„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog

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Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Jetzt mal ganz langsam mit mir. Ich bin hundemüde und eigentlich gar nicht in der Lage, eine Rezension zu verfassen. Ich habe in den letzten sieben Nächten kein Auge zugemacht, fühle mich wie gerädert und meine Konzentration gleicht der Flatline eines Komapatienten. Fragt jetzt bloß nicht, woran das liegt. Meine Bilder sagen doch genug. Ich habe eine Prinzessin kennengelernt, die über die gleichen Probleme geklagt hat. Es war also nur allzu selbstverständlich, dass ich mich fürsorglich zu ihr gesetzt habe, um ihr ein wenig beizustehen. Hätte ich geahnt, dass ihre mysteriöse Erkrankung für Leser hochansteckend ist, ich hätte mich wohl aus dem literarischen Staub gemacht.

Doch ich konnte Prinzessin Dylia nicht widerstehen und so blieb ich an ihrer Seite. Auch wenn mir noch immer schwindelig ist, hat es sich gelohnt, weil sie mir mehr Kraft gegeben hat, als ich das von einer jungen zamonischen Adeligen erwartet hätte. Schon seit frühester Kindheit leidet sie an der rätselhaften Krankheit, die sie einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Schlaflos in Seattle war gestern. Schlaflos in Zamonien ist heute. Aber wo andere schon lange verzweifelt wären, da schöpft Dylia mit ihrer Kreativität in einer aussichtslosen Situation eine fast schon magisch anmutende Energie, die sie die vielen schlaflosen Nächte überleben lässt. Sie erdenkt sich eine eigene Fantasiewelt, in der sie über ihre Krankheit regiert.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Sie bekämpft die psychische Auszehrung der dauerhaften Schlaflosigkeit mit den Waffen ihres Geistes. Sie erfindet Pfauenwörter, die wie das geflügelte Vorbild nur schön sind, ansonsten aber keine sprachliche Aussagekraft besitzen. Sie benennt alle Mondkrater mit eigenen und unvergleichlichen Namen. Sie taucht ihr Leben in Farben, die einen Regenbogen über allen Problemen entstehen lassen und Dylia nennt sich in dieser Scheinwelt Prinzessin Insomnia. In der Verharmlosung liegt ihre Kraft. Worte gehören zu ihren Herrschaftsinsignien. Und im Wortverdrehen liegt der Zauber, der sie vor plötzlich auftretenden Schmerzen abschottet.

Wer fürchtet sich schon vor Schmopfkerzen oder Grämine, wo zuvor Migräne und Kopfschmerzen rasende Spuren hinterlassen haben? Und sie vergleicht die Symptome ihrer Krankheit mit dem Besuch unliebsamer Verwandter. Sie bewahrt Haltung wenn sie auftauchen und signalisiert freundliches Desinteresse, bis sie wieder verschwinden. Ja, von Dylia Insomnia kann man selbst eine ganze Menge lernen. Spätestens bei meiner nächsten Erkältung werde ich versuchen, den Schmalsherzen offensiver zu begegnen. So verbringt man also seine schlaflosen Hallowachphasen an der Seite eines absoluten Insomnolenzprofis. Alles könnte mit offenen Augen weitergehen, wäre da nicht Wesen, das alles nur noch mehr durcheinander bringt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Es handelt sich um einen alptraumfarbenen Nachtmahr. Richtig gelesen, jedoch gar nicht leicht zu fassen, das Kerlchen. Denn jener Havarius Opal hat es sich in den Kopf gesetzt, sich Prinzessin Dylia in den Kopf zu setzen. Und das im wahrsten Wortsinn. Er ist angetreten, um die Schlaflose endgültig in den Wahnsinn zu treiben. Und was eignet sich hierfür besser als eine gemeinsame Fantasiereise in das Hirn der Prinzessin, die ja eigentlich genügend Probleme an den adeligen Hacken hat? Gemeinsam geht es nun los zu einer Reise, die in der Geschichte Zamoniens unvergessen bleiben wird. Es wird eine Reise zu den zwölf schönsten Ängsten der Prinzessin, zu Irrschatten und Grillos, wir treffen auf Zergesser und Geistgeister, stellen uns den Fragen der Egozetten und zittern heftig, wenn wir an Amygdala denken. Die absolut übelste Hirnregion die man sich nur vorstellen kann.

Über allem steht die Frage, wie die Prinzessin ihren alptraumfarbenen Nachtmahr wieder loswerden kann, bevor sie dem Wahnsinn verfällt. Wird sie sich rechtzeitig von ihm trennen können oder ist er sogar der Schlüssel zur Heilung ihrer Schlaflosigkeit. Diese fantastische Reise durch das adelige Gehirn offenbart nicht nur die sprudelnden Quellen des Denkens, sie deckt auch schonungslos auf, wo aus den kleinsten geistigen Fliegen die monströsen Elefanten des Grübelns entstehen. Ich bin noch immer atemlos und tief in meinen Gedanken gefangen und darf gar nicht darüber nachdenken, wie das Denken eigentlich funktioniert. Kopfzerbrechen. Das ist hier wohl das richtige Wort, das dieser zamonischen Geschichte seinen Stempel aufdrückt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Ja, wir sind zurück in „Zamonien„. Der legendäre Walter Moers entführt uns mit „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ auf eine unglaubliche Reise auf seinen fantastischen Kontinent, den wir schon so oft besuchen durften. Und doch ist es keine einfache Fortsetzung seiner bisherigen Geschichten. Es ist nicht die erhoffte Fortsetzung der Stadt der Träumenden Bücher. Für mich ist es viel mehr, weil Walter Moers aus einer Idee zu einer Kurzgeschichte dieses eigenständige Werk im Orbit seines Schaffens kultiviert hat. Ein auffallend anderes Buch, wenn man sich die bisherigen zamonischen Legenden genauer anschaut. Nicht Walter Moers hat es selbst illustriert. Diesmal ist vieles anders. Und genau das verleiht dieser Geschichte ihre ganz eigene zeitlose Strahlkraft.

Schlaflosigkeit ist ein dominantes Thema in diesen Tagen. Man behandelt sie oft medikamentös oder versucht ihr mit intensiven Therapien auf die Spur zu kommen und warnt vor ihren Folgen. Sie gehört zu den Symptomen schwerer Erkrankungen und wir nehmen Begriffe, wie Schlaflabor und Schlaftabletten doch nur beiläufig wahr. Hier ist Prinzessin Insomnia ein literarischer Weckruf, der deutlich aufzeigt, welche Folgen es für den Betroffenen hat, wenn Nächte durchwacht und Ruhephasen nicht mehr möglich werden. Lydia Rode kann ein Lied davon singen, leidet sie doch selbst an einer bislang unheilbaren Erkrankung. CFS. Chronisches Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom nennt sich ihre Krankheit, die mit andauernder Schlaflosigkeit einhergeht.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Doch Lydia Rode besingt ihre Erkrankung nicht. Sie unterhielt sich mit Walter Moers darüber, inspirierte ihn zu der zamonischen Geschichte, die sie mit Aquarellen und den eigenen faszinierend schönen Eindrücken aus ihrer Welt illustrieren sollte. Diese Bilder sind nun in Prinzessin Insomnia zu bewundern. Und Lydia Rode wird persönlich zur heimlichen Protagonistin eines imposanten Werkes. Der Knaus Verlag hat Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr in der gewohnt zamonisch exquisiten Aufmachung veröffentlicht. Ein grandioser Buchkunstaugengenuss, der seinen Platz in unseren Zamonien-Bücherregalen verdient hat.

Der Hörverlag hat diese Zamonie-Geschichte in aufwendiger Produktion mit der Stimme von Andreas Fröhlich zum Leben erweckt. Seine Interpretation Havarius Opals erinnert an die besten Zeiten eines Stollentrolls, der durch Dirk Bach unsterblich wurde. Hier passt alles. Die Atmosphäre und die sonore Stimme tragen durch das Hirn der Prinzessin. Darüber hinaus kann man einfach hören, wenn man in schlafloser Nacht nicht mehr lesen mag. Und wer denkt, dass diesem Hörbuch die Illustrationen von Lydia Rode fehlen, der sollte sich das aufwendig gestaltete Booklet mal näher anschauen. Ich habe gehört und gelesen. Immer im Wechsel. Schlaflos mit weit aufgerissenen Augen und offenem Herzen. Für mich der wohl intensivste Roman aus der zamonischen Feder von Walter Moers. Seine Botschaft ist heilsam. Vielleicht ja auch für Dylia / Lydia.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Irène Némirovsky – Die Biografie – Ein literarischer Aha-Effekt

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Biografien großer Schriftsteller kommen oft als eher faktisch orientierte Skizzen daher, die es zwar ermöglichen, wichtige Lebensstationen, Daten und Anekdoten des Beschriebenen in den Kontext seines Schaffens zu stellen, ansonsten aber eher blass und wenig konturiert bleiben. Dabei ist es gerade das wahre Leben, das seine tiefen Spuren im Schreiben hinterlässt. Besonders dann, wenn es gilt, das eigene Schaffen wie einen Code im Kampf gegen Unmenschlichkeit zu verwenden.

Irène Némirovsky galt als eine der großen Hoffnungen der europäischen Literatur. Die 1903 in Kiew als Tochter eines jüdischen Bankiers geborene Schriftstellerin wuchs in einem Umfeld auf, das sich nicht gerade durch Nestwärme auszeichnete. Die Eltern hatten andere Interessen, als sich um die Heranwachsende zu kümmern. Der Vater war von seinem Reichtum besessen, ihre Mutter nur davon, das Geld wieder auszugeben. Kindermädchen zogen Iréne groß.

Lebenslang begleitet von antisemitischen Anfeindungen in ihrer Heimat erfolgte die Flucht nach Paris. Die Zwanziger Jahre stellten den Wendepunkt im jungen Leben von Irène Némirovsky dar. Frankreich! Das junge Mädchen, das mit der französischen Sprache aufgewachsen war, französisch dachte und träumte, war endlich am Ziel. Sie begann im Alter von 18 Jahren zu schreiben, heiratete und wurde Mutter zweier Kinder.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Ihr erster Roman „David Goulder“ machte sie mit einem Schlag bekannt. Es folgteDer Ball, der schon ein Jahr nach seinem Erscheinen im Jahr 1931 verfilmt wurde. Eine traumhafte Karriere zeichnete sich ab. Paris lag ihr zu Füßen und ihr Schreiben erreichte immer neue Höhen. Und doch gelang es ihr niemals, sich vom Status der Staatenlosigkeit zu befreien. Sie blieb die „fremde“ jüdische Schriftstellerin, auch als sie 1939 mit ihren beiden Töchtern zum katholischen Glauben konvertierte.

Es war zu spät. Viel zu spät.

Frankreich war nicht mehr das Land, in dem sie sicher war. Die große Liebe ihres Lebens stand schon an der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg und beugte sich bereits dem Druck seiner Besatzer. Begriffe wie Holocaust und Shoa waren noch leere Worte, aber die immer weiter um sich greifende Ausgrenzung jüdischer Künstler vollzog sich nach einem ausgefeilten Plan. Irènes Schreiben veränderte sich. Es wurde gehetzt, sie schien bereits zu ahnen, was bald auf sie und ihre Familie zukommen sollte. Ihre Schrift wurde kleiner, Papiermangel dominierte ihre Arbeit an Manuskripten. Sie war innerlich schon seit der Machtergreifung der Nazis auf der Flucht.

Irène Némirovsky – Die Biografie“ von Olivier Philipponnat, erschienen im Knaus Verlag, widmet sich auf mehr als 500 Seiten dem Leben und Schaffen einer Autorin, deren Lebensweg in die Tumulte der Judenverfolgung in Frankreich mündet. Wenn man nun eine an Fakten orientierte Skizze ihres Lebens erwartet, wenn man denkt, das „Theorem“ einer Autorin, oder eine literaturwissenschaftliche Abhandlung vorzufinden, dann wird man von dieser Biografie aufs Positivste überrascht..

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Olivier Philipponnat öffnet die Tür zur Schatzklammer von Irène Némirovsky sehr behutsam und emotional. Seine Biografie beginnt an jenem Tag, an dem eigentlich alles endet. Er setzt genau dort ein, wo der Schmerz bereits ein Ausmaß erreicht hat, das es unmöglich macht, an ein normales Leben in Harmonie zu glauben. Philipponnat beginnt seine Retrospektive mit dem Tag der Deportation Irène Némirovskys nach Auschwitz.

16. Juli 1942

„Mein Geliebter, meine kleinen Herzliebsten,
ich glaube, daß wir heute abfahren. Mut und Hoffnung.
Ihr seid in meinem Herzen, meine Vielgeliebten.
Möge Gott uns allen helfen.“

Die Angst beginnt die Seele aufzufressen, während wir Zeugen des finalen Kapitels einer Lebensgeschichte werden, die uns fortan nicht mehr loslässt. Hier entfaltet diese Biografie ihre wahre Stärke. Sie geht nicht faktisch vor, sie ist nicht mit reinen Daten überfrachtet. Sie nähert sich dem Menschen Irène Némirovsky in aller Empathie und ergründet dabei Ursachen und Leitmotive für ihr späteres Schreiben.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Es ist, als würden wir eine Insel betreten, von der wir nur die exotischsten Pflanzen kennen. Pflanzen, die in Form von Romanen und Kurzgeschichten begeistert haben, die aber losgelöst von den vielschichtigen Wurzeln einer Interpretation unterlagen, die nur lückenhaft sein konnte. Das Leben in der Ukraine, die Scheinwelt aus Reichtum und das offensichtliche Desinteresse der Eltern für ihre eigene Tochter, ihre Vereinsamung, Krankheiten, Wünsche und Visionen, der erste Kontakt zum Traumbild Frankreich und die allgegenwärtige Angst vor Pogromen stellen die wesentlichen Wegmarkierungen in Irènes Leben dar.

Sie halten Einzug in ihr späteres Schreiben. Nur, wenn man sich darauf einlässt, das Bild dieser Jugend zu betrachten, ist man in der Lage, das Gemälde zu verstehen, das in Frankreich gemalt und niemals vollendet wurde. Nur wenn man dieser Biografie folgt, versteht man die heillose Unrast und Hoffnungslosigkeit der Irène Némirovsky, die mit der Wucht ihrer Sprache gegen ihre Vergangenheit und für die Zukunft ankämpfte.

Worte als Waffen gegen die Mutter. Geschichten zur Bewältigung des Vergangenen. Novellen und Romane, die autobiografischer nicht sein könnten, um zu zeigen, wie das Leben verlaufen kann, wenn ungestillte Sehnsucht das Denken dominiert. Die Pariser Symphonieist die Kollektion von zehn wundervollen Kurzgeschichten, die für mich so sehr diese Sehnsuchtsmomente widerspiegeln. Mein Verständnis dieser Sammlung aus dem Hause Manesse hat sich durch das Lesen dieser Biografie grundlegend verändert.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografievon Olivier Philipponnat hat mir einen neuen und unverzichtbaren Zugang zum Leben und Schaffen einer großen Schriftstellerin eröffnet. Im Lesen dieser emotionalen und absolut fundierten Retrospektive haben sich Kreise geschlossen und neue Lesefelder eröffnet. Auf besondere Einladung von Kristina werde ich Der Ball lesen, die wohl aufrichtige Abrechnung Irénes mit der schillernden Welt einer Bankiersfamilie, die sich in den höchsten Kreisen der Society etablieren möchte. Allerdings ohne die 14-jährige Tochter. Ihre Mutter scheut ihre Konkurrenz.

Zuletzt bleibt ein großer geschlossener Kreis jüdischer Kultur im Frankreich unter der NAZI-Herrschaft. Zuletzt bleiben Schicksale. Das von Irène Némirovsky, die wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Auschwitz völlig entkräftet im Krankenbau verstirbt. Das ihres Ehemannes, der alle Hebel in Bewegung setzt, um seine Frau zu retten und dabei selbst ins Visier der Schergen gerät. Nur kurze Zeit nach ihrem Tod betritt auch er die Rampe des Todes in Auschwitz. Zuletzt bleibt ein Koffer im Besitz der beiden Töchter. Sie überlebten dank der selbstlosen Hilfe mutiger Freunde. Sie bewahrten den Schatz, der Jahre später dazu führte, dass man sich an ihre Mutter erinnerte. Sie bewahrten ein Vermächtnis von dem ihre Mutter sagte:

„Trennt euch niemals von diesem Koffer,
denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“

Sein Inhalt war der unvollendete Roman Suite Francaise. Die äußerst gewagte und für die damalige Zeit lebensgefährliche Beschreibung der französischen Gesellschaft unter dem Joch der Nazi-Diktatur. Erst nach dem Tod ihrer Tochter Elisabeth wurde das Manuskript entdeckt, 2004 veröffentlicht und als literarische Sensation gefeiert. Auch von der jüdischen Künstlerin Charlotte Salomon blieb nur ein Koffer mit ihren Bildern.

Und es bleiben die Worte, mit denen Charlotte ihren Koffer weitergab, bevor sie in Auschwitz vergast wurde. Im fünften Monat schwanger mit ihrem ungeborenen Kind.

„C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.“

Zwei Koffer. Zwei Vermächtnisse. Zwei Opfer des Holocaust. Zwei Frauen, die ihr Frankreich so sehr liebten. Zwei Frauen, die diese Liebe nicht überlebten.

Irène Némirovsky - Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Irène Némirovsky – Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

[Graphic Novel] Der Traum von Olympia – Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Wie anfangen? Wie aufhören? Nicht einfach gerade. Auf der Leipziger Buchmesse war ich mehr als erstaunt darüber, wie viele Romane das Licht der Bücherwelt erblickt hatten, in denen es in fiktionalisierter Form um das Schicksal von Flüchtlingen geht. Ich habe für mich entschieden, dass dies viel zu früh ist, um sich dem sensiblen Thema mit frei erfundenen Protagonisten zu nähern. Allzu gegenwärtig ist das Schicksal der realen Menschen. Allzu weit würde ich in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Romanen den Stimmen die Tür öffnen, die sagen könnten „Alles erfunden!“

Ich habe in der kleinen literarischen Sternwarte unter dem Titel Ich hatte einen Blog in Afrika eine Artikelreihe ins Leben gerufen, die mich aus der Kolonialzeit einer Tania Blixen ganz bewusst bis hin zum Schicksal von Flüchtlingen führen sollte. Ich habe verdeutlicht, mit welchen alltagsrassistisch geprägten Bildern wir diesen Kontinent noch heute sehen. Ich habe versucht klar zu verdeutlichen, dass Europa tiefe Mitschuld daran trägt, dass die von uns erschaffene Dritte Welt sich auf den Weg in ein sicheres Leben macht.

Am Ende der Serie bin ich bei Samia Yusuf Omar angelangt. Die Reportage Sag nicht, dass du Angst hast von Giuseppe Catozzella berichtet in eindringlicher Form vom Schicksal einer jungen somalischen Frau, die nur ein Ziel hat. Die Olympischen Spiele. Als Frau möchte sie für alle Frauen von Somalia laufen. Als Frau möchte sie voller Stolz die Fahne ihres Landes tragen. Aber die radikalislamistische Miliz Miliz Al Shabaab macht alle Hoffnungen zunichte. Muslimische Frauen haben nicht zu laufen. Sportkleidung ist nicht angemessen und wer sich dem widersetzt, wird bedroht. Samia bleibt nur die Flucht, um dieser Bedrohung zu entgehen und ihre Träume zu realisieren.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Fluchtweg von Samia verläuft dramatisch. Schlepperbanden, Erpressung und die entwürdigende Behandlung durch diejenigen, die mit Flüchtlingen Geld verdienen sind die wesentlichen Eckpunkte ihres Leidensweges. Offene Jeeps in der Sahara, die grausame Hilflosigkeit angesichts der absolut ausweglosen Situation und die Hoffnung, am Ende doch im Ziel anzukommen sind nur einige Facetten dieser Erlebniswelt von Samia, die uns sprachlos machen. Giuseppe Catozella hat hervorragend recherchiert und alle Quellen zurate gezogen, die das Schicksal von Samia belegen.

Sie blieb mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Kontakt. Facebook, Skype und wenige Telefonate machten das möglich. Sie war auf das Internet angewiesen, da die Schlepper immer neue Forderungen stellten, um die jeweils nächste Etappe der Flucht bezahlen zu können. Erpressung und Todesangst gingen ständig Hand in Hand. Zuletzt bleibt Samias Bahn bei den Olympischen Spielen in London 2012 leer. Sie hat es nicht geschafft. Ihre Spur endet vor der Küste von Lampedusa. Samia Yusuf Omar ertrank bei dem Versuch, ein Schiff der Küstenwache Italiens zu erreichen.

Kein Wirtschaftsflüchtling. Keine leichtfertige Flucht. Verfolgt, bedroht und in ihrer Rolle als Frau gedemütigt blieb ihr keine andere Wahl. Repressalien gegen ihre Familie wollte sie nicht riskieren. Nur ihren Weg wollte sie gehen. Mit gerade einmal 21 Jahren bezahlte sie mit ihrem jungen Leben. Eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Eine Geschichte, die wahr ist. Eine Geschichte, die keiner Fiktionalisierung oder Erhöhung bedarf.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Eine Geschichte, die uns nur ein Schicksal von Tausenden vor Augen führt und dabei helfen kann, unseren Blickwinkel zu verändern. In diesen Schlauchbooten sitzen zahllose Samias, die an unsere Küsten gelangen wollen. Tausende von Gründen treiben sie an. Jeder so schwerwiegend wie die Lebensgefahr, in die sie sich begeben. Samia. Mein Artikel zur Reportage „Sag nicht, dass du Angst hast“ zeigt viele Hintergründe und Fotos zu dieser Geschichte und auch ein Video von Samia habe ich eingefügt. Ich wollte so gerne, dass dieses Buch möglichst viele Menschen erreicht. Erinnern und das Vergessen verhindern. Das wollte ich.

Als ich dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Pressegespräch bei Carlsen erneut mit Samias Geschichte konfrontiert wurde, war ich zunächst mehr als skeptisch. Eine Graphic Novel unter dem Titel Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“. Ich wurde neugierig, ob es Reinhard Kleist gelungen ist, sich diesem sensiblen Thema in dieser literarischen Form zu nähern und gleichzeitig stellten sich mir die ersten Fragen, ob man das darf, ob man es kann, und letztlich auch, ob es Samia gerecht würde, in einem landläufig als „Comic“ bezeichneten Buch einem eher jugendlichen Publikum präsentiert zu werden. 

Skepsis ist eine sehr gesunde Ausgangshaltung, sich einem Buch zu nähern. Sie schärft die Sinne, macht vorsichtig und verleitet zu sehr aktivem Lesen und Betrachten. Allein das Cover hat diese erste Skepsis schon beseitigt. Nicht reißerisch und mehr als authentisch zeigt es die Läuferin Samia Yusuf Omar, so wie ich sie aus ihren Videos kenne. Die Tartanbahn ist ihr Weg, das Stirnband das letzte Geschenk ihres Vaters, ihr Sportdress sitzt zu labberig und ihr Blick erzählt ihre ganze Geschichte. Und erst der zweite Blick, hier der entscheidende, zeigt die schemenhaft waffenstarrenden Gestalten der Milizionäre, vor denen sie flieht. Gelungen. Mein erster Gedanke.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Tja, und was soll ich sagen? Erst auf Seite 59 dieser Graphic Novel gelingt es mir eine erste Pause einzulegen. Bildgewaltig und extrem überzeugend, authentisch und nah gelingt es dem zeichnenden Autor oder dem schreibenden Zeichner, Bilder in mir zu erzeugen, die ich gut zu kennen glaube. Bilder einer jungen Frau, die in Somalia versucht, ihren Weg zu gehen. Ihren Weg zu laufen – wegzulaufen. Farblos sind die Illustrationen. Voller Respekt und Einfühlungsvermögen zeigen sie, was Worte oft nicht ausdrücken können. Reinhard Kleist erzeugt ein geschlossenes Bild von Samia, indem er tausend Bilder von ihr zeichnet.

Nicht nur Jugendliche fühlen sich hier angesprochen, auch mich selbst packt diese Version des Herangehens an diesen schweren Stoff. Dabei beschränkt sich Reinhard Kleist auf das Wesentliche. Seine Illustrationen ufern nicht aus, sie verlieren Samia nie aus dem Blick und ihre Mimik greift nach der Seele ihres Betrachters. Ehrgeiz, Angst, Hoffnung und pure Verzweiflung angesichts des Unrechts in Somalia werden in Samias Augen greifbar. Die Geschichte ist komplett erzählt, nichts wirkt verkürzt. Die Schlinge der Ereignisse zieht sich spürbar um jedes einzelne Bild.

Und dann greift Reinhard Kleist zu einem literarisch gezeichneten Kunstgriff, den ich persönlich in dieser Form noch nicht erlesen habe. Er integriert das Internet in seine Illustrationen. Jenes Internet, auf das Samia so sehr angewiesen war. Wir sehen ihre Facebook-Timeline mit Einträgen, die es in dieser Form tatsächlich gab, die aber heute gelöscht sind. Kleist rekonstruiert plausibel und lebendig. Es ist als wären wir mit Samia befreundet und würden ihren Posts folgen. Und beim Lesen merken wir, wie sich das junge Mädchen verändert. Sie schreibt über ihr Training, vertraut uns ihre Gefühle an und beginnt von ihrer Flucht zu erzählen. YouTube-Videos sind gezeichneter Teil der Geschichte. Die sozialen Netzwerke hinterlassen einzigartige Bildspuren in der einzigartigen Graphic Novel.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Meine Fragen zur Graphic Novel als literarisches Format sind jetzt beantwortet. Zumindest was Reinhard Kleist betrifft. Ja, er darf das. Ja, er kann das und ja, er muss das tun. Mit seinen kombinierten Stilmitteln erreicht er junge Menschen, denen diese Geschichte ansonsten wohl verborgen bliebe. Er animiert zur eigenen Recherche, lädt ein, seinen gezeichneten Youtube-Videos auf die Spur zu gehen und Samia zu finden. Er gibt vielen Schicksalen ein Gesicht, da es ihm in besonderer Weise gelingt, hier eine Geschichte stellvertretend für die gesichtslosen Opfer zu erzählen.

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar hat als Graphic Novel eine Wucht, die ich dieser Stilrichtung der Literatur so nicht zugetraut hätte. Ich habe die Geschichte von Samia gekannt und trotzdem war ich völlig emotionalisiert von der Art und Weise, in der Reinhard Kleist sie beendet. Das muss man gesehen, muss man selbst gelesen haben. Dieses Ende wird Samia gerecht. So, wie auch die gesamte Graphic Novel ihr gerecht wird.

Reinhard Kleist lässt einen der größten Sportler Somalias zu Wort kommen und entführt uns zum letzten Mal in ein YouTube-Video. Es zeigt Abdi Bile, der eine Rede über sein Land, seinen Sport und eine junge Frau hält, die für diesen Sport und ihre Überzeugung gestorben ist. Wir verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Reinhard Kleist ist es zu verdanken, dass wir trotzdem alles verstehen. Jede Träne. Lest dieses Buch mit euren Kindern und werft dann einen Blick in die Schlauchboote dieser Welt. Ihr werdet einzelne Menschen darin sehen. Keine Masse. Keine Flüchtlinge.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Miriams Geschichtenwolke hat nicht nur eine Rezension zum Buch für euch.Es ist viel mehr als das… Hier geht´s lang Und auch Anja hat in Zwiebelchens Plauderecke besondere Worte gefunden. Das Buch zieht wie auf Bestellung seine Kreise duch den Campus Libris.

Mit einem Klick zur Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“

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Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Artikelserie

„Sag nicht, dass du Angst hast“ – Eine wahre Geschichte

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Ich hatte einen Blog in Afrika. Unter dieser Überschrift startete vor einigen Monaten meine Lesereise in den Dunklen Kontinent, dessen Bilder noch heute vom kolonialen Wahnsinn geprägt sind, den wir Europäer im Wettstreit um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt verursacht haben. Der Kontrast zur romantisch verklärten Welt einer Tania Blixen oder ihrer Zeitgenossin Beryl Markham zu den Ureinwohnern von Kenia könnte schärfer nicht sein.

Eine gehörige Portion Alltagsrassismus schwingt mit, wenn wir zurückblicken und uns die Menschen vor Augen führen, um die es in den Büchern dieser beiden Frauen kaum, oder nur ganz am Rande ging. Der eigene Wohlstand, das eigene unbeschwerte Leben, Luxus und Safaris, sowie die eigenen Träume standen immer im Vordergrund. Dazu brauchte man „Personal“. Und erst wenn die Luft dünner wurde, war man geneigt, sich ein wenig für diese Menschen einzusetzen. Erst dann. Für sie:

Afrikaner. Menschen aus Eritrea, Somalia, Kenia, Simbabwe und Ghana, um nur einige Beispiele zu nennen. Menschen. deren Verarmung europäische Methode war, um einen ganzen Kontinent auszuschlachten. Menschen, die auch heute noch nicht ganz in ihrem Land zuhause sind. Geknechtet, missbraucht, versklavt und oft nur als touristische Dekoration wahrgenommen. Die Rassentrennung lässt immer noch grüßen. Mandela ist tot.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Die Dritte Welt ist schwarz. Auch heute noch. Eine Welt, in der wir unsere Kriege führten und die doch gefälligst dort bleiben soll, wo wir sie fein sauber zurückgelassen haben. Oder eben gar nicht fein sauber. Als globale Müllhalde dient sie noch immer, als Billig-Lohnland allemal und unsere solare Energie können wir auch noch dort gewinnen. Na, geht doch. Ausbeutung geht auch ohne selbst im Land zu sein. Kolonien 2.0.

Und wenn es die Menschen geschafft hatten, sich nach langen Konflikten von ihren weißen „Bwanas und Memsahibs“ zu befreien, dann traf sie auch schon die nächste Keule. Korrupteste Regierungen, Diktatoren mit unstillbarem Machthunger, fehlgeleitete Entwicklungshilfe, Naturkatastrophen oder zu guter Letzt radikal-islamistische Milizen auf dem brutalen Weg zur Festigung ihrer eigenen Absolutheitsansprüche entwickelten auf dem ganzen Kontinent einen Flächenbrand nach dem anderen.

Die Opfer? Zumeist namenlos. In den Medien nur als dunkle Masse zu erahnen. In der ewigen Todesspirale zwischen Armut und Krieg, zwischen religiöser Unterdrückung und Vertreibung gefangen. Und wenn sich genau diese Menschen dazu entschließen, ihre Heimat zu verlassen, werden sie unter der Überschrift „Wirtschaftsflüchtlinge“ genau in den Ländern gebrandmarkt, denen sie ihre Armut zu verdanken haben.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Reiche Wirtschaftsnationen, die ihren eigenen Wohlstand der Ausbeutung Afrikas zu verdanken haben, errichten hohe Mauern um ihren Reichtum. Die Geschichte treibt oft ihre eigenen Stilblüten. Von den Opfern wollen wir erst recht nichts wissen. Und vor der eigenen Haustür wollen wir sie schon gar nicht haben. Das wäre ja noch schöner. Und wenn es unbedingt sein muss, dann sollte es schon bitte das Problem derjenigen sein, die ganz nah dran wohnen. Italien, Lampedusa, Lesbos. Da ist es doch schön sicher.

Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Ein sehr gutes Mantra, solange die Flüchtlinge nicht ins eigene Land strömen. In der Masse erkennt man keine Gesichter. In den absoluten Zahlen gehen Schicksale unter und wenn diese verschwinden, ist es für Mitgefühl zu spät. Sinkende Flüchtlingsboote und ertrinkende Menschen lassen einen kalt. Solange, bis man beginnt, die Geschichten zu erzählen. Bis man diesen Menschen in die Augen schaut und ihnen zuhört. Zumindest denjenigen unter ihnen, die ihre Flucht überlebt haben.

Sag nicht, dass du Angst hast ist eine solche Geschichte. Sie ist wahr. Sie erhebt nicht den Anspruch, für alle Flüchtlinge sprechen zu wollen. Sie verallgemeinert nicht und schwimmt allein schon dadurch gegen den Strom der Pauschalisierung, der allen Flüchtlingen wie eine Welle aus Gift ins Gesicht spritzt. Giuseppe Catozzella hat eine solche Geschichte aufgearbeitet. Er hat in aller Tiefe recherchiert, Verwandte befragt und Spuren gesichtet. Er hat sich einem Mädchen genähert, das wir heute nicht mehr fragen können. Samia Yusuf Omar.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Samia kam 1991 in Somalia zur Welt. Ihr Vater war Gemüsehändler und die Familie lebte, besonders nach dem Tod des Vaters, in ärmsten Verhältnissen. Ausweglos und ohne Perspektive könnte man wohl sagen, nicht jedoch Samia, die über eine besondere Begabung verfügte. Sie konnte so schnell laufen, wie kein zweites junges Mädchen der Stadt. Genau hier sah sie ihre reale Fluchtmöglichkeit. Leichtathletin zu werden und für ihr Land zu laufen. Für die Frauen ihres Landes, denen doch so vieles nicht möglich ist.

Hartes Training, gute Freunde und Förderer ermöglichten ihr die Verwirklichung des Traums ihres Lebens. Den Start bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Alles schien wie ein Traum. Sie war Fahnenträgerin ihres Landes. Sie lief ihre Paradedistanz, die 200 Meter und wurde bejubelt. Allerdings nicht weil sie gewann. Sie war schneller als jemals zuvor und erreichte das Ziel doch nur weit abgeschlagen als Letzte ihres Vorlaufes. Dem Publikum war das nicht egal. Dabeisein ist alles… und dieser Kampf wurde mit Standing Ovations belohnt. (Hier das Video dieses Laufes)

Zu wenig für Samia. Sie wollte gewinnen. Sie wollte zeigen, zu was eine echte Somali in der Lage ist. Sie wollte erneut starten. 2012 – London – das war ihr Ziel. Doch das Land hatte sich sehr verändert. Laufende Frauen? Undenkbar unter dem aufziehenden Machteinfluss der radikal-islamistischen Miliz Al Shabaab. Es folgten Repressalien gegen Samia und ihre Familie. Es folgten vermummte Trainings unter der Burka. Und es wurde immer gefährlicher für eine junge Frau, die doch nur laufen wollte. Für sich selbst und ihr eigenes Land.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Es folgt die Flucht zu Verwandten nach Äthiopien. Es folgt das lange Warten, ob sie zumindest dort starten kann. London rückt näher. Sie muss zuschauen, wenn sich nicht schnell etwas tut. Ihr fehlen Papiere. Ihr fehlt alles. Verzweifelt entschließt sie sich, auf eigene Faust nach Europa zu kommen und vertraut sich Schleppern an. Samia wird zum Teil eines unendlichen Flüchtlingsstroms. Unterstützt nur noch von ihrer Familie und ihrer Schwester, die bereits in Skandinavien lebt. Als sich ihre Spur verliert, beginnt man zu recherchieren. Ihren Weg nachzuzeichnen. Einen Weg, der nicht nur ihrer ist. Es ist der Weg, den so viele Menschen nehmen, die dann völlig entkräftet an unseren Grenzen ankommen.

Giuseppe Catozzella hat diesen Weg in seinem Report „Sag nicht, dass du Angst hast“ nachgezeichnet. Man sollte hart im Nehmen sein, wenn man sich auf ihre Spur begibt. Man sollte leidensfähig sein, wenn man neben ihr auf dem offenen Jeep durch die Sahara fährt. Man sollte die Gefühle unterdrücken können, wenn man die ständigen Erpressungen der Schlepper erlebt. Und man sollte nicht zu nah am Wasser gebaut haben, wenn man vor Lampedusa ankommt. Einer Insel, die Samia niemals erreichte.

London 2012… Ihre Bahn blieb leer.

Nein. Dieses Buch ist kein Buch über alle Flüchtlinge dieser Welt. Nein. Nicht alle Flüchtlinge wollen zu Olympischen Spielen und nein, das ist nicht repräsentativ. Und es ist ja nur eine einzige Geschichte, werden einige sagen.

Verflucht nochmal JA. Es ist eine Geschichte. Es ist die Geschichte eines Traums. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens auf der Flucht vor religiöser Unterdrückung. Es ist nur eine von unzähligen Geschichten, die für Träume stehen. Nicht für Flucht. Sie stehen für Ziele und Möglichkeiten, die uns offen stehen. Träume zeichnen uns aus.

Ich hatte einen Blog in Afrika - AstroLibrium

Ich hatte einen Blog in Afrika – AstroLibrium – Ein Klick führt zur Lesereise

Begleitet Samia nur ein stückweit auf ihrem Weg und blickt den Menschen in den Rettungsbooten in die Augen. Sie sind nicht alle Läufer – wahrlich nicht. Aber sie sind auf der Suche nach ihren Träumen und einem Leben in Sicherheit. Und wir sollten beides nicht verwehren.

Eine zweite literarische Begegnung mit Samia machte mich erneut sprachlos.Der Traum von Olympia, eine Graphic Novel von Reinhard Kleist, Carlsen Verlag, nähert sich ihrer Geschichte auf ganz besondere Art und Weise… Hier weiterlesen.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Diese Rezension steht gegen jede Form der Verallgemeinerung. Sie stellt nur den Versuch dar, ebenso wie das Buch, das Augenmerk auf ein einzelnes Schicksal zu werfen. Ebenso wenig sind das Buch oder mein Artikel intellektuelle Freibriefe für Menschen, die in unserem Land Schutz suchen und die Gastfreundschaft oder Hilfsbereitschaft missbrauchen.

Differenziert möchte ich das kontroverse Thema reflektieren. Nicht vorverurteilen, nicht pauschal freisprechen. Geben wir jenen eine Chance, die es auch ehrlich mit uns meinen. Das ist die Herausforderung für die Zukunft. Das muss eine moderne Gesellschaft leisten können. Wir sind Teil dieser Zukunft.

Schaut Euch doch einfach an, wie diese Zukunft gestaltet werden kann. Yvonne hat diesem Thema auf ihrem LiteraturBlog Lesende Samtpfote ein eigenes Projekt gewidmet.

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