„Die Aussprache“ von Miriam Toews

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Die Aussprache von Miriam Toews

Ich befinde mich in einem klaustrophobischen Erzählraum. Ich fühle mich nicht gut. Beklemmung macht sich breit und meine Wut ufert beim Lesen aus. Es riecht nicht nur nach Angst, es schmeckt nicht nur nach aufgestautem Hass, man kann die kollektiven Verletzungen spüren, die sich hier Gehör verschaffen. Ich bin in unserer Zeit. Nicht im Mittelalter. Ich bin in Bolivien, halte ein Buch in Händen, das wohl als Roman zu sehen ist, jedoch auf wahren Begebenheiten beruht. Ich befinde mich in einer Kolonie, in einer Gemeinde gläubiger Mennoniten. Gottesfürchtige Menschen. Sollte man meinen. Es ist ein Heuboden, in dem sich abspielt, was ich im Leben nicht mehr vergessen werde. Es ist ein Versteck, in das sich acht Frauen der Gemeinde geflüchtet haben. (Rezi hören)

Die Aussprache - Die Rezension fürs Ohr - Ein Klick genügt - Astrolibrium

Die Aussprache – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Es ist Die Aussprache, der ich beiwohnen darf, weil mir die kanadische Autorin Miriam Toews ihren neuen Roman anvertraut, der nichts anderes ist, als das fiktive Protokoll dieser unglaublichen Versammlung. Ich bin mucksmäuschenstill. Ziehe mich atemlos in den hintersten Winkel des Heubodens zurück und höre den Frauen zu. Sie sind nicht grundlos hier. Mein Gott, das auf keinen Fall. Am Ende der Leidensfähigkeit und erfüllt von dem verzweifelten Wunsch, sich selbst und ihre Kinder zu retten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als „Die Aussprache“ zu führen und eine Entscheidung zu treffen, die alles verändert. Ihr eigenes Leben, das ihrer Familien und den Fortbestand der gesamten Mennoniten-Kolonie Molotschna.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Der Grund für „Die Aussprache“? Verstörend… Über Jahre hinweg wachten Frauen und Mädchen infolge nächtlicher Übergriffe benommen, unter Schmerzen und verletzt, blutend und psychisch gequält auf. Vergewaltigt. Die Ursache der Überfälle war für die Männer der Gemeinde schnell klar. Es war die Strafe Gottes für die unreinen Gedanken der Frauen. Eine Strafe Gottes oder des Teufels für all ihre Sünden. Erst als sich einige Frauen auf die Lauer legten, kam das Entsetzliche ans Tageslicht. Acht Männer hatten sie systematisch mit einem pflanzlichen Tierbetäubungsmittel bewusstlos gemacht und sich an ihnen vergangen. Ihre Opfer: Frauen, Mädchen, kleine Kinder. Ihr Beistand, als die Gewalttaten offensichtlich wurden: Fehlanzeige. Aus Sicht ihres Bischofs waren die Frauen bei den Gewalttaten ohne Bewusstsein. Was sollte man ihnen da beistehen im Nachhinein?

So. Das musste sich setzen. Ich war angesichts dieses Missbrauchs angewidert. Ein in sich geschlossenes patriarchalisches System mit einem archaischen Frauenbild als Basis für den systematischen sexuellen Missbrauch ist nur eine Seite des Grauens. Die Konsequenzen für die Frauen setzten dem Ganzen für mich die Krone auf. Für die Gemeinschaft nicht mehr tauglich waren sie. Nicht mehr jungfräulich, schwanger einige und beschmutzt. Man hatte diese Frauen und Mädchen an den Rand der Gemeinschaft vergewaltigt. Mir war zum Kotzen zumute. Und genau hier beginnt „Die Aussprache“. Aus Angst vor der Rache einiger Frauen befinden sich die Täter vor Gericht. Der Rest der Männer ist vor Ort, um die Kaution für ihre Freilassung aufzubringen. 48 Stunden bleiben den Frauen. 48 Stunden für eine Entscheidung. „Die Aussprache“ als Akt der Befreiung oder des Aufgebens.

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Alternativen? Grundsätzlich sind sie da. Jedoch ist das mennonitische Frauenbild in Perfektion das geeignete Machtinstrument, die Wahlmöglichkeiten der Opfer drastisch einzuengen. Sie können weder lesen noch schreiben. Sie sprechen nur Plautdietsch, wissen nicht, wo sich die Kolonie befindet, weil sie den Ort nie verlassen durften. Doch trotz all dieser Grenzen sind acht Frauen nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie begeben sich auf den Heuboden und beraten, was zu tun ist. Nichtstun. Bleiben und Kämpfen. Gehen. Miriam Toews schreibt uns in einen existenziellen Meinungsaustausch, in dem das Für und Wider der Optionen aufgelistet wird. In jeder Konsequenz wird klar, was es für die Frauen und Mädchen bedeutet, an diesem Punkt ihres Lebens angekommen zu sein. Vernichtend.

Hier sind sie nun versammelt. Generationsübergreifend, traumatisiert, verprügelt, zerschlagen, ungewollt schwanger. Sie sprechen für diejenigen, die sich bereits das Leben genommen haben. Sie sprechen für diejenigen, die zu verängstigt sind, um eine eigene Meinung zu haben. Und sie sprechen für sich selbst. Für all ihren Schmerz. Für ihre Verwundungen, die verbaute Zukunft, aber auch die Werte, für die sie bisher tapfer gekämpft haben. Alle Meinungen sind vertreten. Mord, Rache, Vergebung, Schweigen. Jede Option wird beleuchtet und erbittert diskutiert. Es gibt keinen Königsweg, für den sich die Frauen entscheiden können. Jedes Ergebnis der „Aussprache“ beinhaltet sehr schmerzliche Konsequenzen. Bis hin zum Zurücklassen der eigenen Söhne, die zu alt sind, um ihnen zu folgen. Sollten sie es denn wagen, zu fliehen.

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Miriam Toews seziert mit den Gedanken dieser Frauen jedes Wort. Was bedeutet Vergebung. Ist das Gehen mit Flucht gleichzusetzen? Was ist man selbst wert? Ist man Tier oder Mensch? Was bedeutet Zukunft? Wer trägt Verantwortung und was bedeutet der Glaube an ihre orthodoxe Religion? Machen sie sich schuldig, wenn sie den Tätern nicht vergeben? Werden sie exkommuniziert, wenn sie gehen? Was geschieht mit ihrer Familie, wenn sie bleiben? Die Allmacht der Männer ist fühlbar. Ihre Abwesenheit kann nur kurz zum Durchatmen genutzt werden. Entscheidungen müssen her. Miriam Toews zermalmt jeden Hoffnungsfunken in den widerstrebenden Argumenten. Hier sind Mütter und Töchter in ihren Bildern so gefangen, dass es nicht um Emanzipation geht. Es geht ums nackte Überleben.

Die kanadische Autorin mit mennonitischen Wurzeln lässt in ihrem Buch Frauen zu Wort kommen, deren Zukunft durch ein allmächtiges Patriarchat zerstört wurde. In größter Not wagen sie daran zu denken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es ist allzu schmerzhaft, diesen Diskussionen zu folgen. Es ist schmerzhaft, Empathie zu empfinden, weil sie ein vernichtendes Gefühl der Wertlosigkeit aufkommen lässt. Es ist ausweglos, mir vorzustellen, was ich fühlen würde. Was Miriam Toews hier im Großen entfaltet wird zum ganz individuellen Leidensweg, der besonders in der Figur von Ona sichtbar wird. Schwanger von einem der Täter. Nervlich am Ende. Unbrauchbar für die Gemeinde und doch eine so warmherzige, zutiefst liebende und Stärke ausstrahlende Frau, dass man sie lesend eigentlich dauernd im Arm halten möchte. Dafür jedoch ist Ona Friesen zu stolz!  

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Die Aussprache von Miriam Toews

Die Relevanz dieses Romans unterstreicht Miriam Toews mit einem literarischen Schachzug der Meisterklasse. Sie lässt die Aussprache von einem Mann zu Protokoll bringen. Ein Rückkehrer in die Kolonie. Ein Ausgestoßener. August Epp. Aus Sicht der anderen Männer ein „Halbmann“. Untauglich für die Landwirtschaft. Hier jedoch brilliert er als Mediator und Moderator. Seine Anwesenheit versöhnt mit einem Patriarchat, das aus der Zeit gefallen ist. Seine Impulse und Gedanken machen ihn zum Spiegelbild der Männerwelt, wie sie sein könnte. Der Grund für seine Anwesenheit wird erst zum Ende der Aussprache klar. Ein ganz feiner literarischer und emotionaler Moment, der beweist, dass man manchmal die Flinte ins Korn werfen muss, um eine Zukunft für sich und die Menschen zu gestalten, die einem am Herzen liegen. Wahre Größe…

In Zeiten der MeToo-Debatte und dem um sich greifenden Missbrauch gegenüber Frauen zeigt dieser Roman, dass es immer die von Männern gestalteten Umstände im Leben sind, die den Weg zur Machtausübung ebnen. Brandaktuell lässt uns die Autorin mit dem Gefühl zurück, dass jede moderne Gesellschaft mennonitische Dogmen pflegt. Selbst eine kleine Familie kann zu einer Kolonie werden, in der sich eine Frau zu fügen hat. Unvorstellbar und doch beginnt der Missbrauch im Kleinen. Mit Worten, sprachlich ungenauen Begrifflichkeiten, verbalen und deshalb sehr psychischen Verletzungen. Mit Abwertung und zuletzt mit Gewalt und Zwang. Hier würde jedem Mikrokosmos Familie ein gezielter Blick auf den Makrokosmos „Kolonie“ weiterhelfen. Ob Religion, Ideologie oder gesellschaftliche Dogmatik. Die Mechanismen sind vorhanden. Die Automatismen folgen. Und wenn man bei Frauen keinen Erfolg hat, dann nimmt man sich Kinder. Wie es der systematische Missbrauch in der katholischen Kirche eindrucksvoll beweist. Lest „Die Aussprache“. Eines der wohl relevantesten Bücher des Jahres.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Viele verlorene Mädchen finden sich in „Die Aussprache“. Ein wichtiges Thema für mich. Besucht meine Literatursammlung zu den Lost Girls der Gesellschaft

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Die Aussprache von Miriam Toews und die verlorenen Mädchen

„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Sagte ich bereits, dass Männer anders lesen als Frauen? Ich denke schon. Und ich nehme mich selbst gerne als Beispiel dafür her, dass prägende Rollenbilder wesentlich für eine Rezeption literarischer Stoffe sind. In empathischer Hinsicht fällt es mir leichter, mich in einen männlichen Protagonisten hineinzuversetzen, als die Gefühlswelten einer jungen Frau verstehen zu können. Identifikation mit einer Romanfigur geht immer damit einher, dass man seine eigenen Sichtweisen und Handlungsmuster in jenem Charakter spiegelt, der uns durch die Geschichte trägt. Um es zu versinnbildlichen: Ich war immer Peter Pan, niemals Wendy. Ich war Denys Finch Hatton, nie Tania Blixen und ich habe mich viel wohler in Ernest Hemingway gefühlt, als in der Denkwelt auch nur einer seiner vier Ehefrauen. (Weiterhören oder -lesen. Sie entscheiden selbst…)

Die Rezension fürs Ohr - Erinnerung eines Mädchens - AstroLibrium

Die Rezension fürs Ohr – Erinnerung eines Mädchens

Und doch ist es das wesentliche Verdienst der Literatur, uns einen Blick über den jeweiligen Tellerrand des anderen Geschlechts zu gewähren. Verständnis entsteht nur im Wissen um Gefühlswelten, Automatismen und Verhaltensmuster einer jeweils im Dunklen liegenden anderen Welt. Nur weil ich die Sehnsucht einer Tania Blixen kenne, weiß ich mit dem rein egozentrischen Freiheitsdenken ihres Liebhabers umzugehen. In vielen Belangen öffnen diese Blicke in unerforschte feminine Welten Horizonte, die mir fremd geblieben wären, gäbe es keine Literatur. Immer wieder nähere ich mich diesem besonderen Erzählkosmos einer Frau. Nicht, um ihn nachzuempfinden. Eher schon um zu verstehen, wo die Wurzeln von Missverständnissen verborgen sind. Vielleicht auch, um zu erkennen, welche enormen Fehler wir begehen, wenn wir mit einem Tunnelblick der Ignoranz durch unsere gemeinsamen Leben stolpern.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ich hege nicht den Anspruch, als Frauenversteher durch die Welt zu laufen. Es ist für mich jedoch unabdingbar, Menschen verstehen zu wollen, auch wenn ich mich sehr schwer damit tue, ihr Denken nachvollziehen zu können. Allein im Wissen um diese so unberechenbaren Besonderheiten liegt für mich die Magie der femininen Perspektive in der Literatur. Annie Ernaux bin ich nun zum ersten Mal begegnet. Sie, die bedeutende französische Schriftstellerin, wird in Deutschland erstmals so richtig wahrgenommen. In meiner literarischen Wahrnehmung ist sie für mich ein unbeschriebenes Blatt und doch traf ich auf der Frankfurter Buchmesse die spontane Entscheidung, ihr zu folgen. Es ist einem Hörbuch zu verdanken, dass ich sie für mich entdeckte. Es ist einem Medium zu verdanken, dem ich gerade im Bereich autobiografischer Erzählungen so sehr vertraue, weil ich das Gefühl habe, ein Leben erzählt zu bekommen. Da höre ich gerne zu.

Von der „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux versprach ich mir diese unmittelbare Perspektive auf das eigene Leben der Autorin. Ich lehnte mich zurück und lauschte der Stimme von Maren Kroymann, die mich in der Hörbuchadaption aus dem Hause Der Audio Verlag in das Frankreich des Jahres 1958 entführte. Sie erzählte mir, was Annie Ernaux in der Rückschau auf ihr eigenes Leben zu Papier brachte. Das Zuhören vermittelte mir die unglaubliche Unmittelbarkeit des Miterlebens einer Tour de Force in die Vergangenheit einer inzwischen 78jährigen Schriftstellerin, die sich in eine Lebensphase zurückschrieb, die Auswirkungen bis heute hat. 1958 war Annie Ernaux das Mädchen, dessen Erinnerung wir nun vor Augen und Ohren haben. 18 Jahre alt.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Wie Annie Ernaux bei der persönlichen Retrospektive vorgeht, ist absolut fesselnd. Sie distanziert sich von ihrem vergangenen Ich des 18jährigen Mädchens. Sie entfernt sich nicht nur erzählend, sie unterscheidet deutlich in Ursachen und Wirkungen, die bis heute auf ihr Leben einwirken. Ihre Ich-Perspektive richtet sich auf die Erzählerin heute und jetzt. Die junge Annie wird zur „Sie“. Die autobiografische Kontaktaufnahme mit der eigenen Vergangenheit wird auf diese Art und Weise zu einem besonderen Experiment und zum literarischen Befreiungsschlag einer alten Dame, die bis heute verschämt auf das Jahr 1958 zurückblickt. Das Jahr ihrer Unterwerfung.

Ein Jahr, in dem sich ihr ganzes Leben veränderte. Dabei fing alles sehr harmlos an und eigentlich ist für den außenstehenden Betrachter nicht viel passiert. Eigentlich. Für Annie Ernaux jedoch wird die kurze Zeit, in der sie als Betreuerin in einem Ferienlager arbeitete zum lebenslangen Martyrium. Hier wurden ihr Fesseln angelegt. Hier hat man mit ihren Gefühlen gespielt. Hier wird aus dem erwartungsvollen und lebenshungrigen Mädchen schlagartig eine Nutte. Kaum zu glauben, aber die sozialen Automatismen im Kontext interagierender Gruppen sorgen dafür, dass aus der Summe der Fehltritte eine unumkehrbare Rolle wird, der sie nie wieder entkommen kann. Eine Rolle, die sich auf jeden Lebensbereich auswirkt, auch auf ihr literarisches Schaffen. Ohne, dass jemand etwas davon ahnen konnte.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ein älterer Betreuer im Ferienlager, eine verhängnisvolle gemeinsame Nacht, eine erste Hoffnung auf Liebe, eine bittere Zurückweisung, tiefe Verletzungen, das schlimme Gefühl benutzt worden zu sein, die gefühllose Flucht in die Betten anderer Männer und das Stigma des leichten Mädchens sind wohl die wesentlichen Bilder, die sich im Kopf der jungen Annie manifestieren. Was folgt, ist Scham. Was folgt, ist die Gefühllosigkeit und ein Taumel in eine Zwischenwelt aus Bulimie und Fress-Sucht. Was folgt, ist ewige Unsicherheit sich selbst gegenüber. Dabei ist sie sich heute sicher, dass sie an einigen Stellen dieser frühen Entwicklung einfach nur Stopp hätte sagen können. Dass sie sich hingab, unterwarf und so zum Spielball der Leidenschaft wurde, schreibt sie sich immer noch selbst zu.

Eine bewegende Reise zurück in ein Mädchenschicksal, das für Männer vielleicht gar nicht so dramatisch wirkt, wie es sich für die Betroffene angefühlt hat. Wir sehen aus der männlichen Perspektive eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst und im Streben nach Zuneigung, Wärme und Liebe. Wir sehen die Seite eines Mädchens, das sich auf einen Mann einlässt. Was hier jedoch zerstört wird, ist mehr als nur das Gefühl des Augenblicks. Hier werden Wunden fürs Leben geschlagen, die kaum vernarben. In jeder Beziehung ist es hörenswert, was Annie Ernaux zu erzählen hat. Ungeschminkt und schonungslos beschreibt sie die Ambivalenz, in der sie ihre Gefühle zu leben hat.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Der erste Schritt in Richtung des Mädchens Annie Ernaux hat Konsequenzen für mich. Ich werde ihr garantiert weiter folgen und darf schon bald erleben, wie sie in „Die Jahre“ kommt. Ein Hörspiel mit Corinna Harfouch, Nicole Heesters, Birte Schnöink, und Constanze Becker setzt die literarische Auseinandersetzung der Autorin mit jenen bereits zuvor aufgeworfenen Fragen aus einer anderen Perspektive um. Kein „Ich“ wird zur Erzählerin. Von außen betrachtet Annie Ernaux die Entwicklung eines Landes, eine Phase der Krise mit Algerien, das Unaussprechliche des Jahres 1958, die Hingabe und Enttäuschung, den Weg zu sich selbst und die Jahre des Alterns. Ich denke, nun einen tiefen Zugang gefunden zu haben, um die Erweiterung des Erzählraumes zu verstehen.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Die Jahre – Annie Ernaux –

Im Januar 2019 geht es bereits weiter. Annie Ernaux – Die Jahre / Das Hörspiel / Der Audio Verlag. Ihr werdet von uns hören. Und wer das Frankreich im Jahr 1958 besser verstehen möchte, dem empfehle ich Die französische Kunst des Kriegesvon Alexis Jenni. Algerien und die Fremdenlegion, Rassismus und Kolonialismus sind Parameter einer Republik, die das Land nachhaltig prägen sollten.

Hier geht´s zum Hörspiel „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Eruptiv und fulminant.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens und die französische Kunst des Krieges

Verlorene Mädchen. Ein Themenschwerpunkt bei AstroLibrium. Hier

Mädchen und AstroLibrium - Eine besondere Beziehung

Mädchen und AstroLibrium – Eine besondere Beziehung

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Man steht vor einem Ölgemälde, das aus der Ferne betrachtet unglaublich realistisch wirkt und bemerkt, je näher man ihm kommt ein maschenartiges Netz kleiner Risse, die sich über das gesamte Bild ziehen. In der Kunstwissenschaft bezeichnet man diese oft auftretende Erscheinung bei Ölgemälden als „Krakelüre“. Die Risse entstehen, weil der Bildhintergrund arbeitet, während die Ölfarbe fest ist und mit zunehmender Zeit deutlich an Flexibilität verliert. Selbst die Mona Lisa ist von einem solchen Netz überzogen. Was hat das jedoch mit einem Roman zu tun?

Was hatDas brennende Mädchenvon Claire Messud mit der Mona Lisa zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Lesend schiebt sich mir jedoch dieser Alterungsprozess eines Bildes immer tiefer ins Bewusstsein, je weiter ich der Geschichte im Roman folge. Was im Auge des Künstlers bei der Entstehung eines Bildes so frisch und gegenwärtig erscheint, zeigt bereits kurz nach der Fertigstellung erste Risse. Wie kleine Kontinente beginnen sich die Bildbestandteile voneinander zu lösen, bis man die ganze Schönheit eines solchen Werkes nur noch aus der Ferne wahrnehmen kann…

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud ist ein absoluter Krakelüre-Roman. Die Autorin zeichnet das Bild der außergewöhnlichen Freundschaft zweier Mädchen, in die sich schon beim Zeichnen der Rahmenbedingungen die ersten Risse einschleichen, ohne dass sie bemerkt werden. Julia und Cassie kennen sich seit frühester Kindheit. Im Sandkasten begann, was hier im Rückblick aus der Perspektive von Julie erzählt wird. Einprägsam beginnt diese typische, jedoch nie stereotype, Coming-of-Age-Geschichte. Sie beginnt am Ende der Beziehung. Sie beginnt mit dem Verlust, an dem Julie immer noch leidet, obwohl ihre damalige Lebensfreundin schon vor zwei Jahren weggezogen ist und sie in der amerikanischen Kleinstadt zurückgelassen hat.

Nun steht Julie vor der entscheidenden Frage ihres noch jungen Lebens. Was ist damals, in jenem wundervollen „Zwillingssommer“ passiert, was hat sie nicht realisiert und woran zerbrach diese innige Beziehung zu Cassie, dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben? Claire Messud erzählt von der Spurensuche einer jungen Frau, die nicht wahrnehmen konnte oder wollte, auf welch unterschiedlichen Lebensentwürfen die tiefe Freundschaft zu Cassie angelegt war. Die Autorin entführt uns in eine Welt, die für zwei Mädchen ganz einfach zu verstehen war, wenn sie nur zusammen unterwegs waren.

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Es ist unspektakulär, was Claire Messud erzählt. Es ist spektakulär, wie sie diese Geschichte erzählt. Es sind die kleinen Bilder, an die sich Julie erinnert. Es sind Bilder die sie als Zwölfjährige in ihre Leben gemalt haben. Es sind kleine Gemeinsamkeiten in zwei Herzen, die sie stärker machten, als sie es alleine waren. Es sind Ausflüge, Spiele und erste Wagnisse, die sie nur wagen konnten, weil sie sich wie Zwillinge aufeinander verlassen konnten. Jetzt im Rückblick, kann sich Julie kaum noch an eine Zeit erinnern, in der sie Cassie nicht kannte.

Und doch muss etwas schiefgelaufen sein, das Julie nicht erkannt hat. Und doch muss diese Freundschaft an den feinen Rissen, die sich unaufhörlich durch das Portrait zweier Mädchen zogen zerbrochen sein. Wie in einem Ölgemälde muss auch hier der Bildhintergrund gearbeitet haben, während diese Freundschaft zuerst an Festigkeit und dann an Flexibilität verlor, auf geänderte Rahmenbedingungen richtig zu reagieren. Wo haben diese Risse begonnen? Welche Rolle spielten die beiden Familien, Freunde und andere Menschen, die ihnen beiden auf ihrem Weg begegneten?

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Erwachsenwerden ist schwer, weil jeder von uns einem eigenen Stern folgen muss. Und ich fürchte, manche von uns haben hellere Sterne als andere.“

Das brennende Mädchen ist so brillant angelegt, dass man als Leser immer das Gefühl hat, einen solchen Riss wahrzunehmen, über den Julie und Cassie später noch stolpern würden. Die Autorin hält uns zwar immer auf Augenhöhe, und doch verstehen wir mit zunehmender Nähe zum Bild dieser Freundschaft, dass man oft zu nah dran ist, um Veränderungen überhaupt erkennen zu können. Claire Messud lässt viel Raum für Spekulationen, da sie uns mit der rein subjektiven Sichtweise der verlassenen Freundin konfrontiert. Sachlich kann und darf Julie nicht bleiben. Emotionen überlagern den Plot und so wird aus der Geschichte zweier heranwachsender Mädchen auch die, zweier im Kern ihrer Lebensentwürfe, unterschiedlicher Elternhäuser.

Hier steht behütete Kindheit gegen vaterloses Aufwachsen. Hier stehen Werte und Normen gegen Improvisation. Hier prallen Welten aufeinander, bei denen Julies Welt in konstanten Kreisen verläuft, während Cassie einen Umbruch nach dem anderen erlebt.

„… so ähnlich ging es mit Cassie und mir. Ich glaube, ich war Goya und machte einfach mein Ding, und sie war die Französische Revolution.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Die Goya-Erkenntnis kommt spät für Julie. Während Francisco de Goya spanischer Hofmaler wurde und das Leben genoss, rollten in Frankreich die Köpfe der Monarchen. Die Einsicht kommt zu spät, um etwas zu retten, aber sie kommt früh genug, um nicht am Verlust einer Freundschaft für das spätere Leben zu scheitern. Wir können viel aus dieser Geschichte mitnehmen. Sie lässt sich nicht auslöschen, dazu ist das brennende Mädchen zu intensiv in Flammen gehüllt. Ein sehr lesenswerter Roman und sicher kein „Frauenbuch“. Bevormundung und Restriktionen in Familien kommen zumeist nicht aus der weiblichen Ecke. Oft sind es die Väter, die Riegel vorschieben oder einfach fehlen, wenn man sie am meisten braucht.

Ich halte mich am Ende des Romans an der Erkenntnis fest, dass man gar nicht aufmerksam genug sein kann, wenn es darum geht, genau hinzuschauen. Ansonsten geht es einem wie Julie, die zwar sieht, aber allzu oft nur vermutet, was sie wirklich zu sehen denkt.

„Das ist wie bei einem Planeten: Man weiß, dass er rund sein muss, man sieht aber nur einen Halbmond oder einen Halbkreis. Also schlussfolgert man, dass ein Teil davon im Schatten liegt. Dann muss man herausfinden, was in diesem Schatten liegt und warum.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Bleibt ganz nah am Bild eurer Freundschaften und verhindert Krakelüre! Sie lässt sich nicht restaurieren, wie ihr an der Mona Lisa seht. Hier geht´s zu weiteren Mädchen in der kleinen literarischen Sternwarte. Es sind immer besondere Mädchen...

Weitere besondere Mädchen auf AstroLibrium

„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

Das Mädchen, das in der Metro las

Kann eine Reise das Leben verändern? Ich denke, ja. Bis vor wenigen Monaten war ich lediglich literarisch in den Straßen von Paris unterwegs, habe die Metropole an der Seine im Wandel der Zeit erlebt und bin in Kathedralen, Cafés und Buchhandlungen im Herzen der Stadt den wohl wichtigsten Schriftstellern meines Lesens begegnet. Ich sah den Louvre in Händen der Nazi-Besatzer, erlebte Krönungen und Revolutionen, spürte den vibrierenden Sound der Zwanziger Jahre, sah gekrönte Häupter den Kopf verlieren und wurde zum Zeugen des Scheiterns einer Heiligen Jungfrau, die Paris befreien und für ihren König erobern wollte. Jeanne d´Arc brannte für diese Stadt. All dies durfte ich ganz nah empfinden, als ich Paris erstmals mit eigenen Augen sah. All dies ließ ich auf mich wirken. Ich hatte lange davon geträumt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Stadt. Ich spürte, dass Bücher hier eine ganz besondere Rolle spielen. Nicht nur in Bibliotheken oder Buchhandlungen, sondern auf den Straßen von Paris. Fliegende Buchhändler verwandeln Bushaltestellen in feine und erlesene Treffpunkte für bibliophile Bewohner und Touristen. Bücherregale vor den Schaufenstern der großen Büchertempel vermitteln den bleibenden Eindruck, dass ein Buch in Paris ein willkommener spontaner Wegbegleiter ist. Überall wird gelesen. Es ist der Pulsschlag der Literatur, den ich dort gefühlt habe. Kein Ruhepuls, echt nicht. In der Metro dachte ich immer wieder daran, wen ich hier im Lauf der letzten Jahrzehnte wohl getroffen hätte. Wer in den Zügen jener unter- und überirdischen Linien unterwegs war, um Freunde zu treffen, die Stadt fluchtartig zu verlassen oder den Rausch der Nacht in vollen Zügen zu genießen. Eine Liste dieser besonderen Menschen habe ich ans Ende dieses Artikels gestellt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Es ist mir eine besondere Ehre, Euch eine ganz besondere junge Frau vorstellen zu dürfen, die aus literarischer Sicht am heutigen Tag das Licht der Welt erblickt. Eine junge Frau, der ich gerne in der Metro begegnet wäre, weil ich ganz genau weiß, dass wir uns gegenseitig ganz genau unter die Buchlupe genommen hätten. Sie würden die junge Frau schnell erkennen. Sie verbirgt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille und trägt einen riesigen blassblauen Schal, der auch den Rest ihres Gesichts vor den Augen der Welt schützt. Sie ist eine gute Beobachterin. Sie liest in den Menschen, die in der Metro lesen. Ihrem wachen Blick entgeht nichts. Nicht der Mann mit dem grünen Hut, der sein Buch zu atmen scheint. Nicht die Verliebte, die immer in Tränen ausbricht, wenn sie die 247. Seite erreicht hat. Und auch nicht die alte Dame, die immer das gleiche Kochbuch zu lesen scheint. Juliette findet sie alle. Diese…

„Wortschmetterlinge, die in dem überfüllten Metro-Waggon flatterten, bevor sie sich auf Juliettes Fingerspitzen niederließen“

Das Mädchen, das in der Metro las

Juliette ist „Das Mädchen, das in der Metro las“. Wobei sie eigentlich nie so richtig zum Lesen kommt, weil sie Menschen und Bücher beobachtet. Jedenfalls solange, bis sie ihre Arbeitsstelle erreicht. Eine Arbeit, die den Rhythmus des Lesens unterbricht, in eine Welt eindringt, die von Fantasie geprägt ist. Eine Arbeit die das Mädchen aus dem Lesen reißt. Bis Juliette eines Tages beschließt, der Metro früher zu entfliehen und ein wenig gedankenverloren durch die Straßen zu wandeln. Hier findet sie die Tür zu einer Welt, die sie noch nicht entdeckt hatte. Hier trifft sie auf Menschen, deren Leben einem bibliophilen Traum folgen. Sie begegnet Soliman und seiner Tochter Zaïde. Sie betritt eine Welt, die mit der Inschrift „Bücher ohne Grenzen“ wahrhaft paradiesisch anmutet. Eine Welt der Bücher, die von Soliman auf den Weg gebracht werden, um die richtigen Leser zu finden. Eine individualisierte Form des Bookcrossings. Soliman ist der Sucher im Büchermeer. Seine Mission könnte lauten: „Auf den Zufall warten? Dafür ist ihre Zeit zu schade. Ich PaarBooke jetzt“. Und Juliette kommt genau zur rechten Zeit. Ein neuer Kurier zur Vermittlung von Büchern wird dringend gesucht.

Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury legt uns „Das Mädchen, das in der Metro las“ ans Herz. Im Kosmos der bibliophilen Romane sicherlich ein Werk mit einer überzeugenden Idee. Im Kern des Romans, der wie eine Pralinenschachtel der Literatur anmutet, entwickelt sich die Geschichte zu einem Erzählraum, der den Menschen eine Heimat gibt. Die Literatur ist nicht das Leben. Das Leben ist nicht das Lesen. Ohne Bücher jedoch würden einige Menschen nicht zueinander finden. Ohne Inspiration würden sie einander nie so richtig erkennen und wahrnehmen. Und ohne die Fähigkeit sich in ein Buch einzufühlen, ist es schwer, Empathie für Menschen zu entwickeln. Die Bücher, die uns hier über den Weg laufen sind wie Grundnahrungsmittel für den Geist. Sie sind der Sauerstoff des Lesens. Ohne sie würden wir nie erfahren, ob „Das Mädchen, das in der Metro las“ ein guter Kurier des guten Lesens wäre und ob sie das Geheimnis lüftet, das hinter der Mission dieses belesenen Arabers mitten in Paris verborgen ist? Lassen Sie sich überraschen und nehmen Sie gleich den nächsten Zug der Metro. Es gibt keine Endstation für diese Geschichte.

Und vielleicht begegnen Sie ja nach diesem Buch einem jungen Mann, der in der Metro laut vorzulesen pflegt. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ und „Das Mädchen, das in der Metro las“ sind perfekt für das Lesen in vollen Zügen.

Das Mädchen, das in der Metro las

Wem ich auf einer Zeitreise durch Paris sicherlich in der Metro begegnet wäre:

Vernon Subutex auf seinem Roadtrip durch alle Schichten einer Gesellschaft.
Samuel Beckett,
der nicht warten konnte, wie sein späterer Godot.
Charlotte Salomon mit einem Koffer, der ihr ganzes Leben war.
Irène Nemirovsky
mit dem Manuskript ihrer „Suite Française“ auf dem Weg ins KZ.
Louise, einem mörderischen Kindermädchen auf dem Weg in ihr normales Leben.
Èdouard, dem Dichter der Familie, dem einfach der vor seiner Schreibblockade flieht.
Einem Mann, der den Gare d´Austerlitz zur Drehscheibe seiner Vergangenheit macht.
Ernest Hemingway, der sich endlich einmal kräftig daneben benehmen durfte.
Scott F. und Zelda Fitzgerald, die füreinander himbeersüße Tode sterben würden.
Catherine Meurisse auf dem Weg zurück in die Leichtigkeit nach den Attentaten.
Antoine Leiris auf seiner einsamen Fahrt zurück in ein Leben ohne Hass.
Pierrot, dem auf Hitlers Berghof die Heimatstadt Paris abhanden kommt.
Claire und Julie, die im Salz der gemeinsamen Tränen baden.
Einer Nachtigall, die in den Reihen der Résistance an Sabotage denkt.
Den Liebenden aus dem Chamäleon Club, die eher Blut, als Tränen vergießen.
Guylain Vignolles, der es liebt, laut vorlesend Metro zu fahren.
Julie, die Toilettenfrau, die einen USB-Stick mit ihrem Tagebuch in der Metro verlor.
Marie-Laure LeBlanc, das blinde Mädchen aus Paris, das in Saint-Malo Licht sieht.
Florent-Claude Labrouste, dessen Serotoninspiegel im Keller ist.
Juliette, das Mädchen, das in der Metro las und Wortschmetterlinge züchtete.
Und nicht zuletzt hätte ich vielleicht den Hut des Präsidenten gefunden.

Fahren Sie mit der Metro durch Paris. Finden Sie ihr Lesen. Träumen Sie mit mir. Und hier geht es zu weiteren besonderen Mädchen

Weitere Mädchen auf AstroLibrium

„Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Es gibt keine Märchen mehr. Zumindest nicht mehr solche Märchen, die gemeinsam gelesen, zelebriert und in den Kontext eines jungen Lebens gestellt werden. Es gibt sie kaum noch, diese „Wir nehmen uns Zeit für ein Buch – Momente“, in denen wir uns mit einer Erzählung beschäftigen, an deren Ende man gerne sagen würde „Und die Moral von der Geschicht´“. Wir lesen vor uns hin, lassen junge Menschen oft alleine mit den Welten, die sie sich erlesen, verlieren so die gemeinsame Sprache und die Lehren aus dem Fokus, die man aus einem Buch ziehen könnte. Es ist im Lesen wie im Leben. Wir gehen „lost“, wenn es darum geht uns in der Welt unserer Kinder zu bewegen. Zeit, ein wenig dagegen anzugehen, das Ruder herumzureißen, den Kompass neu einzunorden und das Gemeinsame neu zu entdecken. Zeit für uns. Zeit für wir. Zeit für das Lesen in einer Dimension, die der mündlichen Überlieferung nahekommt. Vorlesen und Mitlesen werden so zu Vor- und Mitleben. Eine Vision? Mitnichten! (Gerne auch weiterhören)

Das Mädchen, das den Mond trank – Die Rezension fürs Ohr

Was es braucht, um diese unsichtbare Grenze zu überschreiten? Nicht sehr viel! Eigentlich nur die innere Bereitschaft, ein gutes Buch und ein paar wichtige Menschen, mit denen das gemeinsame Lesen zelebriert werden kann. Und was soll ich sagen? Ich habe das alles. Ich bin bereit und bei bester Leselaune, habe ein wahrhaftiges Märchen im Gepäck und begegne im Kinderheim St. Alban jungen Menschen, denen ich gerne vorlese und mit denen ich schon seit Jahren Gedanken und Gefühle austausche. Es ist Zeit für eine Lesenacht. Es ist Zeit für gemeinsame literarische Wohlfühlzeit. Es ist Zeit für ein Buch, das wie ein Geschenk aus heiterem Himmel in meinen Schoß fiel. Zeit für ein besonderes Mädchen, das besonderen Menschen begegnen darf. Zeit für:

Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill…

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Was ist das für eine Welt, in der die Menschen sich Schutz vor einer bösen Hexe erkaufen, indem sie einmal im Jahr das jüngste Kind im Wald zurücklassen, um es zu opfern? Was ist das für eine Welt, in der einer Mutter das Kinder entrissen wird, um die Stadt zu retten? Wie groß muss die Angst sein, ein Kind zu bekommen. Nun gut, es ist den Ältesten des Schilf-Imperiums bekannt, dass es gar keine böse Hexe gibt. Aber es ist so schön einfach, den Aberglauben am Leben zu halten. Menschen in Angst lassen sich leicht kontrollieren. Echt praktisch. Ach, sagte ich, dass es keine Hexe gibt? Auch das ist falsch. Im Wald der ausgesetzten Kinder lebt wirklich eine Hexe. Allerdings eine gute. Xan rettet diese ausgesetzten Babys, päppelt sie auf und gibt sie an Eltern einer Stadt am anderen Ende des Waldes weiter. Sternenkinder werden sie dort seit jeher genannt. Sie entwickeln sich prächtig, als stünden sie unter einem guten Stern.

Was ist das für eine Welt, die wir hier im Wald kennenlernen? Die kleine Luna ist das diesjährige Opfer. Allerdings kommt es zu einem echten Missgeschick. Anstatt das Mädchen nur mit der Licht der Sterne zu füttern, lässt Xan es zu, dass die Kleine ganz aus Versehen den Mond trinkt. Und nun ist Luna magifiziert. Sagt man hier so. Sie ist also ziemlich aufgeladen mit Zauberkraft und es ist zu vermuten, dass sie im Alter von 13 Jahren zur echten Entfaltung kommt. Solange kann Xan die Zauberkraft mit eigenen Mitteln dämpfen. Luna und Xan bleiben zusammen. Ein solches Mädchen kann man ja schlecht an ahnungslose Menschen weitergeben. So wächst die kleine Familie, zu der auch ein sentimentales Flussmonster und ein Miniatur-Drache gehören glücklich, aber nicht gänzlich ohne magische Zwischenfälle zusammen.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Aus dieser magischen Ausgangssituation entwickelt Kelly Barnhill ein brillantes Märchen voller Überraschungen. Sie entwickelt ein Szenario, in dem wir aus einigen Perspektiven heraus das Leben im Wald, aber auch die Tristesse in der Stadt erleben, die regelmäßig ihre Kinder opfert. Lunas Mutter spielt dort eine ebenso wichtige Rolle, wie Antain, ein Junge aus besten Hause und ebensolchen Perspektiven. Er hat erlebt, wie Luna ihrer Mutter entrissen wurde. Er hat ihren Schmerz miterlebt. Und jetzt, wo er bald Vater wird, reift ein Plan in ihm. Sein Kind darf nicht das Opfer der bösen Hexe im Wald werden. Koste es was es wolle. Das ist Sehnsuchtslesen von Format. Aufgehellt durch skurrile und urkomische Situationen wissen wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Dieses Kinder- und Jugendbuch hat alles, was man sich nur wünschen kann. In jeder Ecke lauert Gefahr, aber auch jeweils ein entspannter Moment des Schmunzelns.

„Ein Baby mit Magie zu versehen, das ist, wie einem Kleinkind ein Schwert in die Hand zu drücken – zu viel Kraft kombiniert mit zu wenig Vernunft.“

Barnhill`s Charaktere sind so märchenhaft und nahbar, als wären wir selbst auch magifiziert worden. Wie die Geschichte endet? Warum ein Monster und ein Drache im Wald verborgen leben und ob es Antain gelingt, sein Kind zu retten? Das würde ich nie verraten. Ich würde euch um einen großen Moment des Lesens betrügen. Eines kann ich jedoch versprechen. Das furiose Ende lässt keine Frage offen und kein Auge trocken.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Am Ende allen gemeinsamen Lesens steht nun also die Frage alle Fragen: „Was ist die Moral von der Geschicht`?“ Was kann ich in mein Leben mitnehmen und wo sind Botschaften versteckt, an denen junge Menschen wachsen können? Hier geht es nicht um erhobene moralisierende Zeigefinger. Hier geht es nicht um leere Weisheiten oder theoretische Lehren, an denen man sich festhalten muss. Es geht um das Gefühl des Lesens, das zum Gefühl des Lebens werden kann. Glaubt mir, es ist nicht schwer, eine solche Leseemotion aus einem Buch zu extrahieren. Das Bauchgefühl ist hier der beste Ratgeber. Mit welchen Figuren der Geschichte würde ich gerne tauschen, warum steht mir ein Protagonist so nah und vor wem würde ich mich in Acht nehmen? Schlägt mein Herz bei einer bestimmten Situation im Buch höher und was schreckt mich ab? In wen kann ich mich gut hineinversetzen und wer bleibt mir völlig fremd? Eure Antworten auf diese Fragen stellen den magnetischen Pol des Lesens dar, nach dem ihr navigiert.

Hier blühen die Samen auf, die uns Schriftsteller mit viel Liebe ins Herz pflanzen. Wir sind das Gewächshaus des guten Lesens und zum Teil selbst dafür verantwortlich, ob sich Botschaften verfestigen und weitererzählt werden. Und nicht zuletzt können wir auch gute Ratgeber sein. Dabei helfen, wichtige Geschichten zu finden und schließlich am Ende mit der Frage nach der Moral einen Impuls geben, der oft fehlt, wenn man als junger Mensch ganz alleine liest. Wer einmal im Leben mit diesem Mädchen den Mond trank, wird erkennen wie wichtig dieses Märchen sein kann. Bei aller Fantasy, bei allem Märchenhaften ist es doch eine Message, die so lebendig und nachhaltig vermittelt und im Roman gelebt wird, wie selten zuvor.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Seid nicht leichtgläubig, vertraut euren Gefühlen und Instinkten, macht den Mund auf, stellt Fragen, gebt euch nicht mit Ausflüchten oder nichtssagenden Antworten zufrieden und bleibt hellwach, wenn es darum geht eure Umwelt zu beobachten. Botschaften, die nicht ungehört bleiben. Lehren, die man nie vergisst und die zeitlos tragfähig sind. Jede Fake-News verliert ihre Wirkung, jedes noch so glaubwürdig gestreute Gerücht verpufft und viele Vorurteile verlieren ihre Grundlage. Wer „Das Mädchen, das den Mond trank“ aufmerksam liest, wird mit wachem Blick durch die Welt gehen und feststellen, dass es keine unbequemen Fragen gibt. Es gibt nur Menschen, für die es zu bequem geworden ist, aktiv denkend durchs Leben zu gehen. Sie gilt es aufzurütteln. Und wer könnte das besser als die Heranwachsenden, die alles hinterfragen dürfen. Traut euch. Trinkt vom Mond.

Es gibt keine Märchen mehr? Oh, was für ein Irrtum. Hexen, Miniaturdrachen und sentimentale Monster. Verzauberte Kinder und fliegende Origamis, mit Flügeln die so scharf sind wie Skalpelle. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und ein Niemandsland, das wahrlich nicht niemandem gehört, sondern einer der grandiosesten guten Hexen die man jemals kennenlernen durfte. Die geretteten Sternenkinder haben viel mit den verlorenen Jungs auf Nimmerland gemeinsam. Luna und Peter Pan haben sicher den Mond wie Muttermilch getrunken. Mit ihnen fliegt man wohlbehütet durch die größten Abenteuer der Literatur. St. Alban im Mondlicht sieht heute anders aus. Dieses Kinderheim hat so viel vom Wald, in dem Kinder ausgesetzt werden. Auch hier werden sie gerettet und zu Sternenkindern in einer besseren Welt. Ich habe in Schwester Anna meine Xan getroffen, die aus ihren Mondtrinkern glückliche Kinder macht.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill – Eine Lesenacht

Mehr zu St. Alban und AstroLibrium: Lesenächte, ein Drache im Kinderheim, ein Video mit Gesprächskreis bei Literatur Radio Bayern. Unsere Reise ging gestern weiter (hier noch ein Eindruck auf Facebook) und wird schon im Juli fortgesetzt.

Und hier geht es zu weiteren besonderen Mädchen in der Literatur.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill