Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

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Büchlein wechsel Dich – Manesse legt neu auf

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Stell Dir vor, Du hast Jahre damit verbracht, eine kleine feine Bibliothek im Reich Deines Lesens aufzubauen. Stell Dir vor, diese kleine Bibliothek sei einzigartig und so unverwechselbar, dass sie den Zeichen der Zeit widerstehen könnte. Ihr Design und die Inhalte wären so besonders, dass sie am Ende Deines Lesens auch gleichzeitig als ein Vermächtnis dienen könnte, das man seinen Liebsten gerne hinterlässt. Stell Dir vor, es wären ausschließlich Klassiker und sehr besondere Werke der Literatur, die sich hier in einheitlicher Größe und Gestaltung ihr Stelldichein geben würden. Und nun stell Dir vor, dass der Verlag, der für diese exquisite Auswahl mit seinem guten Namen steht, zu der Entscheidung gedrängt wird, all das über den Bücherhaufen zu werfen, was Dir so lieb und teuer erscheint.

Die Rede ist von der “Manesse-Bibliothek der Weltliteratur“. Der Verlag nimmt sich hierbei selbst in die Pflicht, indem er ein Ziel vorgibt, dem sich andere Verlage in dieser Deutlichkeit gar nicht mehr verschreiben in der heutigen Zeit. Es geht um

* Weltliteratur in attraktiver Ausstattung
* die ambitionierte Klassikervermittlung aus allen Kultursprachen und Epochen
* Romane, Lyrik und Erzählungen in Erst- und Neuübersetzungen

Manesse Bibliothek – Das neue Design

Um sich ein Bild vom Umfang dieser Weltbibliothek zu machen, muss man sich nur mal die Zahl der unterschiedlichen Werke vor Augen halten, die hier seit 1944 in einem weitgehend einheitlichen Design verlegt wurden. Es sind mehr als 600 unterschiedliche Werke von Moby Dick bis zu Jenseits von Afrika. Auch wenn es unmöglich erscheint, all diese Werke zu besitzen, so sind die „Kleinen Großen“ doch sicher in jeder privaten Bibliothek in einigen Exemplaren enthalten.

Und jetzt? Was sehen wir mit wachem Blick auf Buchmessen und im Buchhandel unseres Vertrauens? Das Design der Bücher hat sich verändert. Was vormals schon sehr bieder und uniform daherkam, wirkt jetzt poppig und bunt. Die Wesensmerkmale der althergebrachten Bibliothek der Weltliteratur sind nun auf dem Cover nicht mehr zu erkennen. Futsch ist sie, die geliebte Eintönigkeit der weißen Bücherarmee mit ihren so unterschiedlich gefärbten und im Cover fest eingedruckten Bauchbinden. So stehen sie in Reih und Glied im Bücherregal und vermitteln durch ihr Äußeres, dass man es hier in jeder Beziehung mit einer literarischen Elite zu tun hat. Keine Alltagsware. Mainstream, was ist das? Eigentlich ein Erfolgsrezept im schnelllebigen Büchermeer. Eigentlich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in Wertigkeit und Inhalt. Eigentlich zeitlos…

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika (1986, 2014, 2017)

Und was haben wir draus gemacht! Ja, ich meine uns Leser! Wir finden die Bücher schön und lieben es, sie ein wenig zu sammeln. Wir staunen schon, wenn wir mehr als zehn von ihnen auf einem Fleck entdecken. Aber letztlich haben wir sie anscheinend in den letzten Jahren nicht mehr so intensiv eingekauft, dass es sich weiter lohnen würde, an ihnen festzuhalten. Die Wertschätzung dieser Bücher vollzog sich nur noch in immer kleineren Kreisen und die Kaufinteressen gerade jüngerer Leser ließen unsere kleinen Lieblinge links liegen. Und nun? Wundern wir uns und sammeln uns zum Protest?

Vereinzelt ja. Vereinzelt flammt Bestürzung auf. Man habe eine Lebenssammlung in Luft aufgelöst, weil die neuen Bände nicht mehr dazu passen würden. Doch was wäre, wenn Manesse diesen Paradigmenwechsel nicht eingeleitet, sondern einfach kapituliert hätte? Dann würde sich die Frage gar nicht mehr stellen, wie eine Klassiker-Sammlung fortgeführt werden kann. Der Buchhandel seinerseits sieht das neue Design als mutige und alternativlose Entscheidung, sind doch gerade die Büchertempel diejenigen, die in letzter Konsequenz den Einbruch der Verkaufszahlen unmittelbar zu spüren bekamen. Jetzt blickt man gemeinsam nach vorne, präsentiert die neuen Kleinen in eigenen und augenfälligen Displays oder lässt sie gemeinsam dekoriert für sich selbst sprechen. Ob wir Leser angesichts der spürbaren Konkurrenz durch kleinformatige Bücher zukünftig bereit sind, den wertigen Büchern der Manesse Bibliothek Wertschätzung entgegen zu bringen, das wird sich erst zeigen.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Wer nun allerdings denkt, wir hätten es hier nur mit einer rein optischen Zäsur zu tun, der sollte sich die neuen Werke auch inhaltlich genau anschauen. Die Bücher sind nicht nur einer äußerlich erkennbaren Schönheitsoperation unterzogen worden, es hat nicht nur ein paar neue Schutzumschläge gehagelt. Nein. Auch im Inneren der Bücher hat sich mit diesem programmatischen Wechsel einiges getan und man hat die Chance genutzt, Fehler zu beseitigen, die sich in der Vergangenheit eingeschlichen haben. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir einfach mal „Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen. Ich kann mich noch gut an meine lebhafte Diskussion mit den Verlagsverantwortlichen auf der Leipziger Buchmesse erinnern.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika – Das ist kein Gebirge

Die Neuübersetzung aus dem Jahr 2014 hat mich verstört, weil hier schon mit den ersten Sätzen des Buches ein kleines Sakrileg begangen wurde. Aus dem bekannten und sowohl in den Altübersetzungen und in der Verfilmung verwendeten Original „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngongberge“ wurde nun ohne große Not die neue Einleitung „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße des Ngong Gebirges.“ Für viele Leser vielleicht nur eine Kleinigkeit, für mich jedoch ein großer literarischer Bruch, der mich sehr verunsicherte und mich des Vertrauens beraubte, ob diese Übersetzung dem Ursprungswerk noch gerecht würde, oder ob hier lediglich mit dem Dampfhammer gezeigt werden sollte, dass man den Text wirklich angepackt hatte. Die Begründung ist in der Art des Schreibens von Tania Blixen zu suchen. Sie schrieb ihre Bücher in einer ersten Fassung in englischer Sprache und übersetzte sie selbst ins Dänische.

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Die Ngongberge sind in der englischen Fassung „Ngong Hills“ und im Dänischen die Bjerget Ngong. Auch wenn es weitere Fassungen von Tania Blixen gibt, nie sind diese, in europäischen Maßstäben flachen, Berge ein Gebirge. Für mich war dieser Cut in der Neuübersetzung einfach zu intensiv und vergriff sich an einem Zitat, das Leser in ihrem Herzen tragen, wenn sie an Tania Blixen denken. Und nun? In der Neuausgabe mit neuem Design? Hat sich was getan? Hat man die Chance genutzt? Ich kann meine Freude kaum in Worte fassen, aber aus dem Gebirge wurden wieder Berge. Afrika hat seine Ngongberge wieder und das Buch fühlt sich wieder so an, wie es sein soll. Mein Vertrauen ist wiederhergestellt, und das Buch selbst ist ein komplettes Kunstwerk voller Überraschungen.

Das Druckbild ist konturierter, dunkler und besser zu lesen. Das Vorsatzblatt passt hervorragend zum neuen Äußeren und die hohe Qualität in der Verarbeitung wird allen Ansprüchen und Erwartungen gerecht. Hier wurde nicht nur (neudeutsch) getuned, hier sind viele Überlegungen eingeflossen, die dieses Buch mit modernem Grafik-Cover zu dem machen, was es jetzt für mich ist. Einem Lebensbegleiter, der sich an meine erste Blixen-Ausgabe von Manesse aus dem Jahr 1986 anschmiegt. In einer Artikelserie bin ich mit vielen Büchern auf den dunklen Kontinent gereist. „Jenseits von Afrika“ ist hier der Startpunkt gewesen, die Mutter aller Bücher in der Reihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“.

„Rosenlippenmädchen, leichtfüßige Jungs“

Manesse Bibliothek – Jenseits von Afrika

Ich werde mich einem weiteren Buch der Manesse Bilbliothek widmen, das ich mir aus gutem Grund auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ausgesucht habe. “Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome liegt mir schon vor und 2018 wird dieses Werk in einer ungekürzten Hörbuchfassung bei Der Hörverlag mit der Stimme von Axel Milberg erscheinen. Dann werde ich mich ins Boot schwingen und die Themse lesend und hörend bereisen. Ich freue mich schon sehr auf diese Reise… Kommt ihr mit?

Drei Mann in einem Boot – Lesen und hören… Bald…