechen und halten viel. Beide Romane schmiegen sich aneinander und nähren meine Hoffnung auf ein ökologisches Quartett. Vielleicht geht es ja mit Luft weiter. Vielleicht auch mit einem apokalyptischen Reiter, den wir alle noch gar nicht auf dem Schirm haben. Maja Lunde überzeugt, weil sie ein brisantes Thema einer breiten Masse von Lesern ins Stammbuch schreibt. Wir können uns den Bienen und dem Wasser nicht entziehen. Das macht die Botschaft der Romane aus. In der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag kommen die zwei Erzählstränge alleine schon durch eigene Erzählstimmen zum Tragen.

Atmosphärisch verbreitet das mehr als achtstündige Hörbuch die Stimmung der Romanvorlage. Christiane Blumhoff ist so sehr Signe, dass es schmerzt zu erahnen, wie ihre letzte Mission endete und Shenja Lacher spricht seinen Zuhörern einen David in die Seele, der vor Sorge um das Überleben seiner Tochter sich selbst und all jene zu vergessen scheint, die ihm etwas bedeuten. Der Dialog der beiden Stimmen entspricht der Geschichte in herausragender Art und Weise. Ein brillantes Hörbuch, das uns eine Tür in eine Welt öffnet deren Teil wir heute schon sind. Wir wollen es nur nicht glauben. Maja Lunde sensibilisiert uns für unausweichliche Themen. Kein erhobener Zeigefinger und keine Besserwisserei in Buchform. Sie erreicht ihre Ziele indirekt. Durch die Brust ins Herz. Der intelligenteste literarische Hinterhalt, den ich bisher erlebt habe.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Nun kann man sich die Frage stellen, ob das „System Lunde“ auch die nächsten beiden Bücher tragfähig macht, oder ob das Festhalten am Prinzip „Never change a running book“ künftige Leser sogar langweilt, weil die Methode mehrerer Perspektiven auf eine drohende Apokalypse sich irgendwann verbraucht. Eine berechtigte Frage. Es mag dann vorhersehbar sein, was Maja Lunde schreibt. Es mag absehbar sein, wie ein Roman endet, wenn er strukturell nach einer erprobten Blaupause konstruiert wird. Ich sehe trotzdem auch weiterhin viel Potenzial in ihren Geschichten, da sie eigentlich nie „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Geschichte des Wassers“ erzählte.

Und es wartet etwas ganz Besonderes auf die Wasserleser und -hörer, wenn sie „Die Letzten ihrer Art“ lesen. Versprochen.

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Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde

Maja Lunde erzählt Menschengeschichten und die Menschen, von denen sie uns in ganz besonderen ökologischen Rahmenbedingungen erzählt, sind diese Bücher wert. Ich habe dieses Lesejahr zu meinem Jahr des Wassers erklärt. Nun gut, man weiß ja, dass ich bloggend oft nah am Wasser gebaut habe, aber es lohnt sich auch weiter mit mir in See zu stechen. Es gibt viel zu entdecken. Folgt mir ins Büchermeer

Ihr habt Lust auf mehr Meer? Navigiert euch hier entlang…

Ein Lese- und Hörfest. Mit Maja Lunde durch den Advent: Die Schneeschwester

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Die Schneeschwester von Maja Lunde

„Die Geschichte der Bienen“ – Hörbuch-Chirurgie – Ein Exkurs

btb VerlagDie Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Kann man Literatur berechnen, kann man ein Buch in Gold aufwiegen? Sicherlich nicht. Alleine der Gedanke, Bücher in ihrem monetären Gegenwert zu betrachten ist für wahre Liebhaber im wahrsten Wortsinn undenkbar und doch haben Bücher ihren Preis. Ich möchte hier nicht über den Wert der Literatur an sich philosophieren oder gar einen Diskurs zum Thema Buchpreisbindung lostreten. Und doch möchte ich rechnen. Ich bin hier in einem mathematischen Segment des Dreisatzes angelangt, den eigentlich jeder Buchliebhaber noch rudimentär beherrschen sollte. Und es geht hier um das weite Feld der literarischen Chirurgie bei der Produktion von Hörbüchern.

Das Spektrum der literarischen Chirurgie reicht, wie in der Medizin, vom minimal invasiven Eingriff bis hin zur Amputation. Zumindest, wenn wir von Hörbüchern und ihren unterschiedlichen Varianten sprechen, die uns im täglichen Leben begegnen. Es existieren ungekürzte Hörbücher, zumeist als Downloads bei audible, und ihre mehr oder minder stark gekürzten Geschwister, die zum Beispiel bei Der Hörverlag auf CDs angeboten werden. Dabei stammen diese Hörbücher aus derselben Produktion und wir finden lediglich verschiedene Fassungen zu unterschiedlichen Preisen vor.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Wer jedoch käme auf die Idee, ein Buch mit unterschiedlicher Seitenzahl zu sehr verschiedenen Preisen anzubieten? „Lesen Sie Inferno von Dan Brown komplett für 20 Euro oder greifen Sie zur gekürzten Fassung für 13.99 Euro“. Nicht denkbar, oder? Bei Hörbüchern jedoch ist dies gängige Praxis und hier setzt die literarische Chirurgie ihre ersten Schnitte. Handelt es sich hierbei um Schönheitschirurgie oder haben wir es mit der brachialen Methode der rigorosen Amputation kompletter Handlungsstränge zu tun? Wo setzen die Redakteure im Studio mit ihrer Schere an, was ist nebensächlich in einem Roman und wie wird man der Verantwortung gerecht, ein Hörbuch auf den Markt zu bringen, das als eigenständiges Werk rezensiert und bewertet wird? Wird man dem Schriftsteller gerecht oder stutzt man ihn aus Kapazitätsgründen zusammen?

Und weil die Hörer nichts vom Umfang der Beschneidungen wissen, rezensieren sie das Werk, als hätten sie es in Gänze genossen. Wird diese Kritik dann dem Buch gerecht, das wesentlich mehr zu bieten gehabt hätte? Oder führt man nicht gerade das eigentliche Ausgangswerk ad absurdum, indem man klar dokumentiert, dass auch eine Kurzfassung ausreichen würde? Kann man sich das bei Kinofilmen vorstellen? Oder ist der chirurgische Eingriff wirklich so versiert und mit Bedacht zelebriert, dass es kaum ins Gewicht fällt, was hier verschlankt wurde? Bleiben wir doch nicht theoretisch. Lasst uns doch an einem Beispiel betrachten, was es bedeutet, einen Roman zu kürzen, wie sich dies auswirkt und in welche Dimensionen man vorstößt, wenn man es sich genau anhört. Hier lässt sich Literatur berechnen. Wir greifen zu:

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

„Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Folgende Ausgangsdaten und -fakten legen wir zugrunde:

Das gebundene Buch umfasst 500 Seiten und kostet 20 € – btb Verlag
Das ungekürzte Hörbuch
als Download bei audible dauert ca.13 Stunden und kostet gemäß Empfehlung des Verlages 25,95 €
Das gekürzte Hörbuch als mp3CD bei Der Hörverlag dauert rund 10 Stunden und ist für 19,99 € im Handel erhältlich

Betrachten wir nun das Ausmaß des literatur-chirurgischen Eingriffes

Gebundenes Buch: 100 % Inhalt
Ungekürztes Hörbuch: 100 % Inhalt
Gekürztes Hörbuch: 77 % Inhalt (das Verhältnis von 10 zu 13 Stunden)

Das entspricht in Buchseiten:

Gebundenes Buch: 500 Seiten
Ungekürztes Hörbuch: 500 Seiten
Gekürztes Hörbuch: 385 Seiten (77 % von 500 Seiten)

Der Umfang der Streichungen in der gekürzten Hörbuchfassung beträgt demnach genau 115 Seiten, also mehr als ein Fünftel der Originalausgabe des Buches. Von den unterschiedlichen Preisen mag ich hier nicht reden, denn erstens sind die drei hier eingesetzten Stimmen schlicht und ergreifend unbezahlbar und zweitens variieren auch die Preise der Hörbuchausgaben bei unterschiedlichen Anbietern und sinken ein wenig, wenn die Aktualität des Hörbuches ihren Höhepunkt überschritten hat.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde – Hörbuchchirurgie

Kann man chirurgisch hier noch von einem minimal invasiven Eingriff sprechen? Verglichen mit einem Menschen, entfernt man fast einen ganzen Arm oder ein Bein, da man der Meinung ist, nichts Wesentliches an der Physiognomie verändert zu haben. Es ist eine gewagte These. Hätte man dann nicht auch den Roman um 115 Seiten kürzen können? Was verlieren wir inhaltlich? Mit dieser Frage entfernen wir uns von der reinen Arithmetik und wenden uns dem Roman und seiner aufwendigen Hörbuchfassung zu.

Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde

Das Thema ist brisant. Nicht erst seit dem Dokumentarfilm „More than Honey“, der in bewegenden Bildern und eindringlichen Worten vom Aussterben der Bienen kündet. Es waren auch der Physiker Albert Einstein, der gesagt haben soll Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben und der Forscher Charles Darwin, die schon vor den Konsequenzen eines weltweiten Bienensterbens gewarnt haben. Ohne Bienen keine Blüten-Bestäubung. Ohne Bestäubung kein Leben. Maja Lunde hat genau dieses Problem ins Zentrum ihres Romans gestellt. Die Bienen stellen für sie die Klammer dar, die ihren Plot in drei Zeitebenen miteinander verbinden.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Dabei hat sie kein Fachbuch geschrieben, keine wissenschaftliche Abhandlung zum Bienensterben. Nein. Maja Lunde schrieb über die Menschen, deren Leben von Bienen abhängt. Dabei lässt sich der Roman in die Ebenen VOR, WÄHREND und NACH dem großen Kollaps der weltweiten Bienenpopulation unterteilen. Es ist eher die Geschichte der Menschen, die wir hier lesen. Da ist der Biologe und Samenhändler William, der im England des Jahres 1852 vor den Trümmern seines Lebens steht. Sein Geschäft und die Familie liegen brach und ihn hat alle Kraft verlassen. Nur eins hält ihn aufrecht, eine Idee, die die Welt der Imker verändern könnte. Ein völlig neuartiger Bienenstock.

Da ist der Imker George, der 2007 in den USA an den Scheideweg seiner Existenz gelangt. Er lebt von der Bienenhaltung, fährt seine Bienenstöcke durch Ohio und lässt seine geflügelten Mitarbeiter die Blüten auf den Feldern von Obstbauern bestäuben. Er träumt davon, dass sein Sohn eines Tages den Hof übernimmt. Vergeblich. Denn zwei Dinge sprechen dagegen. Tom will Journalist werden und die Bienen verschwinden. Es ist das Jahr des großen Kollapses. Und da ist die Arbeiterin Tao, die ihren Unterhalt mit der manuellen Bestäubung von Blüten verdient. Der Mensch hat die Bienen ersetzt, da sie im China des Jahres 2098 schon lange verschwunden sind. Als ihr Sohn Wei-Wen einen tragischen Unfall erleidet, beginnt auch Taos Welt zu kippen. Und nicht nur ihre.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Maja Lunde verwebt diese drei Szenarien und Geschichten mit dem Nektar ihres Schreibens. Dabei bleibt sie auf dem Boden dreier Familiengeschichten, die sie durch die Konstruktion ihres Romans geschickt miteinander zu verbinden weiß. Das Hörbuch wartet mit drei großartigen Stimmen auf, die diesen drei Protagonisten noch mehr Tiefe und Leben einhauchen. Thomas M. Meinhardt, Markus Fennert und Bibiana Beglau brillieren in der Interpretation ihrer Charaktere. Gemeinsam ist ihnen der innere Kampf gegen die das Zerbrechen ihrer Familien und die Hilflosigkeit, mit der sie der Natur und dem Schicksal ausgeliefert sind. Bibiana Beglau als kämpferische Tao hat mich hierbei besonders beeindruckt. Sie macht Verzweiflung stimmlich greifbar.

„Die Geschichte der Bienen“ ist lesens- und hörenswert. Die gekürzte Fassung der dreistimmigen Lesung beschädigt den Roman in keiner Weise. Ich habe die Kürzungen aufgespürt. Paralleles Lesen und Hören sollten Aufschluss über die inhaltlichen Folgen geben. Die Eingriffe haben keine wesentlichen Handlungselemente ausgeblendet. Hier sind es eher die genauen Beschreibungen von Orten, Räumen und Hintergründen, die der Schere zum Opfer fielen. Auf fast jeder Seite finden sich Streichungen, aber mir ist dabei keine einzige ins Auge gefallen, die ich für die Handlung als relevant bezeichnet hätte. Ketzerisch könnte man also sagen, dass sie auch im Roman entbehrlich sind. Es ist jedenfalls nicht nur ein abgenagtes Gerippe, das Der Hörverlag auf CD präsentiert.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Literatur ist unberechenbar. Sie lässt sich nicht aufwiegen. Und rein inhaltlich ist es eine Frage des individuellen Geschmacks, wie sehr ein Roman fesselt und bewegt. Ich bin der Meinung einen guten Roman erlebt zu haben, auch wenn der Titel dazu verführt mehr von den Bienen erfahren zu wollen. Die Familiengeschichten sind oft stereotyp in der Anlage und bis auf den Handlungsstrang „TAO“ nicht neu. Vater-Sohn-Konflikte vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Ängste, enttäuschte Hoffnungen und Beziehungen hat man literarisch schon tiefer erlebt. Wer „Stoner“ von John Williams gelesen hat wird im Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde Erzählräume betreten, die sehr bekannt erscheinen. Darüber hinaus fehlt mir die sprachliche Abgrenzung innerhalb der Geschichte, die sich über 250 Jahre erstreckt, bei der die Protagonisten jedoch in ihrer Sprache so einförmig sind, dass man am Erzählstrang nicht erkennen kann, in welcher Zeit er spielt. Tao und William klingen, als hätten sie die gleiche Schule besucht!

Und doch regt der Roman dazu an sich mit Bienen zu beschäftigen. Er verführt dazu, sich den Dokumentarfilm „More than Honey“ anzuschauen und bei aktuellen News aus der Welt der Bienenvölker genauer hinzuhören. Und er festigt die Überzeugung, dass eine eingeleitete Fehlentwicklung an der wir heute beteiligt sind, in der Zukunft extreme Auswirkungen hat. Ursache und Wirkung. Diese Wechselbeziehung wird sehr klar. Das Hören und Lesen sind nicht immer ein Honigschlecken… man wird so nachdenklich…

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

Und schon geht es weiter mit dem zweiten apokalyptischen Ökologie-Reiter aus der Feder von Maja Lunde: „Die Geschichte des Wassers

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Der dritte apokalyptische Reiter ist erschienen: „Die Letzten ihrer Art

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Ein Lese- und Hörfest. Mit Maja Lunde durch den Advent: Die Schneeschwester

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