Der Wald von Nell Leyshon [Das Hörbuch]

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Machen wir es kurz. Hätte ich den Roman „Der Wald“ von Nell Leyshon gelesen, er hätte keinen Platz in der kleinen literarischen Sternwarte gefunden. Alleine schon, weil ich das Buch nicht beendet hätte. Und selbst wenn. Ich hätte keine große Lust gehabt, es zu rezensieren. Romane, die mir nicht gefallen, mit denen ich nicht warm werde und die meinen Erwartungen nicht entsprechen, sollen mir nicht auch noch die Zeit stehlen, die ich für mein liebstes Hobby aufwende. Das Schreiben über gute Literatur.

Zumeist mache ich nicht dem Autor den Vorwurf, mich nicht erreicht zu haben. In den meisten Fällen liegt es einfach an mir, am falschen Zeitpunkt des Lesens oder den thematischen Irrungen und Wirrungen, die mich plötzlich überraschten. Warum ich nun hier sitze und einen Artikel schreibe in dessen Mittelpunkt „Der Wald“ steht, hat nichts, aber auch gar nichts mit der literarischen Qualität des Buches zu tun. Diese Rezension verdankt das Buch ausschließlich der Sprecherin, die mich im Hörbuch aus dem Studio von Random House Audio zehn Stunden lang daran gehindert hat, die Stopptaste zu drücken. Laura Maire.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Warum hätte ich den Roman abgebrochen? Eine Frage, die ich wirklich mit Fug und Recht beantworten kann, weil ich hörend bis zu seinem Ende angelangt bin. Das große Potenzial des ersten Abschnittes wird in den beiden darauffolgenden Kapiteln in keiner Weise mehr ausgeschöpft. Charaktere entwickeln sich nicht mehr nachvollziehbar und der gut aufgebaute Spannungsbogen der Einleitung verpufft völlig ungenutzt im Leeren. Längen breiten sich aus und stürzen ins Bodenlose ab. Wir befinden uns in Warschau und erleben die von Nazis besetzte Stadt. Authentisch ist die Beschreibung der Bilder, in denen die nackte Angst ums Überleben und Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung im Mittelpunkt stehen. Hier begegnen wir dem jungen Pavel, dessen Vater im Widerstand kämpft, dessen Großmutter als Ärztin ihrer Mission selbstlos folgt und seiner Mutter, die versucht, alles zusammenzuhalten. Zofia ist in größter Sorge und versucht alles, um die kleine Familie durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges zu lenken.

Nur nicht auffallen. Nichts falsch machen. Sich auf keinen Fall zeigen. Sich selbst und ihren Sohn, ihre Schwester und ihre Mutter vor den Augen der Nazis verbergen. In dem Moment, in dem ihr Mann einen schwerverletzten britischen Soldaten mit ins Haus bringt, um ihn dort sterben zu lassen, verändert sich alles. So, wie der Verbündete aus dem Himmel gefallen ist, so fällt Pavels Familie nun der Krieg vor die Füße. Die Folgen sind dramatisch. Großmutter und Tante werden gefasst, der Vater flieht und Pavel und seiner Mutter bleibt nur die Flucht in den Wald. PUNKT. Bis dahin fesselnd. Starke und plausible Charaktere und ein Setting, das ganz nach meinem Geschmack war, wenn es darum geht, Geschichten gegen das Vergessen zu lesen. So viel Potenzial.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Und dann? Nachdem die Charaktere aufgebaut und beschrieben sind? Dann geht es hinein in den Wald. Ein Bruch, den die Handung schon hier kaum verkraftet, spielen doch die Personen, für deren Schicksal man sich bis hierhin interessiert hat, schon jetzt keine Rolle mehr. Und nachdem sich die Handlung mühsam über die Abgeschiedenheit des Waldes und das Warten auf das Ende des Krieges erstreckt hat, landen wir im Hier und Jetzt. London. Zofia ist Sofia und Pavel ist Paul. Der Krieg liegt lange hinter ihnen. Und nicht nur das. Das normale Leben in einer Beziehung zwischen Mutter und Sohn rückt in den alleinigen Mittelpunkt. Die Geschehnisse in Warschau? Irrelevant. Hier wird plötzlich das Liebesleben des erwachsenen Mannes wichtig und die Tatsache, dass er der Erwartungshaltung seiner Mutter nicht entspricht, mutiert zum Auge des Orkans. 

Warum ist sein Vater nicht geflohen? Wie verkraftet man die Zeit und die Trennung? Was trieb Sofia an, einfach so erneut zu heiraten? Warum schafft sie es nicht, nur eine Sekunde lang ihre Dauer-Nabelschau zu unterbrechen? Sie wird von Kapitel zu Kapitel nerviger, unsympathischer. Selbstreflexion ohne Hintergrund. Ihre Persönlichkeit ist mit der Vorgeschichte kaum in Einklang zu bringen. Als hätte die Autorin plötzlich die Idee gehabt einen Roman über eine konservative Mutter und ihren homosexuellen Sohn zu schreiben. Vergiss, was vorher war, lieber Leser. Hat nicht mehr zu interessieren. Sofia und ihr nagender Selbstzweifel bestimmen die Geschichte. Die Handlungsfäden reißen ohne Vorwarnung. Verlust, Verfolgung, Traumatisierung und Trennung. Nein. Das sind hier nicht die Determinanten des Romans, der zu Beginn genau das versprochen hatte.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Es plätschert dahin. Immer belangloser und ohne jede Verbindung zu der Geschichte, die eigentlich begeistern konnte. Nell Leyshon erzählt sprachlich gediegen. Sie vermag ihre Leser im ruhigen und sanft fließenden Strom ihrer Geschichte mitzunehmen. Doch hat sie für mich den Faden verloren und bis zum Ende nicht wiedergefunden. Themen werden in einen Topf geworfen, die dem Großen und Ganzen des Romans nicht mehr entsprechen. Damit wird aus dem Beginn eine bloße Kulisse. Das besetzte Warschau hat keine Relevanz für den Hauptteil des Romans. Zuletzt greift emotionaler Kitsch um sich. Das war besonders schwer zu verkraften. Warum ich trotzdem blieb? Warum ich mich nicht trennen konnte?

Ich war es Laura Maire schuldig. Ich dachte mir, wenn sie das hier durchzieht, dann schalte ich nicht ab. Wenn sie zehn Stunden lang alles investiert, um den Charakteren Leben und Kontur zu verleihen, dann höre ich zu. Das habe ich nicht bereut. Ich werde es nie bereuen. HörbuchsprecherInnen können Bücher retten. Das hat Laura Maire bewiesen. Ihre Dialoge zwischen Pavel und seiner Mutter sind stimmliche Meisterwerke und suchen Ihresgleichen. Ihre Betonung von Worten ist ein Spiel mit der Gänsehaut des Zuhörers. Kein Satz endet hart oder abrupt. Er klingt aus. Worte enden offen und sanft gehaucht, um im Nachhall haften zu bleiben. Ihre Pausen veredeln jeden Text. Ihr Wispern, Atmen und Zaudern sind Stilmittel einer großen Interpretin. Ihr gelang, was im Buch nicht möglich gewesen wäre. Sie trug mich bis zum Ende. Dafür bin ich dankbar.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Ich stehe mit meiner Meinung nicht alleine da. Ich tauschte mich schon während ich dem Hörbuch folgte mit Lesern und Hörern aus. Auf MonerlS-bunte-Welt findet ihr die Rezension, in der ich mich selbst wiederfinde. Ich war mir nie unschlüssig, was ich hier erlebte. In der Diskussion mit Monerl jedoch wurde mir klar, dass ich darüber schreiben muss. Ob ich jetzt das hochgelobte Hörbuch „Die Farbe von Milch“ von Nell Leyhon hören werde, daran zweifle ich noch. Zwar wartet hier ebenfalls Laura Maire auf mich, aber mein Vertrauen zur Schriftstellerin ist dezent gestört. Ich mag schon sehr, wenn in einer Schachtel das drin ist, was von außen suggeriert wird. Ich kaufe mir schon gerne festes Schuhwerk, wenn ich in einen Krieg ziehen will. Plüschpantoffel im Stiefelkarton zu finden, ist eher ernüchternd.

Laura Maire bei AstroLibrium. Von Anna und der Schwalbenmann über Aquila bis hin zur Höredition der Weltliteratur. Sie ist jedes Hören wert. Verneig.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Der Wald“ / Nell Leyshon / Random House Audio / gekürzte Lesung / 10 Std. 2 Min. / Sprecherin: Laura Maire / 8 CDs / 22 Euro / Dt. Wibke Kuhn / Roman: Eisele Verlag

„Aquila“ von Ursula Poznanski – Siena lässt grüßen

Aquila von Ursula Poznanski

Aquila“. So schallt es durch den Bücherwald. Der neue Psychothriller aus der Feder von Ursula Poznanski entwickelt sich zum literarischen Gassenhauer dieser Tage. Es würde bedeuten, Eulen nach Athen zu tragen, den Freunden der kleinen literarischen Sternwarte zu erklären, welche Bedeutung die Bücher der bekanntesten Löwenmähne des deutschsprachigen Buchmarktes für mich haben. Ursula Poznanski ist und bleibt die Fluchthelferin meines Lesens, weil ich in jedem ihrer bisherigen Bücher durch mein Lesen raste und zum Weltrekordler in literarischen Verfolgungsjagden mutierte. Meine Artikel zu ihren Werken legen davon ein mehr als deutliches Zeugnis ab.

Erebos, Saeculum, Layers und Elanus waren Meilensteine. Ein Radiointerview für Literatur Radio Bayern und mein Gastbeitrag auf dem Blog des Loewe Verlages sind wegweisend zu einer Autorin, die ebenso eloquent wie sympathisch ist.

Aquila ud mehr von Ursula Poznanski – AstroLibrium

Anders als bei den bisherigen Büchern finden Sie im Folgenden keine klassische Rezension. Ich finde es spannend, mich den Fragen des Loewe Verlages zu Aquilazu stellen und auf diese Art und Weise indirekt über mein Lesegefühl und seine Folgen Auskunft  geben zu können. Ohne jede Erinnerung an die letzten beiden Tage kommt Nika in ihrer Wohnung in Siena zu sich. Von ihrer Mitbewohnerin fehlt jede Spur und in Nika regt sich der Verdacht, dass etwa Schreckliches passiert sein muss. Warum? Nun, Nikas Zustand und die Indizien sprechen eine mehr als deutliche Sprache.

– Sie ist verdreckt und verletzt…
– Sie ist in der eigenen Wohnung gefangen…
– Ihr Handy ist verschwunden, der Laptop unbrauchbar…
– Den Badezimmerspiegel ziert der Schriftzug „Letzte Chance“…
– In ihrer Jeans findet sie einen Zettel mit unverständlichen Nachrichten

Als der Freund ihrer Mitbewohnerin Jenny erscheint, lichtet sich der erste Nebel in einer Mischung aus Eifersucht, Streit und Handgreiflichkeiten, die sich an jenem Abend abgespielt haben, an den sich Nika noch erinnern kann. Was nun beginnt, ist die wilde Jagd durch eine Stadt, die ihre Adlerklauen in die Psyche der jungen Studentin schlägt.

Aquila von Ursula Poznanski – Eine Spezial

Atemlos wie immer hat mich Ursula Poznanski auch diesmal am Ende ihres neuesten Thrillers an der Hand genommen und alle Rätsel gelöst, die mir schlaflose Nächte und ruhelose Tage bereitet haben. Es war deshalb sehr spannend für mich, mit den Fragen des Loewe Verlages auseinanderzusetzen, weil sie schon genau die Punkte berühren, die mich als Leser bewegt haben.

1. Eine fremde Stadt:

Nika begibt sich für ihr Studium auf das Abenteuer „Siena“ in eine fremde Stadt, ohne ihre Familie, ohne Freunde. Hand aufs Herz: Hast du das auch schon einmal gemacht oder würdest es gerne tun?

Allein auf mich gestellt in einer fremden Stadt? Klar. Im Laufe eines Lebens kommt das alleine schon aus beruflichen Gründen oder in Urlauben recht häufig vor. Und wenn es das Schicksal will, dass man aus der Eifel stammt, dann wird eine Reise nach München mit den ersten Arktisexpeditionen durchaus vergleichbar. Die neue Welt. Das Ende des bekannten Universums. Ich habe es tatsächlich überlebt, auch ohne Internet, GPS oder Handy. Das war damals alles Zukunftsmusik. Eine Welt der Telefonzellen, Stadtpläne, Walkmans und Musikkassetten. Hier wurde noch Auge in Auge gechattet (ohne Skype).

Aquila von Ursula Poznanski

2. Stell dir vor:

Du wachst auf, bist in deiner Wohnung eingeschlossen. Ohne Schlüssel, Internet oder Telefon und kannst dich nicht erinnern, wie du in diese Situation gekommen bist. Wie befreist du dich aus deiner Lage?

Sehen wir es mal so: Die meisten Wohnungen in Mitteleuropa gelten ja im Allgemeinen nicht als besonders einbruchssicher. Wenn sie eines aber noch viel weniger sind, dann ausbruchssicher. Aus einer verschlossenen Wohnung zu entkommen, auch wenn diese in einem oberen Stockwerk liegt, ist eher unproblematisch. Wohnung bedeutet zugleich Einrichtung, Einrichtung bedeutet Alltagsgegenstände und das bedeutet Werkzeug. Ein einfaches Messer oder ein Schraubenzieher reichen aus, den Schlüsselzylinder an der Eingangstür zu entfernen und zu entwischen.

Darüber hinaus ist kein Fenster so verschlossen, dass es von innen nicht zu öffnen ist. Also zur Not Fenster auf und raus. Je nach Etage stellt sich nur die Frage, ob man hier springen kann oder sich das Abseilen an Betttüchern empfiehlt. Feel free. Es gibt mehr als nur einen Weg in die Freiheit.

3. Orientierung

Nika nutzt die Gebäude der Universität, Cafés, aber auch GPS zur Orientierung in Siena. Welche Möglichkeiten nutzt du, um dich in einer fremden Stadt zurecht zu finden.

Man nutzt das örtliche Informationsangebot vor Ort aus. Stadtpläne finden sich an allen Bushaltestellen. Den Weg ins Stadtzentrum zu finden ist dann ein Leichtes. Hier kommt man zur Not auch schwarzfahrend voran, was ja auch die Spannung erhöht. Danach ist es nur noch wichtig, die Touristeninformation zu finden und sich mit einem Stadtplan zu versorgen. Hotels helfen da erfahrungsgemäß ebenso aus und schon kann man seine Kreise ziehen. Und vielleicht hat man ja auch Glück und findet mit dem international so beliebten Hilfsmittel des aufgesetzten hilflosen Hundeblickes ja einen ortskundigen und hilfsbereiten Fremdenführer (oder in meinem Fall eben eine Fremdenführerin).

Ansonsten gilt bei absoluter Orientierungslosigkeit immer wieder das bewährte Prinzip der Semmeltüten-Navigation. Man wird kaum eine Bäckerei finden, die ihre Adresse nicht auf der Brötchentüte verewigt hätte. Prima für den Startpunkt einer Reise.

Aquila von Ursula Poznanski

4. Sprachbarriere

Deine Freundin ist verschwunden. Du willst sie bei der italienischen Polizei als vermisst melden. Wie schaffst du das trotz Sprachbarriere?

Gerade in Italien stelle ich mir das grundsätzlich nicht so schwierig vor. Die Polizei dort ist ebenso wenig auf den Kopf gefallen, wie die unsere, wenn ein Italiener versucht hier eine Vermisstenanzeige auf Italienisch aufzugeben. Ansonsten hilft in Italien das Code- Wort „Amanda Knox“ und schon wird die Polizei so hellhörig, dass sich der Rest schon fast von allein ergibt.

5. Ohrwurm

Irgendwie lösen die ersten Zeilen des Songs „Smells like teen spirit“ von Nirvana bei Nika sehr starke Emotionen aus. Welcher „Ohrwurm“ hat das zuletzt bei dir geschafft?

Ein Ohrwurm, der für nachhaltige Gänsehaut gesorgt hat. Revolverheld: Ich lass für dich das Licht an“, weil dieser Song meine romantische Ader in aller Tiefe berührt und mich natürlich auch an besondere Ereignisse im Jahr 2015 erinnert, ohne die ich nicht leben möchte.

6. Mit welchem Buch vergleichbar?

Italien, enge mittelalterliche Gassen, eine nervenaufreibende Spurensuche und die hitzige Jagd nach der Lösung eines Rätsels –  In welchem Buch hast du dich schon einmal auf eine ähnlich spannende Reise gewagt?

Ursula Poznanski hat mit Aquila ein Thrillerniveau erreicht, das ich zuletzt bei Inferno von Dan Brown erlebt habe. Gedächtnisverlust, lebensbedrohendes Szenario und die Kulisse einer altehrwürdigen italienischen Stadt mit historischem Ambiente haben mich an der Seite von Robert Langdon durch Florenz rasen lassen. Auch er hatte nur zwei Tage aus dem Gedächtnis verloren und stand vor schier unlösbaren Aufgaben, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden waren. Hier geben sich nun Florenz und Siena die literarische Hand. Grandios.

Aquila von Ursula Poznanski – Das Hörbuch mit Laura Maire

Abschließend noch ein Wort zur Hörbuchfassung zu Aquila“ aus dem Hause Der Hörverlag. Hier spricht sich uns Laura Maire in einer brillanten Interpretation der völlig verunsicherten Nika ins Herz. Diese Stimme trägt das Hörbuch durch die Straßen von Siena. Man spürt die teilweise naive Hilflosigkeit, die zunehmende Überforderung und die innere Qual, angesichts der Vielzahl unbeantworteter Fragen schier zu verzweifeln. Laura Maire investiert viel, wenn sie Nika stimmlich mit Leben füllt. Besonders lebendig sind jene Passagen gelungen, in denen Nikas radebrechendes Italienisch mit dem allzu schnellen Italienisch der Menschen konfrontiert wird, die sie umgeben. Hier lässt Laura Maire ein Sprachflair entstehen, das einfach grandios ist und der Handlung zusätzliche Authentizität verleiht.

Ich hatte mir diese zarte Stimme so sehr für dieses Hörbuch gewünscht, weil sie eben auch zu Stärke erwachen kann, an Dringlichkeit zunimmt und Selbstbewusstsein entwickelt, wo man Nika schon fast aufgeben möchte. Diese Interpretation ist mehr als gelungen und bringt die literarische Strahlkraft von Ursula Poznanski auf den Punkt.

Lesen und / oder hören? Entscheiden Sie selbst. Hauptsache, Sie reisen nach Siena und erleben einen absolut rasanten Psychothriller, der am Ende keinerlei Fragen offen lässt. Und mir bleibt zu hoffen, dass ich irgendwann eine kleine Rolle in einem Roman von Ursula Poznanski spielen werde. Ich drücke mir selbst die Daumen, vermute aber schon jetzt, dass ich es maximal bis zur Leiche auf dem Seziertisch bringe. Das jedoch wäre schon ein Anfang…

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Wie einfach sind sie doch manchmal, die großen kleinen Geschichten, die unser Lesen verändern. Wie schmal und zart kommen sie oft daher. Mathematisch betrachtet, recht einfache Formeln. „Eins plus Eins = Zwei“- Geschichten. Leicht aufzulösen und mit nur einer Wahrheit hinterlegt. Schwarzweiß-Erzählungen die in ihrer Interpretation wenig Spielraum lassen. Zehn Leser kommen zu gleichen Einsichten. Wie einfach ist es doch manchmal.

Wie kompliziert es jedoch sein kann, beweisen wieder ganz andere Erzählungen. Sie scheinen wenig berechenbar zu sein, verschachteln sich in ihren vielen Wahrheiten und präsentieren ein Nuancenspiel der Farben, das eine leichte Unterscheidung in Schwarz und Weiß nicht gestattet. Zehn Leser gelangen zu völlig unterschiedlichen Sichtweisen. Diskussionen entzünden sich am Leuchtfeuer dieser literarischen Ungleichungen und die Interpretationen beginnen über die Ufer des Denkbaren zu treten.

Und doch sind es genau diese Geschichten, die uns nachhaltig beschäftigen, uns aus dem Leben reißen und zum aktiven Lesen verführen. So unberechenbar, wie das Leben selbst. Nicht vorhersehbar und keiner Kalkulation unterworfen. Lesen ist nichts für Formelmenschen. Phantasie gehört nicht in den Taschenrechner, sondern ins Herz. Und wenn am Ende einer Geschichte eine Frage bleibt, dann hat sie es geschafft, aus dem Buch heraus ins wahre Leben zu treten und ihren Anker in der Seele des Lesers zu werfen.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Wenn ich heute den Jugendroman „Anna und der Schwalbenmann“ von Gavriel Savit in den Mittelpunkt stelle, dann sitze ich weit entfernt von den Rechenschiebern der Interpretation. Dann verabschiede ich mich bereits im Vorfeld dieser Rezension von der Behauptung, die Deutungshoheit über diese Geschichte zu besitzen. Deshalb rufe ich alle Menschen, die Anna schon erlesen haben auf, mir ihre Sicht auf den Roman zu vermitteln. Auf Augenhöhe und ungefiltert. Hier geht es nur um das große Gefühl des Lesens, um die eigenen Bilder, die losgetreten werden und die  individuelle Wahrheit, die man für sich selbst empfunden hat.

Dabei ähnelt die Ausgangssituation einer mathematischen Gleichung. Nur, dass die Zahlen für sich betrachtet in Kombination mit einigen Variablen eine menschliche Katastrophe ergeben. Der situative Kontext des Romans ist so schwarz-weiß, wie es nur eben geht. Egal, wie man die Zahlen in dieser Formel auch umstellt, egal, wie man sie aufzulösen versucht. Es gibt Faktoren, die in dieser Konstellation dazu führen, dass wir am Ende nicht im positiven Bereich unserer Kalkulationen angelangen. Alles riecht nach Tod. Unausweichlich.

Wir schreiben das Jahr 1939. Anna ist gerade einmal 7 Jahre alt. Soviel zu den reinen Zahlen. Die unabänderlichen Faktoren der Gleichung lauten: Anna ist Jüdin. Wir befinden uns in Polen, genau gesagt in Krakau und die düster wirkende Gleichung wird durch Veränderung einiger Terme zur vorhersehbaren Größe. Man subtrahiere von der bereits mutterlosen Welt der kleinen Anna den Vater, und addiere zum völlig harmlosen Land Polen unzählige ideologisch normierte Soldaten aus Nazi-Deutschland. Und dann lasse man das 7-jährige Mädchen ganz allein in den Straßen von Krakau. Völlig allein und ahnungslos, was mit ihrem Vater geschah.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Und schon sitzen wir überfordert vor dem Ausgangsmaterial dieser Ungleichung. Zahlen und Werte verschwimmen und man möchte das Ergebnis nicht wahrhaben. An irgendeiner Stelle muss man doch was drehen können, um das Schicksal zu besiegen. Irgendwo muss es doch möglich sein, dieser vorbestimmten Formel etwas entgegen zu setzen. Es kann doch nicht sein, das die tödliche Kalkulation dieser Menschenhasser immer aufgeht, und dass Anna als kleinster gemeinsamer Nenner der Geschichte aus der Formel gelöscht wird. Wie so viele vor ihr und wie noch viel mehr Menschen nach ihr. So fühlen sich Schüler angesichts einer Todesformel.

Gavriel Savit hat nicht vor, uns rechnen zu lassen. Er verweigert sein Schreiben der Kalkulation. Er weiß um die Unberechenbarkeit des Lebens, die Schicksalhaftigkeit von Begegnungen und schreibt uns mit Anna und der Schwalbenmann eine Aufgabe ins Lebensheft der Ungleichungen, an der wir noch lange zu knabbern haben. Er hebt die Regeln des Kalkulierbaren mit seiner Fantasie auf. Er ergänzt diese Formel um einen Faktor, der diese Geschichte ins Rollen bringt. Er gibt uns eine „Unbekannte“ an die Hand, die den weiteren Verlauf des klar berechneten Vernichtungsweges der Nazis auf den Kopf stellt und ad absurdum führt.

Gavriel Savit stellt unserer Anna den Schwalbenmann an die Seite. Savit hebt die unendliche Schwerkraft der Geschichte auf und lässt das Mädchen, für das sich jeder Leser bereits persönlich in der Luft zerreißen würde, nicht alleine. Ein Mädchen, dessen Innenleben vor uns liegt wie auf der Waagschale der Menschlichkeit. Verletzlich, seinen Vater vermissend und absolut hilflos angesichts des drohenden Unheils. Ein Mädchen, das bisher vom Geheimnis seiner Sprache zehrte. Ein Geheimnis, das ihr vom Vater in allen Klangfarben beigebracht wurde. Von einem Vater, der als Intellektueller jüdischer Pole bereits auf dem Weg in ein Konzentrationslager ist. Deportiert. Sprachlos.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Und genau in dem Moment, in dem uns Anna zu entgleiten droht, in dem die ganze Welt für sie auf den Kopf gestellt wird, begegnet sie dem Schwalbenmann. Einem groß gewachsenen, etwas schlaksigen Mann, dessen Interesse sie auf sich zieht. Ein Mann, der genau zu fühlen scheint, was ihr geschah und der erste Mensch, der sie in allen denkbaren Sprachen fragt, „Geht es Dir gut?“ Eine Frage, die Anna angesichts ihrer Verzweiflung zum Weinen bringt. Ein Weinen, das der Mann durch eine kleine Geste versiegen lässt. Durch einen Zauber, der in Anna das tiefe Gefühl von Urvertrauen und Geborgenheit weckt. Auf einen kleinen Pfiff von ihm hin schwebt eine Schwalbe heran, lässt sich auf seiner Hand nieder, schaut das kleine Mädchen an und entlockt ihm ein erstes Lächeln.

Anna und der Schwalbenmann„. Eine Begegnung, die nicht nur das Leben des Mädchens verändert. Eine Begegnung, die sein Überleben sichert. Ein Mann, dessen Herkunft und Identität im Verborgenen bleiben, übernimmt Verantwortung für Anna und macht sie zur Begleiterin seiner Flucht. Die Regeln, die er Anna nun unmissverständlich vermittelt sind knallhart. Rettungsregeln, die für Kinder in Gefahr die einzige Wahrheit darstellen. Sie legt ihren Namen ab, bleibt fortan unsichtbar und vertraut der Führung des wohl einzigen Menschen, der ihr jetzt den Weg zum Überleben zeigen kann. Der Schwalbenmann wird zum Flussbett, Anna wird zum Fluss.

Wir selbst werden zu ihren Wegbegleitern, lernen die Härte und Kompromisslosigkeit des Schwalbenmannes kennen, sehen sein Ziel und vertrauen ihm blind. Wir begegnen anderen Menschen auf ihren Fluchten, anderen Sichtweisen und werden Zeugen ihres Scheiterns. Wir realisieren die Wahrheiten des Schwalbenmannes und können ihn doch gleichzeitig nicht fassen. Ebenso wenig, wie Anna ihn jemals fassen kann. Aber muss man Wunder begreifen? Muss man sie kalkulieren und berechnen?

Kann der Schwalbenmann nicht einfach seine Wirkung entfalten, so wie uns einst der Tod persönlich von einer gewissen Liesel Meminger erzählte? Die Bücherdiebin hatte einen mächtigen Gefährten, der sie beobachtete und in Ruhe ließ. Bis Markus Zusak seine Geschichte und letztlich auch die von Liesel zu einem Ende brachte, das uns alle bewegte. Gavriel Savit hat dem „Tod“ der Bücherdiebin den aktiv handelnden Schwalbenmann Annas entgegengesetzt. Die Lektionen des Schwalbenmannes sind zeitlos. Lebensrettend.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann – Mit einem Klick zum audible Hörbuch

Nach dem Lesen folgte das Hören. Laura Maire verleiht Anna das Staunen der Welt in einer von Angst geprägten Zeit. Ihre zarte Stimme hallt so lange nach. Ihre kraftvolle Stimme erzeugt eine Gänsehaut und vielleicht war es genau diese Laura Maire, die mir Anna so richtig ans Herz schmiegte und durch die ganz eigene Modulation der Stimme zeigte, was ich abseits des geschriebenen Wortes vielleicht noch emotionaler verstehen kann. Laura Maire gelingt in dieser Hörbuchfassung ein Gefühlswunder. Das einfache Wort „Warum“ wird durch Laura Maire zur Fragen aller Fragen mit der Stimme aller Stimmen und im Herzen aller Herzen. Annas Frage.

Ich besitze nicht die Deutungshoheit für diesen Roman. Das große Mysterium des Schwalbenmannes gleicht für mich der tiefen Denkwelt von Antoine de Saint Exupéry. Vielleicht ist der Schwalbenmann der Kleine Prinz für Menschen in Not. Für Kinder in Not. Haben wir jemals gefragt, wer der Kleine Prinz ist? Fragen wir also auch nicht nach dem Schwalbenmann und suchen nicht nach Fakten. Nehmen wir ihn als Geschenk der Hoffnung für alle dunklen Zeiten auf der Welt. Ein Licht in dunkler Nacht, nur dass seine Regeln keine Weisheiten sind, sondern harte Wahrheiten im brutalen Kampf gegen Unmenschlichkeit.

Jugendliche werden Anna verstehen. Sie werden den Schwalbenmann bewundern und einige Menschen auf ihrem gemeinsamen Weg lieben lernen. Niemand wird am Ende dieses Romans eine Antwort präsentieren können. 10 Leser werden 10 Gefühle in sich tragen. Interpretationen, Sichtweisen, Erkenntnisse und Ideen suchen nach ihren Entsprechungen bei anderen Lesern. Fragen sind wertvoller als Antworten. Fragen sind Wegweiser. Nur wer nicht mehr fragt, wird sterben und untergehen.

Vielleicht ist mein „Warum?“ am Ende der Geschichte die größte Liebeserklärung an dieses grandiose Buch. Warum gibt es heute so viele Annas auf den Straßen? Können wir nicht Schwalbenmänner sein? Ein Flussbett mit dem Namen Hoffnung.

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

Anna und der Schwalbenmann von Gavriel Savit

„Menschen sind die größte Hoffnung des Menschen zu überleben.“
Der Schwalbenmann.

PS: Bei Irve liest findet man eine Anleitung gegen das Sezieren dieses Romans…

Die Höredition der Weltliteratur – Der Hörverlag

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Habt Ihr mal ganz schnell 54 Stunden Zeit für mich? Oder um ganz genau zu sein, 54 Stunden und 21 Minuten. Wir haben in diesem Jahr schon so viel Zeit miteinander verbracht, dass es nun auf diese etwas mehr als zwei Tage mehr oder weniger doch sicher nicht ankommt. Bringt einfach euer ganzes literarisches Gefühl mit und folgt mir in die Hörbuchlounge der kleinen literarischen Sternwarte.

Ich habe viele Kuschelkissen und Decken besorgt, der Kamin knistert ganz leise vor sich hin, es duftet nach Tee und Orangen und ich habe ein paar ganz besondere Gäste eingeladen. Jane Austen hat eben erst zugesagt, und dies auch nur, weil sie sich sehr darauf freut, ein paar gemütliche Stunden mit Leo Tolstoi, Oskar Wilde, Edgar Allan Poe, Hans Christian Andersen und Gustave Flaubert zu verbringen. Naja, und um die literarische Katze endgültig aus dem Sack zu lassen, werden auch Mark Twain und Charles Dickens da sein. Aber das versteht sich von selbst.

An der Garderobe wird euch auffallen, dass ihr dort Jacken und Mäntel seht, die aus der Mode gekommen sind. Fast so, als wären sie aus der Zeit gefallen. So wie der ein oder andere Gehstock mit Silberknauf, oder Regenschirme, die ein wenig altertümlich wirken. Stört Euch bitte nicht daran. Ihre Besitzer hängen sehr daran und Franz Kafka würde sich sehr freuen, seine Melone für den langen Heimweg genau dort wieder zu finden, wo er sie abgelegt hat. Also bitte… Achtet ein wenig auf die Sachen. Goethe ist da auch ein wenig eigen. Verständlich, oder? Die Lodenjacke ist schon sehr betagt.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Was die Herrschaften bei mir suchen? Nun, eigentlich ganz einfach. Sie gehören zu den Unsterblichen in der langen Geschichte der Weltliteratur und wenn sie auch schon vor langer Zeit die Schreibfeder aus der Hand gelegt haben, so leben ihre Erzählungen, Romane und Essays doch ewig weiter. Sie haben die Lücke zwischen der mündlichen Überlieferung und dem gedruckten Buch geschlossen. Ihre Geschichten sind zum Teil unserer eigenen Geschichte geworden und heute schließen wir gemeinsam eine Lücke und setzen die Erzähltradition einfach fort.

Der Hörverlag hat die ganz großen Autoren im wundervollen Geschenkschuber Die Höredition der Weltliteratur versammelt, ihnen auf 10 CDs einen ganz eigenen und unverfälschten Erzählraum gestaltet und wieder eine Stimme von zeitloser Dynamik verliehen. Mehr als 54 Stunden lang können wir ihnen mehr als andächtig  lauschen, dem Zauber ihrer Geschichten folgen und dabei in aller Gemütlichkeit davon träumen, sie säßen mitten unter uns und wir könnten mit ihnen gemeinsam über Gott und die Welt der Literatur plaudern.

Klassiker sind auf dem Vormarsch. Die Wegbereiter der Moderne, die Fährtensucher in und zwischen den Zeilen, an deren Größe man sich heute noch messen darf, haben niemals an Aktualität und Relevanz eingebüßt. Sie tauchen in Büchern über Bücher auf, beflügeln unser Lesen und gehören gerade in der heutigen Zeit zu den oftmals neu entdeckten und unverzichtbaren Schätzen unseres Lesens.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Wenn sie dann, so wie in dieser Edition, ihre ganze Strahlkraft entfalten können, dann liegt dies zum einen natürlich an der Qualität des Inhalts, an der Tragfähigkeit und zeitlosen Relevanz der Botschaften sowie der Brillanz der Inspiration, aber auch an der sprachlichen Wucht der Stimmen, die uns hier als Erzähler durch die wundervollen Titel begleiten. Das „Who is Who“ der großen Charakterstimmen gibt sich in dieser Edition ein Stelldichein und ein Hans Korte übergibt seinen Staffelstab, den er von Brigitte Horney empfangen hat an den großen Burghart Klaußner.

Der unvergessene Kabarettist Dieter Hildebrandt bringt uns Fjodor Dostojewskis „Das Krokodil“ ins Kaminzimmer, während Bernhard Minetti mit Franz Kafkas „Die Verwandlung“ zu verzaubern weiß. Wenn Laura Maire und Susanne Schroeder in unnachahmlicher Weise zweistimmig Jane Austens „Drei Schwestern“ interpretieren, dann versteht man mehr als gut, welche Kriterien für die Wahl des besten Ehemannes ins Feld geführt werden müssen, um bloß keinen Fehler zu machen. Und natürlich, um auf keinen Fall zu riskieren, dass die eigene Schwester die bessere Partie macht.

Und während einige der selbst zur Legende gewordenen Sprecher noch sehr fidel unter uns weilen, sind einige Stimmen leider bereits verstummt. Unsterblich macht eine solche Hörbuch-Edition und unsterblich sind die Erinnerungen an alle Stimmen, die uns durch unsere Kindheit begleitet haben. Dem grandiosen Hans Paetsch zu lauschen, wenn er die „Kreutzersonate“ von Leo Tolstoi liest ist ein auditives Erlebnis für sich. Daran zu denken, wie sehr er meine eigene Jugend als der unverwechselbare Erzähler der grandiosen Hörspielreihe „Hui Buh, Das Schlossgespenst“ bereichert hat, gleicht einer emotionalen Zeitreise. Eine dichte Atmosphäre vielschichtiger Emotionen geht mit dem atemlosen Hören einher.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Wenn uns dann auch noch der mehrfach ausgezeichnete Sprecher und Darsteller Burghardt Klaußner mit seiner Stimme fesselt, uns in längst vergangene Zeit entführt und Charles Dickens auferstehen lässt, der uns dann fast schon von Ohr zu Ohr eine seiner schönsten Geschichten erzählt, dann sind wir sehr andächtig und fast schon ein wenig sentimental. „Der Weihnachtsabend“ gehört in diese Zeit. Ebenezer Scrooge ist Teil unseres kollektiven Empfindens, wenn wir an Geiz und Läuterung denken. Einen Heiligen Abend ohne das Bilderbuch „A Christmas Carol“ kann ich mir kaum denken.

So wird jeder Literaturliebhaber seinen Schatz finden. Unglaublich vielschichtig und gediegen ist diese Kollektion, die über alle Genres und Stilrichtungen hinweg den Kreis vom Märchen bis zur zeitlos wertvollen Erzählung schließt. Nichts zum alleine Hören. Nichts zum ganz alleine unter Kopfhörern Lauschen. Ein Hörgenuss der ganz familiären Art. Er verleitet dazu, die Klassiker von einst neu zu entdecken, Biografien zu lesen und sich intensiv mit den Epochen zu beschäftigen, in denen diese Geschichten entstanden. Das umfangreiche Begleit-Booklet eignet sich hierbei perfekt für den Einstieg.

Die Höredition der Weltliteratur“ verleitet aber auch zum reinen Entspannen. Als sei die Entschleunigung das Ziel der Sammlung, versinkt man im Hörersessel, folgt der Handlung und den Stimmen der jeweiligen Erzähler und stellt dann überrascht fest, wie schnell zwei Stunden vergehen, wie gediegen doch Genuss sein kann und wie intensiv man einer komplexen Handlung zu folgen vermag, wenn sie derart atmosphärisch und brillant vorgetragen wird.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Jetzt habe ich aber lange genug geschrieben, worum es hier geht. Die Herrschaften haben im Hörbuchzimmer Platz genommen und freuen sich darauf, endlich loslegen zu dürfen. Und ich finde, dass sie lange genug auf uns gewartet haben. Es erwartet euch die gesamte Bandbreite der Weltliteratur, das ist auf der Schmuckschatulle nicht nur so daher gesagt. Lust, Leidenschaft, Liebe, Hass, Neid, Gier, Obsession, Gewalt, Leid und Verführung. Nichts wird ausgelassen. Kein Thema wird ausgeklammert. Euch erwarten ein paar Tage gediegener Atmosphäre und Gefühlschaos ohne Ende.

Bei dieser Höredition der Weltliteratur ist es die brillante Mischung, die den Reiz ausmacht. Geschichten, die nie miteinander in Verbindung standen treten hier in einem Ensemble auf, das zu unterhalten weiß und dem man oftmals nicht zutrauen würde, aus der Schatzkiste der großen Klassiker zu stammen. Und spätestens wenn Euch Arthur Schnitzlers „Casanovas Rückkehr“ zu Ohren kommt, werdet ihr zu schätzen wissen, was Euch hier geboten wird. Das ist großes Kino für die Ohren.

Das ist mehr als nur eine schöne Verpackung im edlen Schuber. Hier hat man auf die richtigen Inhalte gesetzt und sie perfekt in Szene gesetzt. Nehmt Platz, gönnt Euch diese Auszeit und genießt eine zeitlos relevante Zeitreise in vergangene Epochen. Ihr werdet lachen, weinen, grübeln, hassen und verstehen. Und „Daisy Miller“ von Henry James, gelesen von Gert Westphal (den man noch heute noch als König der Vorleser bezeichnet) läutet schon jetzt einen meiner literarischen Schwerpunkte des nächsten Jahres ein: Henry James, dessen Todestag sich 2016 zum einhundertsten Male jährt.

Ich bin jetzt wieder ganz Ohr. Seid Ihr dabei? Pst… Es geht los…

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur