Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Es gibt Kriminalromane, in denen die Protagonisten tausend Tode sterben. Dann  gibt es solche, die ihr Personal einem Sudden Death zum Opfer fallen lassen, ohne zu realisieren, was eigentlich passiert. Oder das Sterben vollzieht sich als Folge konkreter Drohungen und letztlich gar nicht überraschend. Eins ist diesen Romanen gemeinsam. Es gibt ein Opfer, eine Tote, einen Toten, oder einen arg in Mitleidenschaft gezogenen Menschen, der komatös auf die Aufklärung eines Verbrechens wartet. Spannend, was dieses vielschichtige Genre zu bieten hat, und gleichzeitig überraschend, auf welchen neuen Wegen Autoren und Autorinnen sich hier in unser Lesen schleichen. Was, wenn das eigentliche Opfer gar nicht ermordet wird? Was, wenn sich ein Racheakt nur eher mittelbar auf das Leben der eigentlich Zielperson auswirkt? Was, wenn es das Umfeld dieses Menschen ist, das hier gezielt einer Mordserie ausgeliefert ist? Und was, wenn genau auf diese Weise dessen schleichender psychischer Tod verursacht wird?

Der langsame Tod der Luciana B.“ von Guillermo Martínez wartet genau mit einer solchen Ausgangssituation auf, die neugierig macht, Spannung verspricht und sich im Auge des geneigten Klappentext-Lesers festsetzt. Das klingt neu. Das klingt mal nach etwas Anderem und letztlich klingt es so, als könne man kaum widerstehen. Für mich klang es nach einem perfekten Unterhaltungsroman, einem Übergangsbuch, das sich zwischen die eher literarischen Titel meines Lesens schieben sollte, um sozusagen als Puffer für eine gewisse Ablenkung zu sorgen. Ich war schon sehr neugierig, ging aber ohne große Erwartungen an diesen Kriminalroman heran. Letztlich war es die kuriose Ausgangssituation, die mich zum willfährigen Opfer des argentinischen Schriftstellers Guillermo Martínez machte. Was ich in „Der langsame Tod der Luciana B.“ erlebte, unterschied sich deutlich von meinen Erwartungen, von bekannten Krimi-Mustern und nicht zuletzt auch von den Klischees, die diesem Genre anhaften…

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Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Und schon sind wir mittendrin in einem Szenario, das die Tür zu einem dramatisch anmutenden Kammerspiel für drei Akteure öffnet, die um Glaubwürdigkeit und um ihre Existenz kämpfen. Da ist die junge Studentin Luciana B., die sich als Sekretärin eines der bekanntesten und zugleich mysteriösesten Krimi-Autors Argentiniens über Wasser hält. Er diktiert ihr seine Romane, sie folgt seinen Lippen und befreit ihn vom Formalen des Schreibprozesses. Als sich der Autor der jungen Frau in sexueller Absicht nähert, platzt die literarische Blase. Sie wehrt ihn ab, lässt ihn, den großen „Kloster“ auflaufen und macht den Skandal des sexuellen Übergriffs sofort publik. So lautet jedenfalls ihre Geschichte, als sie beim Erzähler unseres Romans auftaucht, dem sie vor genau zehn Jahren ebenfalls als Sekretärin zur Hand ging. Alles hat hier seine klare Vorgeschichte. Nichts beginnt aus dem Stegreif oder aus der hohlen Hand heraus. Jeder Seite dieser Geschichte sind zwei Seiten abzugewinnen. Zumindest zwei…

Unser Erzähler hört erstmal zu und staunt. Er, der leidlich erfolgreiche Krimi-Autor, für den die Episode mit Luciana längst vergangen scheint, wird einerseits an die Zeit erinnert, in der er ihr sein Schreiben anvertraute. Andererseits erkennt er in ihr kaum noch die junge strahlende Schönheit von einst. Hier beginnt, was sich zum Duell der beiden Schriftsteller selbst in literarische Höhen schraubt. Luciana öffnet sich und in aller Deutlichkeit entsteht das Bild eines Rachefeldzuges, dem man sich kaum noch entziehen kann. Nachdem sie Klosters sexuellen Übergriff öffentlich gemacht hatte, zerbricht dessen Ehe und vieles, was er sich zeitlebens aufgebaut hat. Doch statt an Luciana Rache zu nehmen, beginnt das Sterben in ihrem Umfeld. Ihr Freund ertrinkt, ihre Eltern sterben an Gift und ihr Bruder wird bei einem Überfall getötet. Und all diese Taten scheinen Klosters Handschrift zu tragen. Alles ähnelt dem Intelligenzmuster, das seinen Krimis innewohnt. Kann ein virtuoser Krimi-Schriftsteller zugleich ein perfekter Mörder sein? Diese Frage kann nur jemand beantworten, der Luciana B. kennt, der ihr selbst diktiert hat, und dem sie zutraut, es mit Kloster aufzunehmen…

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Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Schon bei der ersten Begegnung der beiden Schriftsteller wird klar, dass sich die Geschichte schnell zum literarischen Showdown zweier Meister entwickelt, die sich mit Argusaugen beäugen, gegenseitig analysieren, in Fallen locken und Schlussfolgerung um Schlussfolgerung aus ihren brillanten Hirnen abfeuern. Ist die Todesserie die Folge einer gezielten und hochintelligenten Racheaktion? Wird das Sterben weitergehen und wer ist jetzt in Gefahr? Oder entspringt alles der fatalen Fantasie einer Frau, die sich in unmittelbarer Nähe der geistigen Schöpfer eines mörderischen Genres in eine abstrus anmutende Idee vom literarischen Rächer hineinsteigert? Ein Spiel auf hohem Niveau mit enormer Fallhöhe für alle Beteiligten. Wir versuchen, lesend immer auf Augenhöhe zu bleiben, sammeln Indizien und Argumente, interpretieren und wägen ab. Doch trotz aller schlauen Gedanken bleiben die grundlegenden Motivationen der Akteure weit im Verborgenen. Geht das langsame Sterben weiter? Nähert es sich dem langsamen Tod?

Was dieses Buch so außergewöhnlich macht, ist die literarische Brillanz, mit der die beiden Schriftsteller aufeinandertreffen. Wir erfahren viel über die Art und Weise, wie in ihren Köpfen Geschichten geschrieben werden, wie man falsche Fährten legt, wie man es schaffen kann, unentdeckt zu bleiben und zugleich werden wir Zeugen des Wandels unseres Erzählers. Hier steht nun plötzlich die Frage im Raum, ob ein Krimi-Autor auch in die Rolle des leitenden Ermittlers schlüpfen kann, um den Hauptverdächtigen in aller Konsequenz überführen zu können. Ich musste oft daran denken, wie sich dieses Spiel anfühlen würde, wenn sich Sebastian Fitzek als Verdächtiger von Jussi Adler-Olsen in die kriminalistische Mangel nehmen lassen müsste. In der Umsetzung der Story hat sich der Argentinier Guillermo Martínez aus meiner Sicht selbst übertroffen. Nichts ist vorausschaubar und jeder Protagonist ist in der Lage, uns mit starken Argumenten zu überzeugen.

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Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Neben diesem literarischen Duell bleibt es „Der langsame Tod der Luciana B.“, der uns nachhaltig beschäftigt. Ihre Charakterzeichnung ist grandios gelungen, ihr folgt man in ihre Ängste, ihre Visionen und die Spekulationen, die sie vorzeitig altern lassen. In ihr versammeln sich alle Bilder und Gefühle von Schuld und Verlust. Waren es ihre Fehler, die alles ausgelöst haben? Oder hätte sie schweigen sollen? Wie weit muss man sich als Frau zurücknehmen, um dem Establishment nicht in den Weg zu kommen? Aktuelle Fragen einer #MeToo-Epoche, in der toxische Männlichkeit nichts mehr mit einem Kavaliersdelikt zu tun hat. Guillermo Martínez spart diese Themen in keiner Weise aus. Er sensibilisiert und zeigt die dramatischen Konsequenzen auf, die mit grenzüberschreitendem Verhalten einhergehen. Doch sollte man sich davor hüten, sich vorschnell auf die ein oder andere Seite zu schlagen. Hier spielt immer noch ein Faktor des Schreibens von Kriminalromanen eine Rolle, den man nicht vernachlässigen darf:

Es ist Klosters „Hypothese des Zufalls“, der wir hier begegnen und die dafür sorgt, dass wir nicht nur diese Geschichte anders lesen, als wir das gedacht hätten. Ich bin inzwischen davon überzeugt, hier kein Übergangsbuch gelesen zu haben. Das kommt vor, wenn man sich ohne große Erwartungen und unbefangen annähert. Insofern war es durchaus überraschend, wie literarisch tiefgründig der Aufbau dieser Geschichte in ihrer gesamten Dynamik ist. Wer gerne verwirrt wird, wer sich gerne verwirren lässt in seinem Lesen, wer gerne starken Charakteren in die existenzielle Schlacht folgt, ist in „Der langsame Tod der Luciana B.“ sehr gut aufgehoben. Ein blitzgescheiter Roman für Liebhaber guter Kriminalromane. Eine Verfilmung des Stoffes würde sich anbieten, weil das Buch so viel Kopfkino auslöst, dass man gar nicht genügend Popcorn kaufen kann, um die Nerven im Zaum zu halten. Das ist kein Puffer-Buch. Das ist ein Krimi von Format mit Format.

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Juni 53 von Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 5)

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Juni 53 von Frank Goldammer

Wir schreiben das Jahr 1953. Es ist Juni und wir befinden uns in Dresden. Es ist das achte Jahr einer Lebensgeschichte, der ich durch die Buchreihe von Frank Goldammer folge. 1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelenund 1951 „Roter Rabe“. Vier spannungsgeladene und literarische Bücher lang bin ich nun schon treuer Wegbegleiter des Dresdner Kommissars Max Heller. Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt verändert haben. Ausgebombt, befreit, besetzt, im geteilten Deutschland souverän, sozialistisch geprägt und ideologisch von einem Extrem ins andere driftend. Seit Jahren fühlt man sich dem gar nicht linientreuen, weil unpolitischen Ermittler verbunden. Seit Jahren folgt man ihm durch die neuralgischen Zeitscheiben der deutschen Geschichte…

Wenn wir nun „Juni 53“ von Frank Goldammer lesen oder hören, fühlt es sich fast an, als würden wir nach Hause kommen. Die Stadt ist uns vertraut, die Familie und die Lebensumstände des Ermittlers sind bekannt. Im fünften Band der Reihe gibt es für die treuen Leser und Hörer keine weißen Flecken mehr im Leben von Max Heller. Wir sind auf Augenhöhe, wenn wir ihm begegnen. Ein Sohn bei der Stasi, einer im Westen, eine Familie, die im neuen Deutschland zerrissen ist. Eine Adoptivtochter und eine Ehefrau, deren Gefühlsleben zwischen Flucht und Bleiben wechselt. Ein Kommissar, der sich in seiner gesamten Karriere nicht vereinnahmen ließ, steht im Zentrum der Handlung. Nie in einer Partei gewesen. Das gilt systemübergreifend. Kein Nazi, kein Kommunist, kein Sozialist. Polizist. Mit Leib und Seele. Gerechtigkeits- und wahrheitsliebend. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen den politischen Systemen. Ein Systemsprenger.

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Juni 53 von Frank Goldammer

Eigentlich muss man kaum erklären, wohin uns Frank Goldammer im fünften Band seiner Erfolgsreihe entführt. 1953, der 17. Juni. Ein neuralgisches Datum der deutsch-deutschen Geschichte, auch wenn sich die Ereignisse im Osten eines geteilten Landes abspielten. Volksaufstand; Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung; Angst, das Land nicht mehr verlassen zu können; Proteste auf den Straßen; Niederschlagung des Aufstands durch die Sowjetarmee; Ausnahmezustand; Gewalteskalation; Prozesse und Verurteilungen. Eine lebensbedrohliche Krise der noch jungen DDR. Mittendrin im Chaos dieser Tage, Max Heller. Er ermittelt in einem Mordfall, der mit dem Aufstand im Zusammenhang stehen muss. Ein Betriebsleiter, brutal mit Glaswolle erstickt, genau an dem Tag, an dem sich in der DDR der Unmut Luft verschaffte. Eine Ausgangssituation, die in jedem anderen Kriminalfall nach Kriminalfall riecht und schmeckt. Hier nicht! 

Hier sind wir den Szenarien des Dresdner Autors Frank Goldammer ausgeliefert, dessen Reihen-Konstruktion genau diese Zeitscheiben als Etappen in der Geschichte seines Protagonisten Max Heller anvisiert. Eigentlich reicht ihm ein einfacher Unfall, um ganze Handlungsketten loszutreten, eigentlich bedarf es gar nicht des brutalen Mordes, um die Zwickmühle eines Polizisten zum Roman zu verdichten. Frank Goldammer wäre jedoch nicht Frank Goldammer, wenn er seine Zeitreise durch jene Zeitgeschichte nicht mit einem aufsehenerregenden Mord anreichern würde. Sein Plan geht auf. Die Zeit ist hier der beste Freund des Autors, sie arbeitet für ihn. Eingebettet in diese authentische Rahmensituation greift in seinen Romanen ein Charakterrädchen ins nächste. Es läuft wie geschmiert. Dank des brillanten Settings kann er seinen Kommissar mit Problemen und Hindernissen konfrontieren, die nur zu dieser Zeit, nur in dieser Region und nur bei Max Heller zum Tragen kommen. Ein literarisches Alleinstellungsmerkmal, nach dem in der Literatur oftmals verzweifelt gesucht wird.

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Juni 53 von Frank Goldammer

Frank Goldammer gelingt mit einem Roman, was man dem Genre eigentlich nicht zutraut. Wie könnte ein Kriminalroman in der Lage sein ein grundlegendes Verständnis für die Lebensumstände in der damaligen DDR zu wecken? Wie kann es gelingen, dem heutigen Leser zu verdeutlichen, wie schwer bis unmöglich es war, sich einem System zu verweigern, auf das man eigentlich mit seiner ganzen Familie angewiesen war? Wie kann man Vorbehalte abbauen um einem, heute gesamtdeutschen, Publikum bei einer Lesung die Hand zu reichen und Mauern zu überwinden, hinter denen man sich immer noch gerne versteckt? Es geht, wie Frank Goldammer beweist. Mit dem Charakter von Max Heller bietet er einen facettenreichen Antihelden an, der Nachteile in Kauf nimmt und im eigentlichen Sinne nur als Polizist arbeiten möchte. So wie er wäre man selbst gerne. Jedoch, ob wir so standhaft bleiben würden, das darf jeder für sich entscheiden.

Die politischen Rahmenbedingungen in der DDR im Jahr 1953 engen den Spielraum als Polizist gewaltig ein. Heller steht man skeptisch gegenüber. Das Parteibuch scheint nicht nur über wirtschaftliche Privilegien zu entscheiden, es bestimmt auch die Karriere. Beförderungen und Aufgabenfeld haben nicht mehr nur etwas mit Können zu tun. Hier geht die Schere zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und Druck von außen weiter auf, als es Heller je gedacht hat. Man nimmt ihm die Methodenkompetenz, die Stasi ist ständiger Begleiter der Ermittlungen und Begriffe wie Sippenhaft und Schlafentzug sind neue Wegbegleiter des aufrechten Kommissars. Er wird anders wahrgenommen. Hier scheint der Systemgegner gegen das System zu ermitteln. Arbeiten ohne Hindernisse gehört der Vergangenheit an. Die Folgen sind nicht nur für ihn dramatisch. Seiner Frau bleibt in Gedanken nur der Weg in den Westen. Für seinen Sohn, der für die Stasi und somit für das System arbeitet, entwickelt sich der eigene Vater zum Hindernis.

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Juni 53 von Frank Goldammer

Zusehends zieht sich die Schlinge enger um den Hals von Max Heller. Jede Spur, die er wittert, wird überlagert von seiner eigenen Rolle. Man würde ihm gerne zurufen, dass es doch einfacher sei, das Parteibuch in die Hand zu nehmen. Es würde doch an seinem Charakter nichts ändern. Man würde es seiner Familie wünschen. Dann ertappt man sich bei diesen Gedanken und merkt, wohin uns Frank Goldammer manövriert hat. Wenn wir es Heller nicht vorwerfen würden, warum dann den Menschen, die wir heute noch so gerne als Mitläufer bezeichnen? Und wie hätten wir uns selbst verhalten, wenn nur die Parteizugehörigkeit alleine den Weg zum eigenen Auto oder einer Wohnung im scheinbaren Wohlstand geebnet hätte? Heller wird zum Vorbild für die Verführungen in einem solchen (einem jeden) System. Sein Ideal zu erreichen macht ihn unantastbar.

Gerechtigkeit wird zum interpretierbaren Faktor. Die Grenzen zwischen Agitation im Auftrag politischer Machthaber und dem einfachen Mord auf der Straße zerfließen. Der Feind definiert sich nicht durch kriminalistisches Gespür, er ist vorgegeben. Genau hier zu ermitteln ist fast unmöglich. Heller geht den dornenreichen Weg. Der Mord im „Juni 53“ verläuft auf diesem schmalen Grad. Für die Polizei wird Heller zum Problem und für diejenigen, für die er eigentlich ermittelt, die Leidtragenden, ist er trotzdem ein Teil der Staatsmacht. Ein Rollenkonflikt, den er kaum selbst aufzulösen vermag. Hier erfährt der Held seine Läuterung, als er mit Sichtweisen konfrontiert wird, die ihn selbst auch in der Zeit der Nazis als Mitläufer zeigen. Konnte er sich so sehr irren? Wie kann er jetzt den Spagat vollbringen und den Mord aufklären, den man politisch instrumentalisieren und für Propaganda nutzen möchte? Ein Gewissenskonflikt, der nur einen Ausweg zulässt. Den Westen. Oder entscheidet er anders?

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Juni 53 von Frank Goldammer

Frank Goldammer legt mit seiner Max-Heller-Reihe einen Grundstein für eine Art von Wiedervereinigungsliteratur. Er lässt Grenzen verschwinden und beleuchtet auf seine ganz besondere Art das Leben in einer DDR, die wir so vielleicht nicht kannten. Dabei ist Max Heller der Prototyp eines Deutschen, der wir gerne selbst wären. Egal in welcher geschichtlichen Zeitscheibe, er verkörpert das Ideal. Dass es kaum erreichbar ist, macht die Buchreihe so verbindlich und verbindend. Goldammer führt Beispiele an, die für echten Widerstand stehen. Dem inneren Widerstand Hellers stellt er den offenen einer „Weißen Rose“ gegenüber. Er selbst stellt Max Heller in Frage. Er liefert ihn uns aus. Werden wir urteilen können? Oder können wir uns an ihm orientieren, wenn es um Standhaftigkeit geht? Ich wünsche es mir.

Wie es weitergeht? Die Zeit wird es zeigen, denn sie arbeitet für Frank Goldammer. Wir werden uns mit ihm nach vorne arbeiten, Konflikte werden sich zuspitzen und die Staatsmacht wird allmächtiger. Wie ich einleitend schrieb, dem Autor reicht ein banaler Fahrradunfall, um Max Heller aufzureiben. Wie ich Frank Goldammer kenne, wird er es ihm und uns jedoch nicht so leichtmachen und wieder einen spannungsgeladenen Fall mit Leben füllen, der lebensgefährlich ist. Heikko Deutschmann hat mich in der leicht gekürzten Hörbuchfassung erneut abgeholt und gefesselt. Er ist die Stimme der Reihe um Max Heller und eine gemeinsame Vergangenheit, die wir im Westen so leicht als „Eure“ Vergangenheit abgetan haben. Falsch gedacht. Großartig gemacht, Frank.

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Juni 53 von Frank Goldammer

Lust auf einen weiteren Blick aufs Buch? Litterae Artesque wird geschichtlich

„Vergessene Seelen“ von Frank Goldammer – Max Heller (3)

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Ob eine Bücherreihe ihr volles Potenzial ausschöpft, zeigt sich zumeist erst nach dem zweiten oder dritten Band. Vorschusslorbeeren sind schnell geerntet, besonders wenn der Auftaktband in literarischer Sicht durch die Decke geht und Bestsellerlisten im Sturm erobert. So geschehen mit dem Kriminalroman Der Angstmann des Dresdner Schriftstellers Frank Goldammer. Unabhängig vom reinen Inhalt konnte man schon früh erkennen, in welch brillanter Ausgangssituation er seinen Protagonisten Max Heller auf den Buchmarkt brachte. Das historische Setting ließ schnell hoffen, dass wir es hier mit einem Ermittler zu tun haben werden, der uns durch besonders relevante Zeitscheiben der deutschen Geschichte begleitet.

War sein erster Fall „Der Angstmann“ noch in den letzten Ausläufern des Zweiten Weltkrieges angesiedelt, fanden wir uns an der Seite von Max Heller im zweiten Band der Reihe im Dresden des Jahres 1947 wieder. Frank Goldammer transferiert die Leser von einem politischen Debakel ins nächste. Er lässt dabei seinen Max Heller genau das sein, wofür er geboren ist. Polizist. Ob im Nationalsozialismus oder in der sowjetischen Besatzungszone. Max Heller bleibt dem Verbrechen auf die Spur, egal welches System ihn dabei mit der jeweiligen Polizeigewalt ausstattet. Einerseits passend zu seinem tief angelegten Gerechtigkeitssinn, andererseits eine schwere Bürde, die er zeitlebens mit sich zu tragen hat. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen Opportunismus und der reinsten Form von Pflichterfüllung.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Spätestens an dieser Stelle musste uns klar sein auf was wir uns einlassen, wenn wir Frank Goldammer und seinem Ermittler Max Heller weiter folgen. Das Potenzial der zeitgeschichtlichen Szenarien auf die er unweigerlich zusteuert ist gewaltig. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen. Faschismus und Kommunismus geben sich die Klinken in die Hände und die Menschen haben sich damit zu arrangieren. Wem dies nicht gelingt, dem bleibt die Flucht in den Westen. In diesem Vakuum der Instabilität und einer völlig neuen Ausrichtung ideologischer Rahmenbedingungen floriert das Verbrechen. Krisen schütteln das Land, Hunger und Not sind Brandbeschleuniger für Verbrechen und auch Profiteure und Kriegsgewinnler wittern ihre Chancen. Ein weites Feld, dem man sich im Folgenden ausgiebig widmen kann.

Tausend Teufel“ hat genau diese Fäden aufgenommen und in brillanter Art und Weise fortgesetzt, was wir uns als Leser erhofft hatten. Die Besatzungsmacht rückt selbst in den Fokus von Ermittlungen. Unbestechlich ermittelt sich Max Heller durch die Mordserie, die nur in diesen wirren politischen Verhältnissen den Ursprung haben kann. Dabei steht ihm seine Vergangenheit im Weg. Er wird nicht als unbescholten betrachtet. Die Hypothek des Polizisten, der schon im Nazi-Regime Kommissar war ist groß. Nicht so erheblich jedoch, dass Max Heller sie nicht durch sein kriminalistisches Können und seinen vorbildlichen Charakter beiseiteschieben kann. Max Heller überzeugt auf ganzer Linie, ohne dabei linientreu zu sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Wir sehen die Zukunft vor Augen, wenn wir uns in seine Lage versetzen. Wunden der Dresdner Bombennacht sind noch nicht verheilt, die sowjetische Besatzung hat den Krieg nicht beendet, sondern ihn mit anderen Mitteln ins Land gebracht. Aus Ideologien werden eiserne Vorhänge. Die Teilung Deutschlands nimmt konkrete Formen an und in großen Schritten driften die beiden Teile mit ihren Menschen auseinander. All dies wirkt sich nicht abstrakt auf Max Heller aus. Der Rucksack seiner Vergangenheit belastet die ganze Familie. Zwei erwachsene Söhne. Einer im Westen lebend, der andere im Osten. Nicht nur ein Land wird getrennt. Auch die Familie Heller. Mit diesem literarischen Kniff verschafft sich Frank Goldammer zugleich die Möglichkeit, seinen Erzählraum weiter zu fassen und zwei deutsche Perspektiven einfließen zu lassen. Potenzial ausgeschöpft.

Vergessene Seelen ist nun bereits der dritte Fall von Max Heller. Das Dresden im Jahr 1948 steckt den Rahmen für die Fortsetzung der Buchreihe ab. Das Entstehen der neuen Republik im Osten zeichnet sich ab. Währungsreformen auf beiden Seiten eines eisernen Vorhanges und die unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse stellen eine erste große Zerreißprobe dar. Neid und Missgunst blühen. Mittendrin Max Heller, der in Dresden mit einer Reihe von Todesfällen konfrontiert wird, auf die er sich keinen Reim machen kann. Die Todesursachen liegen im Dunkeln, doch was zunächst aussieht wie eine Reihe von Unfällen, entwickelt ein Muster aus Zusammenhängen, dem Max Heller konsequent folgt. Dass er damit nicht nur fremde Dämonen, sondern die Geister seiner eigenen Vergangenheit heraufbeschwört, wird ihm erst klar, als es fast zu spät ist.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Authentisch. Mehr muss ich nicht sagen. „Vergessene Seelen“ ist ebenso, wie seine beiden Vorgänger aus der Zeit gefallen. Die Verbrechen, die Frank Goldammer hier zur Ausgangslage der Ermittlungen beschreibt, können in dieser Form nur unter den wirren Rahmenbedingungen des Jahres 1948 stattgefunden haben. Authentisch gelingen ihm die Konstruktionen von Motiven, Mitteln und Folgen der Verbrechen. Authentisch gelingt ihm die Charakterzeichnung der betroffenen und verwickelten Menschen. Packend und spannend beschreibt er, was uns Leser nicht kaltlassen kann. Kindesmissbrauch, Väter die traumatisiert aus dem Krieg nach Hause kommen, alte und neue Seilschaften, Nöte und Sorgen von Ehefrauen und Müttern, Schwarzmarkt und Ausbeutung. All dies findet man in „Vergessene Seelen“ als Nährboden für miteinander verbundene Kriminalfälle, an denen sich Max Heller die Zähne ausbeißt.

Es sind zumeist kleine Geschichten, die bei Frank Goldammer große Erzählungen entstehen lassen. Es sind menschliche Abgründe, Leidenschaften und Hoffnungen, in denen wir Motive für Taten finden, die uns unverständlich erscheinen. Goldammer zeigt auch in diesem dritten Heller-Roman sein literarisch geprägtes Erzähltalent. Hier eilt er nicht durch sein Szenario. Er verdichtet Charaktere und Spannungselemente zu einem Mix, der seinen Roman lesens- und hörenswert macht. Die größte Leistung liegt jedoch für mich in der Ausgestaltung seines Protagonisten Max Heller begründet. Hier wird er mit seiner Geschichte konfrontiert. Mit seinen Ängsten und Traumatisierungen. Mit dem Bild, das er als Vater von sich selbst hat. Seine Familie lässt sich von der Geschichte in keiner Situation trennen. Hier eskaliert die Spannung neben den reinen Verbrechen, die sein Leben dominieren. Hier greift Frank Goldammer tief in die literarische Schatzkiste seiner Vorstellungskraft. Hier dreht sich plötzlich sehr viel um ein kleines Mädchen, das in der Familie Heller Zuflucht gefunden hat. Hier dreht sich viel um einen Gegenspieler, den Max Heller in seinem Berufsleben nicht erwartet hätte. Ein Momentum, das man so nicht erwarten konnte. Auch hier zeigt sich das große Potenzial dieser Buchreihe. Hier wird noch viel zu erzählen sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Drei Bücher und Hörbücher haben mich zum Zeugen der Reihe von Heller-Fällen gemacht, die ich schon in diesem Jahr fortsetzen darf. Noch vor Weihnachten wird ein „Roter Rabe“ bei mir landen. Wir springen mit Max Heller in das Jahr 1951 und erleben die konsequente Fortsetzung seiner Zeitscheibenbetrachtung. Die Perspektive erweitert sich, der Fokus richtet sich auch auf den anderen Teil Deutschlands. Max Hellers Frau Karin darf endlich ihren Sohn Erwin im Westen besuchen, während ihr Mann von einer Reihe mysteriöser Todesfälle in Atem gehalten wird. „Eine Flut wird kommen.“ Diese beunruhigende Nachricht findet er in den Taschen eines Opfers. Spannung garantiert.

Auch der vierte Teil der Max-Heller-Reihe wird zeitgleich bei Der Audio Verlag als Hörbuch erscheinen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, auch die Fortsetzung zu hören und zu lesen. Zu sehr habe ich mich an Heikko Deutschmann gewöhnt, der mir als virtueller Beifahrer im Auto schon so viel erzählt hat, was ich zu diesen Zeitpunkten nicht selbst lesen konnte. Mag Weihnachten im Lichterglanz nur zart erstrahlen, bei mir wird es am 21. Dezember „HELLER“. Und nun ist „Juni 53“ auch erschienen…

Roter Rabe von Frank Goldammer

„Tausend Teufel“ mit Frank Goldammer zurück in Dresden

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Noch im September 2016 schrieb ich an dieser Stelle:

Frank Goldammer legt mit „Der Angstmann“ einen furiosen Auftakt einer neuen Krimireihe vor, in der Max Heller unser Lesen erobern wird. In sich geschlossen ist das gesamte Potenzial dieser Figur deutlich erkennbar. Die historische Einordnung ist so gelungen, dass man die Entwicklung eines Polizeiinspektors verfolgen kann, der in seinem beruflichen Umfeld zumeist völlig auf sich allein gestellt ist. Seine Bereitschaft, sich mit den politisch / sozialen Rahmenbedingungen seiner Arbeit zu arrangieren, um seine rechtschaffenen Ziele zu erreichen, ist beispiellos und ebenso beispielgebend.

Der weitere Weg von Max Heller wird sich niemals von der deutschen Geschichte lösen können. Die Turbulenzen in die er geraten wird, liegen auf der Hand und genau hier zeigt sich für den Leser das Potenzial einer Buchreihe, der es zu folgen gilt, um zu erlesen wie sich Max Heller diesen Bedingungen stellen wird und kann.

Vorschusslorbeeren, könnte man sagen. Perspektivisch richtige Einschätzung, sage ich in der Rückschau und nach dem Lesen und Hören des zweiten Buches einer Reihe, in der sich Max Heller als Ermittler immer weiter profiliert, konturiert und sich mehr als deutlich aus der Masse der an uns vorüberziehenden Thriller-Kommissare abhebt. Was macht diesen Polizisten aus, was unterscheidet ihn und warum geht die Buchreihe von Frank Goldammer geradezu „durch die Decke“?

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Tausend Teufel“ haben ihn wohl auch diesmal geritten, als er nach dem Auftakt der Reihe mit dem Titel „Der Angstmann“ das Rad der Geschichte weiter drehte. Wo wir gerade noch mit Max Heller in der Bombennacht von Dresden durch das Feuer gingen, die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee erlebten und miterleben durften, wie sich das Kriegsende damals für die Menschen angefühlt haben muss, springen wir nun in das Jahr 1947. Von stabilen Verhältnissen kann nicht die Rede sein. Überleben lautet das Motto der kleinen Leute. Überleben in einer Zeit des Hungers, der Kälte und der Ungewissheit vor der Zukunft.

Frank Goldammer entwirft hier kein Szenario. Er fabuliert sich nicht durch eine allzu aufgesetzt wirkende Kulisse, die er für einen Krimi benötigt. Es wirkt, als habe er diese Zeit erlebt, durchlitten und am eigenen Leib gefühlt. Er schreibt, als sei er eben erst von einer Zeitreise in die Vergangenheit zurückgekehrt, um jetzt zu dokumentieren, wie sich Geschichte auf Augenhöhe abgespielt hat. Fiktional bleibt sein Protagonist. Erfunden in jeglicher Beziehung und doch so real und authentisch, als hätte es Max Heller gegeben und so gradlinig und greifbar, als hätte es ihn immer geben müssen, um dieser dunklen Zeit ein wenig Licht zu verleihen.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

In Wellenbewegungen rasen politische Ideologien an ihm vorbei, ohne ihn selbst in den Strudel der politischen Verblendung zu reißen. Wie ein einsamer Wolf folgt er einer Mission, die Gerechtigkeit heißt. Zu Nazi-Zeiten war er kein Nazi. Wo es seiner Karriere geholfen hätte, in der Partei gewesen zu sein, entzog er sich der Versuchung. Und nun, wo es hilfreich wäre in einem neu entstehenden Land, unter sowjetischer Besatzung in die kommunistische Partei oder die SED einzutreten, mitzulaufen, das Fähnchen in den Wind zu halten, da entzieht er sich auch. Heller ist Polizist. Punkt. Möge die ganze Welt aus Funktionären, Bonzen oder Opportunisten bestehen, Heller bleibt nur er selbst.

Unantastbar ist er dabei nicht. Das Leben könnte einfacher sein. Und doch ist sein Fokus nur auf die Verbrechen gerichtet, die um ihn herum geschehen. Da werden ein paar sowjetische Offiziere bestialisch ermordet, ein Rucksack mit einem abgetrennten Kopf macht von sich Reden und Hände ohne Körper greifen nach der Wahrheit. Heller versucht ein Muster zu entdecken, ermittelt für, mit und gegen die Besatzer. Er wird von ihnen instrumentalisiert, um herauszufinden, ob hinter den Offiziersmorden interne und damit zugleich geheim zu haltende Vorgänge stecken. Er dringt in dunkle Kreise vor, in denen man sich am Mangel bereichert. Der Schwarzmarkt floriert und mit ihm auch die Kriminalität.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Er versinkt in einem menschlichen Sumpf aus Verleugnern und Lügnern. Als hätte es niemals Nazis gegeben, suhlt sich jeder Deutsche in seinem reinen Gewissen. Sein eigenes Leben ist auf diesen Grenzgängen zwischen den Fronten niemals sicher. Lose Fäden, Tatwaffen und mögliche Motive führen Max Heller in eine zwielichtige Welt, die alles denkbar werden lässt. Er bleibt auf der Fährte, unantastbar, geradeaus und ohne sich selbst dabei zu korrumpieren. Er deckt auf, was aus russischer Sicht nicht denkbar ist, einfach nicht vorkommen darf. Und doch lässt er nicht locker. Er stößt auf Deutsche, die noch in der alten Ideologie verfangen sind und neue Wege bekämpfen. Heller sticht in ein Wespennest einer rotlichtigen Halbwelt, die keine Schatten werfen will und stößt auf Kinder, die verlassen vom Rest der Welt in einem eigenen Universum leben.

Frank Goldammer hat wahrlich einen Kriminalroman geschrieben. Eigentlich ist es aber Literatur, die wir hier finden, die uns packt und begeistert. Die Morde ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman, bilden das Gerüst und weisen den Weg, den er mit Max Heller beschreitet. Doch dieser Weg führt konsequent zu Menschen und Orten, die der feine Beobachter und brillante Erzähler Frank Goldammer mit Leben füllt. Nein, es ist nicht wirklich nur ein Krimi. Es geht nicht nur um die Auflösung einer mysteriösen Mordserie oder die reine Zuordnung von Kopf und Händen zu einer Leiche. Es geht um ein eigentlich fast unbeschreibliches Gefühl für die Menschen einer Zeit, aus der diese Geschichte gefallen ist. Wenn man sich in diese Beschreibungen fallen lässt, Dresden und seine Straßen auf sich wirken lässt, den Kindern folgt, denen Frank Goldammer im Verlauf des Romans Stimme und Gestalt verleiht, dann erkennt man, dass es hier nicht nur um Morde geht. Es geht hier um eine Erzählung, die Gewicht hat. Eine Qualität, die mir nicht oft über den Leseweg läuft.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

„Tausend Teufel“ kann man lesen und hören. Ich habe mich wechselweise im Buch (dtv) und in einer Hörbuchfassung (Der Audio Verlag) durch das Dresden des Jahres 1947 bewegt. Was mich neben der rein inhaltlichen Komponente beeindruckt hat, mich geradezu ans Hörbuch fesselte, ist die Art und Weise mit der Heikko Deutschmann als Sprecher die Charaktere aus der Erzählung von Frank Goldammer interpretiert. Gerade die verlassenen Kinder mit ihren sprachlichen Hürden, die Verwahrlosten und vom Rest der Gesellschaft Vergessenen, wachsen uns ans Herz und während des Hörens wird in uns der Beschützerinstinkt zum Leben erweckt, den Max Heller zum Mantra erhebt.

„Der Angstmann“ und „Tausend Teufel“ von Frank Goldammer machen Lust auf mehr. Mehr spannungsgeladene und psychologisch ausgereifte Geschichten, mehr in der deutschen Geschichte verankerte menschliche Schicksale und mehr Lokalkolorit in dem so tragisch sympathischen Ambiente einer Stadt, die wie kaum eine zweite für den Weg eines ganzen Landes durch die jüngste Vergangenheit steht. Dresden. Ich werde auch im nächsten Jahr lesend und hörend an der Seite von Max Heller bleiben. Ich sah auf der Frankfurter Buchmesse das Cover des dritten Teils aus dieser Buchreihe. Es ist ein weiterer Schritt aus der Vergangenheit heraus in die Zeitscheiben hinein, die unsere gemeinsame Geschichte bestimmen. Wir sehen uns wieder in Dresden.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Spätestens im Juni 2018 – „Vergessene Seelen“ – Merkt euch den Titel vor…

„Der Angstmann“ – Mit Frank Goldammer auf Jagd in Dresden

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Die Welt der Kriminalromane ist facettenreich und vielschichtig. Und doch stoßen wir oftmals auf fiktive Ermittler, Kommissare, Inspektoren und Detectives, die selbst so angeschlagen sind, wie die meisten ihrer Serientäter. Psychologische Probleme, Ärger in der Beziehung oder traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit bürden ihnen so viele Probleme auf, dass sie kaum noch in der Lage sind, unbelastet zu ermitteln. Auf normale Charaktere stößt man da eher selten. Zumindest ging es mir bisher so.

Frank Goldammer dreht den Spieß jetzt um. Sein Krimi-Debüt bei dtv trägt den sehr klangvollen Namen Der Angstmann und geht in jeder Hinsicht als Verlagsspitzentitel an den Start. Goldammer kann mit Fug und Recht behaupten, dass sein Protagonist als normal bezeichnet werden kann. Kriminalinspektor Max Heller lebt in einer vorbildlichen Beziehung, hat persönliche Niederlagen und Rückschläge weitgehend gut verkraftet und zeichnet sich durch einen unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn aus.

Es scheint gewagt zu sein, eine derart in sich gefestigte und stabile Persönlichkeit zu präsentieren, da man als Schriftsteller auf Spannungsbögen verzichtet, die in der tiefen Zerrissenheit mancher Protagonisten schlummern. Warum Frank Goldammer dies wagt? Ganz einfach. Sein „Angstmann“ ruht auf den festen Schultern von Max Heller, der in Dresden ermittelt und jeden Funken Normalität zum Überleben braucht. Denn hier ist es das komplette Szenario des Kriminalromans, das so fundamental bizarr und gleichsam real wirkt, dass man es ohne gesunden Menschenverstand nicht verkraften würde.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Denn Max Heller ermittelt als Kriminalinspektor im Dresden des Jahres 1945. Das ganze Land geht seinem Untergang entgegen, Mangel dominiert das tägliche Leben und Nazis versuchen mit allen Mitteln, die letzten Positionen der Macht zu verteidigen. Heller könnte man hier als Opportunisten bezeichnen. Die Polizei ist von den Ideologen des Schreckens unterwandert. Er realisiert, was mit der jüdischen Bevölkerung seiner Stadt geschieht und schluckt doch alle Kröten, um seiner Berufung zu folgen. Sein aufrechter Kampf gegen die Kriminalität erfordert Standhaftigkeit und Kraft bei diesem Ritt auf der Rasierklinge des Dritten Reichs.

Max Heller ist gleichsam eine Kompassnadel in einem Kreiselkompass, der durch den schlimmsten Tornado rast, den man sich nur vorstellen kann. Unterschiedliche und unkalkulierbare Windrichtungen und -geschwindigkeiten, Untiefen und Gewitter würden jeden aufrechten Mann um den Verstand bringen. Nicht Max Heller. Seine magnetische Ausrichtung heißt Gerechtigkeit und diesen Pol seines Lebens verliert er nicht aus den Augen. Obwohl man verstehen könnte, wenn auch er die Richtung verlieren würde.

Dass Max unverzichtbar für die Polizei ist, verdeutlicht eine grausame Mordserie, die ganz Dresden erschüttert. Bestialisch zugerichtet und abgeschlachtet findet Max Heller die weiblichen Opfer vor und erkennt schnell ein Muster, dem er unbeirrbar folgt. Wie im Tunnelblick bewegt er sich durch seine Stadt, in der polizeiliche Ermittlungen in diesen Tagen fast utopisch erscheinen. Flüchtlingstrecks aus dem Osten erreichen die Stadtgrenze und die Dresdner haben besseres zu tun, als sich um einen Inspektor und seine Fragen zu scheren.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

„Der Angstmann“ geht um. Dieser Satz macht die Runde und zur Unsicherheit dieser Zeit kommt nun die nackte Angst vor einem Serientäter, der scheinbar ungestraft in den Straßen von Dresden morden darf. Doch Heller kommt ihm auf die Spur. Scharfsinn und akribische Recherche bringen ihn Schritt für Schritt näher. Es scheint, dass ihn nur noch ein Augenblick davon trennt, das Monster zu fassen. Es fehlen nur Minuten.

Eine kleine Zeitspanne, die Frank Goldammer seinem Ermittler nicht gönnt. Nicht nur ihm läuft die Zeit davon. Der ganzen Stadt verrinnen die Minuten unter den Fingern, als der 13. Februar 1945 beginnt. Während Max Heller auf der Jagd durch die Straßen hetzt, nähern sich Bombergeschwader seiner Stadt. Es ist der Tag, der alles verändert. Frank Goldammer zieht seine Leser nicht nur in einen perfekt konturierten Plot, er zerrt uns mitten in seinem Roman in die wenigen Luftschutzkeller und lässt uns den großen Feuersturm über Dresden in und zwischen den Zeilen hautnah erleben.

Die Welt versinkt in Schutt und Asche. Während tausende Menschen sterben, kann die Verfolgung eines Serienmörders keine Rolle mehr spielen. Hier brilliert der Dresdner Autor in einer literarischen Hingabe an die Schilderung menschlicher Dramen, die man in der Genreliteratur selten findet. Der Untergang im Untergang steht im Mittelpunkt und Max Heller überlebt das Inferno nicht zufällig. Hier tritt große Plan des Schriftstellers ans Licht. Dieser Kriminalroman ist kein Thriller, der sich zum Selbstzweck degeneriert. Hier zeichnet sich mehr ab.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Das Wesentliche. Der Kern des Seins und die Wahrhaftigkeit des Menschlichen sind die Eckpfeiler im Schreiben von Frank Goldammer. Seinen Max Heller überleben zu sehen bedeutet, eine der größten Perspektivgestalten ihres Genres wie Phoenix aus der Asche zu erheben. Max Heller wird nach dem Feuersturm in eine Welt entlassen, in er nichts mehr so ist wie zuvor. Nach den Nazis folgen sowjetische Besatzer. Auf der Gratwanderung des eigenen Überlebens erlebt er nun den Sturm der Ideologien.

Max Heller bleibt standhaft. Der Kompass ist eingenordet. Mag die Welt auch aus den Fugen geraten, das Magnetfeld sich verändern und das Chaos um sich greifen. Er bleibt er selbst und als das Unfassbare geschieht, wird klar, dass diese Welt ohne Max Heller eine andere wäre. Denn das Morden beginnt erneut. „Der Angstmann“ hat die Vernichtung Dresdens überlebt. Wenn Heller ihm auf der Spur bleiben will, muss er mit den neuen Machthabern kooperieren. Aber nicht um jeden Preis.

Frank Goldammer legt mit „Der Angstmann“ einen furiosen Auftakt einer neuen Krimireihe vor, in der Max Heller unser Lesen erobern wird. In sich geschlossen ist das gesamte Potenzial dieser Figur deutlich erkennbar. Die historische Einordnung ist so gelungen, dass man die Entwicklung eines Polizeiinspektors verfolgen kann, der in seinem beruflichen Umfeld zumeist völlig auf sich allein gestellt ist. Seine Bereitschaft, sich mit der Geschichte zu arrangieren, um seine rechtschaffenen Ziele zu erreichen, ist beispiellos und ebenso beispielgebend.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Frank Goldammers Sprache wird dem Format seines Krimis gerecht. Kurze Sätze, wenig Abschweifungen, gewehrschussartige Wiederholungen und die Dynamik seiner Formulierungen treiben den Leser ohne Atempause durch diesen Roman. Er ist in der Lage, Tempo zu vermitteln, Taubheit und Angst in Luftschutzkellern zu erzeugen und die Angst der Menschen fühlbar zu machen. Der weitere Weg von Max Heller wird sich nie von der deutschen Historie lösen können. Die Turbulenzen in die er geraten wird, liegen auf der Hand und genau hier liegt für den Leser das Potenzial, zu verfolgen, wie er sich diesen Bedingungen stellen wird und kann.

Wer Frank Goldammer kennt, der weiß, mit welcher Leidenschaft er schreibt. Ich bin von diesem Roman nachhaltig gepackt und begeistert. Und nicht nur das. Denn ganz nebenbei gelingt Frank Goldammer auch noch die große Liebeserklärung an eine Stadt, die fast vollständig verschwand, neu erbaut wurde und heute als Elbflorenz aus der Zeit gefallen ist. Er beschreibt die Menschen in Dresden, die alles gaben, als die Flüchtlinge die Stadt fluteten. Alles, obwohl sie nichts hatten. Frank Goldammer bedient in Der Angstmann keine Klischees, sondern grenzt sich und seinen Protagonisten Max Heller deutlich von Ideologien und vergleichbaren Werken des Genres ab.

„Ich erwarte nie etwas, sonst finde ich nur das, was ich finden will“

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Ich war Dresden selten näher als auf den Seiten, die den Untergang dieser Stadt beschrieben. Meine absolute Leseempfehlung nicht nur für diesen Leseherbst. Nein. Auch weit darüber hinaus. Ich werde Frank Goldammer auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen und freue mich schon jetzt auf das Gespräch. Wie es sich gehört, konnten wir den Autor gemeinsam ins Kreuzverhör nehmen, denn Anja von Zwiebelchens Plauderecke ist es doch tatsächlich noch rechtzeitig gelungen, in die Interviewkabine des dtv-Messestandes vorzudringen.

Herzlich willkommen. Wir stellen uns dem Angstmann. Hier geht´s zum Interview.

Der Angstmann - Das Interview mit Frank Goldammer

Der Angstmann – Das Interview mit Frank Goldammer

Der Campus Libris geht fast geschlossen auf die Jagd nach dem „Angstmann“. Der Weg zu allen Rezensionen, die in unserer literarischen Wohngemeinschaft entstehen, ist ganz leicht zu finden. Hier geht´s lang.

Tausend Teufel haben ihn zur Fortsetzung geritten… „Vergessene Seelen“ ließen ihn nicht los, „Roter Rabe“ geht auf Höhenflug und „Juni 53“ ist mehr als nur ein Datum. Frank Goldammer legt nach.

Tausend Teufel von Frank Goldammer