„Mittelreich“ von Josef Bierbichler (Buch und Hörbuch)

Mittelreich von Josef Bierbichler

Neureich, steinreich, stinkreich, mittelreich. Lasst mich bei der Buchvorstellung zum Roman „Mittelreich“ von Josef Bierbichler einfach mal mit diesen Statusbegriffen des persönlichen Wohlstands beginnen, sonst könnte man den Titel vielleicht falsch deuten und der Meinung sein, er hätte etwas mit einem Reich im Sinne von Territorium zu tun. Mittelreich bezeichnet hier eher die monetäre Grauzone zwischen Armut und Reichtum, in der man sich relativ gelassen einen Blick auf die Welt gönnen kann. Ein Zustand, der durch weitgehende Unabhängigkeit in Verbindung mit Bodenständigkeit charakterisiert werden kann. Mittelstand. Mittelreich. Aber kein Mittelmaß. Alles nur das nicht…

Und doch hat diese große deutsche Erzählung so einiges mit den Reichen zu tun, die sie umfasst. Diesmal meine ich nicht finanziell gutgestellte Menschen, sondern im historischen Kontext der Geschichte dieses Landes das Deutsche Kaiserreich und das fast unmittelbar darauffolgende Dritte Reich, das gottlob nicht die befürchteten tausend Jahre währte. Dieser Roman ist eine generationsübergreifende Familiengeschichte, die kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges so richtig Fahrt aufnimmt. Bierbichler wagt das Ungewöhnliche. Er legt einen Heimatroman voller Klischees vor, die gar keine sind, und bedient sich dabei einer pfundig urtümlichen, deftigen und bildreichen Sprache. In unseren hochliterarisch vergeistigten Zeiten der auf Hochglanz gestylten Fabulierkunst ein gewagtes Unterfangen, möchte man vielleicht auch Leser und Hörer gewinnen, die nicht unbedingt auf eine lange bayerische Familientradition zurückblicken. 

Mittelreich von Josef Bierbichler

Denn genau hierhin entführt uns Josef Bierbichler. Bayern. Eine Seewirtschaft, drei Generationen von Wirten und deren Familien, Bedienstete unterschiedlicher Schichten und Nationalitäten, bizarre Gäste und die Geschichte eines Landes als offene Klammer, die alle Handlungsstränge magisch miteinander verbindet. Wo Sprache unsichtbar und sehr zurückgezogen bleiben sollte, um nicht vom Erzählten abzulenken, da kultiviert er seine Erzählsprache zum Alleinstellungsmerkmal einer ungewohnten Authentizität, und verleiht seinen oftmals skurrilen aber doch greifbaren Charakteren unverwechselbares Leben und eine ureigene Identität.

Es fällt nicht leicht, sich auf Josef Bierbichler einzulassen. Besonders das von ihm selbst gelesene ungekürzte Hörbuch stellt mit seinen zwölf Stunden Laufzeit eine echte Herausforderung dar. Man kommt nicht leicht hinein in seine Seewirtschaft. Man muss sich an den Jargon, die Sprachfärbung und die Menschen gewöhnen, die plötzlich auf uns einreden. Dabei sind es nicht die Intellektuellen und Gestelzten, mit denen wir hier am See unsere Zeit verbringen. Es sind Menschen voller Bauernschläue, Weisheit und mit heimatverbundener Traditionsliebe. Es dauert jedoch nicht lange, bis man im Buch Fuß fasst und dahingetrieben wird. Es dauert nicht lange, bis man im Hörbuch denkt, in der Seewirtschaft am Stammtisch aufgenommen worden zu sein und alle Geschichten quasi aus erster Hand hören zu dürfen. Es dauert nicht lange und man wird Stammgast in der Wirtschaft am See.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Es dauert nicht lange und wir fühlen, was Josef Bierbichler eigentlich erzählt. Es sind die besonderen Geschichten von den kleinen Menschen, deren Leben von Armut, Flucht, Hoffnung, unverhofftem Wohlstand und dem Verlauf der Zeitgeschichte geprägt wurde. Dabei verdeutlicht er, was es heißt, Erbe zu sein. Wenn die Seewirtschaft auch im Roman zum Erbhof für die folgenden Generationen wird, so ist dieser Roman in sich ein wahrhaftiges Erbbbuch, das aufzeigt, wie sehr unser Handeln von heute schon von unseren Vorfahren beeinflusst wurde. Dieser Roman ist Deutsche Geschichte auf eine Wirtschaft im Wandel der Zeit heruntergebrochen. Hier lernen wir am Stammtisch, was wir nicht in Geschichtsbüchern finden. Hier erleben wir Geschichte.

Wir werden Zeitzeugen der Veränderungen, als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Freizeitbegriff zu prägen beginnt. Sommerfrischler ziehen an die Seen, bevölkern in Scharen das zuvor unbesuchte bäuerliche Land. Wo die Seewirtschaft entsteht, geht in Deutschland der Begriff vom eigentlichen Arbeiter fast gänzlich unter. Was sich nun im Geist breitmacht ist Langeweile. Ein Schlendrian, der zuvor unbekannt war. Gottlob hat der Kaiser das erkannt und veranstaltet einen kurzen knackigen Krieg. Pünktlich zu den Sommerferien geht es los und zur Ernte sind ja alle wieder da. Das ist echter Weitblick. Was auf dem bayerischen Land für Unterhaltung sorgt, verändert den Lauf der Welt. Es verändert die Seewirtschaft für alle Zeit.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Kopfschüsse und Irrenhäuser bringen die Erbreihenfolge gehörig durcheinander. So wird aus dem jüngsten Sohn Pankratz, der eigentlich lieber Künstler geworden wäre der neue Seewirt. Wie in einer veränderten Thronfolge bringt dies auch die Familien am See durcheinander. Wir erleben, wie Pankratz an der Aufgabe wächst, sehen die Jahre ins Land ziehen, hören den Ruf nach dem starken Mann, sehen wie das Blau in Bayern dem Braun im Rest des Nazi-Reiches Platz macht und lassen uns auf der Schlachtbank des Zweiten Weltkrieges zerlegen. Pankratz überlebt ihn nur mit viel Glück und führt die Seewirtschaft in die neue Zeit. Wie Strandgut der Geschichte sammeln sich Menschen um ihn, die nach dem Krieg am See angespült wurden. Vertriebene, Geschlagene und Geflüchtete. Er integriert, stellt Knechte ein und übersteht alle Krisen. Seine Kinder und seine Frau sollen es da besser haben. Katholische Internate werden zu Lebensschulen und das Wirtschaftswunder läutet eine neue Zeit ein.

Von der Geschichte geprägte bewegende Geschichten erweitern den Erzählraum. Da ist Viktor, der desertierte Soldat, den Pankratz zuerst zum Koch und dann zu einem Teil der großen Seewirtsfamilie macht. Da ist das Fräulein Zittau, das einst Herrin eines Gutshofes im Osten war und auf der Flucht vor den Russen fast alles verloren hat. Und da ist der Flüchtling Tucek, der Jahre nach dem Krieg erst erzählen kann, warum es ihn so stört, wenn man rassistische Witze über KZs und die SS macht. Voller Geschichten ist dieser Roman. Alle sind miteinander verbunden und jede für sich ist lesenswert. Wir erleben die Verdrängung der Nazi-Zeit und den hoffnungsvollen Neubeginn. Dabei sind die Kinder der neuen Generation der gefühlte Untergang der alten Ordnung. Die ewige Sehnsucht nach einem starken Deutschland, möglichst ohne Fremde, schlägt neue und gewaltige Wellen in den See. Nur Pankratz scheint sich treu zu bleiben.

„Ich war nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nicht!“

Mittelreich von Josef Bierbichler

Wir erleben Deutschland neu. Wir verstehen Generationskonflikte und denken dabei auch an die Veränderungen, die unsere Eltern in kürzester Zeit verarbeiten mussten. In der Tiefe unter all jenen kleinen großen Geschichten schwelt ein Konflikt, den Pankratz nicht kommen sah. Semi, sein eigener Sohn entfremdet sich zusehends. Wobei es fast offene Feindschaft gegenüber seinen Eltern ist, die diesem Roman inhaltlich die Krone aufsetzt. Hier explodiert eine Granate, deren Lunte seit Anbeginn der Zeit zündelt. Hier schließt sich der Kreis von „Mittelreich“. Hier nehmen wir als Leser und Hörer Beichten ab und lesen Testamente. Hier erkennen wir, wo Geschichte und Ignoranz Todesurteile gefällt haben. Ein großer Roman voller relevanter Themen. Und wenn man schön leise ist und aufmerksam zuhört, dann kann man auch heute noch an den Stammtischen der Seewirtschaften im Lande zotige Witze über Flüchtlinge hören. Verleugnendes über ein Reich, in dem ja nicht alles schlecht war. Und da sitzen sie erneut: die Mittelreichen und ebnen dem neuen Denken die altbekannten Bahnen.

„Mittelreich“ ist erschienen bei Suhrkamp und „Der Audio Verlag“. Ich habe mich wechselweise in der Buch- und der Hörbuchwelt bewegt. Josef Bierbichler zuzuhören, wie er es diese Geschichte liest, ist ein absolutes Erlebnis. Und wer sich hier inspirieren ließ, der kann sich den Film Zwei Herren im Anzug anschauen. Es handelt sich hier nicht um die Verfilmung von „Mittelreich“, sondern um eine inhaltlich an die Motive des Romans angelehnte Filmfassung. Ich selbst bin schon sehr gespannt, wenn ich ihn mir nach seinem Erscheinen als DVD am 27. September anschauen werde. Bierbichler ist selbst zu sehen und nicht nur das. Er hat Regie geführt und spielt den Seewirt Pankratz in älteren Jahren. Den jungen Pankratz übernimmt Simon Donatz, der Sohn von Josef Bierbichler. Darauf darf man echt gespannt sein, wenn Familienähnlichkeit im Film als Stilmittel verwendet wird… Ich werde darüber schreiben… bald…

Mittelreich von Josef Bierbichler