„Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Wenn man Leser nach ihren Lieblingsbüchern fragt und wenn man wissen möchte, welcher Klassiker der Literaturgeschichte ihr Leben geprägt hat und welches Buch man unbedingt kennen sollte, dann hört man sehr oft „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Der grandiose schottische Autor hat mit Sam Hawkins, Long John Silver oder Billy Bones nicht nur legendäre Charaktere geschaffen, um die er von wohl allen Autoren beneidet wird, ihm gelang auch mit der reinen Geschichte ein großer Wurf ins Herz einer abenteuerlustigen Leserschaft. Auch ich bin bekennender Stevenson-Leser und Liebhaber.

Ich entdeckte mit ihm „Das Licht der Flüsse“, suchte mir ausreichend Platz in einem der beiden Segelkanus Cigarette und Arethusa und ließ mich im Jahr 1876 gemeinsam mit dem noch unbekannten Schriftsteller von Antwerpen bis fast nach Paris treiben. Ich geriet an seiner Seite in Kriegsgefangenschaft und wurde in Edinburgh eingekerkert. In der uneinnehmbaren Festung der Stadt lernte ich den französischen Adeligen „St. Ives“ kennen, gefangen nicht nur in Konflikten zwischen neuer Liebe und ererbtem Reichtum, sondern eben auch Gefangener. Grandios, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und zuletzt bin ich recht zwiegespalten einem Mann durchs nächtliche London gefolgt, der als Prototyp einer gespaltenen Persönlichkeit Geschichte schrieb. „Doktor Jekyll und Mister Hyde“ gilt auch heute noch als einer der ganz großen Grusel-Klassiker aus der Feder von R.L. Stevenson.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Vieles gilt es auch heute noch zu entdecken. Erzählungen und Kurzgeschichten von Stevenson sind oftmals so schmal angelegt, dass sie trotz ihrer literarischen Qualität in eigenständigen Büchern kaum Veröffentlichung finden. Einige seiner Novellen gehören für mich jedoch unabdingbar ins Bücherregal einer Leserschaft, die leidenschaftlich und unaufhörlich auf der Suche nach klassischen Raritäten ist. Der Mare Verlag versucht nun, genau diesen „kleinen“ Großen besonderes Augenmerk zu verleihen. Es sind hier nicht nur die rein inhaltlichen Aspekte, die eine neue Klassiker-Reihe kennzeichnen. Es ist auch das besondere Layout, mit dem sie auf dem Buchmarkt eine literarische Lücke schließen. Es ist das besondere Format, das diese neuen „Kleinen“ auszeichnet. 10 x 16 cm. Das sind die neuen Zaubermaße. Taschenformat. 160 Seiten. Großzügig in der Schriftgröße und dadurch unterwegs hervorragend lesbar und darüber hinaus in einer Ausstattung, die dem Inhalt gerecht wird. Ein bibliophiles Kleinod. Beispiel gefällig?

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Ein hochwertiger Leineneinband mit einem Gemälde von Edward Hopper, ein eher dünner, jedoch augenfälliger Schuber und ein farblich gut abgestimmtes Lesebändchen heben das Buch von der Konkurrenz im Bereich der kleinformatigen Ausgaben deutlich ab. Sie eignen sich hervorragend als Geschenk für Büchersammler, dienen Liebhabern klassischer Literatur als sinnvolle Erweiterung ihrer Bibliotheken um Texte, die bisher in Anthologien zu finden waren. Und nicht zuletzt beinhalten sie ausgesprochen gediegen gestalteten und inhaltlich brillanten Lesestoff. Eine kleine hochwertige Privatsammlung könnte man so entstehen lassen. Neben Stevenson ist bald auch August Strindbergs Der romantische Küster auf Rånö“ erhältlich. Und weitere Titel sind in Planung. Mir jedoch hat es der „Pavillon in den Dünen“ mehr als angetan. Eine frische Novelle, die für Stevenson den literarischen Durchbruch bedeutete.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

So schrieb zum Beispiel Sir Arthut Conan Doyle:

„… Ich werde mich stets des Vergnügens erinnern, mit welchem ich seine frühen Geschichten im Cornhill Magazine las… Noch heute halte ich den Pavillon in den Dünen für eine der bedeutendsten Kurzgeschichten der Welt!“

1879 als eines seiner frühen Werke entstanden, offenbart die kleine Geschichte viel von dem schlummernden Talent eines Schriftstellers der später durch widersprüchliche Charaktere und facettenreiche Settings zu Weltruhm gelangte. Dabei handelt es sicher nicht um eine Fingerübung, denn die Veröffentlichung im Cornhill Magazine gehörte zu einer der ersten magischen Hürden, die es erfolgreich zu meistern galt, um in Rufweite des literarischen Olymps zu gelangen. Dafür musste er nur einen Pavillon an der rauen Nordseeküste Schottlands erfinden, in dem sich Geheimnisvolles ereignet. Hier beginnt eine maritim angehauchte und stürmisch, tragische Liebesgeschichte zugleich, in deren Verlauf selbst eine als Kurzgeschichte angelegte Novelle richtig Fahrt aufnimmt.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Worum es in der Novelle geht? Ganz einfach. Um den ältesten aller Konflikte, den ein Mann mit sich selbst auszumachen hat. Es geht um die Entscheidung, ob man sein hart erkämpftes autonomes Leben weiterführt, oder ob es ein moralisches Niveau gibt, dem man selbstlos alles unterordnet, was man bisher erreicht hat. Frank Cassilis hat alles, was er braucht. Ein entspanntes Vagabundenleben treibt ihn durch die Lande und um das liebe Geld muss er sich keine Sorgen machen. Ein akademischer Lonesome-Rider. Alles endet am Pavillon, einem abgelegenen Landhaus auf den Dünen im schottischen Graden Easter. Hier trifft er auf die junge Clara Huddlestone, die ihren betrügerischen Vater durch das Ja-Wort mit seinem Komplizen freikaufen soll. Nur über die Leiche von Cassilis. Das beschließt er, nachdem er sich in das Mädchen verliebt hat und steht ihr und ihrem Vater gegen die anstürmenden Geldeintreiber bei. Hier wird der Pavillon zur Festung und der Vagabund zum Beschützer einer jungen Frau in Not.

Überraschend endet die Geschichte nicht. Vorhersehbar ist vieles. Allein schon, weil der aufrechte Akademiker Cassilis in der Rückschau auf die Ereignisse von seiner Frau Clara redet. So liegt schon in der Struktur der Novelle ihr Reiz verborgen. Obwohl man weiß, dass Clara und Cassilis zusammenfinden, muss man einfach weiterlesen, wie es passiert ist. Romantik, Mut, Kampf, Verlust und Loyalität sind die Parameter, an denen sich die Charaktere messen lassen müssen. Und dies vor dem maritimen, urwüchsigen Hintergrund der schottischen Landschaft an der Nordseeküste. Stevenson holt nicht zu weit aus. Er kommt auf den Punkt und erzählt extrem strukturiert. „Der Pavillon in den Dünen“ ist sicher kein Jahrhundertwerk, aber es ist der Fingerzeig des Talents, das im späteren Schreiben zur Legende wurde. Und lesenswert ist diese Novelle allemal. Hier gehen der Inhalt und das Buchdesign Hand in Hand mit uns ins Feuer. Denn, genauso wie die Liebe, entbrennt hier der Pavillon. Was für ein schönes Bild. Was für ein feines, kleines, edles Buch. Und was für ein gelungenes Nachwort aus der Feder von Lucien Deprijck. Ihm gelingt es, dieses kleine Werk in den Kontext des Lebens von Stevenson einzubetten und Verbindungslinien zwischen der fiktionalen Clara Huddlestone und der Frau zu ziehen, in die Stevenson selbst unsterblich verliebt war. Fanny Osbourne, die zukünftige Mrs. Stevenson. Bewegend.

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Ich berichte weiter, was in der Klassiker-Reihe des Mare Verlages auf uns zukommt. Fanny Stevenson schrieb sich ihre Liebe im Tagebuch „Südseejahre“ von der Seele. Es juckt mich gerade in den Fingern, ihr lesend zu folgen. Wer weiß, wohin mich meine bibliophile Neugier noch treibt…

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Michael Köhlmeier: „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Ambivalent. Anders kann ich mein Gefühl nicht beschreiben. Die ersten Seiten der Novelle „Der Mann der Verlorenes wiederfindet“ von Michael Köhlmeier ließen mich ein wenig daran zweifeln, ob nun das richtige Buch zur richtigen Zeit seinen Weg zu mir gefunden hatte. Ich entdeckte es auf einem Spaziergang durch Salzburg und erfuhr im Gespräch mit Buchhändlern der dort ansässigen Traditionshäuser, dass gerade dieser Autor von seinen Landsleuten geschätzt wird, da er mit seinen Themen und seiner sehr speziellen Sprache immer wieder ins Herz seiner Leser trifft.

Das Mädchen mit dem Fingerhutgehört auch in meiner Bibliothek zu den Büchern, die in ihrer Relevanz und sprachlichen Besonderheit einen Ehrenplatz erobert hat. Jetzt war ich gespannt auf mein neues Lesen an der Seite des österreichischen Multitalents aus Vorarlberg. Er begeistert mit Musik, Film und Literatur, seine Märchenstunden sind legendär und sein manchmal experimentell wirkender Schreibstil schleicht sich auf sehr verschlungenen Pfaden mitten ins Hirn. Vom Herzen gar nicht zu reden. Yiza bleibt für mich immer ein verlorenes Mädchen, zeitlos erzählt, metaphorisch tief angelegt und im besten Sinne ein streitbares Buch voller Empathie für entwurzelte fliehende Menschen. Ein Fingerhut liegt noch heute neben dem Buch und seiner brillanten Hörbuchfassung, die Köhlmeier selbst liest.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Und nun? Was hat er diesmal mit mir vor? Er schreibt über einen Heiligen. Er hat sich selbst in das Jahr 1231 zurückversetzt und beschreibt eine skurrile Szene auf dem Vorplatz des Klarissinnen-Klosters in Arcella. Hier ist er gerade angekommen, mehr tot als lebendig, „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“. Es handelt sich um Antonius, einen Franziskaner-Mönch, der schon zu Lebzeiten als Heiliger verehrt wurde. Jetzt ist er am Ende seines Weges angelangt. Zum Sterben legt man ihn vor das Kloster. Allein ist er nicht, da ein solches Ereignis selten ist. Wann kann man schon selbst  Zeuge der Heimholung eines Heiligen in den Himmel werden? Dreitausend Gläubige sind hier um Gottes Werk zu erleben. Und nun warten sie.

Köhlmeier inszeniert gewohnt brillant und sprachlich so authentisch, als wäre er gerade dem Mittelalter entsprungen. Und doch frage ich mich sofort, was er eigentlich erzählen will. Welche Relevanz liegt heute im Sterben dieses Heiligen? Was bedeuten uns klösterliche Traditionen, Überlieferungen, Sichtweisen und Streitereien? Ich kann mich gut an mein Lesen von „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnern. Es war geprägt von großen Zweifeln angesichts der theologischen Dimensionen und Dispute. Ich war unsicher, ob ich diesem theologisch überfrachteten Roman folgen konnte. Und doch liebe ich ihn heute. Dieser Gedanke hielt mich aufrecht und ich folgte Antonius in seine letzten Stunden vor dem Kloster von Arcella.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier hat ein brillantes Thema gewählt, das offenbart sich, wenn man Antonius an sich heranlässt. Das Wunder des Lesens schlägt zu, wenn wir uns die Zeit nehmen, den Schutzheiligen für Verlorenes ein wenig besser kennenzulernen. Die Vita ist wichtig, essenziell und für die gesamte Novelle von Belang. Die Innenansichten des Eremiten und Mönches lassen uns seinen Lebensweg verstehen. Nur so vermögen wir zu ergründen, woher die Legendenbildung stammt, die sich um ihn rankt. Nur so lässt sich über Wunder reden, die seinen Weg flankierten. Nur so werden wir schließlich Teil der Dreitausend. Das ist es was Köhlmeier will. Wir stehen vor dem Kloster und warten.

„Chronist, erzähle…“ – so schallt der Ruf nach Neuigkeiten über den Platz. Und genau da will Köhlmeier mit sich selbst hin. Wir fordern ihn dazu auf, sein Wissen mit uns allen zu teilen und er schlüpft gern in die Rolle des Chronisten eines beispiellosen Lebens. Auf diese unvergleichbare Art und Weise erfahren wir alles über Antonius, die erste Predigt, seine erste Liebe, die nie in Erfüllung ging und die Momente des tiefsten Glaubens, aber auch jene des Zweifelns. Wir werden zu Zeugen des inneren Kampfes zwischen Demut und Hochmut. Übermut und Neid. Und nicht zuletzt erleben wir eine Zeit, in der nach den Mongolen der Islam zum größten Feind der Christenheit wird.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Jetzt wird es relevant. Jetzt wird es greifbar, denn jetzt beginnt diese Novelle über ihre Grenzen hinaus in unser Leben auszustrahlen. Die Botschaften des Antonius sind zeitloser, als man denkt. Wenn er über Liebe spricht, den Hass analysiert und erklärt, warum es so leicht ist, Hass zu säen, dann zieht es uns plötzlich den Boden unter den Füßen weg. Wir erkennen die Automatismen von heute. Wir erkennen Nächstenhass, wo eigentlich Nächstenliebe sein sollte und wir verstehen, warum das so ist. Es sind große Lesemomente, die Michael Köhlmeier uns hier schenkt. Es ist Erkenntnis, die er mit uns teilt und es ist intelligent, wie er sich Themen nähert, die wir bisher schlichtweg als gottgegeben und unveränderbar hingenommen haben.

„Nie ist mir aufgefallen, dass unser Vaterunser nur aus Imperativen besteht. Wir befehlen Gott. Dürfen wir das denn?“

Köhlmeier hinterfragt das nicht zu Hinterfragende und öffnet die Türen, die eigenen Anmaßungen einsortieren und eingestehen zu können. Wir bitten nicht. Wir fordern. Es zieht sich wie ein roter Faden durch diese Novelle. Wir lernen angesichts des Sterbens eines Heiligen, wie unheilig das Leben ist. Wir beschäftigen uns mit dem Bösen und es ist erhellend, auch hier zu sehen, wie leicht es sein kann, das Böse selbst zu schaffen. Der größte literarische Kunstgriff gelingt Köhlmeier im Perspektivwechsel. Es schwenkt in die Menge. Er lässt einige der Dreitausend selbst zu Wort kommen, erzählt auch die Geschichten dieser Menschen und berichtet über die Hoffnungen, die sie nach Arcella getrieben haben. Und aus ihrem Mund werden wir zu Zeugen des größten Wunders.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Kurz vor seinem Tod erhebt sich Antonius und predigt ein letztes Mal. Worüber er spricht, das hören wir von den Zeugen. Wir erleben, dass es nicht nur eine Predigt war, die das Volk erreichte. Jeder fühlte sich angesprochen. Jeder war der Adressat dieser letzten Worte. Und so unterschiedlich die Hoffnungen sind, so unterschiedlich sind die Zeugenaussagen dieser Menschen. Er sprach über Hass. Nein. Er sprach über Liebe. Jeder hatte diesen Moment anders in Erinnerung. Und jeder fühlte sich angesprochen. Eine Fähigkeit, die den Rednern heute verlorengegangen scheint. Antonius sprach nie über sich selbst. Er sprach zu den Menschen. Für die Menschen.

„Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ umfasst nur 156 Seiten und doch haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Es gibt uns Sichtweisen, Werte, Haltungen und Gefühle wieder, die wir verloren haben. Diese Novelle ist ein Traktat gegen Hass und blindes Vorurteil. Die eingewobenen kleinen persönlichen Geschichten gehören zu den Glanzlichtern dieses Buches. Es ist zeitlos. Und es ist noch dazu amüsant, da es nicht vor der Skurrilität eines übersteigerten Glaubens halt macht. Oder kann man sich allen Ernstes jemanden vorstellen, der einem sterbenden Heiligen zur Hilfe kommt? Würde das nicht die ganze Vorstellung stören und dazu führen, dass man die Heimholung am Ende noch versäumt. Nein. Da muss man als Heiliger schon durch.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Findet Verlorenes wieder. Selten sind 156 Seiten so bewusstseinserweiternd.

Michael Köhlmeier live in München. Überzeugend und so empathisch wie sein Buch.