Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit von S. Drakulić

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Wenn es eine Relativitätstheorie der Buchveröffentlichungen gäbe, wäre es schon fast ein verlegerisches Dilemma, wenn in einem Jahr zwei Roman zum gleichen Thema das Licht der Bücherwelt erblicken würden. Marktsondierungen, Programmvorschauen und inoffizielle Informationen sollten eigentlich im Vorfeld dafür sorgen, solche Doppler zu vermeiden. Und trotzdem kommt es vor, dass der Leser sich verwundert die Augen reibt und beim Buchhändler mit sich ringt, was er denn nun lesen soll, wenn er sich für die Geschichte von Mileva Einstein interessiert. Nicht nur die Geschichte des großen Physik-Nobelpreisträgers ist erzählenswert. Auch die seiner ersten Ehefrau Mileva gilt als eine der großen Geschichten, die man kennen sollte.

Weiß man doch, dass hinter dem Erfolg eines Mannes sehr oft eine Ehefrau steht, die im Verborgenen wirkt, Hindernisse aus dem Weg räumt, den Rücken freihält und in jeder Beziehung den persönlichen Erfolg einem gemeinsamen Ganzen unterordnet. Es ist vielleicht dem längst überholten Rollenverständnis geschuldet, in solchen Klischees zu denken, aber es ist etwas Wahres an diesen Erfolgsgeschichten dran. Weltkarrieren werden oft nur auf dem Rücken derer ausgetragen, die als stille Helden das eigentliche Leben organisieren. Bei Karrierefrauen ist das ganz ähnlich gelagert. In der Familie des Physikers Albert Einstein jedoch stellt sich diese Hierarchie völlig anders dar. Hier gibt es viel zu erzählen, zu beleuchten und zu korrigieren. Hier ist es die Ehefrau, die schon fast ein intellektuelles Opfer bringen musste, während ihr Mann den Ruhm erntete, den man sich eigentlich gemeinsam erarbeitet hatte.

Frau Einstein von Marie Benedict und Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Interesse ist also da. Die Neugier ist geweckt und doch steht man nun mehr oder weniger ratlos vor zwei biografischen Romanen, die im Abstand von drei Monaten erschienen sind.

Frau Einsteinvon Marie Benedict (Kiepenheuer und Witsch) und
Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulić (Aufbau)

Welches Buch ist nun empfehlenswert? Welches sollte man unbedingt lesen und wo liegen die Berührungspunkte oder auch Redundanzen? Welcher Roman ist authentisch, welcher nähert sich vielleicht sprachlich oder strukturell besser an die Protagonistin an? Letztlich kann man nur subjektiv entscheiden. Klappentext und Cover. Der Rest ist eher Zufall. Als Blogger genieße ich das Privileg, beide Bücher lesen zu können. Ich traf hier die ganz bewusste Entscheidung, mich auf dieses doppelte Bücherlottchen einzulassen und anschließend beide Werke miteinander zu vergleichen. Inhaltlich bleibt den beiden Autorinnen nicht viel Spielraum. Fakten pflastern den Weg ihres Schreibens. Nicht viele Details des Lebensweges von Mileva Einstein bleiben bei einer lückenlosen Recherche verborgen. Zu prominent verlief das Leben ihres Ehemannes. Zu exponiert standen sie beide zu Beginn seiner Karriere im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Frau Einstein von Marie Benedict

Bereits im Februar habe ich „Frau Einstein“ von Marie Benedict hier ausführlich vorgestellt. Inhaltlich steckt dieser Roman den Rahmen ab, den ich erwartet hatte. Ich fand eine Geschichte, die mich fesselte und dazu antrieb, mehr wissen zu wollen. Mein Suchen nach weiteren Fakten und Hintergründen deckte sich mit der sprachlich brillant erzählten Geschichte. Ich fasse hier die inhaltlichen Schwerpunkte nur kurz zusammen, verweise aber für die genauere Betrachtung auf meine Rezension.

Mileva Marić arbeitet sich intellektuell in die höchste Riege der Wissenschaft vor, lernt den erfolgversprechenden Kommilitonen Albert Einstein kennen, verliebt sich, wird ungewollt schwanger, bricht ihr eigenes Mathematik- und Physikstudium ab, zieht sich zurück in die Rolle der im Verborgenen lebenden Mutter der gemeinsamen unehelichen Tochter, verarbeitet deren überraschenden Tod, heiratet Albert Einstein, wird zu seiner wissenschaftlichen Stütze, berechnet seine Theorien, stößt theoretische Türen auf, die er durchschreitet, wird zweifache Mutter, erlebt seinen Aufstieg als Physiker, realisiert, dass er ihre Ideen als seine verkauft, wird letztlich zugunsten einer Geliebten abgelegt und finanziell abgefunden. Einstein erhält den Nobelpreis, sie das Preisgeld, weil sie in die Scheidung einwilligt. Klingt tragisch. Ist es. Zutiefst.

Die hier zugrunde gelegte Geschichte spielt im Zeitraum zwischen 1896 und 1914. Sie beginnt mit Milevas wissenschaftlichem Aufstieg und endet am Scheidepunkt eines gemeinsamen Lebensweges mit Albert Einstein. Alles endet mit dem unerfüllbaren und unmenschlichen Katalog der Bedingungen, die er an ein Zusammenleben knüpft. Einer Forderung, der sich Mileva entziehen muss, um nicht sich selbst und ihre beiden Söhne aufzugeben. Eine Liste von Forderungen, die uns auch heute noch entsetzt:

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Beispiele dafür, was Einstein für das weitere Zusammenleben einfordert:

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Damit ist der Weg für seine Geliebte und spätere Ehefrau frei. Empathie und Liebe funktionieren anders. Die Relativitätstheorie der Beziehung wird hier zur bitteren Praxis. Was bei Marie Benedict mit dieser unsäglichen Liste endet, stellt für Slavenka Drakulić den Startpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Mileva Einstein dar. Eine aus meiner Sicht erste Überraschung in der Herangehensweise, weil sie ganz unverblümt das absehbare Ende der Beziehung zum Beginn ihres Romans erhebt. Nicht die einzige Überraschung, die ich erlesen sollte.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeitvon Slavenka Drakulić

Plötzlich stellt sich mir nicht mehr die Frage, welcher Roman der eigentlich bessere ist. Ich verdränge diesen Gedanken schnell in den Hintergrund und mir schießt die Idee in den Kopf, warum man nicht beide Bücher als sogenanntes „Einstein-Bundle“ auf den Markt gebracht hat. Warum ich so denke? Ganz einfach.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Natürlich erzählt Slavenka Drakulić zu Beginn ihres Romans, wie es zu dieser Liste und der Entfremdung kam, sie rekapituliert den gemeinsamen wissenschaftlichen Weg und gibt der Enttäuschung Milevas Raum. Der eigentliche Schwerpunkt des Buches ist nach 1914 angesiedelt. Sie erzählt, was mir nach dem Lesen von „Frau Einstein“ noch fehlte. Sie betrachtet Mileva Einstein in dem Zustand, in den sie der fatale Katalog ihres Mannes versetzt hat und von dem sie sich nie wieder erholen sollte. Bis 1933 begleiten wir Mileva Einstein auf ihrem einsamen Weg an der Seite ihrer Söhne. Aufopfernd stellt sie sich und ihre Gesundheit in den Dienst ihrer Kinder. Sehnsüchtig betrachtet sie aus der Ferne das Leben, das eigentlich ihr Leben hätte sein müssen. Das Leben Seite an Seite mit dem wohl erfolgreichsten Wissenschaftler seiner Zeit.

Auch Slavenka Drakulić beeindruckt sprachlich und inhaltlich. Beide Bücher sollte man lesen, wenn man Mileva komplex verstehen möchte. Die Dopplungen sind nicht so umfangreich, wie ich es erwartet hätte, denn aus der Schnittmenge beider Romane wird die jeweilige Ausgangsperspektive, die uns eine Frau ins Leben schreibt, deren Leben unter dem Vorbehalt des Rollenbildes seiner Zeit gelebt wurde. Ein Leben, das heute in jeder Beziehung anders verlaufen würde. Diese Romane ergänzen sich komplementär. Sie sollten nicht getrennt werden. Eine mehr als überraschende Erkenntnis, die in eine Empfehlung mündet, die ich so nicht habe kommen sehen.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

„Frau Einstein“ und „Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ sind zwei Teile des Bildes, das erst durch das miteinander verbundene Lesen entsteht.

Frau Einstein – Die Relativität der Liebe von Marie Benedict

Frau Einstein von Marie Bnedict

„Bald ist es überstanden. Das Ende kommt näher wie ein dunkler,
verführerischer Schatten, der mein Licht auslöschen wird.
Meine Zeit läuft ab und ich blicke zurück.“

So beginnt der Roman „Frau Einstein“ aus der Feder von Marie Benedict. Es sind nicht mehr viele Stunden, die Mileva Marić am 4. August 1948 bleiben, um im Alter von 72 Jahren einen Rückblick auf ein ebenso bewegtes, wie von Enttäuschung und Verlust geprägtes Leben zu werfen. Mitza, so wird sie meist von guten Freunden genannt, doch wir kennen sie nur unter dem Nachnamen, den sie mehr als sechzehn Jahre lang trug. Ein Name, der sie weltberühmt machte. Nicht jedoch aufgrund ihrer eigenen Leistung oder der Fähigkeiten, die ihr das Schicksal in die Wiege gelegt hatte. Sie war die erste Frau von Albert Einstein. Sie war Mileva „Mitza“ Marić Einstein.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Romantik und Wissenschaft sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen.
Jedenfalls nicht, wenn man eine Frau ist.“

Marie Benedict entführt uns in ihrem biografischen Roman in eine Zeit, in der das Rollenbild der Frau von ihren häuslichen Pflichten geprägt war. Das Wahlrecht und der Zugang zu akademischen Berufen wurden ihnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch verwehrt. Hinzu kamen regionale Unterschiede und Vorurteile gegenüber Osteuropäern und so konnte man nicht unbedingt davon ausgehen, dass der blitzgescheiten Mitza die Türen der Welt offenstehen. Serbin und Frau zu sein, ein doppeltes Handicap in dieser Zeit. Wäre da nicht ausgerechnet ihr Vater gewesen, der alles für seine Tochter in die Waagschale warf, sie wäre wohl nie die aufstrebende Mathematikerin geworden, die er schon früh in ihr zu erkennen glaubte. Seiner mudra glava (weiser Kopf) wollte er die Welt der Wissenschaft öffnen. Doch er wusste ganz genau, was seiner Tochter niemals in den Weg kommen durfte. Die LIEBE…

Frau Einstein von Marie Benedict

„Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“

Sir Isaac Newton

So wurde aus dem jungen Mädchen eine der ersten Studentinnen der Mathematik die in Zürich in das Haifischbecken der männlichen Kommilitonen geworfen wurde. Und hier bestätigt sich das oben zitierte Newton`sche Gesetz schon früh. Mileva stößt nicht nur auf Gegenwehr, sie wird sogar aufgrund ihres Intellekts schnell akzeptiert und doch kommt es so, wie ihr Vater befürchtet hatte. Sie trifft sie auf eine Kraft, die sie magisch anzieht, sie jedoch nachhaltig aus der eigenen Bahn werfen wird. Mileva begegnet dem jungen Physikstudenten Albert Einstein. Aus ersten theoretischen Diskussionen wird Freundschaft, aus Freundschaft wird Liebe und was für sie nach einem gemeinsamen Lebensweg aussieht, entwickelt sich anders, als sie es sich je hätte vorstellen können.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Izugbio sam ze. Ich war verloren.“

Was sich anfühlt wie eine wissenschaftlich-emotionale Allianz zweier Genies, wird für Mileva zum Abstellgleis ihrer eigenen Interessen. Eine ungewollte Schwangerschaft beendet ihr Studium, der uneheliche Status des Kindes steht Mileva und Albert im Weg und aus Rücksicht auf seine erste Anstellung tritt sie in den Hintergrund. Vergessen ist alles was sie zu seinen ersten Publikationen beigetragen hat, vergessen all die Impulse, die sie immer wieder setzte, um seine Physik-Theorien mathematisch zu untermauern. Vergessen all seine Versprechen von Hochzeit und einer gemeinsamen Karriere. Hier zeigt Albert Einstein, dass Liebe unberechenbar ist, dass ihr kein Formelwerk zugrunde liegt und dass der vielversprechende Jungakademiker in Herzensangelegenheiten nicht nur unkalkulierbar, sondern sogar egozentrisch berechnend ist. Mileva verlor sich in die Mutterrolle. Sie war verloren. Ihr Vater hatte es geahnt.

Frau Einstein von Marie Benedict

War Albert Einstein wirklich dieses menschliche Scheusal von dem Marie Benedict hier schreibt? Gut, dass meine kleine Bibliothek eigene Recherchen erlaubt. In „Lists of Note“ findet sich die Aufstellung der Bedingungen, die der spätere Nobelpreisträger an ein weiteres Zusammenleben mit seiner Mileva knüpft, um sie mit ihren Kindern nicht im Regen stehen zu lassen.

Klingt sehr herzlich und empathisch…

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Bezeichnend auch, in welcher Form er sich später dazu verpflichtete, seine Frau zu entschädigen, damit er wieder als freier Radikaler durch die Welt der Wissenschaft toben konnte, die ihm zu Füßen lag. Alles konnte er wohl teilen, nicht jedoch den Erfolg, den er nur für sich reklamierte. Gar nicht nobel, der Preisträger.

Frau Einstein von Marie Benedict

Marie Benedict beschreibt mit chirurgischer Präzision die Spirale, aus der Mileva nicht mehr entfliehen kann. Sie zeichnet ein komplexes sozio-kulturelles Sittenbild dieser Zeit und lässt dabei kein gutes Haar am Strubbelkopf von Albert Einstein. Zwar betont sie klar und deutlich, dass sie keine wissenschaftlich untermauerte Biografie, sondern einen Roman geschrieben hat. Und doch spürt man deutlich, wie sehr sie des Pudels Kern in ihrem Buch getroffen hat. An den Fakten kommt man nicht vorbei. Und so bleibt uns als Leser nur, gemeinsam mit Mileva um Verluste zu trauern, kleine Hoffnungsschimmer als das zu nehmen, was sie sind: als reine Trugbilder und Illusion. Und es bleibt der Neid in der Erkenntnis, dass es auch anders hätte sein können. Eine Begegnung der Einsteins mit Marie und Pierre Curie. Sie leben vor, wie es hätte sein können. Tragisch.

Ein relativer Vergleich – Gar nicht Theoretisch – Mileva in der Literatur

Dieser Roman ist relevant. Gerade in Zeiten von unterschiedlicher Entlohnung bei der Arbeit, der Quotierung der Anzahl von Frauen in wirtschaftlichen Spitzenpositionen und auch in der Reflexion einer in der Gesellschaft eher einseitig geführten MeToo-Debatte ist es erhellend zu erkennen, was sich seit mehr als 100 Jahren verändert hat und was eigentlich immer noch nicht.

Relevant wird es auch sein, im April den Roman „Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulic zu lesen. Ich bin sehr darauf gespannt, wie unterschiedlich sich beide Schriftstellerinnen der zweifellos erzählenswerten Geschichte in letzter literarischer Konsequenz angenähert haben. Hier ist der Vergleich.