„Regeln für einen Ritter“ von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Lebensweisheiten wohin wir auch schauen. Kalender, Bücher, Poesiealben – nichts ist vor ihnen sicher. Zitate aus längst vergangener Zeit, aus der Feder in Vergessenheit geratener Denker und Dichter pflastern unseren Lebensweg und nicht ein Tag vergeht, ohne einen Spruch, den es zu beherzigen gilt um sein Glück zu finden. Dabei ist es wie bei Horoskopen. Man suche sich das richtige Motto, übertrage es auf das eigene Leben und interpretiere es so, wie man es gerne hätte. Fertig ist die Lebenshilfe.

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Der Radio-PodCast zum Artikel mit kleiner Lesung aus den Regeln für einen Ritter

Irgendwann ist doch auch mal gut, oder? Kann ich nur zielgerichtet durch das Leben laufen, wenn ich ständig Satzfragmente des Dalai Lama rezitiere oder hilft es mir weiter, im richtigen Moment das passende Zitat von Antoine de Saint-Exupéry aufzusagen. Es ist manchmal schon ein Fluch, weil diese ständig neu aufgewärmten Weisheiten unser eigenes Denken einengen und keinen Raum zur freien Entfaltung erlauben. Wer käme schon auf die Idee, eine Traueranzeige selbst zu formulieren, der Gratulation zur Taufe mit eigenen Worten Gewicht zu verleihen oder der Liebe seines Lebens radebrechend zu gestehen, dass man ohne Romeo und Julia auskommen möchte?

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Weit gefehlt. Da begibt man sich lieber auf die Suche im Internet oder durchforstet die eigene Bibliothek nach geeigneten Sinnsprüchen und Allgemeinplätzen. Auffälliges Symptom dieser individuellen Sprachlosigkeit ist der semantische Gleichklang, mit dem frisch Verstorbene in Zeitungen entweder mit einem Zitat von Paulo Coelho oder einem geschmeidigen Goethe-Zitat auf die letzte Reise geschickt werden. Wenn sich eine Tür schließt, geht irgendwo… Japp… Wir wissen Bescheid. Tür auf, Tür zu. Wo bleiben nur unsere eigenen und ganz persönlichen Worte? Lieben, hoffen, trauern und gratulieren wir nur noch auf Basis von Plagiaten, oder werden wir in der Literatur eher fündig als in der eigenen Fantasie?

Dabei erscheinen in den letzten Jahren diese Lebensweisheiten in immer neuem Gewand. Wundervolle Bücher bieten sich auf den Geschenktischen des Buchhandels feil und versprechen erhellende Momente und sinnstiftendes Lesen. Sie scheinen viele Antworten auf die offenen Fragen des Lebens zu beinhalten und helfen dem Gewissen dabei, sich von den allgegenwärtigen Bissen zu befreien. Und ist es nicht fein, im Falle des Versagens der guten Sprüche einfach auf den Verfasser zu zeigen und sich selbst von aller Verantwortung loszusprechen?

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

„Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen“, könnte ich jetzt flockig behaupten. Denn auch ich besitze Bücher, die vor Lebensweisheiten nur so zu bersten scheinen. Und ja, auch ich nehme sie zur Hand, um mich inspirieren zu lassen. Selbst ich zitiere gerne mal und verweise auf Gedanken, die ein anderer durch das Glück der frühen Geburt und eine besondere Weitsicht hatte, bevor ich sie auch nur denken oder formulieren konnte. Aber, ich bediene mich dieser Worte nicht. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Mein „Handbuch des Kriegers des Lichts“ von Paulo Coelho (Diogenes Verlag) ist schon seit vielen Jahren eine stetige Quelle der Inspiration für mich. Ich mag komplexe Gedankengänge, die nicht nur verschlagwortet werden, sondern im Kontext des großen Ganzen zu verstehen sind. Richtungsweisend ist das Handbuch und dabei lässt es dem Leser ausreichend Spielraum, das eigene Licht zu finden. Dass nun aber ausgerechnet ein Schauspieler versucht, den Markt der Lebensweisheiten mit einem so eigenwilligen wie verstaubt wirkenden Handbuch zu erobern, hat mich überrascht. Und nicht nur das. Meine Neugier war geweckt.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Wir kennen ihn aus dem Film „Der Club der toten Dichter“ als brillant agierenden Schauspieler. Als Schriftsteller trat er nur kurz und eher unauffällig in Erscheinung. Die Rede ist von Ethan Hawke. Und genau dieser Ethan Hawke verspricht uns nun in dem bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlichten kleinen Band „Regeln für einen Ritter“ zu kennen, ohne die unser Leben weder ritterlich noch lebenswert ist. Nur, wer mag denn heute noch ritterlich sein? Wer strebt noch nach den Idealen überholter Wertebilder und wer glaubt schon daran, dass Regeln für einen Ritter in unserer Zeit noch relevant sein könnten?

Hier!! Aufzeig`!! Ich!!! Ich bin in meinem romantischen Weltbild davon überzeugt, dass bestimmte Werte zeitlos übertragbar sind. Ich denke, dass Ritterlichkeit kein verstaubter Begriff ist und ich bin fest davon überzeugt, dass mit einem Transfer dieser Werte in die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts einiges bewegt werden kann. Es ist genau diese Transferleistung, die Ethan Hawke mit seinem Regelwerk gelingt, denn er bedient sich eines genialen literarischen Kunstgriffes, um die scheinbar verstaubten Weisheiten erneut mit Leben zu füllen.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Was Ethan Hawke nämlich hier als Zufallsfund im eigenen Familienarchiv ausgibt und seine Leser glauben lässt, es handele sich um das Vermächtnis seines Vorfahren Sir Thomas Lemuel Hawke, der im Winter 1483 in der Schlacht von Slaughter Bridge ums Leben kam, ist in Wirklichkeit und bei näherer Betrachtung die geschickte Collage einer mehr als zeitgemäßen Ritterlichkeit in historischem Gewand. Ethan Hawke webt einen prächtigen Wandteppich aus Legende und Fiktion, indem er den großen Ritter im eigenen Stammbaum letztmalig zu Wort kommen lässt. Am Vorabend der Schlacht und im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten. Es ist das scheinbare Vermächtnis an seine Kinder, das wir hier lesen dürfen. Ein Handbuch das lange verschollen war.

Was wir hier verpackt in dieses historische Vermächtnis finden ist eine geschickt miteinander in Einklang gebrachte Sammlung von Lebensweisheiten von Rittern, die ihre Gedanken mit Sicherheit nicht im Mittelalter kultivierten. Die Tafelrunde Ethan Hawkes reicht von William Shakespeare über Ralph Waldo Emerson bis zu Bob Dylan. Sie murmelt mit den Stimmen von Muhammad  Ali, River Phoenix, Victor Hugo, George Lucas und Nelson Mandela. Ethan Hawke macht uns Leser zu Knappen eines Ordens der ehrenwerten Ritter und entführt uns in seiner Geschichte in die Hall of Fame aller klugen Köpfe, die in seinem Leben wegweisend waren.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Ich werde mich ihrer Worte nicht bedienen. Das steht fest. Wie jeder Knappe werde ich versuchen, sie zu verinnerlichen und meinen eigenen Weg zu gehen. Ritterlich sein ist hierbei keine Frage des Geschlechts. Ethan Hawke holt in seiner Philosophie weiter aus und vereint Menschen im Geist. Das hebt dieses kleine Handbuch von Werken ab, die auf den ersten Blick vergleichbar scheinen. Ob Leser oder Leserin, für jeden ist der Weg sehr erfolgversprechend. Vielleicht wartet am Ende der „Regeln für einen Ritter“ sogar der Ritterschlag durch Ethan Hawke.

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„Der Weg des Bogens“ – Zielgenau mit Paulo Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Kyūdō. Das klingt nach alter japanischer Kampfsportart, ist aber meilenweit davon entfernt, obwohl die Bewaffnung des Kyūdō-Schützen martialisch anmutet. Bogen und Pfeil sind seine Wegbegleiter und doch gleicht der Bewegungsablauf beim Schießen in Gänze eher einem zeremoniellen Akt, als einer sportlichen Betätigung mit kämpferisch anmutendem Hintergrund. Unterstrichen wird dies durch die eindrucksvolle traditionelle Bekleidung des Schützens, die ihn ohne Rüstung in Rock (Hakama) und Bluse (Gi) fast schutzlos erscheinen lässt. Fremdartig wirkt dieser kontemplativ zeremonielle Sport auf westliche Betrachter und es macht doch neugierig, was sich hinter all dem verbirgt.

Paulo Coelho entschlüsselt in seinem Buch Der Weg des Bogens zwar nicht die Hintergründe des Kyūdō, aber er transferiert die im Verborgenen zelebrierten und seit Jahrhunderten gehüteten Geheimnisse so, dass wir sie nicht nur verstehen, sondern in unser tägliches Leben übertragen können. Es ist nicht spirituell oder religiös, dient nicht der Kontemplation oder gar der Selbstfindung auf dem Jakobsweg, was Coelho uns mit dem an sich schmalen Text ins Leben schreibt. Sein Buch kann dazu beitragen, Lehren aus einem fremden Kulturkreis mit unseren Ansichten in Einklang zu bringen und dabei Fremdes nicht mehr fremd erscheinen zu lassen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Der Weg des Bogens, übrigens die wörtliche Übersetzung des Begriffes Kyūdō, erzählt die Geschichte eines japanischen Jungen, der im Tischler seiner Stadt durch puren Zufall einen wahren Kyūdō-Meister erkennt. Tsetsuya lebt ein unauffälliges und bescheidenes Leben, niemand sah ihn zuvor mit einem Bogen, bis ein Fremder ihn zu einem Wettkampf herausfordert. Erst in diesem Moment erkennt der Junge, dass hinter dem bescheidenen Tischler eine der größten Kyūdō-Legenden des Landes verborgen ist. Was liegt da näher, als genau ihn darum zu bitten, sein Schüler werden zu dürfen?

Hier sind wir Leser mit dem Jungen auf Augenhöhe. Vielleicht haben wir schon mal einen solchen japanischen Bogenschützen gesehen und uns über das Zeitlupentempo seines Bewegungsablaufes gewundert, vielleicht haben wir uns schon mal gefragt, wie man so überhaupt sein Ziel treffen kann. Vielleicht haben wir es mit Tai-Chi verglichen, jenem inneren Schattenboxen, das viele Japaner ohne jeden Gegner zelebrieren. Und doch liegen viele Wahrheiten in der inneren Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Fähigkeiten und den unveränderbaren äußeren Rahmenbedingungen, die das eigene Leben beeinflussen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Paulo Coelho gelingt mit Worten, was unsere Augen nicht leisten können. Er lässt uns in eine traditionelle und rituelle Reflektion eintauchen, in der die Einheit von Bogen, Pfeil und Ziel nur entstehen kann, wenn der Mensch in Balance ist. Dieser Balanceakt beruht auf Erkenntnis und Demut. Tugenden, die uns heute schnell verlorengehen und die schwer wiederzuerlangen sind. Wir sollten diesem wundervoll illustrierten Buch aus dem Hause Diogenes einfach vertrauen. Offenen Herzens, ohne Vorbehalte und voller Neugier auf das Unbekannte dem Wort und der Weisheit Tsetsuyas folgen und dessen Worte auf uns wirken lassen. Zitate pflastern immer den Weg von Paulo Coelho. Doch mir persönlich bleibt diesmal ein wenig mehr.

Im tiefen Dialog mit Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ entwickelt „Der Weg des Bogens“ eine literarische Dynamik, die nicht entschleunigt oder reinigt, sie inspiriert durch die Komplexität der Gedanken, die pfeilschnell und zielsicher treffen. Es wird schnell klar, dass ein Krieger des Lichts besser durch Leben kommt, wenn er auch den Weg des Bogens verinnerlicht hat. Übung schult das Auge und die Hand. Und doch führt sie nicht zu Routine, denn es gilt dem Alltäglichen und Unbedachten zu entsagen, um bei vollem Bewusstsein und konzentriert die richtigen Ziele anvisieren zu können. In wenigen und hochkonzentriert gebündelten Worten ohne jede Ausschweifungen ist das Buch so japanisch, wie man es sich nur wünscht. Es schmiegt sich an meine Bibliothek der Bücher an, die ihre Weisheiten aus diesem Kulturkreis schöpften. Japan.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Es ist immer wieder Japan, das mich in der Literatur fasziniert. Es sind Traditionen, Werte und eine ganz besondere Lebensphilosophie, die sich wie ein roter Faden durch jene Bücher zieht, die mich mit Japan verbinden. Ich bettete mein müdes Haupt auf das „Kopfkissenbuch„, faltete Papier-Kraniche mit „Herr Origami„, durchbrach auf meiner Suche nach echter „Seide“ die Seeblockade um Japan und erlebte mit „Sadako“ einen wahren Meilenstein gegen das Vergessen der Opfer von Hiroshima. Und doch hat auch gerade Paulo Coelho gezeigt, dass er nicht nur mit Lebensweisheiten brillieren kann. In „Die Spionin“ zeigt er eine ganz andere Seite seines Schreibens. Biografisch nähert er sich Mata Hari und wer nicht weiß, wer diesen Roman geschrieben hat, würde nicht auf Coelho als Verfasser kommen. Auch hier sind es die Zitate, die sich einprägen. Tief.

Es sind wie immer die wichtigen Zitate, die am Ende des Lesens vom gemeinsamen Weg mit Paulo Coelho bleiben. Viele Zitate, die selbsterklärend sind. Andere, die man sich hart erarbeiten muss und einige, die so sehr polarisieren, dass man sich an ihnen reiben kann. Das ist Literatur… Das ist Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Das macht ihn auch blogübergreifend so interessant. Er löst mit wenigen Worten in unterschiedlichen Menschen verschiedene Assoziationen aus. Es ist, als schriebe er in einer universellen Sprache, die keiner Übersetzung bedarf. Coelho kann sich auf seine Leser verlassen, da sie seine Worte richtig zu deuten wissen. Als Beweis für die These verweise ich einfach nur auf Literatwo. Ein Blog des Lichts, der den Bogen raus hat.

Danke für den japanischen „Schnee“ zum Bogen. Eine Lachenweinenlawine.

Der Weg des Bogens und Schnee – Von Blog zu Blog

So schließt sich mit dieser einhundertsten Buchvorstellung 2017 der Kreis eines ganz besonderen Lesejahres. Wie könnte man ein solches Traumjahr besser enden, wie es besser in ein neues übergleiten lassen, als mit einem gespannten Bogen aus der Feder von Paulo Coelho. Der Bogen ist das Synonym meiner Leidenschaft für die Welt der Literatur und der Pfeil steht für jedes Buch, das mich einerseits trifft, das ich mit der kleinen literarischen Sternwarte allerdings sofort wieder in die Sehne einlege und auf ein neues Ziel abschieße. Seid ihr dieses Ziel, ist es meine eigene Suche nach dem Buch der Bücher oder ist es letzlich gar nicht so wichtig? Suchen wir doch gemeinsam nach Antworten. Leb` wohl 2017, du warst ein erlesenes Jahr und herzlich willkommen 2018.

Ich hab´ dich im Visier...

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens – Das neue Jahr im Visier