CRYPTOS von Ursula Poznanski

Cryptos von Ursula Poznanski - Astrolibrium

Cryptos von Ursula Poznanski

Ich bezeichne sie seit Jahren liebevoll als Fluchthelferin meines Lesens. Sie hat mich zum Weltrekordhalter der Verfolgungsjagden durch ihre Romane gemacht. Wenn ich an sie denke, schnüre ich in Gedanken meine Laufschuhe, um ihrem Tempo folgen zu können. Ihre literarische Vita ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Seit Jahren schreiben ihre Thriller ganz eigene Geschichten. Sie fesselt Jugendliche, weil sie ihren Thrillern Themen zugrundelegt, mit denen man sich identifizieren kann. Es geht ihr um Abenteuerlust, Privatsphäre, Individualität, Zugehörigkeitsgefühl und Fluchtstreben aus dem tristen Alltag. Das macht ihre Romane relevant und greifbar. Sie erreicht mit ihren Erwachsenen-Thrillern eine Zielgruppe, die das Spannende liebt, zugleich jedoch nicht unbedingt im Blut waten muss, um vom Hocker gerissen zu werden. Sie ist eine große literarische Tiefenpsychologin, auf deren Couch ich viele Monate verbracht habe.

Die Rede ist von Ursula Poznanski. Viel ist geschehen, seit Erebos vor nunmehr zehn Jahren das Licht der Bücherwelt erblickt hat. Seitdem haben ihre Jugendbücher einen festen Platz in der kleinen literarischen Sternwarte. Die Fortsetzung ihres Debüt-Thrillers war nur der vorläufige Höhepunkt im Schaffen der österreichischen Bestseller-Autorin. Erebos 2 hatte erneut eingeschlagen, wie eine Buchbombe. Jetzt wechselt Ursula Poznanski erneut ihre Perspektiven, Genres, Themenschwerpunkte und bleibt mit ihrem neuen Thriller dem hohen Qualitäts- und Unterhaltungsanspruch treu, der mit ihrem Namen verbunden ist. Sie betritt mit dem neuen Jugendbuch „Cryptos“ Neuland, bleibt zeitlos relevant in der Wahl ihrer Erzählräume und verliert ihre Leserschaft nicht aus den Augen. Ja, das mag ein Jugend-Thriller sein. Ja, es ist ein Buch für Fans der Erfolgsautorin. Und ja, es ist ein absoluter All-Age-Roman, der Lesende jeden Alters zu fesseln weiß. Dafür gibt es gute Gründe…

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Cryptos von Ursula Poznanski

Willkommen in „Cryptos“. Wir befinden uns in der Zukunft. 350 nach Austen, könnte man sagen, wenn man eine Zeitangabe im Buch zur Orientierung heranziehen mag. Es ist ein komplexes sozial-ökologisches Szenario, in das uns Ursula Poznanski entführt. Das Klimasystem ist gekippt, große Teile unseres Planeten sind kaum mehr bewohnbar und den meisten Menschen bleibt nur noch die Flucht ins Virtuelle. Virtuelle Realität hat das reale Leben flächendeckend ersetzt und damit sich die Menschheit nicht langweilt, hat man „Weltendesigner“ damit beauftragt, ihr das Leben so abwechslungsreich wie nur irgend möglich zu gestalten. Wie man sich das vorstellen darf? Ganz einfach. Man befindet sich in einer Kapsel, wird mit allem Lebenswichtigen versorgt und hat die Wahl zwischen den unterschiedlichsten Welten, die vom System angeboten werden. Und die haben es in sich.

Hier beschreibt die Autorin eine technologische Utopie, die den Bedürfnissen einer gelangweilten Gesellschaft wahrlich perfekt auf den Leib geschnitten ist. Man fühlt sich in den virtuellen Welten in Sicherheit. Nichts kann passieren. Selbst ein Unfall oder ein ungünstig endender Konflikt hat keine Konsequenzen. Man wacht kurz auf, nimmt sich eine kleine Realitätspause, duscht, legt sich wieder in die Kapsel und loggt sich in eine neue künstliche Welt ein. Und davon gibt es genügend. Das Angebot reicht von kleinen friedlichen Inselchen über Biotope für rein geistige Abwechslung bis hin zu Welten, die kriegerischer und gefährlicher nicht sein könnten. Leben im tiefsten Mittelalter? Gerne doch. Abenteuer mit Dinosauriern, Vampiren oder Fabelwesen? Alles im Angebot. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Weltenhopping gehört zu den Highlights der Menschen im virtuellen Raum… Vorausgesetzt man kann sich alle Transferpässe leisten.

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Cryptos von Ursula Poznanski

Klingt doch verlockend und beruhigend. Der Tod ist lediglich eine Illusion und um die wichtigen Dinge des Lebens kümmern sich die Menschen, die in der realen Welt an den Stellschrauben des Systems arbeiten. Jana Pasco zum Beispiel. Mit erst siebzehn Jahren gehört sie zu den Toptalenten der Weltendesigner. Die Besucherzahlen in ihren virtuellen Refugien sprechen eine deutliche Sprache. Kerrybrook ist ihre Vorzeigewelt. Das Fischerdorf im Grünen strahlt das Ambiente einer typisch irischen Idylle aus. Jana steuert von ihrer Konsole aus alle Parameter, die der virtuellen Realität hier lebenswerte Züge verleihen. Bis eines Tages merkwürdige Dinge geschehen, die sich ihrem Zugriff als Administratorin von Kerrybrook entziehen. Ein Mensch stirbt. Ohne Konsequenzen, sollte man denken. Der Tod ist nur eine Illusion. Weit gefehlt. In der realen Welt wird die virtuelle Tote nun auch real verstorben gefunden. Jana muss handeln. Das gesamte Projekt steht auf dem Spiel. Und das gerade jetzt, kurz bevor eine ganz neue Welt ins Netz gestellt werden soll.

Sie sieht nur eine Chance. Transfer. Sie muss sich selbst in ihr virtuelles Kerrybrook begeben, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Diese Ausgangssituation sorgt für den unwiderstehlichen Drive in einem Thriller, der nicht nur durch Weltenvielfalt und Kreativität besticht. Ursula Poznanski öffnet mit ihrer Story die Tür zu Fragestellungen, die uns heute auf den Nägeln brennen. Wie sieht die Welt der Zukunft aus? Kann man den Klimawandel durch Geoengineering bekämpfen? Was bringt es, Menschen in die virtuelle Daseinsform zu transferieren und wer steckt hinter dieser Idee? Hier wird das Vertrauen auf die Technik der Zukunft einer gewaltigen Zerreißprobe unterzogen. Wird es Jana gelingen, das Geheimnis von Kerrybrook zu lösen? Die häufigen Wechsel von virtueller zu realer Welt lassen die Grenzen unserer Fantasie verschwimmen. Ich folgte Jana auf ihrer Reise durch die Welten, stellte fest, dass ich kein Weltenbummler war. Gehetzt und gejagt stellte ich mich Herausforderungen, die ich hier nicht erwartet hätte. Facettenreicher kann ein Thriller nicht sein, der als Climate Thriller neue Wege geht.

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Cryptos von Ursula Poznanski

Die Ideenvielfalt von Ursula Poznanski sorgt dafür, dass Cryptos viel Resonanz bei einer breiten Leserschaft erreichen wird. Es ist wirklich für jeden etwas dabei. In Anlehnung an ihren Roman funktioniert das Buch wie eine der Kapseln zur Flucht in die virtuelle Welt. Wir lesen, andere sorgen sich um die lebenswichtigen Dinge und es liegt in unserer Hand, die Abenteuer in Ritterwelten, Dinosaurier-Gegenden, in London 1622, bei Jane Austen oder einfach in Kerrybrook zu überstehen. Zahllos sind die Angebote, die uns zur Verfügung stehen. Brutal sind die Realitätspausen, in denen wir auftauchen und auch mal etwas essen müssen. Gefährlich wird es, wenn wir erkennen, dass auch Welten existieren, die eher Gefängnissen gleichen. Lebensgefährlich wird es, wenn es Janas Verfolgern gelingt, sie in ihrem Bewegungsfreiraum einzuengen. Hochspannung ist hier von der ersten bis zur letzten Seite garantiert. Ich empfinde „Cryptos“ als einen der durchdachtesten und stärksten Romane von Ursula Poznanski. Er passt in unsere Zeit und ist in der Lage, Augen zu öffnen.

Hier stimmt alles bis ins letzte Detail. Selbst die Symbolik auf dem Buch sollte man nicht unerwähnt lassen. War es bei Katniss Everdeen noch ein Spotttölpel, der zum Symbol des Widerstandes in „Die Tribute von Panem“ wurde, so ist es hier eine von einem Pfeil durchbohrte Taube. Sie wird euch in „Cryptos“ oft begegnen und zeigen, dass Ursula Poznanski mit ihrem Roman „den Vogel abgeschossen“ hat. Einen in sich geschlosseneren virtuellen Escape-Room kann man kaum gestalten. Selbst, wenn man alle Rätsel gelöst hat, erkennt man, dass es nur im Team vorwärts gehen kann. Und das Team von Jana Pasco besteht aus einem bunten Mix aus schillernden Charakteren. In jedem Kapitel beweist sich mehr, wem man vertrauen darf und wem man aus dem Weg gehen sollte. Egal, in welcher Welt…

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Cryptos von Ursula Poznanski

Cyptos ist das beste Buch für einen Leseabend in St. AlbanIch habe hier schon oft von meiner Lesepatenschaft mit den Kindern und Jugendlichen des Kinderheims der Benediktiner Ordensschwestern geschrieben. Von Bilder- bis zu Jugendbüchern reicht das Spektrum der Werke, denen wir uns dort widmen. Mit den Jugendlichen werde ich nach „Cryptos“ gehen. Wir verwandeln eine Wiese in ein Kontrollcenter und werden in Kapseln durch die Welten von Ursula Poznanski reisen. Und bei jeder Realitätspause ist das Thema Klimawechsel angesagt. Die Aspekte des Romans mag ich herausarbeiten und über Chancen und Risiken von Geoengineering diskutieren. Relevanter kann man sich eine Lesenacht in St. Alban nicht vorstellen. Bleibt noch die Frage: „Wohin gehen wir, wenn wir nirgendwo mehr hinkönnen?“ Ich bin auf Antworten gespannt.

Hier ein kleines Resümee des Abends am Ammersee:  Die Vorfreude war groß und ein paar eingefleischte „Erebos“-Fans stürzten sich freudig in eine neue Welt. Cryptos spielte schnell mit den Gedanken der Jugendlichen. Das Weltklima ist gerade bei ihnen ein sehr wichtiges Thema. Der Ausblick auf die Zukunft der Menschheit sorgte schnell für Aufmerksamkeit. In Jana Pasco schienen besonders die Mädels eine Protagonistin zu finden, der man durch einen Roman folgen wollte. Das Szenario weckte Neugierde und am Ende der Lesenacht, in der ich ein paar Passagen vorgelesen habe, blieb nur die Feststellung, dass es endlich ans eigene Lesen gehen musste. „Cryptos“ befindet sich jetzt in besten Händen. Ein kleiner Videogruß an Ursula Poznanski wurde von ihr sofort beantwortet. Großes Staunen bei den Kids von St. Alban! Wir setzen genau an dieser Stelle wieder an, wenn wir uns zur nächsten Lesenacht treffen. Dann wird der Roman gelesen sein, dann gehört „Cryptos“ zum Erfahrungsschatz, und den möchte ich gerne anzapfen…  Ich werde berichten… Versprochen.

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Cryptos von Ursula Poznanski

Hier geht es zu weiteren Romanen von Ursula Poznanski und zu ihrem Auftritt in meinem Kalender „Frauen lieben Schreiben„… Sehens- und lesenwert…

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Cryptos von Ursula Poznanski

„Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Es gibt keine Märchen mehr. Zumindest nicht mehr solche Märchen, die gemeinsam gelesen, zelebriert und in den Kontext eines jungen Lebens gestellt werden. Es gibt sie kaum noch, diese „Wir nehmen uns Zeit für ein Buch – Momente“, in denen wir uns mit einer Erzählung beschäftigen, an deren Ende man gerne sagen würde „Und die Moral von der Geschicht´“. Wir lesen vor uns hin, lassen junge Menschen oft alleine mit den Welten, die sie sich erlesen, verlieren so die gemeinsame Sprache und die Lehren aus dem Fokus, die man aus einem Buch ziehen könnte. Es ist im Lesen wie im Leben. Wir gehen „lost“, wenn es darum geht uns in der Welt unserer Kinder zu bewegen. Zeit, ein wenig dagegen anzugehen, das Ruder herumzureißen, den Kompass neu einzunorden und das Gemeinsame neu zu entdecken. Zeit für uns. Zeit für wir. Zeit für das Lesen in einer Dimension, die der mündlichen Überlieferung nahekommt. Vorlesen und Mitlesen werden so zu Vor- und Mitleben. Eine Vision? Mitnichten! (Gerne auch weiterhören)

Das Mädchen, das den Mond trank – Die Rezension fürs Ohr

Was es braucht, um diese unsichtbare Grenze zu überschreiten? Nicht sehr viel! Eigentlich nur die innere Bereitschaft, ein gutes Buch und ein paar wichtige Menschen, mit denen das gemeinsame Lesen zelebriert werden kann. Und was soll ich sagen? Ich habe das alles. Ich bin bereit und bei bester Leselaune, habe ein wahrhaftiges Märchen im Gepäck und begegne im Kinderheim St. Alban jungen Menschen, denen ich gerne vorlese und mit denen ich schon seit Jahren Gedanken und Gefühle austausche. Es ist Zeit für eine Lesenacht. Es ist Zeit für gemeinsame literarische Wohlfühlzeit. Es ist Zeit für ein Buch, das wie ein Geschenk aus heiterem Himmel in meinen Schoß fiel. Zeit für ein besonderes Mädchen, das besonderen Menschen begegnen darf. Zeit für:

Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill…

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Was ist das für eine Welt, in der die Menschen sich Schutz vor einer bösen Hexe erkaufen, indem sie einmal im Jahr das jüngste Kind im Wald zurücklassen, um es zu opfern? Was ist das für eine Welt, in der einer Mutter das Kinder entrissen wird, um die Stadt zu retten? Wie groß muss die Angst sein, ein Kind zu bekommen. Nun gut, es ist den Ältesten des Schilf-Imperiums bekannt, dass es gar keine böse Hexe gibt. Aber es ist so schön einfach, den Aberglauben am Leben zu halten. Menschen in Angst lassen sich leicht kontrollieren. Echt praktisch. Ach, sagte ich, dass es keine Hexe gibt? Auch das ist falsch. Im Wald der ausgesetzten Kinder lebt wirklich eine Hexe. Allerdings eine gute. Xan rettet diese ausgesetzten Babys, päppelt sie auf und gibt sie an Eltern einer Stadt am anderen Ende des Waldes weiter. Sternenkinder werden sie dort seit jeher genannt. Sie entwickeln sich prächtig, als stünden sie unter einem guten Stern.

Was ist das für eine Welt, die wir hier im Wald kennenlernen? Die kleine Luna ist das diesjährige Opfer. Allerdings kommt es zu einem echten Missgeschick. Anstatt das Mädchen nur mit der Licht der Sterne zu füttern, lässt Xan es zu, dass die Kleine ganz aus Versehen den Mond trinkt. Und nun ist Luna magifiziert. Sagt man hier so. Sie ist also ziemlich aufgeladen mit Zauberkraft und es ist zu vermuten, dass sie im Alter von 13 Jahren zur echten Entfaltung kommt. Solange kann Xan die Zauberkraft mit eigenen Mitteln dämpfen. Luna und Xan bleiben zusammen. Ein solches Mädchen kann man ja schlecht an ahnungslose Menschen weitergeben. So wächst die kleine Familie, zu der auch ein sentimentales Flussmonster und ein Miniatur-Drache gehören glücklich, aber nicht gänzlich ohne magische Zwischenfälle zusammen.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Aus dieser magischen Ausgangssituation entwickelt Kelly Barnhill ein brillantes Märchen voller Überraschungen. Sie entwickelt ein Szenario, in dem wir aus einigen Perspektiven heraus das Leben im Wald, aber auch die Tristesse in der Stadt erleben, die regelmäßig ihre Kinder opfert. Lunas Mutter spielt dort eine ebenso wichtige Rolle, wie Antain, ein Junge aus besten Hause und ebensolchen Perspektiven. Er hat erlebt, wie Luna ihrer Mutter entrissen wurde. Er hat ihren Schmerz miterlebt. Und jetzt, wo er bald Vater wird, reift ein Plan in ihm. Sein Kind darf nicht das Opfer der bösen Hexe im Wald werden. Koste es was es wolle. Das ist Sehnsuchtslesen von Format. Aufgehellt durch skurrile und urkomische Situationen wissen wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Dieses Kinder- und Jugendbuch hat alles, was man sich nur wünschen kann. In jeder Ecke lauert Gefahr, aber auch jeweils ein entspannter Moment des Schmunzelns.

„Ein Baby mit Magie zu versehen, das ist, wie einem Kleinkind ein Schwert in die Hand zu drücken – zu viel Kraft kombiniert mit zu wenig Vernunft.“

Barnhill`s Charaktere sind so märchenhaft und nahbar, als wären wir selbst auch magifiziert worden. Wie die Geschichte endet? Warum ein Monster und ein Drache im Wald verborgen leben und ob es Antain gelingt, sein Kind zu retten? Das würde ich nie verraten. Ich würde euch um einen großen Moment des Lesens betrügen. Eines kann ich jedoch versprechen. Das furiose Ende lässt keine Frage offen und kein Auge trocken.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Am Ende allen gemeinsamen Lesens steht nun also die Frage alle Fragen: „Was ist die Moral von der Geschicht`?“ Was kann ich in mein Leben mitnehmen und wo sind Botschaften versteckt, an denen junge Menschen wachsen können? Hier geht es nicht um erhobene moralisierende Zeigefinger. Hier geht es nicht um leere Weisheiten oder theoretische Lehren, an denen man sich festhalten muss. Es geht um das Gefühl des Lesens, das zum Gefühl des Lebens werden kann. Glaubt mir, es ist nicht schwer, eine solche Leseemotion aus einem Buch zu extrahieren. Das Bauchgefühl ist hier der beste Ratgeber. Mit welchen Figuren der Geschichte würde ich gerne tauschen, warum steht mir ein Protagonist so nah und vor wem würde ich mich in Acht nehmen? Schlägt mein Herz bei einer bestimmten Situation im Buch höher und was schreckt mich ab? In wen kann ich mich gut hineinversetzen und wer bleibt mir völlig fremd? Eure Antworten auf diese Fragen stellen den magnetischen Pol des Lesens dar, nach dem ihr navigiert.

Hier blühen die Samen auf, die uns Schriftsteller mit viel Liebe ins Herz pflanzen. Wir sind das Gewächshaus des guten Lesens und zum Teil selbst dafür verantwortlich, ob sich Botschaften verfestigen und weitererzählt werden. Und nicht zuletzt können wir auch gute Ratgeber sein. Dabei helfen, wichtige Geschichten zu finden und schließlich am Ende mit der Frage nach der Moral einen Impuls geben, der oft fehlt, wenn man als junger Mensch ganz alleine liest. Wer einmal im Leben mit diesem Mädchen den Mond trank, wird erkennen wie wichtig dieses Märchen sein kann. Bei aller Fantasy, bei allem Märchenhaften ist es doch eine Message, die so lebendig und nachhaltig vermittelt und im Roman gelebt wird, wie selten zuvor.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Seid nicht leichtgläubig, vertraut euren Gefühlen und Instinkten, macht den Mund auf, stellt Fragen, gebt euch nicht mit Ausflüchten oder nichtssagenden Antworten zufrieden und bleibt hellwach, wenn es darum geht eure Umwelt zu beobachten. Botschaften, die nicht ungehört bleiben. Lehren, die man nie vergisst und die zeitlos tragfähig sind. Jede Fake-News verliert ihre Wirkung, jedes noch so glaubwürdig gestreute Gerücht verpufft und viele Vorurteile verlieren ihre Grundlage. Wer „Das Mädchen, das den Mond trank“ aufmerksam liest, wird mit wachem Blick durch die Welt gehen und feststellen, dass es keine unbequemen Fragen gibt. Es gibt nur Menschen, für die es zu bequem geworden ist, aktiv denkend durchs Leben zu gehen. Sie gilt es aufzurütteln. Und wer könnte das besser als die Heranwachsenden, die alles hinterfragen dürfen. Traut euch. Trinkt vom Mond.

Es gibt keine Märchen mehr? Oh, was für ein Irrtum. Hexen, Miniaturdrachen und sentimentale Monster. Verzauberte Kinder und fliegende Origamis, mit Flügeln die so scharf sind wie Skalpelle. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und ein Niemandsland, das wahrlich nicht niemandem gehört, sondern einer der grandiosesten guten Hexen die man jemals kennenlernen durfte. Die geretteten Sternenkinder haben viel mit den verlorenen Jungs auf Nimmerland gemeinsam. Luna und Peter Pan haben sicher den Mond wie Muttermilch getrunken. Mit ihnen fliegt man wohlbehütet durch die größten Abenteuer der Literatur. St. Alban im Mondlicht sieht heute anders aus. Dieses Kinderheim hat so viel vom Wald, in dem Kinder ausgesetzt werden. Auch hier werden sie gerettet und zu Sternenkindern in einer besseren Welt. Ich habe in Schwester Anna meine Xan getroffen, die aus ihren Mondtrinkern glückliche Kinder macht.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill – Eine Lesenacht

Mehr zu St. Alban und AstroLibrium: Lesenächte, ein Drache im Kinderheim, ein Video mit Gesprächskreis bei Literatur Radio Bayern. Unsere Reise ging gestern weiter (hier noch ein Eindruck auf Facebook) und wird schon im Juli fortgesetzt.

Und hier geht es zu weiteren besonderen Mädchen in der Literatur.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

„Der Drache hinter dem Spiegel“ von Ivo Pala zu Gast in St. Alban

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Man kommt in diesen Tagen an Drachen nicht vorbei.

Kaum wurde Smaug in Tolkiens Hobbit über der Seestadt abgeschossen und man denkt, endlich Ruhe zu haben, erscheint Ivo Pala am Horizont und präsentiert mit Der Drache hinter dem Spiegel (Sauerländer Verlag) ein Kinder- und Jugendbuch, das sich dem traditionellen Lindwurm von einer ganz anderen Seite nähert.

Wie reagieren Kinder auf Drachen? Was ist Schönheit und wem sollte man im Leben wirklich vertrauen? Wie kann man der Wahrheit auf die Spur kommen, wenn man belogen wird und was geschieht, wenn man selbst keine Wünsche mehr hat? Diesen Fragen sind wir mit diesem Fantasy-Roman auf den Grund gegangen. Wir?

Ja – genau richtig gelesen. Die literarische Sternwarte AstroLibrium hat die Kinder und Jugendlichen des Kinderheims St. Alban zum Drachen-Lesen eingeladen und gemeinsam mit Peggy Steike entstand zuhörend und zeichnend eine kleine Galerie drachenstarker Impressionen. Doch zunächst sollten wir einen Blick hinter den Spiegel der Fantasy-Welt des Ivo Pala wagen, um nicht nur einem Drachen, sondern fünf ganz besonderen Kindern zu begegnen. Vorhang auf für die O´Brians.

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala - AstroLibrium - St. Alban

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Es sind schwere Jahre in London vor fast genau 100 Jahren. Armut und harte Arbeit, gerade in den Docks im Hafen der Stadt an der Themse, kennzeichnen das Leben der Familie O´Brian. Seitdem der Vater an einer geheimnisvollen Erkrankung leidet, gelingt es der Mutter nicht mehr, die Familie mit ihren fünf Kindern über Wasser zu halten. Es gibt nur einen einzigen Ausweg, dem drohenden Hungertod zu entgehen.

Florence (Fee) und Herbert, die beiden ältesten Geschwister, werden mit William, Diana und Bernadette nach Schottland geschickt. Sie sollen Zuflucht bei ihrem Großvater suchen, damit sie nicht in London zugrunde gehen. Der Plan der Mutter wäre eigentlich ganz gut gewesen, gäbe es da nicht ein kleines Problem. Die Kinder kennen von ihrem Großvater nur den Namen, sind ihm noch nie begegnet und, wohl das größte Problem, er weiß nicht, was da auf ihn zukommt.

Finn O´Brian ist völlig ahnungslos, als seine Enkel in Kirkcaldy ankommen und sich auf dem Markt nach ihm erkundigen. Die Angst vor dem Ungewissen und die große Sorge um den kranken Vater nagen an den Kindern und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben in Schottland erhält einen ersten Dämpfer, als sie schließlich eine Ruine erreichen, die man ihnen als Wohnort ihres Großvaters beschrieben hatte. Unbewohnt und verwittert macht sie nicht gerade einen vertrauenswürdigen Eindruck… Ebenso wenig wie die Warnungen der Dorfbewohner, es würde dort auch noch spuken.

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala – Auf den Spuren Smaugs

Und dann geschieht das Wunderbare. Finn O´Brian empfängt seine Enkelkinder in aller Wärme und Zuneigung. Die Ruine entpuppt sich als wahres Zauberschloss, denn einmal durch die Pforte hindurch öffnen sich Hallen und Säle, die so prachtvoll sind, wie man sie sich in einem Märchenschloss nur vorstellen kann. Und die Kinder werden nach Strich und Faden verwöhnt. Ein Traum wird für die fünf jungen O´Brians wahr.

Jedes der Kinder erhält ein traumhaftes eigenes Zimmer, fast einen kleinen Palast, in dem die allergrößten Wünsche wahr werden. Ein Piratenzimmer, einen Elfenhain, einen Jahrmarkt der wundervollen Spielsachen und eine Bibliothek mit einer verwunschenen Eule. Für alles ist gesorgt. Abenteuer, Spiel, Ablenkung und ein sorgenfreies Leben. Nur für einen O´Brian scheint kein Traum in Erfüllung zu gehen. Ausgerechnet der ängstliche William findet lediglich ein karges Zimmer vor, das so viel Ähnlichkeit mit seinem Zuhause in London hat.

Er hat all seine Kraft zum Träumen verloren. Ihm fallen keine Wünsche mehr ein. Nur seinen geliebten Vater möchte er gesund wiedersehen. Und so beginnt er enttäuscht und alleine seinen Streifzug durch das Traumschloss seines Großvaters. Es kommt, wie es kommen muss. William verirrt sich und findet im Kellergewölbe einen riesigen Spiegel vor, der plötzlich zu ihm spricht. Nur aus den Augenwinkeln heraus erkennt er einen riesigen Drachen, der im Spiegel gefangen scheint und einen Satz sagt, der alles verändert:

„Ich bin in Wirklichkeit dein Großvater. Ich bin Finn O´Brian!“

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Genau an diesem Punkt der Geschichte entwickelt Ivo Pala einen kindgerechten Kosmos der Fantasie, der jeden Leser gefangen nimmt. Man beginnt zu zweifeln und zu hinterfragen. Wir folgen den fünf Geschwistern atemlos auf ihrer abenteuerlichen Reise zu ihren Wurzeln und den Geheimnissen ihres Großvaters und des mysteriösen Drachens. Wem darf man glauben, wem sich anvertrauen, wer sagt die Wahrheit? Ivo Pala schreibt komplex und doch so eindringlich nachvollziehbar in einem Stil, der vorgelesen, vorlesend und selbst gelesen immer tiefer in die Geschichte zieht.

Dabei entsteht ein Kopfkino, das so einzigartig ist, dass es einfach skizziert werden musste. Die Idee war sehr schnell geboren und die wundervollen Kids des Kinderheims St. Alban und Peggy Steike erfüllten diesen Gedanken mit Leben. Eine Lesenacht mit „Der Drache hinter dem Spiegel“, Malutensilien und die Vorgabe „Hört einfach zu und malt, was euch gerade in den Sinn kommt“. Andächtiges Zuhören und das Kratzen von Buntstiften auf Leinwand. Wilde Striche und filigranes Skizzieren. Und als wir eine erste Pause machten, wollten wir unseren Augen kaum trauen.

Die fantastischen Kinderzimmer der O´Brians hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Elfen, eine Bibliothek mit der großen Eule, das Piratenschiff, der Spiegel im Kellergewölbe und Drachen über Drachen hatten ihre Wege auf die Leinwände der Kinder gefunden. Und dabei waren sie hochkonzentriert in der Geschichte. Aufmerksam und wild spekulierend, wer denn nun der wahre Großvater sei. Und ganz nebenbei blieb auch noch Zeit für die ganz individuellen Wunschzimmer voller Rennautos und Bäume. Diesen Moment hätte ich Ivo Pala gerne vor Ort gegönnt. Seine Fantasie hat hier einen hochexplosiven Treibsatz der Imagination gezündet.

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Einen modernen und vielseitigen Autor, der inhaltlich und stilistisch auf den Spuren von J.R.R. Tolkien wandelt und es dabei vermag, Leser fast jeden Alters in seinen Bann zu ziehen, findet man nicht alle Tage. Der Drache hinter dem Spiegel ist ein zeitloses Märchen mit tiefer Botschaft, unbändiger Abenteuerlust und voller Bilder, die das Kopfkino zu einer unvergesslichen Vorstellung des Geistes werden lassen. Ivo Pala schreibt in die Herzen von Jungs und Mädchen.

Er lässt sich nicht in eine Form pressen, weil seine Geschichten selbst die Formen sprengen. Und er erlaubt sich erzählend Ausflüge in alle wesentlichen Mysterien unseres Lesens. Von Stonehenge, über Elfen, von der brennenden Bibliothek von Alexandria bis hin zum geheimnisvollen El Dorado. An seiner Seite reisen und erleben wir. Fühlen, sehen und verstehen. Dabei überfordert er nicht, gibt aber Raum für viele Fragen, die nach dem gemeinsamen Lesen am großen Tisch der Generationen diskutiert werden dürfen. Eine Meisterleistung.

Und doch darf man nie vergessen, wo wir dieses Buch vorgestellt und gemeinsam gelesen haben, wo wir uns befanden, als die kleinen Kunstwerke entstanden. Man darf nicht vergessen, wie die Kinder eines solch liebevoll geführten Kinderheimes empfinden, wenn sie eine solch fantastische Geschichte miterleben dürfen. Die Frage eines der ganz Kleinen am Ende der Lesenacht ist lange in unseren Herzen geblieben:

„Habe ich auch so etwas? Einen Großvater?“

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Bald mehr aus dem Kinderheim St. Alban. Die Lesenacht für die Großen; der Zebrawald; eine ganz besondere Lese-Challenge für Mr. Rail und viele emotionale Momente…

Ich mache genau an dieser Stelle weiter, danke „meinen“ Verlagen, Autoren, den Verantwortlichen des Kinderheims, Schwester Anna, Peggy und ganz besonders Euch… den Kids von St. Alban!

Eine Lesenach um kinderheim St. Alban - Ivo Pala "Der Drache hinter dem Spiegel"

Eine Lesenacht im Kinderheim St. Alban – Ivo Pala „Der Drache hinter dem Spiegel“