Deine letzte Nachricht. Für Immer. Emily Trunko und ihre Abschiede

Deine letzte Nachricht. Für immer. Emily Trunko

Zugegeben. Ich bin ziemlich durcheinander und es ist nicht leicht, richtige Worte zu finden. Zugegeben. Ich habe mich einem Buch geöffnet, wohl wissend, dass es mich in den Grundfesten meiner Gefühlswelten erschüttern wird, da es eine Ebene berührt, die ich nicht mit einer besonders widerstandsfähigen Schutzschicht überzogen habe. Mein Herz hat mich schon auf der Frankfurter Buchmesse vorgewarnt und nun, nachdem ich Ich wollte nur, dass du noch weißt gelesen habe weiß ich, dass es Recht hatte. Ich bin tief gefallen, habe mich verletzt und eine Melancholie aufgesaugt, die ich früher nur als „Lachenweinen“ empfunden habe. So begann die Rezension zu diesem Buch.

Zugegeben. Es war etwas Großes, was hier aus der Idee der Bloggerin Emily Trunko entstand. Selbst sie konnte nicht ahnen, welche Welle sie auslösen würde, als sie ihren Tumblr-Blog „Dear My Blank“ ins Leben rief, um ihre „Nie verschickten Briefe“ mit der Welt zu teilen. Was aus dieser Idee der damals 16-jährigen US-Bloggerin wurde, ist ein richtiges Internet-Wunder. Eine zahllose Flut von Beiträgen ihrer Leser hat Emily bisher veröffentlicht. Anonym. Befreiend wirkte diese Möglichkeit auf die Menschen. Der Blog gab ihnen endlich die Möglichkeit, mit etwas abzuschließen, das allzu lange belastend auf das oftmals schlechte Gewissen drückte. Ein Online-Befreiungsschlag für die Seele.

Deine letzte Nachricht. Für immer. Emily Trunko – Auch im Radio

In Buchform ging das Projekt ebenso durch die Decke wie im Internet. In meiner Radioreportage versuchte ich die Brücke von diesem Buchkunstwerk zum Nachfolger zu schlagen. Denn einer Idee folgte schnell die nächste und nun liegt das neue Projekt von Emily Trunko in gebundener Fassung aus dem Loewe Verlag endlich vor. War mir zuvor noch nach Lachenweinen zumute, so bleibt diesmal fast nur noch das Weinen als Konsequenz des Lesens. Vielleicht ist es wirklich das traurigste Buch des Jahres. Aber sicherlich ist es die konsequent gedachte und perfekt umgesetzte logische Folge einer Idee, die die Welt bewegte. Diesmal jedoch geht es um:

Deine letzte Nachricht. Für immer.Diesmal geht es um die ultimative Variante von Nachrichten, Briefen und SMS. Die allerletzten Zeilen vor einer Trennung. Und was den nie verschickten Briefen fehlte, ergänzt nun die letzten Nachrichten und macht sie noch greifbarer und bewegender. Es sind die Hintergründe, die in kurzen Formulierungen in der Lage sind, das zuvor Gelesene einordnen zu können. So werden aus Texten, die in sich eher belanglos wirken, Aussagen von großer Tragweite. Alles unter der Überschrift „hätte ich das vorher gewusst“…

„Ich liebe Dich von ganzem Herzen. Das weißt Du, oder…?“

Sie ist im Meer schwimmen gegangen. Ihre Leiche haben sie nie gefunden. Sie glauben es war Selbstmord. Zwei Jahre lang waren wir zusammen. Ich habe sie auch von ganzem Herzen geliebt.

Deine letzte Nachricht. Für immer. Emily Trunko

Manche Nachrichten stehen jedoch auch ganz für sich allein. Ohne Erklärung oder mögliche Einordnung. Worte, die nur deshalb so sehr bewegen, weil auch sie allerletzte Nachrichten waren:

„Bitte küss keinen anderen…“

Auf Emily Trunkos neuem Blog The Last Message Received haben sich, wie beim letzten Blog, bereits tausende Einträge gesammelt. Auch wenn sie allesamt traurig stimmen, sie helfen uns Lesern doch dabei, etwas bewusster durchs Leben zu gehen. In Zeiten wie diesen sollte man sich vielleicht von Belanglosigkeiten verabschieden, ganz einfach nur relevantes schreiben und sich darüber im Klaren sein, dass sowohl unsere als auch die Nachrichten unserer Freunde vielleicht die letzten Worte sind, die bleiben.

Und wenn man sich schon für immer verabschieden möchte, dann sollte man sich gut überlegen, welches Paket man im Herzen eines anderen Menschen deponiert und wie lange dieser daran zu knabbern hat. Lebenslang kann man unter einem Abschied leiden, ihn aber doch irgendwie verkraften. Ein textlicher Schlag unter die Gürtellinie ist jedoch dabei nicht mehr zu kompensieren.

Deine letzte Nachricht. Für immer. Emily Trunko

„Es ist leichter, Dich zu hassen, als dich zu vermissen!“

Auch dieses Buch ist in aufwendigem Handlettering erschienen. Das Buchdesign untermauert und untermalt die Botschaften in eindringlicher Art und Weise. Wer Emily im ersten Buch begegnet ist, der kann gar nicht anders, als ihr weiter zu folgen. Dieses neue Projekt erfüllt die Sehnsüchte ihrer Leser. Und es erfüllt die Hoffnungen derer, die in der Veröffentlichung ihrer Texte Trost und Halt suchen. Beide Werke gehören in das Bücherregal unseres Lebens. Sie sind unverzichtbar in guten und in schlechten Tagen.

Es war sehr hilfreich, dass der Loewe Verlag mir das Rezensionsexemplar gleich mit einer Taschentuch-Box geschickt hat. Das war extrem weitsichtig und hat beim Lesen und dem Verarbeiten der Texte extrem geholfen. Ja. Das Buch strahlt eine tiefe Melancholie aus. Es ist traurig und bestürzend zugleich. Es lässt uns aber auch besser verstehen, was einen Menschen dazu treibt, sich zu trennen, zu hassen oder einfach in ruhigem Ton aus unserem Leben zu verschwinden. Besonders emotional wird „Deine letzte Nachricht. Für immer.“ dann, wenn man erkennt, dass einige Zeilen alles sein sollten, nur eben kein Abschied. Sie bleiben unvergessen…

Deine letzte Nachricht. Für immer. Emily Trunko

30 Sekunden

„Ich wünschte ich hätte nur 30 Sekunden, um Dich in die Arme zu schließen,
Dir in die Augen zu schauen und Dich lächeln zu sehen,
Deine Stimme aus Deinem Mund zu hören,
Den Duft einzuatmen, der Dich umgibt,
Dich glücklich zu sehen.
Hab ein schönes Wochenende.
*Umarmung* – Ich“

Habe die EMail bekommen, bevor er übers Wochenende wegfuhr. Am Tag danach hat sich sein Fahrzeug überschlagen. Zwei Nächte später ist er gestorben.

In diesem Jahr ist es zehn Jahre her, aber ich denke noch oft an ihn.

Deine letzte Nachricht. Für immer. Emily Trunko

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„Aquila“ von Ursula Poznanski – Siena lässt grüßen

Aquila von Ursula Poznanski

Aquila“. So schallt es durch den Bücherwald. Der neue Psychothriller aus der Feder von Ursula Poznanski entwickelt sich zum literarischen Gassenhauer dieser Tage. Es würde bedeuten, Eulen nach Athen zu tragen, den Freunden der kleinen literarischen Sternwarte zu erklären, welche Bedeutung die Bücher der bekanntesten Löwenmähne des deutschsprachigen Buchmarktes für mich haben. Ursula Poznanski ist und bleibt die Fluchthelferin meines Lesens, weil ich in jedem ihrer bisherigen Bücher durch mein Lesen raste und zum Weltrekordler in literarischen Verfolgungsjagden mutierte. Meine Artikel zu ihren Werken legen davon ein mehr als deutliches Zeugnis ab.

Erebos, Saeculum, Layers und Elanus waren Meilensteine. Ein Radiointerview für Literatur Radio Bayern und mein Gastbeitrag auf dem Blog des Loewe Verlages sind wegweisend zu einer Autorin, die ebenso eloquent wie sympathisch ist.

Aquila ud mehr von Ursula Poznanski – AstroLibrium

Anders als bei den bisherigen Büchern finden Sie im Folgenden keine klassische Rezension. Ich finde es spannend, mich den Fragen des Loewe Verlages zu Aquilazu stellen und auf diese Art und Weise indirekt über mein Lesegefühl und seine Folgen Auskunft  geben zu können. Ohne jede Erinnerung an die letzten beiden Tage kommt Nika in ihrer Wohnung in Siena zu sich. Von ihrer Mitbewohnerin fehlt jede Spur und in Nika regt sich der Verdacht, dass etwa Schreckliches passiert sein muss. Warum? Nun, Nikas Zustand und die Indizien sprechen eine mehr als deutliche Sprache.

– Sie ist verdreckt und verletzt…
– Sie ist in der eigenen Wohnung gefangen…
– Ihr Handy ist verschwunden, der Laptop unbrauchbar…
– Den Badezimmerspiegel ziert der Schriftzug „Letzte Chance“…
– In ihrer Jeans findet sie einen Zettel mit unverständlichen Nachrichten

Als der Freund ihrer Mitbewohnerin Jenny erscheint, lichtet sich der erste Nebel in einer Mischung aus Eifersucht, Streit und Handgreiflichkeiten, die sich an jenem Abend abgespielt haben, an den sich Nika noch erinnern kann. Was nun beginnt, ist die wilde Jagd durch eine Stadt, die ihre Adlerklauen in die Psyche der jungen Studentin schlägt.

Aquila von Ursula Poznanski – Eine Spezial

Atemlos wie immer hat mich Ursula Poznanski auch diesmal am Ende ihres neuesten Thrillers an der Hand genommen und alle Rätsel gelöst, die mir schlaflose Nächte und ruhelose Tage bereitet haben. Es war deshalb sehr spannend für mich, mit den Fragen des Loewe Verlages auseinanderzusetzen, weil sie schon genau die Punkte berühren, die mich als Leser bewegt haben.

1. Eine fremde Stadt:

Nika begibt sich für ihr Studium auf das Abenteuer „Siena“ in eine fremde Stadt, ohne ihre Familie, ohne Freunde. Hand aufs Herz: Hast du das auch schon einmal gemacht oder würdest es gerne tun?

Allein auf mich gestellt in einer fremden Stadt? Klar. Im Laufe eines Lebens kommt das alleine schon aus beruflichen Gründen oder in Urlauben recht häufig vor. Und wenn es das Schicksal will, dass man aus der Eifel stammt, dann wird eine Reise nach München mit den ersten Arktisexpeditionen durchaus vergleichbar. Die neue Welt. Das Ende des bekannten Universums. Ich habe es tatsächlich überlebt, auch ohne Internet, GPS oder Handy. Das war damals alles Zukunftsmusik. Eine Welt der Telefonzellen, Stadtpläne, Walkmans und Musikkassetten. Hier wurde noch Auge in Auge gechattet (ohne Skype).

Aquila von Ursula Poznanski

2. Stell dir vor:

Du wachst auf, bist in deiner Wohnung eingeschlossen. Ohne Schlüssel, Internet oder Telefon und kannst dich nicht erinnern, wie du in diese Situation gekommen bist. Wie befreist du dich aus deiner Lage?

Sehen wir es mal so: Die meisten Wohnungen in Mitteleuropa gelten ja im Allgemeinen nicht als besonders einbruchssicher. Wenn sie eines aber noch viel weniger sind, dann ausbruchssicher. Aus einer verschlossenen Wohnung zu entkommen, auch wenn diese in einem oberen Stockwerk liegt, ist eher unproblematisch. Wohnung bedeutet zugleich Einrichtung, Einrichtung bedeutet Alltagsgegenstände und das bedeutet Werkzeug. Ein einfaches Messer oder ein Schraubenzieher reichen aus, den Schlüsselzylinder an der Eingangstür zu entfernen und zu entwischen.

Darüber hinaus ist kein Fenster so verschlossen, dass es von innen nicht zu öffnen ist. Also zur Not Fenster auf und raus. Je nach Etage stellt sich nur die Frage, ob man hier springen kann oder sich das Abseilen an Betttüchern empfiehlt. Feel free. Es gibt mehr als nur einen Weg in die Freiheit.

3. Orientierung

Nika nutzt die Gebäude der Universität, Cafés, aber auch GPS zur Orientierung in Siena. Welche Möglichkeiten nutzt du, um dich in einer fremden Stadt zurecht zu finden.

Man nutzt das örtliche Informationsangebot vor Ort aus. Stadtpläne finden sich an allen Bushaltestellen. Den Weg ins Stadtzentrum zu finden ist dann ein Leichtes. Hier kommt man zur Not auch schwarzfahrend voran, was ja auch die Spannung erhöht. Danach ist es nur noch wichtig, die Touristeninformation zu finden und sich mit einem Stadtplan zu versorgen. Hotels helfen da erfahrungsgemäß ebenso aus und schon kann man seine Kreise ziehen. Und vielleicht hat man ja auch Glück und findet mit dem international so beliebten Hilfsmittel des aufgesetzten hilflosen Hundeblickes ja einen ortskundigen und hilfsbereiten Fremdenführer (oder in meinem Fall eben eine Fremdenführerin).

Ansonsten gilt bei absoluter Orientierungslosigkeit immer wieder das bewährte Prinzip der Semmeltüten-Navigation. Man wird kaum eine Bäckerei finden, die ihre Adresse nicht auf der Brötchentüte verewigt hätte. Prima für den Startpunkt einer Reise.

Aquila von Ursula Poznanski

4. Sprachbarriere

Deine Freundin ist verschwunden. Du willst sie bei der italienischen Polizei als vermisst melden. Wie schaffst du das trotz Sprachbarriere?

Gerade in Italien stelle ich mir das grundsätzlich nicht so schwierig vor. Die Polizei dort ist ebenso wenig auf den Kopf gefallen, wie die unsere, wenn ein Italiener versucht hier eine Vermisstenanzeige auf Italienisch aufzugeben. Ansonsten hilft in Italien das Code- Wort „Amanda Knox“ und schon wird die Polizei so hellhörig, dass sich der Rest schon fast von allein ergibt.

5. Ohrwurm

Irgendwie lösen die ersten Zeilen des Songs „Smells like teen spirit“ von Nirvana bei Nika sehr starke Emotionen aus. Welcher „Ohrwurm“ hat das zuletzt bei dir geschafft?

Ein Ohrwurm, der für nachhaltige Gänsehaut gesorgt hat. Revolverheld: Ich lass für dich das Licht an“, weil dieser Song meine romantische Ader in aller Tiefe berührt und mich natürlich auch an besondere Ereignisse im Jahr 2015 erinnert, ohne die ich nicht leben möchte.

6. Mit welchem Buch vergleichbar?

Italien, enge mittelalterliche Gassen, eine nervenaufreibende Spurensuche und die hitzige Jagd nach der Lösung eines Rätsels –  In welchem Buch hast du dich schon einmal auf eine ähnlich spannende Reise gewagt?

Ursula Poznanski hat mit Aquila ein Thrillerniveau erreicht, das ich zuletzt bei Inferno von Dan Brown erlebt habe. Gedächtnisverlust, lebensbedrohendes Szenario und die Kulisse einer altehrwürdigen italienischen Stadt mit historischem Ambiente haben mich an der Seite von Robert Langdon durch Florenz rasen lassen. Auch er hatte nur zwei Tage aus dem Gedächtnis verloren und stand vor schier unlösbaren Aufgaben, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden waren. Hier geben sich nun Florenz und Siena die literarische Hand. Grandios.

Aquila von Ursula Poznanski – Das Hörbuch mit Laura Maire

Abschließend noch ein Wort zur Hörbuchfassung zu Aquila“ aus dem Hause Der Hörverlag. Hier spricht sich uns Laura Maire in einer brillanten Interpretation der völlig verunsicherten Nika ins Herz. Diese Stimme trägt das Hörbuch durch die Straßen von Siena. Man spürt die teilweise naive Hilflosigkeit, die zunehmende Überforderung und die innere Qual, angesichts der Vielzahl unbeantworteter Fragen schier zu verzweifeln. Laura Maire investiert viel, wenn sie Nika stimmlich mit Leben füllt. Besonders lebendig sind jene Passagen gelungen, in denen Nikas radebrechendes Italienisch mit dem allzu schnellen Italienisch der Menschen konfrontiert wird, die sie umgeben. Hier lässt Laura Maire ein Sprachflair entstehen, das einfach grandios ist und der Handlung zusätzliche Authentizität verleiht.

Ich hatte mir diese zarte Stimme so sehr für dieses Hörbuch gewünscht, weil sie eben auch zu Stärke erwachen kann, an Dringlichkeit zunimmt und Selbstbewusstsein entwickelt, wo man Nika schon fast aufgeben möchte. Diese Interpretation ist mehr als gelungen und bringt die literarische Strahlkraft von Ursula Poznanski auf den Punkt.

Lesen und / oder hören? Entscheiden Sie selbst. Hauptsache, Sie reisen nach Siena und erleben einen absolut rasanten Psychothriller, der am Ende keinerlei Fragen offen lässt. Und mir bleibt zu hoffen, dass ich irgendwann eine kleine Rolle in einem Roman von Ursula Poznanski spielen werde. Ich drücke mir selbst die Daumen, vermute aber schon jetzt, dass ich es maximal bis zur Leiche auf dem Seziertisch bringe. Das jedoch wäre schon ein Anfang…

„Dark Noise“ von Margit Ruile

Dark Noise von Margit Ruile

Es beginnt für mich bereits am frühen Morgen. Schon auf dem Bahnsteig werde ich von der ersten Überwachungskamera ins Visier genommen. In der S-Bahn gerate ich in den Fokus unzähliger Objektive und auch mein Ausstieg am Münchner Hauptbahnhof wird festgehalten. Kaum eine Überwachungslücke, keine Nische, kein toter Winkel. Erst mit dem Betreten des Büros erreiche ich einen Bereich, der sich unbeobachtet und fast privat anfühlt. Ich habe damit kein Problem. Ich stelle ja nichts an, habe keine Pläne für kriminelle Aktivitäten und fühle mich recht sicher. Als Opfer von Gewalttaten ist es wohl überlebenswichtig, den Täter mit Hilfe von Überwachungsvideos zu identifizieren.

Wer denkt da nicht an Frauen, die auf Rolltreppen zu Boden getreten werden oder an Flughäfen, deren Videoüberwachung terroristische Anschläge aufklären kann? Wer denkt nicht an einen Mordanschlag auf den Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un? Alles nur zu unserer Sicherheit. Biometrische Ausweise, Kameras wohin wir schauen und subjektiv haben wir das Gefühl, in Abrahams Schoß zu wandeln. Aber wer sitzt auf der anderen Seite der Objektive? Wie geht man mit der Flut an Information um, die sich hier aufstaut? Und was ist, wenn unsere gesammelten Daten missbraucht werden? Handyortung, abgehörte Telefone, Kameras und bald das autonome Fahren. Werden wir zu gläsernen Menschen und wer profitiert vom Security-Hype?

Dark Noise von Margit Ruile

Ein spannendes Thema. Margit Ruile stellt es in ihrem Roman Dark Noise in den Brennpunkt des Geschehens. Was George Orwell mit seiner düsteren Zukunftsvision „1984“ so beklemmend skizzierte, setzt Margit Ruile auf dem Stand der Technik des 21. Jahrhunderts mit völlig neuen Aspekten fort und weckt ein beklemmendes Gefühl. Mehr als das. Ich habe versucht das Buch zwischen mich und den Blickwinkel der Kameras in der S-Bahn zu bringen. Ich wollte unsichtbar bleiben, unentdeckt lesen und mich vor den aufdringlichen Blicken der „Big Brothers“ unserer Tage schützen.

Warum ich den Kameras plötzlich misstraute? Was mich ängstigte? Da sollten Sie einen einzigen Blick in „Dark Noise“ (Loewe Verlag) werfen. Ein Blick genügt. Glauben Sie mir. Er wird genau 288 Seiten lang sein. Und keine Sorge. Sie kommen gar nicht zu Augenblicken der Pause und Blinzeln geht schon gar nicht. Denn Margit Ruile spielt mit unserem Misstrauen gegenüber der Technik und stellt die Videoüberwachung unter den Vorbehalt der möglichen Manipulation. Undenkbar, dass Videosequenzen nicht zeigen, was tatsächlich geschah. Undenkbar, dass es wirklich möglich ist, diese offiziellen und seriösen Quellen zu verändern und damit eine kriminelle Energie zu entwickeln, die wir uns kaum vorstellen können.

Dark Noise von Margit Ruile

„Dark Noise“ ist ein Höllentrip auf dem schmalen Grat des technisch Machbaren und der Vision des Möglichen. Einer der apokalyptischen Technikfreaks ist Zafer. Er entspricht genau unseren Vorstellungen eines Computer-Nerds. Das reale Leben stellt zu große Herausforderungen an ihn. Erst vor dem Monitor, unsichtbar für den Rest der Welt und ohne soziale Kontakte kann er sein Talent ausleben. Er verändert die Realität. Also nicht wirklich, aber zumindest dort, wo sie fehl am Platz ist. Seine Arbeit ist für die Filmindustrie unverzichtbar. Er entfernt Markennamen, störende Details und mehr aus den Videosequenzen einer Fernseh-Soap. Und das macht er so gut, dass man niemals wieder erkennen würde, dass die Aufnahmen im Original anders aussahen.

Ein kleiner Zusatzauftrag verändert sein Leben. Ein kurzes Überwachungsvideo aus einer der unzähligen Kameras seiner Stadt, ein Fahrzeug, das eine Tiefgarage verlässt und eine kleine und geheimnisvolle Botschaft lösen eine Kette von Ereignissen aus, in der Zafer sich zusehends gefangen sieht. Es gibt kein Entkommen.

„Lass die Nummer verschwinden. Wie schnell bist du, Zafer?“

Nichts leichter als das. Ein Kfz-Kennzeichen auf einem bewegten Bild zu verändern, stellt nur eine Fingerübung für Zafer dar. Er ist schnell. Er ist gut. Er ist perfekt. Und als kleine Aufwandsentschädigung wird er fürstlich entlohnt. Diesem kleinen Auftrag folgen größere. Es wird komplexer, aber Zafers technischer Ehrgeiz ist geweckt und er schafft alles in Perfektion. Er lässt einen Mann aus einem Überwachungsvideo verschwinden und montiert einen anderen in eine völlig neue Umgebung. Gründe interessieren Zafer nicht. Die Folgen ebenso wenig. Sein Können steht im Vordergrund und endlich kann er mal zeigen, wozu er wirklich in der Lage ist. Seine Videos formen eine neue Welt.

Dark Noise von Margit Ruile

Ob Zafer mit dieser neuen Welt zurechtkommt? Nein. Denn spätestens als er seine Werke im Fernsehen sieht, als er die Schlagzeile vom Journalistenmord realisiert und der Mann zum Tatverdächtigen wird, den Zafer in das Video montiert hat, wird ihm zum ersten Mal die Tragweite seines Handelns bewusst. Nur er hat den Schlüssel in seiner Hand. Nur er kann den Verdächtigen entlasten, aber: Was eigentlich einfach klingt, wird für Zafer zur lebensbedrohlichen Jagd in einer Welt der Daten-Highways. Nur mit dem Unterschied, dass er selbst auf der falschen Fahrbahn in den Untergang rast.

Margit Ruile lässt ihren Protagonisten nicht im freien Raum hängen. Auch wenn er von „seiner“ Autorin von einem Schlamassel in die nächste Zwickmühle getrieben wird, er ist nicht allein in seinem Kampf um die Wahrheit. Er begegnet einer jungen Frau, für die unsere Welt nur aus Tönen und Melodien zu bestehen scheint. Ihre Gitarre und die Straßenmusik dominieren ihr Leben. So sieht es jedenfalls aus. Dass Emily jedoch die Speerspitze einer Untergrundbewegung im Kampf gegen die Videoüberwachung durch den Konzern „Argos“ ist, das begreift Zafer erst, als ihm klar wird, dass es ein Leben jenseits der virtuellen Welt gibt. Ein Leben an der Seite von Emily vielleicht. Man sollte nur überleben. Das jedoch ist schwer genug.

Dark Noise von Margit Ruile

„Dark Noise“ ist ein IT-Technik-Thriller mit menschlichem Tiefgang. Margit Ruile streift die wichtigen Themen unsere Zeit nicht nur, sie lässt ihre Leser in eine Welt mit eigenen Gesetzen abtauchen. Der Spagat zwischen Sicherheit und Kriminalität gelingt ihr in ihrem Erzählraum, weil sie die Grenzen des heute schon Realisierbaren fließend überschreitet und visionäre Denkanstöße liefert, die eine tiefe Auseinandersetzung mit den Themen Identität, Authentizität, Datensicherheit und Kriminalität anstößt. Dabei ist die zwischenmenschliche Seite des Jugendbuchs, das zum All-Age-Utopiethriller taugt, so greifbar und emotional beschrieben, dass man die Konsequenzen der Manipulation körperlich und seelisch fühlen kann.

Dabei ist ihr Erzählstil eigenwillig. Sie charismatisiert nicht nur die Protagonisten, sie kommentiert und bewertet auch die Erzählperspektiven mit Einschüben, die zusätzliche Spannung erzeugen. Man muss sich diese Perspektiven in „Dark Noise“ selbst erlesen und sie entdecken. Dann ist man auf dem besten Weg zu verstehen, wer hier eigentlich zu uns spricht und warum es so wichtig ist, genau dieser Person blind zu vertrauen. Es ist eine Geschichte, die sich für eine Verfilmung aufdrängt. „Dark Noise“ ist ein Thriller der uns in eine Kopfkino-Vorstellung katapultiert, bei der wir in der ersten Reihe sitzen und völlig vergessen, unser Popcorn zu genießen.

Ich bin froh, unsere Überwachungssysteme in guten Händen zu wissen. Bleibt die Frage, ob ich es denn wirklich weiß… Danke für diesen gesunden Zweifel, Margit Ruile…

Dark Noise von Margit Ruile – Perfekt für Layers-Fans von Ursula Poznanski

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Nie verschickte Briefe

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

Zugegeben. Ich bin ziemlich durcheinander und es ist nicht leicht, richtige Worte zu finden. Zugegeben. Ich habe mich einem Buch geöffnet, wohl wissend, dass es mich in den Grundfesten meiner Gefühlswelten erschüttern wird, da es eine Ebene berührt, die ich nicht mit einer besonders widerstandsfähigen Schutzschicht überzogen habe. Mein Herz hat mich schon auf der Frankfurter Buchmesse vorgewarnt und nun, nachdem ich Ich wollte nur, dass du noch weißt gelesen habe weiß ich, dass es Recht hatte. Ich bin tief gefallen, habe mich verletzt und eine Melancholie aufgesaugt, die ich früher nur als „Lachenweinen“ empfunden habe. (Weiterhören hier… weiterlesen, scrollen)

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko – Nie verschickte Briefe

Zugegeben. Es ist etwas Großes, was hier aus einer kleinen Idee entstand. Selbst die sechzehnjährige Bloggerin Emily Trunko konnte nicht ahnen, welche Wellenberge sie auslösen würde, als sie ihren Tumblr-BlogDear My Blank“ ins Leben rief, um ihre nie verschickten Briefe zu veröffentlichen. Und davon hatte sie eine ganze Menge. Sie hatten sich in einem Notizblock angesammelt und richteten sich an Menschen, die auf die eine oder andere Weise Einfluss auf das Leben der jungen Frau genommen hatten.

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko – Dear My Blank – Der Blog

In diesen nie verschickten Briefen konnte Emily ihren Gefühlen freien Lauf lassen und Gedanken zu Papier bringen, die nur unter der Voraussetzung ihren Weg ans Licht fanden, weil die Adressaten die an sie gerichteten Zeilen ganz bestimmt niemals lesen würden. Diese Texte waren ihr so wichtig, dass sie einfach damit begann, sie auf „Dear My Blank“ zu veröffentlichen. Ihre Erwartungshaltung war nicht sonderlich groß:

„Zuerst war ich nur neugierig, ob andere Leute vielleicht genau dasselbe machen, wie ich.“

Zugegeben. Ja, Emily. Ich mache das auch, wäre aber nicht auf die Idee gekommen, sie zu veröffentlichen, da ich befürchtet hätte, dass sie ihren Zauber verlieren oder dass sie vielleicht doch von den Menschen gelesen würden, die sie auf gar keinen Fall lesen sollten. Mir hätte der Mut gefehlt und er fehlt mir noch heute. Was aber aus der kleinen Idee der amerikanischen Bloggerin wurde, ist eine kleine Internet-Sensation. Ihre Leser haben anders reagiert, als erwartet. Tausende von Menschen schickten ihr Nachrichten mit nie verschickten Briefen, versehen mit der Bitte, sie anonym zu veröffentlichen.

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

Dreißigtausend dieser höchst persönlichen Beiträge hat sie bisher gepostet. Und täglich kommen neue unverschickte Briefe hinzu. Als auch die Medien auf diese starke Resonanz aufmerksam wurden, war die Welle nicht mehr zu stoppen und so war es nur eine Frage der Zeit, bis einige der schönsten Briefe in wundervoller Aufmachung, zum Teil illustriert und in wundervollem Handlettering das Licht der Welt als Buch erblicken. Ich wollte nur, dass du noch weißt – Nie verschickte Briefe“ von Emily Trunko ist jetzt im Loewe Verlag erschienen und vermittelt einen Eindruck von der Emotionalität, die all diese Texte miteinander verbindet.

Und genau hier sind wir an dem Punkt angelangt, der dieses Buch für mich zu einer der interessantesten Neuerscheinungen des Jahres macht. Man wird über dieses Buch reden wollen. Man wird sich austauschen, Gemeinsamkeiten im Lesen ausloten und es immer wieder mit dem eigenen Leben verbinden. Denn wer hat sie nicht im Giftschrank seiner Gefühlswelten? Diese nie verschickten Briefe, Nachrichten oder SMS, in die man sein ganzes Herzblut legte, sich seinen Weltschmerz von der Seele schrieb, Hoffnung und Verzweiflung zu Papier brachte und sie dann im entscheidenden Moment doch für immer und ewig unter Verschluss hielt.

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

Und doch ist da immer dieses irrationale Gefühl, sein Gegenüber erreicht zu haben, ohne die Zeilen jemals auf den Weg zu bringen. Ob Liebeserklärung oder das genaue Gegenteil, ob Dank, Kriegserklärung oder Rechtfertigung, ob Geheimnisvolles oder zu Vertrauliches, alles hat seinen Platz in diesen Nachrichten, die das Licht der Welt nicht erblicken sollen. Allzu verlockend war es für die Leser von Emily Trunko, dem Angebot der Geburtshelferin dieser ungelesenen Gedanken zu folgen und nie verschickte Briefe anonym ins Netz zu stellen.

Zu tief und aufrichtig waren die Gedanken, als dass sie für immer verborgen bleiben sollten. Zu intensiv war die Zeit, in der sie entstanden und zu offen blieb die Tür, die es doch irgendwann zu schließen galt. Für die meisten Leser war die Veröffentlichung der eigenen Zeilen der wichtigste Schritt in der Verarbeitung der offenen Fragen im Leben. Das Buch sortiert die Beiträge in kleine, in sich geschlossene Themenkreise. Man kann sich ja vorstellen, wie sie heißen. Liebe, Freunde, Familie, Verrat, unerwiderte Liebe, Verlust, Herzschmerz, Danke und Briefe an sich selbst… „Liebes Ich…“

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko – Verlust

Jeder einzelne Text ist eine menschliche Offenbarung. Auch, wenn man nichts über die Hintergründe der einzelnen Nachrichten erfährt, so sind sie doch in der emotionalen Aussagekraft in sich selbstverständlich und nachvollziehbar. Sie inspirieren und ziehen ihre Kreise in den eigenen Gedanken. Viele dieser bewegenden Nachrichten stehen für ein ganzes Leben. Oftmals auch für eines, das nicht weitergelebt werden konnte. Kann man gefühllos über diese Zeilen hinweggehen? Sicher nicht. Ich suchte meine eigenen nie verschickten Briefe und bin froh, sie in der jeweiligen Situation ganz allein für mich niedergeschrieben zu haben. Und doch wächst die Versuchung, den Blog von Emily zu besuchen, denn wer weiß… vielleicht…

Einer der emotional bewegendsten Beiträge ist sehr kurz. Es sind nur zwölf Wörter, die eine ganze Geschichte zu erzählen scheinen. Sie schreien den Leser an, nichts auf die lange Bank zu schieben, sich einfach zu trauen und nicht zu warten, bis es zu spät ist. Zeilen, die mich tief bewegt haben und über die ich gerne reden würde. Sie sind ein ganzes Leben. Vielleicht sogar viel mehr, weil sie im Nachhall des Vergangenen auch das Leben eines anderen Menschen mit einem großen Fragezeichen versehen. Lasst mich Eure Gedanken zu diesen Zeilen fühlen.

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L,
wir haben den Ring in deinem
Schreibtisch gefunden. Ich hätte
JA gesagt.
A

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Eine Ausgabe von „Ich wollte nur, dass du noch weißt“ liegt hier bereit für den / die Verfasser/In des Kommentars zu diesen Zeilen, der mich am meisten bewegt. Schreibt mir eure Gedanken, wir sind ja unter uns. Lasst Euren Gefühlen einfach mal freien Lauf und zeigt mir, wo dieses Herzensbuch künftig wohnen soll und mit wem ich mich dann über die vielen Einträge austauschen kann. Schreibt. (Aktion abgeschlossen)

In meiner Radioreportage geht es sowohl um dieses wundervolle Buch, als auch das neue Format aus der Feder von Emiliy Trunko. Hört einfach rein. Zweistimmig in die Zukunft des guten Lesens. Hier geht es zum PodCast

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

Und hier geht es weiter mit „Deine letzte Nachricht. Für immer.“ 

Deine letzte Nachricht. Für immer. Emily Trunko

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„ELANUS“ – Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

SIE ist die Fluchthelferin meines Lesens. Das Leitthema in ihren Romanen Erebos, Saeculum und Layers hat mich zum Weltrekordler in Verfolgungsjagden gemacht. Ich habe keine Ahnung, wie viele Kilometer ich in ihren Büchern bereits auf der Flucht war und dabei dunkle Wälder, Häuser oder Straßenschluchten rastlos durchquert habe. Es müssen zahllose Wege sein, die ich mit ihr lief.

Ursula Poznanski – Autorin zahlloser Bestseller und Phänomen meines Lesens. Ich habe sie porträtiert, interviewt, habe ihre Romane gelesen, Artikel geschrieben und den Weg ihres Schreibens verfolgt. Immer wieder hat sie mich dabei aufs Neue überrascht, fasziniert und zum Staunen gebracht. Ungesehen würde ich ihre Bücher lesen, mich ihr anvertrauen und schon auf der ersten Seite wissen, dass ich nicht enttäuscht würde.

Ursula Poznanski hat mich noch nie im Stich gelassen, nie offene Fragen ungeklärt im luftleeren Raum stehen lassen oder Cliffhanger nur dazu benutzt, die Spannung nur künstlich hochzuhalten und sie dann am Ende eines Romans wirkungslos verpuffen zu lassen. Eigentlich müssten Sie jetzt gar nicht weiterlesen, wenn ich nun ihren neuesten, im Loewe Verlag erschienenen Jugendbuch-Thriller vorstelle. Nehmen Sie nur die klare Botschaft mit nach Hause: LESEN IST PFLICHT.

ELANUS von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Sie sind ja noch da! OK, wenn Sie an dieser Stelle noch in meiner kleinen literarischen Sternwarte verweilen, sind Sie entweder noch kein treuer Leser von Ursula Poznanski, oder es macht Ihnen nichts, aber auch gar nichts aus, einer Lobeshymne zu folgen. Ich kann nicht anders. Ich flog durch diesen neuen Thriller und fand doch Unterschiede zu ihrem bisherigen Schreiben, die mich dazu veranlassen, mein bisheriges Bild der ganz persönlichen „Fluchthelferin“ ein wenig zu revidieren.

Wie bereitete ich mich auf ELANUS vor? Ganz einfach. Laufschuhe anziehen, einen Rucksack mit Notration auf den Rücken, Konditionstraining abschließen, Stadtpläne ins Smartphone einspeisen und schon kann es losgehen. Tempo aufnehmen und schauen, wie ich schnellstmöglich von A nach B gelange, dabei überlebe und möglichst zeitgleich mit dem Protagonisten unversehrt neue Schauplätze zu erreichen. Ich war bereit.

Und nun? Nichts da mit Flucht, keine Spur von überhöhtem Lesetempo und keine Schweißperlen auf meiner Stirn, weil ich wie ein Spitzensportler sprinten musste. Nein. Nichts von alledem. Dafür wartet „ELANUS“ mit Überraschungen auf, die ich so nicht auf dem Leseschirm hatte. Ich werde auf Wahrnehmungsebenen angesprochen, die ich mit gar nicht zugestehen wollte. Ich werde psychologisch verwickelt, an meiner ganz im Verborgenen liegenden voyeuristischen Ader gepackt und von Neugier geschüttelt, für die ich mich fast schon zu schämen glaubte.

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Ich würde niemals andere Menschen überwachen, sie beobachten oder ihnen auch noch nachspionieren. Ich käme gar nicht auf die Idee, so etwas zu tun, aber es kann zu Situationen im Leben kommen, in denen es sehr ratsam sein kann, etwas mehr von den Menschen zu wissen, mit denen man täglich zu tun hat. Zumindest ist das die Sicht von Jona Wolfram. Der 17-jährige hochbegabte Wunderschüler, dessen Intelligenz ihn von seinen gleichaltrigen Mitschülern so weit abhebt, dass er schon jetzt ein Stipendium an einer Elite-Universität antritt, hat allerdings auch ein anderes Talent.

Er beherrscht die hohe Kunst, sich in kürzester Zeit überall unbeliebt zu machen. Mein, sonderlich sympathisch kommt der junge Mann nicht rüber. Jona polarisiert, zieht Neider an, wie die motzten das Licht und versucht durch Arroganz und Überheblichkeit einen Schutzwall um sein unsicheres Innenleben zu ziehen. Auch an der neuen Uni ist es nur eine Frage von Minuten, bis er den lebensälteren Studenten das Gefühl gibt, nur unterdurchschnittlich begabt zu sein. Das hat er drauf! Und wie.

Jona ist allerdings ehrlich zu sich selbst. Er kennt seine Schwäche nur zu gut, und ahnt, was auf ihn zukommt. Sein Verhalten zu ändern oder einfach mal freundlich und höflich zu sein – das lässt sein Verstand nicht zu. Jona Wolfram ist der Musterkandidat eines hochbegabten, nicht lebensfähigen Außenseiters. Mit einem Unterschied. Seine Verteidigungsstrategie gegen Ausgrenzung und Mobbing ist ausgefeilt. Sie ist greifbar und passt in einen Alu-Koffer. Seine Überlebensfähigkeit ist bestimmt durch Vorsprung an Wissen und Information. Jona Wolfram hat zusätzliche Augen und Ohren.

ELANUS

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Sein Spion ist eine Hightech-Drohne. Jonas System ist ausgefeilt. Eine SMS reicht aus. Spyware installiert. Autopilot an. Verfolgungsmodus aktiviert. Und schon sucht sich ELANUS ihren Weg ganz allein, überträgt Video- und Tonsignal, zeigt das Privatleben der überwachten Menschen und versorgt Jona mit den Informationen, die für ihn nichts anders sind, als ein persönliches Frühwarnsystem bei drohenden Konflikten. Eine tolle Idee, gäbe es da nicht ein paar kleinere Probleme.

Linda zum Beispiel. Sie rückt in den Fokus der Privatüberwachung, weil sie hübsch ist und Jana keine andere Idee hat, wie er sich ihr nähern könnte. Also sammelt er fleißig Informationen über sie. Autopilot – an. Oder Marlene Eine Mitstudentin, die zufällig zum ELANUS-Opfer wird, weil Jona einige Menschen an seiner UNI verunsichern möchte. Oder seine Gastfamilie, der es einfach nicht gelingt, Jona in ihren Alltag zu integrieren, weil er zu sehr nach normalem Leben aussieht. Und natürlich einen Dozenten der Uni, den Jona in einer sehr kompromittierenden Situation mit einer Studentin beobachtet.

Als Jona mit seinem Überwachungswissen in die Offensive geht, realisiert er sehr schnell, dass er anscheinend in ein Wespennest gestochen hat. Und die Verflechtung der scheinbar zufälligen Ereignisse, deren Zeuge er durch ELANUS wird, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben an der Elite-UNI. Ein Selbstmord bringt das Fass zum Überlaufen und aus dem Jäger wird der Gejagte. Wem kann Jona noch vertrauen? Was hat er wirklich aufgedeckt und kann er sich mit ELANUS verteidigen, wenn er selbst in den Fokus gerät? Jonas schnelle Auffassungsgabe ist jetzt gefragt und zum ersten Mal in seinem Leben ahnt er, was es bedeutet, Freunde zu haben. Zu spät?

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Jedenfalls nicht zu spät für mich, um zu realisieren, dass ich genau jetzt die richtige Entscheidung getroffen hatte, indem ich meine Lese-Laufschuhe bereits trug. Es war so klar. Ich hatte es ja kommen sehen, denn nun beginnt das Wespennest aktiv zu werden und auszuschwärmen. Das Ziel all derer, die Jona mit ELANUS aufgeschreckt hatte ist klar. Jetzt hilft nur noch die Flucht und schon wird Ursula Poznanski zur Fluchthelferin meines Lesens.

Diesmal jedoch bin ich nicht allein, denn am Himmel über mir, dort, wo es niemand vermutet, fliegt die zuverlässige Drohne namens ELANUS, die Jona und mich konstant im Auge behält. Ich hoffe, dass ihr Akku so lange hält, bis wir das letzte Geheimnis der Elite-Universität gelüftet haben. Eine Flucht mit umgekehrten Vorzeichen, was sie nicht minder lebensgefährlich macht.

Lesensgefährlich ist ELANUS auf jeden Fall. Ursula Poznanski greift hier ein heißes Thema gekonnt auf und verstrickt ihre Leser in ein Geflecht aus Zufällen und zerstörten Plänen. Sie nimmt uns mit auf eine Gratwanderung der Wahrnehmung. Wem oder was können wir vertrauen? Ist jede Beobachtung der Schlüssel zur Lösung oder neigt man dazu, Dinge falsch zu interpretieren? Und letztlich bleibt eine große Frage für uns alle: Kann man sich Freundschaft erschleichen? Ein Hose-Runter-Roman vom Feinsten.

Denn Leser und Protagonisten müssen feststellen, dass man manchmal die Hose runterlassen muss, um sich Freundschaft und Vertrauen zu verdienen. Aber lest einfach selbst. Ich kann nicht weiterschreiben. Ich bin noch auf der Flucht. Halte durch, ELANUS

Und wer noch nicht genug hat... „AQUILA“ beschleunigt den Puls weiter…

Elanus von Ursula Poznanski

Layers und Elanus von Ursula Poznanski